Günnis Reviews

Monat: August 2026

Donne Avenell / Enrique Badía Romero – Axa Sonderband

Der Heddesheimer Reiner-Feest-Verlag brachte die spanischen „Axa“-Endzeit-Fantasy-Comics von Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er nach Deutschland. Donne Avenell schrieb die postapokalyptischen Abenteuer der attraktiven Kriegerin, Enrique Badía Romero zeichnete sie in einem perfekten realistischen Stil. Dieser im Jahre 1991 als rund 50-seitiges, vollfarbiges, handgelettertes Softcover-Album erschienene Sonderband ist meine erste Konfrontation mit Axa.

Die ultraknapp beschürzte Kriegerin Axa ist in einem Endzeitszenario nach dem „nuklearen Holocaust“ und der „großen Verseuchung“ allein auf weiter Flur, auf der Suche nach dem Samen der Hoffnung auf eine neue Menschheit. Das hält sie jedoch nicht vom Nacktbaden ab, wobei sie es mit einer Riesenkröte zu tun bekommt. Damit nicht genug: Lichtscheue Mutanten einer religiösen Sekte greifen sie an und nehmen sie gefangen, wollen sie vergewaltigen. Ab Seite 10 ist sie barbusig. In einer Höhle schläft sie nackt zwischen hunderten Skeletten, in einem zerstörten Vergnügungspark wird sie von Hunden gehetzt. In einem Leuchtturm lernt sie Maria und deren Vater Jaume kennen, in ein Gespräch mit ihm wird knapp ihre Origin-Story eingearbeitet.

Sie muss sich gegen einen mutierten Riesenhummer behaupten und steigt mit Jaume ins Bett. Das menschliche Trio trifft auf die Hells Angels (!), die das Beste aus der Endzeit machen, indem sie Orgien feiern und saufen. Von nun an befinden wir uns erst recht in Sex-&-Violence-Gefilden, aber auch Naturgewalten wüten und bedrohen einmal mehr alles Leben. Nein, man hat’s wirklich nicht leicht.

Das besondere an diesem Sonderband, dem weitere folgten, scheint zu sein, dass er eine zusammenhängende Graphic Novel enthält, während Axa anscheinend eigentlich ein in Tageszeitungen abgedruckter Comicstrip war.

Klar ist das spekulativ und schundig, dabei aber hochprofessionell, mit reichlich Dynamik in satten, atmosphärischen Farben umgesetzt – und letztlich schon geiler Scheiß, irgendwie. Ich müsste lügen!

Tome & Janry – Spirou + Fantasio: Jugendsünden

Für die Supermarktkette Aldi Süd wiederveröffentlichte der Tandem-Verlag im Jahre 2011 die Alben Nr. 38 und 43 der frankobelgischen „Spirou + Fantasio“-Reihe als Hardcover-Ausgaben. Die Nr. 38, „Jugendsünden“, war ursprünglich im Jahre 1987 bei Dupuis erschienen und von Carlsen 1993 auch hierzulande veröffentlicht worden.

Das Inhaltsverzeichnis des rund 50-seitigen, vollfarbigen Albums ist aufgemacht wie eine Collage aus Skandalschlagzeilen der Presse, leider mit falschen Seitenzahlenangaben. Spirous Eichhörnchen Pips führt durch die Geschichten. Die erste Geschichte, die titelgebenden „Jugendsünden“, ist Spirous Origin-Story, erzählt vom betrunkenen Onkel Paul. Hier wurden nicht nur die Sprechblasen lokalisiert, sondern auch die Zeichnungen: Im Carlsen-Verlag wird gefeiert und ein Herr Carlsen ist Teil der Erzählung.

