Günnis Reviews

Monat: März 2010

FEUERWASSER – STÜRME DER ZEIT CD

(www.feuerwasserpunk.com)

Zweites, in Eigenproduktion veröffentlichtes Album der Ruhrpottler FEUERWASSER, die mir erstmalig mit ihrem Beitrag zum Slime-Tribut-Sampler „Alle gegen Alle“ aufgefallen sind. Zu melodischem HC-Punk mit starkem Metal-Einfluss irgendwo zwischen späten BOSKOPS, PARANOYA, …BUT ALIVE und DRITTE WAHL werden mitunter recht gute kämpferische, sozialkritische Texte in deutscher Sprache unpeinlich von einem angenehm rauen Organ vorgetragen, die sich im stilvoll gestalteten Booklet nachlesen lassen. Das hat Substanz und wurde auch gut produziert, allerdings klingen mir die Chöre ein wenig zu kraftlos. Ansonsten aber keine verkehrte Scheibe. Wer mit o.g. Bands etwas anfangen kann, sollte hier ruhig mal reinhören! 13 Songs in 36 Minuten. 2-3. Günni

Rocko Schamoni – Dorfpunks / Heinz Strunk – Fleisch ist mein Gemüse

schamoni, rocko - dorfpunksAn Schamonis Buch mochte ich den trockenen Humor, aber auch die für mich sehr gut nachvollziehbare Beschreibung seines Leidens unter der Eingeengtheit in seinem Dorf, in seiner Ausbildung, dass er sich teilweise wie in einem Gefängnis und sich selbst wie ein Fremdkörper vorkam. Und das daraus resultierende totale Schweigen, dieser Tod der Kommunikation zwischen ihm und seiner Mutter. Sehr anschaulich beschrieben und ich konnte einige Parallelen zu meiner eigenen Jugend entdecken. Überhaupt erschien mir das Buch sehr ehrlich, z.B. in Bezug auf Sex und Gewalt. Man hätte so eine Dorfpunk-Geschichte ja mit beidem großartig ausschmücken können, was er meines Erachtens aber nicht tat.

strunk, heinz - fleisch ist mein gemüseUnd bei Strunk war’s eigentlich ähnlich. Er lebte zwar in der Großstadt Hamburg, allerdings in einem sehr niedersächsisch-provinziell geprägten Teil Harburgs, der so gar nichts mit Großstadtambiente zu tun hat. Einer Gegend also, die einerseits kein richtiges Dorf ist, aber auch nicht viel damit zu tun hat, was man normalerweise mit dem Begriff „Stadt“ assoziiert. Winzige Reihenhäuser, schlechtgelaunte Spießer um einen herum, Geisteskranke (zu allem Überfluss auch noch die eigene Mutter), wenig Selbstbewusstsein und keine Ahnung, was man mit sich anfangen soll. Bis man irgendwann einfach einen Scheißjob annimmt, der einen, zeitweise sogar sehr gut, über Wasser hält, aber einen auch immer und immer wieder mit Deppen und Arschlöchern (sowohl Publikum als auch Kollegen) konfrontiert, bis man selbst fast zu so einem blöden Arsch wird. Diese ganze Tristesse, innerhalb derer die Großstadt oder einfach jede andere Art, ihr zu entkommen, unerreichbar weit entfernt zu sein scheint, hat er in einer so eindrucksvollen Mischung aus Komik und Tragik beschrieben, dass bei mir zahlreiche miese Erinnerungen an meine eigene Jugend in einem vergleichbaren Provinznest hochkamen, ich aber auch Genugtuung gefühlt habe, weil er so herrlich mit der ganzen Scheiße abrechnet. Er sitzt zu Hause, friemelt hobbymäßig an seinen eigenen Songs rum, organisiert sogar eine nicht untalentierte Sängerin, hat aber eine Art innere Blockade. Unterbewusst sieht er überhaupt keine Möglichkeit, mit seinem Kram mal an die Öffentlichkeit zu gehen oder überhaupt etwas erstmal richtig fertigzustellen. Als säße er in einer Art kraftzehrenden Käseglocke oder so was. Das kenne ich in abgewandelter Form alles selbst. Und im Allgemeinen fand ich es natürlich auch sehr schön, wie er mit diesen Musikvergewaltigern abrechnet, indem er sie als reine Handwerker und nicht mal als wirkliche Musiker skizziert und bezeichnet. Recht so! Und wer vielleicht meint, Strunk habe bei der Darstellung des Publikums übertrieben oder wäre zu hart gewesen, dem sei gesagt, dass niedersächsische Schützenfest in der Realität noch viel, viel schlimmer sind, als es die affige Band von der Festzeltbühne aus mitbekommt. Das Ende, das letzte Kapitel, fand ich etwas zu versöhnlich, als hätte er Angst vor seiner Courage bekommen und wolle ein Stück zurückrudern. Und eines hätte er wirklich nicht machen sollen: Bruce Springsteen als Dreck zu bezeichnen.

