
„Endlich“ haben HAMBURGER ABSCHAUM ihr erstes Album fertig und auf dem Markt und passenderweise ist „Endlich“ auch der Titel des guten Stücks, anlässlich dessen Veröffentlichung man auf dem heimischen Rondenbarg in die große Halle lud, um zusammen mit den Herren von LABSKAUS und KAOS KABELJAU dieses Weltereignis feierlich zu begehen. In der großen Halle ist auch immer dann noch genügend Platz, wenn für ein Konzert auf einem etwas abgelegenen Bauwagenplatz eine beträchtliche Anzahl Besucher gekommen ist, so wie an besagtem Abend – wenn auch viele, die ihr Erscheinen avisiert hatten, dann doch nicht erschienen waren (typisches Hamburger Phänomen), dafür aber viele von außerhalb den Weg auf sich genommen hatten. Die Stimmung war prächtig und die zum Trio geschrumpften KAOS KABELJAU machten den Anfang. Der Sound in der Halle war vom Feinsten und hatte wie üblich ordentlich Wumms, während die Fischköppe mit ihrem deutschsprachigen Hardcore-Punk ein ordentliches Brett ablieferten. Nach der Umbauphase konnte ich endlich wieder einmal die Chaotentruppe LABSKAUS erleben, die mit einer äußerst engagiert vorgetragenen Mischung aus motörheadigem Schweinerock und aggressivem Hardcore-Punk das Gebrüll Matzes begleiteten, der oberkörperfrei eine Schimpftirade nach der anderen abließ, soweit man die Texte verstehen konnte. Holzhammer-Punk der sehr unterhaltsamen Sorte, der nicht wenige zum Tanzen animierte. Zitat aus dem Publikum: „Was’n das für’n Gedudel?“ – „Keine Ahnung, aber ich hab Bock auf Pogo!“ Als Band weiß man in solchen Momenten, dass man mehr richtig als falsch macht. Schönes Ding, zu dem sich auch sehr gut trinken lässt. Mein Kumpel Stulle, der zum ersten Mal auf dem Rondenbarg zu Gast war, quatschte und pöbelte seit seiner Ankunft unablässig sämtliche Leute voll, gab sich überrascht, wie viele Besucher noch fast alle Zähne im Mund hatte und ließ keine Gelegenheit aus, um bühnenreif aufzufallen. Der Rondenbarg und seine Gäste nahmen’s so, wie’s gemeint war, nämlich mit Humor und nicht nur ich hab mich königlich amüsiert. Zitat von unbekannt während einer Kicker-Partie Stulles: „Fußballerisch naja, aber gepöbelt wird hier auf Weltniveau!“ Weltniveau erreichte schließlich selbstverständlich auch der Auftritt des HAMBURGER ABSCHAUMS, der quasi alles bot, was man von der Band erwartet: Eingängige, textlich oft augenzwinkernde Hits noch und nöcher, eine exaltierte Bühnenshow, Kettensägeneinsatz und am Ende die eine oder andere Zugabe. Auch spieltechnisch gab’s diesmal nix zu mäkeln, das lief alles soweit rund und hat mal wieder Spaß gemacht, wenn ich persönlich diesmal auch nicht gut angetrunken in der ersten Reihe umhersprang, sondern beim genüsslichen Bierchennippen entspannt das Entertainment genoss. Feine Sache, das, und das Publikum sah’s genauso. Als unverlangte Zugabe setzte Stulle seine Show fort und während nicht nur der harte Kern tapfer weiter feierte und trank, kletterte dieser auf dem Tresen herum, versuchte sich in Fremdsprachen, stimmte HSV-Gesänge an und drohte „Ist voll geil hier, ich komm jetzt jedes Wochenende!“ …bevor nach einem letzten Absacker in seiner Kiezbude auch für mich der „Abend“ zu weit fortgeschrittener Stunde endete. War einmal mehr ‘ne gelungene Party, zu der alle Beteiligten ihren Teil spitzenmäßig beigetragen haben!

