Günnis Reviews

Monat: August 2020

Charles M. Schulz – Die Peanuts: Werkausgabe, Bd. 5: 1959 – 1960

„Von allen Charlie Browns dieser Welt ist er der Charlie Brownste!“ – Linus, 1. Juli 1959

Der fünfte Band der „Peanuts“-Werkausgabe des Hamburger Carlsen-Verlags deckt die Jahre 1959 und 1960 ab und vereint in gewohnt hochwertiger Ausführung – festes mattes Kartonpapier, Hardcover-Buchdeckel, Schutzumschlag – alle in diesem Zeitraum täglich erschienenen, je vier Panels umfassenden unkolorierten Zeitungsstrips inkl. der großformatigen Sonntagsseiten in streng chronologischer Reihenfolge in ihren deutschen Übersetzungen. Inklusive des sich sehr angenehm lesenden Interviews, das Gary Groth im Juli 2005 mit Schauspielerin und Peanuts-Fan Whoopi Goldberg führte, Groths bekanntem Nachwort, dem Stichwortindex und dem ausführlichen Glossar, das popkulturelle und in den Übersetzungen verloren gegangene Bezüge und Wortspiele erläutert, bringt es auch Band 5 auf rund 330 Seiten.

„Ich mag die Menschheit… Nur die Menschen kann ich nicht ausstehen!“ – Linus, 12. November 1959

Das Cover ziert Patty, die jedoch keine allzu große Rolle spielt. Bemerkenswerter ist jedenfalls Linus, der im Februar ’59 erstmals versucht, sich seiner Schmusedecke zu entwöhnen. Kurz darauf wird es zu einem Riesenproblem, dass Charlie Brown ein Buch aus der Bücherei verlegt hat. Und im Sommer zerstören Lucy und ihr kleiner Bruder Linus sich ständig gegenseitig ihre Sandburgen. Snoopy indes entspannt mittlerweile bevorzugt auf statt in seiner Hundehütte, womit Schulz eines der unverwechselbaren Markenzeichen des Beagles etablierte. All dies steht jedoch im Schatten eines ganz besonderen Ereignisses: Am 26.05.1959 kommt Charlies kleine Schwester Sally zur Welt! Erstmals zu sehen ist sie indes erst am 23.08.1959 – und die Welt der Peanuts damit um eine Attraktion reicher.

Linus, der mittlerweile zur Schule geht, interessiert sich jedoch weitaus mehr für seine Lehrerin Fräulein Othmar, für die er überaus schwärmt und die er in höchstem Maße idealisiert. Um Halloween ’59 herum ist er übrigens tatsächlich ein paar Tage lang ohne seine Schmusedecke zu sehen und lässt sich auch später noch auffallend oft ohne sie blicken. Ob sein Glaube an den „Großen Kürbis“ ihm die Kraft dazu verleiht? Diese köstliche Persiflage auf Aberglaube führt Schulz in diesem Jahr ein und zieht reichlich Humor aus dem Umstand, dass der fantasiereiche und seiner Schwester rhetorisch schnell überlegen gewordene, aber weiterhin kindlich-naive Linus den Halloween-Brauch reichlich missverstanden hat. Charlie hadert unterdessen damit, „wischiwaschi“ zu sein, bevor bedauerlicherweise 1959 das eigentliche Weihnachtsfest gar nicht thematisiert wird. Fiel Weihnachten damals im Hause Schulz aus? Zur Tradition gereift scheinen hingegen mittlerweile Snoopys Attacken auf Linus’ Schmusedecke geworden zu sein, die sich als Running Gag durch die Strips ziehen.

