Günnis Reviews

Monat: Januar 2020

Mad-Taschenbuch Nr. 25: Angelo Torres, Tom Koch – Das Mad-Buch der Weltgeschichte

Im Jahre 1980, drei Jahre nach seinem Erscheinen in den USA, brachte es dieses Mad-Taschenbuch auch zu einer deutschen Veröffentlichung. Unterteilt in sieben jeweils eine Epoche abbildende Kapitel und eingeleitet von einem dreiseitigen Vorwort wird sich rund 160-Schwarzweißseiten lang von 3050 v. Chr. bis 1969 n. Chr. in alternativer Geschichtsschreibung geübt. Ein kurzer Text leitet in den jeweiligen Abschnitt ein, der sich pro Ereignisjahr in ein großformatiges Bild im Karikaturstil und ein paar Zeilen dazu passenden Text aufteilt, der auf Mad-typische satirische Weise bestimmte Weltereignisse aufs Korn nimmt und gern Parallelen zur Gegenwart zieht oder generell anachronistisch in Erscheinung tritt. So heißt es zum Jahr 31 v. Chr.: „Das Drama zwischen Antonius und Kleopatra findet in der Originalbesetzung statt und ist damit um viele Millionen billiger als die spätere Neuverfilmung mit Richard Burton und Elizabeth Taylor.“ Und 1001: „Leif Eriksson entdeckt Amerika, hält es aber nicht für wert, darüber zu reden.“ Oder 1626: „Die Indianer sind überzeugt, ein glänzendes Geschäft zu machen, indem sie New York den Holländern für 24 Dollar überlassen.“ Auch schön: „1894: Thomas Edison führt den ersten Film vor. Alle sind davon hell begeistert – mit Ausnahme der Filmkritiker.“ Für all die Kriege und sonstigen blutigen Wahnsinn, der sich durch die Menschheitsgeschichte zieht, haben Zeichner Torres und Autor Koch nur Spott übrig, ansonsten mischen sich unter den Humor manch Absurdität, Seitenhiebe und Sprachwitz. Spaßiger Gesichtsunterricht nicht nur für Mad-Jünger und ein stilistisch neuer Ansatz innerhalb der Taschenbuchreihe, die hiermit eine Jubiläumsausgabe feierte, ohne dies mit auch nur einer Silbe zu erwähnen.

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 2: 1953 – 1954

„Demut vor dem Leben in all seiner Rätselhaftigkeit“ – Gary Groth über Charles M. Schulz

Wie in meinen Zeilen zum ersten Band bereits erwähnt, begann der Hamburger Carlsen-Verlag im November 2006, eine alle Strips umfassende, streng chronologisch sortierte „Peanuts“-Werkausgabe zu veröffentlichen. Der zweite, erneut rund 350 Seiten starke Hardcover-Band umfasst die täglichen Comic-Strips der Jahre 1953 und 1954 inkl. aller umfangreicheren Sonntagsseiten. Drei Seiten lang führt Andreas Platthaus, Comic-Experte der in ihren Beiträgen zur politischen Meinungsbildung so beschämend reaktionären, für ihren Kulturteil aber vielgelobten F.A.Z., in diese Ausgabe ein, indem er vornehmlich auf die Besonderheiten in Schulz’ Comics dieses Zeitabschnitts hinweist und damit noch neugieriger auf sie macht, als man als Peanuts-Freund und/oder Comic-Archäologe ohnehin schon ist. Zwei Seiten lang darf ferner Gary Groth Charles M. Schulz charakterisieren und ein Index sowie eine Vorschau auf den nächsten Band komplettieren das wie gehabt auf hochwertigem Kartonpapier gedruckte Buch im Schutzumschlag.

