Günnis Reviews

Monat: September 2026

Mordillo – Variationen über das menschliche Wesen

Bei diesem im Jahre 1980 bei dtv erschienenen 100-seitigen Taschenbuch handelt es sich um den Nachdruck des vier Jahre zuvor im Friedrich-W.-Heye-Verlag veröffentlichten Werks mit dem etwas sperrigeren Titel „Cartoons/Opus 1. Variationen in Farbe und Chinatinte über das menschliche Wesen und andere atmosphärische Phänomene“ des recht populären argentinischen Cartoonisten Mordillo.

Vorangestellt wird ein Kurzporträt Mordillos, gefolgt von einem ausgiebigen Vorwort Heyes persönlich, der sich begeistert von Mordillos Werk zeigt, aber auch dessen Inhalte analysiert, die humoristisch aufbereitet vom menschlichen Anrennen gegen die Verzweiflung zeugten, und sich damit auseinandersetzt, weshalb er (beinahe) ausschließlich die Bildsprache verwendet: um möglichst universell verstanden zu werden. So gibt Heye einem die Lesart gleich mit.

Der Hauptteil bietet unpaginierte Farb- und Schwarzweiß-Seiten mit meist mehrpaneligen Arbeiten Mordillos in liebevoller Aufmachung, knuffig gezeichnet vom Meister. Manche Zeichnungen weisen einen eher simplen Strich auf, andere hingegen fallen sehr detailliert aus. Für einen Napoleon-Gag sowie einen weiteren, weiter hinten im Buch, griff Mordillo sogar ausnahmsweise auf sprachliche Dialoge zurück, die jedoch unübersetzt blieben.

Der Humor speist sich oft daraus, dass nichts ist, wie es auf dem ersten Bild scheint. Einiges ist sexuell konnotiert, einiges skizziert (un)menschliche Abgründe. Ich mag Mordillos Stil. Bei aller Liebe: Manchmal ergeht er sich aber auch schlicht in recht simplen Gags. Dies soll seine Arbeiten nicht schmälern, lediglich ihre bedeutungsvolle Aufladung in Heyes Vorwort ein wenig relativieren.

Michael Ryba – Hobbytheke: Hurra, TV + Video!

Michael Rybas im Jahre 1993 im Frankfurter Eichborn-Verlag erschienenes, rund 50-seitiges, vollfarbiges A5-Paperback-Büchlein ist Teil der zwölf Bände umfassenden „Hobbytheke“-Reihe, die verschiedenste Hobbys aufs Korn nimmt. Bei diesem handelt es sich um eine Satire auf Fernsehkonsum mit zielgruppengerecht wenig Text, dafür vielen großen Illustrationen mit Cartoons und Fotos.

Da wohl niemand zugibt, fernsehsüchtig zu sein oder überhaupt viel fernzusehen, ist dies ein dankbares Gebiet, um es sarkastisch humorig zu beackern. Der Humor lässt sich ungefähr als „Mad light“ beschreiben – manches recht seicht, anderes treffender, bissiger oder schlicht witziger. Unter den 21 enthaltenen Tipps lautet der zehnte, selbst Filme zu drehen, was anhand des Beispiels einer Rotkäppchen-Adaption veranschaulicht wird. Diese folgt im Stil einer Foto-Lovestory. Generell ist der Inhalt relativ abwechslungsreich und kurzweilig.

Das Format selbst wiederum ist natürlich eine Persiflage auf ernstgemeinte Hobby-Ratgeber. Hat man schnell durchgeblättert und ab und zu einen Schmunzler auf den Lippen. Als Teil einer Reflektion des Fernseh- und Videokonsums Anfang der 1990er zudem eventuell von historischem Interesse.

Mawil – Die Band

Der Berliner Comicautor und -zeichner Mawil ist neben seinem „Supahasi“ bekannt für autobiographische Geschichten. Eine solche ist auch „Die Band“, im Jahre 2004 im Reprodukt-Verlag erschienen. Mir liegt eine jüngere Neuauflage in Klappenbroschur vor.

