Günnis Reviews

Monat: Mai 2022

Niklas Hofmann / Klaus Raab – Ein Kult für alle Fälle: Die ultimativen Serien der Achtziger

US-amerikanische Krimi- und Actionserien der 1980er haben in eben jenem Jahrzehnt, in dem sie jeweils mit ein paar Jahren Latenz im deutschen öffentlich-rechtlichen wie im Privatfernsehen ankamen, mindestens eine Generation geprägt. Sie galten nicht nur als schwer unterhaltsam, sondern auch als heißer Scheiß, der Coolness transportierte und ein bestimmtes Lebensgefühl vermittelte. Ganz weg waren sie aus dem deutschen Fernsehen nie und spätestens im Zuge der nostalgisch gefärbten Rückbesinnung auf die 1980er als Kultdekade betrachtete sie manch mittlerweile erwachsene(r) Zuschauer(in) in den besten Jahren retrospektiv mit ausgeprägtem Gespür dafür, wie sie den Zeitgeist und die Populärkultur mitprägten. Irgendwo zwischen den Polen einfacher wohliger Erinnerung und zeitgeschichtlicher Medienanalyse ist das von den Journalisten Niklas Hofmann und Klaus Raab geschriebene und von Maike Hettinger illustrierte, im Jahre 2013 im Suhrkamp-Verlag erschienene, ca. 210-seitige Taschenbuch anzusiedeln. Es widmet sich den hierzulande ursprünglich im Vorabend- und Abendprogramm gelaufenen zwölf Serien Agentin mit Herz, Airwolf, Das A-Team, Ein Colt für alle Fälle, Hart aber herzlich, Knight Rider, MacGyver, Magnum, Miami Vice, Remington Steele, Simon & Simon und Trio mit vier Fäusten.

Obwohl ich in den 1980ern ein Knirps war, sind mir einige dieser Serien zumindest geläufig. Bei „Agentin mit Herz“ verstand ich überhaupt nicht, worum’s geht, doch die weibliche Hauptrolle war mir ungemein sympathisch. Bis heute liebäugle ich hin und wieder mit einem Erwerb der Komplettbox, um die Erinnerungen aufzufrischen (und zu prüfen, ob ich mittlerweile etwas mehr als damals verstehe…). „Das A-Team“ habe ich eine Weile gern geguckt, das dürfte aber schon in den 1990ern gewesen sein. „Ein Colt für alle Fälle“ genoss tatsächlich auch bei mir Kultstatus, „Knight Rider“ fand ich top (schien mir später aber schlecht gealtert), „MacGyver“ kannte ich lediglich von Erzählungen meiner Mitschüler. „Magnum“ sowie „Airwolf“ fand ich doof und „Miami Vice“ lief zu spät abends, aber das „Trio mit vier Fäusten“ rangierte zusammen mit Colt Seavers auf einem vorderen Kultplatz. Auch hier ist der Reiz der Anschaffung nach wie vor groß…

Aber zurück zu diesem Büchlein: Der Einstieg ist famos. Alle zwölf Serien werden kurz, aber auf den Punkt gebracht vorgestellt, sodass man auch ohne je eine Episode gesehen zu haben einen guten, anschaulichen Eindruck bekommt. Neben einigen handfesten Daten begeistern insbesondere zwei Abschnitte: „Die idealtypische Episode, die es so nicht gab“, wofür sich jeweils eine komplette Handlung ausgedacht wurde, die das jeweilige Serienkonzepte und die damit einhergehenden Stereotype humorig persifliert und dadurch veranschaulicht, sowie „Worum es eigentlich geht“, weil dort in ein, zwei Sätzen eben das abstrahiert auf den Punkt gebracht wird. Anschließend geht’s mit reichlich Trivia und unnützem Wissen quer durch die Serien und Themengebiete, wobei es naturgemäß sehr nerdig – dabei jedoch stets mit einem Augenzwinkern – zugeht. Das fällt mal interessanter (Frei erfundene Fakten, Vorspänne, Cameos, Castings, fast alles zu „Miami Vice“, Simpsons-Gastauftritte, Kulturvergleich mit BRD-Serien, Auftritte von DDR-Agenten, Das Vietnam-Trauma, Fehler, Quoten, Kinoreferenzen bei „Remington Steele“) und mal belangloser (Quiz: Welcher Bart gehört zu wem?, Nummernschilder, Zigarren, Kfz-Quartett) aus. Insbesondere die Hintergrundinformationen zum damaligen Streik der Drehbuchautorinnen und -autoren sind aufschlussreich. Die einzelnen Kapitel werden meist auf nur wenigen Seiten abgehandelt, sodass das Buch gut in kleinen Häppchen rezipiert werden kann. Etwas einfach machte man es sich jedoch, wann immer man es bei bloßen Aufzählungen beließ. Weiter aufgelockert wird das bunte Sammelsurium von Hettingers sehenswerten Zeichnungen sowie „Werbepausen“, in denen prägende Werbespots des ‘80er-TVs rezitiert werden. Einige nicht serienspezifische, sondern sehr allgemeine Informationen zu den 1980ern hinterlassen allerdings eher den Eindruck von Streckmitteln.

