Günnis Reviews

Monat: Oktober 2026

Gerhard Habarta (Hrsg.) / Harald Havas (Hrsg.) – Comic Welten: Das Album

1992 fand in Wien die „Comic Welten“-Großausstellung statt, zu deren Anlass die Herausgeber Habarta und Havas zwölf österreichische Comiczeichner gewannen, für dieses bei Comicothek erschienene 50-seitige, farbige Softcover-Album einen sekundärliterarischen Streifzug durch die Geschichte der Comics zu nehmen – in Comicform. Dabei orientierte es sich offenbar an den einzelnen Ausstellungsabschnitten.

Ein sprechender Bleistift führt durch das sehr bunte und interessant gestaltete Album, beginnend mit den Ursprüngen der neunten Kunst und ihren Vorläufern über die Zeitungsstrips, Disney, Superhelden, Fantasy, Science-Fiction, Dschungel-Helden, historische Comics, Kriminalcomics, Abenteuercomics und Funnys bis hin zu Horror, Krieg und Terror.

Nach diesem Überblick widmet man sich im zweiten Teil den mit Comics in Verbindung stehenden Themen Zensur, Pädagogik, Politik, anarchischen „Bilderstürmern“, Satire und Parodien, Erotik (hätte ich eher als Genre oder Gattung definiert) und Film & Comic. Was man später als Graphic Novels zu bezeichnen begann, heißt hier noch „literarische Comics“. Auf eine Comicleseanleitung folgt eine herrlich selbstironische Kurzgeschichte „Wie ein Comic entsteht“, die Einblicke in den Herstellungsprozess gewährt. Eine Seite über Fans und Vermarktung schließt den Infocomic-Teil, bevor der Bleistift aus demselben entlässt. Im Anhang finden sich Kurzporträts aller beteiligten Zeichner. Und laut meinen Notizen habe ich irgendwo noch eine Stichelei gegen „Gespenster Geschichten“ & Co. ausgemacht, beim raschen Durchblättern gerade aber nicht mehr gefunden.

Alle Seiten sind individuell und oft detailreich gestaltet, dabei zeichnerisch zum Teil den jeweils behandelten Gegentand parodierend. „Comic Welten – Das Album“ liefert Einsteigern (und an diese richtet man sich vornehmlich) einen tollen Überblick darüber, welche Genres und Subgenres überhaupt existieren, und macht allein schon aufgrund seiner Gestaltung Lust darauf, sich mit Comics – alten wie neuen – zu beschäftigen. Ein paar orthographische Fehler fallen da kaum ins Gewicht.

Ganz am Ende befindet sich ein Verweis auf den Ausstellungskatalog, ein rund 300-seitiges, reich bebildertes Sachbuch (also in Textform), das ebenfalls von Habarta und Havas stammt und für mich als (schon etwas größeres) Kind seinerzeit der Einstieg in die Comic-Sekundärliteratur war. Dieses Album, von dem ich gar nichts wusste, bis ich es zufällig im Antiquariat fand, ist sowohl ein gezeichneter Schnelldurchlauf des von mir als Standardwerk empfundenen „Katalogs“ als auch eine schöne Ergänzung desselben.

03.10.2026, Zenit, Stendal: DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS + TRIPPASCHLÜPPA + DON CAMILLO

Am Tag der deutschen Einheit und in politisch mehr als bewegten Zeiten verschlug es uns zum zweiten Mal ins Stendaler Zenit, einem seit etlichen Jahren subkulturell selbstverwalteten ehemaligen Tanzlokal. Wie vor zwei Jahren brauchten wir nur mit kleinem Besteck anzureisen und konnten daher mit dem Regionalverkehr hintingeln. Der machte es zunächst etwas spannend, holte seine Verspätung aber wieder auf. Und auf der letzten Teilstrecke war sogar noch der Alkoholgenus gestattet. Wir lernten eine ungewohnt freundliche (und an unserer Band interessierte) Zugbegleiterin sowie den Manager von AC/DC (oder so) kennen, wurden schließlich von Strahle am Bahnhof abgeholt und zum Zenit gefahren. Da wir eigentlich eine Zugverspätung eingeplant hatten, waren wir saufrüh vor Ort und ließen’s entsprechend gediegen angehen. Zu essen gab’s ‘ne deliziöse Linsenbolognese auf kleiner Penne-Pasta, die frisch vor Ort zubereitet wurde, dazu Freigetränke bis zum Abwinken – wobei an den Getränkepreisen bisher jede Inflation spurlos vorübergegangen zu sein scheint.