Rund 80 (leider unnummerierte) Schwarzweiß- bzw. Graustufenseiten lang erlaubt sich Mawil eine völlige Flexibilität bei seinen Panels und zeichnet und lettert bis zur letzten krakeligen Linie alles per Hand, mit überaus charmantem Resultat. Ins-Wort-Fallen wird Mawil-typisch durch sich überlagernde Sprechblasen dargestellt. Als gewöhnungsbedürftiger empfand ich eigenwillige Schreibweisen wie Grafitty, Metall-Band und Basedrum und auch immer noch ein bisschen seinen konsequenten Verzicht aufs „ß“. Kommen wir aber zum Eigentlichen: Mawil zeichnet wunderbar selbstironisch und humorig seine Karriere als Musiker in den 1990ern nach, die weit weniger erfolgreich verlief als seine Berufung zum Comiczeichner. Los ging’s mit der Hiphop-Band „International Known“. Beatles-Fan Mawil wird nur „Verpeiler“ genannt. Der erste Auftritt wird absolviert (wobei Mawil an den Songtexten teilhaben lässt), und nach vier Liedern und den Sommerferien war’s das auch schon wieder. Jedoch wird er von der Rockband „Schwarze Pumpe“ als Bassist angeworben und soll dort auch singen…

Nach dem ersten Auftritt lassen sich die Spontankritiken des Publikums in einem (sehr witzigen) Gewusel aus Sprechblasen auf einer Art Wimmelbild nachvollziehen. Grandios ist auch an späterer Stelle die Doppelseite, die einen Gig in der Schulaula aus Mawils Point-of-View-Perspektive skizziert und seine Gedanken währenddessen offenbart. Typische Besetzungsprobleme beginnen mit dem ständig die Probe schwänzenden zweiten Gitarristen Kilian, der deshalb gehen muss. Die laienhafte Instrumenten- und Zubehörauswahl im Musikfachgeschäft wird launig kommentiert. Ivonne steigt als Sängerin ein und sorgt für den entscheidenden Unterschied, was die Bedeutung eines charismatischen Frontmenschen unterstreicht.

Wer selbst einmal in einer Hobbyband, deren Ambitionen zumindest über den Proberaum hinausreichten, musiziert hat, wird hier vieles wiedererkennen, sei es die typische Manöverkritik nach mal mehr, mal weniger gut besuchten Konzerten, die Herausforderung, eine stimmige Setlist zusammenzustellen, die Aufregung bereits beim Soundcheck, wenn schon Publikum anwesend ist, Breaks versemmelnde Drummer, Aufnahmen bei bekifften Bekannten, einen mal zurückwerfende, mal voranbringende, aber immer Zeit kostende Besetzungswechsel oder auch schlicht Bass-Transportprobleme (die Dinger sind laaang), vielleicht auch die beinahe panische Abneigung dagegen, Musikunterricht zu nehmen, was hier eine Rückblende mit Mawils Klavierunterricht erklärt, den er als Kind zu nehmen genötigt worden war.

Als der gläubige Marcus als Sänger und zweiter Gitarrist einsteigt, wird die Band in „Tine Melk“ umbenannt. In Linda findet man die perfekte Frontfrau. Leider dazudenken muss man sich, dass – und weshalb – Marcus die Band wieder verließ; hier ließ Mawil eine Leerstelle. Profi Christian, der nach weiteren Besetzungswechseln als Profi zur Band stößt und beim Klang auf jedes Detail achtet, erinnert mich frappierend an den Drummer meiner eigenen Krachcombo.

Ähnlich wie „Wir können ja Freunde bleiben“ oder später „Kinderland“ wirkt auch „Die Band“ sehr authentisch, was ich in einem abstrakten Medium wie dem Comic als besondere Herausforderung erachte. Für weitere Authentizität und Zeitkolorit sorgen ein paar eingearbeitete reale Bilder wie Plattencover oder Ivonnes „Beverly Hills 90210“-T-Shirts. Statt auf eine unrealistische, kathartische Pointe steuert die Geschichte auf einen fünf Jahre später angesetzten Epilog zu. Das macht „Die Band“ nicht etwa unspektakulär, sondern umso sympathischer.

Mad-Taschenbuch Nr. 47: Larry Siegel / Angelo Torres – Von Hund zu Hund

„Der Leitfaden für den erfolgreichen Köter“ erschien im US-Original im Jahre 1984 und ein Jahr später hierzulande. Im gewohnten 160-seitigen Umfang diktierte der Hund Hasso von der Fröhn dem Texter Larry Siegel seine Einleitung sowie die elf Kapitel dieses Ratgebers, den Angelo Torres mit seinen Cartoons üppig illustrierte – im Schnitt jede zweite Seite enthält einer seiner Zeichnungen.

