Günnis Reviews

Datum: 30. August 2012

25.08.2012, Birkenhain, Buxtehude: REVEREND ELVIS & THE UNDEAD SYNCOPATERS

Früher war sicher nicht alles besser, aber zumindest war ich bei vielen Konzerten einer der ersten Gäste und trank erst mal ‘ne halbe Palette Dosenbier (Karlsquell! Hansa! TiP-Bier!) vor der meist noch verschlossenen Tür. Heute ist alles anders, denn ich komme unangenehm auffallend regelmäßig zu spät. So auch zu Arnolds und Bommels Geburtstagsparty am Buxtehuder Birkenhain, jenem eigentlich sehr schönen Freilicht-Veranstaltungsort auf einer Waldlichtung. Zu meiner Verteidigung kann ich aber anbringen, die ersten paar Songs zumindest auf dem nicht ganz einfachen Weg dorthin bereits durch die Nacht schallen gehört zu haben. Als ich dann endlich eintraf und feststellte, wie dermaßen voll ein beträchtlicher Teil der geladenen Gäste, allen voran aber die Gastgeber selbst waren, wurde mir schlagartig bewusst, das an diesem Abend nie wieder aufholen zu können. Doch zurück zur Musik: REVEREND ELVIS & THE UNDEAD SYNCOPATERS stammen aus Dresden, sind eine Zwei-Mann-Band mit offensichtlichem Punk-Background, haben sich aber dem minimalistischen Rockabilly (bzw. Hellbilly/Primitiv Jazz/50’s Punk/Deathcountry/Sacred Blues/Satanic Gospel/whatever) verschrieben. Das scheint konkret zu heißen, dass einer den prätentiösen Standbass zupft, während der andere an Snare und Hihat sitzt, die er mit den Füßen bedient, dabei Gitarre spielt und mit möglichst breitem Südstaaten-Akzent (oder so) schmutzige Lieder – Rock’n’Roll-Klassiker, eingebillyte Evergrenns und satanische Eigenkompositionen – vorträgt. Das wurde mit der (kurzen) Zeit immer besser, stärker und origineller („Kill! Kill! Kill!“ beispielsweise ist nun wirklich ein Hit) und die Bewegung vor der kleinen Pavillon-Bühne stieg an – doch hassenichgesehn: Zack, gab der Stromgenerator den Geist auf. Doch anstatt diese Zwangspause primär konstruktiv zu nutzen, um wieder Elektrizität heranzubekommen, kippte die Stimmung augenblicklich und einige Gäste bekamen sich so sehr in die Haare, dass die beiden Jungs nach ein wenig Beobachtung der Szenerie ihre Sachen packten und die weite Heimreise antraten. Schade, aber sehr gut nachzuvollziehen. Wie hieß es etwas diplomatisch-euphemistisch? „Ihr wart dan n irgendwann mehr mit euch selbst beschäftigt!“ … Der Abend wurde trotzdem noch ein netter und mit denjenigen, die noch einigermaßen klar bei Verstand waren, konnte man sich ums Lagerfeuer versammeln, neue Leute kennenlernen, bekannte Leute besser kennenlernen, lange nicht gesehene Leute wiedertreffen etc. pp und das arg in Mitleidenschaft gezogene Ambiente war am nächsten Tag auch ruckzuck wieder hergerichtet, wenn auch der Schwund anscheinend etwas höher ausfiel als hätte sein müssen (zerdepperte Pavillons etc.). Egal, so oder so danke an die Organisatoren und an die Band für den Ausflug in „verbotene Dorf“, das eigentlich eine sympathische Kleinstadt ist.

18.08.2012, Balduintreppe, Hamburg: Elbdisharmonie-Soli-Festival u.a. mit THRASHING PUMPGUNS / Lobusch, Hamburg: LES RAMONEURS DE MENHIRS

