Günnis Reviews

Datum: 21. Juni 2016

15.06.2016, Bambi Galore, Hamburg: NERVOSA + REZET + KILLBITE

nervosa + rezet + killbite @bambi galore, hamburg, 20160615

Brazil’s finest in Sachen Thrash sind für mich momentan die Mädels von NERVOSA, die gerade ihr zweites Album „Agony“ veröffentlicht haben. Letztes Jahr hatte ich sie erstmals im Rock-Café St. Pauli gesehen (und mich direkt – wie vermutlich jeder Anwesende – ein bisschen in Bassistin/Shouterin Fernanda verknallt), dieses Jahr verschlug es sie nach Billstedt in Hamburgs geilste Metal-Butze. Den Anfang machen die Bremer KILLBITE, die ‘ne Mischung aus Crust und metalbeeinflusstem Hardcore zocken und vom aufgeschlossenen Publikum recht gut aufgenommen wurden. Der Shouter ging etwas auf Tuchfühlung, indem er auch mal die Bühne verließ und die ganze Band wirkte sympathisch und hochmotiviert. Kein schlechter Stoff!

Mit den Schleswigern REZET glaubte ich im Vorfeld, eigentlich weniger anfangen zu können. Auf eine Empfehlung hin hatte ich mir das jüngst veröffentlichte dritte Album „Reality is a Lie“ einmal angehört und konnte mit dem early-MEGADETH-beeinflussten Sound wenig anfangen. Live allerdings zog man nicht nur kräftig vom Leder, sondern auch ordentlich die Wurst vom Teller, so dass ich der Faszination der technisch anspruchsvollen, dennoch herrlich aggressiven Kompositionen mit dem recht eigenständigen, angepissten Organ Richtung Mustaine zu Demo-Zeiten immer mehr erlag. Ich werde mich noch mal in Ruhe mit der Diskografie der Band auseinandersetzen müssen und diesmal mit dem alten Material anfangen. Zugegebenermaßen liefen mir damals MEGADETH auch nicht gleich rein und musste ich mich erst mal an den Stil gewöhnen. Der Bombensound im Bambi wird seinen Teil zum positiven Gesamteindruck beigetragen haben und größere Teile des Publikums gingen längst steil.

Nach einem weiteren Bierchen an der frischen Luft und ’nem Klönschnack mit den TORTENSCHLACHT-Mädels, die eigens aus Rostock angereist waren (obwohl sie NERVOSA ein paar Tage zuvor bereits in Rostock gesehen hatten), betraten Prika Amaral, Fernanda Lira und Pitchu Ferraz die Bühne, um nach kurzem Linecheck das Tor zur Hölle aufzustoßen. Anfangs musste der Sound, insbesondere die Lautstärke des Basses und des Gesangs, noch kräftig nachjustiert werden, doch ab dann blies der Oldschool-Thrash des Trios ungetrübt durch die Gehörgänge. Atmosphärisch erinnerte mich der spezielle Klang, der an diesem Abend erzeugt wurde, in Verbindung mit der düsteren Lightshow an die Atmosphäre des SODOM-Erstlings „In the Sign of Evil“ – jedoch beherrschen NERVOSA ihre Instrumente weitaus besser als Angelripper & Co. damals. Trotz ihrer herrlich morbiden Ästhetik verstehen sich NERVOSA vornehmlich auf ernstzunehmende No-Bullshit-Lyrics und Fernanda mit ihrem gleichsam akzentuierten wie von Growls, Fauchen und Gekeife durchsetzten Gesang schreit und brüllt auf der neuen Platte gefühlt noch mehr als auf dem Debüt, dass es die reinste Freude ist, nur um live Sekunden später ihr entwaffnendes Lächeln aufzusetzen und fröhlich und entspannt mit dem Publikum zu kommunizieren. Allgemein knallt der neue Langdreher noch stärker als der erste, live kam Material beider Alben zum Zuge. Vom Demo spielte man leider nur „Masked Betrayer“, der Hammer wäre natürlich „Invisible Oppression“ gewesen. Ansonsten gab’s absolut nix zu mäkeln, das war großes Thrash-Kino! Fernanda riss mitten im Set übrigens eine Basssaite, was den weiteren Verlauf jedoch nur unwesentlich verzögerte. Ein großer Wermutstropfen war für mich, dass ich mich mit meinen frischen Beintattoos vom Vortag auf gar keinen Fall in den Pit stürzen oder nach vorn drängeln konnte, so dass ich mich vornehmlich im Hintergrund aufhielt. Deutlich gewachsen ist die Band, was sich an der vergrößerten Anhängerschaft ablesen lässt. Im Rockcafé letztes Jahr war noch wesentlich mehr Platz, diesmal war die Bude auch an einem Mittwochabend fast voll. Und wie ein Bekannter so schön bemerkte, schienen sich die Alpha-Banger gegenseitig darin übertreffen zu versuchen, die Mädels auf der Bühne zu beeindrucken. 😉 Leider schlugen am Merch-Stand LP und T-Shirt mit je 20,- EUR zu Buche, was mir dann doch etwas zu viel war, hatte ich doch auf Preise um die 15 Taler gehofft, immerhin atmen NERVOSA wesentlich stärker den guten alten D.I.Y.-HC- und Punk-Spirit als den Kommerz-Metal-Geschäftssinn. Nichtsdestotrotz war das Vinyl schnell vergriffen und evtl. war’s auch ‘ne Mischkalkulation, um den Eintrittspreis niedrig zu halten, der lag nämlich bei lediglich 8,- EUR! Das Timing passte perfekt, direkt nach dem letzten Scream, Akkord und Beat bekam ich noch die letzte Bahn nach Hause, Zugaben waren anscheinend ohnehin nicht eingeplant – auch meinerseits nicht, wenngleich ich mir vorsorglich den nächsten Tag freigenommen hatte. Man lernt ja dazu… Ich hoffe, NERVOSA beehren Hamburg bald wieder, denn momentan könnte ich mir die locker mehrmals pro Jahr geben.