Ganz recht, dieses Mad-Taschenbuch ist komplett aus der Sicht eines Hundes geschrieben. Damit persifliert es von Menschen für Menschen geschriebene Ratgeber-Bücher und nimmt zugleich das Verhalten von Hunden sowie deren Verhältnis zu Menschen (und Katzen) aufs Korn. Das ist witzig und meist treffend geschrieben, von Torres zudem sehr hübsch mit einer verdammt niedlichen Promenadenmischung illustriert. Nicht nur für Hundebesitzerinnen und -besitzer empfehlenswert. Ob diejenigen, die noch keinen haben, nach der Lektüre dieses Büchleins einen anschaffen werden wollen, sei aber einmal dahingestellt…

Cinema-Sonderband Nr. 12: Göttinnen des erotischen Films

Aus dem Jahre 1985 stammt das 164 Seiten umfassende zwölfte Filmbuch des Cinema-Verlags. Offenbar verkauften sich Bücher mit nackter Haut am besten, sodass es zur „Sex im Kino“-Reihe einige Ergänzungen wie den Quasi-Vorgänger „Cinema-Sonderband Nr. 8: Sexstars“ oder eben diese gab.

Berücksichtigt werden folgende vollmundig zu „Göttinnen des erotischen Films“ geadelte Schauspielerinnen:

  • Barbara Carrera
  • Pia Zadora
  • Anja Schüte
  • Lauren Hutton
  • Dayle Haddon
  • Rachel Ward
  • Laura Gemser
  • Brooke Shields
  • Jane Fonda
  • Sybil Danning
  • Isabelle Adjani
  • Brigitte Bardot
  • Jane Birkin
  • Jamie Lee Curtis
  • Sandra Milo
  • Anita Ekberg
  • Kim Novak
  • Sophia Loren
  • Elizabeth Taylor
  • Jayne Mansfield
  • Marion Michael
  • Gila von Weitershausen
  • Gabrielle Lazure
  • Joan Collins
  • Bo Derek
  • Isabelle Huppert
  • Maud Adams
  • Claudia Cardinale
  • Ursula Andress
  • Senta Berger
  • Jacqueline Bisset
  • Olivia D’Abo
  • Catherine Deneuve
  • Clio Goldsmith
  • Daryl Hannah
  • Mariel Hemingway
  • Barbara Bouchet
  • Marylin Monroe
  • Jennifer Beals
  • Carole Bouquet
  • Faye Dunaway
  • Sandra Wey
  • Maruschka Detmers
  • Phoebe Cates
  • Marie Colbin
  • Valérie Kaprisky
  • Angela Molina
  • Gudrun Landgrebe
  • Sophie Marceau
  • Ornella Muti
  • Anne Parillaud
  • Tawny Kitaen
  • Stefania Sandrelli
  • Nastassja Kinski
  • Sylvia Kristel
  • Laura Antonelli
  • Hanna Schygulla
  • Maria Schneider
  • Corinne Cléry
  • Charlotte Rampling
  • Christine Kaufmann
  • Sirpa Lane
  • Diane Lane
  • Raquel Welch
  • Romy Schneider
  • Carroll Baker
  • Elke Sommer
  • Tanya Roberts
  • Caroline Munro
  • Gina Lollobrigida
  • Diana Dors

