Günnis Reviews

Monat: Juli 2026 (page 1 of 2)

Das schräge Buch!

Ein Hingucker im Bücherregal ist diese im Jahre 1992 im Kieler Semmel-Verlach erschienene Comic- und Cartoons-Zusammenstellung allein schon dadurch, dass das Taschenbuch nicht wie üblich rechteckig, sondern trapezförmig ist, illustriert zudem mit einem betrunkenen Kapitän auf dem Einband. „Eine Weltneuheit auf dem Buchmarkt“, wie das Vorwort verrät.

„Das schräge Buch!“ verzichtet auf Seitenzahlen und enthält unkolorierte einpanelige Cartoons und Ultrakurzgeschichten verschiedener Künstler, aber auch längere – und die sind gut: Mali & Werner (nicht die Comicfigur) zeichnen sich selbst und warum sie keine Geschichte abliefern konnten (Meta-Ebene und Selbstironie), „Zorro“-Zeichner Fuchsi beschäftigt sich satirisch mit den verschiedenen Einkommen in Deutschland, Nemeth (statt Brösel!) zeigt, weshalb die Comicfigur Werner nur noch zwei Zähne hat, und hantiert gekonnt mit dem schleswig-holsteinischen Dialekt. Darüber hinaus findet sich hier aber leider auch sehr viel laues Zeug, einer hat sogar schlicht ein Foto eingesandt…

Sebby’s Pauly zügig dabei!

Im Kieler Semmel-Verlach erschien im Jahre 1987 dieses 68-seitige, unkolorierte querformatige Taschenbuch des deutschen Cartoonisten Andreas Brandt alias Sebby. Es enthält pro Seite lediglich ein Panel bzw., da rahmenlos, vielmehr eine Zeichnung, die entsprechend riesig ausfällt. Die Gags um den opportunistischen, narzisstischen, einmal gar rassistischen Herrn Pauly erstrecken sich über maximal zwei Seiten (somit zwei Zeichnungen) und fallen eher müde aus. Das ist zwar mit kräftigem, klarem Strich gut gezeichnete, für Semmel aber enttäuschend beliebige Cartoon-Kost, für die man auf Seitenzahlen verzichtete und in die sich ein paar Rechtschreibfehler eingeschlichen haben.

Brandt scheint sich seither aber sehr gemausert zu haben und ein gefragter, erfolgreicher Cartoonist geworden zu sein. Mit diesem Büchlein dürfte er noch am Anfang seiner Karriere gestanden haben.

Guido Sieber – Qualitätskontrolle

Für sein viertes, erneut im Hardcover erschienenes Comicalbum kehrte der Berliner Guido Sieber zur Thurner „Edition Kunst der Comics“ zurück, die „Qualitätskontrolle“ als rund 50-seitigen, vollkolorierten Band veröffentlichten. Er enthalte „gemalte Erzählungen“ aus den Jahren 1991 bis 1993.

Diese sind im gewohnt verstörenden Sieber-Stil, bei dem Menschen degeneriert oder wie Monster (oder wie beides) aussehen, und auf zur vermittelten Stimmung passenden schwarzen Hintergründen gezeichnet. Die erste Geschichte ist die Titelstory: Zwei Bauarbeiter bewerten vorbeiziehende Frauen und steigern sich immer weiter in ihren Sexismus, ja sogar Rassismus hinein, bis sie Kontra bekommen. In weiteren „gemalten Erzählungen“ nimmt ein spießig aussehender Typ seine Bauchrednerpuppe mit zum Ersten Rendezvous ins Restaurant (herrlich!), werden „James Bond“-Klischees verballhornt und dadurch sichtbar gemacht (hätte so auch gut in „Mad“ gepasst), bestellt ein schmieriger Typ ostasiatische Frauen aus dem Katalog und treffen in einer TV-Talkrunde der Stumpfsinn, die Wahrheit, das Böse, die Lüge, die Eitelkeit und das Gute aufeinander.

Die Fortsetzung der Titelstory dreht den Spieß um und schaut nun Frauen aus Mail. Neben ein paar ein- und zweiseitigen Kurzgeschichten sorgt sich noch jemand ums Älterwerden und erspinnt Sieber nicht weniger als eine moderne Jesusgeschichte. Einmal mehr lässt es sich köstlich in Siebers negativ-realistischem, aber nie moralisierendem Menschenbild suhlen, denn man fühlt sich verstanden und empfindet mit dem Umblättern der letzten Seite und dem Zuschlagen des Albums eine gewissen Katharsis. Zumindest geht es mir so. Und ich kann nur hoffen, dass es Sieber beim bzw. nach dem Zeichnen ähnlich erging.

Harm Bengen – Chronik des Wahnsinns

Dieses im Jahre 1987 im Kieler Semmel-Verlach erschienene, 68-seitige, unkolorierte Softcover-Album versammelt die von 1982 bis 1986 für das Stadtmagazin „Bremer Blatt“ angefertigten Arbeiten des Cartoonisten Harm Bengen.

Bergen begleitete für besagtes Blatt die Kohl-Regierung sowie bedeutende Weltereignisse mit bissig-kritischem und satirischem Spott in Form einzelner Karikaturen und Onepager-Comics. Diese werden einordnend kommentiert, wo man es für nötig befand; dennoch habe ich nicht jeden Gag kapiert. Manchmal handelt es sich auch schlicht um Nonsens-Spaß, manchmal ist’s auch etwas flach, und bei den beiden Spitzen gegen „Gewaltvideos“ muss ich als Horror- und Thriller-Fan naturgemäß etwas schlucken. Alles in allem aber eine schöne Sache und Zeitreise.

U-Comix präsentiert #8: Édika – Völlig ausgeflippt!

Als Nummer 8 der „U-Comix präsentiert“-Softcover-Albumreihe veröffentlichte alpha-comic im Jahre 1988 einen weiteren unkolorierten 50-seitigen Band des satirisch-provokanten französischen Comic-Anarchos Édika, erneut acht handgeletterte Geschichten umfassend.

In „So ein Lichtsinn“ bringt das Auftauchen einer leichtbeschürzten, vollbusigen Konkubine alle aus dem Konzept, „Fass meinen Kumpel nicht an“ ist eine herrlich absurde Variation eben dieses aggressiven Sozialverhaltens, in „Sommerferien“ will eine Familie in den Urlaub aufbrechen, doch die Nerven liegen blank und der Kater im Kofferraum. Einen Comic weiter, in „Hauptsaison“, ist dieselbe Familie am Strand angekommen, wo der vom Sohn eingebuddelte Vater von erst einer, dann zwei Sexbomben aufgegeilt wird. „Das Erwachen der Triebe“ illustriert, wie zwei Lausebengel ins Pornokino wollen, trotz aufwändigster Verkleidungen aber immer wieder am Wachmann scheitern.