Auch 1960 wird Charlie von den Mädchen massiv beleidigt und gemobbt, während sich Lucy in einem weiteren Dauerbrenner-Motiv unablässig an Schröder heranschmeißt. Im März 1960 macht Snoopy kraft seiner aerodynamischen Ohren den „Hundschrauber“ und steigt damit einfacher in die Luft als die zahlreichen Drachen, die Charlie einfach nicht zum Steigen bekommt. Beim Baseball läuft’s auch nicht besser, Charlie bleibt der ewige Verlierer, was ihm nachts sogar den Schlaf raubt. Für Freude sorgen stattdessen die Episoden um Linus’ Bibliotheksausweis, auf den er mächtig stolz ist, aber eigentlich nicht viel mit ihm anzufangen weiß. Im Juli 1960 überschlagen sich die Ereignisse: Lucy beginnt, politische Cartoons zu zeichnen, und Linus will von zu Hause weglaufen! Glücklicherweise misslingt dieses Unterfangen, sodass sich Sally im August in ihn verlieben kann – zuckersüß! Snoopy betätigt sich sportlich, indem er im Boxring gegen Linus, Charlie und Lucy antritt und zum „irren Kicker“ wird, bevor im Dezember 1960 Beethovens Geburtstag gefeiert wird.

Auffallend ist, dass auch 1960 keine Familienweihnachtsfeiern oder erhaltene Geschenke thematisiert werden. Aufgrund des Stresses, den Linus vor der weihnachtlichen Schulaufführung empfindet, scheint das Fest 1960 gar tendenziell negativ konnotiert. Im Zusammenhang mit Charlies ständigen Misserfolgen und den Demütigungen, denen er sich unverschuldet ausgesetzt sieht, ergibt sich eine Konterkarierung des Humors, eine Art gequältes Lächeln, resultierend aus Alltagssorgen, Erwartungsdruck, Versagensängsten und Gruppendynamik – idealer Nährboden also, auf dem Lucy ihr Geschäftsmodell der Freiluft-Psychologie errichtet, das hier seinen Ursprung feiert. In diesen letzten beiden Jahren des Jahrzehnts ist der Humor noch besser und bisweilen bissiger geworden. Schulz’ Figuren verhandeln einerseits Kinderthemen wie Erwachsene, sehen sich andererseits aber auch gezwungen, sich als Kinder mit Themen auseinanderzusetzen, für die sie eigentlich zu jung sind. Die Abwesenheit jeglicher Erwachsener – weder Fräulein Othmar noch irgendein Elternteil ist je im Bild zu sehen – verstärkt den latenten Eindruck, die Kinder seien auf sich allein gestellt. So bleibt viel Raum zum Philosophieren, mal beinahe altklug, mal kindlich unbedarft. Allem großartigen Humor zum Trotz endet das erste Peanuts-Jahrzehnt mit eben jener Ambivalenz, die zu Schulz’ Markenzeichen wurde und sicherlich viel über den Autor preisgibt – und über den US-amerikanischen Zeitgeist jener Jahre.

Gerald Fricke / Frank Schäfer – Petting statt Pershing: Das Wörterbuch der Achtziger

Auf „Die Goldenen Siebziger: Ein notwendiges Wörterbuch“ folgte ein Jahr später, 1998, die logische Fortsetzung: „Petting statt Pershing: Das Wörterbuch der Achtziger“, ebenfalls im Reclam-Leipzig-Verlag erschienen. Diesmal ohne Beteiligung Rüdiger Wartuschs knöpften sich die Braunschweiger Autoren Gerald Fricke und Frank Schäfer die 1980er vor und zählten damit zu den Pionieren in der literarischen Aufarbeitung des Dezenniums der Postmoderne, die in Deutschland aus der Posthistorie und dem mit ihr verbundenen allgemeinen Krisenbewusstsein entstanden war.  Die Vergangenheit galt als fern, das Subjekt als tot, ehemals fortschrittliche Entwicklungen als überholt. Dadurch wurde wieder alles möglich: Wiederaufnahme traditioneller Gattungs- und Genremuster, Spiel mit ästhetischen Formen, ironische Brechung, Mischung der Stillagen, Zitat und Intertextualität, was sich auch in der thematischen Beschäftigung mit Unbewusstem, Verdrängtem, den dunklen Seiten der Persönlichkeit äußerte. Artistik statt Authentizität wurde zum Leitbild, privat-subjektive Alltagsbefindlichkeiten traten hinter einen neuen Kunst- und Stilwillen zurück.

