Günnis Reviews

Monat: März 2022

24.03.2022, Kulturpalast, Hamburg: GEOFF TATE + DARKER HALF + SONS OF SOUNDS

Ein Traum in Infrarot

Deutschland und Hamburg haben die Pandemiezügel deutlich gelockert, sodass GEOFF TATE endlich seine ursprünglich fürs Jahr 2020 geplante Tour hierzulande antreten und ich endlich das erste Ticket von meinem Stapel der verschobenen Konzerte einlösen konnte. Es sollte mein erstes Konzert seit eineinhalb Jahren, gar mein erstes Indoor-Konzert seit gut zwei Jahren werden. Als Fan des QUEENSRŸCHE-Konzeptalbums “Operation: Mindcrime” war ich im Dezember 2018 zugegen, als deren ehemaliger Sänger GEOFF TATE im Gruenspan das komplette Album live dargeboten hatte. Das hatte mich schwer begeistert, sodass ich spontan zuschlug, als mich die frohe Kunde erreichte, Tate würde im Frühjahr 2020 mit den QUEENSRŸCHE-Alben Nummer 2 und 4, „Rage For Order“ und „Empire“, ebenso verfahren – obwohl sich mir diese bis dahin nie in Gänze erschlossen hatten. Die Neugier überwog, und natürlich die Vorfreude, Songs wie „Walk In The Shadows“ oder „Gonna Get Close To You“ einmal vom Originalsänger live zu hören zu bekommen.

Etwas verwundert, aber auch freudig überrascht war ich, dass die Tour nun endlich fast wie geplant stattfinden würde, inklusive beider Vorbands. Um auch ja nichts dem Zufall zu überlassen, war ich überpünktlich am Konzertort – einem meiner bevorzugten in Hamburg – und labte mich erst einmal in entspannter, angenehmer Atmosphäre an einem frischgezapften Duckstein an der zum Areal gehörenden Gastronomie (wo man anscheinend auch vorzüglich speisen kann). Der zweigeteilte Einlass – draußen 2G+-Kontrolle, innen Ticketverkauf bzw. -abriss – war professionell organisiert und ging flott vonstatten, wenngleich man sich angesichts meines alten Hardtickets verwundert die Augen rieb, warum auch immer.

Band of Brothers

Um pünktlich 18:40 Uhr eröffneten SONS OF SOUNDS aus Karlsruhe den musikalischen Abend. Drei der vier Bandmitglieder sind Geschwister, von denen der Gitarrist Fußballsachverstand bewies, indem er sich sein FC-St.-Pauli-Shirt übergezogen hatte und dafür zahlreiche Sympathiepunkte erntete. Und vor der Bühne: ich, mit nacktem Gesicht, sprich: unmaskiert. Das fühlte sich etwas seltsam, beinahe obszön an, als hätte ich den Saal mit offener Hose betreten. Verstohlen sah ich mich um, und tatsächlich: Ich war Teil einer großen Gruppe Gesichtsexhibitionisten, die Masken waren gefallen, und der Sicherheitsdienst machte keinerlei Anstalten, einzuschreiten. Es stimmte also: Die Maskenpflicht war ohne Wenn und Aber aufgehoben, es existierte auch keine Abstandspflicht mehr. Wie in Prä-Covid-19-Zeiten konnte ungehindert dem Konzertgenuss nachgegangen werden! Ich holte mir ein Bier und lauschte den Söhnen der Klänge, die nach ein paar durchwachseneren Platten vor ein paar Monaten mit „Soundphonia“ ein recht starkes Album veröffentlicht haben. Auf dieses schienen sie sich live vornehmlich zu konzentrieren, die Mischung aus melodischem Heavyrock und rockigem Metal mit viel positiver Energie machte Spaß. Sänger Morales entpuppte sich als Animateur vor dem Herrn, unternahm mit seinem Funkmikro Ausflüge ins Publikum und verstärkte den Bandsound beim einen oder anderen Song mit einer zweiten Gitarre. In Kombination mit Morales‘ kraftvollem und sicher die Töne treffendem Gesang und seiner theatralischen Gestik und Mimik erinnerte mich das Gesamtpaket mitunter ein wenig an DIO zu „Lock Up The Wolves“-Zeiten. Zugegeben, darauf kam ich, als der deutschsprachige Songs „Wolfskind“ angekündigt wurde. Gegen Ende stimmte er eine Ballade an und überraschte damit, wie er auch die leiseren, zerbrechlicheren Töne beherrscht, jedoch stellte sich dieser Part lediglich als Intro eines dann doch flotteren Songs heraus. SONS OF SOUNDS kamen sehr gut an und wurden entsprechend freundlich vom bereits zahlreich erschienen Publikum verabschiedet.

