Günnis Reviews

Datum: 11. Mai 2020

Mad-Taschenbuch Nr. 26: Antonio Prohias – Der 4. Geheimband von Spion & Spion

Im Jahre 1980 erschien der vierte „Spion & Spion“-Band innerhalb der deutschen „Mad“-Taschenbuchreihe im Williams-Verlag, der im US-amerikanischen Original bereits 1974 veröffentlicht worden war. Wie gehabt füllen je ein oder zwei Panels die rund 160 unkolorierten, nun wieder nummerierten Seiten, auf ein Vorwort wurde diesmal ebenso verzichtet wie auf die Alliterationen in den Titeln der zwölf Geschichten. Der schwarze und der weiße Spion bekriegen sich erneut ebenso dialogfrei wie erbarmungslos, über ihre Hintergründe erfährt man nichts. Sie repräsentieren das Schwarzweiß-Denken des Kalten Kriegs, das Prohias unter Aussparung jeglicher darüber hinausgehender politischer Kommentare durch den Kakao zieht. So weit, so bekannt. Eine neue Dimension jedoch dürfte die Kreativität und gleichermaßen Absurdität erreicht haben, mit denen sich die beiden Spitznasen gegenseitig Fallen stellen, die stets in verheerenden Explosionen, Unfällen oder Verletzungen münden. Die Unvorhersehbarkeit dieser abstrusen Kettenreaktionen ist es dann auch, die den Spaßfaktor dieses weiteren Spionage-Handbuchs ausmacht, und man kann sich nur wundern, woher Prohias seine aberwitzigen Einfälle nimmt. Die konsequente Reduktion auf dieses Konzept bei gleichzeitig überschäumendem Konstruktionsgeist, um bei stets gleichem Ausgang die im Prinzip immer selbe Geschichte auf vollkommen neue Weise zu erzählen – das ist es, was diese Comics zum Kult machte und einen Eindruck davon vermittelte, auf welch unterschiedliche Weise man sich gegenseitig nach dem Leben trachten kann, wenn es der einzige Inhalt der eigenen Existenz ist. Inspirierend!

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 3: 1955 – 1956

„Die Menschen verlieren einfach ihren Sinn für Humor… Es muss an all den Abenteuer-Comics liegen.“ – Charlie Brown am 3. April 1956

Der dritte Band der „Peanuts“-Werkausgabe des Hamburger Carlsen-Verlags umfasst auf 330 Seiten die Jahre 1955 und 1956 der Reihe, also sämtliche damals täglich in diversen Tageszeitungen erschienenen unkolorierten Comicstrips inkl. der Sonntagseiten in ihren deutschen Überstetzungen, ergänzt um eine wunderbar ehrerbietende vierseitege Einführung des „Die Simpsons“-Vaters Matt Groening. Die Doppelseite mit dem Schulz charakterisierenden Nachwort Gary Groths ist indes identisch zu der aus Band 2.

Das Cover ziert diesmal Pig-Pen, der seit Juli 1954 das Figurenensemble bereichert. Am 23. Juli 1955 ist er erstmals sauber zu sehen. Weitere Premieren: Mitte September 1955 spricht Lucys kleiner Bruder Linus erstmals, die Brabbelphase hat er anscheinend übersprungen. Als Running Gags werden Snoopy und das Crocket-Spiel, Linus’ Ausruf „Da kräht in fünfhundert Jahren kein Hahn mehr nach!“ sowie seine Marotte, Daumen und Zeigefinger zu einem Colt zu formen und damit zu „schießen“ – meist auf seine Schwester, wenn sie ihn besonders nervt –, etabliert. Doch am längsten dürfte sich das wiederkehrende Motiv Charlies vergeblicher Versuche, einen von Lucy gehaltenen Football zu treten, gehalten haben, das in diesem Band ebenfalls seinen fröhlichen Einstand feiert. Bereits 1955 sind Allsatelliten und eine mögliche Mondlandung Thema und im Dezember liegt Schnee, Silvester und der Jahreswechsel werden ’55/’56 jedoch kurioserweise von Schulz komplett ignoriert und bleiben unthematisiert.

Dem Verständnis dienlich ist das Glossar im Anhang, das u.a. die von den Peanuts aufgegriffene Begeisterung für einen gewissen Davy Crockett erklärt: Es handelte sich um einen US-amerikanischen Nationalhelden, der nach einem von Dezember 1954 bis Februar 1955 ausgestrahlten Disney-Dreiteiler über sein Leben zum Kinderidol avanciert war – was die damalige Obsession für Waschbärenmützen manch Schulz’scher Figur erklärt. Charlies selbstgezeichnete Comics stoßen hingegen noch immer auf keinerlei Interesse und Lucy kann einfach nicht bei Musikus Schröder landen, bildet sich dafür aber immer noch viel darauf ein, die größte Nörgelliese der Welt zu sein.

Snoopy indes entwickelt immer mehr Marotten und ist präsenter als je zuvor: Leidenschaftlich imitiert er andere Tiere und sogar Menschen, was zu den gelungensten Gags dieses Zeitabschnitts zählt. Im Herbst 1956 beginnt er gar, regelmäßig zu tanzen – sehr zu Lucys Leidwesen. Er entwickelt eine Vorliebe für Chopin und wird im hohen Gras klaustrophobisch. Das Zeitgeschehen bleibt nicht auf Davy Crockett und die Raumfahrtfaszination beschränkt: Am 22. Juni 1956 hält der Rock’n’Roll Einzug ins Peanuts-Universum, indem Lucy Elvis Presley für sich entdeckt. Der arme Charlie jedoch wird zunehmend gemobbt, reagiert aber am entnervtesten auf Lucys Versuche, die Welt zu deuten. Damit erinnert sie an all diejenigen, die heutzutage stets im Brustton der Überzeugung ihr Unwissen selbstgefällig in sozialen Netzwerken herausposaunen – und beweist damit die Zeitlosigkeit dieses Comic-Klassikers.

Schulz bleibt seinem Konzept treu, sich ausschließlich auf die Kinder und Charlies Hund Snoopy zu fokussieren und die Erwachsenenwelt weitestgehend auszusparen bzw. lediglich in Gesprächen der zwischen naiv und altklug pendelnden und damit ihren speziellen Charme entwickelnden Kinder untereinander aufzugreifen. Der einzige Dialog mit einer erwachsenen Figur findet am 15. Dezember 1956 statt, als Lucys Mutter ihrer Tochter aus dem nichtsichtbaren Bildbereich heraus eine Antwort zuruft. So lässt es sich gleichsam Freude an den pointierten bis nachdenklichen Comicstrips haben und fasziniert die Evolution der Reihe und des Schulz’schen Konzepts weiterverfolgen sowie ganz allgemein immer wieder darüber staunen, wie für den täglichen schnellen Konsum in den Tageszeitungen auch sich über mehrere Strips verteilende kleine Geschichten ihre tägliche kleine Pointe aufweisen. Eine Kunst der Zeichner von Daily-Strips für sich. Wie gewohnt runden ein Index und eine Vorschau auf den nächsten Band das auf festem Kartonpapier gedruckte Hardcover-Buch ab, dessen Fortsetzung schon bereitliegt. Seine rund 30,- EUR ist dieser mit einiger Restaurationsarbeit seitens des Verlags verbundene Band wert und ich bin froh, kein mittelloses Kind mehr zu sein, das staunend vor diesen hochwertigen Comicausgaben steht, ohne sie sich auch nur ansatzweise leisten zu können. Comic-Geschichtsunterricht vom Feinsten!

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