„Ich glaube, ich bin ein geborener Außenseiter… Ich scheine einfach nirgends hineinzupassen.“ – „Vielleicht könntest du dich einer Gruppe Außenseiter anschließen…“ – „Selbst da würde ich vermutlich nicht hineinpassen…“ – Charlie Brown und Schröder im Gespräch

Der Hauptteil gehört natürlich den unkolorierten Comic-Strips und der Evolution Schulz’ Figuren, die damals noch nicht abgeschlossen war: Sie alterten noch immer, was hier zu interessanten Entwicklungen wie den zahlreichen Marotten führt, die sie immer stärker ausbilden. Dies trifft insbesondere auf Lucy zu, die – neben Charlie Brown, versteht sich – diesen Band dominiert. So wird sie in Bezug auf Lebensmittel enorm pingelig, hadert bereits mit dem Kindergarten wie Ältere mit Schule oder Arbeit und versucht 1954 ständig, die Sterne am Himmel und später Wolken und Sonnen (!) zu zählen. Außerdem kommentiert sie in schöner Regelmäßigkeit mit Unverständnis die Texte von Kinderliedern – und natürlich ist sie stolz, eine Nörgelliese zu sein, was sie für eine Art sportlicher Disziplin hält. Erfreulich ist für sie, dass sie zu lesen beginnt, wenngleich sie nun gern pseudowissenschaftlichen Nonsens von sich gibt und den die Dinge besser wissenden Charlie als Dummkopf bezeichnet, was diesem auf den Magen schlägt und woran er im weiteren Verlauf regelrecht verzweifelt. Dass er trotzdem wirklich immer im Dame-Brettspiel gegen sie verliert, macht die Sache nicht besser.

Dass Charlie ein Alter Ego seines Schöpfers ist wird im Running Gag deutlich, in dem er Comics zeichnet, deren Pointen partout nicht ankommen. Geradezu selbstreferentiell mutet es an, wenn Schulz im Mai 1953 (S. 58) Comiczeichner Charlie in die Sprechblase legt, sein Humor sei zu subtil für den gemeinen Leser. Dies und vieles andere muss der Melancholiker mit sich selbst ausmachen. Dass man als Leser(in) bei Team-Aktivitäten Charlies wie z.B. Baseballspielen die Interagierenden so gut wie nie sieht, verstärkt den Eindruck von Einsamkeit und Isolation, der zu einem seiner Markenzeichen wurde, wenn er auch längst nicht jedem Strip immanent ist. Das Lächeln seines Hundes stimmt ihn aber schnell wieder fröhlich. Snoopy läuft nach wie vor auf allen Vieren, seine von Platthaus als vermeintlichen Stilbruch gewerteten Sprechblasen im August 1953 (S. 98) interpretiere ich eher als Gedankenblasen bzw. als Lautartikulation, die für Menschen unverständlich sind, aber natürlich auf Snoopys menschliche Eigenschaften verweisen. Wie häufig er Süßigkeiten zu fressen bekommt, irritiert indes noch immer.

Lucys kleiner Bruder Linus darf im Juni 1953 (S. 74) erstmals eigene Gedanken formulieren, seine Schmusedecke debütiert am 1. Juni 1954 (S. 222). Als sie später wieder aufgegriffen wird, avanciert sie gar kurzzeitig zum Trend: Alle Jungs haben plötzlich eine! Mit Schmuddelkind Pig-Pen feiert im Juli 1954 (S. 240) eine meiner Lieblingsfiguren ihren Einstand und hat eine ganze Reihe starker Auftritte, wenngleich sie noch nicht permanent eine Schmutzwolke um sich herum erzeugt. Als auf traurige Weise visionär erweist sich ein Strip aus dem Mai 1954, in dem Kriegscomicsammler Charlie nicht weiß, ob er sich nach den Ausgaben „Der Unabhängigkeitskrieg“, „Der Krieg von 1812“, „Bürgerkriegs-Comics“, „Der Erste Weltkrieg“, „Der Zweite Weltkrieg“ und „Der Koreakrieg“ auf das nächste Heft freuen soll. Im Oktober 1953 (S. 122) verfügt eine Sonntagsseite erstmals über einen eigenen Titel („Das Kricket-Spiel“) und das Motiv Charlies erfolgloser Drachensteigversuche wird auf einer Sonntagsseite im Juni 1954 (S. 227) eingeführt. So, wie die Figuren noch altern, tun dies auch die äußeren Umstände, sprich: Es gibt Jahreszeiten. Eigenartigerweise zeichnete Schulz am 31.10.1954 keinen Halloween-Strip, obwohl das Thema in den Strips zuvor aufgegriffen wurde. Dass Schulz neben seinem reduzierten Strich auch wesentlich aufwändiger, detaillierter und realistischer zeichnen konnte, beweisen in den Strips auftauchende Objekte wie Schröders Beethoven-Büste oder auch Vögel, die mit Snoopys späterem Freund (und hier noch lange nicht herbeiflatterndem) Woodstock nicht das Geringste gemein haben.

