Günnis Reviews

Monat: Januar 2016

08.01.2016, Menschenzoo, Hamburg: FAST SHIT + …AND THE RED BUTTONS + FAST SLUTS

 

fast shit + …and the red buttons + fast sluts @menschenzoo, hamburg, 20160108

Mann dooo! Kaum sind die mehr oder wenigen besinnlichen Feiertage vorbei, weiß ich schon wieder nicht mehr, wo mir die Rübe wächst und komme kaum mit meinen Tagebucheinträgen hinterher. Und dann soll ich mich auch noch an alle Details erinnern…? Ich krame mal im Hinterstübchen und fasse mich kurz:

Ein schönes Soli-Konzert war das, wobei das „Soli“ hier nicht für Gitarrengewichse o.ä. steht, sondern – natürlich – für Solidarität. Seltsamerweise wurde das gar nicht auf der Menschenzoo-Seite erwähnt oder ich hab’s nicht gefunden, jedenfalls wurde hier u.a. ich glaube Brombeerschnappes ausgeschenkt, dessen Erlöse zugunsten ich glaube zweier Flüchtlingsinitiativen ausgeschüttet wurden; diverse andere Einnahmen dürften ebenfalls dem guten Zwecke zugeflossen sein. Nun denn, wie immer, wenn die schnellen, äh, Damen den Zoo beehren, war die Bude rappelvoll, als ich kurz vor Konzertbeginn eintraf und mich in die Soundecke zu Knöpfedreher und Schieberegler-Regler Wurzel gesellte und für musikalische Hintergrundbeschallung zu sorgen begann. Über die kurz darauf beginnenden FAST SLUTS und ihr Bühnenprogramm habe ich in der Vergangenheit ja schon geschrieben und im Prinzip war alles beim „Alten“ (sofern man das über eine so junge Band sagen kann), mit der Ausnahme, dass der hochcharmante deutschsprachige Oi!-Punk mit seinen aufhorchen lassenden Eigenkompositionen und den DIMPLE-MINDS-, SMEGMA- und LOIKAEMIE-Covern diesmal von Sängerin Alex offensiver, zwingender, mit mehr Druck auf dem Kessel vorgetragen wurde. Von der anfänglichen Aufregung während der ersten Gigs war nichts mehr zu spüren; außerdem gab’s mit „Roiberleiter“ einen klasse neuen Song. Bassistin Jule übernahm wieder die lockeren Schnacks mit dem Pöbel und dieser feierte die auch an den Instrumenten sicherer gewordene Band verdient ab, forderte gar eine Zugabe – einer Aufforderung, der man gern nachkam. Läuft bei ihnen – jetzt vielleicht noch ein wenig mehr Schmackes auf die Klampfe und weiter geht’s nach vorn.

Kurzes Intermezzo am DJ-Pult, dann auch schon …AND THE RED BUTTONS aus Hamburg, Barnstedt usw., die auf dem Hamburg-Inzest-Abstecher nach Kiel ja leider ausgefallen waren. Am Tag des Geburtstags des Drummers Heiko konnte ja eigentlich nicht viel schiefgehen und das tat’s auch nicht. Vornehmlich deutschsprachiger HC-Punk mit ordentlich Wumms dahinter, an den Instrumenten alte Hasen, die ihre Erfahrungen in die absolut souveräne Bühnenpräsenz der noch relativ neuen Band fließen ließen. Der Shouter ging auf Tuchfühlung mit dem Publikum und irgendwie hatte man bereits erstaunlich viele Songs. Wenn mich nicht alles täuscht, war auch irgendwas Gecovertes darunter, aber was genau, ist mittlerweile im Datennirwana meines Hirns verschütt gegangen, sorry. Edit: Die Partition konnte wiederhergestellt werden, es war natürlich „Breaking the Law“ von JUDAS PRIEST! Ich fand’s nicht schlecht, den Gig allerdings etwas zu lang. Aber das war angenehmerweise alles nicht so verbissen, gern mal bischn selbstironisch und norddeutsch-bodenständig. Kann so weitergehen!