Männer können seine Gefühle zeigen

Den musikalischen Härtegrad steigerten nach verdammt kurzer Umbaupause die Australier DARKER HALF mit einer Melange aus Power-, Speed- und melodischem Thrash Metal. Aus vier Alben und zwei EPs hatte man ein gut funktionierendes Set zusammengestellt, das mir meist dann am besten mundete, wenn es flotter zur Sache ging. Sänger Vo spielte zugleich die Leadgitarre, für Bewegung auf der Bühne sorgten Bassist Simon Hamilton und der kahlgeschorene zweite Gitarrist Daniel Packovski. Beide waren unermüdliche Aktivposten und insbesondere Packovski untermalte sein Spiel mit einer derart emotionalen Mimik, dass es schien, als fühle er jeden angeschlagenen Ton bis ins Mark. Zudem suchte er immer wieder die Nähe zum Publikum. Das verstärkte die Wirkung der Musik auf mich, von der mir insbesondere „Falling“ im Ohr geblieben ist.  DARKER HALF sind eine astreine Liveband, die den Großteil der Anwesenden überzeugt haben dürfte. Geheimtipp!

Geoff’s Gonna Get Close

GEOFF TATE hatte ja mal den Ruf einer charakterlich nicht ganz einfachen Metal-Diva weg, doch während seinerzeit bei den Thrashern von DESTRUCTION ein Absperrgitter vor der Bühne angebracht werden musste, gab es hier keine solcher Sperenzien: Tate hatte kein Problem mit unmittelbarem Publikumskontakt und präsentierte sich, wie bereits 2018 im Gruenspan, als sonorer Gentleman. Allerdings musste man recht lange warten, bis er und seine Band die Bühne überhaupt betraten, offenbar wollte man 21:00 Uhr abwarten. Zumindest Teile des Publikums waren schon ungeduldig geworden, vereinzelte Pfiffe hallten durch den Kulturpalast. Dafür war der Jubel umso größer, als Tate mit einer gegenüber dem „Operation: Mindcrime“-Set von 2018 bis auf einen der drei (!) Gitarristen komplett ausgewechselten Band aus jungen internationalen Profimusikern erschien und direkt mit „Walk in the Shadows“ eröffnete. Und sofort war alles da: nicht nur die Bühnenpräsenz und Aura des Prog-Metal-Urgesteins, sondern auch seine Stimme. Die war bestens in Schuss. Irritierend war zunächst das E-Drum-Set, an das ich mich erst gegen Ende des Konzerts gewöhnen habe können, aber immerhin wurde es von einem Menschen aus Fleisch und Blut gespielt. Allerdings sah die Saitenfraktion wie eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus, und ihr Posing machte es nicht unbedingt besser: Das erinnerte mich an B-Movies aus den ‘80ern, in denen ein musikalisch ahnungsloser Regisseur eine Hardrock-Band oder das, was er dafür hielt, für ein, zwei Playback-Szenen aus Komparsen zusammencastete, in irre Klamotten steckte und beim ungelenken Bühnenacting abfilmte. Wessen Idee waren der Lederrock und die Sonnenbrille des Bassisten? Weshalb muss der eine Gitarrist ständig ach so crazy seine Zunge herausstrecken? Wer hat dem anderen Sechssaiter die zu enge Lederjacke herausgelegt?

Aber sie lieferten! Auf fast schon beängstigend perfektionistische Weise stimmte jeder Ton, spielerisch gab sich die Band keinerlei Blöße. „Walk in the Shadows“ drückt natürlich live und laut erst so richtig, und das folgende „I Dream in Infrared“ empfand ich live als wesentlich zwingender als aus der Konserve. Wenn Geoff Tate in den höchsten Tönen und mit ebenso viel Lungendruck wie Gefühl singt, liegt der Fokus ohnehin nur auf ihm. Einstieg geglückt! Das DALBELLO-Cover „Gonna Get Close To You” zählt ohnehin zu meinen Favoriten, neu bzw. für mich wiederentdeckt habe ich im weiteren Verlauf das für dieses Album ungewöhnlich schnelle und geradlinige „Surgical Strike“ sowie das ergreifend gesungene (und gepfiffene!) „I Will Remember“. Zwischendurch berichtete Geoff, dass es schon lange einer seiner Träume gewesen sei, dieses Album einmal komplett live zu performen, und davon, wie es damals von der Kritik aufgenommen worden sei: als irgendwie düster, futuristisch, grüblerisch. Mit dem Verklingen des letzten Albumtons endete dieses beeindruckend dargebotene Stück Hochkultur, das man in einer recht langen Pause zu verarbeiten Gelegenheit bekam.