ASHPIPE – WAITING FOR WAVE CD

(www.myspace.com/diffidatirecords) / (www.myspace.com/ashpiperock)

Bei ASHPIPE handelt es sich um eine italienische Band, die Streetpunk mit Folk- und Offbeateinflüssen auf englisch sowie in Landessprache mit zwei Sängern kredenzt und dabei einen recht ordentlichen Eindruck hinterlässt. Läuft ausfallfrei durch, wurde gut produziert und ist musikalisch als gelungen zu bezeichnen. Der Gesang ist oft angenehm rau und dreckig, die Melodien eingängig, ohne zu poppig zu werden. Die Texte, zumindest die englischen, scheinen aber eher zu vernachlässigen zu ein. Wer beiden Sprachen mächtig ist, kann alles im Booklet nachlesen. Wer auf Italo-Oi!/Streetpunk steht, kann bedenkenlos zugreifen. 16 Songs in 48 Minuten. 3. Günni

LAUTSTARK – SPURLOS AUFGETAUCHT CD

(www.7us.de) / (www.lautstark-rockt.de)

Ich dachte schon, es ginge nicht mehr mieser als EGOTRIP, doch weit gefehlt – das gleiche Label hat das Album von LAUTSTARK verbrochen: Auf Radiotauglichkeit getrimmter, deutschsprachiger Emo-Poprock, vorgetragen von drei Milchbubis der Sorte Schwiegermamis Liebling. Das hat nun wirklich so dermaßen überhaupt gar nichts mit Punkrock zu tun, dass ich beim dritten Song, einer ganz fiesen Heulsusennummer, ausgemacht habe und mich weigere, mir diese konstruierte gequirlte Kacke weiter anzuhören. Was soll ein Online-Fanzine wie Crazy United mit sowas?! Booklet mit Texten und pipapo, elf Songs in 36 Minuten. 6. Günni

CERVELLI STANKI – 15 YEARS… OLD TUNES, NEW BLOOD CD

Violax Rec. / (www.myspace.com/cervellistanki)

Warum habe ich von dieser italienischen Band noch nie etwas gehört? Jetzt liegt mir eine Best-Of inkl. einiger neuer Songs vor – und die ist richtig geil! Schneller, druckvoller, treibender Punkrock/Streetpunk mit genialem Alarmgesang, fetten Chören und der richtigen Haltung ggü. Bullen, Faschisten und dem ganzen Gesocks. Aufpeitschender Pogo-Sound vom Feinsten. Mit seinem Clockwork-Orange-Cover erinnert mich das Ganze fast an eine italienische ADICTS-Variante auf Speed, zumindest musikalisch. Tipp! Enthält mit „Frana“ eine Coverversion von ERODE. Im Booklet wurden die italienischen Texte ins Englische übersetzt, allerdings nicht immer ganz fehlerfrei. 15 Songs in 33 Minuten. 2. Günni

EGOTRIP – S/T CD

(www.7us.de) / (www.myspace.com/meinegotrip)

