Günnis Reviews

Monat: März 2020

Gerald Fricke / Frank Schäfer – Das Campus-Wörterbuch

Klugscheißerhumor

„Das Campus-Wörterbuch“, 1998 gut 100 Seiten stark im Eichborn-Verlag erschienen, steht in der Tradition vom späteren Rock- und Metal-Literaten Frank Schäfer in Koautorschaft mit Kollegen wie Gerald Fricke verfasster „lexikalischer Werke“, die sich vielmehr der humoristischen, persiflierenden Auseinandersetzung mit ihrem jeweiligen Themenkomplex verschrieben haben. „Unter Mitarbeit einiger Fachgelehrter“, also inklusive einigen Gastbeiträgen, knöpfen sich Fricke und Schäfer den kompletten universitären Wortschatz „von Abitur bis Zwangsexmatrikulation“ vor und grasen damit einen allein schon aufgrund seines elitären Vokabulars sehr dankbaren Bereich ab. Und selbst, wenn man wie der Verfasser dieser Zeilen bereits im fünften Semester ist, wird man noch nicht ohne Weiteres alle hochtrabend klingenden Begriffe korrekt zuzuordnen wissen. Da hilft dieses Taschenbuch, das sprachlich zwischen wissenschaftlichem Duktus und deftiger Polemik fast alles auseinandernimmt, was mit Unis und dem Studierendendasein zu tun hat. Beides wird kräftig aufs Korn genommen, manchmal vielleicht etwas sehr selbstverliebt in die Fähigkeit zur eigenen akademisch verschwurbelten Schreibe und nicht immer unter Rücksichtnahme auf die Rezipierenden, die mitunter nur Bahnhof verstehen, wenn es allzu Insiderwissen-voraussetzungsreich wird.

Stand des Buchs ist indes 1997 und seitdem hat sich doch einiges geändert. Da „Das Campus-Wörterbuch“ jedoch auch immer wieder Bezug auf historische Ereignisse oder Personalien nimmt, vermittelt es einen durchaus aufschlussreichen Eindruck von der Vergangenheit – und davon, was sich anscheinend nie ändert. Manch einer bekommt ganz schön sein Fett weg und auch die Beurteilung der unterschiedlichen deutschen Universitätsstädte dürfte aufgrund ihres bisweilen beißenden Spotts nicht vorbehaltlos auf Gegenliebe stoßen. Kein Buch zum Durchackern am Stück, sondern zum immer mal wieder Hervorholen und sich alphabetisch Vorarbeiten, flankiert von einem Vorwort, einem – natürlich – Literaturverzeichnis sowie, als besondere Pointe, einem vernichtenden Gutachten dieser „Diplomarbeit“ durch Prof. Dr. Hanno Hackmann, eventuell bekannt aus Dietrich Schwanitz’ „Der Campus“-Roman.

Ralph Valenteano – Das Lächeln der Liebe. Der siebenstufige Pfad zu einer erleuchteten Beziehung

„Was ist das Geheimnis einer erfüllenden Beziehung? Begleiten Sie die unglückliche Beziehungswaise Mali dabei, wie sie ihre Antwort auf diese Frage aller Fragen findet. Hilfe erfährt sie dabei von dem erleuchteten Beziehungsweisen Malik, dem einst von Buddha und Jesus die ,Kunst des Herzens’ und das Wissen um den ,siebenstufigen Pfad zu einer erleuchteten Beziehung’ gelehrt wurden.“ (Klappentext)

Der Musiker und Verfasser von Büchern „zu mystischen und spirituellen Themen“ (Wikipedia) Ralph Valenteano veröffentlichte im Jahre 2011 über den Darmstädter Schirner-Verlag dieses 80-seitige Büchlein mit Lettern großzügigen Formats, das angereichert wurde mit iStock-Illustrationen, die an fernöstlichen Buddhismus gemahnen sollen, aber vielmehr an all diese bis unter die Decke mit überteuertem, überflüssigem Krempel vollgepackten, penetrant nach Räucherstäbchen müffelnden Esoterik-Läden erinnern. In Form eines kitschigen Märchens, in dem die hübsche Mali, die stets an die falschen Partner gerät, auf den weisen Heiler Malik trifft, der sie an die Hand nimmt und lehrt, wird die universelle Botschaft vermittelt, dass man erst einmal sich selbst finden muss, bevor andere einen lieben können. Diese simple Formel ist sicherlich nur allzu wahr. Um keine ungesunden emotionalen Abhängigkeiten zu entwickeln und jedes Mal aufs Neue denselben Mist durchzumachen, sollte man sich darüber bewusst werden, welche eigenen Charakterzüge, Fehler und unverarbeiteten Verletzungen bis hin zu Traumata einem die jeweils falschen Partnerinnen oder Partner eigentlich widerspiegeln, und daraufhin in seiner eigenen Seele mal kräftig entrümpeln, aufräumen und feucht durchwischen, um mit sich selbst im Reinen zu sein und dadurch Partnerinnen oder Partner kennenlernen zu können, die dies auch sind und mit denen eine erfüllende Beziehung auf Augenhöhe möglich wird, in der man sich gegenseitig ergänzt statt sich herabzuziehen.

