Günnis Reviews

Monat: August 2025

M. Choquet / Y. Coulon / J. Erbin / J. Bastide / P. Fenech – Idefix und die Unbeugsamen, Band 1: Römer müssen draußen bleiben

Kleiner Hund ganz groß

Das ursprünglich vom „Asterix“-Duo René Goscinny und Albert Uderzo ersonnene Hündchen, das man als treuen Begleiter Obelix‘ kennt, erhielt im Jahre 2021 eine eigene Animationsserie im TV, deren Episoden man im Jahr darauf für diese Spin-off-Reihe in Comicform zu adaptieren begann, anscheinend zunächst im Taschenbuchformat. Diese Neuauflage des ersten, drei Geschichten umfassenden Bands ist 2024 als 52-seitiges Softcover-Album im Egmont-Ehapa-Verlag erschienen.

Die Geschichten drehen sich nicht nur um Idefix, sondern um ein ganzes Ensemble, das zu Beginn wie in den „Asterix“-Comics vorgestellt wird. Neben Idefix zählen Turbine, die schnellste Hündin Lutetias, Dertutnix (genial!), der Muskelprotz von einer Bulldogge, Sardine, die streunende Katze, Weißnix, der Uhu, und Astmatix, der alte Täuberich und Kriegsveteran dazu. Die Geschichten spielen nicht im berühmten gallischen Dorf, sondern im Jahre 52 v. Chr. im von Römern besetzten Lutetia, also dem antiken Paris.

„Lawines Bällchen“ handelt von einem besonderen, antiken Ball, der dummerweise bei der Römerkatze Monalisa landet und durch seine Sprungeigenschaften manche Kettenreaktion auslöst. Auffallend ist, dass sowohl in Idefix‘ Clique als auch bei den römischen Hunden – und ihrem Herrchen natürlich – die eigentliche Chefin jeweils eine Katze ist. „Die Hicks-Epidemie“ enthält eine popkulturelle Anspielung auf Klaus Lages Evergreen „1000 und 1 Nacht (Zoom!)“, bei aller Feindschaft Hinweise auf die Fortschrittlichkeit der Römer und etwas albernen Slapstick-Humor, wenn auch mit lehrreicher Aussage. Gegen die Schluckauf-Epidemie suchen sow0hl die Römer als auch städtische Gallier den Druiden im Wald. Weitere bekannte Figuren aus dem gallischen Dorf finden am Rande statt. In „Ein Lied für Labienus“ haben es die Römer auf den aufmüpfigen, Protestlieder singenden Barden Grautvornix abgesehen, den die Unbeugsamen befreien müssen – mein Favorit dieses Bands.

In allen drei Geschichten kriegen die Römer ihr Fett weg, wobei der Humor kindlicher als der der „Asterix“-Mutterreihe ist und sich offenbar an eine jüngere Zielgruppe richtet. Insofern dürstet es mich jetzt auch nicht unbedingt nach der Fortsetzung, wenngleich die sich mühelos auf die Gegenwart oder jüngere Geschichte übertragen lassenden Versatzstücke der Geschichten durchaus Spaß machen. Bastide und Fenech beherrschen den grundsätzlich von Uderzo vorgegebenen französischen Funny-Stil perfekt und die drei- bis vierzeilige Panelstruktur bleibt stets übersichtlich und klar, aber variabel bei der Panelgröße. Die hübsch bunte Koloration und das sich an klassischen Comic-Handschriften orientierende, saubere Lettering entsprechen aktuellen Ansprüchen.

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik – „Keine Gewalt!“ Stasi am Ende – die Demonstrationen im Herbst ‘89

Ein letztes Mal er hier: „Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, kurz: BStU, von 2011 bis zum Schluss in Person: Roland Jahn, hat zahlreiche Publikationen zum Thema Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR herausgegeben – einige entgeltlich, andere gratis. Mit drei der Gratispublikationen habe ich mich hier bereits auseinandergesetzt. Die vierte und letzte, die auf mein Interesse stieß, war dieser 134-seitige, großformatige Softcover-Band, der ursprünglich im Jahre 2014 erschien. Mir liegt die zweite, veränderte Auflage vor, die ein Jahr später herausgegeben wurde. Wie die anderen Bände auch, besteht sie vornehmlich aus MfS-Aktenauszügen auf Hochglanzpapier.

Strukturiert werden die Akteneinsichten in die chronologisch aufeinander aufbauenden Bereiche „Volksfest ,40 Jahre DDR‘“, „,Oppositionelle Sammlungsbewegungen‘“, „Demonstrationen überall“ und „Der 4. November 1989“. Zwar heißt es gleich auf der ersten Inhaltsseite, dass man die gesammelten Auszüge weder deute noch interpretiere, was jedoch nicht bedeutet, dass man in einem allgemeinen sowie vier Kapitelspezifischen Vorworten keine historischen Einordnungen vornehmen würde. Diese wird natürlich aus Sicht des konkurrierenden, wenn man so will als Gewinner hervorgegangen Systems vorgenommen. Das kapitelübergreifende dreiseitige Vorwort ist noch recht fair geschrieben, in der Einführung zum ersten Abschnitt „Volksfest ,40 Jahre DDR‘“ wird Egon Krenz‘ deeskalierendes Einwirken auf die Sicherheitsorgane bezüglich der Demonstration am 9. Oktober jedoch mit keiner Silbe gewürdigt.