P.S.: Leider auch hier keine vernünftigen Fotos, ist echt schlecht aus den hinteren Reihen…

11.06.2016, Monkeys Music Club, Hamburg: DEMENTED ARE GO + HOLSTEIN ROCKETS + RUSTY ROBOTS

demented are go + holstein rockets @monkeys music club, hamburg, 20160611

Subkulturelles Überangebot in Hamburg, die Drölfzigste: EMILS im Menschenzoo, FAT FLAG und SPIKE im Hafenklang, der zweite Tag des Gaußfests und das war bestimmt längst nicht alles… Ich beschloss, an diesem Abend mal wieder meine ‘billy-Quote zu erhöhen, zumal DEMENTED ARE GO mit ihrer dreckigen Zombie-Interpretation des Psychobillys wohl zum geilsten gehören, was das Genre zu bieten hat. Zunächst galt es aber, das Spiel der Engländer gegen die Russen im Pub-Bereich zu verfolgen, weshalb ich die RUSTY ROBOTS lediglich als Hintergrundbeschallung vernahm. Was ich hörte, war aber nicht verkehrt, hörbarer Rockabilly mit Surf-Vibe. Nach Abpfiff des für die Briten enttäuschenden 1:1 konnte ich mir dann noch den Großteil des HOLSTEIN-ROCKETS-Sets geben, die klasse Rockabilly mit deutschen Texten zockten. Wenn ich so’ne klassisch-betollten Typen sehe, muss ich ja immer an die kultverdächtigen „Vorstadtgang“-Comics um Lucien & Co. denken. Blickfang war aber die schnieke Drummerin im ‘50s-Look mit Schiffchen auf dem Kopf, die an ihrem minimalistischen Kit im Stehen einen satten Beat kredenzte und dabei stets übers ganze Gesicht strahlte. Stilecht klackerte wie bei allen Bands des Abends der Kontrabass dazu. Das war alles angenehm kurzweilig und ging gut ins Bein, ein paar eingedeutschte Coverversionen werden auch dabei gewesen sein. Gute Band, die mich positiv überrascht hat!

