Günnis Reviews

Monat: November 2025

Frank Schäfer – BLAM! BLAM! BLAM! Ein Comic(ver)führer

Der Braunschweiger Frank Schäfer schreibt gern und viel über Musik und publiziert regelmäßig in diesem Metier, schiebt aber auch immer wieder Texte und Bücher zu Literatur dazwischen. Einige habe ich bereits gelesen und hier besprochen. Sein „Comic(ver)führer“ mit dem von Karsten Weyershausen ausgesprochen hübsch illustrierten Titel erschien im Jahre 2014 als rund 130-seitiges Taschenbuch im Reiffer-Verlag und widmet sich in seinen 25 Kapiteln ganz der Neunten Kunst.

Nach einem Vorwort, in dem ich mich mehr als nur ein bisschen wiedererkenne, skizziert Schäfer zunächst die Geschichte dieser besonderen Literaturform, geht auf Marvel und insbesondere deren Spiderman ein, empfiehlt einige anspruchsvoller klingende Titel, ehrt Charles M. Schulz und dessen Peanuts und huldigt Robert Crumb als erstem kommerziell erfolgreichen Underground-Zeichner. Er schreibt über Jean Giraud und vermittelt, was dessen Blueberry-Westerncomics so besonders macht, sowie über Girauds Science-Fiction-Alter-Ego Moebius, unter dem er freier und offener arbeiten konnte. Durchaus auch kritische Worte findet er zu Comics mit Musik(er)-Bezug und stellt Titel vor, die noch nicht ins Deutsche übersetzt vorlagen. Im Zuge der Auseinandersetzung mit „Zappaesk“ wird’s etwas hochtrabend und verkopft, ansonsten liest sich alles sehr angenehm und flüssig. Das Adjektiv „skrupulös“ verwendet er aber vielleicht etwas häufig und Schäfer-typisch haben sich wieder ein paar abgefahrene Fremdwörter eingeschlichen.

Mit einigen Zeichnern hat Schäfer persönlich gesprochen, beispielsweise mit Mawil und Kleist – wobei ich dieses Interview bereits aus dem Buch „Alte Autos und Rock’n’Roll. Der rasende Rezensent I“ zu kennen meine. Das darauffolgende zweite Gespräch mit Mawil jedoch war mir, wenn mich nicht alles täuscht, neu. Folgerichtig geht’s mit einem Interview mit Coming-of-age-Zeichner Arne Bellstorf weiter, den ich wohl unbedingt einmal lesen sollte. Dies gilt auch für Adrian Tomine, den mir dieses Buch näherbrachte. Mit Sascha Hommer spricht Schäfer über „Insekt“, bevor er weitere Musik-Comics vorstellt. Schäfer las Walter Moers‘ „Der Bunker“ ebenso wie „Phineas & Ferb“ und bespricht Ulli Lusts Comicadaption des Zweiter-Weltkrieg-Romans „Flughunde“. Über Tardis Kriegscomics lässt er sich ebenso aus wie über diverse auslandskorrespondistische Reportage-Comics und Howard Cruses in den 1960ern angesiedelten „Stuck Rubber Baby“ über Homosexualität und Rassismus in den USA sowie die erkämpften Veränderungen. Craig Thompsons Werk und „The Walking Dead” schließen das Büchlein ab.

Zum Thema des jeweiligen Kapitels werden Rezensionen anderer passender Werke eingeschoben, einige Schwarzweiß-Abbildungen peppen die Textsammlung auf. Dieser merkt man den Essay-Sammelbandcharakter an, als roter Faden zieht sich aber – wie üblich – Schäfers ehrliches Interesse und persönliche Begeisterung für die Gegenstände seiner Betrachtungen durch die Kapitel und Seiten. So erweitert sich auch der eigene Horizont beim Lesen, bekommt man doch einen Eindruck davon, welch breites Spektrum die Comicwelt bereithält und wie unterschiedlich die jeweiligen inhaltlichen Ansätze sein können. Der eine oder andere Comic-Tipp fällt dabei in jedem Falle ab.

Manuel Andrack – Meine Saison mit dem FC

Manuel Andrack, ehemaliger Redaktionsleiter und Sidekick der Harald-Schmidt-Show, ist bekennender Fan des 1. FC Köln. Das war ich auch einst, als ich nach der WM 1990 begann, mich auch für Vereinsfußball zu interessieren und feststellte, dass einige meiner Lieblingsspieler mit dem Domstadt-Club verbunden waren. Als ich erwachsen wurde, spielten andere Faktoren bei der Wahl des Lieblingsvereins eine Rolle – mit dem FC sympathisiere ich aber nach wie vor.