Es folgen eine auf den in der ursprünglichen Reihe fehlenden fünften „Gaston“-Band bezugnehmende Geschichte, in der Fälscher ihr Fett wegkriegen; der Silvesterabend, als Spirou verwechselt wurde, gegen seinen Willen als Page arbeiten musste und den US-Präsidenten kennenlernte; die (mir bereits bekannt gewesene) eher klassische Abenteuergeschichte um den wissenschaftlichen Grafen, das Monsterserum und die verkleideten Bankräuber; sowie eine Detektivgeschichte: Der Graf trommelt die Wissenschaftler des Kongresses zur Beendigung des Hungers in der Welt wieder zusammen, doch ein Spion der Ernährungsindustrie (schöner Seitenhieb!) soll sich unter ihnen befinden. Spirou und Fantasio sollen herausfinden, wer es ist. Die beiden gehen mit unorthodoxen Methoden vor, die für einige Unruhe sorgen. Die Forschungsergebnisse werden nach und nach von den Wissenschaftlern präsentiert, mitunter recht humorig.

Feine frankobelgische Funny-Comickost also, die bis auf den Fauxpas mit den Seitenzahlen auch in dieser zum billigen Kampfpreis abgegebenen Auflage nicht schlechter wird. Wie auch bei „Gaston“ gefallen mir nicht zuletzt die zahlreichen Verweise auf den Carlsen-Verlag, die sich durch mehrere Geschichten ziehen. Leider hat bis auf die erste Geschichte nichts mit Spirou als Kind zu tun, doch „Jugendsünden“ stellte den Startschuss fürs niedliche „Der kleine Spirou“-Spin-off dar.

Holger Henze / Gerhard Pauli – Holgi: Räum das Feld Mann!

Im Jahre 1997 erschien im Alpha-Comic-Verlag dieses Kuriosum: Ein von außen wie ein typisches Taschenbuch des Semmel-Verlachs aussehender, 104-seitiger handgeletterter Comic-Band, der nicht Brösels alias Rötger Feldmanns (daher das Wortspiel im Titel) Kultrocker Werner zum Inhalt hat, sondern Brösels Kumpel und zugleich Widersacher, den Kneipenwirt Holger „Holgi“ Henze, mit dem Brösel sich einst das legendäre Rennen Horex versus Porsche lieferte. Henze textete die hier enthaltenen Comics zusammen mit Gabriele Laurenz und Andreas von Froreich, in Zeichenform brachte sie Gerhard Pauli.

Zeitungsausschnitte zum ersten Werner-Rennen und zur geplanten Revanche bilden eine Collage, die auch eine Kritik Holgis an Brösel enthält. Der in einem sehr charmanten Funny-Stil gehaltene Comicteil wird von eben dieser Vorgeschichte eröffnet, in der Brösel und dessen Management nicht nur ihr Fett wegbekommen, sondern sogar die Freundschaft zwischen Holgi und Brösel aufgekündigt wird. Als Erzähler führt Holgis nerdiges, bärtiges „Faktotum“ Walter durch die Handlung. Holgi liest einen offenbar authentischen „Spiegel“-Verriss des neuen Werner-Comics, in dem er sterben solle. Die Geschichte endet abrupt mit einem Geistesblitz Holgis.

Es folgen weitere Cartoons, Gags und Kurzgeschichten, meist, aber nicht immer mit Holgi, oft auch mit Walter, qualitativ anzusiedeln zwischen banal und genial. Der Stil variiert, manche Cartoons sind sogar in Fotos hineingezeichnet. Wunderbar sind die kräftigen Hintergrundzeichnungen, die manchen Comic besonders erstrahlen lassen. Die Geschichte um das eingangs erwähnte Motorrennen wird fortgesetzt; Kneipengäste schalten eine Kleinanzeige, mit der sie 68 Herausforderer für einen Vorentscheid suchen. Gegen Ende träumt der rennbesessene Holgi visualisiert von einem Rennen Porsche gegen Kamel in Timbuktu. Zudem enthält das Buch zwei Seiten satirischer Werbung sowie eine echte fürs „Ventilspiel“, ein Brettspiel.

