Günnis Reviews

Monat: Dezember 2019

Mad-Taschenbuch Nr. 23: Don Martin – Super Mad oder Die gesammelten Abenteuer von Käpt’n Hirni

1978 war es so weit: Meine Lieblingsfigur des Mad-Stammzeichners Don Martin, Käpt’n Hirni, feierte sein Debüt im Taschenbuchformat! Die Superhelden-Persiflage um einen in seiner Kindheit und Jugend Superhelden-Comic-süchtigen grenzdebilen, ausschließlich in Soundwords monologisierenden Tunichtgut, der von seinen Eltern, der Schule, dem Arbeitsamt und schließlich seiner Vermieterin herausgeworfen wird, dessen Schicksal aber eine entscheidende Wendung nimmt, als er sich in suizidaler Absicht von einem Hochhausdach stürzt und dabei versehentlich einen Bankräuber zur Strecke bringt, beginnt mit seiner Origin Story und erstreckt sich schließlich über vier wahrhaft heldenhafte Geschichten. So muss er es mit dem infantilen Superschurken Hugo Schlonz alias Babyboy ebenso aufnehmen wie mit einem widerspenstigen Aufzug, mit Gorgonzola, der Monsterspinne und als großes Finale Baldur, dem bösen Bomber. Hierfür hat er wie aus den Mad-Taschenbüchern gewohnt 160 Schwarzweiß-Seiten zur Verfügung, die sich meist auf ein, manchmal zwei Panels beschränken, sodass Don Martins klarer karikierender Strich in den kauzigen, bizarren Zeichnungen optimal zur Geltung kommt. Brutaler Slapstick und anarchischer, respektloser bis absurder Humor geben sich die Klinke in die Hand und verschmelzen zu einer satirischen Parodie klassischer Superhelden-Topoi. Darüber hinaus wird der Film-noir-Stil aufs Korn genommen, wenn Käpt’n Hirni bedeutungsschwanger wie ein Off-Sprecher in kurzen Blocktexten zu seinen Leserinnen und Lesern spricht, jedoch von den dazugehörigen Bildern konterkariert wird, wenn sie die tatsächlichen, wenig rühmlichen Umstände und Ereignisse zeigen. Das „Käpt’n Hirni“-Konzept ist mitsamt seinen Gags ziemlich gut gealtert und ich amüsiere mich nach wie vor köstlich über die Abenteuer des Helden in seiner gepunkteten Unterhose. Käpt’n Hirni for MCU!

11.12.2019, Monkeys Music Club, Hamburg: EXUMER + PRIPJAT + REACTORY

Zuletzt kam’s knüppeldick mit Konzerten, die ich nur ungern hätte sausen lassen, auch wenn sie auf ungünstigen Terminen lagen: Das war bei EXCITER am Sonntag und auch bei diesem Thrash-Triple auf einem Mittwoch der Fall. Da ich den Headliner EXUMER noch nie live gesehen und Bock auf PRIPJAT hatte, ergriff ich die Gelegenheit der „Winter Hostilities Tour“ beim Schopfe – zumal REACTORY und PRIPJAT namentlich und konzeptionell ideal zusammenpassen. Gespräche bei EXCITER im Bambi hatten ergeben, dass die Hamburger Metal-Szene kaum Notiz von diesem Konzert genommen hatte. Die Promotion war offenbar nicht optimal gelaufen, tatsächlich fanden sich nicht überall, wo man es erwartet hätte, Hinweise auf diese Veranstaltung. Als etwas unglücklich empfand ich es auch, den Konzertbeginn mit 20:45 Uhr anzugeben, aber nur wenige Stunden vorher per Facebook bekanntzugeben, dass er auf 20:30 Uhr vorgezogen wurde – insbesondere, wenn der Opener ohnehin lediglich 25 Minuten spielt. Pünktlich wie die Maurer schroteten REACTORY aus Berlin dann auch vor leider nur rund zehn Leuten los. Die 2010 gegründeten Nuklear-Thrasher blicken auf eine Mini-LP und zwei Alben zurück, eine neue Langrille steht bereits in den Startlöchern. Ihr Stil bewegt sich zwischen ruppig, hektisch und technisch anspruchsvoll, manchmal auch alles gleichzeitig, der Gesang ist schön giftig und ein paar Gangshouts sorgen für eine leichte Crossover-Note. Selbstbewusst spielte die Band gleich vier Songs vom noch unveröffentlichten neuen Album, die Lust auf mehr machten, und der Sänger wanderte auch mal durchs Publikum, statt nur auf der Bühne zu verharren. Ein paar mehr Hooks würden REACTORY hier und da gut zu Gesicht stehen, so oder so jedoch knallte der Gig des mit nur einer Gitarre ausgestatteten Quartetts vielleicht auch gerade wegen seiner würzigen Kürze, ganz sicher aber aufgrund des bombigen, druckvollen P.A.-Sounds gut ins Mett.

Die ein Jahr später als REACTORY in Leben gerufenen Kölner PRIPJAT mit zum Teil ukrainischen Wurzeln gehören zum geilsten, was diese Dekade an Thrash-Bands hervorgebracht hat. Als ich sie vor drei Jahren erst- und bis hierhin leider auch letztmals im Vorprogramm von PROTECTOR gesehen hatte, hatten sie mich völlig weggeblasen und mich zum Fan gemacht. Mittlerweile hat man zwei Alben draußen und nichts, aber auch gar nichts an Spielfreude eingebüßt. Das permanente Vollgas vergangener Tage wird nun von ein paar getrageneren, atmosphärischen Momenten und dem einen oder anderen weniger temporeichen Song aufgelockert. Der Fünfer holte alles aus seinen zwei Gitarren heraus und war permanent in Bewegung, der achtarmige Drummer Yannik leistete Übermenschliches und Kirill beherrschte die Doppelbelastung des Gitarrenspiels bei gleichzeitigem infernalischem Schreigesang perfekt. Das Publikum dürfte auf knapp 50 Personen angewachsen sein und bildete einen kleinen, dafür umso aktiveren Pit, der zusätzlich zur Kernschmelze beitrug, von der Band ständig gelobt wurde und dem wiederum mit gesteigertem Körpereinsatz begegnete – man schien sich gegenseitig hochzuschaukeln. Der vermeintlich letzte Song wurde von einem Sprach-Sample-Intro per Playback eingeleitet, natürlich folgte eine weitere Nummer und aufgrund der präzisen Pünktlichkeit und hohen Spielgeschwindigkeit aller hatte man sogar Zeit für einen letzten Absacker, der die Reaktormauern endgültig zum Einsturz brachte. Ein gnadenloser Gig, nach dem man sich selbst, wenn man sich nur außerhalb des Pits aufgehalten hatte, wie kräftig durchgenommen fühlte.