Welchen Aufwand es bedeutet, dem eigenen Komplettismusanspruch gerecht zu werden, lässt der abschließende Kommentar der Herausgeber erahnen, die einen Einblick in die schwierige Ausgangslage gewähren und denen gar nicht genug dafür gedankt werden kann, sich dennoch auch der verschollensten Strips angekommen und sie aufwändig restauriert zu haben, sodass auch diese Ausgabe vollständig ist und sich die Rezipientinnen und Rezipienten ins comichistorische Vergnügen stürzen können.

20.12.2019, Monkeys Music Club, Hamburg: SMALL TOWN RIOT + THE VAGEENAS + VIOLENT INSTINCT

Jetzt, da der Festtagstrubel überstanden ist und ich auf ein paar Litern Staropramen ins neue und letzte Jahr der Dekade gerutscht bin, ist es an der Zeit, endlich den Eintrag über’s letzte besuchte Konzert 2019 nachzureichen: Um die Weihnachtszeit herum öffnet das Monkeys ganz gern mal seine Pforten für gemeinnützige Veranstaltungen, diesmal unter dem Motto „Straßenklang: Von der Straße – für die Straße“ zugunsten der Obdachlosenhilfseinrichtung Alimaus. Feine Sache, vor allem, wenn sie dann auch noch mit drei musikalischen Hochkarätern aus dem Bereich des Punkrocks einhergeht. Als Opener gab’s dann auch noch ‘ne Überraschung: Der mir bisher nur von Fotos oder Videos bekannt gewesene Hamburg City Punkrock Singers AKA Monkey Choir schmetterte, anmoderiert von KAMIKAZE-KLAN-Sänger George, ’77- und Oi!-Punk-Klassiker bis hin zum „Dirty Old Town“-Traditional stimmgewaltig ins Rund, angeleitet von einer Dirigentin/Gesangslehrerin und nur vor einer dezenten Gitarre begleitet. Das hatte zwar teilweise ein bisschen was von Schulchor in der Aula, andererseits wurde der von einiger Szeneprominenz durchsetzte (mein lieber Herr) Gesangsverein offenbar mit derart motivierten und geschmackssicheren Mitgliedern besetzt und die Stücke auf die unterschiedlichen Stimmlagen hin chorgerecht inkl. vereinzelter Soloeinlagen so originell arrangiert, dass das Zuhören tatsächlich zum Genuss und das Projekt zum klasse Anheizer wurde.

Die spielfreudigen Oi!-Punks und -Skins VIOLENT INSTINCT hatte ich nun schon länger nicht mehr live gesehen, wurde also mal wieder Zeit – zumal sie seit einiger Zeit eine starke EP mit englischsprachigen Songs am Start haben, die schön ins Live-Programm integriert wurden. Durchdachte, mitsingkompatible Texte treffen auf Ohrwurmmelodien, die Kraft der zwei Klampfen und einen Ausnahmedrummer sowie natürlich Agas kraftvollen, melodischen Gesang. So ist’s jedes Mal eine Freude, diese Band live zu sehen und zu hören, die nur wenige Klischees erfüllt und gerade deshalb so wichtig für die Szene ist. Der vorletzte Song wurde um ein fantastisches Basssolo Ätzers angereichert, zum Abschluss gab’s gar eine ganz neue, bisher unveröffentlichte Nummer – und als Zugaben zwei ihrer größten Hits, „Hamburg“ und „Sei stolz“, zu denen es Gitarrist Dennis H. nicht mehr auf der Bühne hielt und er wie zuvor bereits Sängerin Aga durch die begeisterten Reihen wandelte.

