Günnis Reviews

Monat: September 2015

12.09.2015, Wohlwillstraßenfest, Hamburg: FISCHMARKT

fischmarkt @wohlwillstraßenfest, hamburg, 20150912_202915

Das Wohlwillstraßenfest in den Hinterstraßen des Hamburger Kiez gehört zu den sympathischsten seiner Art, und zwar aufgrund seines unkommerziellen Charakters – statt massenweise überteuerter Standard-Fress- und -Saufbuden bereitzustellen, stellen die Anwohner hier selbst etwas auf die Beine. Tagsüber ist der Flohmarkt das Herzstück, zu dem ich diesmal rechtzeitig kam, um reichlich in Sachen Tonträger fündig zu werden. Das Wetter war auch bestens und so war dies für diejenigen ein angenehmer „place to be“, die den Neo-Nazis, deren geplanter Hamburg-Aufmarsch an diesem Tag zum absoluten Debakel geriet, nicht mehr hinterher zu reisen versuchten, die von einer der Demos kamen oder die etwas später aufgestanden waren und aufgrund der Sperrung des Bahnverkehrs (immerhin das hatten sie erreicht) kaum noch eine Chance hatten, zügig zum Hauptbahnhof zu gelangen. Als ich am frühen Abend pünktlich zur Sportschau in mein Altonaer Wochenend-Domizil zurückkehrte und so nebenbei durchs Fratzenbuch scrollte, las ich glücklicherweise noch Arnds Nachricht, dass er gleich mit seiner Oi!-Punk-Combo FISCHMARKT auf eben jenem Straßenfest spielen würde. Also nach dem Abendessen wieder flugs rein in die Puschen und erneut dorthin. Ich hatte diese Band bisher nur einmal gesehen, und zwar auf genau diesem Straßenfest, seinerzeit in der B5. Der Auftritt war der absolute Hammer, doch seither habe ich die Gigs mit unschöner Regelmäßigkeit verpasst. Heute also endlich wieder einmal die Gelegenheit, erneut an der B5 – diesmal jedoch als Open Air, als Bühne fungierte ein umfunktionierter Anhänger. Reichlich Volk hatte sich dort versammelt, darunter viele übliche Verdächtige, die den Gig als Auftakt zum Konzertabend nutzten und anschließend noch weiterzogen. Erst mal stand der Soundcheck an, bei dem es etwas irritierte, dass man Arnd offenbar gebeten hatte, zu singen, obwohl sein Mikro noch gar nicht an war – was zu Erheiterung im Publikum sorgte. Nach einiger Zeit ging’s dann aber inkl. Stimme los, Lieder über Urlaub (in Barmbek), Fußball (FC St. Pauli), Subkultur (Skinheads, Ultras und Hooligans) Saufen (Bier) etc., proletarisch und feierwütig, kämpferisch und konsequent, schnörkellos und auf die Zwölf, heiser vorgetragen vom fäustereckenden Frontmann, dessen Stimme den gesamten Gig über leider etwas zu leise abgemischt worden war und die gegen Ende technisch bedingt sogar einmal komplett ausfiel. Trotz dieser Pannen war’s wieder ein großartiger Gig einer schwer unterhaltsamen Band, wenn auch die Leute angesichts des harten Aphalts und der hohen Bühne nicht so mitgingen wie seinerzeit in der B5, als es eng und drängelig war und man sich Auge in Auge gegenüberstand. Die Melodien gehen ins Ohr, Hennings rasantes Bassspiel ohne Plektrum ist klasse anzuschauen und Arnd beweist mit seinen Ansagen auch zwischen den Songs Entertainer-Qualitäten. Als Zugabe gab’s noch mal „Europapokal“ und ich glaube, im Gegensatz zum letztjährigen Gig hatte man keine TESTOSTERON-Coverversionen mehr im Programm, vermutlich, weil man mittlerweile genügend eigenes Material hat, oder? Die anschließende Metal-Band verfolgte ich beim letzten Bierchen des Abends nur noch mit halbem Ohr, kann daher im Prinzip lediglich zu Protokoll geben, dass sie ’nen etwas moderneren Stiefel spielten und eine Sängerin hatten. Es hat sich gelohnt, sich noch einmal auf den Weg gemacht zu haben – am witzigsten war aber, dass ich mich in Begleitung einer Rostockerin befand, die überhaupt nicht wusste, was sie erwartet… 😛

