Günnis Reviews

Monat: August 2026

Pierre Seron – Die Müllers

Der Feest-Verlag veröffentlichte im Jahre 1992 nur diesen einen Band des „Die Müllers“-Familien-Funny-Comics des frankobelgischen „Minimenschen“-Zeichners und -Autors Pierre Seron als rund 50-seitiges, vollfarbiges und handgelettertes Softcover-Album.

Das Album versammelt Onepager und etwas längere Geschichtchen der im Original offenbar bereits seit 1973 erschienenen Reihe um ein Ehepaar mit zwei Kindern in häufig großen, übersichtlichen Panels. Der schnieke Zeichenstil ist eng an jenen Franquins angelehnt, womit man bei mir offene Türen einrennt – zumal ich das Metier Familiencomic à la „Boule & Bill“ und Konsorten sehr mag. Insbesondere Mutter Müller ist überaus niedlich gezeichnet. Der Humor fällt jedoch reichlich harmlos aus und ist meist nicht mehr als, tja: nett. Zudem hat sich mir nicht jede Pointe erschlossen, mitunter fallen sie auch etwas arg mau aus. Auf S. 37 wurde irgendwie geschludert, die erste Sprechblase blieb leer. Alles im allem wirken „Die Müllers“ wie eine schaumgebremste, zumindest inhaltlich stiefmütterlich behandelte Nebenspielwiese Serons.

Kurioserweise dauerte es bis ins Jahr 2011, dass ein zweiter Band erschien, dann bei Finix-Comics.

Eric Schreurs – Hein Jammerhauf (Band 1 + 2)

Die Comicfigur mit dem sprechenden Namen Hein Jammerhauf heißt im niederländischen Original Joop Klepzeiker und entstammt der Feder Eric Schreurs‘, der die Funnys ursprünglich für eine holländische Illustrierte anfertigte. Hierzulande erschienen sie in den Jahren 1990 und ’91 im Verlag comicplus+ in Form zweier rund 50-seitiger, vollfarbiger und handgeletterter Softcover-Alben.

Diese enthalten jeweils eine Seite umfassende Erlebnisse des titelgebenden Verlierertypen, der nur mit seinem Hund Harry zusammenlebt. Mit ihren häufig sexualisierten Themen sind diese Comics eher etwas für ältere Leserinnen und Leser. Den Slapstick- und Situationskomik-lastigen Humor empfinde ich als eher durchschnittlich, der stark karikierende Zeichenstil wirkt – passend zu Hein – etwas zittrig. Die dynamische Panelstruktur weiß ebenso zu gefallen wie die erzählerisch pointierte Anordnung des Gezeigten. Schreurs arbeitet mit ein paar wiederkehrenden Figuren wie zwei Nachbarsjungen, die es immer wieder auf Hein abgesehen haben, und einem halluzinierenden Alkoholiker. In seinen Träumen wird Jammerhauf gern zu Superhein, der trotzdem alles verpatzt.

Eine witzige Eigenart stellen die zahlreichen an die Häuserwände gesprühten Parolen dar. Schreurs schien um Zeitkolorit der 1980er-Jahre bemüht und sah sich dafür vorrangig im Urbanen und in der Unterschicht um.

Im Anhang des ersten Bands finden sich ein Kurzporträt Schreurs‘ sowie eine Fotocollage.

Im zweiten Band bauen die eigentlich in sich abgeschlossenen Onepager stärker aufeinander auf, beispielsweise Hein am Strand, Hein auf Freiersfüßen – und die jeweiligen Folgen… Insgesamt erscheint mir Band 2 witziger als Band 1, manches ist in beiden Bänden beim Versuch, provokant zu sein, aber auch schlicht ziemlich niveaulos.