Bis es gegen 20:45 Uhr losging, strömten mehr und mehr Gäste ins Zenit, darunter ein Junggesellinnenabschied. Hat man auch nicht alle Tage. DON CAMILLO aus Dresden treten lediglich als Duo mit Drumspur aus der Konserve auf, was an diesem Abend klanglich zwar völlig ok war, aber natürlich einen ungewohnten Anblick bot. Den kräftigen, gut verständlichen Hauptgesang übernahm der Basser, die deutschsprachigen Songs aus dem Spannungsfeld zwischen flottem Punkrock und HC-Punk mit überlegten, kritischen Texten stammten vom ersten, als Tape erhältlichen Album sowie vom neuen, das wohl am 16. Oktober erscheinen soll, inklusive der ersten Vorab-Single „Festung Europa“. Vor die Songs platzierten sie zuweilen Sprach-Samples, die ebenfalls aus der Konserve eingespielt wurden, oder auch mal was von TRUCK STOP. Ein-, zweimal machte es sich bemerkbar, dass kein Drummer aus Fleisch und Blut korrigierend eingreifen konnte, wenn die Saitenfraktion aus dem Takt geriet, eine Nummer wurde abgebrochen und neu angefangen – Künstlerpech (dazu später mehr). Mein Favorit war das grollende „Viel zu viel“ und als Outro erklang CHRISTIAN STEIFFEN. Der Auftritt kam gut an und war ein schöner Opener. In Kürze startet wohl die Release-Tour dieser sympathischen Jungs, die sie auch ins Hamburger Turtur verschlagen wird.

Für Geschlechterdiversität auf der Bühne sorgten im Anschluss die Schwerinerinnen und Schweriner mit dem vertrauenserweckenden Namen TRIPPASCHLÜPPA, die zu zwei Fünfteln weiblich besetzt ist. Eine ebenfalls noch junge, aber sehr ambitionierte Band, die mit zwei Gitarristen und einer extrovertierten Sängerin antritt, die einem die kämpferischen deutschen Texte sehr eindringlich um die Ohren peitscht und mit ihrem Funkmikro auch immer mal wieder einen Ausflug ins Publikum unternimmt. Ihre ersten vier aufgenommenen Songs hatte die Band an diesem Tag auf USB-Sticks (!) veröffentlicht. Gecovert wurde „So spielt das Leben“ von der Band ÄTZEND, was ich aber erst beim Gitarristen erfragen musste. Der Song kam mir total bekannt vor, ich konnte ihn aber nicht zuordnen. Nun habe ich keinerlei Ahnung, woher ich ihn gekannt haben könnte. Egal. Irgendwann wurde ein Klampfenwechsel erforderlich, DON CAMILLO sprangen netterweise ein (nicht zum letzten Mal, dazu später mehr). TRIPPASCHLÜPPA machten trotz etwas leisen Gitarrensounds – insbesondere angesichts des ziemlich dominanten Schlagzeugs – gut Krawall und ließen sich am Ende zu einer Zugabe überreden. Ein Auftritt mit viel frischer Energie, der Spaß gemacht hat. Einen Teil des Gigs hatte ich verpasst, als ich zwischendurch frische Luft schnappen gegangen war und mich mal kurz dem Trubel entzogen hatte. Als ich zurückkam, war eine Menschentraube gerade im Aufbruch begriffen (vermutlich der Junggesellinnenabschied, der weiterziehen wollte) und kurz darauf meine am Bühnenrand abgelegte Jacke weg. Ich vermute mal, dass die versehentlich mit einem ganze Klamottenknäuel mitgenommen wurde. War zwar nur ‘ne derbe abgewetzte schwarze Harrington, die eh kurz davorstand, abgelöst zu werden, allein schon aufgrund der Kopfhörer in den Taschen, der Aufnäher, Buttons usw. hätte ich sie aber gern zurück. Bitte entweder direkt bei mir melden oder im Zenit abgeben. Danke!