Im Jahre 2025 war dieser nach einem erneuten Ausrutscher, der ihn mal wieder eine Runde in Liga 2 drehen ließ, zurück ins Oberhaus aufgestiegen. Den Beginn der neuen Saison mit einem nun also wieder erstklassigen FC nahm ich zum Anlass, mir einmal Andracks Buch (nach einem über Wandern sein zweites) vorzuknöpfen, das 20 Jahre zuvor, nämlich 2005, im KiWi-Verlag erschienen war. Auch damals war der FC nach einer Zweitligasaison wieder aufgestiegen – und Andrack hatte versucht, bei so vielen Zweitligaspielen seines Teams wie möglich dabei zu sein, daheim wie auswärts. Eben davon handelt dieses von Tim Parks‘ „Eine Saison mit Verona“ inspirierte, rund 250-seitige Taschenbuch.

Über Andrack erfahren wir, dass seine Eltern ihn gar nicht zum FC, sondern zu Viktoria Köln mitgenommen hatten. Der 1. FC Köln hingegen war für ihn lange ein „Fernsehverein“ – wie für mich auch und noch immer. Mitte der 2000er war er zum „Fahrstuhlverein“ geworden, der zwischen den obersten beiden Ligen pendelte. Nun aber war Wolfgang Overath neuer Präsident und Europapokal-Huub-Stevens Trainer, womit man sich wesentlich besser als zuvor aufgestellt wähnte. Von Lukas „Poldi“ Podolski im Sturm ganz zu schweigen.

So weit zur Ausgangssituation. Andrack nimmt seine Leserschaft nun von Spiel zu Spiel mit, wobei jedes ein eigenes Kapitel bildet. Statt langweiliger Spielberichterstattung lässt er sich etwas einfallen, beschreibt beispielsweise sehr unterhaltsam das Spiel gegen Oberhausen als Drama in fünf Akten inklusive Diss gegen einen ehemaligen Kölner sowie Zeichnungen seiner Gesten. Er beschreibt das Drumherum, die Fahrten, fremde Stadien, den allgemeinen Zustand der Liga, die Entstehung neuer Fan-Gesänge, Begegnungen mit anderen (nicht nur) Fans, unternimmt historische Exkursionen, hat Anekdoten parat und ist zur Selbstironie fähig.

Einer meiner Favoriten: Der FC auswärts in Unter-fuckin‘-Haching an einem Montagabend (die Unsitte der Montagsspiele ist mittlerweile glücklicherweise passé). Gegen Auge nimmt er auf der Pressetribüne Platz und besucht auch die Jahreshauptversammlung. Das Kapitel zum Spiel gegen Eintracht Trier ist eine Ehrerbietung an seinen Vater. Zum Spiel in Duisburg kritisiert er die übertriebene Bullenpräsenz auf dem Weg zum Stadion. In der Winterpause zieht es ihn sogar zum Freundschafts- bzw. Testspiel gegen den FC Bayern. Und mitten in die Saison platzt der Skandal um den korrupten Schiedsrichter Robert Hoyzer.

Er gewährt Einblicke in Kölsche Karnevalsfangesäge, aber auch in die eine oder andere Terminschwierigkeit, die verhindert, dass er tatsächliche alle Spiele mitnehmen kann: Zum Spiel nach Dresden fliegt er zusammen mit der Mannschaft einen Tag vorher, wodurch er einige Interna erfährt, doch das Spiel wird witterungsbedingt abgesagt. Zum Nachholspiel an einem Mittwoch kann er nicht. Das nächste Spiel gegen Saarbrücken muss er sich krankheitsbedingt im TV ansehen, das Rückspiel gegen Oberhausen kann er wegen eines Auftritts mit Harald Schmidt nur im Videotext verfolgen und auch beim Rückspiel gegen ‘haching fehlt er aus dem gleichen Grund. Gegen Fürth sucht er ausnahmsweise seinen ehemaligen Stehplatz in der Südkurve wieder auf und berichtet von seinen Erfahrungen mit den Ultras. Und einmal geht er sogar wieder, wie früher als Kind, zu Viktoria, um sich vom FC zu erholen. Nach Aue fährt er einen Tag früher und gibt sich Landschaft und Kultur. Dort wird dann bereits am 31. Spieltag der Aufstieg perfekt gemacht, gegen Trier setzt es im Anschluss aber die erste Heimniederlage.

