Günnis Reviews

Monat: Februar 2016

Der Hetzer. Joseph Goebbels – Der Mann, der Hitler machte DVD

hetzer, der dvdDie Dokumentation „Der Hetzer. Joseph Goebbels – Der Mann, der Hitler machte“ von „Spiegel TV“-Autor Michael Kloft aus dem Jahre 2010 widmet sich rund 77 Minuten lang der Person Joseph Goebbels’, einem der Wegbereiter der Nazi-Diktatur und späterem Propagandaminister des Dritten Reichs. Sie basiert auf der damals neuen Goebbels-Biografie des Historikers Peter Longerich.

Dieser hat u.a. Goebbels’ Tagebücher studiert und stellt zu Beginn der Dokumentation die These auf, Goebbels habe bereits in früher Kindheit eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickelt, die ihn sich derart faszinieren für Hitlers Führerkult lassen habe, den er schließlich mithilfe seiner Propagandamaschinerie in die Köpfe der Bevölkerung injizierte und dem er bis zum Ende durch die Niederlage im Zweiten Weltkrieg treu verbunden bis zur Selbstaufgabe war. Die Dokumentation wurde dahingehend konzipiert, dass sich O-Ton-Aussagen des in einem Studio gefilmten Longerichs abwechseln mit Klofts Kommentar aus dem Off, der Goebbels privaten wie beruflichen bzw. politischen Lebensweg grob nachzeichnet und partiell ins Detail geht. Dies wird illustriert durch zahlreiche Original-Filmaufnahmen der Jahre bis 1945, wofür auf Unmengen an teil seltenem Archivmaterial zurückgegriffen wurde.

Unabhängig davon, inwieweit man bereit ist, Longerichs Erklärungsversuch für Goebbels’ Wahn zu akzeptieren, bekommt man recht kompakt die Entwicklung der Nazi-Diktatur mit Schwerpunkt auf der Rolle Goebbels’ nachgezeichnet und auch der durchschnittlich politisch-historisch gebildete Zuschauer dürfte das eine oder andere neue Detail erfahren, jedoch keine grundlegend neuen Erkenntnisse erlangen. Die Kriegsjahre werden relativ schnell abgehandelt, doch für einen groben Überblick und ein recht stimmig wirkendes skizziertes Porträt Goebbels halte ich den Film für passabel geeignet. Auf die ideologischen Hintergründe im Vergleich mit anderen Kräften zu Zeiten der Weimarer Republik indes wird wenig eingegangen, was jedoch sicherlich dem Schwerpunkt auf die Person Goebbels geschuldet ist. Insgesamt bietet sich wie so oft in Filmen, die sich mit dieser Zeit auseinandersetzen, ein gruseliges Bild Deutschlands. Dass Goebbels Propaganda-Mechanismen aus heutiger Sicht so unfassbar durchschaubar erscheinen, nährt die Hoffnung, dass eine durch diese Mittel begünstigte Wiederholung nicht mehr ohne Weiteres möglich scheint, lässt aber auch den Kopf darüber schütteln, wie willfährig viele Deutsche all jenem auf dem Leim gegangen sind – und lässt angesichts der wieder in verstärktem Ausmaße um sich greifenden Geschichtsvergessenheit und des Zulaufs rechtsextremer Demagogen mit den vermeintlich einfachen Antworten, ihrem völkischen Duktus, ihrer Sündenbockmentalität und ihren dumpfen Parolen erschaudern.