Inhaltlich besteht das Softcover-Buch aus meist sehr knappen, dafür überwiegend respektvoll statt geifernd oder sexistisch geschriebenen Biographien. Den Großteil der Seiten nehmen aber Fotos ein, farbig wie schwarzweiß. Die sehen natürlich toll aus, sind aber, liebe möglicherweise entsprechend geeichte Leserschaft, keine reine Fleischbeschau und längst nicht alle Fotografierten präsentieren sich hier hüllenlos. Schön wären indes Quellenangaben gewesen: Handelt es sich um Modellfotos, beispielsweise für den „Playboy“? Oder stammt ein bestimmtes Bild aus einem Film und wenn ja, aus welchem? Letzteres wird immerhin manchmal im Text erwähnt. Der Seitenumfang pro Schauspielerin variiert, Nastassja Kinski werden die meisten Buchseiten zuteil. Dass es sich bei allen aufgeführten Damen um Erotikgöttinnen handelt, sei einmal dahingestellt, als krude Mischung und eine Art Bestandsaufnahme aus der Mitte der 1980er ist diese Zusammenstellung aber nicht ohne Reiz. Es fehlen jedoch Namen wie Gloria Guida, Lilli Carati, Nieves Navarro, Rosalba Neri, Inrid Steeger, Elisabeth Volkmann, Dagmar Lassander,  Lina Romay (und weitere Jess-Franco-Aktricen), Brigitte Lahaie, Edwige Fenech, Teri Tordai, Katja Bienert, Sabrina Siani, Olivia Pascal und, und, und… Zu gern wüsste man, welche Kriterien der Auswahl zugrunde lagen. Persönlicher Geschmack der Redaktion? VHS-Verleihstatistiken? Umfragen? Wahrscheinlich war eine vermutete Popularität ausschlaggebend. Im Anhang finden sich Filmographien.

Ein paar Fehlerchen haben sich auch hier eingeschlichen; so wird auf S. 50 aus „Ohrfeigen“ der Film „Die Ohrfeige“, was verwirrt, da beide Filme existieren, und auf S. 114 aus „Der Ungehorsam“ kurzerhand „Der Ungehorsame“.

Offenbar existiert auch eine erweiterte Neuauflage, die mir mal jemand ohne abgerissenen Titel und herausgerissene erste Seiten (mir fehlen die mit Anaïs Jeanneret) mit in ein Paket legte und die, mit Ausnahme Anita Ekbergs, bis Seite 31 inhaltlich neugestaltet wurde. Weitere, zuweilen kuriose Änderungen: Mandy Smith auf S. 82 (obwohl sie noch in gar keinem Film mitgespielt hatte), auf S. 83 Charlotte Lewis, auf S. 84 Grace Jones, auf S. 85 Mia Nygren, auf S. 98 Tina Hudson, auf S. 99 Linda Blair, auf S. 106 Rosanna Arquette, auf S. 107 Brigitte Nielsen, auf S. 108 Kim Basinger, auf S. 111 Madonna, auf S. 112 Isabella Rosselini, auf S. 113 Rae Dawn Chong, auf S. 138 Danuta Lato, auf S. 139 Fanny Bastian, auf S. 140 Jodie Foster, auf S. 142 Lisa Bonet, auf S. 143 Elizabeth Mary Mastrantonio und auf S. 158 Ingrid Steeger. Diane Lane erhielt zwei Fotos mehr, Ornella Muti gleich vier, bei Jane Fonda wurden zwei Fotos durch ein Barbarella-Motiv ersetzt, bei Tawny Kitaen ein großes durch drei kleinere, Jamie Lee Curtis bekam ein Foto mehr, Sirpa Lane hingegen musste ebenso komplett weichen wie Gila von Weitershausen, Gabrielle Lazure, Sandra Wey, Corinne Cléry, Sandra Milo, Carroll Baker, Elke Sommer, Caroline Munro und Diana Dors. Daran lässt sich sicherlich ablesen, wie sich der jeweilige Stellenwert im Bereich „attraktive Kinoschauspielerinnen“ innerhalb weniger Jahre änderte. Filmographien wurden weggelassen und durch einen alphabetischen Index der Damen ersetzt.

Wie fragwürdig es ist, zwischen einschlägige Personalien verdiente seriöse bis hochkarätige Schauspielerinnen zu mischen und auf eine behauptete erotische Ausstrahlung zu reduzieren, braucht an dieser Stelle sicherlich nicht betont zu werden. Insofern sind Bücher wie dieses auch Zeugnis einer damals verbreiteten Perspektive auf Frauen im Filmgeschäft.

Mad-Taschenbuch Nr. 46: Don Martin ist behämmert

Don Martin zum Achten: Sein bereits achtes Mad-Taschenbuch erschien hierzulande im Jahre 1985, im US-Original offenbar bereits 1977. Auf die gewohnten rund 160, diesmal sogar nummerierten, ein bis zwei, selten maximal drei Panels umfassenden Schwarzweiß-Seiten verteilt der Meister des Slapsticks und der Soundwords insgesamt 14 Geschichten, zu denen Dick de Bartolo und Don Edwing Texte und Ideen beisteuerten.