Als die Hessen EXUMER nach kurzer Umbaupause – so wurde beispielsweise das Drumkit um eine zweite Bassdrum erweitert – mit einem Klavierintro aus dem Playback in „The Raging Tides“ übergingen, waren einige leider bereits nach Hause gegangen, andere strichen während des Auftritts die Segel. Vermutlichen mussten sie am nächsten Morgen saufrüh raus, denn an EXUMER kann’s eigentlich nicht gelegen haben. Aber blicken wir zunächst einmal zurück: 1986 und 1987 hat die Band zwei Alben veröffentlicht, von denen sich besonders das Debüt „Possessed by Fire“ in Thrasher-Kreisen ungebrochener Beliebtheit erfreut. 2008 reaktivierte man EXUMER und veröffentlichte seitdem drei Studioalben, darunter das nun betourte „Hostile Defiance“. In der aktuellen Besetzung sind Sänger Mem von Stein und Gitarrist Ray Mensh aus der Ursuppe übriggeblieben, verstärkt um drei jüngere Mitglieder. Der durchtrainierte, bullige Glatzkopf und Frontmann Mem braucht nun keinen Bass mehr zu spielen, kann sich also voll auf sein akzentuiertes Shouting konzentrieren – scheint sein Instrument aber auch bisweilen zu vermissen, denn immer wieder setzt er zum Luftbassspiel an. Der Nachwuchs machte seine Sache sehr gut, die insgesamt dreiköpfige Saitenfraktion bereitete einen schön drückenden Soundwall. Mit dem Material seit der Reunion bin ich nicht sonderlich vertraut und freute mich daher, nun live eine Art Best Of geboten zu bekommen. Das Set lieferte einen guten Überblick über die drei jüngeren Werke, gewürzt mit ein paar Songs des „Possessed By Fire“-Debüts (das Zweitwerk „Rising From The Sea“ blieb glaube ich unberücksichtigt). Die alten Songs klingen ungestümer, die neueren kontrollierter und live wuchtiger, dafür ist aber die Hysterie aus der Stimme gewichen. Meines Erachtens hat die Band eine deutlichere Hardcore-Kante bekommen, die mich bisweilen an einen Act wie MERAUDER erinnerte. Mems Gesangsstil ist sehr eindringlich, deklamierend, in Kombination mit seiner von einigem Posing begleiteten Bühnenpräsenz ergibt das ein durchaus beeindruckendes Bild zwischen „No bullshit“ und „Don’t fuck with me“. Mir fehlen aber ein bisschen die Killer-Refrains, in denen man noch mal aufdreht, ‘ne Schippe drauflegt und damit letztlich im Ohr bleibt. Zum EXUMER-Stil scheint auch zu gehören, die meisten Songs recht abrupt enden zu lassen, was sie noch schnörkelloser und von Ballast befreit wirken lässt und mich einmal mehr an Hardcore erinnert. Alles in allem war das schon ein geiles Live-Erlebnis, das EXUMER schließlich vor einer leider arg spärlichen Kulisse bereiteten. Das hatten sie nicht verdient und tat mir echt leid. EXUMER gaben sich allerdings keine Blöße, zockten absolut souverän ihr Set durch und kamen sogar noch mal für ‘ne Zugabe aus dem Backstage zurück: Dem vom verbliebenen harten Kern frenetisch bejubelten Titeltrack des „Possessed By Fire“-Debüts! Sehr geil, Respekt!

Ob neben der eingangs erwähnten nicht optimal verlaufenen Promo auch der Umstand, dass alle drei Bands dieses Jahr schon mal in Hamburg gespielt hatten, zur überschaubaren Besucher(innen)zahl beigetragen hat und/oder evtl. gegen Jahresende gerade einfach zu viel los ist, lässt sich nur mutmaßen. Stirnrunzeln bereitet mir aber auch, dass man die beiden größten Städte Deutschlands an einem Dienstag und einem Mittwoch beehrte, statt diese auf Wochenendtermine zu setzen und die anderen Orte drumherum zu buchen. Ich will aber gar nicht meckern, denn für mich war’s eigentlich optimal: Ein Gig in der Quasi-Nachbarschaft, auf dem ich nachholen konnte, was ich dieses Jahr verpasst hatte. Ich wünsche allen drei Bands aber, dass die letzten Tourstationen besser besucht und größere Partys waren!

Mad-Taschenbuch Nr. 22: Sergio Aragones – Zum Schießen

Im 22. Mad-Taschenbuch kam zum vierten Mal Heftrandzeichner Sergio Aragones zu alleinigen Ehren. Das Bill Gaines gewidmete, 160 Schwarzweißseiten starke Büchlein versammelt eine Vielzahl sich über eine bis maximal drei Seiten erstreckende textlose Gagzeichnungen im gewohnten karikierenden Funny-Stil, deren Pointen sich von banal bis genial bewegen. Die Zeichnungen sind bisweilen überraschend detailliert ausgefallen und manchmal muss man schon mehrmals hingucken, um die Gags zu erfassen. Wer Aragones mag, wird hiermit seinen Spaß haben, der natürlich in doppelter Hinsicht entsprechend kurzweilig ausfällt: Textlastigere Mad-Taschenbücher wird man länger in den Händen halten und auch den einen oder anderen hintergründigeren oder satirischeren Witz mehr erhalten. Nichtsdestotrotz ein schönes weiteres Stelldichein eines Mad-Familienmitglieds der ersten Stunde.