Die Aktenauszüge dokumentieren den Umgang des MfS mit den Demonstrationen und dem immer selbstbewusster von immer größeren Teilen der Bevölkerung geäußerten Unmut auf anschauliche wie in großen Teilen entlarvende Weise. Laut dem auf S. 23 abgedruckten Bericht sollen die Westmedien schuld gewesen sein, womit man jegliche Eigenverantwortung von sich wies. Eine Seite weiter ist besonders interessant, was so alles als „Hetzlosungen“ verstanden wurde: „Wir bleiben hier“, „Freiheit und Demokratie jetzt“…? Die Bewertungen der Ereignisse durch das MfS in Form interner Schreiben suggerieren, ein reformierter, humaner Sozialismus – und um nichts anderes ging es anfänglich – sei ein fürchterliches Sakrileg. Aus dem MfS zugespielten (und somit aktenkundig gewordenen) Erlebnisberichten und Gedächtnisprotokollen geht zudem hervor, was für – ich kann es nicht anders formulieren – Bullenschweine auch die DDR herangezüchtet hatte, die zu Brutalität und an Folter grenzende Maßnahmen griffen. Ab dem 9. Oktober hielt man sich zum Glück zurück.

Ebenfalls abgedruckt sind Resolutionen der Demonstrierenden im Originalwortlaut sowie Demoaufrufe. Als authentische Quelle lesenswert ist auch das Stasi-Protokoll über eine Diskussionsveranstaltung der Berliner Theaterschaffenden vom 15. Oktober, die sich ebenfalls klar zum Sozialismus bekannten. Gregor Gysi bot sich als Demoanmelder und als Strafverteidiger gegen die Polizei an und verurteilte deren Brutalität. Weitere Schriftstücke dokumentieren den Umgang mit der oppositionellen Sammelbewegung Neues Forum und die perfiden Versuche der „Durchdringung“ derselben. Anhand des Abschnitts „Demonstrationen überall“ lässt sich dann nachvollziehen, dass eine Massenbewegung daraus wurde, die Krenz und der SED misstraute. Altbekannte Stasitöne wechseln sich nun mit moderateren ab und die Partei kam mit den Bürgerinnen und Bürgern endlich wieder ins Gespräch. Die Großdemo-/Kundgebung vom 4. November ist hier ebenso ausführlich dokumentiert wie Krenz‘ erneuter Befehl zur Friedlichkeit der Sicherheitsorgane vom 1. November, sodass sich ein realistisches Bild ergibt.

Das sich auf lediglich eine Buchseite beschränkende Nachwort ist dann leider arg verknappt, erwähnt mit keinem Wort die unrühmliche Rolle der CDU im Wahlkampf mit ihren leeren Versprechungen oder wie aus der Revolution zumindest in Teilen eine reaktionäre Konterrevolution geworden war. Nichtsdestotrotz ist es interessant, die damaligen Ereignisse über authentische Dokumente aus MfS-Sicht nachzuvollziehen. Die handschriftlichen Berichte sind schwer zu lesen, gegenüber den mit Schreibmaschine verfassten aber deutlich in der Minderheit. Diverse Fotos der damaligen Ereignisse lockern die „Akteneinsicht“ etwas auf. Eine solche bietet auch interessante Einblicke, wie Geheimdienste allgemein so arbeiten – was nicht immer sonderlich vertrauenserweckend ist.

P.S.: Der unbedruckte Buchrücken nervt auch hier und erschwert das Wiederfinden im Regal.

09.08.2025, Gaußplatz, Hamburg: MALAKOV + 16.08.2025, Balduintreppe, Hamburg: HOBBY AUF’M DORF auf’m ELBDISHARMONIE-Festival

In aller Kürze: Nach einem aufregenden Fußballspiel des AFC, das 4:4 endete, hatte ich mich noch auf ein Bierchen auf den Gaußplatz mitschnacken lassen, wo gerade die Vorbereitungen der 3×60-Sause liefen: Drei Bewohner feierten ihren 60. Geburtstag, weshalb gallonenweise Freibier kredenzt und drei Bands auf die Open-Air-Bühne eingeladen wurden: HOBBY AUF’M DORF, BOMBE und, als einzige auswärtige Band, MALAKOV aus Braunschweig und Gelsenkirchen. Es war gerade erst mit dem Soundcheck begonnen worden und nach dem Pils musste ich erst mal wieder los. Am Abend dinierte ich mit meiner wesentlich besseren Hälfte erst einmal in einem nahegelegenen Burger-Restaurant, woraufhin wir gemeinsam wieder den Platz aufsuchten. Dort waren die ersten beiden Bands gerade durch (womit ich HOBBY AUF’M DORF zum wiederholten Male verpasst hatte), aber immerhin standen MALAKOV noch auf dem Plan. Die sahen wir somit zum dritten Mal, alle drei Male an exakt diesem Ort und zuletzt erst vor wenigen Wochen auf dem Gaußfest. Der HC-Punk mit durchdacht klingenden deutschen Texten drückte wie gewohnt gern aufs Gaspedal und war dann fast am geilsten, wenngleich die Band, wie aufgrund des sehr guten Sounds herauszuhören war, beim schnellen Zusammenspiel ein, zwei Mal aus der Kurve zu fliegen drohte. Fast am geilsten, weil der memorabelste Song mit seinem hypnotisch-repetitiv vorgetragenen „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen“ und seinem irgendwie psychedelischen Einschlag im die Lead-Gitarre stärker herausfordernden Stil unser persönlicher Höhepunkt des Gigs war. Zwischendurch gab’s eine Kümmerling-Trinkpause mit den Geburtstagskindern und am Schluss wurde Jubilar Tauber auf die Bühne geholt, der den letzten Song sang. Die Stimmung war natürlich gut, wenngleich es aufgrund des etwas privateren Rahmens nicht so voll wie auf den Gaußfesten war, und das Wetter spielte erfreulicherweise wieder mit – in diesem Sommer ja keine Selbstverständlichkeit. Anschließend waren wir allerdings so müde und kaputt von einer anstrengenden Woche und einem ereignisreichen Samstag, dass wir uns nach Hause verdünnisierten.

