Seit mir jemand im zarten Alter von ca. acht Jahren das „Live at the Rainbow“-Video von IRON MAIDEN zeigte, begleitet mich die Stimme des damaligen Sängers Paul Di’Anno in meinem Leben. Mit den ersten beiden MAIDEN-Alben hat er Musikgeschichte geschrieben und zwei der besten Scheiben eingesungen, die das Genre hervorgebracht hat. Egal, was er danach gemacht hat, welche falschen (Management-)Entscheidungen vielleicht getroffen wurden, welchen Ärger er hatte und womöglich auch selbst verursacht hat etc. – das kann ihm niemand mehr nehmen. Und es war beileibe nicht alles schlecht, was Di’Anno nach IRON MAIDEN musikalisch getrieben hat: Mit BATTLEZONE hat er einige prima Songs auf dem Kerbholz, das erste KILLERS-Album kann einiges, das Live-Album zusammen mit PRAYING MANTIS ist Weltklasse („Cheated“ mit Di’Anno am Gesang!) und eine Soloscheibe wie „Nomad“ müssen andere erst einmal hinbekommen. Seine mit Songs seiner anderen Projekte angereicherten IRON-MAIDEN-Livesets, mit denen er viele Jahre um die Welt tingelte, wiesen großen Unterhaltungswert auf, wie einige Live-DVDs und -CDs belegen, sollen in qualitativer Hinsicht aber geschwankt haben und stark von der jeweiligen Tagesform abhängig gewesen sein. Leider war es mir nie vergönnt, einem dieser Gigs persönlich beizuwohnen. Im Herbst letzten Jahres wiederum dürfte es gewesen sein, dass ich von seinem neuen Projekt hörte, den ARCHITECTS OF CHAOZ mit deutschen Musikern, die ihm zuvor bereits als PHANTOMZ für seine MAIDEN-and-more-Shows zur Seite standen. Deren Teilnahme am diesjährigen Rock-Hard-Festival war dann einer der ausschlaggebenden Punkte für mich, mir ein Festivalticket zuzulegen. Welch weise Entscheidung das war, bewies deren Auftritt, denn die Songs hatten Klasse und zündeten sofort. Das Album „The League of Shadows“ zählt für mich neben der neuen MAIDEN-3LP zu den Höhepunkten des Jahres. Nun also kamen die Architekten auch nach Hamburg, um genau zu sein beendeten sie ihre Tour hier, und zwar dankenswerterweise im besten Metal-Laden der Stadt, der atmosphärischen und intimen Bambi Galore. Da gab’s gar keine andere Option, als hinzugehen! Sonderlich eilig hatte ich es allerdings nicht, denn die beiden Vorbands sagten mir gar nichts. Ich tat jedoch gut daran, trotzdem pünktlich zu erscheinen, denn BIENE BURNING MAJA aus der Eifel, deren eigene Vokabelschöpfung Heavy Hardrock’n’Roll wie Arsch auf Eimer passt, hatten zwar mit einigen Widrigkeiten zu kämpfen – Drummer verhindert, Bassgurt gerissen –, doch der Ersatzdrummer (im DIMPLE-MINDS-Shirt) machte seine Sache verdammt gut, der Gurt wurde vom AoC-Kollegen schnell behelfsmäßig, aber wirksam geflickt und so stand einem guten Gig nichts mehr im Wege. Besonders dem zu 200 % motivierten Basser und Bandsprecher quoll das Adrenalin aus allen Poren und nach jedem Song freute er sich aufrichtig und auf ansteckende Weise, an diesem Abend in Hamburg spielen zu können. Auf die Ohren gab’s statt vom mir befürchtetem altbackenen, schnarchnasigen Hardrock ordentlich arschtretende Songs, die gute Laune verbreiteten und von denjenigen, die bereits den Weg ins Bambi gefunden hatten, gut auf- und angenommen wurden. Der Sänger hat ’ne klasse Stimme und kann auch gut mal die Töne länger halten, die Gitarrenfraktion sorgt für Melodien, die geschmeidig ins Ohr gehen und der Bassist flitzt über die vier Saiten, als würde er nach Anschlägen pro Minute bezahlt. Der absolute Kracher aber war dann die musikalisch kräftig aufpolierte WESTERNHAGEN-Coverversion „Mit 18“, gesungen von besagtem Bassisten. Grandios! Meine Begleiterin hat sich gleich ’ne CD mitgenommen, hört gern selbst mal bei Soundcloud rein. Ein gelungener Auftakt, mit dem sich die Band Sympathien erspielt haben dürfte.