11.09.2015, Menschenzoo, Hamburg: ANTI-CLOCKWISE + BOLANOW BRAWL

bolanow brawl + anti-clockwise @menschenzoo, hamburg, 20150911Einst gab es das legendäre Skorbut, das wurde irgendwann zum Kraken, welcher wiederum kürzlich an einen neuen Inhaber übergeben wurde: Dominik, Wirt der legendären „Silbersack“-Kneipe, führt die Punk-Kneipe in der Hopfenstraße im Herzen des Kiez unter dem Namen „Menschenzoo Punkrock-Spelunke“ weiter, behält das Grundkonzept weiter, aber lässt sich ein paar neue Ideen und Feinheiten einfallen. Beruhigend zu wissen, dass der Laden in gute Hände gefallen ist und mit Einsatz und Herzblut weitergeführt wird – dies galt es im Rahmen der Pre-Opening-Party am 11.09. feierlich zu begießen! „Pre-Opening“ deshalb, weil noch längst nicht alles fertig war, was man sich vorgenommen hatte. Was es schon zu sehen gab, z.B. die leicht vergrößerte Bühne und die umgebaute, sich jetzt dem Namen entsprechend hinter Gittern befindende Kicker-Ecke, wussten aber ebenso wie manch schniekes Detail zu gefallen. Als Zoo-Attraktionen eingeladen hatte man sich die Montpellier-Hamburg-Connection ANTI-CLOCKWISE und uns (BOLANOW BRAWL) sowie DJ Wasted Noise; der Einlass war bereits für 19:10 Uhr angesetzt und dementsprechend früh fanden wir uns vor Ort ein. Der Aufbau der komplett neuen Bühnentechnik nahm jedoch weit mehr Zeit für die Soundtechniker Norman und Wurzel in Anspruch als erhofft und je später der Abend, desto mehr Flüche waren aus dieser Ecke zu vernehmen. Mehr als nur provisorisch stand aber irgendwann alles und die ersten Gäste hatten sich bei freiem Eintritt bereits eingefunden, als beide Bands ihre Soundchecks durchführten. Der Bass wurde noch nicht abgenommen, drang aber trotzdem genügend durch, die Gesangsjustierung bereitete anscheinend noch etwas Probleme und wir hatten trotz neuer Technik wieder mit dem enervierenden Rückkopplungs-Fiep-Terror zu kämpfen, der auf wundersame Weise mit Christians Gitarre zusammenhängt. Chilli-con- und -sin-Carne-gestärkt bliesen wir dann zu vorgerückter Stunde vor ca. halbvoller Kulisse zum Brawl und feuerten unser komplettes Set ab. Wir hatten Laune, alles schien gut zu laufen und ich ließ es mir nicht nehmen, den Gig zwischendurch dem Anfang des Jahres leider verstorbenen Szene-Unikat „Feindhammer“ Karsten zu widmen, dessen Geburtstag der 11. September ist, was mich dann doch hin und wieder nachdenklich stimmte. Ansonsten herrschte aber ausgelassene Stimmung, Menschenzoo-Namensgeber und Disillusioned Motherfucker Kai beschränkte seine Grabsch- und Brustwarzen-Kneif-Attacken dankenswerter auf ein Minimum und da es keine Monitore gibt, höre ich auf dieser Bühne in erster Linie den Bühnensound und die P.A., deren Boxen sich links und rechts von mir befinden. Das klang für meine Ohren eigentlich alles ganz gut; umso überraschter war ich, als man uns hinterher eröffnete, dass a) das Fiepen derart stark gewesen sei, dass es sogar während des Gitarrenspiels störend wahrgenommen wurde und b) der Sound allgemein nicht der Hit gewesen, besonders mein Gesang zu leise gewesen sei. Zumindest in Bezug auf den Gesang bestätigte sich das leider auch bei ANTI-CLOCKWISE, während deren Gigs Freds Stimme nicht so recht die Soundwand durchstoßen konnte. Der Stimmung tat das aber keinen Abbruch, eine gute Handvoll „Zoobewohner“ ließ sich anfüttern und gab sich einem zünftigen Pogo hin. ANTI-CLOCKWISE klangen diesmal noch härter als auf dem Gaußfest für meine Ohren, statt nach hartem Streetpunk fast nach reinrassigem HC-Punk. Ein ordentliches Brett, nach dem es sich von selbst verstand, dass sie noch mal für die eine oder andere Zugabe ranmussten. Als Rausschmeißer kredenzte man das ADICTS-Cover „Viva la Revolution“, wofür eines der Mikros ins Publikum gereicht wurde und sich Teile des Mobs schließlich revolutionär auf dem Fußboden wälzten. Trotz semiguten Sounds richtig geile Scheiße, so dass niemand das Gefühl haben musste, von Affen mit Kot beworfen zu werden. Was unser Fiepen betrifft, wurden übrigens neue Hypothesen aufgestellt: Aufgrund einer besonderen Eigenart von Christians Gitarre würde diese mit den speziellen Lampen an dieser speziellen Bühne reagieren. Das klingt so abenteuerlich, dass ich meine Theorie von Voodoo und schwarzer Magie für wesentlich wahrscheinlicher halte, lasse mich aber gern eines Besseren belehren. Wir werden das prüfen! Im Anschluss feuerte DJ Wasted Noise sein Hitfeuerwerk ab, wozu die Gäste die Kneipe halbleer soffen: Tatsächlich war das Holsten irgendwann alle. Ich als Astra-Trinker wasche meine Hände in Unschuld. Ein gelungener Einstand und hoffentlich nur der Startschuss für viele weitere grenzgeniale Partys im Menschenzoo mit artgerechter Trinkerhaltung!

