Am Tag der deutschen Einheit und in politisch mehr als bewegten Zeiten verschlug es uns zum zweiten Mal ins Stendaler Zenit, einem seit etlichen Jahren subkulturell selbstverwalteten ehemaligen Tanzlokal. Wie vor zwei Jahren brauchten wir nur mit kleinem Besteck anzureisen und konnten daher mit dem Regionalverkehr hintingeln. Der machte es zunächst etwas spannend, holte seine Verspätung aber wieder auf. Und auf der letzten Teilstrecke war sogar noch der Alkoholgenus gestattet. Wir lernten eine ungewohnt freundliche (und an unserer Band interessierte) Zugbegleiterin sowie den Manager von AC/DC (oder so) kennen, wurden schließlich von Strahle am Bahnhof abgeholt und zum Zenit gefahren. Da wir eigentlich eine Zugverspätung eingeplant hatten, waren wir saufrüh vor Ort und ließen’s entsprechend gediegen angehen. Zu essen gab’s ‘ne deliziöse Linsenbolognese auf kleiner Penne-Pasta, die frisch vor Ort zubereitet wurde, dazu Freigetränke bis zum Abwinken – wobei an den Getränkepreisen bisher jede Inflation spurlos vorübergegangen zu sein scheint.

Bis es gegen 20:45 Uhr losging, strömten mehr und mehr Gäste ins Zenit, darunter ein Junggesellinnenabschied. Hat man auch nicht alle Tage. DON CAMILLO aus Dresden treten lediglich als Duo mit Drumspur aus der Konserve auf, was an diesem Abend klanglich zwar völlig ok war, aber natürlich einen ungewohnten Anblick bot. Den kräftigen, gut verständlichen Hauptgesang übernahm der Basser, die deutschsprachigen Songs aus dem Spannungsfeld zwischen flottem Punkrock und HC-Punk mit überlegten, kritischen Texten stammten vom ersten, als Tape erhältlichen Album sowie vom neuen, das wohl am 16. Oktober erscheinen soll, inklusive der ersten Vorab-Single „Festung Europa“. Vor die Songs platzierten sie zuweilen Sprach-Samples, die ebenfalls aus der Konserve eingespielt wurden, oder auch mal was von TRUCK STOP. Ein-, zweimal machte es sich bemerkbar, dass kein Drummer aus Fleisch und Blut korrigierend eingreifen konnte, wenn die Saitenfraktion aus dem Takt geriet, eine Nummer wurde abgebrochen und neu angefangen – Künstlerpech (dazu später mehr). Mein Favorit war das grollende „Viel zu viel“ und als Outro erklang CHRISTIAN STEIFFEN. Der Auftritt kam gut an und war ein schöner Opener. In Kürze startet wohl die Release-Tour dieser sympathischen Jungs, die sie auch ins Hamburger Turtur verschlagen wird.

Für Geschlechterdiversität auf der Bühne sorgten im Anschluss die Schwerinerinnen und Schweriner mit dem vertrauenserweckenden Namen TRIPPASCHLÜPPA, die zu zwei Fünfteln weiblich besetzt ist. Eine ebenfalls noch junge, aber sehr ambitionierte Band, die mit zwei Gitarristen und einer extrovertierten Sängerin antritt, die einem die kämpferischen deutschen Texte sehr eindringlich um die Ohren peitscht und mit ihrem Funkmikro auch immer mal wieder einen Ausflug ins Publikum unternimmt. Ihre ersten vier aufgenommenen Songs hatte die Band an diesem Tag auf USB-Sticks (!) veröffentlicht. Gecovert wurde „So spielt das Leben“ von der Band ÄTZEND, was ich aber erst beim Gitarristen erfragen musste. Der Song kam mir total bekannt vor, ich konnte ihn aber nicht zuordnen. Nun habe ich keinerlei Ahnung, woher ich ihn gekannt haben könnte. Egal. Irgendwann wurde ein Klampfenwechsel erforderlich, DON CAMILLO sprangen netterweise ein (nicht zum letzten Mal, dazu später mehr). TRIPPASCHLÜPPA machten trotz etwas leisen Gitarrensounds – insbesondere angesichts des ziemlich dominanten Schlagzeugs – gut Krawall und ließen sich am Ende zu einer Zugabe überreden. Ein Auftritt mit viel frischer Energie, der Spaß gemacht hat. Einen Teil des Gigs hatte ich verpasst, als ich zwischendurch frische Luft schnappen gegangen war und mich mal kurz dem Trubel entzogen hatte. Als ich zurückkam, war eine Menschentraube gerade im Aufbruch begriffen (vermutlich der Junggesellinnenabschied, der weiterziehen wollte) und kurz darauf meine am Bühnenrand abgelegte Jacke weg. Ich vermute mal, dass die versehentlich mit einem ganze Klamottenknäuel mitgenommen wurde. War zwar nur ‘ne derbe abgewetzte schwarze Harrington, die eh kurz davorstand, abgelöst zu werden, allein schon aufgrund der Kopfhörer in den Taschen, der Aufnäher, Buttons usw. hätte ich sie aber gern zurück. Bitte entweder direkt bei mir melden oder im Zenit abgeben. Danke!

Der anschließende Umbau nahm etwas Zeit in Anspruch, weil das Schlagzeug von einem Links- zurück zu einem Rechtshänder-Set umgebaut werden musste. Wir gönnten uns auch noch ‘nen Soundcheck und sahen zu, dass wir ‘nen einigermaßen abgestimmten Bühnensound hinbekommen. Kai hatte seine nigelnagelneue Klampfe dabei, um sie live einzuweihen. Ich hatte keinen eigenen Monitor, hörte mich aber trotzdem gut genug. Keiner von uns war zu besoffen. Alles ok also, sollte man meinen. Fing auch ganz gut an. Ums kurz zu machen: Kai riss insgesamt dreimal (!) eine Saite und stellte damit einen neuen bandinternen Rekord auf. Die ersten beiden wechselte er noch, bei der dritten sprangen zum wiederholen Male an diesem Abend DON CAMILLO ein und stellten Kai ihren Sechssaiter für die letzten Songs zur Verfügung. Dafür herzlichen Dank! Dennoch war unser Spielfluss natürlich dahin. Holler und Kalle überbrückten mit Pausenmusik und ich war froh, als wir ohne weitere Unfälle mit dem Set durchwaren. Nun begann der gemütliche Teil des Abends, der erst zu weit vorgerückter Stunde am Tresen endete und mich irgendwann in eines der Betten fallen ließ, um die das Zenit mittlerweile ihre Bandkajüte erweitert hat.

Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns nach einem nahrhaften Frühstück. Strahle chauffierte uns freundlicherweise wieder und die Bahn gab sich erneut keine Blöße, ohne Verspätung kamen wir am Nachmittag wohlbehalten wieder zu Hause an. Danke an die Zenit-Crew, an DON CAMILLO und TRIPPASCHLÜPPA und die Gäste – gerne wieder! Möge man gerade auch in Sachsen-Anhalt noch lange die Fahne der Subkultur hochhalten.

P.S.: Kai hat auch seinen Multifunktionskuli mit Wasserwaage, Fluxkompensator und allem Pipapo verloren. Für den gilt das Gleiche wie für meine Jacke…