Dann DEMENTED ARE GO im längst sehr gut gefüllten Club. Keine Ahnung, wann ich die zuletzt gesehen hatte. Irgendwie mache ich mir nicht mehr sonderlich viel aus Psychobilly, noch weniger als früher. Meine zwei, drei DAG-Platten hab‘ ich trotzdem im Schrank – und dieser Gig hat’s dann auch locker geschafft, mich wieder anzufixen! Bei Spitzensound ging’s von der ersten Minute an rund, ein amtlicher Pit bildete sich und der überwiegende Teil der Besucher feierte die Band um Sänger Sparky mit seiner charismatischen, kaputten Stimme frenetisch ab. Dieser trug übrigens keinen Flat mehr, sondern punkigen Struwwel-Look und war natürlich genau wie die Bandkollegen komplett auf Zombie geschminkt. Zusammen mit diesem visuellen Element legt die Mucke tatsächlich noch mal an Atmosphäre zu und erfreulicherweise war die Band topfit, Sparkys Stimme ebenfalls zu 100% präsent und ließ man sich auch spielzeittechnisch nicht lumpen: Das mit vielen Höhepunkten seit den 1980ern bestückte Set wurde um mehrere Zugaben ergänzt! Das hatte ich so nicht erwartet, fragte mich stattdessen im Vorfeld, was DEMENTED ARE GO 2016 wohl noch zu bieten hätten. Die Antwort: So ziemlich alles. Manch einer soll sogar behaupten, sie seien heutzutage live so gut wie nie zuvor. Überhaupt, der Sound: Ordentlich Hall, Pfeffer im Arsch, manch geiles Gitarrensolo, bisweilen auch nur kurz angetäuscht, um schnell wieder in den Untiefen der dominanten Rhythmussektion unterzutauchen. Das gefällt mir deutlich besser als der x-te MISFITS-Klon und hat für mich mehr mit vertonter Horror-Ästhetik zu tun als manch fast schon poppige Hochglanz-Combo. Zum Line-Up zählt übrigens offenbar ein Deutscher, wie der Kommunikation mit dem Mischer zu entnehmen war. Nachdem ich mich zunächst eher im Hintergrund aufgehalten hatte, zog’s mich später, nachdem der Wrecking-Pit schon etwas entkräftet war, dann doch nach vorne zum Feiern, was auch nach dem letzten Akkord noch lange nicht beendet wurde: Zu viele alte Bekannte waren vor Ort, hatten teilweise auch noch Geburtstag und so wurde noch das eine oder andere Bierchen gekippt und viel Blödsinn verzapft, bis die Putzbeleuchtung anging und der Getränkeverkauf eingestellt wurde. Ein grandioser Abend!

10.06.2016, Gaußplatz, Hamburg: GAUSSFEST 2016

gaußfest,-hamburg,-2016

Ist schon blöd, wenn man sich immer noch nicht klonen, schnell mal per Zellteilung vermehren oder sonstwie dafür sorgen kann, auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. So wurde ich dem diesjährigen Gratis-Open-Air auf dem Altonaer Gaußplatz kaum gerecht, denn gleichzeitig fiel in Frankreich der Startschuss zur Fußball-EM. Arbeitsbedingt etc. verpasste ich direkt das erste Highlight, einen der ersten Gigs der Hamburger Punks LIQUOR SHOP ROCKERS, der neuen Band um ex-LEFT-JAB-Weste, ex-RECHARGE-Nina, SWELLBELLYS-Needlz und ex-STONE-COLD-BLACK-Toni. Wüsten, dreckigen Punk’n’Roll sollen die zocken und ein paar private Amateuraufnahmen klingen verdammt vielversprechend. Dafür bekam ich den Großteil des UPPER-CRUST-Sets mit, der Hamburger HC-Punk-Band, die sich jüngst in Person Lars‘ Bruders um einen Shouter verstärkt hat. Dadurch ist deutlich mehr Action auf der Bühne und stimmlich passt’s auch prima, zudem macht der Gute einen hochmotivierten, hungrigen Eindruck. In Kombination mit dem Gaußplatz-Sound klangen UPPER CRUST an diesem Abend noch krachiger und ungehobelter als sonst und wie so oft war Basser und Zappelphilipp Jörg ebenfalls ein großer Aktivposten, der sich zudem die Flossen blutig gespielt hat. Mit den norwegischen Riot Grrrls LUCKY MALICE verpasste ich dann schweren Herzens einen weiteren Höhepunkt, aber das Eröffnungsspiel lockte und stellte sich tatsächlich als spannender Turnierauftakt heraus. Auf dem Platz schien’s niemand zu schauen, also begab ich mich mit meiner Begleiterin ins angrenzende Vivo, wo sich das Spiel gediegen verfolgen ließ. Als wir zurückkehrten, lärmten dann noch DIS DISASTER aus Berlin und Tel Aviv ihren disigen HC-Punk-Stiefel herunter – und sahen so ganz anders aus als zuletzt: Corpsepaint in den Fressen und ‘ne Dame auf der Bühne?! [Nachtrag: Ich Schussel, na klar, die war auch schon damals in der Lobusch dabei!] Bedeutete das dieses „& FREAKAHOLIC“ auf dem Flyer? Keine Ahnung, aber danach war leider auch schon Schluss, natürlich nicht, ohne im Anschluss noch ein paar Veltins zu unschlagbaren Preisen zu pitschen und sich ins eine oder andere Gespräch verwickeln zu lassen, immerhin war der Platz wieder gut gefüllt mit Punks und anderen Freaks aus ganz Deutschland. Fast leidtun konnte einem der arme Tropf, der den Wagen seines Gastgebers einfach nicht mehr wiederfand und irgendwann resigniert neben uns Platz nahm, was mich an die eine oder andere Zeltplatz-Odyssee auf Festivals erinnerte.

Am nächsten Tag musste ich dann komplett passen und vernünftige Fotos gibt’s diesmal auch nicht, sorry…

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