Günnis Reviews

Monat: Oktober 2007

SUSANNE EL-NAWAB – SKINHEADS, GOTHICS, ROCKABILLIES – GEWALT, TOD & ROCK’N’ROLL

(www.jugendkulturen.de)

el-nawab, susanne - skinheads, gothics, rockabilliesUnd ein weiteres Buch über Subkulturen, ein weiteres Buch über Skinheads… derer Autorin El-Nawab bereits zwei verfasst hat, die ich beide nicht kenne. Über Rocka-/Psychobillies hat sie auch schon was veröffentlicht und ich frage mich ehrlich gesagt, ob es nicht langweilig wird, immer wieder über das gleiche zu schreiben und worin die großen inhaltlichen Unterschiede bestehen sollen…? In jedem Fall kommt dieser ca. 370 Seiten starke Schmöker mit festem Einband und hochwertigem Papier ziemlich edel daher, was sich allerdings auch im Preis von 28,- Talern niederschlägt. Außerdem enthält der Band viele Fotografien, wobei die Skinheads mit z. T. verdammt üblen „Gürtel+Hosenträger“-Fotos etc. am Schlechtesten wegkommen. Zum Inhaltlichen: Erstmal gilt es, sich durch die vor wissenschaftlichen Fachtermini und Fußnoten nur so strotzende Einleitung zu boxen, die mich beinahe dazu veranlasst hätte, das Buch zur Seite zu legen und nicht mehr anzurühren. Eigentlich kann man sich den Part aber auch getrost sparen und damit einsteigen, worum es eigentlich geht: Aus allen drei Subkulturen wurden jeweils zehn (oder so) Angehörige (aus Deutschland, wohlgemerkt) durch die Autorin, die mehrfach betont, sich selbst auch aus privatem Interesse seit etlichen Jahren in subkulturellen Kreisen zu bewegen, befragt, um einen Gesamteindruck von ihnen und damit von der jeweiligen Szene zu gewinnen. Die Fragen und Antworten werden allerdings eher selten direkt wiedergegeben als mehr in ein durch die Autorin möglichst neutral gehaltenes Profil des jeweiligen Interviewpartners umgeschrieben, das anschließend durch die Autorin kommentiert und bewertet wird. Dies ist zwar einerseits, wie El-Nawab auch ganz richtig feststellte, die einzige vernünftige Möglichkeit, einen wirklich authentischen Einblick in Subkulturen zu bekommen, bietet andererseits dennoch die Möglichkeit der Manipulation durch tendenziöse und/oder provokante Fragestellungen, die die Gespräche in eine bestimmte Richtung lenken sollen oder durch die persönliche Gewichtung der Antworten durch die Autorin beim Erstellen der Profile der Befragten – was ich El-Nawab aber nicht unterstelle. Die Skinheads erzählen mal mehr, mal weniger Schwachsinn, ziemlich durchwachsen, das Ganze. Für die anschließende Bewertung sind diese zehn Befragten aber einfach zu wenig (repräsentativ). Dafür ist die Szene viel zu breitgefächert, als dass sie durch die Autorin nach zehn Gesprächen mit deutschen Skinheads und der Angabe lächerlich weniger, stellenweise falsch zitierter Songtexte beurteilt werden könnte. So werden die sozial- und gesellschaftskritischen Texte vieler Oi!-Bands komplett ausgeklammert, Hardcore findet so gut wie gar nicht Erwähnung etc. pp. Erwartungsgemäß werden den Skinheads auch am wenigsten Seiten im Buch zur Verfügung gestellt. Stattdessen wieder das heutzutage moderne Geseiere über den angeblichen Sexismus in der Szene und die „homo-erotischen“ Anhaltspunkte, bla bla bla… Die nicht-rechte Skinhead-Szene ist, so wie ich sie wahrnehme, besonders verglichen mit dem, was anschließend die Knochenlutscher und Schmalzlocken vom Stapel lassen, zwar „prollig“, aber nicht unbedingt sexistisch ausgerichtet. Wenn überhaupt kommt es durch den gewaltigen Männerüberschuss zu einem „umgekehrtem Sexismus“, d. h., die Mädels werden besonders hofiert etc. Dass es nichts mit Sexismus zu tun hat, über Sex zu singen (und das auch noch häufig selbstironisch) oder sich nicht künstlich „unmännlich“ zu geben, werden einige vermutlich nie kapieren. Übrigens: Nicht „American History X“ wurde in s/w gedreht, sondern „Oi! Warning“. Aber ich will nicht kleinlich werden. Die Gothics, denen der größte Teil des Buches gewidmet wurde, bestätigen viele meiner Vorurteile durch ihre Begeisterung für irgendwelchen Esoterik-Quatsch und andere Hippiescheiße, ihre Oberflächlichkeit in Bezug auf Klamotten und Styling und ihre zum Teil ausgeprägte Weltfremdheit. Trotzdem sind auch hier fitte Leute mit vernünftigen Aussagen und Einstellungen vertreten; halt ebenfalls recht durchwachsen. Großen Wert legte El-Nawab offensichtlich auf die Konfrontation der Interviewten mit rechtsradikalen Einflüssen und Tendenzen in der Szene, wobei die Antworten oft sehr gleichgültig ausfielen. Dafür hat sie selbst umso mehr Hintergrundinformationen diesbzgl. in das Buch eingearbeitet, da ihr die weit verbreitete Ignoranz sehr zu schaffen zu machen scheint. Die Rockabillies schießen letztendlich allerdings den Vogel ab: Verklärter Retro-Kult und spießig hoch zehn, sofern die meisten der Profile repräsentativ für die Szene sein sollten. Keine Ahnung, was das alles noch mit der ursprünglichen Rebellion der Jugendlichen in den 50ern zu tun haben soll. Dies erkennt allerdings auch die Autorin und benennt diese Widersprüchlichkeit. Vor lauter Geilheit auf das Thema „Sexismus“ vergisst die Autorin allerdings, angemessen auf einige verdammt bedenkliche Aussagen zum Thema Militär und Zweiter Weltkrieg einzugehen. Alles in allem fällt beim Lesen des Buches auf, dass die meisten Befragten nicht mal halb so rebellisch und anders sind, wie sie es entweder vorgeben zu sein (sofern sie sich überhaupt als „Rebellen“ sehen) oder wie sie von außen betrachtet werden, sobald es um (gesamtgesellschaftlichte) Themen geht, die den eng gesteckten subkulturellen Rahmen übersteigen. Inwieweit dieses Werk tatsächlich als ernstzunehmende Studie taugt, vermag ich nicht zu beurteilen. Positiv hervorheben möchte ich allerdings, dass die Autorin verdammt gut den Stellenwert der Medien und deren Wechselwirkung mit der jeweiligen Subkultur, insbesondere der der Skinheads, in Bezug auf ihre Entwicklung herausgearbeitet und formuliert hat. Rein formell gibt’s neben der Einleitung in schlimmstem Fachchinesisch ein paar – trotz aller Fußnoten, haha – nicht erläuterte szenetypische Begriffe und die nicht immer gewahrte Form in Hinsicht die typographische Darstellung von Eigennamen etc. zu kritisieren. Den Skinhead-Part empfand ich als überflüssig, die anderen beiden interessant über (Vor)Urteile bestätigend bis desillusionierend. Günni