Mit der fertigen Ferienfamilie gibt’s in „Rache ist eine Mahlzeit, die man kalt isst“ ein Wiedersehen: Der Vater spielt dem Familienkater immer bösere Streiche, bis dieser sich bitter rächt. In „Josef, Olga, Aldo und die anderen“ beleidigt ein Mann beim Essen ständig seine Frau, leugnet es anschließend, wird aber mittels Technik seiner Kinder überführt – sehr krawallig. „Emmanuelle No. 17“ beginnt mit einer Persiflage auf die „Emmanuelle“-Erotikfilmreihe. Die Filmszenen sind fast schon realistisch gezeichnet. Der kaputte Familienvater sieht sich gerade den Film an, als es zu einer Störung kommt und er verzweifelt versucht, den Softporno weiterzugucken. Am Ende dieser Geschichte und damit dieses Albums baut sich der Zeichner in Form von Fotos selbst ein und lässt mehrere Erzählebenen miteinander verschmelzen.

Weiterhin ist es also meist die Triebhaftigkeit, die Ziel des Spotts Édikas ist. Der pure Nonsens scheint mir in diesem Album etwas zurückgeschraubt worden zu sein, dafür setzt man mehr auf wiederkehrende Figuren. Die vertrauten Running Gags finden sich hier aber ebenso wie der extrem karikierende Zeichenstil mit seinen Auberginen-Nasen. Bei allem Chaos, das die Figuren anrichten, bleiben die Zeichnungen stets relativ übersichtlich und nachvollziehbar, die dynamische Panelstruktur passt sich dem jeweiligen Verlauf an. Fazit: Doof, aber nicht dumm.

18.07.2026, Volksparkstadion, Hamburg: Die 80er live

Ins Volksparkstadion zieht es mich ja nun normalerweise nicht unbedingt, doch an diesem Samstag wird es für ein Open-Air-Festival zweckentfremdet. Meine Liebste hat mir zum Geburtstag eine Karte für die unverwüstliche, an Evergreens reiche Radio-Musik meiner Kindheit geschenkt und begleitet mich. Während man mich mit ‘90er-Eurodance und so’nem Zeug jagen kann (Ausnahmen bestätigen die Regel), habe ich im Laufe der Jahrzehnte eine ausgeprägte Schwäche für ‘80er-Wave, Synthie-Pop, Pop-Rock usw. entwickelt, der ich hin und wieder nachgeben muss. Da liegt diese Veranstaltung natürlich nicht nur logistisch nahe. Zudem scheint sich 80er zu einer eigenen Populärkulturgattung entwickelt zu haben, die zu reproduzieren unzählige Menschen ungebrochen als große Freude empfinden. Mir soll’s recht sein, besser als deutscher Säusel-Pop, Plastik-Metal, Bauerntechno oder Autotune-Hip-Hop ist’s allemal.

Um 16:00 Uhr soll‘s losgehen und jeder Act ein Best of seiner ‘80er-Hits spielen. Wir kommen mit unseren Innenraum-Tickets schon kurz nach 15:00 Uhr an und problemlos im Bereich vor der Bühne unter. Ein DJ sorgt für Stimmung, indem er einige ‘80er-Standards abfeuert. Dass er dabei ausgerechnet mit einem Modern-Talking-Song beginnt und sich damit rechtfertigt, eben jener sei in einer Abstimmung auf dem ersten Platz gelandet, halte ich für einen groben Scherz oder eine Sabotage-Aktion Dieters und Thomas‘. Das Publikum, das nach und nach ins Stadion strömt, umfasst mehrere Altersklassen von in den ‘80ern noch nicht Geborenen bis hoch zu Boomern. Einige haben sich albern kostümiert und erinnern mich damit eher ans Schlagermove-Publikum, die meisten aber tragen schlicht ein ans Wetter angepasstes, legeres Outfit. Es ist nämlich weder zu kalt noch zu heiß, dafür trocken – ideales Open-Air-Wetter also. Wir holen uns unser erstes 7-EUR-teures Pils aus HSV-Plastikbechern, schießen als Beweis dafür, das wirklich durchzuziehen, Selfies mit der Bühne im Hintergrund und harren der Dinge, die da kommen mögen. Die Spannung steigt.

Der ehemalige „Formel Eins“-Moderator Peter Illmann wird vom DJ begrüßt und führt ab jetzt durchs straffe Programm. Als erste Künstlerin kann er SANDRA ansagen, die den Reigen eröffnet und mit „(I’ll Never Be) Maria Magdalena“ in ihr Set einsteigt. Sie hat eine richtige Band dabei; mit dem superatmosphärischen „Secret Land“ folgt ein weiterer meiner Favoriten, gefolgt von „Everlasting Love“. Über „Little Girl“ hätte ich mich noch gefreut, doch der schaffte es nicht in Set. Stattdessen erklingen „Johnny Wanna Live“, „I Need Love“ und „Heaven Can Wait”, als Zugabe darf natürlich „In the Heat of the Night” nicht fehlen. Das eine oder andere Arrangement wurde verändert, zudem mit coolen Songübergängen gearbeitet, was das Material sehr lebendig erscheinen lässt. Im Hintergrund sind (wie es bei Vielen im Laufe des Abends der Fall sein wird) Auszüge der jeweiligen Videoclips zu sehen. SANDRA singt derart perfekt, dass wir uns fragen, ob da eventuell Playback im Spiel ist. Andererseits ist ‘80er-Sound-typisch sehr viel Hall auf der Stimme und vielleicht der eine oder andere weitere Effekt daraufgelegt. So oder so: Ein gelungener Auftakt, der genauso viel Spaß macht, wie ich es mir erhofft hatte – nicht zuletzt, weil zumindest hier relativ weit vorn der Sound auch wirklich stimmt. An Konfetti und Pyros mangelt es hier übrigens nicht, obwohl es noch am helllichten Tage ist. Es wird geklotzt, nicht gekleckert.