Elbdisharmonie-2025-FlyerBereits zum 14. Mal fand das ELBDISHARMONIE-Gratis-Soli-Open-Air an der Balduintreppe in Hafennähe statt, dessen Einnahmen stets einem guten Zweck zugutekommen. Da war ich ja ewig nicht mehr. Ich erinnere mich, dass ich irgendwann nicht mehr so recht von der Bandauswahl überzeugt gewesen war und das Festival in den Folgejahren regelmäßig während meines Sommerurlaubs über die Bühne ging, wo ich mal hier, mal dort, aber nie in Hamburg weilte. Beides war diesmal anders, nur hatte ich diesmal eigentlich gar keine Zeit. Boah ey…

Trotzdem schaffte ich’s, mich am frühen Nachmittag für eine rund einstündige Stippvisite loszueisen – und hatte Glück: HOBBY AUF’M DORF, die das Festival eröffnen sollten, hatten gerade erst angefangen. So kam ich nach mehreren verpassten Gelegenheit endlich einmal dazu, mir dieses noch frische und enorm spielfreudige Trio aus dem Bauwagen-Milieu anzusehen. Auf, hinter und vor der Balduintreppe, an der sich auch die Szenekneipen Onkel Otto und Ahoi befinden, war schon reichlich buntes Volk anwesend und je weiter man sich der Bühne näherte, desto besser und druckvoller war der Sound. Gitarristin Julia hat erst vor eineinhalb Jahren mit dem Gitarrespielen angefangen und auch der Drummer ist ganz neu an seinem Instrument, wodurch der Bassist insbesondere dann heraussticht, wenn er seinen Viersaiter wie eine Leadgitarre einsetzt. Das ist im simpel gehaltenen Oldschool-Pogopunk nicht unüblich, dem sich eben auch HOBBY AUF’M DORF von Mid- bis Uptempo und mit deutschsprachigen Texten verschrieben haben. Julia ist mit ihrer kratzigen Stimme für den Gesang prädestiniert, teilt sich diesen aber vor allem mit dem Basser. Beim Sauflied gegen Ende sang auch der Drummer mit. Vorm Anti-Autobahn-Song gab’s ‘ne Umweltschutzansage Julias, die auch um den Erhalt des „Völli“-Waldgebiets erfolgreich mitgekämpft hatte und in solchen Fragen generell engagiert ist. Die Band machte einen sehr souveränen Eindruck auf der Bühne und kam so sympathisch wie authentisch rüber, weshalb sie folgerichtig zu ‘ner Zugabe genötigt wurde. Kurzerhand spielte man „Blutrausch“ noch einmal, weil er beim ersten Versuch wohl nicht ganz rund gelaufen war. Vielversprechende junge Band, die schön kräftige Chöre wie beim Erkennungssong „Hobby auf’m Dorf“ von mir aus gern öfter einsetzen dürfte und die ich bestimmt bald mal wiedersehen werde.

Zwischen den insgesamt sieben Acts unterschiedlicher Musikrichtungen (also beileibe nicht nur klassischer Punk) wurde auf der Treppe wieder vom CLUB27, teils freestyle, gerappt, zudem Bands angesagt und Informationen zu Sinn und Zweck des Festivals vermittelt. Ein ganz klein wenig Zeit hatte ich noch, sodass ich den BOLZEN-HÖXTER-Soundcheck noch mitbekam. Die laut Festivalinfo „Anarcho-Pop-Punk“-Band sah mit ihren albernen Perücken und ihrer Instrumentenwahl irgendwie anstrengend aus, die erste Nummer klang dann aber gar nicht verkehrt. Sahen auch andere so, beispielsweise die beiden, die mich beim Fotografieren links und rechts unterhakten und Ringelreihen mit mir tanzten – dankenswerterweise in beide Richtungen, sodass mir nicht schwindelig wurde… Dann musste ich aber los und verpasste u.a. POOLHEAD, deren Surfsound ich mir unter anderen Umständen gern gegeben hätte, die auf Platte gar nicht uninteressant klingenden Folkpunks GRIPS UND SCHADEN und SLACKERS-Mitglied VIC RUGGIERO, der, so erzählte man mr anschließend, zahlreiche populäre Songs auf Zuruf gecovert habe, bevor UDO BUTTER & DAS TEAM mit einem wilden Stilmix den endgültigen Abriss besorgt hätten. Ich sollte mir das ELBDISHARMONIE wohl mal wieder vormerken…

ELBDISHARMONIE im Netz:
https://elbdisharmonie.de/

René Goscinny / Albert Uderzo – Asterix, Band 32: Asterix plaudert aus der Schule

Dieser ursprünglich im Jahre 2003 erschienene Sonderband der französischen Comic-Reihe um die aufmüpfigen Gallier zu Zeiten des Römischen Reichs wurde erst nachträglich mit der Nummer 32 versehen und somit zwischen die regulären Bände eingereiht. Ich bekam die dritte und erweiterte Neuauflage geschenkt, die eine weitere Kurzgeschichte enthält. Denn darum geht es hier: Die neben den albenfüllenden Abenteuern entstandenen Kurzgeschichten zu kompilieren und kommentiert dem Asterix-Publikum näherzubringen. Statt der üblichen rund 50 Seiten umfasst dieses Softcover-Album über 60, wodurch die comicfreien Einleitungen nicht so stark ins Gewicht fallen.