Einige Spitzen gegen Brösel sind übers Buch verteilt. Bestand damals eine tatsächliche Feindschaft oder handelte es sich eher um einen Marketing-Coup? So oder so trägt „Räum das Feld Mann“ zur Legendenbildung um Holgi bei.

P.S.: Wie so oft wären Seitenzahlen nett gewesen.

Brösel / Harten – Was soll der Quatsch?

Dieses 1994 im Kieler Achterbahn-Verlag erschienene, 68-seitige Schwarzweiß-Softcover-Album im kleinen A5-Format ist eine Art Brösel-Raritätenkiste, die man ins thematische Konzept Sucht einarbeitete und dafür mit der Zentralstelle für Suchtvorbeugung zusammenarbeite. Autor und Verlag verzichteten auf Honorar und Gewinn und führten pro Exemplar eine Mark an jene Organisation ab. Ein Benefizcomic also.

Ein einführender Fließtext versorgt die Leserschaft mit den entsprechenden Hintergrundinformationen, unter anderem jener, dass die erste Geschichte, zugleich Herzstück des Buchs, von Brösel bereits im Jahre 1981 in Kooperation mit Rolf Harten auf Grundlage eines Theaterstücks gezeichnet wurde. In dieser lernt der allseits bekannte und beliebte Werner den gleichaltrigen Kalli kennen. Kalli leidet unter seiner herrischen Mutter, die ihn sogar zum Psycho-Doc schleift, weil sie nicht versteht, dass nicht ihr Sohn, sondern sie das Problem ist. Der Doc versagt und schickt tatsächlich den Jungen in Therapie, woraufhin der Teufel ihm die Leviten liest. Werner besucht Kalli im Krankenhaus, verhindert, dass er mit Medikamenten vollgestopft wird, nimmt ihn mit, deichselt, dass er Geld von der Krankenkasse bekommt, und fährt mit ihm nach Hamburg. Die finale Aussage: Die Anderen sind die Bekloppten!

Ein bisschen weit hergeholt ist der Suchtbezug beim Comic über einen misslungenen Bankeinbruchsversuch inklusive Fließtexteinleitung. Auch der nächste, in dem es um Kaufsucht geht, wird von einem Text eingeleitet, dessen es gar nicht unbedingt bedurft hätte, denn der an Werbung, Konsumtempeln, Krediten, falschen Versprechungen und künstlicher Bedarfserzeugung Kritik übende Comic spricht für sich. Der darauffolgende einführende Text kritisiert das deutsche Medikamentensystem mit seinen abertausenden Arzneimitteln. Das ist gut und informativ, denn der zugehörige Comic ist zwar witzig, gibt aber mehr nicht her. Ein kurzer Abriss informiert über das arbeitstheoretische Konzept Fullern, das Brösel anschließend in Form einer Wimmelbild-Doppelseite und acht Einzelzeichnungen karikiert. Der nächste Textteil kritisiert die Bekämpfung von Substanzabhängigkeiten mit anderen Substanzen; im Comic werden dann vor allem „Querulanten“ dem Staat gefügig gemacht. Ein Beispiel von Rachsucht beschreibt der darauffolgende Text, wirkt jedoch wie ein arg konstruierter Bezug zum nächsten Comic. Auch der vorletzte Textteil konstruiert eine Vorgeschichte zum nächsten Comic, hat aber nicht mal ansatzweise mit Sucht zu tun; im Comic geht’s dann auch nur um zu laute Musik in einer Mietwohnung. Die letzte Seite gehört der Zentralstelle, die sie für Informationen über sich nutzt.

Zwischendrin finden sich auch ein paar pointierte Ein- und Zweiseiter. Das leider auf Seitenzahlen verzichtende Büchlein liefert einige kluge Denkanstöße, manches wirkt aber etwas bemüht und leidlich passend gemacht. Grundsätzlich aber ein vor allem für Brösel-Fans interessantes Projekt, das bisher Unveröffentlichtes und weitestgehend Unbekanntes des Meisters kompiliert.

