Günnis Reviews

Datum: 16. August 2012

12.08.2012, Gängeviertel, Hamburg: STAHLSCHWESTER + M.O.R.A. + MURUROA ATTÄCK

Ich hatte eh gerade Urlaub und mein Kater vom Vortag hielt sich in absolut annehmbaren Grenzen, warum also nicht einen kleinen „Drei Konzerte in drei Tagen“-Marathon wagen? Zudem war ich gespannt, ob STAHLSCHWESTER auch den Nüchternheitstest bestehen würde, sprich: Ich sie nüchtern genauso überzeugend wie mit einigen Bierchen und Adrenalin im Körper finden würde. Und erst das Gängeviertel: Regelmäßig finden dort seit geraumer Zeit unkommerzielle Konzerte statt und war noch nie dort! Viele gute Argumente auf einmal. STAHLSCHWESTER machten diesmal den Beginn, und um es kurz zu machen: Trotz verhaltener Publikumsreaktionen an einem Sonntagabend und mit ADOLESCENTS einer starken Konkurrenzveranstaltung im Hafenklang wusste die Band genauso zu gefallen wie am Vorabend. Demnächst erscheint das Debütalbum – endlich mal wieder eine Plattenveröffentlichungsankündigung, die mich wirklich in Vorfreude versetzt. Wenn die Texte dann auch noch entsprechend ausfallen, könnte das evtl. das nächste große Ding aus Hamburg werden. Auch bei der nächsten Band blieb es „female fronted“: M.O.R.A. aus Finnland spielen derben Hardcore, den ich stilistisch so in Richtung NYHC verorten würde. Tiefgestimmt, mit der Zerstörungskraft einer Dampfwalze, leicht metallisch und der gewissen Prise Prolligkeit – vorgetragen von zwei schnieken zeternden und brüllenden Ladys, die entfesselt vor der Bühne herumsprangen und eine eindrucksvolle Show aufs Parkett legten. Voll überzeugend und richtig gut. Am Bass befand sich eine weitere Dame, die restlichen Position waren männlich besetzt. Die drückenden Songs waren glaube ich allesamt recht kurz, auf der in Eigenregie veröffentlichten Debüt-CD befinden sich laut Bandinfo neun Songs in 16 Minuten – da weißte Bescheid. Von den finnischen Texten verstehe ich natürlich nichts, aber von guter Musik, und die gab es hier voll auf die Zwölf. Als letzte Band des Abends standen die Niedersachsen MURUROA ATTÄCK auf dem Plan. Holla, mit gleich sechs Leuten drängelte man sich auf die Bühne: Zwei Gitarristen, zwei Bassisten! Damit erzeugte man eine Menge geordneten Krach, zumeist schneller, teilweise SEHR schneller Hardcore-Punk mit gerne sarkastischen bis zynischen Texten, vorgetragen von Sänger Holger, der eine ziemlich coole Socke ist und sich überhaupt nicht aus dem Konzept bringen lässt, wenn er zunächst einmal vor der engen Bühne den Vortänzer macht und beim Singen angepogt wird. Durch sowas kommt sofort die richtige Attitüde rüber, weiß man gleich, dass man an der richtigen Adresse ist. Die Songs wurden teilweise aufgelockert durch den Einsatz einer Trompete, wofür der dreadgelockte der beiden Bassisten sein Saiteninstrument zeitweise verschonte. Nach ein paar Songs pogte ein ganzer Haufen vor der Bühne und das Konzert war richtig geil. Irgendwie fielen in der Vergangenheit MURUOA ATTÄCK bei mir stets gerade noch so durchs Raster. Ich hab mir seinerzeit die erste EP gekauft, die ich musikalisch gut, textlich so lala fand und immer mal wieder in neuere Promostücke reingehört, unter denen sich echte Schätzchen wie das „Klimperkastenlied“ befanden, aber nie die Alben angeschafft und bisher jedes Konzert verpasst. Ich muss zugeben, dass ich mit einem so derartig überzeugenden Auftritt mit solch starken Songs nicht wirklich gerechnet hatte. Leider konnte ich mir den Gig nicht bis zum Ende ansehen, da aufgrund einer technischen Panne während der M.O.R.A.-Show die Zeit arg vorangeschritten war und ich eine bestimmte Bahn erwischen wollte, aber MURUROA ATTÄCK sind endlich auf der Einkaufsliste gelandet. Und ich hoffe, nicht allzu lange bis zum nächsten Hamburger Konzert warten zu müssen. Der Konzertort im Gängeviertel ist aufgrund seiner zentralen Lage natürlich attraktiv, versprüht von innen rustikalen D.I.Y.-Flair, hat ’ne Anlage mit ordentlich Wumms und ’nen langen Tresen – und der Eintritt betrug ’ne Spende, die Preise für die Getränke (darunter das göttliche Störtebeker-Bier) konnte man sich auch selbst aussuchen!? Ich glaub, ich spinne – Gängeviertel, ich komme wieder!