Das über weite Strecken etwas luftiger und lockerer, vor allem weniger düster rockende „Empire“-Album, im Spätsommer 1990 erschienen, war ein großer kommerzieller Erfolg für QUEENSRŸCHE. Das textsicherere Publikum sang alle Refrains begeistert mit, bis noch in der ersten Hälfte plötzlich die P.A. ausfiel. Geschlossen verließen Geoff und seine Band die Bühne, während vermutlich fieberhaft an einer Problemlösung gearbeitet wurde. Nach einigen bangen Minuten ging’s glücklicherweise weiter, und weder auf die Spielfreude noch auf die Publikumsreaktionen schien der Zwischenfall spürbare Auswirkungen gehabt zu haben. Geoff griff, je nach Song, auch mal zum Schellenkranz und zum Saxophon; zwischendurch plauderte er über die Pandemie und wie er sie (mit viel Wein) überstanden habe, um mit einer amüsanten Anekdote zur Megaballade „Silent Lucidity“ überzuleiten. Nach dem letzten Song lobte er Hamburg und ging über in den Zugabenblock, der angesichts zwei durchgespielter Alben mit „Last Time In Paris“, „Take Hold Of The Flame“ und der geilsten „Queen Of The Reich“-Version, die ich jemals gehört habe, noch einmal recht üppig ausfiel. Value for money (bei ohnehin äußerst fairem Eintrittspreis)!

So endete erst gegen 23:45 Uhr eine Show, die für meinen Geschmack etwas weniger durchchoreographiert hätte sein dürfen, aber zweifelsohne über die gesamte Dauer großartige musikalische Unterhaltung bei perfektem Sound bot. GEOFF TATE in Topform – viel besser hätte meine Konzertsaison nicht eingeläutet werden können. Schwer begeistert trat ich den Rückweg an und zog mir per Mobilfon gleich noch mal das „Rage For Order“-Album rein. Ob er wohl auch einmal mit dem ersten Album und der ersten EP auf Konzerttour gehen wird…?

Cinema-Sonderband Nr. 9: Sex im Kino ’84 – Höhepunkte des erotischen Films

Sex sells – das wusste man Mitte der 1980er auch in der Redaktion der Hamburger Filmzeitschrift Cinema. Deren Sonderhefte/-bände Nummer 6 bis 9 trugen die Titel „Erotik im Film – Kino der Lüste“, „Sex im Kino ‘83“, „Sexstars“ und „Sex im Kino ’84“, um das es hier gehen soll.

Unschwer zu erkennen, handelt es sich um den Nachfolger von „Sex im Kino ‘83“, wenn auch in leicht abgespeckter Form: Auf ein Vorwort wurde diesmal ebenso verzichtet wie auf die eigenartige Kapiteleinteilung des Vorgängers, auch der Portraitteil, der sich mehr oder weniger verschiedenen Protagonistinnen und Protagonisten des erotischen Films gewidmet hatte, entfällt. Stattdessen geht es nach einem Inhaltsverzeichnis in diesem erneut 132-seitigen, großformatige Softcover-Band Schlag auf Schlag mit vermutlich nicht nur den „Höhepunkten“ des Erotikgenres, die uns der Titel verspricht, sondern schlicht allen nach Dafürhalten der Redakteure als ihm zugehörig kategorisierbaren Filmen, die 1984 (oder 1983, da nimmt man’s nicht so genau…) in den deutschen Kinos (wieder-)aufgeführt wurden. Konkret bedeutet das jedoch, dass ärgerlicherweise wieder nicht zwischen Erotik-/Softsex-Filmen und Pornos unterschieden wurde, die hier munter durcheinandergewürfelt wurden. Harmlose Komödien mit Erotik-Touch oder Fantasy-Streifen wie „Die Mächte des Lichts“ oder „Das Duell der Besten“ finden sich hier wie selbstverständlich zwischen HC-Fleischfilmen.