Danke an Katharina und DJ Wasted Noise für die Schnappschüsse! Schade, dass von ANTI-CLOCKWISE keine dabei sind, aber die hätte ich auch ruhig mal selbst machen können…

05.09.2015, JUZ Alte Post, Emden: ROCK GEGEN RASSISMUS II (2. Tag)

rock gegen rassismus II @juz alte post, emden, 04.09.2015rock gegen rassismus II @juz alte post, emden, 05.09.2015

Emden, Ostfriesland, die Heimat von Otto Waalkes und Karl Dall! Ich erinnere mich an eine klasse funktionierende Ostfriesland-Hamburg-Connection in den 2000ern: Rock’n’Rolf (heute bei THRASHING PUMPGUNS) lud seine spätere Band SMALL TOWN RIOT auf seine Geburtstagsparty ein, wo sie u.a. zusammen mit den TYPHOON MOTOR DUDES das Jugendzentrum Alte Post rockten. Diverse geniale Konzerte wurden organisiert, BROILERS in Hage, die EIGHT BALLS und LOIKAEMIE ebendort und davor in Emden etc. pp – Bustouren von Hamburg nach Ostfriesland wurden organisiert und umgekehrt waren Ostfriesen gern gesehene Gäste in Hamburg, bis der eine oder andere selbst herzog. Man feierte große Partys, haute ordentlich auf die Kacke und es war gut was los. Dies hatte ich im Hinterkopf, als uns (BOLANOW BRAWL) Ostfriese Karsten von Klabautermann Rec. einlud, nach einer Bandabsage am zweiten Tag des zweiten Rock-gegen-Rassismus-Festivals in der Alten Post zu spielen. Dass diese meine Erinnerungen anscheinend nicht rock gegen rassismus II @juz alte post, emden 01mehr viel mit der heutigen Realität zu tun haben, musste ich leider an eben jenem Abend erfahren, doch der Reihe nach: Das Benefiz-Festival, für das bis auf die „Headliner“ alle Bands ohne Gagen o.ä. auftraten, um gemeinsam ein Zeichen gegen Rassismus angesichts laut Karsten immer mehr an Zulauf gewinnender rechter Strukturen vor Ort zu setzen, stand offenbar unter keinem guten Stern. Obwohl (oder vielleicht auch weil) eigentlich seit vielen Monaten geplant, wurde das Bandaufgebot immer wieder durcheinandergewürfelt, die einen lösten sich auf, die anderen sagten ab usw… Für Ersatz war aber stets schnell gesorgt. Vor dem Hintergrund eines stockenden Kartenvorverkaufs und eventuell Publikum ziehender „Konkurrenzveranstaltungen“ (in anderen Orten wohlgemerkt) fragte Karsten einige Wochen vorm Festival öffentlich, ob er es nicht besser abblasen solle. Der Zuspruch jedoch ermutigte ihn, es durchzuziehen und über 300 Zusagen per Facebook, wo neben örtlicher Presse etc. ordentlich Werbung gemacht wurde, ließen hoffen – dass allerdings in der Nacht der Tresor mit dem Geld aus dem Vorverkauf von Einbrechern gestohlen wurde, war nur ein weiterer Stein im Pannenmosaik. Am Freitag kamen dann trotz Bands wie TAUSEND LÖWEN UNTER FEINDEN und COR lediglich 45 zahlende Gäste, was das erste riesige Loch in die Budgetplanung riss, denn 100 pro Abend hätten es schon sein müssen, damit sich das Festival trägt. Unsere Kollegen von IN VINO VERITAS spielten ebenfalls, außerdem PUNX ’N POETS und EAT THE BITCH. Fünf interessante Bands also, darunter mit TAUSEND LÖWEN… ein gefeierter Newcomer und mit COR alte Hase, deren Konzerte in anderen Ecken Deutschlands an den nächsten beiden Tagen bereits im Vorfeld ausverkauft waren, die in Emden – einer mit Konzertangeboten dieser Art nicht gerade gesegneten Gegend – aber irritierenderweise nicht genügend Publikum zogen. War es ihm keine 12,- EUR wert? Die Aftershowparty mit Ostfrieslands wildestem Plattendreher, DJ Wasted Noise, wurde von ganzen fünf Konzertbesuchern aufgesucht…