08.12.2019, Bambi Galore, Hamburg: EXCITER + ASOMVEL

Wer schreit, hat recht

Die kanadische Speed-Metal-Legende EXCITER zählte bisher zu den Bands, die ich stets verpasst hatte, wenn sie in hiesigen Breitengraden ein Stelldichein gab. Um das endlich einmal zu ändern, raffte ich mich tatsächlich an diesem Sonntag auf und begab mich ins Billstedter Bambi. Meine Sorge, etwas zu spät zu kommen, erwies sich als unbegründet, technische Probleme verzögerten offenbar den Beginn. Mir bereits im VVK eine Karte gesichert zu haben erwies sich hingegen als weise Voraussicht, denn zu meinem Erstaunen platzte die Bude aus allen Nähten, der Großteil der HH-Oldschool-Metalszene schien sich in Bewegung gesetzt zu haben. Als die englischen ASOMVEL, die mir bis dato noch kein Begriff waren, sich inklusive ihres Drumkits den Bühnenabschnitt vor dem EXCITER-Drumriser aufteilten, vernahmen meine verwöhnten Ohren astreinen MOTÖRHEAD-Rock’n’Roll der klassischen Ära, konsequenterweise in Triogröße dargeboten. Bassist, Sänger und Lemmy-Sound-and-Lookalike Ralph zählt offenbar erst seit 2014 zur bereits 1993 (!) gegründeten Band und ließ wehmütige Erinnerungen ans goldene MOTÖRHEAD-Zeitalter aufkommen, das ASOMVEL sich tief injiziert haben. Der blonde Drummer Jani, sogar erst seit dem vergangenen Jahr in der Band, befand sich auf einer Höhe mit seinen Kompagnons, bangte, was das Zeug hielt, und trat seine beiden transparenten Bassdrums windelweich, während Gründungsmitglied Lenny an der Klampfe kräftig rock’n’riffte und in manch Refrain gesanglich unterstützte. ASOMVEL entpuppten sich als herrlich arschtretender Opener, der manch Sonntagskater austrieb und den Mob, der dies dankbar annahm, auf Temperatur brachte. Da schmeckte sogar das Konterbier!

Der EXCITER-Merchstand sah ganz schön traurig aus, außer ‘ner Mütze, ‘nem Metall-Pin und einer Autogrammkarte für’n Zehner (wer kauft so was?) gab’s nüscht – sämtliche Shirts waren im Tourverlauf bereits ausverkauft worden! Die aktuelle Inkarnation der Band verfügt erneut nicht mehr über die Originalbesetzung, nachdem Gitarrist John Ricci letztes Jahr ausgestiegen ist. Er wurde durch den Jüngling Daniel Dekay ersetzt, der auch kurz vor Beginn den Linecheck durchführte. Alleinstellungsmerkmal der Band ist natürlich der singende und schreiende Drummer Dan Beehler. Dieser ist fit und hat Bock, wenn er auch nicht mehr ganz so markerschütternd zu kreischen in der Lage ist wie einst in den ‘80ern. Seine ungewöhnliche Doppelbelastung meistert er ansonsten tadellos, wenn er auf seinem Riser erhaben über dem willigen Fußvolk thront, das seinerseits danach giert, seine Abhandlungen über Gewalt, Metal, Hass, Krieg und Tod, unterlegt von nachdrücklich polternden Drums, schneidenden Riffs und einem das Tieftonfundament gießendem Bass, in die Lauscher gebrüllt zu bekommen. Das Trio stieg mit „Violence & Force“, dem Titelstück des zweiten Albums, fulminant ein, forderte „Stand up and Fight“ und besang die „Victims of Sacrifice“. Irgendwas zwischen 15 und 20 Songs lang bot man einen handverlesenen Querschnitt durch die ersten vier Alben, also inklusive des etwas unterbewerteten „Unveiling The Wicked“ mit dem besonders hübschen Artwork, was mich positiv überraschte. Der Mob war vom ersten Ton an gut aufgelegt und in Bewegung, und bei „Heavy Metal Maniac“ brachen schließlich alle Schranken: Die Hymne wurde lautstark aus zig gut geölten Kehlen mitgesungen, Metalhead Niko erklomm sogar die Bühne dafür und zeigte stolz seinen zum Song passenden Rückenaufnäher, nackenmuskulaturstrapazierendes Banging und munteres Moshing vor der Bühne gingen mit entfesseltem Fistraising und feuchten Bierduschen einher. Ich habe mich auch besonders über „Break Down The Walls“ gefreut, ohne das man natürlich keine Deutschland-Tour antreten darf. Das fiese „Feel The Knife“, 1985 auf einer EP erschienen, kam ebenso zum Zuge wie – Überraschung! – das Demostück „World War III“, das ich noch gar nicht kannte. Ihm vorausgegangen war das mehrmals lauthals eingeforderte „Long Live The Loud“ und eigentlich sollte dann Schluss sein. Auf die Anfeuerungsrufe des Publikums hin fasste man sich jedoch ein Herz und hatte eine weitere Überraschung in petto: Eine höchst kompetent gezockte Coverversion des MOTÖRHEAD-Gassenhauers „Iron Fist“, zu der Bassist Allan Johnson eine ausgelassen tanzende junge Dame auf die Bühne bat.