Toto von NEVERMIND hat ein Solo-Album veröffentlicht. Da man mit dieser Nachricht zunächst erst mal niemanden hinterm Ofen hervorlockt, versucht er es anscheinend mit einer nackten Ollen auf dem Cover, während sein Label diese Scheißplatte versucht, mit „Fuldas Antwort auf Bela B.“ schönzureden. Hochgradig nervender, aalglatter Poprock mit schmalzigen Texten, zusammengesetzt aus sich wiederholenden Phrasen aus dem Liebeskummer-Songbaukasten. Unglaubwürdiger, weinerlicher Schrott von jemandem, der gerne wie die ÄRZTE mit ihren Schnulzen klingen würde, aber zu keiner Sekunde deren Witz, Charme oder sonst irgendetwas erreicht. Obwohl, ich hab schon lange kein aktuelles ÄRZTE-Album mehr gehört, vielleicht klingen die mittlerweile ja genauso. Pseudoeinfühlsame Texte, durch die man versucht, sich an kleine Bravo-Mädels ranzumachen. Ekelhaft. Zur üblichen Instrumentierung gesellen sich hier dann und wann Klavier, Synthesizer und Xylophon, was ich aber nur der Vollständigkeit halber erwähne. Zur Aufmachung kann ich weiter nichts sagen, da mir nur eine Vorab-CD im Pappschuber vorliegt. Neun Songs + Intro + zwei instrumentale Klavierlangweiler als Bonus-Songs (was soll das?!) in 46 verschwendeten Minuten. 5. Günni

FEINE SAHNE FISCHFILET – BACKSTAGE MIT FREUNDEN CD

(www.myspace.com/diffidatirecords) / (www.myspace.com/feinesahnefischfilet)

Ska-Punk aus Meck-Pomm, allerdings nicht die kirmeskompatible Everybody’s-Darling-Variante, sondern die dreckige aus dem Plattenbaukeller. Bodenständige, Authentizität versprühende Straßenpunkplatte, nicht abgehoben-elitär, aber auch nicht stumpf oder doof. Also genau richtig. Die ersten beiden Songs kommen dann auch noch gänzlich ohne Offbeat-Einlagen aus, Songs Nummer drei, „Ostrava“, eine umgetextete Coverversion von ACHIM REICHELs „Aloha Heja He“, läutet den Ska-Einfluss ein. Aber auch zwischendurch gibt es immer mal wieder den einen oder anderen reinrassigen HC-Punksong. Die Texte sind sowohl persönlicher als auch systemkritischer Natur, dabei immer kämpferisch und auf den richtigen Standpunkten stehend. Die räudige Produktion rundet diese Platte ab, die ursprünglich schon vor über einem Jahr erschien und aufgrund der Nachfrage nun noch einmal als Cheapo-Variante im Pappschuber veröffentlicht wurde. Einziger Ausfall ist meines Erachtens „Meine Cora“, ein alberner Song über ein trauriges Thema, nämlich den Verlust eines geliebten Hundes. Zehn Songs + eine gesprochene, offensichtlich nicht ganz ernst gemeinte Grußliste als Outro in 33 Minuten. 3+. Günni

PLASTIC BOMB #70

(www.plastic-bomb.de)

