Günnis Reviews

Monat: Mai 2026

08.05.2026, Monkeys Music Club, Hamburg: SHEER TERROR (und ein bisschen SHELL-SHOCKED auf dem Affengeburtstag)

Als Teil des alternativen Hafengeburtstags wurde wie gehabt auch dieses Jahr am Störtebeker eine Bühne für Punk, Crust, Death Metal u.ä. aufgebaut. Bei mir kam aber einiges zusammen: a) war ich gesundheitlich angeschlagen, sodass sich eine wilde Party mit Vollrausch diesmal verbot, b) sollte es am nächsten Morgen in einen bitter nötigen Kurzerholungsurlaub nach Duisburg (ja, ganz recht!) gehen, weshalb sich eine wilde… ihr wisst schon, und c) hatte ich vor allem Bock auf SHEER TERROR, die im Monkeys gastierten – zumal ich mir nach dem letzten verpassten Gig der NYHC-Legende geschworen hatte, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein. Nach der Arbeit machte ich mich trotzdem erst mal auf dem Weg zum Hafen, um an den empfehlenswerten Veggie-Ständen, die Teil des Alternativprogramms sind, etwas zu essen und mir anschließend zumindest einen Teil des SHELL-SHOCKED-Auftritts anzusehen. Das Hamburger Quartett zockt flotten, wütenden Punk mit Street- und Hardcore-Punk-Anleihen sowie deutschen als auch englischen Texten. Der Gitarrist setzt vornehmlich auf kräftige Riffs und versieht den Sound spätestens mit seinen Soli mit einer durchaus geschmackvollen Metal-Kante. Da ich davon ausging, dass SHEER TERROR bereits um 21:00 Uhr im Monkeys spielen würden, machte ich mich nach ungefähr fünf Songs aber auch schon wieder vom mehr als gut mit allerlei bekannten Gesichtern gespickten Acker – um auf der Bahnfahrt herauszufinden, dass der Beginn um eine halbe Stunde nach hinten verschoben wurde…

Im Monkeys war man sich des ungünstigen Termins offenbar bewusst und hatte erst gar keine Supportband angeheuert. Dafür wiederum war der Laden gar nicht so schlecht besucht. Um kurz nach halb zehn ging’s mit ‘nem Dröhnintro los, in dessen Folge die ersten drei Songs ohne Pause durchgeholzt wurden. Anschließend erklärte Bandkopf Paul Bearer, dass es sich um die zweite Show überhaupt für den Basser handele – was dieser sich aber nicht anmerken ließ. Weiter ging’s mit „Heartburn in G“, das Eröffnungsstück des starken „Standing Up For Falling Down“-Albums aus dem Jahre 2014, gefolgt vom Klassiker „Twisting and Turning“, dem OLD-97‘S-Cover „Salome“ sowie „Roses“. Die beiden letztgenannten stechen insbesondere durch Pauls hier zum Zuge kommenden cleanen Gesang heraus, wobei vor allem eine Nummer wie „Roses“ dazu beiträgt, dass diese Band das gewisse Etwas hat. Jeweils nach drei, vier Songs nahm er sich zudem wie gewohnt Zeit, um etwas mit dem Publikum zu plaudern. So fand er passende Worte zur aktuellen Situation in seiner US-amerikanischen Heimat und deren Präsidenten, oder aber protzte damit, mittlerweile auf die 60 Lenze zuzugehen, aber noch immer all sein Haar, fast alle seine Zähne und sogar einige Kilo abgenommen zu haben. Seinen Humor hat er glücklicherweise nicht verloren, und so haben seine „Spoken Word“-Passagen auch immer ein bisschen was von Stand-up. Vor allem aber kommt er sehr menschlich und sympathisch rüber, wenn er ohne zu predigen dazu anregt, jeden Tag zu versuchen, ein etwas besserer Mensch zu sein. Und dass Hardcore-Bands nicht auf Tour kommen, um für Zusammenhalt zu werben, sondern um T-Shirts zu verkaufen. Ehrlich ist er nämlich auch, der Gute.