13.02.2016, Menschenzoo, Hamburg: DEFUSED HOLOCAUST

defused-holocaust-@menschenzoo,-hamburg,-20160213

Eine der letzten Hamburger Punkbands, die nun auch schon ein paar Jährchen aktiv ist, ich aber bisher konsequent (aber ohne böse Absicht) jedes Mal verpasst habe, ist EAT THE BITCH. Das wollte ich an diesem wieder einmal einem absoluten Überangebot an subkulturell interessanten Veranstaltungen ausgesetzten Abend eigentlich ändern und entschied mich nicht nur, erneut einem Menschenzoo-Konzert meine ungeteilte Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, sondern war auch noch spontan als „DJ“ bzw. vielmehr FJ (Filejockey ) eingesprungen. Aber so’n 13ter soll ja manch einem Unglück bescheren und so hatte sich der EAT-THE-BITCH-Gitarrist versehentlich die Hand aufgeschlitzt. Damit fiel der Gig zu meinem Bedauern flach, die Rostocker von DEFUSED HOLOCAUST (nicht zu verwechseln mit DEFUSED, die dort Freitag zusammen mit CDC zocken und schon gar nicht zu verwechseln mit HOLOCAUST) mussten alleine ran und der Eintritt wurde auf „gegen Spende“ reduziert. Als kleinen Ausgleich versuchte ich, verstärkt Punk mit Frauengesang zu spielen, was aber niemandem aufgefallen sein dürfte. 😉 DEFUSED HOLOCAUST beschlossen aufgrund der Situation, ihr Set zu teilen, also zwischendurch eine Pause einzulegen und zwei Blöcke zu zocken. Soweit, so gut und die noch junge HC-Punkband knallte anfangs auch ganz ordentlich. Der Shouter tobte vor der Bühne, einer der Gitarreros sang kräftig mit. Mischer Norman hatte ihnen einen druckvollen Sound gezimmert und ein paar der leider diesmal nicht sonderlich zahlreich erschienenen Gäste feierten die Nordost-Hansestädter gebührend ab, unter ihnen auch ein paar ältere Semester, offensichtlich bereits stark alkoholisierte Partykanonen. Nach der Pause ging’s dann hauptsächlich mit Coversongs weiter und nun weiß ich nicht, was davon aus der Verlegenheit heraus, alleine einen ganzen Konzertabend bestreiten zu müssen und dem Publikum etwas bieten zu wollen, gespielt wurde und was zum regulären Set gehört, aber was mit GGs „Bite It You Scum“ und „Zusamm’n-Halt“ von ZUSAMM-ROTTUNG passabel anfing, ließ mit auch gar nicht unbedingt so geil gespielten Standards, die ich so gut wie nicht mehr hören kann, stark nach: „Bro Hymn“, „Vaterland“, „Gotta Go“, „Sex and Violence“ mit Drummer aus dem Publikum – solange sie nicht in irgendwelchen halbwegs originellen Spezialversionen dargeboten werden, sollte über diese Songs das absolute Coververbot verhängt werden! Je länger sie spielten, desto mehr wühlten sie auch in der eigenen Vergangenheit, spielten frühe Proberaumnummern und entfernten sich immer weiter vom ursprünglichen Stil, bewegten sich stattdessen irgendwo zwischen den Polen Schunkel-D-Punk und Metalcore und fanden einfach kein Ende. Die Attitüde stimmte und die Jungs waren supermotiviert und gut drauf, aber das war dann doch etwas zu viel des Guten. Potential ist aber da; sie gefielen mir am besten, wenn sie ihren möglichst kompromisslosen HC/HC-Punk-Stiefel zockten und sollten sich meines Erachtens vornehmlich auf diesen Stil konzentrieren, der die beiden Gitarren und das aggressive Organ des Sänger auch einfach am besten zur Geltung kommen lässt. Für mich dauerte die Nacht dann zusammen mit den Menschenzoowärtern logischerweise noch bis zum nächsten Morgen und hat noch viel Laune gemacht, doch der EAT-THE-BITCH-Ausfall blieb ein Wermutstropfen. Rasche Genesung wünsche ich an dieser Stelle und hoffe, dass der Gig bald nachgeholt wird!?

Danke übrigens an Karl Nagel für die schnieken Schwarzweißbilder, die er mir freundlicherweise für meinen kleinen Familienblog zur Verfügung stellte!