Wirklich kritische Worte zum DFB- und DFL-Fußballzirkus findet man nicht viele, zumindest erwähnt er aber auf Seite 207 den Quasi-Erwerb ganzer Vereine durch „absolutistische Vereinsherrscher“ wie Dietmar Hopp, dessen Hoffenheimer es zum damaligen Zeitpunkt bereits bis in die dritte Liga gebracht hatten. Dass ihm solche Modelle lieber sind als Werksvereine kann ich jedoch nicht unterschreiben und ist möglicherweise seiner Abneigung gegen Bayer Leverkusen geschuldet.

Jedes Spieltagskapitel schließt mit einer Übersicht über alle Ergebnisse und die jeweils aktuelle Tabelle, ein paar Schwarzweißfotos lockern den Text auf und im Anhang findet sich eine Übersicht über den Spielerkader der Saison 2004/05. Den Paraphrasierungskonjunktiv beherrscht Andrack leider nicht, ansonsten liest sich seine Schreibe aber angenehm und niedrigschwellig. Auch wer sich weder für den 1. FC Köln noch überhaupt für Fußball interessiert, findet hier aufschlussreiche Einblicke in die Psyche und Emotionen eines Fußballfans sowie in dessen Freizeitgestaltung mit ihren schönen und weniger schönen Seiten, wenngleich Andrack verglichen mit dem typischen Stehplatzkarteninhaber natürlich das eine oder andere Privileg genießt. Das Happy End für Andrack und den FC ist der beste Abschluss, den er sich für sein Buch hätte wünschen können.

20 Jahre später gelesen hat dieses Buch auch etwas Nostalgisches, allein schon wegen der anderen Mannschaften, die sich damals so in der zweiten Liga tummelten. Aber wo war eigentlich der FC St. Pauli? Tja…

09.11.2025, Metropolis-Kino, Hamburg: THE TYPHOONS

Im Rahmen des großartigen „Monster machen mobil“-Filmfestivals, das im Hamburger Metropolis satte vier Tage lang stattfand, gab es am Sonntag im Vorprogramm des vergnüglichen mexikanischen Batgirl-Rip-Off-Trash-Heulers „Draculas Tochter und Professor Satanas“ anstelle einer Trailer-Show einen Live-Auftritt der lokalen Surf-Rock’n’Roll-Legende THE TYPHOONS (aus Schulau bei Wedel bei Hamburg). Die hatte ich vor etlichen Jahren mal in der Wedeler Villa live gesehen und als überaus kompetent abgespeichert, seither aber nicht mehr das Vergnügen gehabt.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange die spielen würden oder wie das im opulenten, nicht vollständig, aber durchaus großzügig gefüllten Kinosaal klingen würde, und ließ mich einfach überraschen. Nach einer launigen Ansage und dem Versprechen an die furchtlos die erste Reihe besetzenden Gäste, einen Hörschaden davonzutragen, ließ es die mit zwei Gitarren spielende Band ordentlich krachen – und siehe bzw. höre da: Der Sound war perfekt! So kam der klassische, (bis auf Zwischenrufe des Bassers) instrumentale ‘60s-Surf-Sound mit ordentlich Reverb und Twang optimal zur Geltung und stimmte auf das pulpige Filmvergnügen ein. Nach einer Handvoll Songs suggerierte man, auch noch Zugaben spielen zu können, was dankend angenommen wurde. Ich glaube, das rasante „Barracuda“ bildete nach einer guten halben Stunde den Schlusspunkt eines klasse Auftritts in besonderem Ambiente – und das am Sonntagmittag! Verrückt.

Christian Ulmen – Für Uwe

Der umtriebige Medienschaffende Christian UImen versuchte sich mit „Für Uwe“ (wenn ich richtig informiert bin erstmals) auch als Belletristik-Autor. Im Mittelpunkt des rund 220-seiten starken, im Juli 2009 bei Rowohlt erschienenen Taschenbuchs steht Ulmens Kunstfigur Uwe Wöllner, ein zurückgebliebener Erwachsener, den er ursprünglich für die humoristische Reality-TV-Serie „Mein neuer Freund“ gespielt hatte und auch im Nachfolgeformat „ulmen.tv“ mit viel Inbrunst verkörperte. Das in 22 Kapitel plus Pro- und Epilog sowie ein Bonuskapitel und Danksagungen aufgeteilte Buch schreibt Ulmen aus Uwes Perspektive, schlüpft also einmal mehr in die Rolle.