- Burning
- Maja
Weitaus weniger anfangen konnte ich dann mit der lokalen zweiten Band 2ND SIGHT, was jedoch hauptsächlich an mir liegen dürfte, denn mit diesem Sound irgendwo zwischen Epic Power Metal, US-Metal und Angeproggt-Vertracktem à la FATES WARNING werde ich allgemein nicht warm. Für ihr Metier allerdings dürfte das doch ziemlich gut gewesen sein; am Gesangsmikro ein kleiner Mann mit großer Stimme, der den genretypisch hohen Kopfgesang mühelos beherrscht und seine Performance leicht theatralisch mit viel Gestik unterstreicht. Der Sound war perfekt und die Band hatte einige Fans vor der Bühne versammelt, die sie gut unterstützten und abfeierten. Abgefeiert habe ich dann auch, als 2ND SIGHT unvermittelt den „Saber Rider And The Star Sheriffs“-Titelsong spielten und herrlich trocken und ironiefrei darboten, als wäre das selbstverständlich. Damit kriegten sie natürlich auch mich. Beim nächsten Mal bitte „He-Man and the Masters of the Universe“ gleich hinterher 😉
- 2nd
- Sight
Nach einer letzten Umbaupause mit schnellem Soundcheck („Ist der Sound gut? Ok, dann sind wir inner Dreiviertelstunde wieder da! We are Motörhead and we play Rock’n’Roll!“) war es dann an der Zeit für die ARCHITECTS OF CHAOZ um den Mann, dessen musikalische Relevanz schon so häufig in Abrede, dessen Karriere so oft totgesagt wurde – reichlich vorschnell, denn Totgesagte leben bekanntlich länger. Klar, es tut weh, den alten Haudegen an den Rollstuhl gefesselt und noch immer unter Knieschmerzen leidend zu sehen. Kurz vor der Show sagte er, er wäre nach der Tour ziemlich durch und seine Stimme würde wohl eher nach „Alvin und den Chipmunks“ klingen, doch nachdem man ihn auf die Bühne gehievt hatte, war wie auf Knopfdruck alles da! Diese wahnsinnig markante Stimme, die wie Donnerhall die Erde beben und die Wände zittern lässt, die kehlig growlt, aggressiv zetert, bluesig und mit Vibrato singt, die Töne hält und in fiese Höhen vordringt, falsettig kreischt und es vor allem versteht, mittels dieses Umfangs seinen Texten Bedeutung, Ausdruck und Pathos zu verleihen. Bis auf etwas Delay hatte er anscheinend nichts auf seinem Mikro und scheinbar problemlos das komplette Set durchgezogen (lediglich den guten alten „Marshall Lockjaw“ hat er auf der Setliste leider übersprungen). Direkt mit dem Opener „Erase the World“ hat man sämtliche Möbel im näheren Umkreis geradegerückt und sofort war vergessen, dass da ein fuß- (bzw. knie-)lahmer älterer Mann vor einem sitzt – mit seiner durch Mark und Bein gehenden Gesangsleistung war er ganz der Di’Anno-Paule, wie man ihn kennt und liebt. Solange er am Ende einer Tour noch eine solche Leistung abzurufen in der Lage ist, wäre es tatsächlich eine Schande, würde er das Live-Musiker-Dasein aufgeben. Davon ist jedoch überhaupt keine Rede mehr, viel zu hochwertig ist das Songmaterial – meines Erachtens das Beste, was Paul seit MAIDEN gemacht hat. Songs wie „Erase the World“, „How Many Times“, „When Murder Comes to Town“ oder „Dead Eyes“ sind 1A-Ohrwürmer, der Stil ist allürenfreier, komplett unpeinlicher und schnörkelloser No-Bullshit-Metal, dessen Spektrum von der melancholischen Ballade über Riff- und Melodiemonster bis hin zu Speed-Metal-Abrissbirnen reicht. Das Gitarrenduo Andy und Joey lässt keine Wünsche offen und die Rhythmusfraktion zimmert mehr als nur das Fundament, wenn Gonzo am Tieftöner den Teppich ausrollt und Dom sein Drumkit nach allen Regeln der