12.02.2016, Menschenzoo, Hamburg: FRIEDEMANN

friedemann @menschenzoo, hamburg, 20160212

Den Rüganer FRIEDEMANN hatte ich seinerzeit als Schlagzeuger von TONNENSTURZ kennengelernt. Nach deren Auflösung gründete er mit COR eine Hardcore-/Thrash-Crossover-Combo und trommelte 2004 das Monster von einem TROOPERS-Album, „Mein Kopf dem Henker“, ein, bevor er sich anscheinend mit Atze überwarf. 2014 veröffentlichte er mit „Uhr vs. Zeit“ sein Solodebüt, auf dem er in Singer/Songwriter-Manier mit der Akustikklampfe unterwegs ist. Anfang 2016 betourt(e) er ausgiebig dessen Nachfolger „Wer hören will muss schweigen“ und als er dafür Halt im Menschenzoo machte, kam ich spontan auf ‘nen Abstecher rum – leider etwas zu spät, FRIEDEMANN und seine beiden Mitstreiter (u.a. Matze, der auch bei COR dabei ist und mit dem er auch bei den TROOPERS gemeinsame Sache machte) hatten bereits begonnen. Glücklicherweise gelang es mir irgendwie, mich noch in den proppevollen Laden zu drängeln, der diesmal übrigens bestuhlt war. Nein, nicht im Sinne von GG ALLIN, es wurden schlicht Sitzgelegenheiten vor der Bühne geschaffen. Dort war nur leider überhaupt kein Platz mehr, so dass ich mich um die Ecke an den Tresen begab, wo ich wenig sah, aber wenigstens die auf drei Akustikgitarren vorgetragenen Songs hören konnte. Die Atmosphäre war entspannt und ruhig, die Leute lauschten andächtig dem Songmaterial. Der schwersttätowierte FRIEDEMANN ist jemand, der etwas zu erzählen hat und das auch gern tut, weshalb ihm diese Darbietungsform perfekt liegt. Er nahm sich Zeit für längere anekdotengespickte Ansagen und erzählt in seinen Songs viele kleine, persönliche Geschichten und widmet sich Details, kann aber durchaus auch mal die Protestkeule auspacken und anprangern. Das ist ‘ne wirklich interessante Mischung, die in Liedern wie „Haben und brauchen“, „Gejammer“, „Nichts können“ oder „Daneben“ Ausdruck findet und raubeinig-charmant mit MeckPommer Slang zum Besten gegeben wird. Aus Friedemanns Songs sprechen häufig ehrliches Interesse an den kleinen und großen Themen des Lebens sowie der eigenen Individualität, Stolz auf und Dankbarkeit für das Erreichte und letztlich viel Lebensfreude abseits von aufgesetztem Trallala, die die Augen vor dem Elend dennoch nicht verschließt – im Gegenteil. In den melancholerischen Momenten erinnert er mich bisweilen etwas an ELEMENT OF CRIME, was ich weniger als hinkenden Vergleich denn vielmehr als Kompliment verstanden wissen möchte. Bei lauschiger Stimmung und ein paar Jever im Menschenzoo freute ich mich auch über das große Interesse, das FRIEDEMANN offenbar hervorruft und den Publikumszuspruch, der sich in verdientem Applaus äußerte. Da es jedoch vollkommen sinnlos erschien, von meiner Position aus Fotos zu machen, half mir netterweise Lena V. aus, die den Gegebenheiten vor Ort zum Trotz fantastische Bilder schoss, mit denen ich mein Konzerttagebuch illustrieren darf – vielen Dank!