EXCITER sind eines mittlerweile ja so vieler positiver Beispiele für Reunions alter ‘80er-Kultbands, von Rip-Off, Halbherzigkeit oder eingerostetem Talent keine Spur: Wie eine gut gewetzte Axt durch einen kanadischen Forst hatte sich die Band durch ihr Set geholzt. So blickte man im Anschluss auch ausnahmslos in begeisterte Gesichter, bevor ich schnellstmöglich den Heimweg antrat – immerhin stand bereits ein Lohnarbeits-Montag mahnend am Horizont…

07.12.2019, Lobusch, Hamburg: GEWALTBEREIT + ANTIGEN + HATEHUG

ABSTURTZ lockten ins Gängeviertel, CHEFDENKER beehrten das Hafenklang, ich aber entschied mich fürs Geballer-Konzert in der Lobusch. Kurz nach 21:00 Uhr war allerdings noch kaum jemand da, sodass noch reichlich Wasser die Elbe (und Bier die Kehle) runterfloss, bis das Berliner Krachquartett HATEHUG irgendwann sein Intro in Form einer Rückkopplung in zwei Tönen erzeugte und anschließend seinen D-Beat/Crust-Punk durchholzte. Das ging relativ unterbrechungsfrei, zu Ansagen oder Kommunikation mit dem mittlerweile in beachtlicher Anzahl erschienenen Publikum ließ sich der Brüllhannes im Sega-Shirt nicht herab. Eben jenes Publikum sah sich dann auch kaum zu Reaktionen genötigt, Gespräche in der Umbaupause ergaben aber, dass die Band durchaus zu gefallen wusste. Tight, konsequent und zudem gut abgemischt war’s allemal und meine Ohren nun frei.

Von ANTIGEN hatte ich bisher lediglich das 2006 erschienene Debütalbum gehört, das mir mit seinem deutschsprachigen Punkrock nicht so gut reinlief. Ehemals in Göttingen stationiert, ist Sängerin/Bassistin Steffi mittlerweile nach Prag übergesiedelt und scheint ihre Band dort einer Neuausrichtung unterzogen zu haben. Die Texte sind nun auf Englisch und der Sound ist verglichen mit dem Debüt – was seitdem veröffentlicht wurde, kenne ich ehrlich gesagt nicht – deutlich härter und kantiger, aggressiver Hardcore-Punk mit angecrusteter Klampfe und Steffis zwischen Rotz, wütendem Geschrei und etwas Melodik mäanderndem Gesang als Alleinstellungsmerkmal. Auch wenn man aufgrund der Verhinderung des zweiten Gitarristen lediglich in Triogröße auftrat, kam das sehr gut und machte Laune, zumal der herausragende Drummer technisch einwandfrei die flotten Beats wirbelte und das Tempo wie eine gut geölte Nähmaschine hielt. U.a. meine lautstarken Forderungen nach einer Zugabe brachten die Band in die Verlegenheit, einen bereits gespielten Song zu wiederholen. „Weißer Mann“, der Hit vom Debüt, zählt heutzutage leider nicht mehr zum Set, hätte wohl auch einen Stilbruch bedeutet. Nichtsdestotrotz: Toller, überzeugender Gig, der Stimmung in die Bude brachte!

Diese erreichte ihren Höhepunkt bei GEWALTBEREIT aus Leipzig, die erst letztes Wochenende im Störtebeker gespielt hatten. Supergarstiger Hardcore-Punk mit klasse auf den Punkt kommenden deutschsprachigen Texten wie damals in den ‘80ern, pfeilschnell und stakkatoartig vom auch mal die Bühne verlassenden Frontmann geshoutet. Im Prinzip klang die Band, als würde man die Klassiker des Genres auf 77 statt 33 rpm abspielen. Gefühlt war schon nach ‘ner Viertelstunde Feierabend, was ungefähr 20 Songs bedeutet hätte und somit sogar hinkommen könnte. ‘ne Zugabe war auch noch drin, außerdem habe ich mir das Stichwort „Kaninchen“ notiert, weiß aber nicht mehr, warum. Ganz nüchtern war ich auch nicht mehr, stattdessen hochgradig euphorisiert. Scheißegal also, GEWALTBEREIT sind die Underground-Band der Stunde für alle, die die Schnauze voll von Post-Gedöns, Ironiepunk und verklausuliertem Emorock haben!

Fazit: Schön, mal wieder Zeit für ein Konzert in der Lobusch gefunden zu haben. Es handelte sich um die letzte Veranstaltung der Disgigz-Konzertgruppe in 2019, die ‘nen klasse Job gemacht und ein sehens- und hörenswertes Line-up auf die Bühne geholt sowie ‘nen schön wuchtigen Sound aus der P.A. gekitzelt hat. So kann’s nächstes Jahr gern weitergehen!

23.11.2019, Kulturpalast, Hamburg: True Thrash Fest: RAZOR + TOXIK + BLOOD FEAST + AT WAR + RIVERGE + EXCUSE

Das True Thrash Fest ist eigentlich eine japanische Veranstaltung, auf der sich alte und neue Thrash-Helden die Klinke in die Hand geben. Unter Headbangers-Open-Air- und Bambi-galore-Bookerin Steffi wurde es nun erstmals zu einem Franchise für Hamburg, ein eintägiges Indoor-Festival im großen Billstedter Kulturpalast also, mit einem Warm-up abends zuvor im kleinen Bambi. Gründer Mikitoshi Matsuo schaute übrigens höchstpersönlich nach dem Rechten, er war kurzerhand mit nach Hamburg gereist. Das Warm-up mit TOXIK, die unter dem Namen FALSE PROPHETS das „World Circus“-Album durchspielten, sowie den türkischen THRASHFIRE und BLOOD FEAST aus den USA musste ohne mich stattfinden, man berichtete mir hinterher jedoch, dass der THRASHFIRE-Drummer nicht einreisen habe dürfen und daher kurzerhand der Drummer der finnischen Band EXCUSE für ein paar Songs aushalf und ansonsten zusammen mit seinen eigenen Bandkollegen einsprang, EXCUSE also ungeplant bereits beim Warm-up auftraten.