In einem Onepager begrüßt Majestix die Leserschaft in einer Art Pressekonferenz; die erste reguläre Geschichte ist „Der gallische Schulanfang“ vom 6. Oktober 1966, in der Asterix und Obelix über zwei Seiten renitente gallische Kinder einfangen und in die Schule schleifen müssen – wo Obelix aufgrund seines mangelndes Allgemeinwissens am Ende ebenfalls landet. „Die Geburt von Asterix“ wurde im Oktober 1994 anlässlich des 35-jährigen Asterix-Jubiläums erstveröffentlicht und lüftet auf vier Seiten das Geheimnis um die Geburt der beiden berühmtesten Gallier. 1977 versuchte man, auf dem US-Markt Fuß zu fassen, wofür, um die Yankees mit den Gallien vertraut zu machen, ein Dreiseiter für den „National Geographic“ entwickelt wurde, der sogar in Frankreich lange unbekannt war. Im Schnelldurchlauf macht „Im Jahre 50 v. Chr.“ mit dem Dorf und seinen Bewohnern vertraut, ein Musterbeispiel für Kompaktheit.

Bisher gänzlich unveröffentlicht war die fünf Seiten umfassende Geschichte „Kokolorix, der gallische Hahn“, die ganz dem Hahn im Dorf gewidmet sind. Dieser muss sich und seine Hühner gegen das römische Wappentier, einen Adler, verteidigen, und bekommt dabei Hilfe von Idefix. Ein Kleinod, in dem Asterix und Obelix nur am Rande stattfinden und das die Kraft solidarischer Zusammenarbeit herausstellt. Die zwei Seiten „Neujahr unterm Mistelzweig“ vom 7. Dezember 1967 waren ein kleines Weihnachtsspezial, das Obelix‘ heimliche Liebe zu Falbala humorig aufgreift. „Mini, Midi, Maxi“ erschien am 2. August 1971 in der französischen Frauenzeitschrift „Elle“ und karikiert das Geschlechterverhältnis, indem die Geschichte auf nur zwei Seiten einen Streit zwischen zwei Frauen zu einer Massenkeilerei der männlichen Dorfbewohner eskalieren lässt.

Einer der Höhepunkte ist „Asterix, wie Sie ihn noch nie gesehen haben…“ vom 11. Dezember 1969, in der Goscinny und Uderzo drei Seiten lang verschiedenste Kritik an ihren Asterix-Comics persiflierend aufgreifen, u.a. indem Zeichner Uderzo den Stil unterschiedlichster Zeichnerkollegen imitiert. Köstlich! Auf den 25. Oktober 1986 datiert der vierseite Comic „Olympiade in Lutetia“, der Teil der (letztlich erfolglosen) Pariser Bewerbung um die Olympischen Spiele 1992 war und in der Lutetia sich gegen Rom durchsetzen muss. Die Geschichte verbindet augenzwinkernd die Antike mit dem modernen Paris.

Auf zwei Seiten bringt es „Der gallische Frühling“ vom 17. März 1966: Der personifizierte Frühling muss sich gegen den nicht kampflos abtreten wollenden Winter durchsetzen, was nach zwei Seiten auch gelungen sein wird. „Das Maskottchen“ aus dem Juni 1968 wurde ursprünglich für ein Informationsblatt einer Stadtverwaltung entwickelt und komprimiert, wenn ich das richtig verstanden habe, die Ereignisse aus „Asterix der Gallier“, um sie mit der Einführung des Hündchens Idefix auf nur vier Seiten zu verweben. „Latinomanie“ ist ein auf eine Seite passender spaßiger Kommentar zum Bohei um in die Sprache Einzug haltende Anglizismen, umgemünzt aufs antike Gallien, das immer mehr lateinische Ausdrücke verwendet – ohne dass dies den Bewohnern zwingend bewusst wäre. Etwas Besonderes ist auch „Obelisc’h“ aus dem Februar 1973, eine fünfseitige Geschichte, in die Goscinny und Uderzo sich selbst als Protagonisten hineinzeichneten und sich auf einen Nachkommen Obelix‘ in der Gegenwart treffen lassen. Beide treten auch in „Die Geburt einer Idee“ auf, eine einzelne, aber umso witzigere Seite, die in ihrer Verballhornung des inhaltlichen Gehalts von Comics (bzw. der Außensicht wenig comicaffiner Menschen darauf) exakt so auch aus „Mad“ stammen könnte und vielleicht mein humoristischer Höhepunkt des Albums ist.

„ABC-Schütze Obelix“ aus dem Mai 2004 schlägt gewissermaßen eine Brücke zur ersten Geschichte: Obelix will Lesen lernen, weil Falbala ihm geschrieben hat. Das sind ebenso amüsante wie pädagogische drei Seiten, die vermitteln, weshalb es von Bedeutung ist, lesen zu können.

Dieser Asterix-Band, ob nun als Sonderband oder als Nummer 32 betrachtet, bietet die übliche aufgeräumte Panelstruktur und tolle bunte Kolorierung des gewohnt großartigen frankobelgischen Funny-Stils, die schöne, an Handletterungen angelehnte Schriftart in den Comics und die Einleitungen im Schulheft-Design. Eine liebevoll editierte Erweiterung der Sammlung oder auch eine willkommene Abwechslung zu den sonst üblichen albumfüllenden Geschichten, die zudem viel Hintergrundwissen transportiert und einen Eindruck von der Bedeutung Asterix‘ innerhalb der französischen Populärkultur vermittelt.

