Günnis Reviews

Datum: 30. November 2022

Guido Sieber – Aus lauter Liebe

Der Berliner Illustrator, Comiczeichner und Maler Guido Sieber debütierte mit seinem ersten Comicalbum „Aus lauter Liebe“ innerhalb der Thurner „Edition Kunst der Comics“, wo es im Jahre 1991 als großformatiger, rund 60-seitiger Hardcover-Band erschien.

Obschon Sieber seine Figuren als Karikaturen zeichnet, verbietet sich im Prinzip die Genrebezeichnung Funny. In seinen von einzelnen Parodien und Persiflagen, vor allem auf Werbung und populäre Comicfiguren, flankierten, anarcho-misanthropischen Kurzgeschichten setzt er durch die Überbetonung äußerlicher wie innerlicher menschlicher Makel stark auf den Ekeleffekt. Seine Figuren sehen allesamt wie unförmige Zombies aus, sind stumpfsinnig und roh, triebgesteuert und verkommen. Ihre Zwischenmenschlichkeit ist verloren und egoistisch, ihre Sexualität pervers und abtörnend. Positiv konnotierte Begriffe wie Geselligkeit oder Liebe führt Sieber in seinen Zeichnungen ad absurdum, Moral und Selbstlosigkeit sind genauso abwesend wie klassische Heldinnen oder Helden. Diese wären zwischen all den Ausscheidungen und verwarzten Geschlechtsorganen auch fehl am Platze.

Selbstironisch rechtfertigt sich Sieber, der sich, um anonym zu bleiben, mit über den Kopf gezogener Papiertüte selbst zeichnet, eingangs dafür, kommt aber zur Konklusion: „[Meine Comics] sind nicht häßlicher oder perverser als das Leben selbst!“ Die Panel-Grids folgen nur selten festen Strukturen, scheinen sich vielmehr in einem übergeordneten Chaos ihren Platz zu suchen. Die Handletterung erfolgt in große Versalien, auf Seitenzahlen wurde verzichtet. Dafür sind die Seiten sehr farbenfroh gestaltet, fassen sich auf ihrem matten Qualitätspapier gut an und riechen auch nach 30 Jahren noch gut.

„Aus lauter Liebe“ ist eine fiese Kombination in die Magengrube, ohne auf Melodramatik oder Betroffenheit zu setzen. Vielmehr regieren zu Papier gebrachte Abscheu vor der Gesellschaft, schwarzer Humor und eine nicht ungefähre Aggressivität, mit der sich Sieber zu wehren scheint, sodass sein Comic wie das Ventil eines letztlich an der Realität verzweifelnden, sensiblen Künstlers mit zu guter Beobachtungsgabe wirkt.

Bevor er sich hauptsächlich der Malerei verschrieb, erschienen in den 1990ern offenbar sieben Comicbände Siebers. Selbstredend müssen die nach und nach alle her – so abstoßend sie auch sein mögen.

24.11.2022, Kulturpalast, Hamburg: VIO-LENCE + XENTRIX + WHIPLASH + ARTILLERY

Dieses warum auch immer als „MTV Headbangers Ball“-Tour angekündigte Thrash-Paket war offenbar bereits seit ca. zwei Jahren angekündigt, musste aber pandemiebedingt verschoben werden. Trotzdem hatte ich erst relativ kurzfristig überhaupt davon Wind bekommen und nicht zuletzt, da ich donnerstags eigentlich mit meiner eigenen Trümmercombo probe, stellte mich der Termin vor Probleme. Andererseits hätte ich vor noch nicht allzu langer Zeit nie geglaubt, mal die Gelegenheit zu bekommen, Bands wie WHIPLASH oder VIO-LENCE livesehen zu können. Headliner VIO-LENCE schaffen es mit dieser Tour erstmals überhaupt nach Europa, die Briten XENTRIX seien seit 1992 nicht mehr auf dem europäischen Festland gewesen, WHIPLASH aus New York seit 1996 nicht mehr, wie ich im Deaf-Forever-Forum las. Kurzentschlossen fuhr ich an jenem Tage also direkt aus dem Büro nach Billstedt und verfolgte eine Ein-Bier-pro-Band-plus-Pre-und-Aftershow-Pils-Strategie, die sicherstellte, dass ich’s Freitag auch wieder rechtzeitig und unzerschossen zum Brötchengeber schaffen würde.