Nach einem ersten raschen Blick in den Merch-Bereich eilten Madame und ich in die Halle, um uns eben jene EXCUSE anzusehen, die jedoch offenbar als Soundcheck-Band herhalten musste: Da passte zunächst einmal nichts zusammen. Übermäßig lauter Bass, viel zu leises Drumkit, unhörbarer Gesang. Als die Drums lauter wurden, kämpfte man mit Rückkopplungen. Irgendwann bekam der Mischer den Sound in den Griff, sodass man sich endlich auf die Musik konzentrieren konnte. Die fünfköpfige Band, die nach einigen Splits und EPs letztes Jahr ihr Debütalbum veröffentlicht hat, war mir bis dato vollkommen unbekannt, ließ mit atmosphärischem Thrash zwischen Uptempo und ruhigeren Parts, melodischen Gitarrensoli und rauem, knurrigen Gesang aber aufhorchen. Schade, dass man sie fast der Hälfte ihres Gigs beraubte, indem man die Kanäle erst einmal aufeinander abstimmen musste. Hätte man das nicht vorm Gig mit einem vernünftigen Soundcheck lösen können?

Im Anschluss ging’s erst mal einkaufen, RAZOR hatten schnieke Metall-Pins und ihr japanisches Live-Album dabei – was ich nach längerem Anstehen käuflich erwerben konnte. Es hatte sich nämlich tatsächlich eine Schlange am Stand gebildet… Von BLOOD FEAST wollte ich die „Chopped, Sliced and Diced“-Mini-LP mitnehmen, die’s auf Vinyl in drei Varianten gab (schwarzes Vinyl, Beer-Splatter-Vinyl und Shape in Bandlogo-Form), die mir für gerade einmal vier Songs aber alle zu teuer waren (ab 17,- EUR aufwärts). Doch siehe da: CD und MC verfügen über zwei Songs mehr, das Tape war gar für nur 6 Öcken zu haben und wurde somit zum Tonträger meiner Wahl.

Aus der Heimat des Festivals stammen RIVERGE, die mir ebenfalls so gar nichts sagten. Das japanische Quartett gründete sich anscheinend bereits in den 1980ern, löste sich aber 1989 auf, um 2007 zurückzukehren und 2009 und 2012 seine beiden Alben (und ein Jahr später eine EP) zu veröffentlichen. Dennoch verschlug es sie erst mit diesem Auftritt erstmals nach Europa. Der Saal war mittlerweile proppenvoll und glücklicherweise auch der Sound bereits beim ersten Song gut. Der Stil der Band entpuppte sich weniger als „True Thrash“, wenn man den Begriff denn auf die Goldwaage legen wollte, denn vielmehr als schnell gespielter Oldschool-Crossover aus Hardcore und Thrash, wie er in der zweiten der Hälfte der 1980er von manch Band gezockt wurde. Der monotone Leadgesang des barfüßigen Sängers mit blonder Warrel-Dane-Gedächtnisfrisur unter einer ausladenden Kopfsocke wurde vom ergänzenden Gekeife des Gitarristen und des Bassisten flankiert. Der Mann am Sechssaiter richtete kurz vor Schluss dann auch mal ein paar Worte ans Publikum, ansonsten beschränkten sich an diesem Nachmittag die Ansagen bis hierhin weitestgehend auf die Nennung der Songtitel. Der Gig massierte einem jedenfalls gut die Schläfen – werde mal schauen, ob ich die Alben im Netz zum Reinhören finde.

Zeit zum Essenfassen! Direkt auf dem Gelände gab’s zwar ein Restaurant, uns stand aber mehr der Sinn nach Imbissfraß. An der Brutzelbude vor der Tür wurde leider nur totes Tier feilgeboten, weshalb wir uns zum Dönerladen am Bahnhof begaben. Sämtliche Überlegungen, die Dürüm-Falafeln gemütlich sitzend zu verspeisen, verwarf ich aufgrund des engen Zeitplans, und tatsächlich: Es blieb nicht mal mehr die Zeit für die Zigarette danach, gerade noch rechtzeitig zum Opener „Conscientious Objector“, einem meiner Favoriten des US-Thrash-Trios AT WAR, war ich zurück vor der Bühne. Die ihr Kriegsimage pflegende Band hat in den 1980ern zwei Alben veröffentlicht, die schönes Geholze irgendwo zwischen MOTÖRHEAD, VENOM und SODOM enthalten, dessen Charme ich einst erlag. Im letzten Jahr folgte mit „Infidel“ sogar überraschend ein drittes Album. Zugleich eröffneten sie an diesem Tage den Reigen der Bands, die ich gern mal live gesehen hätte, bisher aber noch nie die Gelegenheit dazu hatte. Umso mehr freute ich mich, dass der Sound ordentlich Wumms hatte und die Band genauso fies wie auf Platte klang. Filigrane Gitarrensoli sind ihre Sache nicht, stattdessen eröffnen Songs wie „Ordered to Kill“, „Eat Lead“ oder „Rapechase“ ohne Umschweife das Dauerfeuer. „Ilsa (She-Wolf of the SS)“ über den gleichnamigen Naziploitation-Schundfilm hatte den perfekten Mitgrölrefrain, woran auch das finale „At War“ anknüpfte, good old MOTÖRHEAD zollte man mit einem „The Hammer“-Cover Tribut. Natodraht und Tarnnetze spannten AT WAR diesmal zwar nicht auf der Bühne, dafür trugen sie aber schusssichere Westen. Bassist und Sänger Paul verfügt noch immer über beachtlich volles langes Haupthaar und bellte die Texte mit kehligem Organ, der Gitarrist ballte das Gesicht zur Faust oder zog Grimassen und dem Drummer sah man seine Anstrengungen richtiggehend an. Bei AT WAR werden eben keine Drohnen programmiert, da ist Krieg noch schwere Handarbeit!

BLOOD FEAST aus New Jersey, USA, machten in den ‘80er mit zwei Alben und einer Mini-LP auf sich aufmerksam und sind nicht nur seit 2007 wieder am Start, sondern veröffentlichten 2017 mit „The Future of State Wicked“ auch ein starkes Comeback-Album, dem 2018 die bereits erwähnte Mini-LP „Chopped, Sliced and Diced“ folgte. Mit der Macht zweier Gitarren klopfte das Quintett das Publikum mittels präziser Hochgeschwindigkeit, brutalen Rhythmen und fiesem Gesang windelweich. „Kill for Pleasure“ war möglicherweise der brutalste Song des ganzen Abends, erbarmungslos dargereicht von einer einmal mehr in Würde gealterten Band, die sich frisch und agil wie junge Hüpfer präsentierte. Die Meute vor der Bühne drehte immer mehr durch und ich drohte, meine Nackenmuskulatur überzustrapazieren. Ein Rausch aus extremem Thrash mit eher Death-Metal-typischen Textinhalten bei perfektem Sound, der insbesondere die bisweilen etwas unterproduzierten alten Gassenhauer in neuem Glanz erklingen ließ. Alle Pommesgabeln hoch für diesen makellosen Gig!