Nun also Italo-Disco mit GAZEBO. Nicht unbedingt meine favorisierte Musikrichtung. Klar, „I Like Chopin“ ist ein Hit, aber wie kann ich mir das vorstellen? Er setzt sich hinter ein Keyboard, haucht jenen und ein, zwei weitere Songs in Mikro und geht wieder? Nein. Er verzichtet konsequent auf jedes Instrument auf der Bühne, seine Musik war ohnehin stets vollelektronisch. Stattdessen schreitet er wie eine Mischung aus Gentleman und Sugar Daddy verdammt cool aussehend bis an den vorderen Rand des ins Publikum hineinragenden Stegs, steigt mit „Lunatic“ ein, spielt Luftgeige und überrascht mich mit der Information, dass das von Ryan Paris interpretierte „Dolce Vita“ von ihm geschrieben worden sei, weshalb er es jetzt zum Besten gebe. Das wusste ich nicht und ist eine genauso positive Überraschung wie das folgende „Tarzan Boy“, das ebenfalls aus seiner Feder stammt. GAZEBO haut ein Guilty Pleasure nach dem anderen raus, „I Like Chopin“ ist nun an der Reihe. Immer wieder bezieht er das Publikum mit ein und animiert es, ohne Ballermann-Stücke daraus zu machen. Anschließend kündigt Illmann GAZEBOs Meisterstück an; ein Wortspiel, denn gemeint ist „Masterpiece“, mit dem sich GAZEBO verabschiedet. Ich bin positiv überrascht, das hat richtig Laune gemacht!

Mit NIK KERSHAW wird’s britisch. Und rockig! Mit zwei Gitarren und einem fünfsaitigen Angeberbass befinden sich drei Äxte und damit eben eine vollausgewachsene Rockband auf der Bühne. Möglich, dass der Umbau deshalb länger dauerte. Der DJ überbrückt diese Umbaupausen stets mit Musik aus der Konserve, langweilig wird’s also nicht so schnell. KERSHAW eröffnet mit dem mir bis dato unbekannten „Wide Boy“, gefolgt von der großen Hit-Trinität aus „The Riddle“, „Wouldn’t It Be Good“ und „I Won’t Let the Sun Go Down on Me“. Der größte Sänger war er nie, aber er spielt eine wirklich gute Leadgitarre. Der Höhepunkt ist „I Won’t Let the Sun Go Down on Me“, bei dem der Basser richtig ranmuss und das in einer verlängerten, das Publikum einbeziehenden Version dargereicht wird. Großartig! Ich fühle mich längst pudelwohl und gut aufgehoben hier. Der „Kisscam“-Unfug, mit dem sich die Regie die Zeit bis zum nächsten Act vertreibt, ist bald vorüber, und es geht mit einem weiteren Highlight weiter.

Einer meiner liebsten ‘80er-Synthie-Pophits ist „The Great Commandment“ der deutschen CAMOUFLAGE, mit dem die einen topfitten Eindruck hinterlassende Band einsteigt und somit direkt aus dem Vollen schöpft. Ich bin ganz verzückt und bekomme Gänsehaut. Auch hier laufen die Videoclips im Hintergrund dazu und erlauben direkte Gesichtsvergleiche. Und auch hier steht eine richtige Band auf der Bühne, sogar mit echten Drums. Überraschenderweise entscheidet man sich als zweiten Song für „Suspicious Love“ aus dem Jahre 1993, der zeitlich somit etwas aus der Reihe fällt. Leider ging der Gesang hier ein wenig unter den Bässen unter, der Sänger dafür aber voll ab: Er sprang herum wie ein junger Hüpfer. Als dritte und leider schon letzte Nummer folgt „Love Is A Shield“. Schade, dass niemand mit der Mörderflöte aus dem Video auf der Bühne steht. Ich überlege kurz, ob auch mir wohl eine pinke Blümchenweste stehen würde, aber dann ist auch schon Schluss und die Zugaberufe verhallen ungehört.

Immer mal wieder lässt Illmann durchblicken, dass man im Zeitverzug sei, anscheinend hat die eine oder andere Umbaupause wesentlich länger als vorgesehen gedauert. Ich hatte das Gefühl, dass KIM WILDEs Set gekürzt wurde, um wieder ein bisschen Zeit reinzuholen – kann mir nämlich nicht vorstellen, dass man sie für nur vier Songs auf die Bühne holte. Diese zählen zwar zu ihren größten Hits, da wir auf Toilette und anschließend an einer der überteuerten Fressbuden etwas zu essen holen sind, verpassen wir aber die ersten beiden Nummern und sehen die letzten beiden eher von hinten. Fotos kann ich auch keine machen, da ich die Hände voll habe. Schade, aber besser dies passiert bei Kim als anderswo, denn die hatte ich vor wenigen Jahren ja tatsächlich schon in der Hamburger Fabrik livegesehen. Ihre Co-Sängerin ist übrigens deutlich sichtbar schwanger, da dürfte in Kürze eine Babypause anstehen.

Die folgende Pause wird dafür genutzt, Veranstalter Markus Krampe mit viel Tamtam vorzustellen. Der angepeilte Rekord „Größte 80er-Party der Welt“ wurde trotz um die 40.000 Besucherinnen und Besucher nicht geknackt, letztes Jahr in Gelsenkirchen seien’s mehr gewesen. Als er bekannt gibt, wen er fürs nächste Jahr verpflichtet habe, gibt’s einige „Ohs“ und „Ahs“ zu hören, bei Verkündigung der Teilnahme Dieter Bohlens aber auch Buhrufe und Pfiffe. Zurecht, denn ‘80er-Pop schön und gut – dessen Karikatur brauche ich aber nicht.

Eine echte, tourende Band sind auch ALPHAVILLE, die nun als nächstes Highlight folgen. Und auch sie schmuggeln eine jüngere Nummer ins Set, auf „Big in Japan“ folgt „Carry Your Flag“. Weiter geht’s mit „Sounds Like a Melody“, gesanglich stark variiert – vielleicht nicht unbedingt zum Besten. Dafür wird aber richtig dick aufgefahren, mit Background-Sängerinnen und allem Pipapo, und mittendrin Sänger Marian Gold, der richtig Bock hat, auch mal einen Spruch gegen die AfD raushaut und voller Inbrunst zum großen Finale übergeht: „Forever Young“, für mich eine der ‘80er-Pop-Hymnen schlechthin, in einer verlängerten Version – ganz groß und doch so schnell auch schon wieder vorbei.