Stilistisch blieben Fricke und Schäfer der eingeschlagenen Linie treu, sprich: statt eines „seriösen“, trockenen Lexikons verfasste man einen sarkastischen, alphabetisch sortierten Führer durch Politik, Gesellschaft, Literatur sowie Pop- und Subkultur der Jahre 1980 bis 1989 aus hochschulgebildeter bundesdeutscher Perspektive mit tendenziell progressiver Haltung. Mit den ca. 175 Seiten dieses Taschenbuchs bekam man einen etwas größeren Umgang zugebilligt, den man u.a. für ein sieben Seiten langes kommentiertes Quellen- und Literaturverzeichnis gut zu nutzten wusste. Ein knappes Vorwort und eine kurze Einführung sowie elf Schwarzweißbilder runden das Buch ab.

Sich dieses Wörterbuch im Jahre 2020 während eines (von der Covid-19-Pandemie leider empfindlich unterbrochenen) grassierenden popkulturellen ‘80er-Retrotrends zu Gemüte zu führen, das zudem nun bereits 22 Jahre auf dem Buckel hat, erlaubt eine spezielle Sichtweise sowohl aufs Jahrzehnt als auch auf dieses Buch, die die Verfasser damals natürlich noch nicht haben konnten. Bereits in ihrem ‘70er-Wörterbuch hatten sie durchblicken lassen, wahrlich nicht die größten ‘80er-Fans zu sein. Doch am Ende jener Dekade stand die überraschende Erkenntnis, dass die Apokalypse ausgeblieben und stattdessen der sog. Ostblock relativ sang- und klanglos in sich zusammengefallen war. Verglichen mit den Desillusionen und dem Wahnsinn, die in den ‘90ern über vernunftbegabte Menschen hereinbrachen, muten sie jedoch in der Retrospektive paradiesisch an. In den ‘90ern galt vieles als überholt und peinlich, was in den ‘80ern noch angesagt war – ein Irrtum, wie man längst weiß. Für diese Erkenntnis musste man mutmaßlich jedoch erst einmal die ‘90er überwinden, ergo findet sie sich noch nicht in „Petting statt Pershing“, dessen Titel einer Losung der Friedensbewegung entlehnt wurde. Und vom angeblich schon Ende der ‘90er eingesetzten ersten ‘80er-Revival habe ich nichts mitbekommen – wenn, dann muss es sich um ein kurzes Strohfeuer oder eine Mogelpackung (wie z.B. Modern-Talking-Remixe mit Dancefloor-Beats) gehandelt haben.

Nichtsdestotrotz ist dieses Wörterbuch weit weniger aggressiv anti-‘80er ausgefallen, als ich befürchtet hatte, überwiegend bietet es einen recht nachvollziehbaren Rundumschlag zwischen Einordnung und Polemik, der sich an diejenigen richtet, die selbst dabei gewesen sind. Beim „Alternatives Leben“-Eintrag handelt es schon beinahe um eine in sich abgeschlossene Kurzgeschichte, John Hughes „Breakfast Club“ hat man verstanden und würdigt ihn entsprechend, verrückte Vergleiche wie der Rainald Goetz‘ mit John Belushi gefallen mir ebenso wie der Raum, der (mutmaßlich Schäfers) Literaturkritik eingeräumt wurde – Ulla Hahn z.B. erstreckt sich über drei Seiten, auch Motörhead wird angemessen viel Platz geschaffen, das Videospiel „Pacman“ tiefenpsychologisch interpretiert und gegen Wim Wenders‘ „Paris, Texas“ ausführlich polemisiert. Genug davon, gehen wir über zur Kritik: Mit Popmusik stand man offenbar so sehr auf Kriegsfuß, dass sich zahlreiche Flüchtigkeitsfehler einschlichen (oder hatte man Sorge, bei korrekter Schreibweise Gema-Abgaben leisten zu müssen?): Bananarama sangen „talking Italian“, nicht „talking Italia“, der Queen-Hit hieß „I Want To Break Free“ (hier unterschlug man das Personalpronomen), in Depeche Modes „People Are People“ hieße es korrekt es statt „what…“ „WHY should it be“, bei „U2 – Where The Streets Have No Names“ dichtete man einen zweiten Plural dazu und aus Grandmaster Flash machte man „Grandmaster Flesh“. Ähnliche Fehler finden sich unter „Conan“, wo man dem Filmwissenschaftler Dr. Rolf Giesen mit einem zweiten „s“ an Schärfe verleiht, und unter „Kultur ‘88“, wo Loriot hilflos mitansehen muss, wie aus seiner Komödie „Ödipussi“ das Russ-Meyer-Vehikel „Ödipussy“ wird. Und schickte es sich 1998 tatsächlich noch, US-amerikanische Basketballer als „Neger“ zu titulieren?

