Günnis Reviews

Datum: 20. Mai 2015

01.05.2015, Kraken, Hamburg: THE LURKERS + SPIKE

lurkers, the

Die britischen ’77-Punk-Originale THE LURKERS gibt’s schon ewig, ich höre sie schon ewig und der unverwüstliche Mitgründer und Bandkopf Arturo ist noch immer unermüdlich mit ihnen am Touren. Trotzdem hatte ich sie bisher tatsächlich jedes verdammte Mal verpasst, wenn ich eigentlich die Gelegenheit gehabt hätte, mir endlich einmal live ihre alles andere als wenigen Hits um die Ohren blasen zu lassen. Nachdem wir nun doch nicht am 1. Mai mit den Disillusioned Motherfuckers in Berlin spielen sollten, nahm ich das mit einem weinenden und einem lachenden Auge zur Kenntnis, denn so war die Bahn frei und für einen Konzertbesuch in gemütlicher Kneipenclub-Atmosphäre im Kraken, der die lurkigen Inselbewohner eingeladen hatte. Und man hatte sich noch eine Überraschung einfallen lassen, denn Paul, Alex und Beastar von DER UNFUG UND SEIN KIND, von denen zwei auch im Kraken beschäftigt sind, nutzten kurzerhand die Gunst der Stunde, um mit ihrer neugegründeten Punkrock-Band SPIKE ihre Live-Taufe im Vorprogramm der LURKERS zu bestreiten. Parallel zu ihrer Hardcore-Punk-Band haben sie nämlich eine neue Combo mit Frontfrau ins Leben gerufen, die dann vor gut gefüllter Kulisse den musikalischen Teil des Abends eröffnete. Der Fokus lag dabei ganz auf der Sängerin, die diese Bezeichnung auch verdient und mit toller Stimme und ebensolcher Ausstrahlung eine gute Handvoll Songs zum Besten gab. Die Jungs ließen der Dame den Vortritt und hielten sich showtechnisch zurück, während diese selbstbewusst sang, tanzte und Löcher in die dunstgeschwängerte Luft trat. Kerniger, rockiger Punk-Sound mit Stil und Arsch in der Hose, der sofort ins Ohr geht und Energie freisetzt. Norman sorgte an den Reglern für einen klaren, lauten Sound, so dass mein Kumpel Stulle und ich gar nicht anders konnten, als in der ersten Reihe zu feiern. Ein rundum gelungenes Live-Debüt inkl. MISFITS-Cover, das Lust auf mehr machte! Nach kurzer Pause wurd’s dann richtig drängelig, Punks und Konsorten sämtlicher Generationen wollten die LURKERS sehen und nachdem ich vorher noch gerätselt hatte, womit das Trio in sein Set einsteigen würde („Ain’t Got a Clue“? „Going Monkee Again“?), wurde ich eines Besseren belehrt und mit „Freakshow“ ging’s von 0 auf 100. Arturos Stimme war in Topform und so spielte man sich durch ein etliche Songs umfassendes Best-of-Set, das neben den alten Klassikern angenehmerweise auch neueres Material enthielt (wie den Überhit „Go Ahead Punk“ oder „Come and Reminisce“). Die alten Hits wurden natürlich, ähnlich wie seinerzeit bei den RAMONES (mit denen ich die LURKERS gern vergleiche), in wesentlich höherer Geschwindigkeit als auf den Platten rausgepeitscht und ließen mich fast die gesamte Spielzeit dem fröhlichen Up-and-down-Pogo fröhnen und wie gehabt mit Stullinski direkt vor der Bühne sprotzen, während alle anderen ihre Hüftsteifheit unter Beweis stellten, aber trotzdem ebenso ihren Spaß an diesem fantastischen Gig hatten. Die Überraschungseffekte, welcher Song wohl jeweils als nächster kommen würde, nahm ich mir selbst, indem ich gern mal auf die unschwer einsehbaren Setlists an den Innenseiten der Boxen lugte, dafür hatte ich aber kaum etwas an der Songauswahl zu mäkeln. Mit einem ersten Zugabenblock war natürlich zu rechnen und der kam erwartungsgemäß – dass man die Band noch zu einem zweiten würde zurückholen können, war dann jedoch eine positive Überraschung, denn längst hatte ich gemerkt, dass die Setlists anscheinend alles enthalten, was spielbar ist und nicht unbedingt verpflichtenden Charakter besitzen – manch Song wurde nämlich (leider) übersprungen. Dafür ging’s am Ende noch mal richtig rund, bevor man die drei älteren Herrschaften (darunter übrigens der ENGLISH-DOGS-Drummer) in den verdienten Feierabend entließ. Arturo kommunizierte zwischendurch immer wieder humorvoll mit dem Publikum, beschwerte sich darüber, dass beim letzten HH-Gig im Indra-Club kein Arsch da war und freute sich sichtlich über den heutigen Zuspruch. Für ’nen Klönschnack war er anschließend auch noch zu haben und so konnte ich loswerden, wie gern ich „Unfinished Business“ oder auch „Barbara Blue“ in einem zukünftigen Liveset hätte. Ein arschgeiles T-Shirt mit Dirty-Harry-Punk-Motiv hab’ ich neben dieser überaus befriedigenden Konzerterfahrung auch noch mitgenommen; Stulle hat das Shirt mit dem Mecker-Opa-Motiv abgegriffen und mir bei der nächsten Probe vermacht, unterstreicht es doch meinen Ruf bei Bolanow Brawl. Danke, Kraken, danke, LURKERS, danke, Stulle! 😀 Take me back to Babylon! Old Punks do it best!