rock gegen rassismus II @juz alte post, emden 02Nun oblag es also dem zweiten Abend, das Ruder rumzureißen und das Festival doch noch zu einem Erfolg zu machen. Wir kamen problemlos und flott auf der Autobahn durch, so dass wir überpünktlich gegen 16:00 Uhr eintrafen, gerade rechtzeitig zur Vorführung des Films „Sad But True“, für die kein Eintritt gezahlt werden brauchte. Reichlich verloren wirkten jedoch die Filmmacher, denn tatsächlich interessierte ihr Film keinen einzigen Ostfriesen, es war schlicht niemand gekommen! Also fiel die Vorführung aus. Ok, möglicherweise kannten ihn schon alle… Wir trafen neben Ätzer von VIOLENT INSTINCT Al und Klimper von IN VINO VERITAS mitsamt Fahrer Michi, die kurzerhand nach dem gestrigen Auftritt dageblieben und – natürlich bis auf den Fahrer – schon wieder in Trinklaune waren. Zusammen schauten wir uns Emden an, stellten zu unserem Bedauern fest, dass das Otto-Huus dicht hatte, aßen Fisch (immerhin bestellte ich mit Knoblauchmatjes mit Zwiebeln die ultimative Geruchsoffensive) in labberigen Brötchen für zahnlose Gesellen und wurden Zeuge eines 30-ledig-Fegen-Rituals am Kanal. Die einen gingen Getränke kaufen, Ole, der feine Herr, checkte mit seiner Lady im Hotel ein und wieder andere suchten eine Kneipe, labten sich am „Friesengeist“ und schickten mir Bilder davon, um mich zu erschrecken – denn wer am frühen Abend schon Schnaps trinkt, meist später auf der Bühne abstinkt. Ich erfuhr, dass unsere Unterkunft, das Europahaus, sich nicht etwa in Fußnähe, sondern ganz im Gegenteil im 30 km entfernten Aurich befand – und holte telefonisch Taxipreise ein… Kein Ding, kriegen wir hin, ich war noch immer frohen Mutes, handelt es sich doch bei der Alten Post um ein sehr komfortables Jugend- und Veranstaltungszentrum mit toller, professioneller Bühne inkl. Drum-Raiser, viel Platz, großen Backstage-Bereichen, einem Bistro mitsamt Kicker, Billard, Playstation, Sofaecke etc. Wenn hier auch noch diverse Punk- und HC-Bands aufspielen, müssen doch die Leute kommen!

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Jan von Musikapparillo

Dann die nächste Panne: Wie ich erfuhr, hatten die OFFENDERS, immerhin der Headliner des heutigen Abends, kurzfristig abgesagt. Nun wurde improvisiert: Als erster Act des Abends betrat gegen 20:40 Uhr ein gewisser Jan die Bühne, nur mit Akustikklampfe bewaffnet, und coverte vor einem Publikum, das in erster Linie aus Bands und Organisatoren bestand, einige Singer/Songwriter-Stücke, spielte etwas eigenes Material, von dem mir eine Schnulze dann doch zu jammerig war, bekam aber extrem gut wieder die Kurve, als er dazu überging, Songs seiner Mundart-Punkband MUSIKAPPARILLO solo zu spielen, natürlich auf friesischem Platt. Das war so gut, dass er nicht ohne Zugabe davonkam und auch seine Ansagen zwischendurch, in denen er auch mal Bezug auf das Motto der Veranstaltung nahm, waren geprägt von Humor und Scharfsinn. Klasse Nummer, vor soviel Spontaneität ziehe ich meinen Hut!