Schlagwerkerkunst verdrischt. Angereichert wurde das Set mit dem ALEX-HARVEY-Cover „The Faith Healer“ aus alten KILLERS-Tagen, das ich noch nie so gut (und eigen) wie an diesem Abend gehört habe, „A Song for You“, das ebenfalls aus der KILLERS-Ära stammt und dem BATTLEZONE-Klassiker „Children of Madness“ vom gleichnamigen Album, das für Paul nach wie vor von großer Bedeutung zu sein scheint. Die obligatorischen MAIDEN-Songs „Killers“ und „Phantom of the Opera“ sorgten dann zum Ende noch mal für kollektiven Wahnsinn in einer ohnehin schon rauschartigen, aufgepeitschten Atmosphäre. Die Band mit ihren jungen, hungrigen Musikern wirkt wie eine Frischzellenkur für Paul auf mich; die Energie, die da von der Bühne kam, übertrug sich auf den für einen Sonntagabend amtlich gefüllten Club und animierte zum Headbangen, Fäusterecken, Mitgrölen. Wenn nicht gerade das Getränk alle war oder die Blase drückte, bekam mich nichts aus der ersten Reihe weg. Der Sound war perfekt, klar, drückend und laut; die Pausen zwischen den Songs nutzte Paul für Konversation mit dem Publikum, gern schnoddrig, frech, augenzwinkernd und reagierte schlagfertig auf Zwischenrufe. Von der „One Man Army“ und „Roadcrew“ namens Macke ließ er sich mit „Medicine“, Bierchen und ’ner Kippe versorgen und lobte den Mann in den höchsten Tönen. Fragwürdiges Austeilen gegen seine Ex-Band o.ä. verkniff er sich hingegen. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Das war ein großartiger, erinnerungswürdiger Gig!
- Architects of Chaoz
Eigentlich hatte ich vor, mir die AoC-LP an diesem Abend zu kaufen, doch als ich im Vorfeld in weiser Voraussicht gefragt hatte, ob man Vinyl mitbringen würde, eröffnete man mir, dass dieses bei der Band bereits ausverkauft sei! Leicht panisch orderte ich das gute Stück übers Internet, das inzwischen auch angekommen ist, aber es nicht mehr rechtzeitig zum Konzert zu mir geschafft hatte. Dort allerdings gab’s ein schönes Sammler- und Erinnerungsstück in Form einer auf gerade mal 200 Exemplare limitierten Split-CD mit PERZONAL WAR anlässlich der gemeinsamen Tour (auch wenn diese an diesem Abend gar nicht spielten), die u.a. den bisher anscheinend nur online veröffentlichten Song „Je suis Charlie“ und ’ne gemeinsame JUDAS-PRIEST-Coverversion von „United“ enthält und in dekorativer Blechbüchse daherkommt. Schönes Teil zum fairen Kurs, das natürlich eingesackt wurde. Als alter Punkrocker hab’ ich mir nie viel aus Autogrammen gemacht, doch mit dieser Tradition brach ich an diesem Abend und ließ mir ein paar Stücke aus meiner Sammlung, u.a. altes Maiden-Vinyl, nach der Show von Paul signieren und gegen ein gemeinsames Foto hatte er auch nichts einzuwenden. Meine Begleiterin ließ unterdessen die erwähnte Tour-CD von allen Chaoz-Architekten bekritzeln. Danke an alle und es wäre glatt gelogen, würde ich behaupten, dass mir das kurze Treffen mit dem alten Recken vom „Live at the Rainbow“-Video nichts bedeutet hätte… Der Abend hat mich doch ziemlich geflasht und ich ziehe meinen Hut vor Paul und seinen Bandkollegen. Ich bin mir sicher, dass wenn man dieses Qualitätslevel halten kann, man schon beim nächsten Hamburg-Abstecher einen größeren Laden wird beehren müssen und wünsche viel Durchhaltevermögen, Inspiration und den verdienten Erfolg. Noch viel mehr wünsche ich aber Paul alles Gute und dass seine Knie endlich wieder in Ordnung kommen! Get well soon, Paul, and have a Rock’n’Roll Christmas!