Aber es geht ja noch weiter: Die britische CUTTING CREW ist vor allem für ihren Megahit „(I Just) Died In Your Arms“ bekannt, aus dem Debütalbum wurden aber auch weitere Singles ausgekoppelt. So beispielsweise „One for the Mockingbird“, mit dem der Sänger und der Gitarrist zusammen mit der Showband des Abends ihr Set eröffnen – ein Good-Time-Rocker, den kaum jemand kennt. Weshalb man „The One I Love / Play With Fire“ von R.E.M. covert, wenn man fünf Studioalben veröffentlicht hat, erschließt sich mir ebenso wenig wie in einem 20- bis 30-minütigen Slot ein einen Solospot für den Gitarristen unterzubringen. Damit dürften aber zumindest die vielen Trägerinnen und Träger von Hardrock- und Metal-Shirts auf ihre Kosten kommen, die man vielleicht nicht unbedingt auf einer solchen Veranstaltung erwartet hätte. Das Solo ist dann auch pures Gefühl, richtig gut – Michael Schenker wäre stolz gewesen. Die weiteren Songs sind die Schnulze „I’ve Been in Love Before“ und natürlich „(I Just) Died In Your Arms“.  Nachdem zu Beginn des Sets etwas nachgepegelt wurde, entpuppt sich die Gesangsleistung als ebenfalls sehr stark. Der Sänger bekundet zudem seine Solidarität mit der Ukraine. Illmann stellt im Anschluss die Backingband vor, die an diesem Tag bei diversen Acts mitspielt.

Während ihre Tänzerinnen schon in Pose stehen, wird noch die Gitarre gestimmt: „Busenwunder“, Ex-Pin-up-Girl und Pop-Sängerin SAMANTHA FOX kommt mit ihrem Gitarristen sowie, reichlich übertrieben, Deutschlandfahne auf die Bühne, liefert dann aber ab: Harmlos beginnend mit „Nothing’s Gonna Stop Me Now“ und der Coverversion „I Only Wanna Be With You“ (die klasse rüberkommt und mitzusingen Spaß macht) über „I Surrender (To the Spirit of the Night)“ und „Do Ya Do Ya (Wanna Please Me)“ zum großen Finale, das mit einem balladesken Klavierintro eingeleitete „Touch Me (I Want Your Body)“. Ihr Gesang ist zu Beginn des Sets zu leise, wird aber wie zuvor bei CUTTING CREW rasch hochgezogen. Zu meinem persönlichen Bedauern verzichtet Sam auf mein Lieblingsstück, „Naughty Girls (Need Love Too)“ – und ich stelle gerade fest, dass sie’s irgendwie mit teilgeklammerten Songtiteln hat. Auch sie hat sich übrigens super gehalten und macht einen fitten, durchtrainierten Eindruck.

STARSHIP sind ja auch ein Phänomen: Aus dem Psychedelic Rock kommend und aus JEFFERSON AIRPLANE und JEFFERSON STARSHIP geformt, zocken die in ‘80ern plötzlich supereingängigen Pop und Rock und landen mehrere Megahits. Ich will hier und heute natürlich meinen Karaoke-Fave „We Built This City“ sowie Romantik pur mit „Nothing’s Gonna Stop Us Now“ hören, mit letzterem geht’s dann auch los. Sänger Mickey Thomas kommt mit Sängerin (das dürfte Stephanie Calvert sein), die ihre Parts überaus durchdringend singt, wie es die Songs verlangen. Alles andere besorgt die Backingband. „Sara“ sowie die JEFFERSON-STARSHIP-Nummer „Jane“ runden das Set ab.

Ich muss gestehen, dass ich mit CULTURE CLUB respektive BOY GEORGE früher nicht viel anfangen konnte. Musikalisch war mir das zu seicht und „Do You Really Want to Heart Me“ zu dick aufgetragen und zu larmoyant. Dass BOY GEORGE homosexuell ist und seine Kunst immer auch ein Statement über die Musik hinaus war, er zu einer Ikone der nichtheteronormativen Bewegung wurde und unzählige Menschen dazu ermutigt haben dürfte, zu sich selbst zu stehen, erschloss sich mir damals als Kind noch nicht, und bis ich das alles – auch in Bezug auf andere Künstlerinnen und Künstler – richtig einordnen konnte, vergingen doch noch einige Jahre. Mittlerweile ziehe ich den Hut davor, und dem Charme von „Karma Chameleon“ konnte ich mich irgendwann auch nicht mehr entziehen. BOY GEORGE betritt hier zusammen mit dem Sänger Vangelis Polydorou und einer mir unbekannten Sängerin die Bühne und lässt sich zudem von der Festival-Backingband begleiten. „Church Of The Poison Mind“ entpuppt sich als angenehm lässige Mischung aus Pop, Soul und etwas Reggae und wird mit WHAM!s „I’m Your Man“ verbunden, was erstaunlich gut zusammenpasst. Die weiteren Nummern sind „Time (Clock of the Heart), „Do You Really Want to Hurt Me” in einer musikalisch ganz neuen Version und natürlich „Karma Chameleon“. BOY GEORGE legt einen superlockeren Auftritt hin, lächelt dabei unentwegt und scheint mit sich und der Welt im Reinen. Pure positive Energie.

Was ich über seine Bedeutung schrieb, trifft auch auf FRANKIE GOES TO HOLLYWOOD zu, einer für die queere Community unheimlich wichtigen Band, die seinerzeit durchaus als provokant aufgefasst worden war. Meins waren sie nie so ganz; für die Songs schien man Instrumente und Samples aufeinanderzuschichten, als gäb’s kein Morgen mehr, und mir war’s generell etwas zu dick aufgetragen. Deren Sänger HOLLY JOHNSON obliegt es hier nun, mit seiner unverwechselbaren Stimme das große Finale einzuläuten. Auch er lässt sich von besagter Backingband begleiten und singt die großen FRANKIE…-Klassiker „Welcome to the Pleasuredome“, „Two Tribes“, „Relax“ und die Megaschnulze „The Power of Love“. Ein nichtsdestotrotz beeindruckender Auftritt. Seine Stimme scheint kaum gealtert, es ist mittlerweile dunkel und die Lightshow kommt voll zur Geltung, aus den Boxen dringt der typische FRANKIE…-Soundwall. Das ganze Stadion feiert den in schwarzes Leder und Nieten gewandeten HOLLY JOHNSON, und wahrscheinlich bin ich der Einzige, der lieber „Love Train“ und „Americanos“ aus dessen Solokarriere gehört hätte. Das spielt aber überhaupt keine Rolle, denn geflasht bin ich trotzdem – auch von der Pyroshow, die hier noch einmal größer als bei den vorausgegangenen Acts ausfällt. Meiner Liebsten geht’s ähnlich und gemeinsam treten wir nun, gegen 22:30 Uhr, den Rückweg an.