22.08.2026, Tipsy Apes, Hamburg: Tobsucht-Party mit TOBSUCHT + NIXDA! + FREVEL + THORSTEN FEHLT + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Die seit weiß der Geier wie vielen Dekaden bestehende Buxtehuder Oldschool-Kellerpunk-Institution TOBSUCHT lud auf dem Gelände des legendären Hamburger Metal-Clubs Tipsy Apes im Süden der Hansestadt zur Umsonst-und-draußen-Party mit diversen befreundeten Bands, und wir (DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS) durften mitmachen.

Ich stand im Vorfeld mit TOBSUCHT-Gitarrist Tierchen in Kontakt, der die Organisation federführend am Hut hatte und unter anderem berichtete, dass die noch auf dem ersten Flyer aufgeführten ANTIMATERIE leider ausfallen, man mit einer Combo namens SPAM REPORTS (o.ä.) aber Ersatz gefunden habe. Diese sagten dann aber doch auch wieder ab, sodass „nur“ fünf Bands zum Tanze aufspielten. So 100%ig spielte das Wetter dann leider auch nicht mit. Als die herzallerliebste Jana uns behände vom Proberaum durch den zähflüssigen Verkehr zum Clubgelände chauffierte, kam noch mal ein deftiger Regenschauer runter, von dem wir hofften, es sei der letzte des Tags gewesen. Pustekuchen! Immer wieder sollte Petrus sich melden, mal nur nieselnd, hin und wieder auch doller. Einige, die ihr Erscheinen eigentlich geplant hatten, hatten daher wohl kurzfristig abgesagt, erzählte man mir – dadurch aber eine geile Sause verpasst, an der laut Zählung eines Tipsy-Apes-Silberrückens um die 140 Besucherinnen und Besucher (inklusive Bandmitgliedern) teilnahmen.

Der Eintritt war frei, das gekühlte Bierchen gab‘s mit 2,- EUR zum Taschengeldpreis, die Bratwurst brutzelte auf dem Grill und für die Bands war ein liebevoll gemachtes Catering aus Deluxe-geschmierten und -belegten Brötchen und Salaten am Start. Großartig!

Als wir eintrafen war ich erst mal von der Größe der Bühne überrascht, denn die hatte ich nach meinem bisher einzigen Besuch des Geländes irgendwie kleiner in Erinnerung. Tierchen war noch mit dem Aufbau beschäftigt; zumindest ein Teil wurde per P.A. abgenommen, die Gitarre hingegen direkt aus der Box geblasen. Unser technikversierter Drummer Mike half mit, die Kabel richtig zu verteilen usw., bis irgendwann eine bespielbare Bühne mit amtlichem Sound stand. Mit Flaschenhaltern und -öffnern an den Mikroständern war an alles gedacht. Den Soundcheck führten kurzentschlossen wir aus, da TOBSUCHT entgegen der ursprünglichen Planung nicht als erste Band spielen konnten: die Drummerin war noch verhindert und traf erst später ein. Kein Ding, eröffneten eben wir den Reigen. Mit etwas für Festivalbedingungen zurechtgestutztem Set und noch halbwegs nüchtern servierten wir unser Repertoire und waren anschließend recht zufrieden, da wir von etwaigen selbst- oder fremdverschuldeten Pannen weitestgehend verschont geblieben waren und das Wetter, das den Beginn zuvor noch weiter hinausgezögert hatte, mitspielte.

THORSTEN FEHLT, eine noch relativ junge Band mit, wie ich vor Ort feststellen durfte, meinem alten Bekannten Didi an der Klampfe, zockte dann rustikalen deutschsprachigen Punkrock mit mal ernsteren, mal eher heiteren Texten, der gut rüberkam und Laune machte. Der aufgrund einer Beinverletzung gehandicapte Basser behalf sich mit einem Stuhl. Da sind in jedem Falle kreative Köpfe aktiv und ich bin gespannt, was da noch so kommen wird. Böse Zungen behaupteten, man höre, dass Thorsten fehlt, aber mit diesem Vor Ort aufgeschnappten Gag ging ich der Band schon direkt nach dem Auftritt auf die Nerven.