Ab Samstagnachmittag sollte an der Balduintreppe, die u.a. das Onkel Otto mit dem Ahoi verbindet, das Anti-Gentrifidingsbums-Solidaritätsfestival mit dem klangvollen Namen „Elbdisharmonie“ steigen, anlässlich dessen sich musikalische Beiträge unterschiedlichster Art angekündigt hatten. Wirklich interessant waren davon eigentlich nur die THRASHING PUMPGUNGS um ex-SMALL-TOWN-RIOT-Bassist Rolf, der seit geraumer Zeit Shouter dieser Oldschool-Thrash-/HC-Crossover-Combo ist. Das Ambiente hatte schon einmal was für sich: Die Bühne war auf ebenen Mitte zwischen den Treppenabschnitten aufgebaut worden und der Pöbel konnte bequem auf den Treppenstufen platznehmen. Vor der Bühen war aber auch genügend Platz für diejenigen, die sich „körperlich artikulieren“ wollten. Die THRASING PUMPGUNS boten ein derbes Brett schnellen, drückenden, brutalen Sounds, irgendwo zwischen CIRCLE JERKS und hektischem Trash, und Rolf hielt sich hauptsächlich im Publikum auf, sprang auf die Treppen, fegte wie ein Derwisch durch die Meute und keifte aggressiv ins Mikro. Zwischen den Songs gab’s ein paar erhellende Kommentare zu den Inhalten und etwas Kommunikation mit dem Publikum, alles souverän und auf den Punkt wie der ganze Gig. Auch ohne einen Riesen-Moshpit vor der Bühne war die Stimmung gut und die Band kam zurecht gut an. Feine Sache, für die es sich neben dem üblichen „Meet & Greet“ mit unzähligen bekannten Gesichtern gelohnt hat. Über das, was danach musikalisch folgte, hülle ich aber besser den Mantel des Schweigens. Selbstredend konnte das noch nicht alles sein, also brach man langsam, aber sicher auf in Richtung Altona, um der altehrwürdigen Lobusch mal wieder einen Besuch abzustatten:

Folk-Punk aus Frankreich, die Nachfolgeband von BÉRURIER NOIR – was Franzosenpunk betrifft, bin ich ja weitestgehend unbeleckt, was ich eigentlich mal ändern müsste. Ein Kumpel hatte mir kürzlich so einiges vorgespielt, unter anderem von der eben genannten Vorgängerband, und das klang alles verdammt gut. Außerdem ist „Les Rebelles“ ein verdammter Hit. Für ‘nen Fünfer konnte ich mir nun das aktuelle Projekt der Herren ansehen und -hören, eine wilde Mischung aus Folk und Punk mit Flöten und Elektro-Drums. Klingt erst mal reichlich befremdlich, hat es aber in sich. Ohnehin schon gut gelaunt und etwas angeheitert ging diese eigentümliche Mischung verdammt gut ins Bein. Die Lobusch war mittlerweile, nachdem es anfänglich noch etwas mau aussah, sehr respektabel gefüllt und die Leute gingen sehr gut mit, was die Bude innerhalb kürzester Zeit in die reinste Sauna verwandelte. Man wünschte sich einen Backofen zum Abkühlen, doch die Band hatte ein Einsehen und hörte irgendwann auf – jedoch nicht etwa, um das Konzert zu beenden, sondern um eine wohlverdiente Pause einzulegen! Diese eine Band erfüllte locker das Programm für zwei Bands und nach einiger Zeit ging’s tatsächlich weiter. Mich hielt dann irgendwann in Anbetracht der fast schon hypnotisierenden Mucke und der ausgelassenen, freundschaftlichen, schlicht fantastischen Stimmung auch nichts und ich begab mich in den schweißtriefenden Oben-Ohne-Mob vor der Bühne, wo das Bier in Sekundenschnelle verdunstete. Die Band schmetterte alte Arbeiterlieder in die hungrige Masse und wurde gebührend abgefeiert. Da war’s mir auch egal, dass es sich ab einem gewissen Punkt anhörte, als würden die Flöter die ganze Zeit mehr oder weniger dasselbe spielen. Am Ende war die Band glücklich und das Publikum befriedigt und besoffen. Nur ein paar Hartgesottene zogen noch weiter in die nächste Kneipe und ein Blick ins Portemonaine am nächsten Morgen verriet mir, dass ich einer davon war…