Hier gibt’s noch einen ganz Arsch voll großartiger Fotos von Andreas’ Konzertfotografie, dessen ARCHITECTS-OF-CHAOZ-Fotos ich freundlicherweise verwenden darf (sind also alle von ihm) – danke!































Am 12.12.2015 war es soweit und es hieß, Abschied von unserem Quasi-Gründungsmitglied und Bassisten Stef zu nehmen, der nach Jahrzehnten in Deutschland beschlossen hat, am Jahresende in seine französische Heimat zurückzukehren. Natürlich galt es, ihn mit allen militärischen Ehren zu verabschieden, sprich: es noch mal richtig krachen zu lassen! Zu diesem Zwecke organisierten wir erstmals selbst ein Konzert; die Wahl fiel natürlich auf die altehrwürdige Lobusch im Herzen Hamburgs, in der wir praktischerweise auch unseren Proberaum haben. Dass das im Vorfeld alles etwas chaotisch ablief, lag da natürlich in der Natur der Sache: Unseren ursprünglichen Plan, zusammen mit zwei anderen Bands zu zocken, dampften wir auf eine einzelne Combo ein, die dafür aber dreckig für zwei oder mehr ist: den INBREEDING CLAN. Kurz vorher sagte dann DJ Loco krankheitsbedingt ab, der für die Aftershow-Beschallung eingeplant war, der gebuchte, aber verhinderte Tonmensch Norman schickte seinen Kollegen Wurzel und bis zuletzt blieb es spannend, wer nun tatsächlich für Tresendienst und Einlass kommen würde. Eisenkarl wusste uns jedoch zu beruhigen, indem er einwendete, das sei ganz normal und würde schon hinhauen. Und er sollte Recht behalten: Ganz kurzfristig sprangen Katharina und Pieksbirne freundlicherweise für die erste Tresenschicht ein, kurz darauf standen auch Britta und Denise ihre Frau und später hatten Frank und Niko von HAMBURGER ABSCHAUM die Lage im Griff, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Für den Einlass konnten wir auch auf gleich drei Leute zählen. Von vornherein bestens geklappt hatten das Flyerverteilen und Plakatieren Altonas Chefkoch Nr. 1, the infamous Olax, kredenzte die haute cuisine der Saison. Top Job aller!
