Die Fliesenleger

Die Fliesenleger

DIE FLIESENLEGER, die eigentlich den lokalen Opener hätten machen sollen, sorgten im Anschluss dann für Punkrock, und zwar deutschsprachigen der Sorte, hmm, TOTE HOSEN? WIZO? So ganz grob die Schiene, würde ich sagen. Die Jungspunde lieferten ein selbstbewusstes, spielfreudiges Set, bei dem mitunter recht düstere textliche Inhalte im Kontrast zur melodischen Mucke standen und das generell aber musikalisch abwechslungsreich genug war, um für Kurzweil zu sorgen. Die BROILERS-Coverversion „An all den Schmutz“ war dann auch das passende Statement zum Festivalmotto. Mischer Frank sorgte zudem für einen klasse Sound. Ein sympathischer Auftritt und dass die Jungs netterweise den Großteil der Backline stellten, möchte ich ebenfalls nicht unerwähnt lassen.

Violent Instinct

Violent Instinct

Aber wo war das Publikum? Obwohl es sogar ein Pärchen aus Frankfurt (!) nach Emden geschafft hatte, das eigentlich wegen der OFFENDERS gekommen war, aber trotzdem das Beste aus dem Abend machte, „glänzte“ es durch Abwesenheit: Gerade einmal 15 (!) zahlende Gäste konnte die Kasse verbuchen und damit war der Drops eigentlich endgültig gelutscht. Wir begegneten dem mit Galgenhumor und ließen uns die gute Laune nicht vermiesen, zumal jetzt Hamburg’s Finest, nämlich die Oi!-Punks von VIOLENT INSTINCT, die Bühne betraten. Diese basteln nach ihrem vollends überzeugenden Demo gerade an einem Album und auch die neuen Songs, die es bereits live zu hören gibt, können alles! Seit man sich um eine zweite Gitarre verstärkt hat, kommt der Sound auch schön satt, Neu-Tieftöner Ätzer (COTZRAIZ, ex-LOST BOYZ ARMY) rollt souverän den Bassteppich aus, das Trommeltier liefert wie immer ’ne Mörder-Show und Sängerin Aga ag(a)iert ohnehin in einer eigenen Liga. Dass Leadgitarrist Dennis bisweilen arg konzentriert auf seine Griffe achtete, erklärte sich später, als er mir eröffnete, nach zwei Saitenrissen nur noch auf vier Saiten gespielt zu haben – Respekt dafür, dass das wiederum gar nicht auffiel! Neben dem wie immer großartig vorgetragenen ANGELIC-UPSTARTS-Cover „Solidarity“ fand ein von Dennis gesungener Song ins Set, vermutlich ein Relikt aus dem VERBAL-INCONTINENT-Projekt, das die Musiker bestritten, als Aga sich eine Zeitlang außerhalb Hamburgs aufhielt. Klasse Gig und ich habe nichts anderes erwartet!

Backstabber

Backstabber

Nun wahren eigentlich wir an der Reihe, doch BACKSTABBER kamen, baten um Vortritt („Wir spielen eh nur 25 Minuten!“), zockten ihren modernen Beatdown-Hardcore (oder so) herunter und hauten wieder ab. So souverän, musikalisch wie gesanglich fit und ordentlich ins Gebälk krachend der Auftritt der Band, die auf Karstens Label eine Platte veröffentlicht hat, auch war, so sehr missfällt mir die Attitüde, dieses ostentative Desinteresse an der ganzen Veranstaltung. Aber, gut, möglicherweise hatten die Jungs noch wichtige Termine…

Nun also endlich wir, die wir eigentlich als Dritte hätten spielen sollen, letztlich aber ganz nach hinten durchgereicht wurden. Mittlerweile hatte sich bei uns eine Scheißegal-Stimmung breitgemacht, Teile der Band hatten längst beachtliche Schlagseite, aber die Instrumente hielt jeder richtigherum. Bei der Justierung des Bühnensounds machte Stulle einmal mehr auf Stand-Up-Comedy und erzählte Ostfriesenwitze. Los ging’s wie immer mit „Total Escalation“ und obwohl wir keinen Soundcheck gemacht hatten, war der Bühnensound astrein, ich ließ mir lediglich Oles Gitarre etwas auf dem Monitor aufdrehen. So machte der Gig reichlich Spaß und wir genossen den Luxus der großen Bühne, zumal das spärliche Publikum nicht nur Interesse, sondern auch Bewegung zeigte. Ok, bolanowbedingt fielen die, nun ja, „Ansagen“ etwas länger aus, es wurde reichlich durcheinandergesabbelt und bis jeder die Steckverbindungen seiner Gitarre immer wieder auf Neue überprüft hatte, verging manch Sekunde. Dass auch mal ein Refrain nur mit einer Gitarre bestritten wurde, weil der anderen die Melodie entfallen war, fiel wiederum gar nicht auf; uns aber fiel durchaus auf, dass das Publikum später weniger wurde. Des Rätsels Lösung: Wer zwischenzeitlich den Saal Richtung Klo oder Tresen verließ, wurde rausgeschmissen und nicht wieder hineingelassen, weil es bereits nach 1:00 Uhr war und man dringend schließen wollte! Ausgehandelt hatten wir 45 bis 50 Minuten und ein Blick auf die Uhr bewies, dass wir keine Minute länger gespielt hatten. Das ist ja noch perfider als Stromabdrehen. Als Lehre aus diesem Gig nahm ich aber in erster Linie die freudige Erkenntnis mit, dass die Brawler mittlerweile auch stark angeschlagen einen über weite Strecken fehlerfreien Gig hinzulegen in der Lage sind und auch als fünfter Act nicht auf allen Vieren auf die Bühne kriechen – was zu beweisen war!