FREVEL, die ich schon mehrmals gesehen hatte, auch im Rahmen gemeinsamer Konzerte, werden (bewusst) immer metallischer, ihre jüngste Veröffentlichung trägt gar den Titel „Thrash Punk Inferno“. Und übertreibt nicht: Der angriffslustige HC-Punk/Thrash-Crossover mit Tim Terrors deutsche und englische Texte herausbrüllendem, kehligem Gesang macht schwer was her und kam entsprechend gut an. Der Sound war direkt vor der Bühne am besten, wo man auch vorm Regen geschützt war (eine Erkenntnis, die sich nach und nach durchsetzte), die Klampfe orientierte sich viel an klassischem ‘80er-Thrash-Riffing (und beherrschte auch die eine oder andere melodische Passage, die mich gar an alte METALLICA-Großtaten erinnerten), der neue Drummer rührte seine Kessel wie ein Berserker – Killer! Verdientermaßen wurden FREVEL zu einer Zugabe genötigt, derer sie gleich zwei spielten: „No War“ und „Out Of Control“. Während ich früher RAWSIDE als einen der Haupteinflüsse ausmachte, emanzipiert man sich anscheinend immer mehr davon und findet seinen eigenen Brachialsound mitsamt filigraner Einsprengsel, der den kämpferischen Texten gut zu Gesicht (bzw. Gehör) steht.

Ich war nun gut auf Betriebstemperatur, das Bühnenprogramm hinkte dem ohnehin nur grob gesteckten Zeitplan aber weit hinterher – insbesondere die Umbaupausen dauerten länger als geplant. Irgendwann standen dann aber auch NIXDA! auf der Bühne – eine Band, die schon seit geraumer aktiv ist, mir bisher aber seltsamerweise nicht über den Weg gelaufen war. Mittlerweile war es dunkel und ein Lagerfeuer brannte, was ein Plus an Atmosphäre bedeutete. NIXDA! spielen sympathischen deutschsprachigen Punkrock zwischen von klassischem Drei-Akkorde-Songwriting bis melodiebetonten Nummern, die einem im wahrsten Sinne des Wortes Flötentöne beibringen. Den vor einiger Zeit ausgestiegenen langjährigen Sänger Hajo beerbte eine Sängerin mit guter Stimme, die eine andere Klangfarbe einbringt. Leider war die Gitarre zunächst selbst direkt vor der Bühne gar nicht zu hören und das Background-Gesangsmikro des Klampfers ausgeschaltet. Letzteres wurde korrigiert und auch die Gitarre etwas angehoben, so richtig Druck entwickelte sie aber den ganzen Gig hindurch leider nicht. Auch der Hauptgesang hätte ein paar Dezibel mehr vertragen können. Vielen war’s egal; nicht nur vor, sondern auch auf der Bühne wurde getanzt und gefeiert – denn als die Band die Kinder zum Tanz auf die Bühne bat, hatten diese offenbar nicht mehr so recht Lust, sodass die Eltern kurzerhand den Part übernahmen. Ich musste dabei an die Castingszene aus „Kein Pardon“ denken, in der ein Mädchen mit verschränkten Armen dasitzt und dessen Mutter die Nummer singen muss, haha… NIXDA! würde ich mir mit voluminöserem Sound noch mal ankieken wollen, also mal die Augen offenhalten.

Aufgrund der vorgerückten Stunde und weil sich bei Jana eine Mitfahrgelegenheit auf den Kiez bot, strich ich nun vorzeitig die Segel und verpasste damit leider TOBSUCHT, bei denen ich mich aber noch einmal ausdrücklich für diese schöne Sause bedanken möchte. Das Gleiche gilt für die gastfreundlichen Tipsy Apes und alle, die aufopferungsvoll bei Organisation und Durchführung mitgeholfen haben. Gerne mal wieder!

P.S.: Nicht zuletzt danke allen, die den Arsch hochbekommen und mitgefeiert haben sowie nicht zuletzt Jana fürs Fahren und die Schnappschüsse unseres Auftritts!