Das ist natürlich wieder herrlicher Unfug. Käpt’n Hirni gibt sich dem totalen Soundword-Exzess hin, eine Persiflage anthropologischer Schriften über Urvölker-Tänze zieht die damit verbundenen Klischees kräftig durch den Kakao, Wolfgang Amadeus Knofel und sein Halb-Wunderhund Herkules müssen für eine Detektivgeschichten-Parodie herhalten, eine Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Mär wird als Vom-Buchhalter-zum-Filmstar-Story persifliert und so weiter und so fort. Ein Don-Martin-Band ist jedes Mal ein außerordentliches Vergnügen.

Mad-Taschenbuch Nr. 45: Sergio Aragones – Mad-Menagerie

Der Klappentext des bereits siebten Mad-Taschenbuchs Sergio Aragones‘ suggeriert, dass es um Tiere gehe, was längst nicht immer der Fall ist. Das im Original im Jahre 1983 und hierzulande 1985 erschienene, rund 160-seitige, aber leider wieder ohne Seitenzahlen auskommen müssende Büchlein enthält ein- bis vielseitige Cartoon-Gags und Geschichten ohne Dialoge, aber mit überraschenden, mal gut gelungenen, mal etwas banalen Pointen in Aragones‘ typischem, oft sehr wuseligem Karikatur- und Funny-Zeichenstil voller Situationskomik und Slapstick. Dank nur ein bis zwei Panels pro Seite sind auch Details der Schwarzweiß-Zeichnungen gut zu erkennen. In Form einer „Der Gefangene von Alcatraz“-Verballhornung schaffte es auch eine pointierte Filmsatire ins Buch. Lokalisierungen finden sich in Abkürzungen wie WDR, ZDF und DM. Ein Proteinriegel für den schnellen Mad-Kick zwischendurch.

Heribert Faßbender (Hrsg.) – Fußball-Jahrbuch 90

Der magische Sommer 1990 lässt mich nicht los – und ich ihn nicht. Heribert Faßbender, Gerd Rubenbauer, Jörg Wontorra – drei große Namen meiner TV-Fußball-Sozialisation durch die EM ’88 und die WM ’90. Ersterer lächelt einen vom Cover dieses 1990 bei Falken erschienenen rund 210-seitigen broschierten Buchs an, als dessen Herausgeber er fungierte und an dem er auch selbst mitschrieb. 35 Jahre später erwarb ich es antiquarisch und nahm es mit in den Urlaub, um darin zu schmökern. Fantastische, große Fotos und hochwertiges, festes Papier laden dazu ein.

Nach einem Vorwort Faßbenders lässt man die Bundesliga-Saison 1989/’90 – die letzte rein westdeutsche – Revue passieren, und zwar beginnend mit dem Kampf um die Meisterschaft, nacheinander die darin ernsthaft involvierten Vereine abhandelnd. Ebenso verfährt man mit den UEFA-Cup-Plätzen. Jörg Wontorra widmet Otto Rehhagel zwei Seiten. Es folgen die Spiele und Tore des Monats, letztere mit Videostills – herrlich! Dann der Abstiegskampf und das auch damals verlässlich rotierende Trainerkarussell. Auf den FC Kaiserlautern – erst abstiegsgefährdet, dann DFB-Pokalsieger – wird näher eingegangen, hochinteressant dabei die Personalien Kulttrainer Kalli Feldkamp und Wolfram Wuttke. Jochen Sprentzel verfasst zwei Seiten über die Rückkehr der ollen Hertha BSC in Liga 1 und die Bedeutung des Anschlusses der DDR ans BRD-Staatsgebiet für den Berliner Profifußball. Viel faszinierender: Klaus Schwarzes zwei Seiten über den Aufstieg Wattenscheids, beschrieben anhand des Werdegangs des Chefs Klaus Steilmann. Fritz Klein kontert mit einem zweiseitigen Essay über Knete, vor allem die immer weiter steigenden TV-Lizenzkosten des Produkts Bundesliga inkl. interessantem Detail über Klinsmann. In Sachen DFB-Pokal fokussiert man die Rolle der Erstligisten, beginnend mit dem HSV-typischen Aus gegen einen unterklassigen Gegner in der ersten Runde und endend mit dem bereits oben erwähnten Überraschungssieger FCK.