So hatte ich unterm Strich tatsächlich an jedem einzelnen Auftritt hier Spaß, muss den nicht selten ja auch nicht mehr ganz taufrischen Acts Respekt zollen und sehe mich darin bestätigt, welch lebendige Dekade die ‘80er auch im Mainstream-Bereich waren, wie viel Abwechslung und Kreativität sie hergaben und mit wie viel echtem Können sie allen synthetischen Einflüssen zum Trotz verbunden waren. Ich begrüße es zudem sehr, dass hier weitestmöglich auf Playback verzichtet und so authentische Live-Erlebnisse geschaffen wurden. Da stört es mich dann auch kein bisschen, dass es nicht genau wie auf Platte klingt, sondern erfreue mich an Variationen, Abweichungen, dem einen oder anderen nicht getroffenen Ton – das macht es lebendig! Nicht damit gerechnet hätte ich, wie problemlos es auch nach jedem Gang zum WC möglich war, wieder in den vordersten Bereich zu gelangen. Auch wenn es dort von Auftritt zu Auftritt immer voller wurde, kam es nie zu unangenehmem Gedrängel. Offenbar haben die Besucherinnen und Besucher solcher Veranstaltungen darauf keinen Bock und verteilen sich freiwillig übers ganz Areal. Apropos: Wir standen direkt vor einem der großen Lautsprecherriegel, da war der Sound natürlich gut. Passte etwas nicht gleich, wurde schnell nachgeregelt. Ein Stadion gleichmäßig zu beschallen, ist aber natürlich eine Herausforderung. Ich habe die Kritik vernommen, dass in einigen Sitzplatzblöcken der Sound unter aller Kanone und sogar asynchron gewesen sein soll. Ich hoffe, dass das Veranstaltungsteam sich dies zu Herzen nimmt und Abhilfe schafft oder vielleicht nächstes Mal auf den einen oder anderen besonders unattraktiven Block verzichtet. Denn natürlich soll auch, wer nicht mehr ohne Weiteres sieben bis acht Stunden im Getümmel stehen kann oder will, die Chance auf den vollen audiovisuellen Genuss erhalten.  Abgesehen von den indiskutablen Preisen fürs leibliche Wohl war’s für mich ein schönes Erlebnis und etwas Besonderes – und nicht zuletzt eine gelungene Rekontextualisierung des Volksparkstadions…

P.S.: Bessere Fotos professioneller Fotografinnen und Fotografen gibt’s an mehreren Stellen im Netz, bei Interesse einfach mal danach umgucken. Das hier sind nur meine Amateurknipsereien.

P.P.S.: Nicht unterschlagen möchte ich den Bonnie-Tyler-Tribut, auch wenn ich ihn größtenteils verpasst habe: Zwischen zwei abendlichen Acts spielte der DJ „Total Eclipse of the Heart“ und das halbe Stadion sang mit und leuchtete mit seinen Smartphones dazu.

U-Comix präsentiert #3: Édika – Knock Out!

Wie Gotlib hatte ich auch den französischen Comiczeichner Édouard Karali alias Édika über die „Carlsen Pocket“-Taschenbuchreihe kennengelernt, innerhalb derer Édikas „Blödmannski Totalnikoff“ neu aufgelegt worden war. Zuvor war es jedoch einmal mehr Raymond Martins Volksverlag bzw. dessen Nachfolger alpha-comic, der den in Albumform im Jahre 1981 in Frankreich debütierenden Édika nach Deutschland holte, dessen provokante, anarchische bis groteske Funnys in seinem U-Comix-Magazin abdruckte und ihn schließlich auch als Alben veröffentlichte. „Knock Out!“ erschien im Jahre 1987 als 50-seitiges, unkoloriertes und handgelettertes Softcover-Album, bildet die Nummer 3 der „U-Comix präsentiert“-Reihe und umfasst acht Geschichten.

Diese stecken voller Nonsens und Absurditäten. Ein dreiseitiges Bilderrätsel wird von Édika am Ende selbst sabotiert wird. Gegen Gotlib, an dessen Stil Édika nicht nur aufgrund der multiplen Sprachblasen einer Figur pro Panel und der völlig überzogenen Gefühlsregungen erinnert, setzt es Seitenhiebe; auf Seite 15 scheint sich rechts unten gar dessen Peter Pervers eingeschlichen zu haben. Die Klogeschichte „Pippi, Kacka und so weiter…“ setzt auf Ekeleffekte, offenbar ein Stück aus Édikas analer Phase. Édika zeichnet ins Absurde übersteigerte Exzesse in vielerlei Hinsicht sowie große, sich betont sexy gebende Frauen, denen die Brüste heraushängen und die Möchtegern-Machos übel mitspielen – beispielsweise einem Typen, der eine Tanzpartnerin sucht. Am Rande tauchen immer wieder Punks auf, die offenbar damals auch das französiche Stadtbild mitprägten. Ein vermeintlicher Sittenstrolch stiehlt Gegenstände zu einem bestimmten Zweck zusammen, was in eine eher durchschnittliche Pointe mündet; vielleicht gingen bei der Übertragung ins Deutsche aber auch Lokalkolorit und Wortwitz verloren. Oft sind‘s indes ohnehin weniger die Pointen als vielmehr der Weg zu ihnen, der aufgrund seines heillos überzeichnenden, karikierenden Humors für Amüsement sorgt. So auch beim armen Tropf, der seine Comics bei einem Verleger unterzubringen versucht – was natürlich als Seitenhieb auf die Branche und ihre Gatekeeper zu verstehen ist. Schwärzesten Humor beherrscht er auch: Ein Blinder wird im Straßenverkehr Stück für Stück aufgrund seines notgeilen und leicht ablenkbaren Blindenhunds regelrecht zersplattert. Dann hat ein Kaufhausdieb wenig Glück und scheitert trotz immer ausgefeilterer Methoden stets am Gesetzeshüter. Die letzte Geschichte verrät, wie man es zum Bodybuilding-gestählten Körper in nur einer Woche schafft. Oberflächlichkeiten und Triebgesteuertheit sind häufig Ziele Édikas Spotts.