Donne Avenell / Enrique Badía Romero – Axa Sonderband

Der Heddesheimer Reiner-Feest-Verlag brachte die spanischen „Axa“-Endzeit-Fantasy-Comics von Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er nach Deutschland. Donne Avenell schrieb die postapokalyptischen Abenteuer der attraktiven Kriegerin, Enrique Badía Romero zeichnete sie in einem perfekten realistischen Stil. Dieser im Jahre 1991 als rund 50-seitiges, vollfarbiges, handgelettertes Softcover-Album erschienene Sonderband ist meine erste Konfrontation mit Axa.

Die ultraknapp beschürzte Kriegerin Axa ist in einem Endzeitszenario nach dem „nuklearen Holocaust“ und der „großen Verseuchung“ allein auf weiter Flur, auf der Suche nach dem Samen der Hoffnung auf eine neue Menschheit. Das hält sie jedoch nicht vom Nacktbaden ab, wobei sie es mit einer Riesenkröte zu tun bekommt. Damit nicht genug: Lichtscheue Mutanten einer religiösen Sekte greifen sie an und nehmen sie gefangen, wollen sie vergewaltigen. Ab Seite 10 ist sie barbusig. In einer Höhle schläft sie nackt zwischen hunderten Skeletten, in einem zerstörten Vergnügungspark wird sie von Hunden gehetzt. In einem Leuchtturm lernt sie Maria und deren Vater Jaume kennen, in ein Gespräch mit ihm wird knapp ihre Origin-Story eingearbeitet.

Sie muss sich gegen einen mutierten Riesenhummer behaupten und steigt mit Jaume ins Bett. Das menschliche Trio trifft auf die Hells Angels (!), die das Beste aus der Endzeit machen, indem sie Orgien feiern und saufen. Von nun an befinden wir uns erst recht in Sex-&-Violence-Gefilden, aber auch Naturgewalten wüten und bedrohen einmal mehr alles Leben. Nein, man hat’s wirklich nicht leicht.

Das besondere an diesem Sonderband, dem weitere folgten, scheint zu sein, dass er eine zusammenhängende Graphic Novel enthält, während Axa anscheinend eigentlich ein in Tageszeitungen abgedruckter Comicstrip war.

Klar ist das spekulativ und schundig, dabei aber hochprofessionell, mit reichlich Dynamik in satten, atmosphärischen Farben umgesetzt – und letztlich schon geiler Scheiß, irgendwie. Ich müsste lügen!

Tome & Janry – Spirou + Fantasio: Jugendsünden

Für die Supermarktkette Aldi Süd wiederveröffentlichte der Tandem-Verlag im Jahre 2011 die Alben Nr. 38 und 43 der frankobelgischen „Spirou + Fantasio“-Reihe als Hardcover-Ausgaben. Die Nr. 38, „Jugendsünden“, war ursprünglich im Jahre 1987 bei Dupuis erschienen und von Carlsen 1993 auch hierzulande veröffentlicht worden.

Das Inhaltsverzeichnis des rund 50-seitigen, vollfarbigen Albums ist aufgemacht wie eine Collage aus Skandalschlagzeilen der Presse, leider mit falschen Seitenzahlenangaben. Spirous Eichhörnchen Pips führt durch die Geschichten. Die erste Geschichte, die titelgebenden „Jugendsünden“, ist Spirous Origin-Story, erzählt vom betrunkenen Onkel Paul. Hier wurden nicht nur die Sprechblasen lokalisiert, sondern auch die Zeichnungen: Im Carlsen-Verlag wird gefeiert und ein Herr Carlsen ist Teil der Erzählung.