Das Buch zeigt Nerven im Abschnitt über den Europokal der Landesmeister, dem Vorläufer der heutigen Champions League, mit dem FC Bayern. Bei Flemming Povlsen unterschlägt man ein „m“ und vergisst am Ende glatt zu erwähnen, gegen wen AC Mailand denn nun eigentlich im Finale gewann (Benfica Lissabon nämlich). Man fährt mit dem Pokal der Pokalsieger fort, an dem die Dortmunder Borussia teilnahm, und natürlich dem UEFA-Pokal mit Stuttgart, Köln, dem HSV und Bremen. An den jeweils genannten Zuschauerzahlen lässt sich ablesen, dass internationaler Fußball damals nicht denselben Stellenwert wie heute genoss. Selbst beim 5:1 Bremens gegen Neapel mit Maradona waren nicht alle Plätze besetzt. Ein heute undenkbarer Wahnsinn! In Hinblick auf die WM 1990 auch interessant: Im Halbfinale befanden sich zwei deutsche und zwei italienische Mannschaften. Thomas Häßler wechselte nach seinem Halbfinale gegen Juventus Turin sogar dorthin.

Dann endlich: Die WM 90! Man beginnt mit der Eröffnungsfeier vor – unglaublich, aber wahr – nicht ganz vollen Zuschauerrängen und dem Eröffnungsspiel mit dem legendären Sieg Außenseiter Kameruns über den amtierenden Weltmeister Argentinien, springt dann aber direkt zu den Spielen der „deutschen“ Gruppe D. In Bezug auf Kolumbien geht man auf die Drogenmafia- und Morddrohungsproblematik ein. Leider scheinen die Bildunterschriften unabhängig vom Fließtext gemacht worden zu sein. So wünscht man sich manchmal Bezugnahmen oder Entsprechungen im Text, beispielsweise auf S. 135 bzgl. Huigita oder zu Beginn mit Daum und Häßler.

Um die anderen Gruppen geht’s im Anschluss. Klar fallen die Runden- und Spielberichte sportjournalistisch-kritisch aus, aber spannend fand ich auch manch Unentschieden, und es gerade geil, dass England noch kickte und rushte, dass Brasilien überraschend defensiv spielte usw. So waren damals auch für mich als Neuling deutliche Unterschiede in den Spielsystemen erkennbar. All die Geschichten dieser WM werden angerissen: Das Favoritenstraucheln, Kamerun und George Milla, der englische Rekordtorhüter Peter Shilton, Deutschland versus Holland nach Losentscheid, die Vereinigten arabischen Emirate, Irland im Viertelfinale, Costa Ricas Teilnahme, der Sizilianer Toto Schillaci und der argentinische Ersatztorhüter Goycochea, der zum Elfmeterkiller avancierte und seine Mannschaft bis ins Finale führte.

Angenehm kritisch gibt man sich auf S. 165, wenn bei den Ausschreitungen im Rahmen des Spiels Englands gegen Belgien eine Mitschuld der Polizei zumindest in Erwägung gezogen wird. Harsche Kritik hagelt es aber vor allem an den Schiedsrichterleistungen. Wenn man im Bericht übers deutsch-englische Halbfinale – einem Fußballkrimi par excellence – Buchwalds Pfostentreffer erwähnt, muss eigentlich aber auch jener der Briten genannt werden. Faßbender persönlich schließt mit einem zweiseitigen Essay über Kaiser und Weltmeister-Trainer Franz Beckenbauer.

Ergebnisse und Statistiken runden das Fußball-Jahrbuch 90 ab, in dem sich ein paar wenige orthographische Fehler finden und in Verbindung mit Namen häufig der Dativ angewandt wird, wo auch der Genitiv möglich und meines Erachtens schöner gewesen wäre. Nicht mehr in diesem Buch findet sich (verständlicherweise) die erste Hälfte der Liga-Saison 1990/’91. Alles in allem ist dieses Buch eine schöne Erinnerung an ein (nicht nur für mich) besonderes Fußballjahr, das in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur bedeutete. Es hilft zudem, die Ereignisse auf Vereinsebene im Vorfeld der WM nachzuvollziehen und ist somit eine schöne Ergänzung zu den monothematischen WM-Rückblicken im Sportbuchregal.