Den Versuchen, die Friedensbewegung derartig undifferenziert zu verhöhnen, dürfte das reaktionäre Lager kräftigen Applaus gespendet haben. Echte Männer finden Stevie Wonders „I Just Called To Say I Love You“, jene wunderschöne Liebeserklärung mit ihrem warmem Bass als Herzschlag, natürlich zutiefst kitschig und widmen der Attacke auf dieses Stück einen von nur zwei Eintragen unter „I“. Zugegeben, die dem „Kinder an die Macht“-Eintrag zugrundeliegenden Überlegungen in Bezug auf den gleichnamigen Grönemeyer-Song kamen mir auch, Gerhard Henschels ehrrührendes und zynisches Zitat über Reinhard Mey ist jedoch eine einzige Frechheit, deren Abdruck man sich besser geklemmt hätte. Einen den Rahmen  des Buchs sprengenden Eindruck vom Facettenreichtum der ‘80er liefern die Abschnitte „Erfindungen“ und „Zum goldenen Schluß: Was noch fehlt“, unter denen einfach aneinandergereiht wird, worüber man nicht schreiben wollte, konnte oder durfte. Dafür geizte man nicht mit Fremdwörtern und veralteten Vokabeln, was der ohnehin mitunter etwas arroganten Schreibe der Verfasser einen bisweilen unangenehm elitären Duktus verleiht: Autochthonen, kujoniertisch (gibt’s das Wort überhaupt?), rousseauistisch, Trouvaille, extemporiert, Chinoiserie, pyknisch, alludierend, onomatopoetisch, anheischig, insinuieren, kobolzen, lukullisch, Troglodytenkino, saturiert, opak, akzeliert und karriolen. Glückwunsch, Jungs, da braucht man gleich ein weiteres Wörterbuch.

Definitiv fehlt ein Eintrag zum Thema Heavy Metal, was Schäfer zutiefst bedauerte und fortan verstärkt als Autor von Musikbüchern in Erscheinung trat und im Jahre 2001 sogar ein Werk gleichen Titels veröffentlichte. Und das noch einer gewissen juvenilen Wortschatzprahlerei geschuldete Jonglieren mit ungebräuchlichen Begriffen bekam er später bekanntlich auch noch weitestgehend gezähmt. Mein mit den Jahren retrospektiv gewachsenes, persönliches sympathisierende Interesse für (zumindest für jemand subkulturell Sozialisierten) größere Teile postmodern geprägter, sich neue Freiheiten zunutze machender Populärkultur der ‘80er teilen Schäfer und Fricke in diesem Band sicherlich nicht – doch würde es mich kaum wundern, betrachteten sie heute das eine oder andere doch aus einem etwas anderen Blickwinkel und kämen sie mitunter zu anderen Schlüssen. Mit seiner zwischen seinen Buchdeckeln verschriftlichten Haltung den ‘80ern gegenüber ist „Petting statt Pershing“ jedenfalls sehr ‘90er.

Zum Abschluss ein Netzfundstück zum Thema:

Frank Miller / Klaus Janson / Lynn Varley – Batman: Die Rückkehr des dunklen Ritters

Zu US-Comiczeichner Frank Millers ersten erfolgreichen Arbeiten gehört seine revolutionäre Adaption des Batman-Stoffs, die als „The Dark Knight Returns“ im Jahre 1986, ursprünglich in vier Bänden, veröffentlicht wurde und eingedeutscht o.g. Titel trägt. Die deutsche Fassung erschien erstmals 1989 und liegt mittlerweile in mehreren verschiedenen Auflagen vor. Meine ist der 2017 im Panini-Comics-Verlag erschienene, 228 Seiten starke Hardcover-Band, der neben Millers und Jansons von Varley kolorierten Zeichnungen die überarbeitete Übersetzung Steve Kups‘ und Jürgen Zahns enthält. Erweitert wurde diese Ausgabe um eine Einleitung Jürgen Zahns, ein ausführliches Vorwort Millers, ein Interview Brian Azzarellos mit Miller aus dem Jahre 2015, Millers erstes Exposé, alternative Coverbilder, Skizzen und ein Nachwort Christian Endres‘. Volles Programm also, für seine 25,- EUR bekommt man einen ordentlichen Gegenwert.