Es folgen eine auf den in der ursprünglichen Reihe fehlenden fünften „Gaston“-Band bezugnehmende Geschichte, in der Fälscher ihr Fett wegkriegen; der Silvesterabend, als Spirou verwechselt wurde, gegen seinen Willen als Page arbeiten musste und den US-Präsidenten kennenlernte; die (mir bereits bekannt gewesene) eher klassische Abenteuergeschichte um den wissenschaftlichen Grafen, das Monsterserum und die verkleideten Bankräuber; sowie eine Detektivgeschichte: Der Graf trommelt die Wissenschaftler des Kongresses zur Beendigung des Hungers in der Welt wieder zusammen, doch ein Spion der Ernährungsindustrie (schöner Seitenhieb!) soll sich unter ihnen befinden. Spirou und Fantasio sollen herausfinden, wer es ist. Die beiden gehen mit unorthodoxen Methoden vor, die für einige Unruhe sorgen. Die Forschungsergebnisse werden nach und nach von den Wissenschaftlern präsentiert, mitunter recht humorig.

Feine frankobelgische Funny-Comickost also, die bis auf den Fauxpas mit den Seitenzahlen auch in dieser zum billigen Kampfpreis abgegebenen Auflage nicht schlechter wird. Wie auch bei „Gaston“ gefallen mir nicht zuletzt die zahlreichen Verweise auf den Carlsen-Verlag, die sich durch mehrere Geschichten ziehen. Leider hat bis auf die erste Geschichte nichts mit Spirou als Kind zu tun, doch „Jugendsünden“ stellte den Startschuss fürs niedliche „Der kleine Spirou“-Spin-off dar.

Holger Henze / Gerhard Pauli – Holgi: Räum das Feld Mann!

Im Jahre 1997 erschien im Alpha-Comic-Verlag dieses Kuriosum: Ein von außen wie ein typisches Taschenbuch des Semmel-Verlachs aussehender, 104-seitiger handgeletterter Comic-Band, der nicht Brösels alias Rötger Feldmanns (daher das Wortspiel im Titel) Kultrocker Werner zum Inhalt hat, sondern Brösels Kumpel und zugleich Widersacher, den Kneipenwirt Holger „Holgi“ Henze, mit dem Brösel sich einst das legendäre Rennen Horex versus Porsche lieferte. Henze textete die hier enthaltenen Comics zusammen mit Gabriele Laurenz und Andreas von Froreich, in Zeichenform brachte sie Gerhard Pauli.

Zeitungsausschnitte zum ersten Werner-Rennen und zur geplanten Revanche bilden eine Collage, die auch eine Kritik Holgis an Brösel enthält. Der in einem sehr charmanten Funny-Stil gehaltene Comicteil wird von eben dieser Vorgeschichte eröffnet, in der Brösel und dessen Management nicht nur ihr Fett wegbekommen, sondern sogar die Freundschaft zwischen Holgi und Brösel aufgekündigt wird. Als Erzähler führt Holgis nerdiges, bärtiges „Faktotum“ Walter durch die Handlung. Holgi liest einen offenbar authentischen „Spiegel“-Verriss des neuen Werner-Comics, in dem er sterben solle. Die Geschichte endet abrupt mit einem Geistesblitz Holgis.

Es folgen weitere Cartoons, Gags und Kurzgeschichten, meist, aber nicht immer mit Holgi, oft auch mit Walter, qualitativ anzusiedeln zwischen banal und genial. Der Stil variiert, manche Cartoons sind sogar in Fotos hineingezeichnet. Wunderbar sind die kräftigen Hintergrundzeichnungen, die manchen Comic besonders erstrahlen lassen. Die Geschichte um das eingangs erwähnte Motorrennen wird fortgesetzt; Kneipengäste schalten eine Kleinanzeige, mit der sie 68 Herausforderer für einen Vorentscheid suchen. Gegen Ende träumt der rennbesessene Holgi visualisiert von einem Rennen Porsche gegen Kamel in Timbuktu. Zudem enthält das Buch zwei Seiten satirischer Werbung sowie eine echte fürs „Ventilspiel“, ein Brettspiel.