Einen nicht ungefähren Teil der Faszination des Metal-Genres machen zweifelsohne die Plattencover aus, die häufig große Kunst in Form morbider Visionen, dämonischer Fratzen, blasphemischer Illustrationen, fantasiereicher bunter Welten oder auch detailreicher Comiczeichnungen bieten. Mit seinem 2013 veröffentlichten großformatigen, ca. 160 Seiten starken Hochglanz-Bildband bietet der Iron-Pages-Verlag einem der anerkanntesten deutschen Künstler auf diesem Gebiet, dem Dortmunder Axel Hermann, ein Podium, um seine interessantesten Arbeiten in Buchform zusammenzufassen, zu präsentieren und zu kommentieren und vereint außerdem viele Stimmen von Szene-Angehörigen, für die er gearbeitet hat. Nach einem Vorwort Götz Kühnemunds und Robert Kampfs und ein paar persönlichen Zeilen Axel Hermanns nimmt letzterer den Leser des komplett zweisprachigen Buchs (alle Texte sind auf deutsch und englisch abgedruckt) mit auf eine spannende und inspirierende Reise durch sein Gesamtwerk, beginnend bei allerersten, köstlichen Zeichenversuchen eines typischen Metal-Fans über erste Auftragsarbeiten für „Century Media Records“-Veröffentlichungen, durch die man anhand des großartigen Covers für MORGOTH’ „Resurrection Absurd“ schnell beim Death Metal landet, einem seiner Hauptbetätigungsfelder. Weiter geht es mit den US-Metallern von ICED EARTH, deren Stammzeichner er geworden ist, über T-Shirt-Designs, Skizzen und Karikaturen bis hin zu jungen Arbeiten aus dem aktuellen Jahrzehnt. So bekommt man häufig einen Einblick in die Entstehungsprozesse weltberühmt gewordener Motive und erfährt interessante Details. Abgerundet wird das Buch durch Schnappschüsse aus Axels privatem Fotoarchiv und Humor sowie etwas Selbstironie kommen auch nicht zu kurz. Ein wertiger Schmöker nicht nur für Metal-Fans, den sich Axel Hermann redlich verdient hat und den durchzublättern nicht nur einen schönen Überblick über sein Schaffen bietet, sondern auch dazu einlädt, die eine oder andere Platte aufzulegen und/oder sich in den vereinnahmenden Bildern zu verlieren.
Auf „Wo soll das alles enden“ folgte das mir noch unbekannte „Freakadellen und Bulletten“, bevor der Wahl-Berliner Cartoonist Gerhard Seyfried im Jahre 1980 für seinen rund 90-seitigen Farbcomic „Invasion aus dem Alltag“ zum Rotbuch-Verlag zurückkehrte. Zur wortspielreichen Deutschland-Karte des Debüts gesellt sich hier eine ebensolche (T)Europa-Topographie, bevor Seyfried erklärt, der Comic spiele „in der Linken“ und auf den folgenden Seiten einige derer Vertreter vorstellt, wofür er karikierend mit Klischees spielt. Fortan dreht es sich um eine fünfköpfige Clique, die im knollennasigen und detailreichen Funny-Stil gern mal mit den Gesetzeshütern in Konflikt gerät, welche hier eindeutig negativ und satirisch überzeichnet dargestellt werden und es natürlich darauf hinausläuft, dass diese den Kürzeren ziehen. Nach einigen doppelseitigen Zukunftsvisionen beginnt knapp nach der Hälfte jedoch das eigentliche Herzstück des Comics: In der Wohngemeinschaft versammelt sich die Clique zum gemeinsamen Kiffen und Fernsehen, als der Sprecher der „Abendschau“ verkündet, dass über dem Schöneberger Rathaus ein Ufo verharre. Am nächsten Morgen macht man sich auf den Weg und findet das Rathaus verlassen vor, während die Außerirdischen Berlin für die Hauptstadt des ganzen Planeten und unsere Anarcho-Freunde für seine offiziellen Repräsentanten halten. Das Missverständnis wird jedoch schnell ausgeräumt und man freundet sich locker miteinander an, doch die tatsächlichen Regierungsvertreter schicken Soldaten – zum Zorn der freundlichen, kugelförmigen Außerirdischen. Sie reagieren auf die irdische Provokation, indem sie den Anarchos eine Bombe bzw. „die entsetzlichste Waffe des Universums“ schenkt und sie zur neuen Regierung adelt. Die Soldaten und die Polizei nehmen daraufhin panisch Reißaus, doch aus Versehen geht die Bombe hoch und verwandelt die Erdenbewohner in „absolut unregierbare“ Individuen, was Seyfried erneut Anlass bietet, seine autoritätsfeindlichen freiheitsliebenden Ideale zum Ausdruck zu bringen. Im Zusammenspiel mit den bunten, klaren Zeichnungen und dem immer wieder bei aller trotzigen Naivität und Plakativität auch durchaus feinsinnigen Humor, der nebenbei Science-Fiction-Motive aufgreift und persifliert, ergibt sich ein kurzweiliges Vergnügen, das auf eine gewitzte Pointe zusteuert – und trotz viel Zeitkolorit angesichts der politischen Situation Deutschlands bzw. der Welt natürlich auf seine Weise zeitlos ist.