Wichtig zu wissen ist, dass es sich um keine Fachliteratur handelt, die tatsächliche Filmanalysen oder wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzungen mit dem damaligen Zeitgeist vornehmen würde. Das ist ein bisschen schade, denn ein wenig stärker hätte „Ein Kult für alle Fälle“ gern in diese Richtung tendieren dürfen. Dennoch überzeugt der originelle Ansatz, der neben einigem Quatsch viele Informationen zutage fördert, die in verschüttgegangenen Erinnerungen zu schwelgen, bei der Entscheidungsfindung, ob die eine oder andere Serie noch einmal geschaut werden sollte, oder bei der nachträglichen Einordnung damals Gesehenen mit dem Wissen von heute helfen. Schade ist indes das Fehlen eines Inhaltsverzeichnissen (dafür existiert ein Register) und sollte es zu einer zweiten Auflage kommen, gelte es, den einen oder anderen Fehler (deutsche „Miami Vice“-Erstausstrahlung, „Simon & Simon“-Bild bei „Trio mit vier Fäusten“) auszubessern. „Agentin…“ und „Trio…“ hin oder her: Nach dieser kurzweiligen Lektüre bin ich mir a) sicher, dann wohl doch mal „Miami Vice“ gucken zu müssen, weiß b), weshalb innerhalb dieses Kanons „MacGyver“ das exakte Gegenteil von „Airwolf“ ist und bin c) um Informationen reicher, auf die ich eigentlich auch gut hätte verzichten können: so z.B., dass Dwight „Murdock“ Schultz heutzutage als rechtspopulistischer Internet-Kolumnist auf Hetzseiten in Erscheinung tritt. Schnapp ihn dir, B.A. – meinen Segen hast du!

Mad-Taschenbuch Nr. 37: Dick de Bartolo / Al Jaffee – Mad macht mehr aus dir. 1000 Tips zur Verbesserung von Geist und Körper

Ursprünglich aus dem Jahre 1979 stammt die von Dick de Bartolo geschriebene und von Al Jaffee gezeichnete, rund 160 Seiten unkolorierte Seiten lange Verballhornung von Selbstoptimierungsratgebern, deren deutsche Fassung 1983 erschien und angesichts des seit einigen Jahren grassierenden Selbstoptimierungstrends ihrer Zeit voraus war.

Über 14 Kapitel erstrecken sich die von Jaffee großzügig bebilderte satirische Texte. Nach einem witzig widersprüchlichen Einstieg lernt man, „wie man sich fit hält“, „wie man die Körpersprache deutet“, „wie man bewusster lebt“ usw. (Kapiteltitel). Körperkult, Fitnesswahn und Motivationsküchenpsychologie werden in pointierten Texten aufs Korn genommen, an deren Ende i.d.R. die Umkehrungen bekannter Ratschläge und Binsenweisheiten stehen und auch ein paar darüberhinausgehende gesellschaftliche Seitenhiebe verteilt werden. Cartoons und Selbsttests lockern den wie üblich kurzweiligen Spaß weiter auf und die Mad-typische Selbstironie fehlt ebenso wenig wie die eine oder andere je nach Lesart köstliche oder alberne Absurdität.