30.01.2016, Monkeys Music Club, Hamburg: EL FISCH & OLDRIK + THE PUKES

fisch, el & oldrik + the pukes @monkeys music club, hamburg, 20160130

Fisch, Sänger der legendären LOKALMATADORE, spielt schon länger gern mal Solo-Shows unter dem Banner EL FISCH, und zwar als Alleinunterhalter mit Akustikklampfe. Als erklärter Freund des Ruhrpott-Asi-Humors nahm ich selbstverständlich die Gelegenheit wahr, erstmals einem solchen Spektakel beizuwohnen, als der Gute sich Ende Januar ins Monkeys verirrte. Ich wusste nicht genau, was mich erwartet und so hatte er den Überraschungseffekt mehrmals auf seiner Seite – z.B. dadurch, dass er mit einem Herrn namens Oldrik jemanden an seiner Seite hatte. Doch dazu später mehr, denn nicht minder überraschend hatten sich erfreulicherweise die Briten THE PUKES kurzfristig als Vorband dazugesellt: Fünf Damen und eine männliche Rhythmussektion reiferen Alters covern sich mit fünf E-Ukulelen (!) beherzt durch diverse Punkrock-Klassiker, angefangen bei „Sheena is a Punk Rocker“ über VIBRATORs „Baby, Baby“ und MISFITS‘ „Where Eagles Dare“ bis hin zu „Holiday in Cambodia“ und „Because You’re Young“. Dazu ein EXPLOITED-Medley (!) bestehend aus „Sex & Violence“, „Dead Cities“ und „Alternative“, GLC von MENACE und als Zugaben das Mörder-Triple „Banned From The Pubs“, „White Riot“ und „Ca Plane Pour Moi“ – ein großes Rundum-Sorglos-Paket also, vorgetragen von verschiedenen Sängerinnen, die’s allesamt draufhatten und innerhalb dessen selbst die Cover-Standards unter der Songauswahl dank der außergewöhnlichen Instrumentierung neuen Reiz entwickelten. Der eine oder andere eigene Song war anscheinend auch dazwischen oder aber ich kannte in Ausnahmefällen schlicht das Original nicht. Ihre Belohnung jedenfalls waren ein ordentlicher Pogo-Mob vor der Bühne und fröhliche Gesichter allenthalben!

Nach der Pause dann Kontrastprogramm: Sieben Personen hatten die Bühne verlassen, lediglich eine erklomm sie – EL FISCH mit Cowboy-Hut, Fransenhemd und Gitarre, direkt mal „König Alkohol“ schmetternd, womit er bei mir natürlich offene Türen einrannte. „Safety Pin Stuck in My Heart“ vom ollen FITZGERALD kam dann ebenso unverhofft wie ein KINKS-Cover, aus „Griechischer Wein“ „Botropper Bier“ zu machen entsprach wiederum dem guten alten Pott-Alki-Humor. Dass dann doch so viele „Hasse nich gesehn“ von seiner unter ESTNISCHE BAUERN AUS DER HÖLLE veröffentlichten 1997er-EP kannten und lauthals mitsangen, überraschte wiederum den Maestro und spätestens bei „Ich bin dumm“, jener auf ewig unkaputtbaren LOKALMATADORE-Hymne, war der Drops gelutscht. Hätte das Konzert hier bereits geendet, ich wäre wahrscheinlich trotzdem glücklich gewesen. Was sollte da noch groß kommen?