HEITER BIS WOLKIG / DIE ROTEN RATTEN – AUFERSTANDEN AUS RUINEN / NICHTSALSROCKEN CD

(www.weserlabel.de) / (heiterbiswolkig.com) / (roteratten.de)

Genauso wenig, wie man sich hier auf einen Bandnamen oder auf einen Albumtitel einigen konnte, erschließt sich mir der Sinn bzw. Witz des Ganzen. HbW waren zwar schon immer etwas durchwachsen… aber wenn ich da an alte „Terroristen“-Zeiten oder an geniale Songs wie „Killer-Clowns“ denke, erfüllt es mich doch mit Wehmut, diese Scheibe rezensieren zu müssen. Die ist nämlich absolut unlustig, flach und belanglos. Der Biss ist weg und musste austauschbaren, albernen Phrasen weichen. Ein paar alte Songs nahm man neu auf und ich frage mich, was es soll, eine Hymne wie die „Ballade von den Seeräubern“ (BRECHT) so kraftlos vorzutragen und zu verhunzen. Gecovert werden JOINT VENTURE mit „Holland“, womit man natürlich auf der sicheren Seite ist. Damit kann man nun glücklicherweise nicht viel falsch machen. Vielleicht hätte man sich bei Widmann & Co. mehr Inspiration holen sollen, was das Schreiben witziger bis sarkastischer Texte betrifft. So geht mir die Scheibe ziemlich am Arsch vorbei. Booklet kommt mit einigen Texten. 22 Songs in 67 Minuten, davon einige aber doppelt in verschiedenen Aufnahmen. 5. Günni

SMELLY CAPS – S/T CD

(www.smellycaps.de)