Jeweils ein bis sechs Seiten lang werden hier Filme wie „Erste Sehnsucht“, „Flashdance“ (!), „Sunshine Reggae auf Ibiza“, „Gwendoline“, „Das Mädchen von Triest“ und „Eis am Stiel“, Teile IV und V, vorgestellt, wobei auf allzu viel Text zugunsten großzügiger Abbildungen von Filmszenen verzichtet wird. Neben dem Jahreskatalogeffekt, über den dieses Buch verfügt und der in Zeiten von durchsuch- und filterbaren Internetdatenbanken weitestgehend uninteressant geworden ist, machen diese knackscharfen Fotos den eigentlichen Reiz des Buchs aus, das damit aber zu nicht viel mehr als einem Bildband degradiert wird. Beim überwiegenden Teil der Texte handelt es sich nämlich um keine Rezensionen oder gar kritische Reflektionen, sondern lediglich um knappe Inhaltsangaben inklusive hin und wieder einem wertenden Adjektiv. Diese werden um ein paar Stabangaben ergänzt, bei denen diesmal nicht einmal die Produktionsjahre angegeben werden.

Seltsamerweise finden sich auch hier wieder Einträge, die sich nicht verifizieren lassen: In keiner Datenbank habe ich Filme wie „Patricia – Das süße Früchtchen“ (Regie: angeblich Raymond Lewin) oder „Ein Sommer voller Liebe“ (Alba Gran) finden können. Aus Walter Molitors Porno „Supergirls for Love“ macht man „Supergirls in 3-D” und gibt als Regisseur einen Amato Beceli an. Kritische Worte findet man immerhin zum von der Fassbinder-Crew gedrehten Exploitationfilm „Insel der blutigen Plantage“, um nur ein paar Seiten weiter bei der Inhaltsangabe zu „Das Frauenlager“ gleichgeschlechtliche Beziehungen in einem Atemzug mit Brutalität, Misshandlungen, Vergewaltigungen und einigem negativ Konnotierten mehr zu nennen. Puh. Apropos: Auffallend ist die relativ hohe Anzahl an Frauengefängnisfilmen, die offenbar seinerzeit ins Kino drangen.

Viel mehr Erkenntnisse lassen sich diesem kruden Sonderband jedoch nicht entnehmen, sodass ich mein Fazit zum Vorgänger mit angepasster Jahreszahl wiederholen kann: Als hübsches Bilderbuch goutierbar, als journalistisch-kritische Reflektion des Themas Sexualität im Kinojahr 1984 hingegen vollkommen ungeeignet.

Frank Schäfer – Talking Metal: Headbanger und Wackengänger. Die Szene packt aus

Nachdem sich der Braunschweiger Dr. phil. Frank Schäfer in „Rumba mit den Rumsäufern. Noten zur Literatur“ dem Literaturbetrieb gewidmet hatte, spürte der Autor, Journalist und ehemalige Musiker im 2011 im Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf veröffentlichten „Talking Metal“ wieder seiner zweiten großen Leidenschaft nach: dem Hardrock und Heavy Metal.

Über rund 270 gebundene Seiten zwischen zwei festen Deckeln im illustrierten Schutzumschlag erstrecken sich diesmal keine Essays oder Rezensionen, sondern Interviews mit 15 Protagonistinnen und Protagonisten der Szene. Vom Produzenten und ehemaligen HEAVEN‘S-GATE-Gitarristen Sascha Paeth und der CRIPPER-Sängerin Britta Görtz über den Musikwissenschaftler Dietmar Elflein, den Metal-aus-Ostdeutschland-Kenner Christian Heinisch, den Radiomoderator Jakob Kranz und den Bandlogo-Gestalter Christophe Szpajdel bis hin zum Online-Rezensenten Björn von Oettingen, dem Roadie Henrik Schwaninger, dem A&R-Manager Markus Wosgien und dem Verleger Matthias Mader, nicht zu vergessen dem Buchautor Matthias Penzel, dem Coverkünstler Axel Hermann, dem Wacken-Open-Air-Chef Thomas Jensen oder dem Printredakteur Götz Kühnemund, reicht das ebenso überraschend wie angenehm breite Spektrum, das das Buch abdeckt.