FAST SHIT bedeutet keinesfalls, dass die Band fast Scheiße wäre, das exakte Gegenteil ist nämlich der Fall: Die Hamburger, übrigens eine von gleich mehreren Combos mit Basser Henning, überzeugen mit einer brisanten Mischung aus klassischem HC-Punk und lupenreinem US-HC und sind damit sackabwechslungsreich. Die Spannbreite reicht vom schnörkellosen ‘80s-D-HC-Punk-Klopper wie „HVV Drecksau“ oder „NSU – Fuck you!“, ganz zu schweigen vom SCHLEIMKEIM-Hit „Keine Wut mehr“, über wohlausgewählte Ami-Kracher wie „Injustice System“ von SICK OF IT ALL und 7 SECONDS‘ „Young ‘til I Die“ bis hin zu anspruchsvolleren Eigenkompositionen wie dem vom Drummer gesungen Song, der sich mit Tierrechten auseinandersetzt. Das ist ein buntes Sammelsurium, bei dem für jeden etwas dabei sein sollte, wenn auch mittlerweile die Publikumsreaktionen bisweilen etwas träge ausfielen: Bei „Young ‘til I Die“ hätte ich einen Chor aus allen Kehlen erwartet! Für die Zukunft bin ich auf noch mehr eigene Songs gespannt und würde mich über ein noch stärker ausgebildetes individuelles Profil freuen, denn das Potential ist auf jeden Fall da! Der gute Wurzel mischte übrigens allen drei Bands einen amtlichen Sound, bevor er sich nach getaner Arbeit in den verdienten Feierabend begab.

Für mich ging die Nacht mit meiner Beschallung aus der Konserve noch bis in die frühen Morgenstunden weiter und was nach Begleichung der Freigetränkekontingentsüberschreitungen (geiles Wort) von meiner Aufwandsentschädigung übrig blieb, landete logischerweise ebenfalls im Spendentopf – schön, wenn Partys und Konzerte wie dieses so reibungslos Hand in Hand gehen mit handfester solidarischer Hilfe für diejenigen, die leider ganz andere Sorgen haben als die Suche nach dem nächsten Punkgig mit gut ausgestatteter Theke. Auch wenn das angesichts des Ausmaßes der Bedürftigkeit sicherlich nur kleine Beiträge sind. Großartiger Abend, ebensolche Nacht!

31.12.2015, Menschenzoo, Hamburg: DIE SHITLERS + MISSSTAND

shitlers, die + missstand @menschenzoo, hamburg, 20151231

Silvester auf dem Kiez – ob das so eine gute Idee ist? Schließlich laufen bereits an „normalen“ Wochenenden genügend fragwürdige Gestalten dort herum. An einem Tag wie dem des Jahresausklangs muss man diese potenzieren und zudem davon ausgehen, dass sie mit Feuerwerkskörpern ausgestattet und doppelt so besoffen sind wie sonst. Andererseits: Das schaffe ich auch, außerdem lockte der Menschenzoo mit einer Art „Pogo ins neue Jahr“ mit den Ösis von MISSSTAND und den Bochumern SHITLERS, die gerade gemeinsam auf Tour waren und ich beide schon mal im „Zoo“ gesehen hatte. Eintritt zu ‘nem schmalen Kurs, dazu schickes Ambiente, kaltes Bier und mehr oder weniger gute Gesellschaft – da gab’s dann nicht mehr viel zu lamentieren. Ich war bei Weitem nicht der einzige, der so dachte und so wurde die Bude sehr schnell rappelvoll. Nachdem mir Martin Shitler backstage stolz den neuen Bandaufkleber präsentiert hatte, legten MISSSTAND mit ihrem etwas plakativen Antifa-D-Punk los und rotzten sich bei klasse Sound schnörkellos und motiviert durch ihre vornehmlich flotten Songs, dass der Adrenalinpegel ebenso schnell wie die Stimmung stieg. Vor der Bühne bildete sich ein kleiner Tanzmob und allgemein wurde sehr dankbar aufgenommen, was das Trio da in die enge Spelunke peitschte – übrigens inkl. KNOCHENFABRIK-Cover „Grüne Haare“. Prima Gig einer aufstachelnden Liveband, bei der es sich gut feiern und ein paar Bierchen reinschrauben ließ.