Auch die Vielzahl gezeichneter Extremitäten, um schnelle Bewegungen und Hektik auszudrücken, erinnern an Gotlib. Édikas Figuren aber haben diese charakteristischen Auberginen-Nasen.  Auch Gotlib hat ein Faible für die Meta-Ebene und arbeitet mit Kommentaren sowie Figuren, denen bewusst ist, dass sie Teil eines Comics sind. Fast überraschend wirkt die zwar dynamische, zumeist aber sehr klare, aufgeräumte Panelstruktur. Einer der Running Gags ist die plötzliche Verwendung englischer Sprache, ein weiterer die wiederkehrende Frage: „Warum so viel Hass?“ Ein paar deutsche Lokalisierungen ließ der Volksverlag dem Comic anheim werden. Wie bestimmte andere Nachkriegszeichner und -autoren auch löst sich Édika von sämtlichen etwaigen Fesseln und zeichnet ohne Rücksicht auf öffentliche Meinung oder Zensur, was ihm in den Sinn kommt. Das wirkt auch heute noch erfrischend und löst ein Verlangen nach Mehr aus, das Édika sicher vortrefflich hätte zeichnerisch karikieren können.

Christian Eichler – Lexikon der Fußballmythen

Nachdem ich Christian Eichlers mir einst von Onkel Joe vermachtes Buch „Weltmeisterschaften Tag für Tag“ gelesen hatte, schrieb ich, gern mehr von ihm lesen zu wollen. Gerade einmal acht Jahre später (*hüstel*) ist es so weit, begleitend zur in Teilen unfassbar absurden WM 2026 nahm ich das „Lexikon der Fußballmythen“ des deutschen Sportjournalisten zur Hand. Es erschien ursprünglich im Jahre 2000 bei Eichborn; mir liegt eine aktualisierte Neuauflage aus dem Jahre 2004 vor, die Piper als Taschenbuch herausbrachte. Das Buch gliedert sich in 29 Kapitel plus Vorwort, ausführlichem Quellenverzeichnis und Register.

Im Vorwort verweist Eichler darauf, dass einige Informationen wiederholt abgedruckt sind, schlicht weil sie zu mehreren behandelten Themen passen. Diese Wiederholungen und Querverweise stören mich ebenso wenig wie der Umstand, dass es sich keinesfalls um ein Lexikon im klassischen Sinne handelt, sondern vielmehr um eine mit faktenbasierten Informationen pickepackevollgepackte Essay-Sammlung zu übergeordneten Begriffen wie Spiel, Kampf, Spieler, Team und Verein, oder auch Skandal, Angst, Schönheit, Sprache und Kult. Diese Kapitel wiederum sind gegliedert in dann tatsächlich alphabetisch sortierte Unterkapitel, womit ein lexikalischer Aufbau zumindest angetäuscht wird wie bei einem guten Übersteiger.

Eichler schreibt in einer Mischung aus informiertem Journalisten und kritischem Fan des Fußballsports, woraus ein angenehm zu lesender Stil resultiert. Er trägt internationales Wissen zusammen, sortiert es in die unterschiedlichen Aspekte des Fußballs ein, bereitet es nachvollziehbar, oft betont locker auf und schließt fast immer mit einer besonders (trocken-)humorig präsentierten Anekdote. Eines der schönsten Beispiele findet sich im Kapitel „Film“:

„[…] spätere Kollegen haben die Peinlichkeiten in anderen Streifen nachgeholt: Paul Breitner im deutschen Western »Potato-Fritz«, Wolfgang Kleff als Double des Komikers Otto, Franz Beckenbauer als er selbst in »Der Libero« (produziert von Konsul Weyer), zuletzt Eric Cantona als Leibwächter eines Affen in »Monkey«. Kein Wunder, daß unter Fußballern »Schauspieler« ein Schimpfwort ist.“

Immer wieder zitiert er Kollegen der schreibenden Zunft, Sportler, Trainer und andere aus dem Fußballrummel, besonders gern alte Brasilianer sowie den uruguayischen Fußballromantiker Eduardo Galeano, der es ihm – ebenso wie der ehemals so schöngeistige südamerikanische Spielstil – besonders angetan zu haben scheint. Am Ende der rund 440 Nettoseiten hat man tatsächlich das Gefühl, man habe alles Wissenswerte und noch viel mehr vermittelt bekommen.

Inhaltlich endet das Buch jedoch (ich hoffe, ich liege jetzt nicht daneben) im Jahre 2002. Und seitdem ist viel passiert! So ergänzte ich das eine oder andere Kapitel im Geiste und machte mir dadurch bewusst, was seither eigentlich so alles geschehen ist und sich in mein Langzeitgedächtnis eingebrannt hat. Das Kapitel über Verletzungen müsste um Bastian Schweinsteiger im WM-Finale 2014 erweitert werden, jenes über Wendepartien um Dortmund versus Schalke sowie Deutschland gegen Schweden, die jeweils nach einer 4:0-Führung unentschieden ausgingen. Ein Kapitel über Skandale ohne den korrupten Schiri Hoyzer? Undenkbar. Und wenn ich von einem Büchsenwurf lese, wirkt dieser harmlos gegen den Golfball, den Oliver Kahn später abbekommen sollte. Im Kapitel über Medien, in dem er bereits Attacken der Springerpresse gegen Jürgen Klinsmann anspricht, heißt es an einer Stelle (auf S. 399): „Einflußreicher als die Presse ist längst das Fernsehen […]“ – und man wünscht sich, er hätte die Zeit mit Klinsmann als Nationaltrainer noch ins Buch einfließen lassen können… Was Eichler darüber hinaus wohl zu all den Video-Assistant-Referee-Aufregern gesagt hätte, zu Fußball vor leeren Rängen während der Covid-19-Pandemie oder zu einer Weltmeisterschaft in Katar?

Über ein paar Ungereimtheiten bin ich gleichwohl auch gestolpert: Nach den WM- und EM-Blamagen 1998 und 2000 legt Eichler den Kritik an vernachlässigter Nachwuchsarbeit Übenden eine regelrecht nach Ressentiment klingende Schuldzuweisung an „zu viele Ausländer“ (S. 102) in den Vereinen in den Mund, was etwas arg polemisierend ist. Die Manndeckung Maradonas im WM-Finale 1990 (S. 135) übernahm nicht Berthold, sondern Buchwald, und Argentinien ist in jenem Turnier mitnichten mit nur einem Tor ins Finale gelangt. Auf S. 256 wird aus Altnazi Hans-Ulrich Rudel ein gewisser Ernst-Ulrich, und „dem Fritz sei Wetter“ (S. 273) ist Dativ, kein Genitiv. Auch gehe ich – wie schon im eingangs erwähnten Buch – bei seiner Beurteilung der WM 1990 nicht mit, auch nicht in Bezug auf die Leistungen der DFB-Auswahl, die er aus irgendeinem Grunde – anscheinend weil sie eher konservativen, kämpferischen Fußball statt südamerikanische Ballzauberei oder progressive Taktikmodelle bot – überkritisch sieht.

