Günnis Reviews

Monat: Januar 2017

14.01.2017, Lobusch, Hamburg: FUSELWOCHE + PROJEKT PULVERTOASTMANN + TRASHKIDS

Mein erstes Konzert des jungen Jahres führte mich in die Lobusch, in der die TRASHKIDS aus Eschwege RAUFASA vertraten, die verletzungsbedingt absagen mussten. Es dauerte ‘ne ganze Weile, bis es losging und einem die nicht mehr ganz so jungen Kids Melodic-Punk grob Richtung US-Westküste boten, der gut ins Ohr ging. Die Songs waren abwechslungsreich genug, um keinesfalls in die „MelodiCore“-Falle o.ä. zu tappen und irgendwann nur noch hookbefreit vorbeizurauschen. Auch an den Instrumenten zeigte man sich recht versiert; man kam zudem schnell auf den Punkt und blieb unprätentiös, ohne auf den einen oder anderen Überraschungseffekt, der die Darbietung spannend hielt, zu verzichten. Sicherlich nicht dazu gehörten die Probleme mit ihrem Banner, der irgendwann komplett von dannen segelte und den Blick auf die plakatierte Bühnenmauer wieder frei gab. Unbedingt dazuzuzählen ist jedoch der kurze „Hotel California“-Einwurf mitten in nominell letzten Song „Joe Marry Jane“, auf den jedoch ein weiterer folgte (war das ein Cover?), ganz zu schweigen von der geforderten Zugabe, einer dem Original angemessen ironiefreien Interpretation des MICHAEL-JACKSON-Klassikers „Man in the Mirror“ im Punkrock-Gewand, der anscheinend auch das Selbstverständnis der Band unterstrich, zu dem jedwede Klischeeerfüllung ebenso wenig zählt wie aufgesetztes Image oder überstrapazierte Attitüde. Grob geschätzt die Hälfte des Sets wurde die Band übrigens von einem zweiten Gitarristen begleitet, sodass der Sänger derweil seine Klampfe aus der Hand legen konnte. Die TRASHKIDS zeigten sich sichtlich erfreut über die Gelegenheit, in der rustikalen Lobusch zocken zu können, was für die offenbar bereits seit Anfang der ‘90er existierende Band anscheinend eine willkommene Abwechslung darstellte. Ansonsten gab man sich sehr freundlich und bescheiden und hatte nach eigenem Bekunden die Sorge, dass die „richtigen Punks“ sie verprügeln würden – natürlich unbegründet. Sympathische Band, die live vor allem denjenigen Laune macht, die gut auf melodische Sounds können und die einen stilistisch breitgefächerten Abend einläutete.

Das HC-Punk-Publikum kam im Anschluss nämlich bei PROJEKT PULVERTOASTMANN voll auf seine Kosten. Über die Pulvertoasties hab‘ ich schon viel geschrieben, daher seien an dieser Stelle nur die wichtigsten Eckpunkte dieses Gigs festgehalten: Brachialer Sound, gerade mit ihrem neuen Drummer wird die Band immer besser. Der verprügelt sein Kit brutal und präzise und sorgt so für einen zusätzlichen Härtekick, und dank des ziemlich differenzierten P.A.-Klangs ließen sich auch die Bassläufe des diesmal erschreckend nüchternen Holler gut heraushören, die den starken Songs manch Melodie und Wiedererkennungseffekt über die gern leicht metallisch gespielte Viersaitige, die Breaks und Snorres dreckig herausgeröhrte Texte hinaus verleihen. Zu hören gab’s u.a. ‘nen neuen Song zum leidigen Thema G20-Gipfel und ohne Zugabe („Anders“ mit obligatorischen PENNYWISE-„Bro Hymn“-Mitgrölpart) ging’s nicht in den Feierabend. War bereits bei den TRASHKIDS manch Regung vor der Bühne zu vernehmen, ging’s bei PROJEKT PULVERTOASTMANN wüster und härter zur Sache, anscheinend ging die eine oder andere Sehhilfe zu Bruch und anderes verloren, Schwund ist eben überall… Definitiv einer der besten Pulvertoast-Gigs, denen ich bisher beiwohnte.