So einiges, nämlich zunächst einmal jener Oldrik, der sich ans reduzierte Standtrommel-Kit gesellte, den Kontrabass zupfte, den Schellenkranz schüttelte oder selbst zur Klampfe griff und gern auch mal den Gesang übernahm. Nach dem ersten gemeinsamen Stück allerdings riss Fisch erst mal eine Gitarrensaite, die freundlicherweise jemand aus dem Publikum wechselte, während der Fischmensch auf der Mandoline (!) weiterspielte. Die ganze Sause ging wahnsinnigerweise insgesamt über zwei Stunden und im weiteren Verlauf trafen „London Calling“ auf eine eingedeutschte ELVIS-Nummer („Blue Moon of Kentucky“), „Dirty Old Town“ auf NEW ORDERs „True Faith“, woraus man kurzerhand ein Medley mit weiteren ‘80er-New-Wave/Pop-Hits zimmerte und TV SMITH‘ „Expensive Being Poor“, das ich kurz zuvor erst im Original in der Fabrik gehört hatte, mit einem äußerst gelungenen übersetzten Text. Auf zahlreichen Wunsch (u.a. von mir…) hin spielte man offenbar von der Setlist abweichend noch die Schlagerperle „Barbara“, die erst in der LOKALMATADORE-Interpretation zu wahrem Ruhm gelangt war, flankiert von weiteren Folk-, Country- und Rock’n’Roll-Klassikern. Das unberechenbare und höchst abwechslungsreiche Programm fand DEN Höhepunkt des Abends schließlich in „El Lokalmatador“, bei dem sich zahlreiche Menschen vor Freude jauchzend und beinahe zu Tränen gerührt in den Armen lagen und mit kräftiger Stimme die Wände des Clubs zum Erzittern brachten. Mit der gebotenen Stilvielfalt einher gingen aber auch viele Stimmungswechsel, wenn z.B. auf eine launige LOKALAMATADORE-Kultnummer ein nachdenkliches Folk-Stück folgte. Ich nenne es aber ein Wechselbad der positiven Gefühle, mit dem Fisch und sein Kompagnon ihren breiten musikalischen Horizont eindrucksvoll unter Beweis stellten und einmal mehr all jene Lügen straften, die Fisch auf die Sauf- und Fick-Texte seiner Haupttexte zu reduzieren versuchen und wahrscheinlich noch immer nicht den Pottkultur-satirischen, satten selbstironischen Tonfall kapiert haben. Es war eine grandiose musikalische Reise durch diverse Dekaden und Stilrichtungen von zwei begnadeten Entertainern, die beim einen oder anderen im Publikum jedoch die Aufmerksamkeitsspanne zu überfordern drohte, während andere diese willkommene Abwechslung zum üblichen musikalischen Wochenendvertreib bis zum letzten Akkord genossen.

22.01.2016, Fabrik, Hamburg: U.K. SUBS + TV SMITH

u.k. subs + tv smith @fabrik, hamburg, 20160122Als ich damals anfing, mich für klassischen UK-Punk zu interessieren, fielen die U.K. SUBS ja ehrlich gesagt erst einmal durch – auf den Samplern, mit deren Hilfe ich mir einen Überblick verschaffte, klang so vieles so viel interessanter als ihr „C.I.D.“, mit dem sie vertreten waren. Als ich später in das eine oder andere alte Album reinhörte, tat ich mich auch etwas schwer, doch als ich mir dann irgendwann eine schick aufgemachte Zusammenstellung aller bis dato erschienen Singles besorgte, zündete diese endlich. Doch obwohl Gründungsmitglied Charlie Harper mit seiner Band unermüdlich 1x jährlich Hamburg einen Besuch abstattete, ging ich elender Ignorant aus unterschiedlichen Gründen nie hin. Eigentlich unglaublich, dass sich das erst in diesem Januar änderte und ich mich endlich aufraffte, dem Konzert zusammen mit TV SMITH in der sympathischen, altehrwürdigen Hamburger Fabrik beizuwohnen.

Erwartungsgemäß war diese sehr gut gefüllt, als TV SMITH, ehemaliger Frontmann der legendären ADVERTS und damit ebenfalls ein ’77-Punkrock-Veteran, mit seinem Soloprogramm nur mit einer Akustik-Klampfe ausgestattet die Bühne betrat: Ein dünner alter Mann, der jedoch damit voll in seinem Element zu sein scheint, ein Sammelsurium quer durch sein musikalisches Schaffen stimmgewaltig zum Besten gab und damit viel Zuspruch verschiedenster Generationen im Publikum erntete. Vertraut bin ich lediglich mit dem ADVERTS-Material, von dem er relativ früh „No Time to Be 21“ spielte, „The Future Used to Be Better“ kannte ich auch noch, aber quasi ausnahmslos alle Songs besaßen viel Kraft und Attitüde, keine Spur von Lagerfeuer-Hippie-Romantik. Hängen blieben bei mir besonders „Expensive Being Poor“ und „Immortal Rich“, bevor er gegen Ende zum ADVERTS-Rundumschlag ausholte und nacheinander die großen Hits „Gary Gilmore’s Eyes“, „Bored Teenagers“ und „One Chord Wonders“ schmetterte. Des Fernseh-Schmidts Stimme ist nach wie vor bestens in Schuss, seine kämpferische Ausstrahlung entfaltet sich vollkommen unabhängig seines Alters, sobald er auf der Bühne steht und so kann ich nur den Hut vor seiner Leistung ziehen, die er anscheinend Abend für Abend auf dieser Tour bringt. Respekt!