TOXIK hatte ich Ende der ‘80er auf der legendären Roadrunner-Records-Werkschau „Stars on Thrash“ mit ihrem hysterischen Hektiker „Heart Attack“ kennengelernt, tat mich aber generell eher schwer mit ihrem proggy Tech-Thrash mit Kopfgesang. An Songs wie „Victims“ oder „Spontaneous“ (vom 1989er „World Circus“-Nachfolger „Think This“ mit dem genialen Cover-Motiv) fand ich aber trotzdem großen Gefallen. In der Besetzung, in der nur noch Saitengott Josh Christian von der alten Garde übrig ist, schickte man sich nun also an, das komplette „Think This“-Album aufzuführen, nachdem wie bereits erwähnt abends zuvor schon der „World Circus“ im Bambi Station gemacht hatte. Eine der Besonderheiten der Band ist die Austauschbarkeit des Sängers. So klangen bereits Mike Sanders vom Debüt und Charles Sabin vom Nachfolger für meine Ohren weitestgehend identisch, wenngleich es sich um ziemlich anspruchsvolles Fischen in den höchsten Frequenzen handelt. In Ron Iglesias, einem drahtigen, dürren Typen, der sich sogar seine Skinny-Jeans regelmäßig hochziehen muss, hat man tatsächlich jemanden gefunden, der den Originalsängern in nichts nachsteht. Ich hatte mich vor allem auf den Gig gefreut, um den geilen Gitarrensound der Alben einmal live zu erleben und die technische Seite der Band zu beobachten, auf deren Live-Umsetzung ich neugierig geworden war. Und ich wurde nicht enttäuscht: Josh geriet zwar arg ins Schwitzen, zauberte aber faszinierend souverän übers Griffbrett, um das Material des, wie er selbst sagte, „complicated albums“ möglichst originalgetreu zu reproduzieren. Ebenso fehlerfrei agierte die Rhythmusfraktion aus Bassist Shane Boulos, der den fünfseitigen Bass via Tapping spielte, und Tausendsassa Jim DeMaria, der an der Schießbude jeden Break verinnerlicht hatte – ganz zu schweigen von Ron, der mühelos jeden Ton zu treffen schien und die Halbballade „There Stood the Fence“ ebenso beherrschte wie das Alarmsirenengeheul der flotteren Stücke. Gewöhnungsbedürftig blieb das Material nach wie vor, wenngleich es gelang, es mir etwas näherzubringen und mich dazu verleitete, mir das Album mal wieder in Ruhe aus der Konserve anzuhören. Das Playback spielte übrigens die zugehörigen Samples zwischen den Songs ein, sodass es an nichts mangelte. Josh stellte seine aktuellen Bandmitglieder namentlich vor, und als wolle man sich fürs konzentrierte Zuhören bedanken, haute man dann am Ende noch einen Dreier vom Debüt raus: „Heart Attack“ überzeugte den letzten Zweifler, „Social Overdose“ und – jaaa! – „Victims“ provozierten die Meute, noch mal richtig ausrasten, erfüllten all meine Wünsche und ließen mich tief beeindruckt mit einem großen Grinsen im Gesicht genüsslich in die nächste Pause gehen. Seit den beiden Reunions 2007 und 2013 haben TOXIK einiges an älterem Material aufbereitet und überarbeitet veröffentlicht und auch den einen oder anderen neuen Song zustande gebracht, womit ich mich mal eingehender zu beschäftigen plane…

Die kanadischen Speed/Thrash-Pioniere RAZOR spielten 1985 so schnell, dass sie gleich zwei Alben im selben Jahr veröffentlichten. Als ich als Knirps in den alten „Metal Hammer“-Ausgaben meines Schwagers blätterte, wusste ich, dass ich diesen Stoff unbedingt brauche, was sich bestätigte, als ich ihn endlich bekam. Zur Proto- und Kultphase um Sänger Sheepdog gesellte sich nach dem Sängerwechsel zu Bob Reid 1990 mein heimliches Lieblingsalbum „Shotgun Justice“ – vielleicht das einzige Album, auf dem ein Drummer (bis auf einen halben Song) permanent dasselbe (hohe) Tempo spielt, ohne dass es mir zu monoton würde. Dies liegt vor allem auch an Reids heiserem Asi-Gebelle, das dazu beitrug, die Platte fast mehr nach Hardcore als nach Metal klingen zu lassen. Eben jener Reid stand auch an diesem Abend auf der Bühne und beherrschte sowohl das Songmaterial seines legendären Vorgängers als auch sein eigenes, u.a. indem er es verstand, seinen Gesangsstil mit spitzen Schreien zu verknüpfen. Auch hier war der Sound bombig, RAZOR gingen mit „Cross Me Fool“, „Iron Hammer“ und „Violent Restitution“ gleich in die Vollen und es gab, frei nach RANDALICA, „Tote auffe Tanzfläche“ – ok, nicht ganz, aber bereits nach dem dritten Song musste jemand verletzt aus dem Pit getragen werden… Es war nun wirklich kollektives Ausrasten angesagt und RAZOR gaben dem Affen unnachgiebig Zucker. Immerhin gab es zwischen den Songs immer mal wieder ein bisschen Zeit zum Luftholen, denn Bob zeigte sich, verglichen mit anderen Bands, relativ redselig. Gründungsmitglied und Gitarrist Dave Carlo, wie man mir erzählte offenbar von einer starken Sehschwäche geplagt, mischte sich für einen Song (war’s „Instant Death“?) todesmutig unters Publikum, um dort den Song zu performen, mit „Parricide“ fand sich einer meiner absoluten Favoriten im Set und als man zum großen Finale mit den unkaputtbaren Klassikern „Take This Torch“ und „Evil Invaders“ ausholte, bat man für letzteren alle, die Bock hatten, auf die Bühne, aber auch darum, die Band nicht zu befummeln. So bot sich als krönender Abschluss das Bild einer Bühneninvasion und einer Vielzahl an Stagedivern, womit man dem Geist und der Action von Thrash-Shows in den glorreichen ‘80ern verdammt nahgekommen sein dürfte.