Wie gut der Humor über weite Stecken gealtert ist, spricht für Mad, ist aber auch ein Indiz dafür, welch Dauerbrenner das als Aufhänger gewählte Thema ist – wenngleich es sich strenggenommen um eine Mogelpackung handelt, denn 1.000 Tipps zähle ich bei bestem Willen nicht…

14.05.2022, Freiraum Itzehoe: HARBOUR REBELS + BOLANOW BRAWL

Über zwei Jahre hatten wir kein Konzert mehr gegeben, doch unsere „postpandemische“ Konzertsaison sollte beginnen, wie die präpandemische endete: mit den HARBOUR REBELS. Obwohl, eigentlich sollten wir für RED BRICKS eröffnen, die ohne Sänger zurzeit jedoch aufgeschmissen sind. Dankenswerterweise sprangen HARBOUR REBELS umgehend und unkompliziert ein. Konspirativ näherten wir uns an diesem lauen Frühlingsnachmittag in Kleingruppen dem Itzehoer Freiraum, der sich etwas versteckt, weil unausgeschildert hinter Industriegebäuden auf einem ehemaligen Areal für Bahnmalocher befindet. Vor ein paar Jahren hat die Freiraum-Crew um Melissa und Dietmar im Schweiße ihres Angesichts dort alte Bahngleise aufgeschüttet und ‘ne muggelige Veranstaltungsbude etabliert, in der nun regelmäßig Subkulturelles stattfindet. Im Inneren verbindet ein schnieker Tresen den Backstage- mit dem Bühnenbereich, zu trinken gibt’s u.a. kaltes Ratsherrn (mein Lieblingspils!) und im Gartenbereich kann man sich in Liegestühle fallenlassen, aus denen man in meinem Alter nur schwer wieder hochkommt. Dass ich überhaupt zu diesem Gig hochkommen würde, stand die Woche über auf der Kippe, da mich – erstmals seit Jahren! – ausgerechnet jetzt ‘ne miese Erkältung erwischt hatte. Freitagmittag aber hatte ich entschieden, die Nummer durchzuziehen und mir mein Kamillosan-Rachenspray (Tipp!) eingepackt. Nachdem alles aufgebaut und der Sound gecheckt war, gab’s lecker Mampf vom Orientimbiss.

Wenige Falafelfürze später ließen wir unser neues Intro aus der Konserve erklingen und stiegen wie gewohnt mit „Total Escalation“ in unser Set ein. Boah, geil – endlich wieder live zocken! Ein warmes Gefühl der Euphorie überkam mich. Dass es Probleme mit der Monitoranlage gab und ich mal wieder dazu neigte, dagegen anzuschreien, mich selbst auf der Bühne kaum zu hören: geschenkt. Immerhin hielt meine Stimme größtenteils durch, offenbar klang ich schlicht rotziger als sonst. Neben unseren üblichen Songs war auch wieder „Cliché“, unsere zweitjüngste Nummer, im Set, und unser betäubungsmittelmissbrauchskritischer „Saufen ist geiler als koksen“-Song „Not My Thing“ feierte seine Livepremiere. Die wohl so knapp 30 Menschen im Publikum tanzten paar Runden, verließen aber auch in Teilen die Bude, weil es ihnen zu laut gewesen sei (?!), und lauschten vor der geöffneten Tür weiter – Kippe in der einen, Mische in der anderen Hand –, oder alberten vor der Bühne herum und schossen Selfies. Zu fünft auf derselben war’s ganz schön eng, sodass ich beim Gestikulieren immer mal wieder versehentlich in Keith‘ Bass grabschte, was die eine oder andere Unterbrechung zum Instrumentenstimmen nach sich zog. Fast alles wie früher also! Etwas gewöhnungsbedürftig hingegen das überwiegend purpurne Licht, das ab und zu kurz unvermittelt wechselte, um sich schnell wieder irgendwo zwischen rosa und lila einzupendeln. Nach zwölf Songs inklusive Zugabe war für uns Feierabend.

Diesen versüßten uns die HARBOUR REBELS mit ihrem oft deutsch-, aber auch mal englischsprachigen Streetpunk voller Ohrwurmmelodien und von Sängerin Jules kräftiger Stimme geschmetterten Mitsingrefrains, der sich thematisch zwischen der eigenen Szene, Fußball, Kritik an der Gesamtscheiße und auch Persönlicherem, Ernstem wie einem Song über Depressionen bewegt. Jule führte mit launigen Ansagen durchs Set, das von gleich drei Coverversionen – „Because You’re Young“ (COCK SPARRER), „Skinhead Times (THE OPPRESSED) und „Nich‘ mein Ding“ (HAMBURGER ABSCHAUM, Gitarrist Dennis‘ ehemalige Spielwiese) – abgerundet wurde. Nachdem Benny eine Gitarrenseite gerissen war, konnte Christian mit seiner Klampfe aushelfen, sodass eine längere Pause vermieden wurde und die gute Stimmung nicht absank. Der Laden war nach wie vor nicht gerade überfüllt, aber alle schienen ihren Spaß zu haben. Selbst beim St.-Pauli-Skinheads-Song nahm die Band entwaffnend jegliche Verbissenheit heraus, indem man ein Bandmitglied als HSVer „outete“ und man den anwesenden Hansa-Rostock-Anhänger in ein nettes Pläuschchen verwickelte. Anschließend tranken wir alle (außer Ole, der mit eigener Karre wieder nach Kiel zurück und deshalb bedauerlicherweise trockenbleiben musste) gemeinsam den Kühlschrank leer und manch einer feierte noch die erlesene Musikauswahl des nun auflegenden DJs ab, die von GIANNA NANNINI über NEW ORDER bis DRITTE WAHL reichte.