Der gebürtige Münchener und Wahl-Berliner Gerhard Seyfried avancierte im Laufe der Jahre zu einem der „linksradikalen“ Cartoonisten, dessen Zeichnungen weit über die Grenzen linker oder sonstiger Subkultur Bekanntheit erlangten. Sein erstes Buch erschien 1978 im Rotbuch-Verlag: „Wo soll das alles enden“, ein „kleiner Leitfaden durch die Geschichte der undogmatischen Linken“. Dieser besteht in erster Linie aus Zeichnungen, die zwischen 1972 bis 1978 im alternativen Münchner Stadtmagazin „Blatt“ erstveröffentlicht wurden. Vornehmlich in Einzel- und Wimmelbildern und mit vielen Wortspielen bis hin zu Kalauern zeichnet Seyfried karikierend die Entwicklung der außerparlamentarischen Opposition (APO) nach, über die Entstehung alternativer Buchläden, Magazine etc. bis hin zu alternativen Lebensentwürfen und der staatlichen Repression. All das ist angenehmerweise alles andere als frei von Selbstironie, wirkt aus heutiger Sicht aber bisweilen auch reichlich naiv und schwankt zwischen genial witzig und etwas infantil und platt. Damit ist Seyfried aber auch ein schönes Zeitdokument gelungen, das auf humoristische Weise einen Einblick in den damaligen Zeitgeist und das seinerzeitige Lebensgefühl und Selbstverständnis erlaubt, das auch heute noch auf seinen rund 100 Seiten für manch Lacher gut ist.
Der Spiegel-Verlag brachte im Jahre 2006 dieses Sonderheft heraus, das sich auf 180 Seiten (abzgl. diverser Werbung) ausschließlich der spannenden Zeit des ersten deutschen Nachkriegsjahrzehnts widmet. Verschiedene Autoren widmeten sich verschiedenen Themenbereichen und ebenso unterschiedlich sind auch Informationsgehalt und Qualität zu bewerten. Klaus Wiegrefe steigt mit den Gründerjahren ein, gefolgt von einem Interview mit Altkanzler Helmut Schmidt. Reich bebildert sind viele Seiten, die einen Überblick über geschichtsträchtige Gebäude und Orte bieten. Viel wird auf die Rolle Konrad Adenauers eingegangen, wobei man für meinen Geschmack zu viele Seiten zu lang recht unkritisch bleibt. Kürzere Essays, z.B. über die versäumte Aufarbeitung von Kriegstraumata einer ganzen Generation, über jüdische Displaced Persons, Versuche der Aussöhnung mit Israel und deutsche US-Emigranten werden zwischengeschoben und reißen interessante Perspektiven an, die sicherlich eine tiefergehende Auseinandersetzung rechtfertigen würden. Großen Raum nehmen folgerichtig der schnell entfachte Kalte Krieg und die mit ihm einhergehenden Zugeständnisse an die Bevölkerung und alte Nazi-Schergen ein. Nachdenklich stimmt beispielsweise ein Artikel über den Krupp-Konzern und wie er sich aus seiner Verantwortung stehlen konnte. Deutsche Flüchtlinge und Vertriebene sind ebenso Thema wie die unfassbaren Attacken der katholischen Kirche gegen die evangelische und die theologischen Differenzen des Jahrzehnts, bei denen die Katholiken nicht gut wegkommen. Zur von verschiedenen Autoren beleuchteten Personalie Adenauer gesellt sich ein kritischer Blick auf den „Vater des Wirtschaftswunders“ Ludwig Erhard, dessen Mythos ein gutes Stück weit auseinandergenommen wird – denn so „sozial“ wie heutzutage insbesondere von SPD-„Genossen“ gern kolportiert, war