Und wieder platzt eine Bombe in der selbigen: Nach Atakeks verkündet nun auch Herausgeber Swen Bock seinen Ausstieg, weil er nicht schwul sein möchte (oder so). Dafür wurde Ronja mehr Verantwortung übertragen. Micha macht auf „Raab in Gefahr“ und berichtet von einem „Blind Date“ in einem Dunkelrestaurant sowie einem Besuch bei einer Thai-Masseurin und interviewt GOVERNMENT WARNING (steht kein Name des Fragestellers bei, ist also nur geraten, dafür wurden aber sinnloserweise die Fragen durchgestrichen…?), Helge schreibt vom bevorstehenden Fanziner-Treffen in Wermelskirchen und interviewt die Bands TELEMARK (kenne ich nicht) und M.D.C. (Dave scheint ein sehr lockerer und sympathischer Typ zu sein). Weil Ronja jetzt auch Swens Arbeit mitmachen muss, ließ sie ihr Vorwort amüsanterweise „ghostwriten“ – vermutlich, während sie Lizal von den bayrischen DORKS ausquetschte. Gibt es für die „Herstory Of Punk“-Rubrik keine Kandidatinnen mehr, so dass jetzt schon auf Bands zurückgegriffen werden muss, deren Tonträger im gleichen Heft verrissen werden und der Bandname auch noch falsch geschrieben wird? Neu dabei ist Jan, der das geniale „Grauzon-o-meter“ vorstellt, das aber leider im wieder immens großen Review-Bereich noch keine Verwendung fand. Basti gibt von oben herab, dadurch aber auch erheiternd einen Bericht über das „Punk im Pott“-Publikum zum Besten und gereicht in seinen „Geschichten aus der Gruft“ diesmal Emperor Norton I., dem ersten und einzigen Kaiser der USA und Schutzherrn von Mexiko, zu später Ehre. Latti interviewt Jim Rakete von „Abgefuckt liebt dich“ und liefert dadurch interessante Hintergrundinfos zutage. Sehr ausführlich und gelungen, auch wenn ich persönlich das Portal in erster Linie für Kinderkacke halte. Häktor interviewt AUTOZYNIK und irgendwer führt ein Dualgespräch mit DISTEMPER und MOSKOVSKAYA und möchte dabei zurecht wohl lieber anonym bleiben, denn in gefühlt jedem gottverdammten Fanzine dieser Welt werde ich mit den skankenden Russen konfrontiert. Es reicht langsam wirklich, lasst euch mal lieber etwas Neues einfallen. Dirk war mit den sympathischen Schotten OI POLLOI auf Tour und führte ein Tourtagebuch, das sich sehr kurzweilig liest. Vascos „wunderbare Welt der Propaganda“ fällt diesmal leider aus, statt dessen gibt’s ein Gewinnspiel. Dafür ist aber, wie auch in der vorausgegangen Ausgabe, endlich wieder Chris Scholz mit seiner herrlich sarkastischen Kolumne dabei. Exotisch wird’s im Gespräch mit dem Punk Timur aus Aserbaidschan, das ich mir aus Zeitgründen aber noch nicht durchlesen konnte. Endlich wurde auch der zweite Teil des Interviews mit dem Kolumbianer Marco vom CNA abgedruckt, das bereits in Heft Nr. 67 begonnen wurde. Auch hier verhinderten Zeitgründe bis jetzt, dass ich es mir durchlesen hätte können, sorry. Toxo liefert eine atmosphärische, düstere Kurzgeschichte und stellt die veganen Köche „Krisenherd“ vor. Wer das Interview mit den PESTPOCKEN führte, ist glaube ich nicht überliefert; es liest sich jedenfalls gut, bleibt aber für meinen Geschmack etwas oberflächlich. Im „Anders leben“-Teil dreht sich diesmal alles um homosexuelle Punks, wobei die direkten Gespräche mit schwulen Punks am interessantesten sind. Negativ hingegen fällt aus, wenn einer Organisation wie H.A.R.M., die laut PB Standpunkte vertritt wie „Schwule sind grundsätzlich gut“ und Nichtschwule auszugrenzen versucht, in diesem Zusammenhang nicht deutlich genug eine Absage erteilt wird. Denn wer in Guido Westerwelle irgendetwas Positives sieht, wird zu meinem persönlichen Feind erklärt. Zusammen mit den üblichen Rubriken wie Stanley Heads Ska-Ecke, Plattenverrissen, Klein- und Kontaktanzeigen, reichlich Neuigkeiten und Terminen etc. ergibt sich erneut eine durchaus interessante Ausgabe, die dennoch wie bereits seit einiger Zeit leider üblich wie ein eher unpersönliches Flickwerk unterschiedlicher Leute wirkt. Als negativ empfinde ich auch, dass anscheinend noch immer niemand die Artikel lektoriert, bevor sie in den Druck gehen, was man meines Erachtens von einem schon lange nicht mehr nur als Hobby betriebenem Magazin auf Billigstpapier für 3,50 Taler schon erwarten können sollte. Kommt wie immer mit „Pay-to-play“-CD. Günni

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