So erhält man also Informationen aus erster Hand sowie zahlreiche Einblicke hinter die Kulissen des metallischen Teils des Musikgeschäfts und der headbangenden Subkultur. Die jeweils mit einer Vorstellung und Einordnung des jeweiligen Gesprächspartners respektive der Gesprächspartnerin eröffnenden Interviews sind weniger klassischer Natur wie beispielsweise in Musikzeitschriften, sondern wesentlich ausführlicher und entwickeln sich meist zu Gesprächen, bisweilen gar Diskussionen, auf Augenhöhe. Dietmar Elflein wird von Schäfer zuweilen gar in Grund und Boden gequatscht, bevor es dann etwas arg musiktheoretisch wird. Im Gespräch mit Britta Görtz geht Schäfer u. a. Fragen nach Ungleichbehandlung aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit nach, was 2011 noch nicht allgegenwärtig oder gar en vogue war. „Ostbeauftragter“ Christian Heinisch spielt bei GORILLA MONSOON, hat eine Diplomarbeit über Heavy Metal verfasst und ist etwas zu jung, um noch den Metal zu DDR-Zeiten erlebt zu haben, kann über die Nachwendezeit aber berufen aus dem Nähkästchen plaudern. Im Gespräch mit dem Roadie Henrik Schwaninger irrlichtern beide Gesprächspartner ein bisschen bei der Definition von Speed Metal, aber Schäfer fordert ihn auch mit ein paar Spitzen heraus und versteht es, möglichst konkrete Antworten zu seinem Beruf aus ihm herauszukitzeln.

Schwer irritiert hat mich, was von Oettingen, Mitarbeiter einer Promo-Agentur und Betreiber des Online-Fanzines „Metalglory“, aus seinem Alltag berichtet. Das klingt alles eher danach, wie man es gerade nicht machen möchte bzw. sollte, nämlich nach purem Stress, der mit Musikgenuss oder Spaß am Schreiben und Rezensieren nicht mehr viel gemein zu haben scheint. Himmel! Oder vielmehr: Hölle! Ernüchternd auch das Gespräch mit Szene-Schreiberling Matthias Mader, hier in erster Linie in seiner Eigenschaft als Verleger metallischer Bücher mit dem Iron-Pages-Verlag. Dass es derart schwierig ist, mit Metal-Literatur höhere Absatzzahlen zu erreichen, hätte ich nicht gedacht. Das Gespräch mit A&R-Manager Markus Wosgien entbehrt leider jeder Kritik an von seinem Label gehypten Dünnbrettbohrern wie SABATON – da wäre es sicher interessant gewesen, einmal zu fragen, inwieweit Szenegroßlabels mit dem gezielten Pushen bestimmter Bands eigentlich Einfluss auf die Szenelandschaft nehmen. Auch dem Wacken-Häuptling hätte man gern mit ein paar kritischeren Fragen auf den Zahn fühlen dürfen, Ansätze gäb’s genug. Und wie sehr Penzel ausgerechnet die 1990er-Dekade abfeiert, ist im Metal-Bereich sicherlich eher ungewöhnlich.

Gewohnt gut aufgelegt ist der damalige Chefredakteur des Rock-Hard-Magazins und heutiger Böss des Deaf Forever, Götz Kühnemund, mit dem Schäfer übers Altern im Metal plaudert, wobei Götz zahlreiche Fußballvergleiche anstrengt. Dokumentiert ist hier auch, dass Judas Priest damals als nicht unbedingt in Würde gealtert galten (was sich längst wieder geändert hat). Es gibt in diesem Schmöker noch weit mehr zu entdecken, beispielsweise das letzte Kapitel, in dem Schäfer mit seinem Alter Ego Fritz Pfäfflin in Klausur geht, sich also selbst interviewt. Diesen Kunstgriff nutzt er u. a., um sich hinsichtlich der Auswahl der Gesprächspartner(innen) zu erklären und so ganz nebenbei noch eine Rezension des ANVIL-Albums „Juggernaut of Justice“ ins Buch zu schmuggeln.

Schäfers leidenschaftliches, ehrliches Interesse beschert eine Vielzahl angenehm zu lesender Gespräche, die auch für jemanden wie mich, der seit zig Jahren mehrere Musikzeitschriften aus dem härteren Sektor im Abo hat, einige neue Erkenntnisse, interessante Perspektiven und streitbare Ansichten vermitteln, gerade weil der Fokus nicht auf Musikerinnen und Musiker gerichtet ist. Irgendwo hat sich ein „Gravedigger“ (statt GRAVE DIGGER, Digger!) eingeschlichen, und weshalb der Verlag wie bereits für Schäfers „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“ auf Lemmy Kilmister fürs Cover zurückgriff, obwohl auf S. 64 festgestellt wird, dass jener mit Metal gar nicht so viel zu tun habe, erschließt sich einem erst, wenn man Maders Ausführungen zu Buchverkaufszahlen gelesen hat. Das ändert aber nichts am positiven Gesamteindruck, der mir das Gefühl vermittelt, dass „Talking Metal“ vielleicht tatsächlich gleichermaßen für Szenekenner wie für Außenstehende, die etwas über die Szene abseits von Bandporträts erfahren möchten, geeignet ist.

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