Der anschließende Umbau nahm etwas Zeit in Anspruch, weil das Schlagzeug von einem Links- zurück zu einem Rechtshänder-Set umgebaut werden musste. Wir gönnten uns auch noch ‘nen Soundcheck und sahen zu, dass wir ‘nen einigermaßen abgestimmten Bühnensound hinbekommen. Kai hatte seine nigelnagelneue Klampfe dabei, um sie live einzuweihen. Ich hatte keinen eigenen Monitor, hörte mich aber trotzdem gut genug. Keiner von uns war zu besoffen. Alles ok also, sollte man meinen. Fing auch ganz gut an. Ums kurz zu machen: Kai riss insgesamt dreimal (!) eine Saite und stellte damit einen neuen bandinternen Rekord auf. Die ersten beiden wechselte er noch, bei der dritten sprangen zum wiederholen Male an diesem Abend DON CAMILLO ein und stellten Kai ihren Sechssaiter für die letzten Songs zur Verfügung. Dafür herzlichen Dank! Dennoch war unser Spielfluss natürlich dahin. Holler und Kalle überbrückten mit Pausenmusik und ich war froh, als wir ohne weitere Unfälle mit dem Set durchwaren. Nun begann der gemütliche Teil des Abends, der erst zu weit vorgerückter Stunde am Tresen endete und mich irgendwann in eines der Betten fallen ließ, um die das Zenit mittlerweile ihre Bandkajüte erweitert hat.

Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns nach einem nahrhaften Frühstück. Strahle chauffierte uns freundlicherweise wieder und die Bahn gab sich erneut keine Blöße, ohne Verspätung kamen wir am Nachmittag wohlbehalten wieder zu Hause an. Danke an die Zenit-Crew, an DON CAMILLO und TRIPPASCHLÜPPA und die Gäste – gerne wieder! Möge man gerade auch in Sachsen-Anhalt noch lange die Fahne der Subkultur hochhalten.

P.S.: Kai hat auch seinen Multifunktionskuli mit Wasserwaage, Fluxkompensator und allem Pipapo verloren. Für den gilt das Gleiche wie für meine Jacke…

Helga – Ein Leben an seiner Seite (Hägar – Der Schreckliche, Taschenbuch Nr. 12)

Der Goldmann-Verlag, seit dem Jahre 1977 leider Teil des Bertelsmann-Konzerns, ist eine große Nummer auf dem Taschenbuchmarkt und insbesondere für seine Krimiveröffentlichungen bekannt, brachte aber auch mehrere Comicreihen unters Volk, wobei er immer unter dem Radar der großen Comicspezialisten Ehapa, Bastei und Condor flog. So gibt er seit 1983 die vom US-Amerikaner Dik Browne erdachten und gezeichneten Funny-Abenteuer des barbarischen Wikingers Hägar in Taschenbuchform heraus, die als Zeitungsstrips zigfach abgedruckt wurden und sich großer Beliebtheit erfreuen.

Den zwölften Band aus der zweiten Hälfte der 1980er widmete man ausnahmsweise ganz Hägars Frau, der Walküre Helga, und ließ das vermutlich rund 100-seitige (die Seiten sind leider unnummeriert) Schwarzweiß-Büchlein wie ein Hägar-Spin-off oder gar eigenständiges Werk aussehen. Auf meiner auf einem Flohmarkt erstandenen Ausgabe wurde im Titel aus „seiner“ per schwarzem Filzer kurzerhand „Ihrer“, eine im Innenteil angebrachte und offenbar aufs Jahr 1989 datierende Haftnotiz macht hieraus „Das Buch zur Wohngemeinschaft“ – war also offenbar einst eine Art Einweihungs- oder Einzugs-Mitbringsel. Ob mittels „Ihrer“ tatsächlich gesiezt werden sollte oder eigentlich „ihrer“ auf eine gemischtgeschlechtliche WG hätte verweisen sollen, entzieht sich meiner Kenntnis.