Im Kapitel 24 über Macht, in dem es vor allem um Politik geht, bleibt er zunächst etwas arg oberflächlich und droht sich hier und da zu verheben, ab dem Buchstaben M (wie Mielke) wird’s dann aber doch noch äußerst interessant. Am schönsten aber ist das Kapitel über Sprache. Eichlers Kritik an den Fernsehübertragungen würde ich im hier abgedruckten Ausmaße nicht mehr unterschreiben, mit der mangels Draufsicht aufs komplette Feld vor dem TV-Gerät nur schwer erfassbaren Taktik dürfte er aber bis heute nicht ganz unrecht haben. Generell hadert er teils berechtigt, teils übertrieben mit modernen Fernsehfußball-Phänomen. Am Schluss präsentiert er schließlich die mehr oder weniger titelgebenden 50 populären Fußballirrtümer, die noch einmal besonders kurzweilig geraten sind, einem dabei aber schöne Fakten fürs nächste Kneipengespräch mit auf den Weg geben.

So verbindet Eichler in seinem um 35 Schwarzweiß-Abbildungen ergänzten Buch Fachwissen mit unaufdringlichem Humor sowie der einen oder anderen streitbaren These – und macht nach einer kurzen Verschnaufpause Lust auf mehr. Der nächste Eichler ist schon geordert (und wird hoffentlich keine acht Jahre bei mir nachreifen).

10.07.2026, Kaufhaus mit Herz, Buchholz i.d.N.: HEADLIGHT

Kiki hatte durchblicken lassen, dass HEADLIGHT, die Country-Cover-Kapelle meines alten Kumpels Norman, im Städtchen Buchholz in der Nordheide spielen sollte, und zwar umsonst und draußen. Nachdem ich diese im Winter erstmals live gesehen hatte und sehr angetan war, sprach eigentlich nichts gegen meine Partizipation, denn in der Theorie passte alles: Ich konnte an diesem Freitag zeitig Feierabend machen, hatte in Wintermoor etwas zu erledigen, wofür ich ohnehin über Buchholz fahren musste, und wäre auf dem Rückweg pünktlich zum Konzertbeginn um 19:30 Uhr vor Ort gewesen. Durch die Umsetzung in der Praxis machte die Bahn aber einen dicken Strich. Die Sommerferien hatten begonnen, was bedeutet, dass die S-Bahn auf der gefürchteten, weil besonders störungsanfälligen Linie S3, die das niedersächsische Stade mit dem Schleswig-Holstein’schen Pinneberg verbindet und dazwischen durch ganz Hamburg gondelt, auf einem insbesondere für Berufspendler wichtigen Teilabschnitt einmal mehr für Bauarbeiten gesperrt wurde. Den Ersatzverkehr mit Bussen tut sich keine vernunftbegabte Kreatur an, also weichen alle auf die Regionalbahn aus, um zum Verkehrsknotenpunkt Harburg zu gelangen. Ausgerechnet diese musste auch ich nehmen, um nach Buchholz zu gelangen. Meine S-Bahn zum Hauptbahnhof fiel sang- und klanglos aus, ohne dass es eine entsprechende Durchsage gegeben hätte, die elektronischen Zugzielanzeiger zeigten nur Kokolores an. Reine Glückssache alles an solchen Tagen. Dank eingeplantem Puffer kam ich trotzdem rechtzeitig am Hamburger Hbf an, wo ich vom Gleiswechsel der Regionalbahn erfuhr. Ok, kein Ding. Am Bahnsteig aber bot sich mir ein Bild des Grauens: Menschenmassen, die sich in verschiedene Richtungen schoben, teils mit Kinderwagen, mit Rollatoren oder viel Gepäck. Auch hier auf den Anzeigetafeln nur Falschinformationen (besonders schön: „Bitte nicht einsteigen!“), ein perfektes Chaos.

Bis alle eingestiegen waren, verging Minute um Minute. Pünktlich würde ich hier nicht loskommen, so viel stand fest. Doch noch hatte ich Glück und konnte sogar einen Sitzplatz ergattern. Ha! Doch der Zug setzte sich noch lange nicht in Bewegung. Zunächst musste zigmal durchgesagt werden, dass der Türbereich freigemacht werden müsse, damit diese schließen könnten. Dann eilte das Zugpersonal hastig durch die Abteile, um die Türen manuell zwangszuschließen. Irgendwann ging’s dann endlich mit massiver Verspätung los. Am ersten Zwischenstopp versagte jedoch kurzzeitig eine dieser hochsensiblen Türen ihren Dienst, was ein weiteres Eingreifen des Personals erforderlich machte und noch mehr Verspätung erzeugte. Schnurz, denn wie ich per Durchsage erfuhr: Mein Anschlusszug, der mich von Buchholz nach Wintermoor bringen sollte, hatte ungefähr eine halbe Stunde Verspätung, wodurch ich ihn in jedem Falle noch bekommen würde…