Kevin Richard Russell – Circvs Maximvs

Da saßt du also, „Stimme aus der Gosse“, Sänger der vermutlich erfolgreichsten deutschsprachigen Rockband, Identifikationsfigur, Seelentröster und Vorbild für so viele, Beweis dafür, dass man’s auch nach oben schaffen kann, wenn man von ganz unten kommt, Mutmacher, dazu Zeichen- und Tattoo-Künstler. Da saßt du also, ehemaliger Schläger, polytoxikomaner Hardcore-Junkie und Alki, wegen dem sich jene Band einst auflöste, der du die Verantwortung für sein eigenes Lebens einst komplett aufgegeben und sogar beinahe zwei andere Menschen das Leben gekostet hattest, als du knüppelvoll mit Drogen als rasende Apotheke einen Unfall auf der Autobahn verursachtest, du, Ex-Knacki und Ex-Klapskalli. Da saßt du, Kevin Russell, seit etlichen Jahren clean, wie es wohl kaum noch jemand für möglich gehalten hatte, und wieder mit deiner Band aktiv, also, um deine Autobiographie niederzuschreiben. Eine Art Selbsttherapie: von der Seele schreiben, veröffentlichen, abgeben. In Form dieses Buchs aber auch anbieten: Hier, das bin ich, take it or leave it.

Und so saß ich, in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre vom Metal kommend in der Pubertät bei den Onkelz und Nirvana gelandet und von dort aus zum Punk weitergetorkelt, da also mit diesem im Oktober 2023 erschienenen Klopper von Buch, 33,5 x 25 x 5 cm groß, fast vier Kilo schwer, rund 500 Seiten stark mit eingewobenem Lesezeichen, Goldkante und Pappschuber im Eigenverlag veröffentlicht. Drunter machst du’s nicht. Zum Nebenherlesen in Bus und Bahn gänzlich ungeeignet, die Klolektüre verbietet sich ohnehin. Für diesen Wälzer muss man sich bewusst Zeit nehmen, zu Hause, im Lesezimmer. Und die nahm ich mir. Praktischerweise ist das Buch in viele einzelne Kapitel unterteilt, die ihm Struktur verleihen und der abschnittsweisen Lesbarkeit entgegenkommen. Der Lesbarkeit zuträglich ist ferner die große Schrift, die die Ausmaße dieses Schinkens etwas relativiert. Zahlreiche zuvor unveröffentlichte Fotos aus deinem Privatarchiv wurden großzügig eingearbeitet, darunter sehr intime. Vielleicht würde ich durch diese Lektüre ja erfahren, wer du, Sohn eines Briten und einer Hamburgerin, den ich nur als Sänger der Böhsen Onkelz (ok, und von Veritas Maximvs) kenne und um den sich die wildesten Gerüchte und Geschichten ranken, wirklich bist. An meinen gewonnenen Eindrücken lasse ich die Leserschaft meines kleinen Blogs gern teilhaben:

Einleitend beschreibt Kevin seine Faszination fürs Römische Reich und vermittelt einen Eindruck seiner Belesenheit zu diesem Thema, das fortan vor allem in Form von Metaphern immer wieder aufblitzen wird. Von diesem seinem Interesse und seinem Faible für antike Bücher wusste ich tatsächlich schon aus irgendeinem alten Interview, woraufhin sich damals in meinem Kopf ein Bild geformt hatte, wie er in seinem Haus in Irland im Sessel vorm Kamin mit so’ner alten Schwarte auf dem Schoß sitzt. Dass sein Leben seit besagtem Interview dann doch etwas anders verlaufen sollte, auch davon wird dieses Buch künden. Später. Zunächst einmal gibt es einen Abriss zu seinen Ahnen; ins Thema Onkelz steigt er direkt mit dem Gig im Vorprogramm der Rolling Stones ein, nach dem beschlossen worden war, die Band aufzulösen. Auch dazu später mehr, denn von nun an geht er, ausgehend von seiner Kindheit, grob chronologisch vor: das erste Telefon in der Familie, wie der kleine Kevin fasziniert die Mondlandung in der neuen Schwarzweiß-Glotze verfolgt, wie er auf dem Bolzplatz fußibufft. Diese Zeilen muten wie ein Zeitporträt an und sind anheimelnd geschrieben – zunächst. Schon bald geht’s ans Eingemachte und man muss kein Psychologe sein, um zu erahnen, wie sehr dies ihn geprägt hat: Von seinen auf die Leserinnen und Leser sadistisch anmuten müssenden Eltern wird er regelmäßig misshandelt, in der Schule ebenso, mit sechs Jahren wäre er wegen einer falsch behandelten Salmonellenvergiftung fast abgenippelt. Dies hat ihn doppelt traumatisiert, psychisch wie physisch. Von da an war er kränklich und hatte entsprechend viele Schulfehlzeiten, in denen er aber seine Lesesucht entwickelte. Ja, die erste Sucht war eine positive. Mit zehn, elf Jahren aber fängt er im Partykeller seiner Eltern zu saufen an. Seine Mutter entwickelt ein Alkoholproblem und beginnt, die Kinder zu vernachlässigen. Bald müssen sich die Kinder um sie kümmern statt umgekehrt.

Als horizonterweiternd erweist sich ein Urlaub in Kenia. Auf weitere traumatische Erlebnisse (es kam aber auch immer dicke…) folgt der Umzug nach Hösbach, wo er Stephan und Pe kennenlernt, mit denen er kurz darauf die Band gründet. Er beschreibt, wie er sich gewalttätig gegenüber seinem größeren Bruder behauptete, ohne jedoch zuvor erwähnt zu haben, dass dieser ihn tyrannisiert hatte – hätte den Kohl wohl auch nicht mehr fettgemacht. Traurigerweise sei Kevins erste wirkliche Liebe auch seine letzte gewesen. Das in einem Song seiner Band besungene Terpentin habe er tatsächlich gesoffen.