Das Buch enthält pro Seite drei ein- bis vierpanelige, pointierte und stets in sich abgeschlossene, nicht aufeinander aufbauende Strips. Da diese eigentlich fürs Querformat prädestiniert sind, füllen sie die Seiten nicht sonderlich gut aus, sodass die stets gleichen „Helga“-Überschriften und Minizeichnungen über und zwischen ihnen prangen. Bei aus der Reihe fallenden Ausnahmen dürfte es sich um Sonntagsseiten gehandelt haben. Das Besondere an dieser Ausgabe ist eben, dass Helga in jedem Strip vorkommt und Hägar somit eher die zweite Geige spielt. Vornehmlich dreht es sich um „Szenen einer Ehe“, um Emanzipation und Geschlechterklischees. Meist bekommt dabei Hägar oder bekommen Männer generell ihr Fett weg, mitunter ist aber auch Helga die Leidtragende. Zudem ziehen sich ein paar Running Gags durchs Buch. Die Grundlage für den „Hägar“-Humor ist die Übertragung zeitgenössischen Familienlebens mit all seinen Herausforderungen in die Wikinger-Ära, wodurch beides karikiert wird und was erstaunlich gut – und langwierig – funktioniert.

Aufgrund der für diese Spezialausgabe, vielleicht gar für die ganze Goldmann-Reihe über den Haufen geworfenen Chronologie haben Helga und Hägar mal einen Hund, während es an späterer Stelle heißt, sie hätten keinen. Ein Strip wurde gar versehentlich doppelt abgedruckt. Davon abgesehen ist Dik Brownes Hägar- bzw. Helga-Humor auch im Jahre 2026 noch sehr witzig und sogar witziger und besser gealtert als ich, der ich zuletzt im unbedarften Kindesalter Hägar-Comics gelesen hatte, es erwartet hatte. Und irgendwie meine ich, sie mittlerweile auch noch viel besser zu verstehen.

16/22 Nr. 2: Claire Bretécher – Kopfsalat (1. Teil)

Als zweiter Band der „16/22 – Comics von Format“-Reihe der Edition Comic Art des Hamburger Carlsen-Verlags erschien im Jahre 1983 die deutsche Übersetzung dieses Comics der Französin Claire Bretécher, die hier als kritische Porträtistin der 68er bezeichnet wird. Laut Metatext ist er im Original bereits 1971 erschienen, laut Impressum 1978. Ich vermute, dass sich letztere Angabe auf die Zusammenstellung dieser Sammlung bezieht. Carlsen brachte sie als rund 80-seitiges, vollfarbiges Softcover-Buch im A5-Format heraus.

Es versammelt zunächst überwiegend zweiseitige satirische Geschichten im versierten karikierenden Funny-Stil bei flexibler, aber aufgeräumter Panelstruktur, die zum Teil ohne Sprechblasen auskommen und (was den Textteil betrifft) in Schreibschrift gehalten sind. Sie behandeln Themen wie Emanzipation, Zusammenleben, eigene Identität, Generationenkonflikte, das Verhältnis zu den Medien und popkulturelle Trends. Unter anderem äußert Bretécher Kritik am damaligen Mode- und Aktfotografie-Trend und nimmt typische Phrasen und Klischees aufs Korn. Ein angenehm bissiger Sarkasmus ist ihr dabei alles andere als fremd.

Weiter hinten finden sich auch etwas längere Geschichten, Bretécher band sich also nicht an ein starres Konzept. Carlsen nahm wie so oft ein paar Lokalisierungen vor, was bei in der Realität verankerter Satire so eine Sache ist. So finden sich in dieser Ausgabe das ZDF, Ostfriesland und der Hamburger Stadtteil Altona, in dem der Verlag ansässig ist.

Auf der Buchrückseite wirbt man damit, dass Bretéchers Geschichtchen zum Nachdenken anregen, was hier einmal alles andere als zu hochgegriffen ist. Ein kluges, schönes Zeitporträt.

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