Die mächtigen KASSIERER – früher war ich regelmäßig Gast ihrer Shows, doch wurde irgendwann das Publikum immer breiter, damit die Läden größer und teurer, dagegen die Shows recht repetitiv – bis auf Details eigentlich immer dasselbe Programm. Deshalb verlor das Ganze vor einigen Jahren seinen Reiz für mich, wenngleich ich den Wacken-Auftritt 2010 oder 2011 noch mitgenommen hatte – wenn man schon mal da ist… Nun jedoch stand ein Auftritt in der altehrwürdigen Hamburger Fabrik auf dem Plan und durch glückliche Umstände (danke, Katharina!) stand ich sogar auf der Gästeliste. Nachdem ich zuvor noch in einer netten Kneipe Zeuge wurde, wie der HSV dem FC Schalke unterlag, war eigentlich schon klar, dass der Abend ganz im Zeichen des Ruhrpotts stehen würde. So war die geräumige Fabrik dann auch komplett ausverkauft und das KASSIERER-typisch völlig durchgemischte Publikum tummelte sich in Massen vor und in der Bude, als EMSCHERKURVE 77 aus Oberhausen den musikalischen Teil des Abends eröffneten. Die hatte ich auch ewig nicht mehr live gesehen – hatte ich überhaupt schon einmal das Vergnügen? Ich erinnere mich eigentlich nur noch an den Akustik-Gig in der Bochumer Straßenbahn, damals noch mit Böhle am Gesang. Die aus dem RWO-Umfeld stammende Band hatte mit ihrem melodischen, deutschsprachigen Working-Class-Punkrock leichtes Spiel, denn das längst ordentlich angeheiterte Publikum war ein dankbares. Mit aus dem Leben gegriffenen, gern mal augenzwinkernden Texten wie dem Hit „Wir haben den Punk verstanden“ und der Absage an überpolitisierte Internet-Hetzer „Eure Szene“ heizten sie die gute Stimmung weiter an, den ins Set zurückgekehrten „König der Kneipe“ widmete man FAST-SLUTS-Sängerin Alex und der gute, satte Sound trug zusätzlich zum Vergnügen bei. Hier und da wurd’s mir dann vielleicht doch etwas zu schunkelig, aber alles in allem war’s ‘ne ziemlich unterhaltsame Nummer – auch dank Sänger Spiller, der richtig gut drauf war, viel Humor bewies und sich auch nicht von ‘nem herbeifliegenden Bierschwall irritieren ließ. Doch, hatte was, würde ich mir auch noch mal im Monkeys oder Menschenzoo angucken.
DIE KASSIERER aus Wattenscheid boten dann ihre intellektuell-künstlerische Auseinandersetzung mit Themen wie Arbeitslosigkeit, Genussmittelmissbrauch, Sexualanatomie, Pädagogik, Sexismus und Quantenphysik, was sich in Liedern wie „Mir ist alles piepe“, „Besoffen sein“, „Mein Glied ist zu groß“, „Sex mit dem Sozialarbeiter“, „Mach die Titten frei, ich will wichsen“ und, äh, „Quantenphysik“ widerspiegelte. Immer mal wieder wurde auch musikalisch wie optisch auf den besonders wohlgeformten Hodensack des seine Texte routiniert von Zetteln ablesenden Sängers Wölfi hingewiesen, „Ich fick dich durch die ganze Wohnung“ befasst sich im Subtext kritisch mit Wohnraumknappheit und eine lautmalerische Agitation wie „Kuckuck!“ kam sogar ohne Wölfi, der kurz zuvor beinahe Bochumer Bürgermeister geworden wäre, aus – ebenso der zur KASSIERER-Show wie das Amen in die Kirche gehörende Kabaretttheater-Block, in dessen Rahmen Drummer Volker Kampfgarten versuchte, mit seinem Schädel in den Anus des Gitarristen Nikolaj Sonnenscheiße einzudringen – wofür sich gleich beide untenherum freimachten. Dabei verwendete Utensilien landeten zur Freude desselben anschließend im verzückten Publikum, das seinerseits mittels lautstarker „Ausziehen! Ausziehen!“-Bekundungen immer wieder avisierte, sich entkleiden zu wollen, es letztlich aber schuldig blieb – wie Wölfi irritiert zur Kenntnis nahm, wenn er sich nicht gerade darüber freute, in der „Fabrik in Bochum“ spielen zu dürfen. Mich persönlich so richtig beeindruckt hat die Wattenscheider Avantgarde jedoch mit der von Bassist und Leichtmatrose Mitch Maestro fast schon prahlerisch eingeleiteten Zurschaustellung der Nacktkopfrechenkünste von Mathegenie Kampfgarten, der die komplexe Berechnung von 25 hoch 27 in Sekundenbruchteilen durchführte – folgerichtig quittiert von begeisterten „Mathegenie! Mathegenie!“-Ovationen des frohlockenden Publikums. Dass der eigene Horizont nicht an den Grenzen Bochums oder Deutschlands, nein, nicht einmal denen von Mutter Erde endet, bewies „U.F.O.“, das ein Szenario der Begegnung mit extraterrestrischer Intelligenz aufzeichnet, welches in bester „Akte X“- und Erich-von-Däniken-Manier nachdenklich stimmt – und mit gesungenen Bläsern das Improvisationstalent der Musiker unter Beweis stellte.