seine Marktwirtschaft mitnichten. Daraus resultierend und überaus lesenswert ist Geschichtsprofessor Hans-Ulrich Wehlers Aufräumen mit dem wirtschaftlichen „Wachstumsfetischismus“, der immer wieder das „Wirtschaftswunder“ nostalgisch verklärt und dem Wunschtraum nachhängt, derartige Wirtschaftswachstumszahlen noch einmal erreichen zu können – gern auch als Argumentation im Klassenkampf von oben gegen die Unterschicht eingesetzt. Relativ ausführlich widmet man sich der größten Schande der deutschen Nachkriegsgeschichte, der versäumten Entnazifizierung – nicht ohne die „Sachzwänge“, die dazu ihren entscheidenden Teil beitrugen, gegenüberzustellen, ohne jedoch den damit einhergehenden Zynismus in vollem Umfang zu verdeutlichen und zu verurteilen. Vielleicht war das auch gar nicht nötig, denn es liest sich auch so beschämend genug. Die beschriebenen Schwierigkeiten für deutsche Kriegsheimkehrer, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen, entbehren hingegen nicht einer gewissen Tragik. Wie ein Lichtblick erscheint da die breite Protestbewegung gegen Wiederbewaffnung und Westbindung, die das Spiegel special korrekt als Wendepunkt der politischen Kultur einordnet. Auf lediglich zwei Seiten tendenziell als eher abgefrühstückt hingegen empfinde ich Alexander Szandars Ausführungen zur von Adenauer flugs vorangetriebenen Wiederbewaffnung. Eher einseitig, dennoch in ihrem zusammenfassenden Charakter alles andere als uninteressant fallen unterdessen die Berichte über die Luftbrücke und ihre „Rosinenbomber“ aus. Und auch das Thema der deutsch-deutschen Spionage hätte auch in diesem begrenzten Rahmen wesentlich mehr Stoff als für nur eine Doppelseite geboten. Da verwundert es auch kaum, dass die komplexe und spannende Thematik der DDR nur in aller Kürze, am Rande und extrem einseitig abgehandelt wird – eines der größten Versäumnisse dieser Publikation.
Opa goes brutal satanic Thrash


Dann endlich HOBBS’ ANGEL OF DEATH! Peter Hobbs’ ist Mitte 50, sieht locker zehn Jahre älter aus und stand bis eben noch hinterm (plattenlosen) Merchandise-Stand („Sorry, CDs are sold out“), betritt nun aber mit seinen neuen Mitstreitern, VIOLENTOR-Bassist und Zottelbär Cane sowie zwei Jungspunden, die Bühne. An seinen Mikroständer hat er ein dekoratives umgedrehtes Kruzifix angebracht, statt eines Bandbanners hängt ein großes Pentagramm mit Ziegenschädel hinterm Drumkit (das nach wenigen Songs nur noch zur Hälfte baumelt und schließlich ganz flöten ging). Was wird dieser volltätowierte, bierbäuchige alte Knacker, der mehr nach Rockerclub oder Bluesrock aussieht, hier noch reißen können? Um’s kurz zu machen: ALLES! Vom ersten Song an tobte der totale Thrash-Holocaust von der Bühne, Hobbs hat immer noch das gleiche kehlige Shout-Organ wie früher und es gab musikalisch brutalst auf die Fresse: Hobbs und der Lead-Gitarrist ergänzten sich mit ihren akzentuierten Riffs oder lieferten sich unerbittliche Duelle, der Bass goss das Fundament und der unermüdliche Drummer erinnerte mich sogar an den Kollegen von SEPULTURA – Weltklasse! Die jüngeren Songs – anscheinend zockte man auch viel noch unveröffentlichtes, für