Einige Spitzen gegen Brösel sind übers Buch verteilt. Bestand damals eine tatsächliche Feindschaft oder handelte es sich eher um einen Marketing-Coup? So oder so trägt „Räum das Feld Mann“ zur Legendenbildung um Holgi bei.

P.S.: Wie so oft wären Seitenzahlen nett gewesen.

Brösel / Harten – Was soll der Quatsch?

Dieses 1994 im Kieler Achterbahn-Verlag erschienene, 68-seitige Schwarzweiß-Softcover-Album im kleinen A5-Format ist eine Art Brösel-Raritätenkiste, die man ins thematische Konzept Sucht einarbeitete und dafür mit der Zentralstelle für Suchtvorbeugung zusammenarbeite. Autor und Verlag verzichteten auf Honorar und Gewinn und führten pro Exemplar eine Mark an jene Organisation ab. Ein Benefizcomic also.

Ein einführender Fließtext versorgt die Leserschaft mit den entsprechenden Hintergrundinformationen, unter anderem jener, dass die erste Geschichte, zugleich Herzstück des Buchs, von Brösel bereits im Jahre 1981 in Kooperation mit Rolf Harten auf Grundlage eines Theaterstücks gezeichnet wurde. In dieser lernt der allseits bekannte und beliebte Werner den gleichaltrigen Kalli kennen. Kalli leidet unter seiner herrischen Mutter, die ihn sogar zum Psycho-Doc schleift, weil sie nicht versteht, dass nicht ihr Sohn, sondern sie das Problem ist. Der Doc versagt und schickt tatsächlich den Jungen in Therapie, woraufhin der Teufel ihm die Leviten liest. Werner besucht Kalli im Krankenhaus, verhindert, dass er mit Medikamenten vollgestopft wird, nimmt ihn mit, deichselt, dass er Geld von der Krankenkasse bekommt, und fährt mit ihm nach Hamburg. Die finale Aussage: Die Anderen sind die Bekloppten!

Ein bisschen weit hergeholt ist der Suchtbezug beim Comic über einen misslungenen Bankeinbruchsversuch inklusive Fließtexteinleitung. Auch der nächste, in dem es um Kaufsucht geht, wird von einem Text eingeleitet, dessen es gar nicht unbedingt bedurft hätte, denn der an Werbung, Konsumtempeln, Krediten, falschen Versprechungen und künstlicher Bedarfserzeugung Kritik übende Comic spricht für sich. Der darauffolgende einführende Text kritisiert das deutsche Medikamentensystem mit seinen abertausenden Arzneimitteln. Das ist gut und informativ, denn der zugehörige Comic ist zwar witzig, gibt aber mehr nicht her. Ein kurzer Abriss informiert über das arbeitstheoretische Konzept Fullern, das Brösel anschließend in Form einer Wimmelbild-Doppelseite und acht Einzelzeichnungen karikiert. Der nächste Textteil kritisiert die Bekämpfung von Substanzabhängigkeiten mit anderen Substanzen; im Comic werden dann vor allem „Querulanten“ dem Staat gefügig gemacht. Ein Beispiel von Rachsucht beschreibt der darauffolgende Text, wirkt jedoch wie ein arg konstruierter Bezug zum nächsten Comic. Auch der vorletzte Textteil konstruiert eine Vorgeschichte zum nächsten Comic, hat aber nicht mal ansatzweise mit Sucht zu tun; im Comic geht’s dann auch nur um zu laute Musik in einer Mietwohnung. Die letzte Seite gehört der Zentralstelle, die sie für Informationen über sich nutzt.

Zwischendrin finden sich auch ein paar pointierte Ein- und Zweiseiter. Das leider auf Seitenzahlen verzichtende Büchlein liefert einige kluge Denkanstöße, manches wirkt aber etwas bemüht und leidlich passend gemacht. Grundsätzlich aber ein vor allem für Brösel-Fans interessantes Projekt, das bisher Unveröffentlichtes und weitestgehend Unbekanntes des Meisters kompiliert.