Um den stagnierenden Verkäufen der DC-Comics entgegenzuwirken, entschied man sich seinerzeit zu einem im DC-Multiversum mutigen, radikalen Schritt: Batman war deutlich gealtert und befand sich in einem selbstauferlegten Vorruhestand, Superman hatte sich unlängst enttarnt und diente nun dem US-Präsidenten und der bzw. die später hinzustoßende Robin ist weiblich. Potzblitz, das hatte es zuvor nicht gegeben. Wann immer die Reihe bisher einen Reboot erhalten hatte, war Batman wieder ein topfitter, moralisch über jeden Zweifel erhabener junger Mann, an Supis Geheimidentität wurde nicht gekratzt, Robin war stets ein Junge – und sollten die vielen verschiedenen Zeichner und Autoren doch einmal erzählerisch miteinander kollidiert sein und Widersprüche produziert haben, wurde das Problem gelöst, indem man einen der Handlungsstränge schlicht zu einem parallel auf einer weiteren Erde des Multiversums stattfindenden erklärte.

Dieser Batman oder vielmehr dieser 55-jährige Bruce Wayne ist unter Millers Federkiel nun jemand, der in den 1980ern desillusioniert von Batman in der dritten Person spricht und, noch immer mit Butler Alfred auf seinem Anwesen am Rande Gotham Citys lebend, seine doppelte Identität wie eine gespaltene Persönlichkeit behandelt – im Prinzip ähnlich wie bei ehemaligen Gegenspielern à la Harvey „Two-Face“ Dent. Diesem hat er eine plastische Operation finanziert, um seine Resozialisierung zu unterstützen. Als Batman trat er lange nicht mehr in Erscheinung, die Stadt wird mittlerweile von einer brutalen Gang, die sich „Die Mutanten“ nennt, in Atem gehalten; Gotham wird stärker von Kriminalität erschüttert als je zuvor. Diese gibt letztlich den Ausschlag dafür, dass er wieder als Batman auftritt; zeitgleich tritt Harvey Dent wieder auf den Plan und droht, die Twin Towers (!) dem Erdboden gleichzumachen. Batman bereitet sich auf den Kampf gegen den Mutantenführer vor und findet in Carrie Kelly ein Mädchen, das er zum neuen Robin ausbildet.

Doch die öffentliche Wahrnehmung hat sich geändert: Es findet eine öffentlich geführte Debatte über die Legitimität der Batman’schen Selbstjustiz statt. Der US-Präsident beauftragt gar Superman damit, Batman aufzuhalten. Und tatsächlich hat sich eine Gruppierung gebildet, die sich „Batmans Söhne“ nennt und mit unverhältnismäßig brutalen Mitteln gegen Kleinkriminelle vorgeht. Batmans alter Erzfeind, der Joker, wiederum wird vom naiven Psychologen Dr. Bartholomew Wolper als geheilt erachtet, ohne zu ahnen, dass Batmans Rückkehr auch dessen schwerstkriminelles, psychopathisches Wesen reaktiviert. Schafft Batman die Psychopathen, die er bekämpft, im Endeffekt also selbst? Oder muss er als Sündenbock einer sich verändert habenden Gesellschaft und eines Politik- und Mediensystems herhalten, in dem das Pochen auf Prinzipien wichtiger geworden ist als Menschenleben, in dem sich die Verhältnismäßigkeiten vollkommen verzerrt haben? Als aus dem Kalten Krieg zwischen den Systemen ein heißer wird, muss Superman eingreifen und versuchen, die tödlichen Folgen der aggressiven US-Außenpolitik einzudämmen…