Vom für November angekündigten neuen Album spielten SHEER TERROR das bereits vorab ausgekoppelte „Squat Diddler“ in einer herrlich rauen und wütenden Version. Der Großteil des Sets bestand aber natürlich aus den Klassikern des Debüts, von denen „Just Can’t Hate Enough“ die letzte Eigenkomposition des Abends war, an die man aber direkt, also ohne vorher die Bühne zu verlassen oder sich per „We Want More!“-Rufen bitten zu lassen, das THE-CURE-Cover „Boys Don’t Cry“ anfügte. Nach einer knappen Stunde war Feierabend. Sicherlich ging’s auf SHEER-TERROR-Konzerten in der Vergangenheit schon mehr zur Sache, ein paar Leute waren aber auch an diesem Abend stets vor der Bühne in Bewegung. Andere begnügten sich damit, die Songs mitzusingen oder einfach dazustehen, mit dem Fuß zu wippen und zu genießen. Beim nächsten Mal komme ich gern wieder rum, dann hoffentlich in etwas besserem Zustand. Bleibt zu hoffen, dass diese Europa-Tour nicht eigentlich bereits als eine zum neuen Album angesetzt war, sich dieses aber verzögert hat…

Bill Watterson – Calvin und Hobbes: Wir wandern aus!

Band 3 der in den Nullerjahren beim Hamburger Carlsen-Verlag erschienen elfbändigen Funny-Zeitungsstrip-Reihe im beinahe quadratischen Softcover datiert im US-Original aufs Jahr 1989. Calvin ist ein mit einer überbordenden Fantasie gesegnetes Einzelkind, das mit seinen Eltern und seinem Stofftiger Hobbes zusammenlebt, der für Calvin zum Leben erwacht und sein bester Freund ist. Auch dieser Band umfasst 130 Schwarzweiß-Seiten, die die meist aus vier Panels bestehenden Strips sowie die Sonntagsseiten enthalten.

Anstelle eines Vorworts eröffnet „Wir wandern aus!“ mit einem sehr gut ins Deutsche übersetzten Gedicht. Calvins Alter ego, der Raumfahrer Spiff, ist ebenso wieder dabei wie Nachbarskind Susi und Babysittern Rosalyn – Calvins Nemesis. Wiederkehrende Gags wie die „Wiederwahl zum Vati“ werden weiter etabliert, besonders gelungen aber ist die längere Strecke über einen (gottverdammten!) Zelturlaub. Wie bei anderen stripbasierten Comics auch, erstrecken sich viele Geschichtchen über eine Vielzahl Strips, weisen aber pro Strip eine kleine Pointe auf – das ist die hohe Kunst. Der Band geht zudem sehr schön die einzelnen Jahreszeiten durch.

Einmal mehr hat Watterson die Komik, die Kind- oder Elternsein häufig mit sich bringen, herausragend beobachtet und zur Grundlage seiner Comics gemacht. Kindliche Naivität, Fantasie und Frechheit treffen auf erwachsene Abgeklärtheit, Verantwortungsbewusstsein und Reizbarkeit – und, in meinem Falle, all dies auf einen interessierten wie amüsierten Leser.

Государственная Третьяковская галерея (dt.: Staatliche Tretjakow-Galerie)

Bin ich bewandert in bildender Kunst oder habe ich ein ernsthaftes Interesse an historischen Gemälden? Nö. Diesen im Jahre 1961 in der Sowjetunion veröffentlichten Bildband der Staatlichen Tretjakow-Galerie aus dem Nachlass meiner Großmutter hatte ich mir für den vergangenen Sommerurlaub trotzdem eingesteckt und an einem sonnigen, aber etwas windigen Tag in einem Marseiller Park ausgepackt. Das großformatige Hardcover-Buch mit Serows „Das Mädchen, das von der Sonne beschienen wird“ zeigendem Schutzumschlag hat einst einen Wasserschaden erlitten, sieht entsprechend ramponiert aus und müffelt beim Aufschlagen; trotzdem tauchte ich genüsslich und interessiert in seinen Inhalt ein.

Auf einen vierseitigen russischen Einführungstext V. Chesnokovs folgen, grob chronologisch sortiert – beginnend im 15. Jahrhundert, größtenteils dem 19. und 20. Jahrhundert entstammend – verschiedenste Motive, sofern bekannt mit Angabe des Künstlers, des Werktitels und des Jahres. Diese Angaben finden sich in drei Sprachen, u.a. Deutsch, übersetzt auch im Anhang. Unter den insgesamt 55 Abdrucken auf hochwertigem Papier befinden sich handwerklich unfassbar gute Malereien und Gemälde, die einen Eindruck der russischen Kunstgeschichte vermitteln: Landschaften, Tiere, Menschen, mal Stimmungen und Gefühle transportierend, mal betont nüchtern.

Und als ich mich erst einmal sattgesehen und meine Lesepause bzw. meinen „Museumsbesuch by Proxy“ beendet hatte, widmete ich mich meinem nächsten Comic. Doch der nächste Griff in Omas Fundgrube wird hoffentlich nicht lange auf sich warten lassen.

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