Geier / Robi – Horst: Mittendrin!

In meiner „Tonis großes Spiel“-Besprechung kündigte ich an, zu Geier und Robi später mehr zu schreiben. Später ist jetzt. Vor allem auf Robi möchte ich etwas näher eingehen: Während meiner präpubertären Wrestlingbegeisterungsphase, die zumindest damals, Anfang der 1990er, so viele Jungen durchlebten, sah ich mit Begeisterung das WWF-Programm „Ring frei“ auf Tele 5. Knapp verpasst hatte ich die eine Weile, von 1989 bis 1991, gesendete RTL-plus-Konkurrenz „Catch Up“, die sich der NWA bzw. WCW widmete. Im Gegensatz zur „Ring frei“-Moderation orientierte man sich bei „Catch Up“ stärker an den US-Vorbildern, bei denen es wohl üblich war, dass nicht nur im Ring ein Babyface (also ein Rechtschaffender) und ein Heel (ein Schurke) gegeneinander antraten, sondern auch die Doppelmoderation entsprechend aufgeteilt war. „Catch Up“ wurde moderiert vom um Seriosität bemühten US-Amerikaner Joe Williams (eigentlich Ben Brumfield und tatsächlich seriöser Journalist) und einer Gestalt in irrer Montur und mit angeklebtem Schnäuzer namens Horst Brack, der sich grundsätzlich verächtlich über die Babyfaces äußerte und die Heels und ihre Regelübertritte lobpreiste, aber auch gern seinen Kollegen, seine Gäste oder gleich das TV-Publikum beleidigte – und hin und wieder sogar selbst in den Ring stieg. Das war derart überzeichnet, dass klar war, dass es sich um eine Rolle handelte, zugleich aber – auch oder vielmehr gerade in seiner oft improvisiert wirkenden Unperfektion – Ausdruck der seligen alten Anarcho-Privatfernsehen-Tage. Als Erwachsener konnte ich einen großen Teil der „Catch Up“-Sendungen dank einer findigen Wrestling-Online-Community nachholen.

In diesem Zuge erfuhr ich, dass Horst Brack eigentlich Rochus Hahn heißt und unter dem Pseudonym Robi sehr aktiv im deutschen Comic-Underground war und ist: Er war an der Heftreihe „Menschenblut“ als Mitbegründer beteiligt und gründete im Jahre 1999 den bis heute aktiven Verlag Schwarzer Turm, für dessen Veröffentlichungen er mitunter persönlich als Autor verantwortlich zeichnet. Zudem ist er als Drehbuchautor für Film und Fernsehen tätig („Der Formel Eins Film“, „Das Wunder von Bern“) und Autor von Romanen. Ein umtriebiger, kreativer Kopf also – der von 2000 bis 2005 bei Schwarzer Turm die von ihm geschriebene und von Geier gezeichnete Heftreihe „Horst“ (!) veröffentlichte, die 2010 und 2011 vom renommierten, so gar nicht undergroundigen Panini-Verlag in Form vierer Softcover-Paperbacks im Heftformat wiederveröffentlicht wurde – neu koloriert und inhaltlich erweitert.

Die 100-seitige erste Ausgabe „Mittendrin!“, um die es hier gehen soll, ist vollfarbig koloriert und mit einem an Handlettering erinnernden Font auf hochwertigem Papier getextet. Er enthält Onepager, hautsächlich aber längere Geschichtchen um den Hasen Horst Bruckner (!), der mit Nilpferd Lutz eine Wohngemeinschaft bildet. Diese ist einer zwar anthropomorphen Welt verschiedenster Tiere, eigentlich aber in der menschlichen Realität angesiedelt. Der Einstieg gelingt grandios und behandelt die Leiden eines Drehbuchautors, wie Hahn alias Robi eben auch einer ist. Der Chef von „Satl7“ erinnert sicher nicht von ungefähr an RTL-Bonze Thoma. Köstlich auch: Auf Bobeles Werbung hin will Horst auch ins Internet, um auf Pornoseiten zu surfen. Das war der Spirit der frühen 2000er! Zeitkolorit findet sich auch, wenn auf die Arte-Ausstrahlung von Romeros „Day of the Dead“ oder andere reale Filme Bezug genommen wird.