04.08.2026, Freilichtbühne, Prerow: TAN ÇAĞLAR – Der Teufel trägt Rollstuhl

Tan Çağlar, Sohn türkischer Gastarbeiter, ist ehemaliger Basketballprofi, Schauspieler (Kriminalassistent Malik Aslan im Berliner „Tatort“ und Chirurg Dr. Ilay Demir in der Krankenhaus-Serie „In aller Freundschaft“), Mannequin, seit 2017 Comedian – und er sitzt im Rollstuhl. Nach „Rollt bei mir“ und „Geht nicht? Gibt’s nicht“ ist „Der Teufel trägt Rollstuhl“ sein drittes Programm, mit dem er durch Deutschland tourt und in diesem Zuge auch einen Abstecher ins schöne Prerow auf’m Darß machte, als meine wesentlich bessere Hälfte und ich dort gerade urlaubten. Es hat mittlerweile Tradition, dass, wann immer wir da sind, wir ein Comedy- oder Satireprogramm auf der Freiluftbühne aufsuchen, einem sehr schnuckeligen Veranstaltungsort, der deutlich kleiner sein dürfte als jene, die Çağlar für gewöhnlich bespielt. Dass trotzdem ein paar Plätze freiblieben, dürfte mit einer Terminvorverlegung zusammenhängen, die anscheinend leider nicht alle mitbekommen hatten.

Wir kannten bisher keines seiner Programme und hatten ihn als Comedian auch bisher nicht wahrgenommen, ließen uns also einfach überraschen. Çağlar wusste offenbar, dass dies womöglich auch anderen so gehen würde und ein Teil des Publikums vornehmlich deshalb anwesend sein wird, weil es „In aller Freundschaft“-Fan ist. Diesen holte er nach einem Wortwitz mit seinem Namen (stellt man den Nach- vor den Vornamen, spricht er sich kurioserweise „Scharlatan“ aus) direkt ab und bewies bereits hier einen sympathischen Mix aus ungezwungener, spontaner Plauderei und Humor. Ungefähr zwei Stunden lang (nach der Hälfte gab’s eine viertelstündige Pause) verband er die – seine – Themen Fernsehen, Behinderung, Comedy und Migrationshintergrund mit zahlreichen Anekdoten aus seinem bewegten Leben, bezog auf unterschiedliche Weise immer wieder das Publikum ein und bewies ein sicheres Gespür für Pointen, die auch dann kamen, wenn man gar nicht unbedingt mit ihnen gerechnet hätte. So erweckte er den Eindruck eines persönlichen, in Teilen improvisierten Programms, innerhalb dessen er aber stets dahin zurückfand, worauf er hinauswollte.

Mit viel Selbstironie und Freude am humorvollen Vermitteln eigentlich ernster Inhalte wie Barrieren bzw. vermeintliche Barrierefreiheit und den Umgang mit Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern im Alltag nahm er genau diese aufs Korn, ohne sie (und somit sich) der Lächerlichkeit preiszugeben. Stattdessen schuf er Verständnis ohne jede Verbissenheit, sondern mit viel Offenheit, Esprit und Komik. Mit einer Dame aus dem Publikum tanzte er sogar nach der Pause auf der Bühne, die er zu einer Spezialversion von Madonnas „Like a Prayer“ und mit Pyros in beiden Händen betrat – nachdem er während der ersten Hälfte so getan hatte, als kenne er das Lied gar nicht… Von langer Hand vorbereite Gags wie dieser gingen damit einher, den Abend locker auf sich zukommen zu lassen und sich auf sein Publikum einzustellen. Zumindest wirkte es so, denn Tan Çağlar ist auf der Comedy-Bühne natürlich längst ein Profi. Das hat mir nicht zuletzt aufgrund der vielen positiven Energie ausgesprochen gut gefallen und war eine gelungene Überraschung, bei der ich tatsächlich viel zu lachen hatte.

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