Sängerin Aga verschlägt es für einige Zeit ins Ausland, bis zu ihrer Rückkehr liegt die Band VIOLENT INSTINCT auf Eis. Soweit die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht lautete, dass man aus diesem Anlass ein Gratis-Abschiedskonzert im „Tippel 2“ auf dem Kiez geben würde. Ich hatte keine Ahnung, was das für ein Laden sein sollte und tippte auf irgendeine Eckkneipe. Außerdem wusste ich von anderen Läden, dass man gern mal eine völlig unrealistische Anfangszeit auf die Flyer schreibt, damit der Mob möglichst früh antanzt und Getränkeumsatz beschert, bis es dann zwei Stunden später wirklich losgeht. „Eile mit Weile“, dachte ich mir insofern und schlug zusammen mit Kai erst recht spät vorm „Tippel 2“ auf – was sich als Fehler erweisen sollte, denn das Konzert war tatsächlich pünktlich gestartet, um 22:00 Uhr musste schon wieder Schluss sein! Während ich draußen hastig mein Bier austrank, vernahm ich die DIMPLE-MINDS-Coverversion „Durstige Männer“ und prompt trabte die Polizei an, um Geräuschlevel und geplantes Konzertende zu klären, weil sich bereits Anwohner über den „Krach“ beschwert hatten – zieht gefälligst woanders hin, ihr Spacken! Dat is Kiez, dat raffste nie! Jedenfalls gab es nichts zu beanstanden und so stürzten auch wir uns in Gewühl der engen Kneipe bzw. schlugen uns bis nach vorne durch. Die Band war bereits bei den Zugaben, bei „Solidarity“ durfte ich bischn mitträllern, die Stimmung war gut, an Pogo jedoch war im beengten Wohnzimmerkneipenambiente nicht zu denken. Einige bekannte Gesichter, einige unbekannte, Besuch von außerhalb (Moin Ätzer!) und eine spielfreudige Band, die sich noch die eine oder andere Zugabe aus den Rippen leiern ließ. Das Mikro von Gitarrero Dennis schien seinen Dienst nicht so recht zu verrichten, ansonsten war der Sound aber gut. Dat Schlachzeuchtier gab wieder mal alles und lieferte ‘ne astreine Show. Und als die Band längst mit ihrem Equipment über alle Berge war (teilweise musste gruseligerweise am nächsten Tag gearbeitet werden), machten wir uns es noch am Tresen gemütlich. Das „Tippel 2“ entpuppte sich als alter Szeneladen und guter Tipp für subkulturelle Kneipengänger: Arbeiterfreundliche Getränkepreise, nettes Personal und eine gemischte Musikbox, deren Repertoire von Oldies bis hin zu aktuellem Oi!-Punk reicht, machten den Aufenthalt bzw. Ausklang dieses freundschaftlichen Abends äußerst angenehm, wenn man (= ich) auch mit fortschreitender Uhrzeit immer mehr Blödsinn verzapfte. Ich hoffe, dass VIOLENT INSTINCT unmittelbar nach Agas Rückkehr wieder voll durchstarten mit ihren niveauvollen, klischeearmen Streetpunk mit Köpfchen und hab mir vorgenommen, dann auch mal pünktlich zu erscheinen, ähem.
Endlich hatte es geklappt und die Hamburger Oi!-Punk-Hoffnung IN VINO VERITAS sollte im Skorbut auftreten, als zweite Band hatte man uns mit BOLANOW BRAWL auserkoren – einer zünftigen Party sollte also nichts mehr im Wege stehen: Außer der Alkohol, wie sich herausstellen sollte. Doch der Reihe nach: Bereits morgens fanden wir uns bei Andy Unemployed ein, um unsere Studioaufnahmen fortzusetzen. Bereits da hatte manch einer zu Blech- und Glaskannen alkoholhaltigen Inhalts gegriffen, trotzdem lief bis hierhin noch alles ok – wenn sich auch das punktgenaue Einspielen mehrerer Gitarren als eine gewisse Herausforderung herausgestellt hatte. Mehr oder weniger pünktlich fand man sich am frühen Abend im Skorbut ein, um alles aufzubauen und vorzubereiten. Das eine oder andere Bierchen war dabei und vom wie üblich eigens für den Gig besorgten Bolanow wurde ebenfalls genascht. Gegen 22:00 Uhr war der Laden für ein Konzert zweier Nachwuchsbands mehr als ordentlich gefüllt und IN VINO VERITAS, die sich nicht hatten lumpen lassen und gratis ihre neue Demo-CD samt Button und Aufkleber verteilten, legten den bis dato besten Gig aufs Parkett, den ich bisher von ihnen gesehen hatte. Das Publikum schien zu diesem Zeitpunkt bereits ungewöhnlich stark alkoholisiert, was jedoch erfreulicherweise dazu führte, dass sich eine euphorische Stimmung entwickelte und manch einer begeistert das Tanzbein zu den rauen Klängen der räudigen Hamburger schwang. Der Auftritt schien völlig pannenfrei abzulaufen und die gute Stimmung schlug sich auf die Band nieder – Frontmann Laddes Beleidigungen