Günnis Reviews

Monat: Februar 2020

21.02.2020, Kulturpalast, Hamburg: DESTRUCTION + LEGION OF THE DAMNED + SUICIDAL ANGELS + FINAL BREATH

Die internationale Thrash-Alliance-Tour machte ungefähr auf ihrer Mitte in Hamburg Halt und ging dankenswerterweise nichts in Docks oder in die Markthalle, sondern in den Kulturpalast am Bambi Galore, dem Herzen der Hamburger Metal-Szene. Der Eintrittspreis war echt fair, das Bier bezahlbar und der Termin an einem Freitag, also stand nach einer Feierabenddönerstärkung dem Thrash-Vergnügen eigentlich nichts mehr Wege. Wir hatten uns bemüht, peinlich pünktlich zu erscheinen, um den Opener FINAL BREATH nicht zu verpassen. Aufgrund etwas widersprüchlicher Angaben bei Fratzenbuch, auf dem Kulturpalast-Internetauftritt und auf den Eintrittskarten hätten wir aber gar nicht so zu hetzen brauchen: Obwohl bereits reichlich Metal-Volk anwesend war, waren wir sehr früh dran und konnten uns in aller Seelenruhe ins Bambi begeben, wo der Merchandise der Bands aushing und auslag. Kurios: DESTRUCTION verticken gebrauchte, reichlich lädierte Drumsticks ihres Trommlers Randy Black sowie ebenfalls Gebrauchsspuren aufweisende Trommelschoner oder so. Ob die ebenfalls in der Auslage zu findenden Schlüpfer mit aufgedrucktem DESTRUCTION-Schädel auch bereits benutzt waren, traute ich mich nicht herauszufinden. Was man als Band heutzutage so alles anbieten muss, um in Zeiten eingebrochener Tonträger-Verkäufe über die Runden zu kommen… Dafür bereue ich es heute, mir nicht gleich eines der schnieken Mad-Butcher-Shirts gesichert zu haben.

Ich war etwas in Sorge, dass der Live-Auftritt der ersten Band wieder für den Soundcheck herhalten würde müssen und man die Hälfte eines vermutlich ohnehin kurzen Sets lediglich Brei serviert bekäme, doch das war unbegründet: FINAL BREATH hatten vom ersten Ton an einen verdammt guten Sound, wenn auch durch die recht lauten Kickdrums etwas basslastig. Die bereits seit Mitte der 1990er aktiven und auf vier Alben sowie eine EP zurückblickenden bayrischen Death-Thrasher setzen auf Pretiose und Atmosphäre, ließen sie doch ein langes, düsteres Intro inkl. zum Bandnamen passenden Auszügen aus Schuberts Schwanengesang erklingen (meinte meine bessere Hälfte herausgehört zu haben 😉 ). Obwohl man sich fortan vornehmlich durch Midtempo-Material walzte, bildete sich recht früh ein hübscher Moshpit, zwischendurch wurde die Band immer wieder angefeuert. Später packte man die flotter gespielten Abrissbirnen aus und sorgte für noch mehr Stimmung. Was mir von den langsameren Songs auf Platte vielleicht zu zäh oder monoton gewesen wäre, entfaltete live eine unheilvolle, leicht morbide Atmosphäre, die vom dunklen Bühnenlicht untermalt wurde. Überrascht war ich auch von der Spielzeit der Band, die mir – ohne auf die Uhr geguckt zu haben – länger erschien als meist für Opener üblich. Ein gelungener Auftritt und perfekter Einstieg in den Abend.

Nach recht kurzer Umbaupause breiteten die griechischen SUICIDAL ANGELS ihre Flügel aus, die auf ihrer jüngsten Langrille „Years of Aggression“ mit Songs wie „Born Of Hate“, „The Roof of Rats” und „D.I.V.A.” einige neue Hits untergebracht hatten und sich weiter vom SLAYER-Soundalike emanzipierten.  Von diesen schaffte es lediglich „Born Of Hate“ ins Set, das mit dem Kriegsdoppel „Endless War“/„Capital Of War“ startete und mit „Bloodbath“ zwischenzeitlich seinen Höhepunkt erreichte. Ansonsten hätte ich persönlich den einen oder anderen Song gegen etwas brutaleren Stoff ausgetauscht. Was mich aber viel mehr irritierte, war der gemessen an den anderen drei Bands gefühlt (und gehört) deutlich leisere P.A.-Sound. Oder war das Einbildung? Die Stimmung weiter anzuheizen half der Gig nichtsdestotrotz und das weiter freidrehende Publikum hatte seinen Spaß.