Von Melodic- über HC- zu Oi!-Punk: FUSELWOCHE aus Rostock verbindet eine längere Freundschaft zum der Lobusch nicht weiten Gaußplatz, sodass die Band sozusagen eine kleine Fanbase in Altona hat. Manch einer hatte die Lokalität aufgrund der wegen des späten Beginns mittlerweile weit vorgerückten Stunde bereits verlassen (müssen), sodass sich die Reihen etwas gelichtet hatten.  Die dennoch zahlreich Verbliebenen wurden sodann Ohrenzeugen rumpeligen Oi!-Punks mit Uffta-uffta-Drums und Ohoho-Chören, der anfänglich etwas bemüht klang, sich jedoch ebenso steigerte wie die alkoholgeschwängerte Stimmung. Das L’ATTENTAT-Cover „Ohne Sinn“ wurde ebenso kompetent geschmettert wie der Hit der Band, „Freizeit forever“, und hatte man sich erst mal an den Drum-Sound gewöhnt, lief das doch alles recht gut rein. Nicht wirklich spektakulär, aber zielgruppengerecht und mit dem Herzen am rechten Fleck, so dass nicht nur die Exil-MeckPommer auch mit diesem Gig eine gute Zeit hatten, bevor der Abend gegen 2:00 Uhr nachts seinen Ausklang fand.

Franz Kafka – Die Verwandlung

Die Erzählung „Die Verwandlung“ des deutschsprachigen Schriftstellers Franz Kafka ist mit ihrem Umfang von rund 70 Seiten (im vorliegenden Band: 77 Seiten) die längste seiner in sich abgeschlossenen und noch zu seinen Lebzeiten veröffentlichten. Erstveröffentlicht 1915, gilt sie heute als einer der großen literarischen Klassiker jener Epoche. Sie handelt vom Handelsreisenden Gregor Samsa, der eines Morgens aufwacht und feststellen muss, sich in ein schabenartiges Insekt verwandelt zu haben, woraufhin er seinen Dienst nicht mehr antreten kann und von seiner Familie in seinem Zimmer vor der Öffentlichkeit versteckt gehalten wird. In der Erzählung wird Samsas Existenz vornehmlich aus seiner subjektiven Sicht geschildert, ohne ihn jedoch als Erzähler einzusetzen.

Nachdem ich Mitte 2016 ein wenig mit Kafka angefixt wurde, ist „Die Verwandlung“ nach ein, zwei Prosastücken die erste Erzählung, die ich tatsächlich gelesen habe, wenngleich mir der Inhalt oder vielmehr die Ausgangssituation natürlich bekannt war. Und ich bin überrascht, wie viel sich doch auf der kurzen Distanz von 77 Seiten findet: Angefangen bei einer Beschreibung des Leistungsdrucks, der aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von einem wenig erfüllenden Arbeitsverhältnis resultiert, das jedoch die eigene Existenz und die der Familie sichert, über ambivalente innerfamiliäre Verhältnisse bis hin zu psychologischen Phänomenen wie Entbehrung, selbstgewählter Isolation und schließlich Selbstaufgabe. Diese Kombination bietet seither reichlich Futter für verschiedene Interpretationen; als Beispiele seien die Annahme, bei Gregor und seiner Schwester Grete handele es sich um dieselbe Person sowie die These, Gregors Metamorphose sei lediglich eingebildet, genannt.

Ohne mich an derartigen Spekulationen beteiligen zu wollen, erlaubt „Die Verwandlung“, die sich zügig in einem Rutsch durchlesen lässt und keinerlei sprachliche Fallstricke bereithält, meines Erachtens zunächst einmal zwei oberflächliche Lesarten: Gerade für Zartbesaitetere die einer horrorähnlichen Schauermär, die an verbreiteten Ekel vor Insekten und „Ungeziefer“ appelliert und immer dann erneut mit anatomischen Details aufwartet, wenn der Leser möglicherweise gerade wieder ein menschlicheres Bild Samsas zurückgewonnen hat, was insbesondere für eine Generation, die mit grafisch extremen Filmen wie der „Die Fliege“-Neuverfilmung u.ä. aufgewachsen sind, starke, unschöne Bilder im Kopf entstehen lassen kann. Intendiert und von mir eher empfunden dürfte jedoch eine tragikomische, absurde Groteske sein, die durch zahlreiche satirisch angehauchte Darstellungen damaliger gesellschaftlicher Verhältnisse und ihrer Konsequenzen für den einzelnen, einfachen Arbeiter ihre inhaltliche Substanz erhält. So oder so: „Die Verwandlung“ ist ein überaus unterhaltsamer Klassiker, der Lust mehr Kafka macht und somit vermutlich eine ideale Einstiegsdroge.

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