Damit endete diese spektakuläre Sause – sechs Bands, all killers, no fillers! Fast unglaublich, an wie viele Bands, die live zu sehen mir bisher nie vergönnt gewesen war, ich einen Haken machen konnte. Ich lieh mir sogar noch Geld, um am RIVERGE-Stand kurzerhand noch eine der vielen Live-DVDs der japanischen Festivals mitnehmen zu können. Am liebsten hätte ich gleich alle eingesackt – ich hoffe, dass sich die Gelegenheit noch mal ergibt, denn dieses erste deutsche True Thrash Fest schreit nach Wiederholung! Von mir aus dürfte es gern jährlich stattfinden. Vorschläge fürs nächste Mal hätte ich natürlich auch: SACRIFICE, FLAMES (aus Griechenland), HALLOWS EVE, SADUS, EVILDEAD und BULLDOZER! Bis dahin aber erst mal danke an alle Beteiligten für eines der Konzerte des Jahres!

TV-Jahrbuch 1991

ISBN: 3-8927779-01-6

Firmierte das erste TV-Jahrbuch „Spielfilme 89 – Die Höhepunkte des Fernseh-Jahres“ noch unter der Mutterzeitschrift „Cinema“, war es also ein Ableger jenes Kinomagazins und somit der Kino Verlag GmbH, vermarktete man den Nachfolger „Spielfilme 1990“ als Buchableger der „Video Plus“-Zeitschrift, einem damals neuen „Cinema“-Spin-Off für den Heimkinomarkt, und gab daher im Impressum die Video Zeitschriften Verlag GmbH an. Nachdem im August 1990 die legendäre und sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreuende TV-Zeitschrift „TV Spielfilm“ ins Leben gerufen wurde, prangt nun deren Logo auf dem Buchrücken des TV-Jahrbuchs 1991, das Impressum weist die Verlagsgruppe Milchstraße aus. Die Anzahl der Senderlogos auf dem Titel hat sich um zwei auf insgesamt neun erweitert, denn die Kabel-/Satellit-Kanäle 3Sat und Eins Plus waren hinzugekommen. Statt Stallone druckte man ein gezeichnetes „Conan“-Motiv Arnold Schwarzeneggers aufs Cover des nun knapp 200 Seiten umfassenden Bands.

Sein Vorwort nutzt Chefredakteur Willy Loderhose, um die von den Privatsendern vorangetriebene Tendenz zum Senden rund um die Uhr (das damals noch nicht selbstverständlich war) und die damit gestiegene Nachfrage nach dadurch nach den Regeln des Markts immer teurer werdenden Sendelizenzen für Spielfilme zu skizzieren, was im Nachhinein die Zunahme von Werbeblöcken erklärt. Damit einher geht aber auch ein immer breiteres Spielfilm-Angebot im TV, was Loderhose zur Überschrift „Fernsehen = Heimkino“ veranlasste – zumal er am Ende auf den in den Startlöchern stehenden Pay-TV-Sender „Premiere“ verweist, damals für 39 DM monatlich abonnierbar. Auch aufgrund der dadurch zunehmenden Konkurrenz zeigt er sich dem Fernsehjahr 1991 gegenüber optimistisch. Das Inhaltsverzeichnis macht Werbung für die „TV Spielfilm“, bevor Thomas Müller-Siemens im Vorwort zum Spielfilmteil jedoch vor Masse statt Klasse warnt.

Dieser Abschnitt nimmt natürlich den Löwenanteil des Buchs ein und stellt Filme wie „Amadeus“, „Harry und Sally“, „The Untouchables“, „Angel Heart“ etc. inklusive schöner großer Bilder vor. Überraschend kritische Worte findet man zu den „Rambo“-Fortsetzungen, Tim Burtons „Batman“-Filmen, dem dritten „Indiana Jones“ und „Der Sizilianer“. Wenn im Artikel über „Der Prinz von Zamunda“ auf ein Interview mit Eddie Murphy verwiesen wird, das sich im Buch gar nicht findet, ahnt man: Bei den Filmvorstellungen und -rezensionen dürfte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um unverändert aus verschiedenen „Cinema“-Ausgaben übernommene Texten handeln. Dass diese mitunter vom Buch-Layout stark abweichen, irritiert ebenso wie das mangelnde Lektorat, denn anscheinend wurden einige orthographische Klopse direkt mittransferiert. Die Infokästen zu den einzelnen Filmen sind mitunter unvollständig, teilweise fehlt gar das Erscheinungsjahr. Schlimmer ist aber das lange Zeit für die „Cinema“-Filmvorstellungen übliche Spoilern von Wendungen, Pointen und Enden.