Treibender Punkrock mit einigen Schweinerock- und Punk’n’Roll-Einflüssen von ein paar alten Hasen, die vorher schon in Bands wie den BOSKOPS, den ABSTÜRZENDEN BRIEFTAUBEN etc. ihr Unwesen trieben. Komplett in englischer Sprache mit paar Hits und netten Melodien, der raue Gesang könnte bischn rotziger sein. Reißt mich nicht völlig vom Hocker, geht aber auf jeden Fall klar, die Scheibe. Leider macht die Aufmachung nicht viel her: Faltblatt ohne Texte statt richtigem Booklet und hässliches Cover. Laut Info-Wisch übrigens „einfach sympathische Menschen!“ Na dann… Zwölf Songs in 35 Minuten, Anspieltipp: „Gone“. 3. Günni

STRAWBERRY BLONDES – RISE UP CD

(www.deckcheese.com) / (www.myspace.com/strawberryblondes)

Hahaha, wie geil! Dreister RANCID-Rip-Off (inkl. geklauten „Yeahs“) aus England, der aber so dermaßen Laune macht, dass er absolut seine Existenzberechtigung hat. Oberfette Produktion, oberfette Chöre, größtenteils textlich das volle Klischee-Brett, die reinste Punkrock-Party also! Oder ist das gar eine Art Tribut bekannter Musiker, die hier unter Pseudonymen agieren? Egal. Kann ich bedenkenlos allen Freundes des RANCID-Sounds bzw. der Bands, die diesen beeinflusst haben bzw. der Bands, die dieser beeinflusst hat, ans Herz legen! 13 Songs inkl. eines Remixes von „Mr. Punk Rock Movie“ Don Letts in 31 Minuten, Booklet kommt mit allen Texten. Anspieltipp: alle! 2. Günni

SPARMARKT-TERRORISTEN – SPIEL, SPASS UND FLUGZEUGBENZIN CD

(www.sm-t.de.vu)

Diese vermutlich noch recht junge Band mit dem hochgradig kindischen Namen stammt aus Bischofswerda in Sachsen und versucht sich auf diesem D.I.Y.-Album an schnörkellosem deutschsprachigem Punkrock. Die Aufnahme ist eher Lo-Fi, musikalisch holpert’s aber weniger, dafür umso mehr textlich: Die thematisch üblichen Ergüsse inkl. des obligatorischen Anti-Nazi-Songs kommen selten ohne erzwungene Reime aus und sind zum Teil dann doch eher ein Griff ins Klo… allerdings nie so schlimm wie so Manches, was ich mir hier schon antun musste. Ich denke schon, dass da ein gewisses Potential vorhanden ist und will hier niemanden entmutigen. Das farbige Booklet hat man sehr liebevoll gestaltet, jeder abgedruckte Text wurde mit passenden Bildern unterlegt. Allerdings hätte man das mal korrekturlesen sollen, denn es strotzt nur so vor Fehlern. Außerdem vergaß man offensichtlich, einen Schnittrand einzuplanen, wodurch einige Texte am Rand beschnitten wurden. Also, Jungs: Weiter üben und an den Texten feilen, mal über einen Namenwechsel nachdenken und dann noch mal wiederkommen. Dem Album liegt übrigens ein Aufkleber bei. 16 Songs inkl. KNOCHENFABRIK-Coverversion („Filmriss“) in 54 Minuten. 4. Günni

RADIO BADLAND NR. 28 – SEPTEMBER 2007 CD-R

(www.radiobadland.de)

RADIO BADLAND und kein Ende – so soll es sein! Die „Rockshow im Bürgerfunk bei Radio WMW“ war wieder auf Sendung und füllte eine knappe Stunde mit Mucke von den FLATLINERS, BROILERS, TURBOSTAAT, EVIL CONDUCT, MUFF POTTER, THE TOASTERS u.v.m. Außerdem hielt man den Konzertveranstaltern „Turbodisco“ (Vreden) das Mikro hin, ließ diese ihr Konzept vorstellen und quetschte sie ordentlich aus. Wie immer ’ne gelungene, kurzweilige Sendung. Passt! Günni

BRENNENDE LANGEWEILE – BORED TEENAGERS DVD

(www.sunnybastards.de)

