Günnis Reviews

Monat: Oktober 2013

09.10.2013, Hafenklang, Hamburg: D.O.A. + DRUGSTOP

d.o.a.D.O.A. auf Abschiedstour? Stimmt, da war ja was… Also spontan am Mittwochabend direkt nach der Maloche zum Hamburger Hafenklang, um Abschied zu nehmen von Joey Shithead und seinen beiden Mistreitern. Ich war ja nie so der große D.O.A.-Fan, hab das erste Album und ‘ne EP (zugegeben, beides zusammen auf einer CD) hier und das war’s. Diese Scheibe gefällt mir jedoch echt gut und natürlich weiß ich um den Status der Band, die immerhin eine der ersten Punkbands Kanadas war, die Entwicklung des Hardcore-Punks mit vorangetrieben hat und Joey Shithead unermüdlich der Szene treu blieb, satte 35 Jahre und 14 Studioalben lang. Was ich zwischendurch mal so auf Samplern an aktuellerem D.O.A.-Material gehört hatte, wusste durchaus zu gefallen und so machte ich mir um den musikalischen Aspekt des Abends wenig Sorgen. Angenehmerweise relativ pünktlich begann das deutsche Trio von DRUGSTOP, das ein überraschend arschtretendes Set auf die Bretter legte und eine originelle Mischung aus ’77- und Hardcore-Punk darbot, inkl. RAMONES-Cover. War richtig gut, kam auch gut an und würd ich irgendwann gern noch mal live sehen. D.O.A. schließlich haben das Hafenklang dann fast rappelvoll gemacht und starteten ihren energiegeladenen, bestens aufeinander eingespielten Auftritt, ebenfalls in Trio-Form und insbesondere vor dem Hintergrund des Alters ihres Frontmanns verdammt respekteinflößend. Der gute Joey war fit wie’n Turnschuh, agiler und ausdauernder als manch nur halb so Alter aus dem Publikum und trat wie zum Beweis seiner Form immer wieder derart hoch in die Luft, dass manch anderer Sehnenrisse erlitten hätte. Und man spielte wirklich lange! Mit einem ersten Zugabeblock hatte man ja ohnehin gerechnet, mit einem zweiten nicht mehr unbedingt und beide umfassten weit mehr als nur einen Song. D.O.A. wollten gar nicht mehr aufhören! Genau sagen, von welchen Veröffentlichungen nun welcher Song stammte, kann ich natürlich nicht, aber besonders die vielen kleinen Hits, die im Refrain zum Mitsingen einluden, liefen schon beim ersten Hören gut rein. Das Publikum brauchte etwas, um aufzutauen, aber gegen Ende schwang dann doch endlich der eine oder andere das Tanzbein. Nun ist das, was D.O.A. da spielen, aus heutiger Sicht sicherlich nur noch schwer als Hardcore-Punk mit Betonung auf den ersten beiden Silben erkennbar – heutzutage würde das eher als ruppiger Punkrock durchgehen. Geblieben sind aber in jedem Falle Attitüde und Authentizität auf eine völlig unpeinliche Weise und ich bin verdammt froh, die Band wenigstens auf ihrer Abschiedstour dann doch endlich einmal live gesehen zu haben. Alles Gute, Joey!

27.09.2013, Honigfabrik, Hamburg: HAMBURGER ABSCHAUM + LEFT CULTURE + MORBUS DOWN + CRASS DEFECTED CHARACTER + NEWS AT 11 + OHIPKO

hamburger abschaum + left culture + morbus down + crass defected character + news at 11 + ohipko @honigfabrik, hamburg, 27.09.2013Wieder ein superbilliges Punk-Konzert im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, bei drei lumpigen Euro für sechs Bands kann man nun wirklich mal so überhaupt nix sagen. Mit Kumpel Stulle war ich verabredet, um uns vorsätzlich zu betrinken und uns die Bands anzuschauen. In der noblen Honigfabrik, die natürlich viel mehr Platz bot, als wirklich genutzt wurde, machten CRASS DEFECTED CHARACTER den Anfang mit sympathischem, engagiertem Nachwuchs-Punk, sorgten LEFT CULTURE für eine zünftige Berliner Punk-Attacke und entpuppten sich als Hammer-Liveband und sorgte der HAMBURGER ABSCHAUM einmal mehr für hanseatisches Bühnen-Entertainment mit reichlich Asi-Charme, wenn auch der Alkohol seinen Tribut zollte und gegen Ende des Sets nicht mehr alles wie geplant lief. Aufgrund jener Substanz muss auch ich einige Abstriche machen und kann mich an die korrekte Reihenfolge der Bands nicht mehr wirklich erinnern. Ich weiß aber noch, dass MORBUS DOWN mit ihrem aggressiven Hard-/Grindcore es mir an diesem Abend ganz besonders angetan hatten, eine der zwei noch übrigen Bands (fragt nicht, welche…) allerdings weniger, denn da kam seltsamer Post-HC mit ‘ner Mischung aus Schrei- und Clean-Gesang, mit dem man mich jagen kann. Aufgrund einiger bekannter Gesichter im Publikum und der MOTÖRHEAD-Beschallung im Barbereich konnte man sich die Zeit jedoch auch prima anders vertreiben. Von der letzten Band hab ich glaub ich nichts mehr mitbekommen, dafür jedoch manch merkwürdiger Konversation gelauscht und mit dem einen oder anderen fragwürdigen Zeitgenossen nicht nur freundliche Gespräche geführt. Wie bei meinem letzten Besuch waren hier doch wieder ein paar komische Leute anwesend, aber der Alkohol floss halt auch wieder in Strömen – besonders bei einem Konzert, das locker über fünf, sechs Stunden ging, und da sinkt das Niveau halt irgendwann zwangsläufig so’n bischn. Alles in allem wieder ‘ne ganz feine Sache, die da auf der Elbinsel geboten wurde, und ich wünsche den Veranstaltern, dass sie kein demotivierendes Minus gemacht haben.