„Wenn ich mich heute erinnere, grenzt es schier an ein Wunder nicht schon in dieser frühen Phase meines Lebens ins Irrenhaus eingeliefert worden zu sein, oder ein Bad im Jordan genommen zu haben.“

Auch die Ausbildung zum Schiffsmechaniker war, ähnlich wie während Onkelz-Gitarrist Gonzos Seefahrerzeit (vgl. dessen Biographie), von heftiger körperlicher Gewalt auf See geprägt. Ins Schwärmen gerät Kevin, wenn er an die Natur und die Wunder, die er als Matrose erlebte, zurückdenkt. Sehr anschaulich schildert er die Episode, wie er auf einer Überfahrt in Lebensgefahr geriet und wohl mehr als nur Glück hatte. Interessanterweise schien er in seiner provisorischen, temporären Rolle als Smutje voll aufzugehen. Er wurde dann aber doch lieber Tätowierer, nachdem er sein zeichnerisches Talent wiederentdeckt hatte. Er zieht in die berüchtigte Weberstraße 28 in Frankfurt, wo er sich kräftig Alk und verschiedene Drogen reinpfeift, und schlägt im wahrsten Wortsinn eine Karriere als Straßenschläger ein. Eigene Gewaltexzesse schildert er in aller Drastik, woraufhin er sich bei seinen Opfern entschuldigt. Angesichts seiner Schilderungen völlig entfesselter, ekelhafter Gewaltorgien musste ich schlucken und das Buch erst einmal beiseitelegen.

Einerseits ist es das miese alte Spiel, wie man es von Menschen, die auf die schiefe Bahn gerieten, in Variationen und mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt immer wieder zu hören bekommt: Eine elterliche Bezugsperson geht quasi flöten und kehrt das Verhältnis um: Noch als Kind muss er beginnen, sich um seine Mutter zu kümmern. Zu allem Überfluss war der Vater damals ein gewalttätiger Tyrann, was Kevin dann gewissermaßen reproduziert. Andererseits fällt es schwer, nachzuvollziehen, dass er aus den Erfolgen, die er feiert – Durchsetzen auf Frankfurts harten Straßen, bemerkenswerte Band am Start, ausgeprägtes Gesangstalent für diese Musik, talentierter Zeichner, als Matrose die Welt kennengelernt, krasse Sachen er- und überlebt, sein Kochtalent entdeckt, nun gutes Geld mit Tattoos verdienend, mit der Liebsten ’ne tolle Wohnung mit zudem offenbar sehr leidensfähigen Nachbarn bezogen usw. – nicht genug Selbstvertrauen und Selbstachtung zieht, um zum einen etwas demütiger mit den Drogen umzugehen und zum anderen über prolligen Gewaltexzessen irgendwann drüberzustehen, sich nicht mehr ständig beweisen zu müssen, den Adrenalinkick anderweitig zu erhalten. Sicherlich hat es oftmals die Richtigen getroffen, aber eben längst nicht immer. Und er kann von Glück sagen, dass er niemanden unbeabsichtigt, aber gröbst fahrlässig Schlimmstes inkaufnehmend tot- oder zum Pflegefall geschlagen hat. Das war völlig drüber und daran hatte ich als Leser wirklich zu knabbern.

Erfreulicher ist, dass er die richtigen Namen fallenlässt: The Clash, Cockney Rejects, Angelic Upstarts, Cock Sparrer, Dead Kennedys – all diese feinen Bands waren damals regelmäßig auf seinem Plattenteller zu Gast. Er geht auch noch einmal aus persönlicher Sicht auf den Auftritt in der Fernsehsendung „Live im Alabama“ zu ausländerfeindlichen Skinhead-Zeiten ein. Schwer unterhaltsam ist dann auch eine Episode aus seinem Hool-Leben, an deren Ende er auf der Flucht in eine Schwulenbar gerät. Diese Gelegenheit nutzt er zu einer Reflektion zum Durchbrechen der Gewaltspirale: „Alles, was ich zuhause an Schlägen und Züchtigung bekommen hatte, gab ich in der Außenwelt doppelt und dreifach zurück. Erst in meiner eigenen Familie sollte es mir gelingen, diesen circulus vitiosus zu brechen.“ Und wiederum ganz anders lesen sich der Abschnitt über seine Angelleidenschaft und Episoden aus Kenia Ende der 1980er-Jahre, die mit vielen positiven Erinnerungen verknüpft sind. Zurück in der Mitte des Jahrzehnts: Mit Anfang 20 ist Kevin heroinabhängig. Er beschreibt zwei immer wiederkehrende, erschreckende Alpträume, die selbst ihn so richtig fertigmachten. Interessanterweise schienen diese seine Heroinsucht zu manifestieren, nicht erst der tragische, völlig sinnlose Tod seines bestens Freundes Trimmi während der Fußball-WM 1990, wenngleich dieser alles noch viel schlimmer machte. Offen bleibt, weshalb er nie auf die Idee gekommen war, es mit einer Therapie zu versuchen.