eingangs erwähnten dritten Longplayer geplantes Material – sind anscheinend noch schneller als das alte Zeug, von Altermilde nicht die geringste Spur, im Gegenteil: Hobbs gab sich blasphemisch wie ein übermotivierter Jüngling, wobei ich die finale Geste, das Anspucken des Jesus auf seinem Kruzefix, dann doch etwas übertrieben und albern fand. Zwischen den Songs brummte er heisere Ansagen mit Aussie-Dialekt, wovon ich nur die Hälfte verstand. Jedenfalls verstand er es gut, das Publikum zu animieren, das jedoch keinen Moshpit formierte, dafür aber ausdauernd bangte, was die Nackenwirbel hergaben. In der Mitte des Sets riss ihm dann plötzlich eine Saite. Er sang noch etwas ohne Klampfe und verschwand dann hinter die Bühne, während der Rest der Band den Song fertigspielte. Ein paar Minuten Zwangspause waren die Folge, die ich u.a. nutzte, um mir einen herrlich geschmacklosen Aufnäher der Band mitzunehmen, doch dann kam er mit frisch besaiteter Axt zurück, nahm ein paar Schlücke aus der Bierpulle und behauptete, sich backstage einen runtergeholt zu haben (ein Beispiel für seinen schnoddrigen Humor). Vergnügt ging’s weiter, bis irgendwann der vermeintlich letzte Song angekündigt und gezockt wurde und daraufhin die Lichter angingen. Die Rufe nach einer Zugabe verhallten jedoch nicht ungehört und zu mittlerweile vorgerückter Stunde gab man noch zwei Stücke zum Besten, bis dann wirklich endgültig Schluss war. HOBBS’ haben meine Erwartungen an diesem genialen Abend übertroffen, meine Nackenmuskulatur ordentlich strapaziert und mich davon überzeugt, mich mal mit dem zweiten Album zu beschäftigen. Bleibt zu hoffen, dass es nun auch endlich mit der dritten Platte klappt – und wenn die hält, was dieser Gig versprach, dann aber Heidewitzka! Schön, ein kauziges Original wie Peter Hobbs & Co. endlich einmal live gesehen zu haben – danke an Flo und das Bambi sowie an die Australier für diesen Beweis, dass man diese Art von Musik auch im höheren Alter noch derart ungestüm und authentisch bringen kann!




An diesem Samstag überschlugen sich die Hamburger Konzertveranstalter mal wieder: YACØPSÆ feierten ihr 25-jähriges Jubiläum mit einem fetten Aufgebot in der Markthalle, THE ADICTS tobten durch die Fabrik, OXO 86 verkauften das Monkeys aus, VLADIMIR HARKONNEN und weitere verwandelten die Lobusch in ein Pulverfass, zudem zockte irgendwer im Menschenzoo und eigentlich sollten auch noch MOTÖRHEAD die Sporthalle zerlegen, fielen jedoch aus – diesmal nicht wegen Lemmy, sondern wegen Gitarrist Phil Campbell, der unverhofft ins Krankenhaus und deshalb auch schon den Berlin-Gig am Freitag absagen musste. In Anbetracht des Markthallen-Programms, das mit HOLY MOSES eine Band enthielt, die ich noch nie live gesehen hatte, jedoch gesteigertes Interesse bei mir hervorrief, entschied ich mich für das YACØPSÆ-Jubiläum. Die Hamburger hatten eine Menge befreundeter Bands geladen, mit ihnen zu feiern und dabei wieder einmal bewiesen, keinerlei Berührungsängste vor stilistischer Vielfalt zu haben. Das schlug dann im Vorverkauf auch mit satten 25 Eiern (inkl. Wuchergebühren) zu Buche – aber wat mutt, dat mutt.





