Unterschätzt hatte ich die Kaasköppe LEGION OF THE DAMNED. Was ich bis aufs Debüt „Malevolant Rapture“ für in der Plattensammlung weitestgehend verzichtbar hielt, entpuppte sich live als ultrafieses, tightes Abrisskommando, das mir zeitweise den Atem stocken ließ. Die Setlist der Death-Thrasher setzte sich aus Songs des aktuellen Albums „Slaves of the Shadow Realm“, u.a. dem von mir als Hit des Albums notierten „The Widows Breed“, und älteren Stücken zusammen. Zwar musste ich auf meinen Liebling „Malevolent Rapture“ verzichten, entdeckte mit dem Titeltrack des dritten Langdrehers „Feel The Blade“ aber einen neuen Favoriten und mit dem Signature-Tune „Legion of the Damned“ kam das Debüt dennoch zu vom dazu animierten Publikum mitgesungenen Ehren. Wenn dieser Auftritt nicht ein paar Falten aus der Fresse gezogen hat, hilft auch kein Oil of Olaz mehr: Pfeilschnell, schön fieser Würgröchelkeif-Gesang eines Sängers, der uns zu verstehen gab, uns unsere Kehlen aufschlitzen zu wollen, eine aus sackstarkem Riffing und morbider Melodie errichtete unzerstörte Gitarrenwand und ein brutales Rhythmus-Massaker. Jawoll!

Auf den Headliner DESTRUCTION hatte ich mich am meisten gefreut, feiere ich die deutschen Thrash-Pioniere doch bereits seit seligen Kindheitstagen der 1980er. Als ich erfuhr, dass sich die Band um die Urgesteine Schmier und Mike endlich wieder um einen zweiten Gitarristen verstärkt hat, freute ich mir den Arsch ab – endlich wird Mike gerade live entlastet und endlich bleibt der volle Klampfendruck auch während der geilen Soli erhalten. Der neue Mann heißt Damir Eskić, spielt außerdem bei den Schweizern GOMORRA und hat das neue Album „Born to Perish“ miteingespielt, das mir auch wieder besser als die vorausgegangenen gefällt. Nach dem wunderbar passenden BARRY-MCGUIRE-Evergreen „Eve Of Destruction“, das als Intro aus der Konserve erklang, stieg das Quartett mit dem Titeltrack des neuen Albums ein, von dem es glaube ich drei weitere Stücke in die Setlist geschafft hatten. Ansonsten gab‘ nur wenig jüngeren Stoff, dafür Klassiker wie „Tormentor“ und „Mad Butcher“, das Instrumental-Stück „Thrash Attack“, „Death Trap“ und „Life Without Sense“, zu denen längst auch die extrem lecker gereiften mittelalten „Nailed to the Cross“, „Thrash Till Death“ und „The Butcher Strikes Back“ gehören. Letzterer läutete den zwei oder drei Songs umfassenden Zugabenblock ein, ansonsten bekomme ich die Reihenfolge nicht mehr zusammen – statt mir Notizen zu machen, habe ich DESTRUCTION abgefeiert und so gut ich konnte mitgesungen, während Andere moshten, pogten, circlepitetten, wallofdeathten oder crowdsurften. Schmier führte wie gewohnt in seiner Bühnenrolle, also mit evil verstellter Stimme, durchs Set, was ich ja immer bischn albern finde, ansonsten habe ich aber absolut nichts zu meckern. Hammer-Gig, der nicht nur mich kräftig durchschüttelte und euphorisierte. DESTRUCTION in Top-Form! Nur eines noch: Nehmt mal ruhig „Under Attack“ dauerhaft ins Set, ist ein Spitzensong!

So herrlich all das auch war, eines muss ich noch loswerden: Auf wessen Mist ist das Absperrgitter vor der doch ohnehin recht hohen Bühne gewachsen? Soll das eine Sicherheitsmaßnahme wegen der ab und zu aus dem Bühnenboden schießenden Kunstnebelfontänen sein? Keine Gitter, dafür ein paar Stagediver wären Stimmung und Atmosphäre in jedem Falle noch zuträglicher gewesen. Aber uns war’s am Ende wurscht. Wir verzogen uns noch auf ein, zwei Pilsetten auf die Aftershow-Party im Bambi, wo DJ Poser 667 auflegte und Musikwünsche erfüllte. Und jetzt hab‘ ich Bock auf NECRONOMICON, die am 14. März das Bambi beehren!