04.08.2026, Freilichtbühne, Prerow: TAN ÇAĞLAR – Der Teufel trägt Rollstuhl

Tan Çağlar, Sohn türkischer Gastarbeiter, ist ehemaliger Basketballprofi, Schauspieler (Kriminalassistent Malik Aslan im Berliner „Tatort“ und Chirurg Dr. Ilay Demir in der Krankenhaus-Serie „In aller Freundschaft“), Mannequin, seit 2017 Comedian – und er sitzt im Rollstuhl. Nach „Rollt bei mir“ und „Geht nicht? Gibt’s nicht“ ist „Der Teufel trägt Rollstuhl“ sein drittes Programm, mit dem er durch Deutschland tourt und in diesem Zuge auch einen Abstecher ins schöne Prerow auf’m Darß machte, als meine wesentlich bessere Hälfte und ich dort gerade urlaubten. Es hat mittlerweile Tradition, dass, wann immer wir da sind, wir ein Comedy- oder Satireprogramm auf der Freiluftbühne aufsuchen, einem sehr schnuckeligen Veranstaltungsort, der deutlich kleiner sein dürfte als jene, die Çağlar für gewöhnlich bespielt. Dass trotzdem ein paar Plätze freiblieben, dürfte mit einer Terminvorverlegung zusammenhängen, die anscheinend leider nicht alle mitbekommen hatten.

Wir kannten bisher keines seiner Programme und hatten ihn als Comedian auch bisher nicht wahrgenommen, ließen uns also einfach überraschen. Çağlar wusste offenbar, dass dies womöglich auch anderen so gehen würde und ein Teil des Publikums vornehmlich deshalb anwesend sein wird, weil es „In aller Freundschaft“-Fan ist. Diesen holte er nach einem Wortwitz mit seinem Namen (stellt man den Nach- vor den Vornamen, spricht er sich kurioserweise „Scharlatan“ aus) direkt ab und bewies bereits hier einen sympathischen Mix aus ungezwungener, spontaner Plauderei und Humor. Ungefähr zwei Stunden lang (nach der Hälfte gab’s eine viertelstündige Pause) verband er die – seine – Themen Fernsehen, Behinderung, Comedy und Migrationshintergrund mit zahlreichen Anekdoten aus seinem bewegten Leben, bezog auf unterschiedliche Weise immer wieder das Publikum ein und bewies ein sicheres Gespür für Pointen, die auch dann kamen, wenn man gar nicht unbedingt mit ihnen gerechnet hätte. So erweckte er den Eindruck eines persönlichen, in Teilen improvisierten Programms, innerhalb dessen er aber stets dahin zurückfand, worauf er hinauswollte.

Mit viel Selbstironie und Freude am humorvollen Vermitteln eigentlich ernster Inhalte wie Barrieren bzw. vermeintliche Barrierefreiheit und den Umgang mit Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern im Alltag nahm er genau diese aufs Korn, ohne sie (und somit sich) der Lächerlichkeit preiszugeben. Stattdessen schuf er Verständnis ohne jede Verbissenheit, sondern mit viel Offenheit, Esprit und Komik. Mit einer Dame aus dem Publikum tanzte er sogar nach der Pause auf der Bühne, die er zu einer Spezialversion von Madonnas „Like a Prayer“ und mit Pyros in beiden Händen betrat – nachdem er während der ersten Hälfte so getan hatte, als kenne er das Lied gar nicht… Von langer Hand vorbereite Gags wie dieser gingen damit einher, den Abend locker auf sich zukommen zu lassen und sich auf sein Publikum einzustellen. Zumindest wirkte es so, denn Tan Çağlar ist auf der Comedy-Bühne natürlich längst ein Profi. Das hat mir nicht zuletzt aufgrund der vielen positiven Energie ausgesprochen gut gefallen und war eine gelungene Überraschung, bei der ich tatsächlich viel zu lachen hatte.

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