Nachdem ich mich kürzlich mit Volker Reiches früher Semmel-Verlach-Veröffentlichung „Willi Wiedehopf räumt auf!“ beschäftigt hatte, wurde ich erst recht neugierig auf sein Frühwerk. Seine nach „Liebe“ zweite Veröffentlichung in Albumform dürfte der erste Band der im Jahre 1984 im Volksverlag erschienenen „Erwachsenen-Comics aus deutschen Landen“ sein. Bei diesem rund 90-seitigen unkolorierten Softcover-Album scheint es sich um eine Zusammenstellung überwiegend zuvor im ebenfalls im Volksverlag veröffentlichten Underground-Comic-Magazin „Hinz & Kunz“ abgedruckter Comics Reiches handeln. Das Herzstück bildet sein „Comic-Roman“ (Graphic Novel sagte man damals noch nicht) „In Biblis ist die Hölle los!“, der als Fortsetzungsgeschichte in Hinz & Kunz erschienen war.
Statt eines Vorworts finden sich Fotos Reiches, wie er an einem Tisch voller Bierflaschen mit seiner (wiederum gezeichneten) Figur Schnurr über den Inhalt dieses Bands diskutiert – wobei sich Schnurr sehr kritisch gegenüber seinem Zeichner äußert. Diese Meta-Ebene zieht sich durch die gesamte Handlung, für die Reiche eine Vielzahl auf verschiedenen Tierarten basierender anthropomorpher Figuren einführt, von skrupellosen Industriellen bis zu radikalen AKW-Gegnern. Besonders angetan hat es mir der unpolitische Filmliebhaber, der auf alte Horrorstreifen steht und einen eigenen Godzilla-Film drehen möchte. Die über einen langen Zeitraum und ursprünglich als Anti-AKW-Comic entstandene Geschichte um die Machenschaften der Atomindustrie und Widerstand gegen dieselbe wird immer wieder unterbrochen und zwischen Reiche und seinen Figuren reflektiert. Teil der Reflektion ist, dass sich Reiche (mittlerweile übrigens selbstironisch als mit Halbglatze gezeichnete Comicfigur auftretend, während aber auch der eine Lederjacke tragende Bello Bautz optisch verdächtig an Reiche erinnert) am liebsten von der AKW-Geschichte verabschieden würde, weil zwischenzeitlich Ronald Reagan zum Präsidenten der USA gewählt worden ist und angesichts des NATO-Doppelbeschlusses eine Kriegsangst herrscht, gegen die die AKW-Problematik verblasst. Reiche hält also nicht stur am ursprünglichen Konzept fest, sondern lässt unmittelbar aktuelle politische Entwicklungen einfließen.
Nachdem „In Biblis ist die Hölle los!“ wenig stringent, dafür umso dynamischer zu einem Ende gebracht wurde, fordert Schnurr seine Bettgeschichte ein, die in Form des fünfseitigen Sex-Funnys „Liebe auf den ersten Blick“ folgt. Weitere Kurzgeschichten und Comicstrips um die Schnurr-Brüder machen Lust auf mehr (ein Höhepunkt: das Wimmelbild der Weihnachtsfeier), doch anschließend droht Reiche ihnen mit dem Radiergummi und kotzt sich auf einer ganzen Seite über kitschige Reaktionen linker Kreise auf die Wahl Mitterands zum französischen Präsidenten aus. Interessanterweise sitzt er im Zwiegespräch mit den Schnurrs mit einer Ausgabe der FAZ auf einem Sofa, die bekanntlich später sein langjähriger Arbeitgeber werden sollte. Ein kurioser Zufall oder bereits ein Wink mit dem Zaunpfahl?
Auch in den „Zu Gast bei H&K“-Comic hat Reiche sich selbst gezeichnet, darüber hinaus seine Zeichnerkollegen, die gemeinsam ihre Kunst im Zuge einer Arbeitssitzung kontrovers diskutieren – einmal mehr wird also fröhlich auf der Meta-Ebene getänzelt. Der Einseiter „Fuchsjagd“ verrät, dass Reiche & Co. D.O.N.A.L.D.-Mitglieder und somit Anhänger des Donaldismus sind, eine weitere Seite nimmt Psychoanalytiker aufs Korn. Im Bereich „Lebenshilfe“ ätzt Reiche gegen zum Klischee gewordene Kopfbedeckungen und ihre Träger, wobei manch Politnick sein Fett abbekommt, ein weiterer Beitrag verballhornt den Hype um Adidas-Treter. Noch aus dem Jahre 1979 stammen die Comics, die Reiche für die „Pardon“ gezeichnet hatte und entsprechend schlüpfrig ausfallen, während „Die alten Freunde in der Stadt…“ Öko-Hippes veralbert. Für ein paar vierpanelige Strips hat er anscheinend neue Figuren ausprobiert oder aber bewusst als leichte Fingerübungen erdacht und wieder fallengelassen. Ganz am Schluss darf ein Betrunkener einen aufgekitschten Hippie-Citroën vollreihern.
„Comics für Erwachsene“ sind’s einerseits, weil recht freizügig mit Sexualität umgegangen wird, vor allem aber aufgrund der zahlreichen Bezugnahmen auf Politik und Gesellschaft, die eine zu junge Leserschaft größtenteils wohl gar nicht verstanden hätte. Obschon Reiche offenbar dem alten Anarcho-Klüngel entstammt, lässt er immer wieder durchblicken, wie wenig er von Hippies und hyperpolitischer Klientel hält. Anhand dieses Bands lässt sich möglicherweise neben seinem immer feiner und sicherer werdenden Zeichenstil auch Reiches persönliche Entwicklung nachvollziehen, die ihn schließlich zum Comiczeicher für „Hörzu“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ machte. Seine Passion sowohl für eigenentwickelte anthropomorphe Figuren als auch bissigen Humor wird mehr als deutlich und es ist ein bisschen schade, dass in dieser Hinsicht später anscheinend nicht mehr so viel kommen sollte.
Sowohl für an der Entwicklung moderner deutscher Underground-Comics interessierte Comic-Archäologinnen und -Archäologen als auch generell für Liebhaberinnen und Liebhaber von Zeitkolorit im Comic ist dieses Album eine echte Fundgrube. Mal sehen, ob ich auch Reicherts Debütalbum „Liebe“ noch irgendwo herbekomme…

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