Itzehoe war ein idealer Warm-up für zukünftige Livegigs sowie eine schöne Gelegenheit, mal wieder aufs platte Land um Hamburg ‘rum herauszukommen und der Dorfpunkkultur zu frönen. Lediglich die Idee, den Merchstand im Backstage-Bereich aufzubauen, den daraufhin kaum jemand findet, wäre eventuell zu überdenken, haha… Behaltet den Freiraum e.V. ruhig mal im Auge, am 25. Mai spielen dort z.B. LOS FASTIDIOS mit ZOI!S. Danke an dieser Stelle noch mal dem Freiraum-Team sowie den HARBOUR REBELS für alles, Sandy dafür, mit gebrochenem Fuß als Fahrerin fürs Schlagzeug und zwei Fünftel unserer Band eingesprungen zu sein, sowie der Dame, die den Rest unserer HH-Delegation kurzerhand zum Itzehoer Bahnhof chauffierte, von wo aus wir feuchtfröhlich die Heimreise antraten und diverse Babytauben zu sehen bekamen…

P.S.: Nicht zuletzt danke an Ben German und Sandy für die Fotos (und Videos fürs Privatarchiv) unseres Gigs!

29.04.2022, Indra, Hamburg: RED BRICKS + THE YOUNG ONES

Bei der Hamburger Oi!-/Streetpunk-Band RED BRICKS ging alles unfassbar schnell: Letztes Jahr Bandgründung mit alten Szenehasen wie Drummer Chris (ex-HARBOUR REBELS, ex-HEIAMANN) und Gitarrist Boris (ex-VOLXSTURM); unser Bassist Keith nutzte die Zeit, in der wir mit BOLANOW BRAWL pandemiebedingt pausieren mussten, ebenfalls, um sich dort eine weitere Spielwiese zu suchen. Rasch wurden ein komplettes Album eingespielt, mit Contra Records ein Label gefunden, ein Videoclip veröffentlicht und reichlich Gigs gezockt. Die Facebook-Follower wurden vierstellig, alle Welt schien sich für diese Band zu interessieren und zu begeistern. Wofür andere Bands Jahre brauchen, fand hier innerhalb weniger Monate statt. Auch dass der andere Gitarrist Tim (FIRM HAND) aus persönlichen Gründen die Band verlassen musste, lief vollkommen geräuschlos ab, Ben German ersetzte ihn kurzerhand. Doch just, nachdem die LP „Built Over Time“ aus dem Presswerk gekommen war und die Record-Release-Party unmittelbar bevorstand, trennte man sich vom italienischen Sänger und Texteschreiber Rino. Aber selbst das haute die Band nicht um: Als temporären Ersatz gewann man Baba der singapurischen Band THE BOIS, der bereits einen Gastpart im Song „Blood Pact“ übernommen hatte, um für den Gig einzuspringen! Wohl nur möglich, weil dieser ohnehin gerade wegen eines britischen Festivalsauftritts mit THE BOIS in Europa weilte.