Dann also die U.K. Subs, mit verzerrter Stromgitarre, versteht sich. Punkrock-Urgestein Charlie Harper, Sänger der Subs, war eigentlich schon immer alt, mittlerweile ist er sage und schreibe 71 und bringt mit grüngefärbten Haaren und dem Mikro in der Hand eine Leistung wie manch Jüngling nicht, im Gepäck das brandneue Album „Ziezo“, mit dem sie das Alphabet vollmachten (die U.K.-SUBS-Alben sind in ihrer Chronologie mit ihren Anfangsbuchstaben alphabetisch sortiert)! Seine Bandkollegen sind wesentlich jünger, Gitarrist Jet sieht aus wie ein asiatischer Elvis-Verschnitt und klampft sich energetisch durch das Set, Alvin am Bass weiß, wie man ’ne gute Show abliefert und beherrscht breitbeiniges Posing ebenso wie seine vier Saiten und Jungspund Jamie an der Schießbude peitscht mit flottem, kräftigem Beat alle drei gut nach vorne. Bestimmt über 15 Songs lang quer durch den Diskographie-Garten inkl. dem inbrünstig mitgesungenen „Warhead“ dauerte der erste reguläre Teil bei Spitzensound und vor der Bühne ging’s in einem amtlichen Mob mächtig rund. Es folgte ein ausgiebiger Zugabe-Block, der dann auch das mir früher zu unauffällige, mittlerweile jedoch längst liebgewonnene „C.I.D.“ in einer mächtig drückenden Version sowie das in „Party in Hamburg“ umgetaufte „Party in Paris“ enthielt. Doch nachdem Charlie & Co. erneut die Bühne verlassen hatten, wurden sie abermals zurückzitiert und zockten zwei weitere Knaller. Unglaublich, welche Energie da freigesetzt wurde, und das anscheinend Abend für Abend, immerhin befand man sich auf ausgedehnter Tour! Charlies Alter merkte man ihm zu keiner Sekunde an. Das war nicht SUB, das war TOP und mir das Spektakel endlich mal zu geben, war eine meiner besten Entscheidungen des noch jungen Jahres – wenn Sie auch meinen erklärten SUBS-Lieblingssong „Keep On Running“ nicht gespielt haben. Bleib uns noch lange in dieser Form erhalten, Charlie!