des Publikums gehören zum Konzept und „guten Ton“ –, man spielte sich förmlich in einen Rausch und setzte immer noch einen drauf. Sehr amtlich, Jungs, Prospekt! Dann kamen wir an die Reihe… ein Bierchen hatten meine Mitstreiter quasi ständig in der Hand und die beiden Bolanow-Buddeln wiesen mittlerweile eine bedrohlich niedrige Füllhöhe auf. Dass diese eigentlich dazu gedacht waren, sie während des Auftritts ins Publikum zu reichen, war anscheinend völlig in Vergessenheit geraten. Da man spätestens um Punkt Mitternacht Schluss mit Livemucke machen musste, brach Hektik aus. Zunächst rannten alle durcheinander, fanden sich dann nach und nach auf der Bühne ein; ein kurzer Soundcheck der Gitarren wurde absolviert und direkt zum Angriff geblasen. Es kam, wie es kommen musste: Mit Beginn des ersten Songs der unvernünftigerweise kurz vorm Konzert umgeschriebenen Setlist waren furchtbare Rückkopplungen auf der Bühne lauter als unser Sound. Abbruch, hier und da rumdrehen und nachjustieren und noch mal von vorn. Doch mit Einsatz meines Gesangs blieb dieser unhörbar, denn es gab massive Probleme mit den Mikros. Meines war schlichtweg aus, es wurden chaotisch Kabel und Mikros durchgetauscht, doch ohne Erfolg: Auch beim dritten Anlauf blieb ich stumm, obwohl ich mir die Kehle aus dem Leib grölte. Doch nach ein paar Versen wurde anscheinend endlich das Problem lokalisiert und war ich zu hören. Zu hören war auch die Leadgitarre bzw. das, was von ihr übrig war, und das war nicht viel: Im Endeffekt war sie ein alkoholbedingter Totalausfall, gegen den es auch nicht half, dass Gitarrero Ole sich nach jedem Song eine Nachstimmpause erbat. So etwas wie ein „Flow“ blieb völlig aus, doch den mittlerweile ebenfalls gnadenlos besoffenen Mob vor der Bühne interessierte das herzlich wenig, fleißig wurde getanzt, doch nicht nur das: Warum auch immer hatte man diverse Blumenvasen samt floristischer Inhalte in der Kellerpinte positioniert, mit der Folge, dass uns die Blumen um die Ohren flogen wie auf einem Klischee-Hippie-Konzert. Die Erste-Reihe-Tanzbären Kai (DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS) und Holli (HAMBURGER ABSCHAUM) entpuppten sich zudem als penetrante Groupies, die keine Gelegenheit ausließen, mich zu befummeln. Vom ganzen Kabelwirrwarr auf der besonders als Fünf-Mann-Kombo verdammt engen Bühne waren etliche offene Bierflaschen umgekippt und ergossen sich in riesigen Bier-Matsch-Dreck-Lachen auf den Brettern und im allgemeinen Chaos versuchte ich tapfer, mich auf die Texte zu konzentrieren und gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Zwischen den Songs schien sich das Chaos stets zu vergrößern, zwischendurch war Oles Gitarre ausgegangen und ich musste ihm helfen, sie wieder einzuschalten, während munter durcheinandergeplappert wurde und beinahe jeder längst eine Art Tunnelblick eingenommen zu haben schien, der verhinderte, die völlig aus den Fugen geratene Gesamtsituation als solche zu begreifen. Locker drei Fünftel der Band waren betrunkener, als es noch vertretbar gewesen wäre; auch mich verließ es irgendwann und eine Strophe von „All I Have To Give“ wurde zu einem simplen „La la la…“. Der Bühnensound war längst so verquer, dass man kaum noch etwas differenziert heraushören konnte und eigentlich hätte nur noch gefehlt, dass jemand ins Equipment stürzt und sich die Knochen bricht oder die Technik zerstört – soundmäßig hätte es vermutlich keinen Unterschied mehr gemacht. Ich war heilfroh, als ich diese zwar Bolanow-authentische, jedoch sämtliche Ironie des Bandnamens vermissen lassende Farce hinter mir hatte und wir schlichen ohne Zugabe von der Bühne. Das war unser schlechtester Gig ever, peinlich und daneben, aber wir haben draus gelernt, den einen oder anderen guten Vorsatz für die Zukunft gefasst und hoffen, dass man uns das nicht zu lange nachtragen wird. Teile des Publikums jedenfalls ganz bestimmt nicht, denn unglaublicherweise gab es im Anschluss tatsächlich nicht wenige Stimmen, die uns völlig ernstgemeint zu einem geilen Auftritt beglückwünschten… Ok, so einen Schlamassel legt wahrscheinlich jede Band irgendwann mal hin und ich bin froh, dass wir unseren nun hinter uns haben und in Zukunft beweisen können, dass das ein historisches, weil einzigartiges, einmaliges Ereignis war. 😉