„H ist ein Fulltime-Job.“

Durch sein Leben scheinen sich gruseligerweise generell unvermittelte Erfahrungen mit dem Tod zu ziehen, sodass man fast auf die Idee kommen könnte, es handle sich um Omen oder Warnungen. Wie schnell ein Menschenleben vorbei sein kann, wurde ihm jedenfalls anscheinend immer wieder vor Augen geführt. Trimmi ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Größe beweist Kevin, indem er seiner damaligen Partnerin Moni, der er in einer enorm belastenden Phase nicht zur Seite stehen konnte, den Platz einräumt, sich selbst zu äußern, also ihre Perspektive ungefiltert abzubilden. Zur Heroinabhängigkeit gesellt sich nun Jägermeister-Sucht. Aus einem handgeschriebenen Brief an Auge, den Inhaber seines Tätowierstudios, spricht seine ganze Verzweiflung. Diese Phase illustrieren eigene Bleistiftzeichnungen. Was er auf Seite 261 beschreibt, liest sich, als habe er eine Borderline-Störung entwickelt. Gescheiterte Entzugsversuche münden im kalten Entzug 1993 in Stephans Keller. Anschließend ist er zumindest noch substituiert. 1994 erhält er seine Hepatitis-C-Diagnose. Auf eine erfolgreiche Therapie folgt ein H- und Jägi-Rückfall. Er nennt sie „die siamesischen Bräunlinge“. Ein recht rascher weiterer Entzug ist dann aber erfolgreich und hält in Bezug auf die Zwillies auch lange an. Kritisch sehe ich die durchklingende Kokain-Verharmlosung, offenbar war die ganze Band am Ziehen. 1997 kam für Kevin sogar Crack ins Spiel, worauf er dank seiner Substitution zum Glück nicht hängenblieb – und dieses Zeug wird nun auch kein bisschen verherrlicht.

„…meine Existenz diente einzig und allein nur noch der Suchtbefriedigung, bei stetig steigendem Konsum.“

Irgendwann tritt eine neue Frau in sein Leben: Andrea, bulimisch und ebenfalls süchtig. Die Gründe hierfür sind unappetitlich, machen wütend und werden von Kevin nicht verschwiegen. Ende der 1990er zieht er nach Irland um, ist aber wieder auf H. Er berichtet vom „Dunkler Ort“-Videodreh und dem Besuch bei H.R. Giger im Jahre 2000, in dem er auch seinen ersten schweren Verkehrsunfall erleidet. Interessant hierbei auch: Wenngleich als Grund für seinen erneuten Totalabsturz gemeinhin dieser Unfall und die Schmerzmittelabhängigkeit, die er daraufhin entwickelt habe, angenommen wurde, führt er diese gar nicht als alleinige eindeutige Ursache an. Er äußert Kritik an MTV und dem „MTV Masters“-Beitrag über seine Band, die erstaunlich differenziert, gegenüber der Autorin der Sendung gar versöhnlich ausfällt. Nettes Detail: Die von mir geschätzte ehemalige MTV-Moderatorin Nora Tschirner lobt er für ihre Haltung zu ihrem ehemaligen Brötchengeber – die kenne ich gar nicht, weshalb ich gern noch erfahren hätte, was genau gemeint ist.

Als er innerhalb Irlands umzieht, ist er zunächst fit wie ein Turnschuh, doch dann folgt eben der erneute Absturz. Auf S. 318 schließt sich der Kreis zum Beginn: der Stones-Gig. Ich muss ja zugeben, dass ich, hätte ich nur ein Zehntel dessen intus gehabt, was dort durch Kevins Körper schoss, es gar nicht erst auf die Bühne geschafft hätte – er aber zieht den Auftritt immerhin voll durch. Im Folgenden lässt er die Endphase der Band bis zu ihrer damals als unumkehrbar erachteten Auflösung Revue passieren. Nach dem zweitägigen Abschiedsfestival 2005 auf dem Lausitzring dann der totale Absturz, der auf alle bisherigen noch mal einen draufsetzt – minutiös von Kevin beschrieben. Onkelz-Basser Stephan und anschließend Sanitäter und Ärzte retten ihm gerade noch so das Leben. Nach einem Herzstillstand hat er eine Nahtoderfahrung und ist er dem Tod gerade noch so von der Schippe gesprungen. Nach der Reha zieht er ins nächste Fünf-Sterne-Hotel und lebt zeitweise in einem Luxuscamper.

Schließlich die Katastrophe (das Kapitel heißt genauso), der verheerende Autounfall mit anschließender Farce vor Gericht, völliger Zerstörung seines Rufs, Knast- und Therapieaufenthalt. Er beschönigt nichts, sondern rekapituliert sehr offen, schuldbewusst und reumütig. Mich wundert, dass er hinter Gittern keine Substitution erhielt und kalt entziehen musste – das ist krass. Ist das so üblich? Die Therapie scheint er als letzte Chance zu begreifen und steht sie erfolgreich durch. Er zieht im Taubertal in ein neues Zuhause mit seiner neuen Freundin Simone, deren Tochter Emily und seinem Sohn Julian. Er gewinnt den Kampf gegen die Drogen, was wohl kaum noch jemand für möglich gehalten hätte. Mehrmals wiederholt er seine Dankbarkeit gegenüber der Therapie, sogar gegenüber den Knästen. Es zieht ihn wieder auf die Bühne und so gründet er sein Soloprojekt Veritas Maximvs, mit dem er ein Album aufnimmt sowie erfolgreich und offenbar ohne Zwischenfälle auf Tour geht – alles ein paar Nummern kleiner als mit den Onkelz, mit denen es schließlich im Jahre 2014 tatsächlich zur Reunion kommt. 2014 und 2015 gibt er mit ihnen in Sachen Aufwand und Publikumszuspruch Rekordkonzerte. Weitere Stationen des gesundeten Kevin sind das Orchesterprojekt mit den Onkelz und seine Heirat Simones.