11.08.2012, Café Flop, Hamburg-Bergedorf: PETRI MEETS PAULI + VIOLENT INSTINCT + TAKE SHIT + CREAM OF THE CRAP + STAHLSCHWESTER

Gut, dass ich am Vorabend noch mal geschaut hatte, was am nächsten Tag so los sein würde: Fischer, den ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte, feierte also zusammen mit ’nem Kumpel seinen Geburtstag nach und lud dafür ins Bergedorfer Flop, wo ich ebenfalls ewig nicht mehr gewesen war. Aufgrund der Vielzahl an Bands begann man leider recht zeitig, weshalb ich PETRI MEETS PAULI und VIOLENT INSTINCT verpasste. Um letztere tat es mir wirklich leid – noch den letztjährigen Auftritt im Headcrash im Vorprogramm der LOST BOYZ ARMY in sehr positiver Erinnerung habend, hätte ich mich sehr gefreut, die Band um die charismatische, talentierte Sängerin Agga mal wieder auf der Bühne zu sehen. Stattdessen nahm ich zunächst Vorlieb mit den Buffetresten, denn im Vorfeld wurde kräftig gegrillt. Als ich dazustieß, hatte ein nicht unerheblicher Teil des Publikums bereits einen beachtlichen Pegel vorzuweisen, den einzuholen schwerfallen sollte. Nachdem ich mir gerade die letzten Reste Nudelsalat zusammengekratzt hatte, stürzte der Buffettisch samt sämtlicher Auflagen zu Boden, als sich jemand ungeschickt angelehnt hatte. Aus der Geburtstagsparty wurde ein Polterabend und Scherben bringen bekanntlich Glück. TAKE SHIT aus Stuttgart war dann die erste Band, die ich mir ansah, nachdem ich den Eintritt ausgewürfelt (!) hatte. Die Platte, die ich mal zugeschickt bekommen hatte, konnte mich nicht sonderlich erwärmen, im Flop vor gut angeheiterter Meute kamen die Schwaben aber hervorragend an. Musikalisch eher, ähm… „rudimentär“ vorgehend, mischte man eigene Songs mit zahlreichen Coverversionen von SCHLEIM-KEIM, den ÄRZTEN und den GOLDENEN ZITRONEN, intonierte das APPD-Lied und grölte zwischen den Songs deren Parolen und stimmte immer wieder ein Geburtstagslied an. Irgendwie scheint bei den TAKE SHITern die Zeit stehengeblieben zu sein; die rockten, als wäre es 1998 und man selbst an die 20 Lenze. Klar, warum nicht, von mir aus – es kam jedenfalls super an und auch die Band hatte sehr offensichtlich verdammt viel Spaß bei der Sache. Mehr was für mich waren dann aber CREAM OF THE CRAP aus Hamburg, die sexy Punkrock/Rotzrock mit sehr cooler Sängerin darboten, der sofort zündete. Der Gitarrist (oder Bassist? Ich weiß es nicht mehr genau) beherrscht ein gewisses Posen jedenfalls aus dem Handgelenk, Riffs und Melodien wussten zu gefallen und veredelt wurde das Ganze vom abwechslungsreichen Gesang, der die englischen Texte mal eher clean, mal rotzig und frech, mal melodischer, mal härter schmetterte und gegen Ende sogar unter Beweis stellte, auch deathmetallisch growlen zu können. Die hymnenartigen, von Chören unterstützten Refrains manch Songs luden direkt beim ersten Hören zum Mitsingen ein, ohne dass man sich in poppige Gefilde anbiederte. Cooler Gig einer weiteren coolen Band, die ich kennenlernen durfte. Und auf hohem Niveau sollte es weitergehen: Als letzte Band des Abends kündigten sich STAHLSCHWESTER an, jene Band um ex-PERLEN-AN-DIE-SÄUE-Sängerin Pebbels, die mittlerweile auch schon seit geraumer Zeit ihr Unwesen treibt, die ich bisher aber stets konsequent entweder verpasst oder ablenkungsbedingt ignoriert hatte. Ein Sakrileg, wie sich herausstellen sollte, denn STAHLSCHWESTER zocken wirklich astreinen, quasi perfekten Hardcore-Punk der alten ’82-Schule mit deutschen Texten, ohne dabei antiquiert oder bemüht retro zu wirken. Zwar wird natürlich bereits im Bandnamen mit der weiblichen besetzten Gesangsposition kokettiert und natürlich ist Pebbels auch ein durchgestylter Augenschmaus, doch musikalisch werden keinerlei Kompromisse gefahren und gibt’s keinen Bullshit, sondern geradlinigen, dabei aber wunderbar abwechslungsreich strukturierten und auch in seiner Geschwindigkeit variierenden Hardcore-Punk mit Wiedererkennungseffekt. Pebbels ist eine fähige Frontfrau, die herrlich aggressiv und angepisst, dabei akzentuiert und kontrolliert singt und hin und wieder von ihren männlichen Kollegen unterstützt wird, woraus ein schöner Kontrast entsteht. Mittlerweile war auch ich in ordentlicher Feierlaune und ließ dies die Band auch spüren, indem ich mich ein wenig austobte, während Lars an den Drums den jeweiligen Hektikfaktor der Songs vorgab und batterieartig durchzog, der Bass seine dominanten Läufe unter die sägende Gitarre legte und der Gesang Songtitel wie „Arbeitslager BRD“, „Realität“ und „Lüge“ herausrotzte. Ich war schwer begeistert – was für ein Ausklang der Party (bei der klangtechnisch übrigens alles soweit prima war)! Danke an Fischer & Co. sowie die Bands für die gelungene Sause!