13.08.2012, Hafenklang, Hamburg: MUNICIPAL WASTE + TOXIC HOLOCAUST

Was ist schlimmer als Freitag, der 13.? Montag, der 13.! So zumindest normalerweise – nicht aber, wenn man Urlaub und sich das dritte Konzert an drei Tagen reinzieht. Und schon gar nicht, wenn die Oldschool-Thrasher TOXIC HOLOCAUST und die Oldschool-Crossover-Amis MUNICIPAL WASTE im Hafenklang spielen. Leider begann man offenbar pünktlich wie die Maurer, so dass ich die ersten toxischen Holocaust-Minuten verpasste. Als ich mich ins ausverkaufte Hafenklang drängelte, waren die Amis um Joel Grind bereits am zocken und gaben, stilecht in BATHORY- und VENOM-Shirts gehüllt, ihren angeschwärzten Thrash zum Besten. Liegen mir zwar grundsätzlich eher die älteren, oberruppigen TH-Scheiben, muss man aber anerkennen, dass ihnen mit den jüngeren Veröffentlichungen recht große Würfe gelungen sind, die zu einem mittlerweile recht großen Bekanntheitsgrad und vielen guten Kritiken verholfen haben. Die Songauswahl konnte sich hören lassen, wenn auch meine persönlichen Favoriten nicht zum Zuge kamen. Egal, denn die Stimmung war prächtig, der Moshpit euphorisch und die Band schlichtweg gut. Leider verließ man nach gerade mal 35 Minuten ohne Zugabe die Bühne und manch einer, der noch später gekommen war als ich, blickte enttäuscht aus der Wäsche. Zeit also, das Publikum zu begutachten: Metaller, Punks, Hardcore-Volk und andere subkulturell Interessierte gaben sich die Klinke in die Hand – so muss ein Crossover-Publikum aussehen! Draußen vor der Tür hatte man sogar Skaterrampen aufgebaut, die sich in Dauerbetrieb befanden und manch waghalsigen Stunt provozierten. Das Wetter spielte auch optimal, ein lauer Sommerband lud zum Trinken, Quatschen und Fachsimpeln vor den Pforten ein. Noch während der Umbauphase begab ich mich ca. in die Mitte des für dieses Konzert sehr knapp bemessenen Raumes, wo der Pöbel sich unentwegt und lautstark mit „MUNICIPAL WASTE is gonna FUCK YOU UP!!!“-Sprechchören selbst anfeuerte. Ich ahnte bereits ungefährt, was auf mich zukommen würde, und behielt Recht: Mit dem ersten Akkord rasteten alle vollkommen aus, so dass ich mich besser in Sicherheit zu bringen versuchte. Das war diesmal gar nicht so einfach, denn lediglich in den letzten zwei, drei Reihen, direkt vorm Mischpult, ging’s etwas gesitteter zu, davor tobte der Krieg bzw. die reinste Party, schließlich feierte man mit MUNICIPAL WASTE berüchtigte Freunde des alkoholgeschwängerten Thrash-/Punk-Crossovers ab. Zwar war der Sound nicht mehr ganz so stark wie zuvor bei TOXIC HOLOCAUST, doch das tat der Stimmung überhaupt keinen Abbruch. Die Band, die sich gerade auf Tour befindet, spielte sich in einen wahnsinnigen Rausch und gab alles – Respekt vor dieser Leistung! Ob die in der Lage sind, das wirklich jeden Abend so zu bringen? Das Publikum jedenfalls dankte es von Herzen und moshte, stagedivte, crowdsurfte in der engen Bude – Hammer! Das habe ich im Hanfeklang bisher selten so erlebt. In Erinnerung ist mir das SPERMBIRDS-Konzert vor ein paar Jahren auf einem Sonntagnachmittag geblieben, dort könnte die Stimmung ähnlich gewesen sein. Ich weiß nicht genau, wie lang MUNICIPAL WASTE spielten, aber es war auf jeden Fall amtlich und so lange, dass es sich für mich persönlich ähnlich wie auf Platte dann doch irgendwann etwas abnutzte. Mit dieser Meinung schien ich aber recht allein dazustehen, denn im Mob machten sich kaum Müdigkeitserscheinungen bemerkbar. Unterm Strich war’s ein grandioses Konzert, ein absoluter Siegeszug des Thrash und Crossovers. Wenn man richtig Action will, sollte man zurzeit bevorzugt Konzerte dieser Art aufsuchen. Eines würde ich mir aber dennoch wünschen, auch wenn ich sicherlich niemandem gönne, vor ausverkaufter Hütte abgewiesen zu werden: Die maximale Besucheranzahl etwas einzuschränken, z.B. auf die Menge, die auch tatsächlich in den Konzert“saal“ passt… Dann könnte nämlich auch jeder zahlende Gast das Geschehen nicht nur akustisch verfolgen, sondern sich auch einen Blick auf die Bühne sichern. Anschließend wurde draußen noch immer fleißig weitergeskatet und sich auf die Fresse gepackt und mit dem Hafenklang-Stempel hätte man sogar noch kostenlos den TRASH-TALK-Auftritt im Goldenen Salon darüber aufsuchen können, was ich mir dann aber ersparte und nach ‘nem Absacker und einigen Klönschnacks den Heimweg antrat. Was für eine geile Konzertsause in meinem Urlaub! Alles richtig gemacht!

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