16.01.2016, Bagehl, Rostock: BOLANOW BRAWL + TORTENSCHLACHT + DER STAAT

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Der gute Peer wurde genötigt, seinen Geburtstag zu feiern, und zwar am besten mit einem Konzert im zum kleinen, feinen Veranstaltungsort ausgebauten Keller des seit Jahren von Punks, Artverwandten und Sympathisanten bewohnten Wohnkomplexes am Rostocker Bagehl. Nachdem ich ihn und den einen oder anderen Bewohner im Sommer persönlich kennenlernen durfte, brachte die gute Katharina kurzerhand uns ins Spiel, kurzfristig wurden die beiden Lokalmatadore/-innen TORTENSCHLACHT und DER STAAT dazugebucht und so stand das Aufgebot für Peers Privatparty bei geschlossener, aber guter Gesellschaft. Nach geteilter Anfahrt – zwei Brawler fuhren von Kiel mit dem Auto, die anderen per Bahn – lud das arschwinterliche Wetter nicht unbedingt zu ’nem entspannten Bummel durchs Rostocker Zentrum ein, also wurde nur schnell feste Nahrung gesucht und dann das Geburtstagskind in spe aufgesucht, denn er feierte rein. Nach der Begrüßung und dem Bühnenaufbau ging’s dann auch schonrecht zeitig los mit dem lokalen Nachwuchs von DER STAAT. Meine Erwartungshaltung hatte man im Vorfeld gleich mal auf ein Minimum reduziert, doch die Jungspunde sollten ihre Kritiker Lügen strafen: Das Trio bot kritischen, politisch engagierten deutschsprachigen Punk, wie man ihn allgemein „Deutschpunk“ schimpft und er vor zehn Jahren sofort von Nix Gut Rec. verpflichtet und veröffentlicht worden wäre. Das fand’ ich ja damals immer fragwürdig und auch für DER STAAT wäre das sicherlich zu früh, aber Entwicklungspotential ist definitiv da. Schlecht war’s nicht, was das Trio da authentisch rüberbrachte, wobei man sich das KASA-Cover besser gekniffen hätte, aber dafür mit WIZOs „Kein Gerede“ überraschte – das Ding ist nämlich bestimmt nicht unbedingt leicht zu zocken. Weitermachen, aber nächstes Mal ruhig die Iros aufstellen! 😉

TORTENSCHLACHT sind ebenfalls ein Trio aus der nordostdeutschen Hansestadt, das im Gegensatz zu DER STAAT – wie es der Name bereits suggeriert – aus drei Mädels besteht. Man hat sich dem deutschsprachigen Oi!-Punk verschrieben und besetzt bewusst manch Thema aus weiblicher Sicht, so z.B. Songs über Sexualität oder in einem Stück namens „Lästerschwester“. Der Hauptgesang wird sich schwesterlich geteilt, wobei Gitarristin Biene den rauen, gröligeren Part übernimmt und Elfriede an der Schießbude mit akzentuiertem Klargesang aufwartet. Bassistin Shifty überrascht mit einer kraftvollen, melodischen Stimme, die sich auch sehr gut im Background macht. Auf der Gitarre wird überwiegend halbverzerrt durchgeschrammt und der allgemein etwas rumpelige Charme steht der Combo gut zu Gesicht, die mich damit nicht von ungefähr an die Hamburger Deerns FAST SLUTS erinnert hat. So gesellt sich zu den beiden SCHLEIMKEIM-Coverversionen dann auch „Durstige Männer“ der DIMPLE MINDS, wofür hat man anscheinend unabhängig voneinander dieselbe Idee wie die Hamburgerinnen hatte und es ebenfalls textlich leicht angepasst hat, indem man „wir“ durch „ihr“ ersetzte und es so auf die männliche Zuhörerschaft münzt. Sympathischer Gig, der sehr viel Spaß gemacht hat und für beste Stimmung sorgte.

Als wir dann im Anschluss die mit reichlich Girlanden und Luftschlagen dekorierte Bühne betraten, hatten wir dementsprechend schon gut einem im Tee, alberten alkoholschwanger herum und erlaubten uns ein paar kleinere Patzer, wobei ich mich gleich dreimal leicht versang. Der Stimmung tat das keinen Abbruch und wir brachten mit unserem Streetpunk das Volk sogar zum Tanzen. Ole unternahm mit seiner Klampfe mal wieder einen Ausflug ins Publikum und ich armes Schwein kam gut ins Schwitzen und konnte mich nicht abtrocknen, weil Raoul fieserweise mein Handtuch versteckt hatte. Als geforderte Zugabe gab’s noch mal den Opener „Total Escalation“, bevor schließlich noch bis tief in die Nacht weitergefeiert wurde. Die DER-STAAT-Jungs griffen noch mal zur Gitarre und coverten Zeug wie „Abend in der Stadt“, später hallte herrlicher ‘80er-Pop aus der P.A. Danke an Thomas, der für prima Sound sorgte, an Peer für die Einladung und die ganze Bagehl-Bande für die Gastfreundschaft!

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