Bolanow und Friesengeist forderten jedoch beim Abbau ihren Tribut, denn als ich dem durch seine Körpergröße dafür prädestinierten Christian zum Bannerabhängen mein Multi-Tool mit ausgeklapptem Messer reichte, probierte er’s mit der Zange und rammte sich dabei das Messer tief in die Hand. Blut spritzte, Verbandsmaterial wurde gereicht und seine Pfote behelfsmäßig verbunden. Daraufhin reichte mir Klimper von IVV sein extrascharfes Messer, mit dem ich an den Kabelbindern herumstocherte, was ebenfalls nicht gänzlich verletzungsfrei vonstatten ging. Die Ironie der Geschichte ist, dass ich alter Öko-Sparfuchs extra wiederverwendbare Kabelbinder besorgt hatte, deren Entriegelungsmechanismus sich aber niemanden von uns mehr erschloss…

Aftershow-Party

Aftershow-Party

Als das ganze Zeug wieder in den Karren verstaut war, brauste Ole samt Lady ins luxuriöse Hotel, während wir Verbliebenen zur Aftershow-Party in die Kneipe „No. 5“ aufbrachen. Natürlich wusste niemand von uns, wo es langging, Karsten, der selbst wieder zu Hause war, morste mir noch die Adresse durch und glücklicherweise trafen wir ein Mitglied der BARROOM HEROES, das uns auf dem arschlangen Weg begleitete. Dieser verlief auch nicht frei von Zwischenfällen, denn wie es immer so ist, wenn man mit einer Gruppe Alkoholisierter unterwegs ist, bilden sich Minigrüppchen von zwei bis drei Personen, die durch etliche Meter voneinander getrennt durch die Wallachei stapfen. So bekam ich auch gar nicht mit, dass der mittlerweile kräftig angesoffene Stulle anscheinend ein paar Russen gegenüber einen Spruch riss, der sofort falsch aufgefasst und mit Aggression bestraft wurde: Einer drückte ihn gegen die Mauer, ein anderer hatte bereits sein Messer gezückt und Christian warf sich mit Verband um die eine und dem Koffer seiner Freundin in der anderen Hand todesverachtend dazwischen, um Schlimmeres zu verhindern. Nachdem das gerade noch mal gut gegangen war, kamen wir zu später Stunde endlich im No. 5 an, bestellten ’ne Runde Pils (es gab anscheinend ausschließlich Veltins – warum auch immer in einer Emdener Spelunke) und begrüßten DJ Wasted Noise, indem wir unmittelbar begannen, seine Songs lautstark durch den Raum mitzugrölen. Wir erzwangen uns quasi unsere Party, indem wir ordentlich aufkackten, die prolligsten Songs sangen, tanzten bzw. auf und ab sprangen und sich der eine oder andere seiner Oberbekleidung entledigte. Von den Festivalbesuchern war erneut so gut wie niemand hier, von Punk- und HC-Szene keine Spur, stattdessen hing offenbar der örtliche Alkiclub am Tresen und manch einer blickte grimmig drein oder übte sich in Provokationen, die jedoch ungehört verhallten. Die mitgereiste Katharina versuchte, den Überblick zu bewahren, vertrieb in uns Gästen von außerhalb zahlungskräftige Kunden wähnende Prostituierte, machte ihnen und ihrem Zuhälter klar, dass niemand von uns ihr Handy gefunden oder gar gestohlen hatte und warnte vor diesem oder jenem unentspannten Kandidaten.