So ging die Sause also beinahe wie geplant im Indra, jenem Kiezclub, den der umtriebige Sam zusätzlich zum Monkeys Music Club übernommen hat, über die Bühne. Keith hatte mich freundlicherweise auf die Gästeliste gesetzt, unser gemeinsamer Bandkollege Christian hatte sich angekündigt und ein DJ-Duo legte Reggae-, Ska- und Soul-Klassiker auf – gute Voraussetzungen für einen fröhlichen Abend schon mal. Den Support übernahmen die Niederländer THE YOUNG ONES, die nach reichlich Zeit zum Vorglühen (angegeben war ein Beginn um 20:00 Uhr, doch es wurde deutlich später) im inzwischen vollen Laden als klassisches Quintett mit Sänger und zwei Gitarristen ihre Streetpunk-Attacken ritten. Sofort begannen einige mit Ausdruckstanz und Rempelrangel, andere feuerten anderweitig die Band an oder hörten schlicht interessiert zu. Zu letzteren zählte ich mich, denn ich kannte die Band, die seit 2005 vier Alben und ebenso viele EPs veröffentlicht hat, bisher nicht. Ihre Spielfreude war ansteckend und ein genialer Refrain wie z.B. von „Forever Young“ (kein Alphaville-Cover) ging direkt ins Ohr und lud zum leidenschaftlichen Mitsingen ein. Etwas unverständlich, dass der ausgelassenen Stimmung und dem verdammt guten P.A.-Sound zum Trotz niemand außer mir eine Zugabe forderte, sodass meine Worte ungehört verhallten. Klasse Liveband jedenfalls, während deren Auftritt kurioserweise der bereits gehisste RED-BRICKS-Banner von der Wand segelte.

Ein böses Omen für den Auftritt der LP-Debütanten? Weit gefehlt! Der Banner wurde wieder aufgehängt und hielt den kompletten Gig. Gastsänger Baba hatte nur wenige Proben mit RED BRICKS, niemand hatte erwarten können, dass er alle Texte auswendig kennt. Es gelang ihm aber, als Sänger mit Textständer auf der Bühne nicht albern auszusehen – ganz im Gegenteil: Wie da quasi jeder Einsatz saß und er nicht verunsichert permanent mit den Augen an den Textblättern klebte, sondern sie wie nebenbei ablas, um sie mit kräftiger, rauer Stimme selbstbewusst zu interpretieren, ringt mir eine Menge Respekt ab. RED BRICKS spielen viel in wuchtigem Midtempo gehaltenen, englischsprachigen No-Bullshit-Oi! mit Melodie und einigem Pathos, zu dem der Mob vom ersten Akkord an mitging. Anlässlich ihrer Albumveröffentlichung wurde die absolut souverän auftretende Band gefeiert wie Szenestars, was sicherlich auch als Zeichen des Zusammenhalts innerhalb der sich explizit antifaschistisch positionierenden Skinheadszene gewertet werden kann – und natürlich nicht zuletzt dafür, dass der Sound den Geschmack größerer Teile der Szene trifft. Dennoch: Der Geist von Solidarität und gegenseitiger Unterstützung, gerade unter widrigen Umständen und über Ländergrenzen oder gar Kontinente hinweg, durchzog diesen Konzertabend, sei es durch das kurzfristige Einspringen eines singapurischen Sängers, sei es durch den Rückhalt durchs Publikum, den die Band auch nach der Trennung von ihrem Sänger erfuhr. Der Auftritt endete nach zehn Songs mit „Alerta Antifascista“-Chören seitens des Publikums, die Band hatte die Herausforderung mit Bravour bestanden. Ihre LPs schienen sich wie geschnitten Brot zu verkaufen und im Gartenbereich des Indras wurde fröhlich weitergetrunken, sich ausgetauscht und gefeiert, während man drinnen zu den DJs tanzte, bis die Party ins St. Pauli Eck verlagert wurde.

Dieses dann gleich auszutrinken, bis man in den frühen Morgenstunden zusammen mit dem Unrat vor die Tür gefegt wird, entsprach nicht unbedingt dem ursprünglichen Plan, aber, hey: „Built Over Time“-Record-Release-Party ist nur einmal im Leben und man muss die Feste feiern, wie sie fallen!

Vielleicht noch ein paar nachdenklichere Worte zum Schluss: Dass man sich von seinem Sänger trennt, weil man ihn für nicht mehr tragbar hält, seine Texte aber weiterhin singt bzw. singen lässt, fühlt sich irgendwie seltsam an. Letztlich ist das wohl ein Beispiel dafür, Kunst und Künstler, wenn man so will, voneinander zu trennen. Dies ist RED BRICKS offenbar geglückt, denn das Publikum hat es akzeptiert, zumal die Texte damit auch nichts zu tun hatten. RED BRICKS suchen gerade aktiv nach einem neuen Sänger, der dann sicherlich auch eigene Texte einbringen könnte. Wer Interesse hat, kann die Band über die üblichen Kanäle kontaktieren. Ich gratuliere zum Album sowie zur Release-Party und wünsche viel Glück!

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