Der „Filmhits des Jahres“-Abschnitt wird von der Vorstellung diverser sich bestimmten Schauspieler(inne)n, Figuren oder Regisseur(inn)en widmenden Filmreihen aufgelockert, wobei man mitunter kritische Worte zur Filmauswahl fand. Offenbar als weniger wichtig erachtete Spielfilme erhalten in den senderspezifisch eingestreuten „Kurz belichtet“-Rubriken lediglich Kurzvorstellungen, was leider auch für diverse Werkschauen gilt. Ein nicht unbeträchtlicher Anteil an Spielfilmen findet sogar nur noch in unsortierten Auflistungen ohne weitere Informationen statt, im Falle meine ehemaligen Lieblingssenders Tele5 betrifft dies leider den Großteil der Ausstrahlungen. Immerhin erfährt man so, dass Filme wie „Spasmo“, „Mit Django kam der Tod“ oder „Il Nero – Hass war sein Gebet“ dort offenbar liefen. Generell macht es Spaß, sich zu erinnern zu versuchen, was man damals selbst gesehen hat, und abzugleichen, was es als TV-Mitschnitt ins VHS-Privatarchiv gebracht hat. Weniger schön hingegen ist es, feststellen zu müssen, die eine oder andere in der deutschen Fassung überhaupt nicht mehr erhältliche, echte Rarität mitzuschneiden versäumt zu haben…

Im Vorwort zum Serienteil beschreibt Meriko Gehrmann die RTL-Produktion „Ein Schloss am Wörther See“ [sic!] als Novum, hatten die Privatsender bis dahin doch vornehmlich Serien eingekauft, statt sie selbst zu produzieren – der Erfolg schien RTL recht zu geben, denn wie wir wissen, folgten unzählige weitere Eigenproduktionen. Der Serienteil wird hier stattdessen noch bestimmt von „Twin Peaks“, „Allein gegen die Mafia“, „Alf“, „Miami Vice“ und „Peter Strohm“. Schön, dass auch weniger geläufige Serien, die seinerzeit auf Tele5 liefen, Berücksichtigung finden. Den aufkeimenden Wettkampf um immer gewinnträchtigere und spektakulärere Gameshows zwischen den Öffentlich-Rechtlichen und den Privaten handelt man auf einer Doppelseite im Serienteil ab, die im Inhaltsverzeichnis unterschlagen wird.

Der vom übrigens Inhalt losgelöste Erotikteil fällt mit nur vier Filmvorstellungen erneut ziemlich dünn aus und wird wie gewohnt ergänzt von einer Übersicht über andere Erotikformate – „Tutti Frutti“ & Co. waren immer noch Themen, waren sie doch Aufreger und Quotenbringer gleichermaßen. So greift Artur Jung sie auch in seinem Vorwort auf und kritisiert die Doppelmoral, mit der man ihnen gegenüberstand. Ein wunderbares Zeitdokument ist der von einem Vorwort Silke Kieneckers eingeleitete Abschnitt „Stars 1991“, der neben Peter Striebeck, Thekla Carola Wied, Peter Falk, Günther Jauch und Konsorten auch die durch die Wiedervereinigung ins gesamtdeutsche Fernsehen drängenden Stars der ehemaligen DDR porträtiert, angefangen bei Wolfgang Lippert über Carmen Nebel bis hin zu Gunther Emmerlich. Den Sonderstatus, den Programmansager Denès Törzs damals einnahm, unterstreicht seine Berücksichtigung in dieser Kategorie, war er doch bekannt für besonders eloquente und informative Filmeinführungen – gute alte Zeiten. Leider endet dieser Abschnitt eher peinlich, wenn im üppig bebilderten Text über das Hamburger „Die Schmidts“-Varieté aus Lilo Wanders „Frau Wandas“ wird, die „life“ statt live auftritt…

Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik ist auch ein Thema des Sportteils, in dessen Vorwort Michael Schrödner große Hoffnung in die Athletinnen und Athleten des ehemaligen deutschen Realsozialismus setzt.  Ferner gehen aus seinen Zeilen die Bedeutung des deutschen Siegs der Herrenfußball-WM im Vorjahr und der anhaltenden Erfolge im Tennis durch Steffi Graf und Boris Becker hervor. Heute nur noch schwer vorstellbar: Damals hatten tatsächlich die Privatsender den Öffentlich-Rechtlichen zum wiederholten Male die Lizenzen für Spitzenfußball- und -Tennis-Berichterstattung weggeschnappt, weshalb sich ARD und ZDF auf weniger populäre Sportarten beschränken mussten. Schrödner verweist auf das kommende Pay-TV-Angebot Premieres, „jede Woche ein Bundesligaspiel live und in voller Länge“ auszustrahlen, woraus bekanntlich das Hauptverkaufsangebot des Senders erwuchs, dessen Nachfolger Sky heute etliche Privathaushalte und Gaststätten mit x parallelen Sport-Liveübertragungen sowie -Konferenzen versorgt. Eine Doppelseite beschreibt den aktuellen Stand der Schwergewichts-Weltmeisterschaft im Boxen und verweist in weiser Voraussicht auf den ehemaligen DDR-Champ Henry Maske, Wrestling heißt noch Catchen und wird ebenso wie andere Randsportarten in den Sportspartenkanälen Eurosport oder Sportkanal zu sehen sein, die somit nun auch Erwähnung finden – innerhalb eines Artikels, der den Siegeszug des Sport-Pay-TVs voraussagt. Auf einen kurzen Abschnitt zum Tennis folgt eine Übersicht über die wichtigsten Sportereignisse 1991, wobei die Spalte „TV“ in vielen Fällen frei blieb: Offenbar waren die Übertragungsrechte noch nicht geklärt.

Den damaligen Stand der Fernsehlandschaft in der Rezeption fasst der für ein solches Buch relativ detaillierte Statistikteil zusammen, in dem erwartungsgemäß die Fußball-WM-Spiele mit deutscher Beteiligung die Einschaltquoten-Ranglisten dominieren, ansonsten aber erstmals die Privaten – im sechsten Jahr ihres Bestehens – die Öffentlich-Rechtlichen überholt haben. Somit wird der temporäre Siegeszug des Privatfernsehens dokumentiert, während zugleich Michael Lohmann in seinem Vorwort den Wettbewerb zwischen beiden Formen begrüßt. Wie gehabt runden ein Inhaltsverzeichnis, ein Index  und ein ausführliches Adressverzeichnis auch diesen Band ab, der sich gut eignet, die damalige TV-Landschaft ausgehend vom Fokus aufs Spielfilmangebot nachzuvollziehen, aber auch an seine Grenzen hinsichtlich der schieren Fülle gerät – und nicht zuletzt ob seiner Fehler etwas mit heißer Nadel gestrickt wirkt.

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