03.08.2012, Rondenbarg, Hamburg: Sommafest ½ mit KAOS KABELJAU, UPPERCRUST und I.O.N.U.

Erster Teil des Sommerfests auf dem Rondenbarg, freier Eintritt, billige Getränke – und verdammt geile Mucke, wie ich feststellen musste. Vor leider recht übersichtlicher Kulisse machten KAOS KABELJAU aus Hamburg den Anfang mit deutschsprachigem Punkrock/HC-Punk, der mir mit zunehmender Auftrittsdauer immer besser gefiel. Sehr roh und ungeschliffen das Ganze, aber viel Authentizität und Engagement ausstrahlend. Mit einem Song wie „To(t)stedt“ hat man bei mir ohnehin gewonnen und zudem machten die Jungs einen sympathischen Eindruck. Danach brach das absolute musikalische Gewitter los, denn die noch nicht lange existierende, ebenfalls aus Hamburg stammende und sich zu zwei Dritteln aus Leuten von STAHLSCHWESTER zusammensetzende Band UPPERCRUST lieferte ein derbes Hardcore-Punk-Brett mit deutschen Texten ab, so Richtung RECHARGE in richtig gut, um mal einen groben Vergleich heranzuziehen. Den Gesang teilten sich Drummer Lars, durch den ich auf den Gig schon frühzeitig aufmerksam wurde, und der Gitarrist, der sein Instrument pfeilschnell spielte, während Lars die Drums natürlich entsprechend malträtierte. Dem passte sich sogar der Bassist an, der wie in Trance radikal und ohne Rücksicht auf Verluste die tiefen Frequenzen unter vollem Körpereinsatz erzeugte. Hut ab vor dieser schweißtreibenden, kräftezehrenden Leistung! Die Mucke war von vorne bis hinten ein kompromissloses, akzentuiertes Brett, das man dem Publikum erbarmungslos vor die Suffschädel knallte. Total geile Scheiße, die man unbedingt im Auge (und Ohr) behalten sollte! I.O.N.U. stammen aus Österreich und verschrieben sich ebenfalls dem Hardcore-Punk, diesmal mit deutlicher Metal-Kante Richtung Crossover oder auch mal bischn Kruste, die Lady am Mikro röhrte wie ein Kerl und die Bassistin verfügte ebenfalls über genauso viel Talent wie Ausstrahlung – ungehobelter Härtnerpunk mit drückender Gitarrenwand und starker weiblicher Beteiligung, als wäre es das Selbstverständlichste vonne Welt. So muss das sein! Das musikalische Konzept zündete und einige Leute inkl. meiner gingen mittlerweile ganz gut mit. Klasse Auftritt einer klasse Band, die den Abend ausfallfrei zu seinem Ende brachte. Verdammt schön zu beobachten, was sich im härteren Punkbereich momentan so allen an vielversprechenden Bands auftut und auf Hamburger Bühnen tummelt – egal ob lokal oder von außerhalb bzw. weit weg. Das macht Hoffnung und Laune und spricht sich hoffentlich schnell herum, so dass zu Gigs von Bands wie denjenigen, die heute Abend spielten, jede Menge interessierter Pöbel strömt – verdient hätten sie’s!

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