07.02.2020, Villa Dunkelbunt, Hamburg: TANZPALAST EDEN + TRÜMMERRATTEN (inkl. ÄHRENGAST)

Oha, doch schon wieder Februar – Zeit also, langsam mal die Konzertwinterpause zu beenden und verschlafen aus dem Bau zu kriechen. Dies empfahl sich vor allem an diesem Freitag, an dem im leider dem Abriss geweihten experimentellen Freiraum Villa Dunkelbunt mitten in Ottensen eine der letzten Veranstaltungen stattfinden sollte: Die Partyfraktion G.A.S. & FRIENDS hatte dort eine große Soli-Sause zugunsten der Mobilisierung der Gegenaktivitäten zum geplanten Naziaufmarsch am 1. Mai in Hamburg anberaumt und rund ums Hutkassen-Konzert herum Infostände aufgebaut, eiskalte Inkognito-Profis hinterm Tresen platziert, namhafte DJs engagiert etc. pp – und das altehrwürdige Gebäude wurde nicht nur wirklich wahnsinnig schnell rappelvoll, nein, sogar die erste Band begann vollkommen Punk-untypisch wie angekündigt pünktlich wie die Maurer. Das Aufgebot beschränkte sich leider auf zwei Bands, da die BRUTALE GRUPPE 5000 von außerirdischen Echsenpollen, die per Chemtrails über ihrem konspirativen Hauptquartier verteilt wurden, außer Gefecht gesetzt worden waren.

Den Anfang machten jedenfalls die TRÜMMERRATTEN, jenes sympathische Hamburger Quartett, das sich konsequent jeglichem Leistungsanspruch verweigert und lieber dem Zwei-Akkorde-Pogo-Punk frönt. Die Ansagen waren meist länger als die Songs, der Gesang leider aufgrund der offenbar an ihre Grenzen geratenen P.A. etwas leise, aber das Gesamtpaket machte wie üblich Spaß: Mit dem Charme des genialen Dilettantismus dargereichte, plakative, radikale D-Punk-Weisen gegen Deutschland, Bullen, Nazis und den HVV, wobei der Gig in der zweiten Hälfte immer flüssiger lief. Eine Nummer überraschte gar mit einem Rockstar-Gitarrensolo – welch ein Kontrast!? Die größte Reaktion des in Teilen vergnügt vor der Bühne pogenden Publikums rief „Nicht genug“ hervor, das dann auch ich lauthals mitgrölte. Der „ÄhrenGASt“ entpuppte sich schließlich als eine Dame und einen Herrn der mir bis dato unbekannten lokalen Jazzpunk-Hoffnung HINTERM GOLFPLATZ LINKS, die sich zum fröhlichen Instrumente- und Mikro-Tausch einfanden, logen, die TRÜMMERRATTEN noch nie zuvor gesehen zu haben (zumindest bei dem Herrn dürfte es sich um ein ehemaliges Mitglied gehandelt haben), und gemeinsam das eine oder andere Ständchen zum Besten gaben – mal vom Zettel abgelesen, mal nicht, und als Höhepunkt von nicht anrufenden Veganern und Radieschen, Radieschen, überall Radieschen handelnd. Dieses Lied hätte ich gern auf Kassette überspielt.

TANZPALAST EDEN ist so was wie ein Nebenprojekt von MÜLHEIM-ASOZIAL-Leuten und hat ungefähr vor einem Jahr sein Demo ins Netz gestellt. Deutschsprachiger, stilistisch eher in den ‘90ern verwurzelter melodischer HC-Punk mit leichter Emo-Kante oder so, so würde ich das grob umreißen. Eher die ernste Schiene, nicht so witzig stumpf und selbstironisch wie das, was TRÜMMERRATTEN & Friends hier kurz zuvor noch zelebriert hatten. Die Umgewöhnung fiel mir etwas schwer, zumal der Gesang wirklich sehr unterging. Auch hier musste sich der Sänger übrigens zeitweise eines Textblatts behelfen. Je ruppiger die Songs klangen, desto besser gefielen sie mir, ein wirkliches Urteil kann ich mir anhand dieses gefühlt auch recht kurzen Gigs jedoch noch nicht bilden.

So nahm die Party also mit Musik aus der Konserve ihren weiteren Verlauf. Als der DJ dann plötzlich Hit an Hit aus meiner Jugend aneinanderreihte, musste ich das natürlich hart abfeiern. Ganz vorbei ist’s in der Villa indes noch immer nicht: Am 06.03. lockt das „allerletzte letzte Abschiedskonzert“ mit SCOOTERKIDSMUSTDIE, BRAINDEAD und MATRONE.

Ach ja, Fotos? Der (nennen wir es mal so) „Abenderöffnungsrede“ meinte ich entnommen zu haben, dass die nicht unbedingt erwünscht seien, sodass ich darauf verzichtete.

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