Es handelt sich um eine Art verspätete Coming-of-age-Geschichte, denn nachdem Uwes Mutter infolge eines Unfalls unerwartet gestorben ist, zieht das „Muttersöhnchen“ 31-jährig aus dem Elternhaus in Hannover-Garbsen aus bzw. wird ausgezogen: Sein Vater möchte, dass Uwe endlich lernt, auf eigenen Beinen zu stehen, drängt ihn dazu, dessen kleine Eigentumswohnung in Berlin zu beziehen und besorgt ihm einen Job – Uwes ersten überhaupt – bei einem Bestatter.

Zu Beginn bringt Ulmen einige Zitate aus und Referenzen auf „Didi, der Doppelgänger“ unter, einem der Lieblingsfilme Uwes (sein Zweitlieblingsfilm ist „Ghostbusters“). Ulmen versucht, Sprache und Satzbau einfach zu halten, trotzdem wirkt vieles out of character. Das beginnt damit, dass Uwe niemals ein Buch schreiben würde und dass, wenn er es täte, er kein Wort wie Okularen für Augen verwenden würde und vermutlich auch keinen Genitiv. Damit es flüssig lesbar bleibt, hält sich Ulmen mit Uwes typischem Duktus zurück, beschränkt sich weitestgehend auf „goil“ und die charakteristischen „Herrn“- und „Herr“-Verwechslungen. Ein gutes Beispiel für die Vermischung von Uwe-Duktus und für Uwe arg unrealistische Schreibweise findet sich auf S. 54:

„Ich wollte Herr Weiß zu erkennen geben, dass ich von dem Antlitz der Hinterbliebenen genauso erschüttert war wie er. Und so grimassierte ich ihm meinen Ekel entgegen, als sich Herr Ringiers übelst unansehnliche Tochter umdrehte, um uns in Haus zu führen. Herrn Weiß blieb ungerührt.“

An diese Stil-Mixtur muss man sich gewöhnen, was jedoch recht schnell gelingt. Uwe bezieht seine soziale Intelligenz aus dem Privatfernsehen, u.a. Trash-Talkshows, und erwähnt interessanterweise wiederholt Collien Fernandes, mit der Ulmen kurz nach Veröffentlichung des Buchs zusammenkam. Wie mein Chef bringt Uwe Sprichwörter und Redewendungen durcheinander. Ganz beiläufig erhält man Kenntnis von diversen Fremdschammomenten, aber auch eigentlich sehr Traurigem aus Uwes bisherigem Leben.

„Den Heiratsdokumenten entnahm ich die genaue Anschrift meiner Frau.“

Als Leserin oder Leser begleitet man also einen 31-jährigen Zurückgebliebenen, der nicht weiß, dass er zurückgeblieben ist und sich selbst völlig normal findet, beim Erwachsenwerden, was für Uwe bedeutet: Er freundet sich in Berlin mit Pubertierenden aus prekären Lebensverhältnissen an und verliebt sich unsterblich in die rumänische Prostituierte Malina, die ihn in die zwischenmenschliche Sexualität einführt und irgendwann erkennt, dass sie ihn ausnutzen kann, was er jedoch nicht kapiert. Bei „ulmen.tv“ war Uwe ein geistig Behinderter, der zugleich ein empathieloser Arsch war, was Ulmen als Grundlage für so etwas wie Sozialexperimente nutzte. Dies steht hier nicht so sehr im Vordergrund, Uwes Besuch einer Prostituierten gegen Ende von „ulmen.tv“ dafür umso mehr. Denn im Finale des Buchs wird deutlich, was es für ihn bedeutete, als der, der er ist, überhaupt einmal Sex zu haben, womit ein gesellschaftliches Tabuthema angeschnitten wird, für das Ulmen aber auch keine Patentlösung präsentiert. Die Beschreibungen sind übrigens sehr explizit und würden als Film keine Jugendfreigabe erhalten. Die feine konservative Gesellschaft, der Uwes Vater angehört, bekommt ein paar Seitenhiebe zu spüren, ihre Bigotterie wird aber leider nur angerissen. Malina wiederum wird nicht als durchtrieben und böse charakterisiert, allein schon, weil sie es für Uwe nicht ist – und für Ulmen offenbar auch nicht.

Das Bonuskapitel wollte der Verlag (laut Uwe) angeblich nicht haben, konnte aber ins Buch geschmuggelt werden. Ein paar wenige kleine Rechtschreibfehler sind dem Korrektorat durchgerutscht und wenn mal ein Konjunktiv falsch ist, weiß man eben nicht so genau, ob das Uwe- oder Ulmen-Duktus ist. Ein sehr unterhaltsames, überraschend lesenswertes Buch, das in Hinblick auf seine behandelten Themen zum Mit-, Nach- und Weiterdenken einlädt.

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