So weit, so gut. Die Besserwisserei des Allwissenheit für sich beanspruchenden Malik in diesem Büchlein ist jedoch ebenso befremdlich wie die undifferenzierte Aufforderung zur Vergebung. Natürlich kann man unaufgeräumten Ex-Partner(inne)n, mit denen man chaotische und turbulente oder schmerzhafte Zeiten hinter sich hat, verzeihen, ist man erst einmal mit sich selbst im Reinen und sich darüber bewusst, wie und weshalb man diese Partnerschaft heraufbeschworen und was man für seinen weiteren Lebensweg an Lehren daraus gezogen hat. Mit keiner Silbe geht Valenteano jedoch darauf ein, dass sich mitnichten alles vergeben lässt, schon gar nicht, wenn etwas vorgefallen ist, was seinerseits Traumata o.ä. ausgelöst hat. Auch esoterischer Humbug wie „Alle Menschen sind auf der geistigen Ebene miteinander verbunden“ ist abzulehnen. Das wäre ja furchtbar! Dieses Büchlein propagiert ferner unverbesserlichen Optimismus – als müsse man nur fest genug an etwas glauben, damit es in Erfüllung geht. Auf komplexere, weitergehende Fragen jedoch weiß auch Valenteano keine Antwort und wirft stattdessen munter mit Jesus- und Buddha-Zitaten um sich und bringt auch noch Gott ins Spiel. Diese verquaste Vermengung religiöser Konnotationen mit esoterischem Geschwurbel ist ärgerlich, aber letztlich typisch für diese Klientel in ihrer Erklärung psychologischer Phänomene mittels übernatürlicher „Mächte“.

So hilfreich es sein mag, innerhalb einer auf Effizienz, Konkurrenzkampf und Technologiegläubigkeit ausgerichteten Welt zu sich selbst zu finden, sein persönliches emotionales Gleichgewicht auszutarieren und sich eine gewisse Spiritualität zu wahren, so kontraproduktiv ist es, einfache Wahrheiten esoterisch aufzuladen und bedeutungsschwanger mit Begriffen wie „Erleuchtung“ u.ä. um sich zu werfen, um eine weltfremde Klientel entsprechend zu bedienen, statt an den gesunden Menschenverstand zu appellieren.

06.03.2020, Villa, Wedel: EUPHORIE + HARBOUR REBELS + BOLANOW BRAWL + BACKPAIN

Bei einem solch reizvollen Gig-Angebot unterbrechen wir dann doch gern mal unsere Aufnahmen, denen unsere Proben weichen mussten, proben wenigstens ein, zwei Mal das Set und begeben uns frohen Mutes nach Wedel, wo wir vor einigen Jahren schon mal zur Audienz gebeten hatten. Erfolgreich beanspruchten wir auch diesmal, den Opener zu machen. Der Soundcheck lief super (mit der Ausnahme, dass Christian ein Kabel schrottete und sich Ersatz leihen musste), HARBOUR-REBELS-Drummer Chris griff tatkräftig beim Anbringen des Banners unter die Arme und die frisch zubereitete Kürbissuppe+ (mit diversen Gemüseeinlagen) inklusive Baguette mundete vorzüglich – Kompliment an die Küche! Unsere Tradition, auf wenigstens eine Bierlänge den Veranstaltungsort zu verlassen und ein einheimisches Lokal aufzusuchen, verschlug uns diesmal in die Bahnhofskneipe „Holsteiner“, wo Astra vom Fass leer war und wir daher unsere Knollen bei Beschallung mit fragwürdigen Gangsta-Rap-Videos auslutschten.