Wolfgang Büld, in Subkulturkreisen bekannt durch und respektiert für seine Dokumentarfilme „Punk in London“ und „Punk in England“, drehte 1978 dieses im Rhein/Ruhr-Gebiet spielende Szene-Filmchen fürs TV um die Deutschland-Tour der ADVERTS, dessen Rahmenhandlung von einem jugendlichen Pärchen (sie Friseuse, er arbeitslos) erzählt, das den Weg der Band kreuzt. Die Handlung im Groben: Die ADVERTS kommen auf Tour, das Pärchen ist gelangweilt (sie von ihm, er von seinem Leben), man besucht ein ADVERTS-Konzert, lernt die Band samt Anhang persönlich kennen, er ist scharf auf Bassistin Gaye, sie bumst den Roadie. Klar, dass es sich hier um einen absoluten B-Movie handelt, dessen Akteure mit Schauspielerei nicht viel am Hut haben. So hat die Hauptdarstellerin („Karin“) das Temperament einer Schlaftablette und scheint permanent auf Valium zu sein. Der Rolle des „Peter“ bläute man vermutlich ein, er solle stets so gelangweilt wie möglich tun, wodurch er eine völlig aufgesetzt wirkende, affektiert-nölige Sprechweise an den Tag legt, die stellenweise verdammt schwul daherkommt, haha. Allgemein strotzt der Film nur so vor unfreiwilliger Komik – z.B. wenn Prinzessin Valium an Gayes Bass herumzupft und „Looking Through The Gary Gilmore’s Eyes“ vor sich hin „singt“; Ganz zu schweigen vom Anfang mit dem Hippie und dem rowdyhaften Verhalten des Schnauzbartträgers – Trashalarm! Aber kommen wir zu den positiven Seiten des Films: Die ADVERTS verleihen dem Ganzen eine Menge (und nötigen) Pepp und die zahlreichen Live-Aufnahmen sind über jeden Zweifel erhaben. Deren (deutsch untertitelte) Dialoge sind bestimmt von britischem Humor und Spitzen gegen Deutschland („better luck for the next war“) und wirken weitaus weniger gekünstelt – was wahrscheinlich daran liegt, dass man der Band Gratis-Bier und Raum und zur Improvisation gab. Ebenfalls überaus gelungen ist die realitätsgetreue Darstellung deutscher Beamter (Zoll und „Freunde und Helfer“), die, anstatt in Notsituationen zu helfen, auf Paragraphen herumreiten und den ADVERTS Steine in den Weg legen. Witzige Einfälle beweist der Film außerdem bei schrägen Charakteren wie dem Lokaljournalisten mit seinem dummen Fragen und vor allem seiner oscarreifen Tanzeinlage, dem Promoter, der Schwierigkeiten hat, ein Hotel für die Band zu finden oder der Tussi, die nicht zum Konzert mitkommt, ohne sich vorher so richtig aufzudonnern, allerdings keinen Schimmer hat, wer überhaupt die ADVERTS sind. Schwächen weist der Film hingegen eindeutig bei der Handlung auf: Angedachte Handlungsstränge werden nicht fortgeführt (wohl auch auf Wirken der Band hin, s. Interview im Booklet) und man vermisst so etwas wie ein Schlusspointe. [Achtung, Spoiler!] Nachdem Karin sich vom Roadie vernaschen ließ, finden sie und Peter am Ende des Films wieder zusammen, als ob nichts vorgefallen wäre… jaja, die wilden Siebziger, oder was? Da hätte ich dann schon etwas mehr erwartet. Letztendlich bleibt ein halbdokumentarisches, sympathisches Zeitdokument mit viel Zeitkolorit, authentischen Aufnahmen einer 77er-Punkband, Komik und Charme, das mir viel Spaß bereitete. Nachdem der Film lange Zeit nicht erhältlich war (nie auf VHS erschienen), nahm sich Sunny Bastards seiner an, restaurierte das Material, drehte eigenes Bonusmaterial in Form von ausführlichen Interviews mit Regisseur Büld und bannte es zusammen mit Trailern und Bildern vom Set auf DVD, die außerdem ein zwölfseitiges Booklet mit ADVERTS-Historie und Interview mit Sänger TV SMITH enthält. Also wieder eine äußerst liebevolle Veröffentlichung des sympathischen Labels. Wie es zu dieser kam, lässt sich übrigens prima im offiziellen Forum unter http://www.punkboard.de/pb/thread.php?threadid=4347 nachvollziehen. Ironischerweise stellte sich das ZDF jahrelang bzgl. der Bereitstellung des Materials quer, um es kurz vor Veröffentlichung der DVD zum ersten Mal seit Jahren wieder auszustrahlen. Ein weiterer guter Grund, seine Glotze bei der GEZ abzumelden… Günni

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