Hauptsächlich geht’s aber darum, dass der Rammler rammeln will, aber nur selten zum Stich kommt und sich immer wieder eingestehen muss, eigentlich eine mitleiderregende Figur zu sein. „Horst“ behandelt sexuelle Themen, über die man sonst eher nicht spricht, beispielsweise Bordellbesuche. Die Pointen sind oft gar nicht unbedingt der Knaller, im Fokus stehen eher die äußerst charmant und liebevoll erzählten Geschichten. Bemerkenswert auch ein Rückblick in Horsts Pubertätstage: Er sieht sich onanierend einen Porno im Bahnhofskino an und wird von einem Erwachsenen belästigt, woraufhin er es mit der Angst seines Lebens zu tun bekommt. Auf 84 Seiten Comics folgt ein Anhang, der von Horst kommentierte Gemälde, ein Interview mit Geier, laut dem die Geschichten biographisch seien (oha…), einen Rotlicht-Ratgeber, eine Vorschau auf Band 2 und eine köstliche „Keinohrhase“-Filmplakat-Parodie umfasst.

Geiers anthropomorpher Funny-Zeichenstil ist prächtig und der Humor, durch den zuweilen Ernst schimmert, sympathisch und oft aus dem Leben gegriffen, die behandelten Themen sind in ihrer Offenheit provokant. Sexszenen gibt, Pornöses hingegen nicht. Rechtschreibfehler sind mir nur ganz wenige begegnet. Eine überraschend gelungene deutsche Comicreihe und ein Sammelausgaben-Auftakt, der direkt Lust auf die nächste Ausgabe macht. Ich bleibe dran, demnächst mehr dazu.

Schwermetall präsentiert Band 35: Geier / Robi / Hau – Tonis großes Spiel

Das rund 50-seitige 35. „Schwermetall präsentiert“-Album datiert aufs Jahr 1990, erschien im Alpha-Verlag im Softcover, ist schwarzweiß und handgelettert – und versammelt offenbar eine zuvor monatlich seitenweise im „Schwermetall“-Magazin abgedruckte Science-Fiction-Geschichte.

Als Zeichner im halbrealistischen bis realistischen Stil fungierte Geier, als Texter zunächst Michael Hau alias BiMi. Und worum es geht, lässt sich zunächst schwer erfassen; anscheinend handelt es sich in erster Linie um eine Sci-Fi-Comic-Persiflage, die es darauf anlegt, alle möglichen mehr oder weniger populären Comicfiguren in Cameos unterzubringen (Sokals Canardo beispielsweise ist der Kanzler und Mézières‘ Valerian steht plötzlich in Reizwäsche da). Maryara spricht tiefstes Bayrisches, der Meta-Baron schwäbelt und nach einer Raum-Zeit-Reise sind Maryara und Titelheld Toni nackt. Auf S. 15 begibt man sich auf die Meta-Ebene und klärt in Comicform, wie es überhaupt zu „Tonis großes Spiel“ kam.

Die Geschichte entstand anscheinend erst nach und nach, ohne fertiges Skript. BiMi stieg irgendwann als Texter aus und Robi (alias Horst Brack aus „Catch Up“ alias Rochus Hahn, „Das Wunder von Bern“-Drehbuchautor) für ihn ein, was anlässlich der 25. Seite thematisiert wird. Da wird klar, dass BiMi, der Robi direkt die Freundschaft kündigt, tatsächlich an purem Nonsens gelegen war, während Robi die Geschichte in so etwas wie geregelte Bahnen lenkt, eine echte Erzählung entstehen lässt, die zumindest etwas weniger improvisiert wirkt und mit etwas mehr Ernsthaftigkeit so auch in klassischer Anything-goes-Sci-Fi-Fantasy hätte auftauchen können.

So stellt sich mit der Zeit heraus, dass Schurken hinter dem „Goldenen Furunkel“ her sind. Toni muss erst mal herausfinden, was das überhaupt ist. „Tonis großes Spiel“ ist ein spannendes Experiment aus der deutschen Anarcho-Comicszene und herrlich irres, respektloses Vergnügen. Zu Geier und Robi später mehr.

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