Den Buchholzer Bahnhof hatte ich noch nie so voll gesehen wie an diesem späten Nachmittag; offenbar wollten Etliche diese an jeder Milchkanne haltende Heidebimmelbahn nutzen, um mit ihrem Reisegepäck nach Hannover zu gelangen und von dort in den Urlaub zu starten. Durchsagen am Bahnhof gab es keine, von einer Anzeigetafel ganz zu schweigen. Blicke in die HVV-App verdeutlichten aber, dass die Verspätung immer höhere Ausmaße annahm. Gut, erst mal schiffen gehen. Das einzige Bahnhofsklo war „wegen Vandalismus geschlossen“, nebenan stand aber ein vollgesifftes Dixi, in dem ich meine Duftmarke addieren konnte. Als die Bahn endlich eintrudelte, dauert es noch mal ewig, bis sich alle wie die Ölsardinen hineingezwängt hatten. Das Personal half, die Fahrgäste auf die drei Waggons aufzuteilen, bis es irgendwann mit einer einstündigen Verspätung oder so losging. Für eine rund 20-minütige Strecke wohlgemerkt! Diesmal hatte ich keinen der raren Sitzplätze, aber Lieblingsmusik auf dem Ohr und mache auf stoisch alles über sich ergehen lassenden Mönch. Wenigstens war der ganze Bums an diesem heißen Sommertag klimatisiert. Man ließ sich aber weiterhin alle Zeit, hielt irgendwo, wo die Strecke tatsächlich mal mehrgleisig wurde, um den entgegenkommenden Zug vorbeizulassen, und tuckerte dann in aller Seelenruhe weiter. Irgendwann ließ ich mich in Wintermoor ausspucken, beobachtete noch, wie das Bahnpersonal aus den Fenstern ihrer Kabuffs kletterte, um von außen irgendwo irgendwie einzugreifen (Kollabierte Fahrgäste? Defekte Türen? Reifenplatten?), aber das hatte alles nichts mehr mit mir zu tun und so genoss ich die Abwesenheit jeglicher Menschen. Irgendwann wollte ich den Rückweg antreten, um mir HEADLIGHT anzusehen, ‘n kaltes Bierchen zu zischen und ‘ne Pommes zu verknusemafatzeln. Müßig zu erwähnen, dass die ursprünglich geplante Bahn zeitlich keine Option mehr war. Mit der nächsten wäre ich so oder so zu spät gekommen, auch ohne die zehnminütige Verspätung, die nun am Bahnhof angezeigt und durchgesagt wurde. Diese waren schnell um, dann allerdings wurde zu dieser Bahn lange Zeit gar nichts mehr gesagt und nur die darauffolgende Bahn angezeigt, ganz so, als sei sie verschollen oder habe schlicht aufgegeben. Nach einer halben Stunde oder was weiß ich kam sie dann doch. Kein Sitzplatz zwar, aber auch kein so fieses Gedrängel. Mit dem Konzert hatte ich allerdings schon abgeschlossen, nun lockten nur noch Bier und Pommes.

Zurück in Buchholz stellte ich erfreut fest, dass ich lediglich die Hälfte verpasst hatte, denn ich kam pünktlich zur Pause zwischen den Sets. Allerdings spielten HEADLIGHT nicht, wie ich zunächst angenommen hatte, auf einem Stadtfest oder so, sondern auf der Rampe des Sozialkaufhauses der AWO. Es gab Bier, aber keine Pommes, dafür Kekse und Blaubeeren. Und HEADLIGHT! Die spielten vor um die zwei Dutzend Menschen, von denen die einen standen und die anderen es sich auf den bereitgestellten Stühlen bequem gemacht hatten. Kiki bot mir ihren Stuhl an und so pflanzte ich mich dazu, um dem Sextett zu lauschen. Der Aufbau war diesmal insofern reduziert, als der Drummer samt seinem Kit durch einen zurückhaltendere Percussions beisteuernden Kollegen ersetzt worden war, wodurch die Performance noch etwas intimer wirkte. Auch Normans E-Gitarre blieb diesmal im Koffer, er beschränkte sich auf die akustische. So coverte man sich durch liebgewonnene und unverwüstliche Klassiker wie „Wagon Wheel“, Buddy Hollys „It’s So Easy!“, Dolly Partons „Jolene“, Del Shannons „Runaway“, Steve Goodmans „City of New Orleans” (dem „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“-Original), Tammy Wynettes „Stand By Your Man“, Johnny Cashs „Daddy Sang Bass“, CCRs „Proud Mary”, zwischendrin ein Medley inklusive Simon & Garfunkels „Mrs. Robinson“ und als Zugabe „Save the Last Dance for Me“. Der Begriff Country wurde also eher breit ausgelegt, und wie in Buxtehude brillierten Manuela und Norman als Gesangsduo, während die Songs durch die Instrumentierung inklusive eines Keyboards eine sehr individuelle Note erhielten und dadurch gewannen. Der ideale Soundtrack zum Bierchenzisch nach einem derart stressigen, aber eigentlich herrlich sonnigen Tag. Mit Pommes wär’s perfekt gewesen! Bald darauf verabschiedete ich mich von Kiki und Norman, fuhr mit einer nur noch zehn Minuten verspäteten Bahn zurück nach Hamburg, zog mir ‘ne Pommes ‘nen Döner und bereute es trotz allem kein bisschen, das WM-Viertelfinalspiel dafür versäumt zu haben. Und ins Buchholzer AWO-Kaufhaus muss ich demnächst mal in Ruhe stöbern kommen – dann hoffentlich ohne Bahnchaos from hell…

P.S.: Unter dem Banner „Musik von der Rampe“ finden dort anscheinend öfter mal solch sympathische kleine Konzerte statt, also am besten die Augen offenhalten.

Mürmann/Nofi – Stinkstiefel

Wolfgang Mürmann war vornehmlich Musiker, lieferte aber auch Ideen und Inhalte für Cartoons, unter anderem für die in der Illustrierten „Neue Revue“ abgedruckten „Stinkstiefel“-Strips, die als rund 100-seitiges querformatiges Taschenbuch im Jahre 1995 gesammelt beim Kieler Semmel-Nachfolger Achterbahn erschienen. Bei Nofi dürfte es sich um ein Pseudonym des Hamburger Zeichners Lutz Nosofsky gehandelt haben, mit dem Mürmann auch für weitere Cartoon-Publikationen zusammenarbeitete.

Das auf Seitenzahlen verzichtende, unkolorierte Büchlein beginnt mit einer kurzen Einführung in die Figuren, in deren Mittelpunkt der rotzfreche Lümmel Justus, nur Stinkstiefel genannt, steht. Die Zeichnungen sind in einem wunderbar karikierenden Funny-Stil gehalten; die Strips bestehen aus ein bis vier Panels, in einem sich über zwei Seiten erstreckenden Fall sogar aus acht. Stinkstiefel legt einen herrlichen Sarkasmus an den Tag, reißt ab und an auch mal einen politik- oder gesellschaftskritischen Spruch oder ergeht sich in Wortwitzen. Hin und wieder bekommt er auch selbst sein Fett weg.

Alles in allem ist das aber nichts, was aus der Masse an ähnlichen Comics groß herausstechen würde, und nicht jeder Gag sitzt. Schade, dass man sich für Maschinen- statt Handlettering entschied, und wenn ich „Scater“ statt „Skater“ lese, wird mir ganz anders. Als kurzweiliger Zeitvertreib aber nicht verkehrt.

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