rock gegen rassismus II @juz alte post, emden 11Irgendwann war’s dann aber auch genug und wir beschlossen, uns gen Europahaus aufzumachen. Eigentlich hatten wir auch VIOLENT INSTINCT im No. 5 erwartet, die Schlüssel und Plan der Unterkunft hatten, zudem wollte einer von ihnen in unserem Taxi mitfahren. Die hatten sich aber längst geschlossen auf den Weg gemacht und waren erst gar nicht mehr zur Party erschienen. Egal, schließlich sollte es dort auch einen Nachtwächter geben, der uns schon den Weg weisen würde. Erst mal musste aber ein Großraumtaxi her, was gar nicht so einfach war, da es, wie wir erfuhren, lediglich ein EINZIGES bei City-Car Emden gibt. Als das nach einer Stunde oder so endlich eintraf, gelang es mir irgendwie, ihn trotz anderer Pläne eines bestimmten Mitfahrers an gleich zwei Filialen einer US-amerikanischen Imbisskette vorbeizulotsen und uns am Europahaus auszuspucken. Dort war von einem Nachtwächter keine Spur und alle Türen waren verschlossen. Alle? Nein, glücklicherweise fanden wir einen offenen Eingang irgendwo versteckt auf dem Gelände. Wir wussten nicht, wohin, haben dann alle Zimmertüren im Gebäude ausprobiert, anscheinend VIOLENT INSTINCTs belegte Räume entdeckt und noch genau EIN leeres offenes Zimmer, in das wir uns dann zusammen gezwängt haben. Außer Katharina, die in ’nem offenen Seminarraum pennen wollte, aber nicht konnte, weil kurz darauf ein Seminar dort stattfand… Daraufhin fand sie unser Zimmer nicht mehr wieder und mein Telefon hab‘ ich im Koma nicht mehr gehört, so dass sie sich irgendwie die Nacht bzw. den Morgen um die Ohren schlug. Welch ein Chaos!

rock gegen rassismus II @juz alte post, emden 10Nach wenigen Stunden bog Ole mit der Frische eines Hotelpenners um die Ecke und sammelte uns ein, so dass wir die Rückfahrt antreten und resümierten. Klar, wir hatten im Juz eine gute Zeit. Wir bekamen genug zu trinken, lecker Essen, geile Mucke und lernten nette Menschen kennen. Aus Veranstaltersicht aber war das Festival ein Vollflop. Was war da los? Bzw. was war da nicht los? In einer Gegend, von der die eigene Szene behauptet, dass nicht sonderlich viel los wäre und lautstark Veranstaltungen einfordert, wird ein ROCK-GEGEN-RASSISMUS-Festival vor allem am zweiten Tag mit demonstrativer Ignoranz gestraft, der Veranstalter auf seinen Kosten sitzengelassen. Worin liegen die Gründe? Dass auch bei günstigeren Preisen der Vorverkauf für kleinere Punk- und HC-Konzerte kaum genutzt wird, ist mir klar. Hätte man mit den größeren Bands geringere Gagen aushandeln müssen, um den Abendkassenpreis – 15,- EUR pro Abend – geringer gestalten zu können? Angesichts der Gagen in Zusammenhang mit dem geringen Publikumszuspruch mutete es fast wie ein Glücksfall an, dass die OFFENDERS kurzfristig abgesagt haben, denn so mussten diese nicht auch noch entlohnt werden. Ohne Headliner war der knapp verringerte Eintrittspreis am zweiten Abend zwar nicht gerade günstig, allerdings kam auch gar nicht erst jemand, der sich darüber hätte beschweren können, genauso wenig wie jemand, der angesichts der meines Wissens gar nicht mehr kommunizierten OFFENDERS-Absage auf dem Absatz hätte Kehrt machen können. Gab es zuviel Verunsicherung aufgrund des sich öfter geändert habenden Billings? Wollte der Großteil der Facebook-Zusager zu einer der Bands, wie bereits vor Wochen oder Monaten ersetzt worden war? Sind die Headliner unbeliebt in der Gegend? Oder bekommt man in Ostfriesland allgemein kaum noch den Arsch hoch? Ist die Gegend zu dünn besiedelt und/oder zu strukturschwach für ein solches dann überdimensioniertes Event? Nach dem Festival sah man sich mit fast schon wieder komischen Kommentaren in sozialen Netzwerken konfrontiert, von denen man nur hoffen kann, dass sie nicht repräsentativ für den Zustand der lokalen Szene sind: Da fühlte sich der eine zu alt für ein Jugendzentrum und hatte Sorge, nur von Kids umgeben zu sein – als wäre es ein totales Kuriosum, dass ein Punk-/HC-Konzert in einem Juz stattfindet. Ein anderer wiederum behauptet, am Samstag wäre das Juz geschlossen gewesen und beschwert sich, im Vorverkauf 18,- EUR für beide Tage, also 1,80 EUR pro Band gelöhnt zu haben… Ostfriesenwitze, gewissermaßen. Dass es auch anders geht, bewiesen diejenigen, die den Weg in die Alte Post gefunden hatten. Danke an jeden einzelnen, von denen ich besonders noch einmal die Frankfurter hervorheben möchte. Karsten wünsche ich alles Gute und hoffe, dass er sich nicht dauerhaft demotivieren lässt, aber vielleicht die eine oder andere Erkenntnis daraus zieht. Dass er ohnehin aus der Gegend wegzieht, wird ihm niemand verübeln können. Woanders wird sein Engagement mit Sicherheit auf fruchtbareren Boden fallen.