Frank Schäfer – Ich bin dann mal weg – Streifzüge durch die Pop-Kultur

schaefer, frank - ich bin dann mal wegFrank Schäfer bzw. Dr. phil. Frank Schäfer veröffentlichte 2002 bei Schwarzkopf & Schwarzkopf eine rund 250 Seiten umfassende Sammlung in Postillen wie „Rolling Stone“, „taz“, „Titanic“, „Junge Welt“ etc. bereits veröffentlichter Erzählungen, Anekdoten, Beobachtungen, Erinnerungen etc., die für sich genommen jeweils lediglich wenige Seiten lang sind und zum Großteil noch einmal überarbeitet oder erstmals vollständig abgedruckt wurden. Als grober Aufhänger und Unterteilung dienen die Jahrzehnte der 1970er, -80er und -90er, deren mehr oder weniger populärkulturellen Phänomenen sich Schäfer ohne jedes Diktat der Vollständigkeit, allgemeiner Anerkennung oder Relevanz widmet. Dies geschieht mal in Form persönlich Reminiszenzen, mal in Polemiken, mal in fiktiven Dialogen etc., was neben der breitgefächerten Themenauswahl für willkommene Abwechslung sorgt. Schäfer beackert hauptsächlich die Felder Musik, Film und Literatur, womit er sich von jemandem wie mir, der mit all diesen Bereichen etwas anfangen kann, schon mal die Aufmerksamkeit sichert. Und so entpuppt sich auch diese Essay-Sammlung als kleine Wundertüte von Inhalten, die mein Interesse treffen oder zumindest ankratzen, aber auch gern einmal haarscharf daran vorbeischlittern oder mir lediglich Fragezeichen in die Mimik zaubern. Doch das bedingt nun einmal eine solch schwer subjektive Themenauswahl, die dennoch oder gerade deshalb geeignet ist, den eigenen Horizont zu erweitern oder zumindest von diesem oder jenem schon einmal etwas gehört gehabt zu haben. Der recht persönlich gehaltene Schreibstil kommt nicht immer ohne Schwurbeleien und Fremdwortkaskaden aus, verfügt aber oft genug über genügend Charme und Profil, um nicht zu nerven. Positiv auf das Lesevergnügen wirkt sich der vermittelte Eindruck aus, Schäfer habe lediglich Phänomene angeschnitten, zu denen er tatsächlich einen persönlichen Bezug hat oder hatte. Dass ich beispielsweise die 1990er ganz anders erlebt habe und vollkommen divergierende Erinnerungen und Künstler abgehandelt hätte, liegt da in der Natur der Sache. Dennoch sei einmal dahingestellt, wie viel die eine oder andere biographische Anekdote noch mit Pop-Kultur gemein hat – ohne sie damit abwerten zu wollen. Die Punk-Subkultur mit nur drei Seiten abzukanzeln oder in der „A Clockwork Orange“-Retrospektive erst gar nicht auf die spezielle Ästhetik Kubricks fulminanter Verfilmung und ihrer Signalwirkung auf die Subkultur einzugehen, empfinde ich aber als vertane Chance. Zu anderen Aufsätzen hingegen kann ich nur gratulieren, von „gut zusammengefasst und auf den Punkt gebracht“ über ob des Humors viel Schmunzeln bis hin zu gewecktem Interesse reichten meine unmittelbaren Reaktionen während der Lektüre, die in ihrer unprätentiösen Art und dem Blick für unspektakuläre, deshalb aber nicht gleich redundante Details sich einmal mehr schnell durchlesen lässt und dabei mit der mittlerweile gewohnten Schäfer’schen Mischung aus akademischem Habi- und Duktus, kumpelhaft-proletarischer Bodenständigkeit und ehrlicher Faszination für Pop- bis Subkultur trotz einiger Ausschweifungen in mir fremde und laut meines Bauchgefühls überbewertete Sphären gut und ansprechend unterhält. Denn bei allem, was Schäfer schreibt, schwingt irgendwie der Eindruck mit, dass man mit ihm gut und gerne in einer Arbeiterkneipe ein bis neun Bierchen pitschen und sich dabei leidenschaftlich über all diese liebgewonnenen Nebensächlichkeiten und ihre gesellschaftlichen oder auch persönlichen Auswirkungen abseits von Hochkultur und Weltpolitik unterhalten, freuen und streiten könnte…

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