Gegen 21:30 Uhr zockten wir vor rund 50 Leuten unser Set durch, das mit „Cliché“ eine Live-Premiere enthielt. Der neue Song verfügt über die bisher einzige deutsche Textzeile unserer Bandgeschichte, nämlich der perfekt mit dem Titel korrespondierenden „Heute gehen wir saufen – Punkrock, Fußball, Oi!“. Wie im Prinzip auch alles andere flutschte das Ding anstandslos. Zwischen den Songs fiel auf, dass gefühlt die Hälfte unseres Programms vom Hafengeburtstag inspiriert ist (dem Hamburger wohlgemerkt, nicht dem Wedeler oder gar dem Buxtehuder), und für jeden debilen Gag forderte Christian von Raoul einen Schlagzeugtusch ein. Keith wiederum dankte mir jedes Verlassen der Bühne zugunsten der Tanzfläche, die ich an diesem Abend ständig mit ihm (statt wie sonst mit Ole) aneinanderrasselte. War ‘ne willkommene Abwechslung, mal wieder live zu spielen – nur für ‘ne Zugabe erschien uns der Mob vor der Bühne noch etwas zu müde, weshalb wir ihm diese ersparten.

Die HARBOUR REBELS, jene erst vor wenigen Jahren gegründete Hamburger Streetpunk-Band um Ex-FAST-SLUTS-Bassistin Jule am Gesang und Mitgliedern von HEIAMANN, INSIDE JOB etc., belegten den mittleren Slot. Vornehmlich deutschsprachige, eingängige Songs mit viel Melodie und Hooks, knackigen Refrains und Jules fantastischer Stimme decken neben szenetypischen Themen (mein Favorit: „Trunkenbold“!) auch ernstere, unerfreulichere Bereiche ab, womit man sich angenehm von rein diverse Klischees bedienenden oder mit „unpolitischer“ Laissez-faire-Haltung kokettierenden Langweilern absetzt. Die Band ist schon verdammt weit rumgekommen (ich sag‘ nur: Asien-Tour) und äußerst konzertfreudig, sodass sie auch bestens eingespielt ist und alles sitzt wie ‘ne Eins. Geschmack bewies man auch bei der Cover-Version „Skinhead Times“ von THE OPPRESSED. Spitzenband und ein klasse Auftritt, der zurecht abgefeiert wurde!

Headliner des Abends waren somit die Münchner EUPHORIE, die nach der „Euphorie im Blut“-EP jüngst mit „Mittelfinger“ ein Hit-Album im guten alten unbekümmerten Oi!-Schraddel-Punk-Stil mit kräftiger Leck-mich-Attitüde abgeliefert haben. Ihre Heimatstadt verorten manche nach Bayern, für manch Hamburger oder Schleswig-Holsteiner hingegen ist das längst Norditalien. Aus Sicherheitsgründen und in Ermangelung von paranoiden Deutschen weggehamsterter Desinfektionsmittel arbeitete ich bereits den ganzen Abend daran, möglichen Corona-Infektionen mit der Alkoholkeule zu begegnen und meinen Körper von innen heraus bestmöglich vorbeugend zu desinfizieren. Das schien sehr gut zu funktionieren, ich fühlte mich mopsfidel und dazu in der Lage, die bestens auf den Punkt kommenden deutschsprachigen Alltagshymnen des Trios tanzend zu begleiten. Der EUPHORIE-Gig avancierte zur perfekten Party; obwohl die drei bereits einige Tourtermine in den Knochen hatten, gaben sie sich keine Blöße und hauten kräftig auf die Kacke. Sauber!

Doch anstatt das einfach mal als Höhepunkt des Abends stehenzulassen, setzte Wedel noch einen drauf: Die Oldschool-Hardcore/Hardcore-Punk-Combo BACKPAIN hatte sich spontan entschlossen, im Anschluss ans reguläre Programm noch einen kurzen Gig anzuhängen. Dieser wurde der totale Abriss, der mich derart unvorbereitet traf, dass ich Fotos zu machen vergaß und mich auch ansonsten nicht mehr detailliert erinnern kann – außer, dass die Kleinstadt an der Grenze zu Hamburg einmal mehr eine unfassbar talentierte Band ausgespuckt hat, die mit verschiedenen Shouterinnen und Shoutern (u.a. LAST-LINE-OF-DEFENSE-Eloi und DERANGED-Mareike) die Scheiße noch mal so richtig zum Kochen brachte! Das war die Kirsche auf der Sahnehaube eines klasse Abends, nach dem ich aber auch froh war, noch zwei Tage Wochenende vor mir zu haben. Nicht so übrigens HARBOUR REBELS: Diese zockten direkt am nächsten Tag in den Fanräumen für den guten Zweck, die Rollstuhl-Erlebnisreisen Giambo. Und auch EUPHORIE mussten in Limburg noch mal ran. Respekt! Danke an Benny, Nelly und alle anderen in die Organisation Involvierten, natürlich an Bands und Publikum sowie an Svenja und Flo für die Schnappschüsse!

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