THE VAGEENAS vom Niederrhein habe ich früher echt gern gehört, das dürften die „I Wanna Destroy“- und „We Are The Vageenas“-EPs sowie das „Live in Hell“-Album gewesen sein. Dann hab‘ ich die Band ums quirlige Fliegengewicht Babette irgendwie aus den Augen verloren und wusste ehrlich gesagt gar nicht, dass es die noch gibt. Und wie es die noch gibt! Inspiriert von wilderem ’77-Punk und sicherlich auch der ‘82er-Schule rotzkrähte die mittlerweile gut zutätowierte, aber einen unheimlich fitten Eindruck machende und kein Gramm Fett am Körper tragende Sängerin einen Hit nach dem anderen raus, wuselte, tanzte und sprang durchs Publikum, kletterte auf die Traversen und wirkte generell wie ein hyperaktiver pinker Flummi. Auch mit ihren gern mal etwas provokanten Ansagen lockte sie den Pöbel aus der Reserve, was in ausgiebigen Publikumsanimationen beim trashigen MR.-PRESIDENT-Song „I Give You My Heart“ – einem der wenigen erlaubten ‘90er-Dancefloor-Scheißdreck-Cover – mündete. Insbesondere in Kombination mit ihrem sich auch im Outfit ausdrückenden Spiel mit Girlie-Klischees ein großer Spaß – wie der ganze Gig. Anner Schießbude übrigens mittlerweile Ex-DISTRICT-Trommler Burn Harper. Geil!

Abschließend beehrten SMALL TOWN RIOT im Rahmen ihres „Reunion ja, aber nur noch seltene, ausgewählte Live-Auftritte“-Konzepts mal wieder die Hansestadt mit ihrem Melodic-Streetpunk/Punk’n’Roll – und wie so oft war im Vorfeld die Rede von viel zu wenigen Proben, von nichtexistenten, letztlich improvisierten Setlists oder Ähnlichem, was manch andere Band vielleicht aus dem Tritt bringen würde, bei SMALL TOWN RIOT aber zum guten Ton gehört und nicht zuletzt schlicht punk ist. Deshalb machte ich mir auch überhaupt keine Sorgen, und natürlich flutschten „Addicted to Authority“, „Working Class Family“ und die „Love Song Trilogy“ ebenso ohne größere Probleme durch wie „Suicidal Lifestyle“ und „Living Hell“, die das echt gut und von vielen bekannten Gesichtern besuchte Monkeys zum Tanzen und Skandieren brachten, das ruhigere „Cemetery Hall“, das für einen angenehmen Kontrast sorgte, bevor es mit „Cheers & Goodbye“, „Peer 52“ und dem lautstark eingeforderten „Timmy“ wieder auf die Omme gab, „Bad Taste in our Big Mouth“, „It’s True“ und „Take a Ride“ zwischen aggressiv, euphorisch und beschwingt mäanderten und die berüchtigte Mischung aus SLIME-Medley und -Ehrerbietung den Schlussteil einleitete, bevor „Working Class Family“ den Gig besiegelte. Besser konnte auch ich als Gast das Konzertjahr 2019 eigentlich gar nicht abschließen; Abzüge in der B-Note muss ich mir nur selbst für die Schnapsidee erteilen, mir noch die VIOLENT-INSTINCT-7“ gekauft und natürlich prompt verloren zu haben. Die dürfte sich jetzt in guter Gesellschaft mit all meinen anderen auf dem, äh, „Transportweg verschollenen“ Tonträgern befinden…

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