„In meinem Drogenkreislauf machten sich endlich wieder Spuren von Blut bemerkbar, ich war kein Chemielabor mehr, sondern Mensch!“

Mit den Onkelz verschlägt es ihn gar für Auftritte nach Südamerika und er nimmt zwei neue Studioalben mit ihnen auf. Er nennt die wichtigsten Konzerte und Festivals nach der Reunion und lässt durchblicken, wie es ihm während der Covid-19-Pandemie erging – so nutzte er die Zeit u.a., um dieses Buchprojekt zu beginnen. „Damit hatte der selbsterkorene ,ALPHA HOMO NOVUS‘ in seinem selbstkreierten Anthropozän-Zeitalter nicht gerechnet. Leider kam dieser Arschtritt, den die Menschen länger verdient hatten, viel zu spät und mit immer noch viel zu wenig Wucht, um ein wirkliches Umdenken in allen Bereichen zu erwirken, die ein Leben auf dieser Erde gerechter und gesünder gestalten könnten.“ (Kevin über Covid-19) Sehr unterhaltsam und lässig liest sich der Bericht vom „Ñero“-Filmdreh mit u.a. Ben Becker. An der Musikindustrie übt er berechtigte Kritik („Als wir seinerzeit dann doch unseren Echo erhielten, hab ich meinen (…) vollgepisst.“), ebenso an Religionen – aus seiner antireligiösen Einstellung macht er keinen Hehl. Er bezeichnet sich als Kosmopolit (womit er quasi im Vorbeigehen auch jeglichem Nationalismus eine Absage erteilt), als umgekehrtes Stehaufmännchen („Fallummännchen“) und, aufgrund einer nötig gewordenen OP, bei dem ihm Teile seines Gehirns entfernt werden mussten, als einzigen hirnamputierten Punkrock-Sänger, äußert sich gegen die Strafbarkeit des Containerns, lobt Oliver Kalkofe für dessen Mediensatire und wirkt generell nicht dumm, sondern reflektiert, interessiert und nicht unsympathisch – trotz allem. Schonungsloser offen als in diesem in sehr blumiger, metapher- und vor allem in den Kapitelüberschriften wortspielreicher Sprache verfassten Buch dürfte es auch kaum gehen, eine Biographie voller Widersprüche: Ein so starker und doch so schwacher Mann, der, seit er endlich mit seinen Schwächen umzugehen gelernt hat, einen zweiten Frühling zu erleben scheint. Wie sehr sich die Zahl 28 durch sein Leben zieht, ist dabei nur eines von vielen kuriosen Details.

Gegen Ende erfährt man einige Hintergründe zum Entstehungsprozess des Buchs: Der Entschluss, seine Biographie zu schreiben, hing eng mit zwei anderen Personen, Thilo und Mumpi, zusammen und wird sehr detailliert und nachempfindbar beschrieben, sodass es sich anfühlt, als sei man selbst dabei gewesen. Es stand zunächst im Raum, sie von Thilo schreiben zu lassen. Dieser entwarf dann auch den Prolog, den Kevin leicht verändert verwendete, sich dann aber dazu entschloss, doch selbst zur Feder zu greifen. Zum Geschriebenen habe Thilo schließlich seinen „Feinstaub“ dazugegeben. Kevin resümiert und bedankt sich gegen Ende ganz Gentleman-like bei seinen Leserinnen und Lesern. Das Buch schließt mit einer sehr sehenswerten Bildstrecke von den nachgeholten Jubiläumskonzerten, offenbar auf der Bühne geschossen.

Genug des Lobs, Raum für Kritik: Dass die Chaostage 1984 wie auf S. 126 beschrieben wirklich von „Althippies“ anberaumt wurden, wage ich zu bezweifeln, ebenso dass die EU Schuld an der Inflation sein soll (S. 138). Oder war das ein missverstandener bzw. missglückter Witz? Die grundsätzlich gute, lebendige Schreibe, der auch Humor und Selbstironie alles andere als fremd sind, weist leider viele Zeichensetzungsfehler auf, falsch geschriebene Wörter aber nur wenige (auf S. 157 ausgerechnet „Stefan“ statt Stephan). Einiges weist auf eine britische Schreibe hin (auseinander- statt zusammengeschriebene Wörter, die Kommasetzung) – evtl. wegen Kevins britischem Hintergrund? Das Presseticket auf S. 246 ist falschherum, der verbreitete Millenniumfehler (das war 2001, nicht 2000!) findet sich auch hier und ab und zu entgleiten ihm seine Fabulierungen (z.B. auf S. 281: „Auflösung der Bindung“ war gemeint, oder?). Vielleicht erweisen sich diese Anmerkungen ja für eine etwaige überarbeitete Neuauflage als hilfreich. Wenn es ein Korrektorat gab: Das waren Amateure, verlang dein Geld zurück. Wenn es keines gab: Am falschen Ende gespart.

Das ändert aber wohlgemerkt nichts an den inhaltlichen Qualitäten, die sicherlich nicht nur mich positiv überrascht haben. Eines der Versatzstücke, die das Faszinosum Böhse Onkelz ausmachen, ist der Umstand, dass Stephan Weidner zahlreiche Texte über Kevins Suchterkrankungen und daraus resultierende Probleme verfasst hat und es an Kevin war, diese zu singen. Unter anderem darin liegt die von Fans vielbeschworene Authentizität, die die Band von so vielen Kopisten unterscheidet. Als guter Zuhörer konnte man Kevin zumindest ein Stück weit kennenlernen. Mit diesem frei von jeglichem Selbstmitleid geschriebenen Buch ist dies nun ohne diese künstlerische Abstraktion möglich. Kevin nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Hölle und zurück. Möge es sich vor allem für diejenigen als inspirierend, ermutigend und hilfreich erweisen, die schon in den Onkelz-Songtexten Trost, Verständnis, aber auch Arschtritte fanden. Es ist nie zu spät – hier ist der Beweis.

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