07.09.2013, Höllerhof, Bielefeld: HAMBURGER ABSCHAUM + 5 DOSEN GUTE LAUNE + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

hillewood sommerfest 2013, bielefeldOptimistisch zeigte man sich in Bielefeld, als man das Sommerfest des Höllerhof-Wohnprojekts mit seinem zur Punk-WG umfunktionierten alten Bauernhaus und den Bauwagen auf dem opulenten Gelände auf das erste September-Wochenende datierte. Doch man befand sich eindeutig auf der Siegerseite, denn tatsächlich handelte es sich um das letzte pottenwarme Wochenende des Jahres, das mit spätsommerlichen Temperaturen zu diesem eigentlich zweitägigen Open Air einlud. Am Tag zuvor spielten bereits satte fünf Bands, u.a. PROPAGANDA NETWORK, die ich sehr gerne einmal live gesehen hätte, doch waren wir mit den MOTHERFUCKERS für den zweiten Tag eingeladen und war es uns am Freitag schlicht nicht möglich, bereits zu party-zipieren. Die Hinfahrt erwies sich als ebenso unkompliziert wie unspektakulär, mit der Bahn ging’s in die Hauptstadt der Bielefeld-Verschwörung. Dort angekommen lernte man während einer Bierrast direkt weitere Festivalbesucher kennen und wir waren schließlich sogar in der Lage, uns per Straßenbahn ein gutes Stück zu nähern, bevor es per Bus die letzten Meter zum am Stadtrand gelegenen Gelände zurückzulegen galt. Zwischenzeitlich sprangen dann Bewohner des Höllerhofs auf und geleiteten uns sicher zum Ziel. Dort angekommen war dann erst einmal alles so, wie man es sich als Band wünscht: Sofort wurde uns das Geld für Hin- und Rückfahrt in voller Höhe in die Hand gedrückt, es gab Speis und Trank und sehr ordentliche Pennplätze – besten Dank! Zu meiner Überraschung befand sich bereits einiges an berüchtigtem Hamburger Pöbel vor Ort, so dass es zudem noch ein halbes Heimspiel werden sollte. Wir machten dann schließlich den Anfang, der sich jedoch etwas verzögerte, da offensichtlich bislang unbemerkt am Tag zuvor die Bassdrum so sehr durchgeprügelt wurde, dass es das Fell komplett zerschossen hatte. Das Beschaffen von Ersatz hat leider nicht funktioniert und so galt es, das Fell notdürftig mit Gaffa zu flicken. Auch der Basssound wollte ein wenig improvisieren werden, dessen Umleitung über die Gesangsanlage erwies sich aber als einwandfreie Lösung. Mike, der seinen ersten Gig an der zweiten Gitarre bei uns spielen sollte, fachsimpelte viel mit dem gut aufgelegten Soundmann vor Ort und so bekam man mit vereinten Kräften das Kind geschaukelt. Der Gig selbst ging dann nach bester MOTHERFUCKERS-Manier über die Bühne, kam anscheinend ganz gut an und bis auf einen völlig versemmelten „Montag, der 13.“-Anfang gab’s auch keine gröberen Aussetzer zu vermelden. 5 DOSEN GUTE LAUNE anschließend war ’ne noch sehr junge Schrammelband, die sichtlich Spaß an dem hatte, was sie tat, wozu auch eine sehr eigenwillige, doch originelle Coverversion von „The Lions Sleeps Tonight“, anscheinend umgetextet auf einen örtlichen Neonazi, gehörte. Andererseits lud dieser Gig aber auch dazu ein, sich thematisch passend der Trash-Tomboloa zu widmen und sich dabei einen frisch gemixten Cocktail ins Resthirn zu schrauben. Ich gewann erfreulicherweise ein Lustiges Taschenbuch, während DMF-Bassist Stef eine Art Esoterik-Lektüre mit einer Vielzahl von Lebensweisheiten abstaubte, aus der er den restlichen Abend unablässig zitieren sollte – sehr zum Leidwesen aller anderen. Für DMF-Drummer Chrischan alias Dr. Tentakel wurde die Sause wieder zu einer Doppelbelastung, sitzt er doch auch beim HAMBURGER ABSCHAUM hinter der Schießbude und hatte mit ihm sogar am Tag zuvor schon einen Gig in Hannover. Doch wie üblich merkte man ihm davon überhaupt nichts an, generell präsentierte sich der vereinte ABSCHAUM frisch und frivol und trug Hamburger Lokalkolorit und Asitum in die weite Welt hinaus – mitsamt Kettensäge und Bierbauch-Show. Die Stimmung war auf ihrem Höhepunkt angelangt, mich sah man nur noch fröhlich vor der Bühne rumspringen und Hamburger Weisen skandieren, bis man anschließend am Lagerfeuer den Abend bei mehr oder weniger gehaltvollen Gesprächen ausklingen ließ. Astreine Party, handverlesenes, sympathisches Publikum und 1a-Gastfreundschaft – da kommt man doch gerne mal wieder, dann auch mit zwei, drei Songs mehr im Gepäck! Über die Rückfahrt am nächsten Tag mit Stinkor alias Lord Stinkeschuh schweige ich mich an dieser Stelle besser aus…

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