Ja, tatsächlich hatte man seit meinen letzten KASSIERER-Besuchen Show und Setlist soweit variiert, dass sie wieder spannend und unberechenbar wurden, das Gehirnvolumen aller Anwesenden spürbar vergrößerten und Hochkultur vom Feinsten boten. Diese Erfahrung sowie Katharinas Geburtstag wurden anschließend auf der Aftershow-Party im nur wenige Schritte entfernten Monkeys noch bis in die Puppen bei hochgeistigen Getränken und einer kreuzgenialen Punkrock-Karaoke-Band gefeiert, die eine Vielzahl an Stücken einstudiert hatte und mich zusammen mit UPPER-CRUST/STAHLSCHWESTER-Lars SLIMEs „Alptraum“ zum Besten (?) geben ließ. Ob der vielen intellektuellen und kulturellen Eindrücke verschwimmen da jedoch auch so langsam aber sicher die Details, doch eines ist gewiss: Das war mit Sicherheit eine der gelungensten Partys des da noch jungen Herbsts!




IVV-Mastermind Ladde feierte seinen Geburtstag nach und lud dazu in die neueste Punk-Spelunke Hamburgs, in der doch so viel beim Alten ist: Die Rede ist natürlich vom Menschenzoo, der Anfang des Monats die Nachfolge des Skorbuts und des Kraken angetreten hatte. Der Großteil der bereits geplanten Konzerte wurde schlicht übernommen und so auch diese schon lange feststehende Sause. Für’n Fünfer gab’s Einlass in die gute Stube und ich erschien pünktlich um 22:00 Uhr, wenige Minuten vor Beginn. Obwohl die IVV-Jungs sich vor der Pforte noch über mangelnden Andrang beklagten, bestand dazu kein Anlass, denn aus sämtlichen Himmelsrichtungen versammelte sich plötzlich das Volk vor der Bühne und füllte den Zoo beachtlich! Hatten wir bei unserem Auftritt noch einen, äh, „suboptimalen“ Sound und technische Probleme, hörte sich das heute schon ganz anders an: Die Instrumente waren differenziert wahrnehmbar und Laddes bellendes Shouting sogar zeitweise zu verstehen. So gab’s eine räudige Oi!-Punk-Splitterbombe nach der anderen, natürlich alle Stücke der EP bei Klabautermann Rec., dazu alte Weisen wie „Blackjack und Nutten“ und mittlerweile auch nicht mehr ganz so junge Schoten wie „Knospen“ oder Laddes Schlosser-Tribut, dessen Namen ich immer vergesse. Eine Zwangspause gab’s, als der gern mal fast im Stile eines Jazzdrummers frei nach Schnauze spielende Al das Snarefell durchhaute. Hier und da rumpelte es noch etwas, aber wie immer durchaus mit Charme. Ansonsten präsentierte sich die nach Klimpers Rückkehr wieder vollständige Band aus einem Guss, Gesangseinlagen Simons und Klimpers sorgen für Abwechslung. Schade nur, dass die Zugabenrufe unbeantwortet blieben, weil man all sein Pulver bereits verschossen hatte und ganz alte Gassenhauer wie „Mit ohne Stolz“ es wohl nie mehr ins Set schaffen werden.