Nach dem Umbau dann zum wiederholten Male die Bochumer Satire-Punks, die mittlerweile Hamburg als Zweitwohnsitz angeben können, so oft, wie sie hier zu Gast sind. Überraschung: Nach diversen absturzbedingten Improvisationen, Umbesetzungen, Ersatzmusikern und Fan-Protestaktionen („Shitlers nur mit Tristam!“) standen sie nun zu viert auf der Bühne und dürften damit alles aufgeboten haben, was zuletzt so unter dem Bandnamen die Hansestadt heimsuchte. Offenbar lautete die Parole diesmal weniger Gesabbel, mehr Mucke und so hat man zumindest in meiner etwas nebulösen Erinnerung das Set geradliniger und abbruchfreier als sonst durchgezogen. Das bestand wie üblich aus zahlreichen Coverversionen verdienter Oi!-, Streetpunk- und Melodicore-Klassiker mit neuen deutschen Pannetexten, wozu es sich ganz wunderbar mitsingen (egal ob die alten oder neuen Texte) und herumspringen ließ, was ich fleißig in Freude über den gelungenen Abend und vor lauter Feierwut tat. Mit punkiger Fuck-off-Attitüde ließ man Mitternacht dann auch Mitternacht sein und zockte bis laßmichnichlügen ca. 00:30 Uhr durch, bevor ich mich dann endlich vor der Tür in den Wahnsinn einreihen und meine Batterie zünden konnte.

Ein absolut geglückter Silvesterabend fast schon klassisch inkl. Konfetti und Luftschlangen und vermutlich das Beste, was der Veranstaltungskalender für Punks und Konsorten an diesem Abend in Hamburg so hergab. Bei und unter uns blieb alles friedlich und kollegial, was man beileibe nicht von allen Ecken des Kiezes (sowie des einen oder anderen Hauptbahnhofs) behaupten kann, wie die Medien ab Neujahr fleißig berichteten und dabei das positive Gegenbeispiel des SHITLERS/MISSSTANDS-Gigs gänzlich unter den Tisch fallen ließen. Besser spät als nie leiste ich hiermit also meinen Beitrag zu einer ausgewogenen Berichterstattung (wenn ich auch nicht 100%ig ausschließen kann, dass die verhinderten Gangsta-Rapper von den SHITLERS nach dem Gig nicht doch noch den einen oder anderen angetanzt, betatscht und abgezogen haben).

26.12.2015, Monkeys Music Club, Hamburg: PROPAGANDA PROASYL

propaganda proasyl @monkeys, hamburg, 20151226Tu Gutes und rede darüber: Die Band PLASTIC PROPAGANDA hatte, offenbar mithilfe des „Mind the Gap“-Fanzines und natürlich des Monkeys, den organisatorischen Gewaltakt auf sich genommen, eine oberfette Punkrock-Sause – acht Bands und eine Lesung – zugunsten der gemeinnützigen Organisation Pro Asyl zu stemmen, die am zweiten Weihnachtsfeiertag über die Bühne(n) ging. Als ich erstmals von diesem Ereignis erfuhr, war ich Feuer und Flamme, doch als ich mich dann tatsächlich mitten im Jahresend- und Festtagstrubel befand, stand mir am 26.12. nach einem langen Besuch bei der Verwandtschaft eigentlich so gar nicht mehr der Sinn danach, mich vor Silvester noch einmal ins Getümmel zu stürzen. Als ich relativ spät im Monkeys eintraf und eigentlich nur etwas abholen wollte, sah die Welt aber schon wieder ganz anders aus und nachdem ich mich am Tresen festgequatscht hatte, blieb ich einfach da. Verpasst hatte ich bis dahin bereits EAT THE BITCH, THE DUTTS und SPIT PINK. Von THE HAERMORRHOIDS, Überlieferungen zufolge mit dem DUTTS-Sänger an den Drums, sah und hörte ich nur noch den Schluss, u.a. ein lässiges RAMONES-Cover. Der Gig fand auf der kleinen Pub-Bühne statt, denn um Umbaupausen zu vermeiden, wechselten sich beide Bühnen stetig ab. Nun rief der Gastgeber persönlich zur Hauptbühne und ich kam erstmals in den Genuss eines kompletten PLASTIC-PROPAGANDA-Gigs. Während andere ja gern mal Haupt- und Barthaar wild wuchern lassen oder aber sich komplett absäbeln, standen hier stylisch frisierte Herren und eine Dame wie aus dem Ei gepellt im Psychobilly- und Stachelfrise-Look auf der Bühne und machten optisch schon mal gut was her. Und es blieb nicht bei der bloßen Pose, auch musikalisch wusste man mit herrlich altmodischem UK-’77-Punkrock original mit halbcleanen Klampfen und männlich-weiblichem Wechselgesang zu überzeugen. Ab und an ging’s glaub’ ich auch bischn in die absichtlich wavig-monotone Richtung oder so, ich fand’s jedenfalls sehr interessant und muss mir die Platte mal in Ruhe anhören. Könnte echt wat für Vadder sein’ Sohn sein.