Ganz sicher ist das Desinteresse kein Indiz für einen etwaigen Rassismus der Emdener Bevölkerung, jedoch hat die Friesenstadt den Eindruck eines sterbenden Dorfs mit einer ebensolchen Szene vermittelt. Schade, denn ich hatte sie anders in Erinnerung.

P.S.: Danke an Karsten und Katharina fürs Bildermachen!

Frank Schäfer – Verdreht

schaefer, frank - verdrehtDr. phil. Frank Schäfer ist nicht nur Musikjournalist und Autor sich immer wieder gern anekdotenhaft mit Hardrock und Heavy Metal auseinandersetzender Werke, sondern auch ein hervorragender Beobachter mit Sinn für Details, der in immer irgendwie autobiographisch wirkenden Geschichten und Geschichtchen den vermeintlich unbedeutenden Kleinigkeiten ebensoviel Platz einzuräumen scheint wie dem Spektakuläreren. Die 2003 im Oktober-Verlag veröffentlichte, rund 170-seitige und in neun Kapitel bzw. Abschnitte unterteilte Sammlung von Beziehungskisten und Alltagsbeobachtungen, von melancholischen Erinnerungen und auch mal witziger Situationskomik, der er den Titel „Verdreht“ vergab, erzählt vornehmlich von einer Jugendparty mit einem Schwerverletzten und später von einem Klassentreffen gealterter Männer und Frauen, dazwischen kürzere, autarke Erinnerungen. Der besondere Kniff ist, dass Schäfer die Haupthandlung um die Party, in der es um Andreas’ Interesse für Birgit geht, immer wieder zugunsten der in ihren Inhalten davon unabhängigen Anekdoten unterbricht, aber mehr als einmal zu ihr zurückkehrt, dabei auch gern nichtchronologisch die Geschichte weiter ausarbeitet. Neben den Empfindungen des Protagonisten in einer undurchsichtigen Gemengelage seines Freundeskreises, der sehr anschaulich skizziert und charakterisiert wird, bezieht sie ihre Spannung aus der Frage, wie genau es zu dem Unfall am Pool kam, der einen jungen Mann ins Krankenhaus brachte. Geht es gegen Ende des Buchs vornehmlich um ein Klassentreffen und das Wiederaufflammen einer alten Liebe, weicht die postpubertäre Stimmung jungmännischer Verunsicherung einer gereiften Melancholie angesichts gescheiterter Lebens- bzw. Beziehungsentwürfe, die Schäfer vor dem Abgleiten in die Desillusion rettet und stattdessen Hoffnung spendet, ohne die Bedeutung jahrzehntealter Kontakte, Freundschaften und Bindungen zu relativieren. Schäfers gern eingestreute pop- und subkulturelle Verweise (Dokkens „Breaking The Chains“ anyone?!) dürfen natürlich genauso wenig fehlen wie seine Vorliebe für obskure Fremdwörter, die er glücklicherweise so gut in den Griff bekommen hat, dass ihr sporadisches Durchscheinen wie ein individuelles Stilelement wirkt, das nicht stört. „Verdreht“ liest sich schnell und gut durch, wird auch durch das Lokalkolorit niedersächsischer Provinz authentisch verortet und geerdet und verleugnet seinen vermutlich ehrlichen, bodenständigen Anspruch nie zugunsten wenig nachvollziehbarer oder erzwungen wirkender Entwicklungen zwecks fragwürdiger Aufmerksamkeitsbuhlerei – konsequenterweise bekommt somit auch nicht alles einen positiven Ausgang. Etwas schade finde ich lediglich, dass er mit „Kirschblüte“ eine Geschichte erneut abdrucken ließ, die bereits aus dem nur ein Jahr zuvor veröffentlichten „Ich bin dann mal weg – Streifzüge durch die Pop-Kultur“ bekannt war.

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