Frank Miller zieht mit „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ sämtliche Register, unter Atomkrieg und dem Tod des Jokers macht er’s nicht. Die Vorgeschichte(n) Batmans integriert er meisterhaft in die Erzählung und entwirft ein psychologisch (das besondere Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Joker und Batman) und gesellschaftlich komplexes Szenario, das die Realität der 1980er auf- und überzeichnet auf die Spitze treibt und in Teilen den Desillusionen der 1990er vorweggreift. Miller ersetzt konventionelle Comic-Panels durch Fernsehapparate: Große Teile der Geschichte werden in Form von Nachrichtensendungen und Talkshows erzählt, die die Debatten bestimmen und anheizen – und sogar Serienmördern wie dem Joker ein Forum bieten, zum Sprachrohr seines behandelnden Psychologen und schließlich seiner selbst werden. Miller führt vor Augen, wie damals, in den Prä-World-Wide-Web-Zeiten, die Außenwelt wahrgenommen und konsumiert wurde: Übers TV-Gerät, das als kleiner, streng umrahmter Kasten in schematisch exakt angeordneten Panel-Grids in seinen Zeichnungen eine gewisse Form von Klaustrophobie erzeugt. „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ ist auch ein abstrahiertes Porträt der Generation TV. Als Batmans Fürsprecherin tritt mit einer ebenfalls gealterten, dick gewordenen Lana Lang eine weitere altbekannte Figur auf, was beweist, wie vertraut Miller mit dem Batman-Kosmos ist.

Zunächst einmal bekommen der sensationsjournalistische Debattenstil des medialen Overkills und Supermans plumper Patriotismus ihr Fett weg, später dann Ronald Reagan, der den Kalten Krieg für Ablenkungsmanöver von US-immanenten Missständen instrumentalisiert und letztlich gar einen Atomschlag provoziert. Miller & Co. illustrieren anschaulich dessen Folgen und lassen die USA in einem nuklearen Winter versinken. Batman tut sich mit Oliver „Green Arrow“ Queen zusammen, der ihn in seinem finalen Kampf unterstützt, welcher weitere Tode bekannter Figuren fordert und am Ende einen neuen Status Quo schafft, der mit einigen Tabus in Bezug auf die Batman-Reihe bricht. Miller konnte sich also so richtig austoben und bekam ungewöhnlich viele Freiheiten für dieses Projekt, das erzählerisch dem Neo-Noir ebenso verhaftet ist wie apokalyptischer Dystopie, Medien- und Institutionskritik, der Darstellung von Menschen in Extremsituationen und – ja, auch: etwas Humor, und zwar in seiner sarkastischen Ausrichtung. Dass all diese Ingredienzien auch dramaturgisch derart adäquat ineinandergreifen, dürfte eine der größten Herausforderungen gewesen sein. Abstriche muss man jedoch beim Realismus in Kauf nehmen (da wird in Band 2 beispielsweise von einem Maschinengewehrfeuer lediglich der Geiselnehmer getroffen, nicht aber das Kind), generell geht der Actionanteil häufig zu Ungunsten des Realismus – allen körperlichen Wehwehchen des Bat-Seniors zum Trotz.

Demgegenüber steht Millers etwas kritzeliger und stellenweise regelrecht unübersichtlicher Zeichenstil, bisweilen wirken die Zeichnungen gar regelrecht plump. Das ist gerade für die Freunde und Freundinnen der ’70er/’80er-Ära gewöhnungsbedürftig, sieht nach ungebundenem, sich seine Freiheiten herausnehmendem Independent-Stil aus, kann aber bis zum Schluss nicht ganz zur erzählerischen Qualität aufschließen. Nichtsdestotrotz stand „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ seinerzeit für eine neue Comic-Ästhetik und machte das Medium nachhaltig für ein erwachsenes Publikum interessanter. Schade nur, dass Two-Face so bald überhaupt nicht mehr erwähnt wird – so rund „Die Rückkehr des dunklen Ritters“ als in sich abgeschlossene Graphic Novel auch erscheinen mag, es wirkt, als habe man das gute alte Doppelgesicht glatt vergessen.

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