THE CHEATING HEARTS im Pub zockten daraufhin lediglich zu zweit in WHITE-STRIPES-Manier trashigen flotten Punkrock, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. Ungefähr die Hälfte sah ich mir an, bevor mich ein Klönschnack vor die Tür trieb. War jedenfalls auch sehr ordentlich. Die Kieler THE STUMBLING PINS folgten auf der Hauptbühne und sahen ziemlich nach den RAMONES aus, kredenzten stattdessen aber etwas moderneren US-Melodic-Punk, der gut ins Ohr ging. Eben dorthin ging auch Viktor Hackers Lesung aus dem wenig beneidenswerten Berufsalltag eines Türstehers, anscheinend ein Auszug aus „Zeit für Zorn – Die Türsteher-Lösung“. Prima Humor, der in mehrere Richtungen austeilte und eine Lanze für die Türmenschen unserer Clubs brach, absolut souverän und leidenschaftlich rübergebracht – sehr schön!

Über VIOLENT INSTINCT brauche ich nun aber wirklich kaum noch Worte zu verlieren, hab’ ich schließlich mittlerweile oft genug getan. Mit dem Cover „Ultra Violence“, gesungen von Gitarrero Dennis, begann man den Gig, und als Sängerin Aga auf die Bühne kam, gab fortan sie den Ton an, wie immer mit viel Ausstrahlung und Verve. Hamburger Oi!-Punk deluxe mit erstklassigen deutschen Texten, Ohrwurmmelodien, Attitüde und einem Animal-like-Show-Drummer – sowie dem geschmackssicher gewählten ANGELIC-UPSTARTS-Cover „Solidarity“. Vergnügt schwang ich das Tanzbein, andere taten es mir gleich und überhaupt jede Band (seit ich das dank meiner Anwesenheit beurteilen kann) bekam den verdienten Zuspruch des in erfreulicher Stärke erschienen Publikums. VIOLENT INSTINCT mussten noch mal für ’ne Zugabe ran und dann bliesen DJ Mertens & Co. zur Aftershow-Party mit feinstem Punkrock-Stoff. Insgesamt kamen wohl 1.560,- EUR für Pro Asyl sowie ein großer Sack Kleiderspenden zusammen und das kann sich doch echt mal sehen lassen! Klasse Aktion in großartigem Ambiente bei entspanntem Personal und ebensolchen Gästen, deshalb auch ganz unabhängig von den Spenden mal ein fettes Dankeschön an das Monkeys, PLASTIC PROPAGANDA und alle ohne Gagen aufgetretene Bands sowie alle, die organisatorisch mit drinhingen! Ich hab’ meinen spontanen Besuch zu keiner Sekunde bereut und freue mich mit, dass alles so gut gelaufen ist.

Einen alle Bands abdeckenden Bericht sowie fantastische Fotos gibt’s bei Kevin Winiker.

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