Ein Schnäppchen war’s mit 40 Flocken Eintritt nun nicht gerade, aber auch kein überteuerter Wucher. Noch mal 25 Taler für’n cooles Shirt – beispielsweise das mit dem göttlichen Motiv des ersten WHIPLASH-Albums – sind dann aber auch bei mir heutzutage nicht mehr drin, sorry. Dafür hält man im Kulturpalast die Getränkepreise angenehm zivil, segelte ansonsten aber an diesem Donnerstagabend auf halbmast: Die Garderobe war gar nicht und lediglich ein einziger Bierstand besetzt worden. Dabei war der Besucher(innen)andrang beachtlich und die Bude zwar nicht ausverkauft, aber sehr ordentlich gefüllt. ARTILLERY machten den Anfang. Obwohl ich eigentlich eine gewisse Affinität zu Dänen-Metal habe und mir die Band sympathisch ist, bin ich nie so richtig mit ihrem Stil warm geworden. Michael Stützer & Co. spielen heutzutage melodischen Thrash mit Power-Metal-Gesang, womit ich mich auch bei anderen Bands schwertue. Gerade im Gesangsbereich wies man diese Tendenz schon immer auf, was mir den Zugang erschwerte. Als Opener hatten ARTILLERY auch gar nicht allzu viel Spielzeit, gezockt wurden wohl lediglich sieben Stücke. Die meisten stammten von den Klassikeralben und, klar, „Khomaniac“ beispielsweise gefällt auch mir, war aber zunächst recht schwer erkennbar, weil vor der Bühne Schlagzeug und Bass dominierten und beide Gitarren im Mix eher untergingen. Im letzten Drittel ließ mich „Terror Squad“ hellhörig werden, ein weiterer Bandklassiker, der hier ganz gut rüberkam. Vermisst habe ich tatsächlich „Time Has Come“, den Eröffnungssong des Debüts, denn der läuft mir ebenfalls sehr gut rein. Klar sind ARTILLERY im Jahre 2022 allein schon durch die ganzen Besetzungswechsel eine ganz andere Band als in den ‘80ern, aber mit der ungestümen Energie des „Terror Squad“-Albums hätte ich sicherlich mehr mit diesem Gig anfangen können.

Siedend heiß fiel mir ein, dass ich noch gar kein Abendessen hatte, also ging’s schnell noch mal zum Bahnhof. Mit Börek ausgestattet eilte ich zurück, denn WHIPLASH, deren ‘80er-Œuvre mehr meine Kragenweite ist, wollte ich keinesfalls verpassen. Die ersten beiden Nummern, „Last Man Alive“ und „Killing on Monroe Street“, bekam ich leider nur in der Schlange am Bierstand außerhalb des Saals mit, eilte dann aber flugs nach vorn. Mit „The Burning of Atlanta“ zockte das Trio einen meiner Lieblingssongs, doch leider war der Sound noch schwächer als zuvor bei ARTILLERY:  Die Drums ballerten alles weg, vom Bass war nur Geknarze zu vernehmen und von Tony Portaros Gitarre anscheinend nur das, was vom Bühnensound gerade noch so an die Publikumsohren gelangte. Ich begab mich nach hinten, wo der Sound etwas besser, die Saitenfraktion aber noch immer zu leise war. Eigentlich hatte ich’s mir abgewöhnt, auf Konzerten die Mischer vollzulabern, als ich an den Reglern aber einen Bekannten entdeckte, klage ich mein Ohrenleid. Glücklicherweise bekam man im weiteren Verlauf des Gigs den Sound in den Griff, sodass zumindest hinten auf Mischpulthöhe alles ok war und ich Stoff wie „Walk The Plank“, „Stage Dive“ (wenn auch ohne Stagediving), „Spit on Your Grave“ und „Power Thrashing Death“ genießen konnte. Die Songauswahl fiel also angenehm „Power & Pain“-lastig aus, jenes Debüt hatte einfach den geilsten, punkig-dreckigen Thrash-Sound. Tonys Stimme klingt noch genauso giftig wie zu jenen Tagen und auch die aktuell rekrutierte Rhythmussektion hat das richtige Gefühl für diese Musik. Als Vertretung für den verhinderten nominellen Bassisten Dank DeLong fungiert mit Will Winton von THANATOIC DESIRE ein echter Aktivposten auf der Bühne; Drummer auf dieser Tour ist Charlie Zeleny, ein wahres Tier hinter der Schießbude, der zwischendurch auch mit einem kurzen, aber dafür umso heftigeren Drumsolo verblüffte. Stilistische Verirrungen der 1990er blieben glücklicherweise außen vor, erst der ‘98er-Langdreher „Thrashback“ hielt wieder für Livematerial her. Tony griff sich übrigens zwischendurch seine Kamera und filmte die ersten Publikumsreihen, um das Video später auf Facebook zu veröffentlichen. Musikalisch war dieser WHIPLASH-Gig eine Offenbarung für mich und ich war total glücklich, diese Band endlich einmal live gesehen zu haben.

Von XENTRIX habe ich lediglich das Zweitwerk „For Whose Advantage“ in der Sammlung, das mir aber ausgesprochen gut gefällt und mich an eine Mischung aus SACRED REICH zu „The American Way“- und METALLICA zu „…and Justice for All“-Zeiten erinnert. Auch XENTRIX hatten in den 1990ern einen Stilwechsel hin zu bekacktem Groove-Metal vollzogen, bevor sie sich vorerst aufgelöst hatten. 2019 folgte mit dem neuen Studioalbum „Bury The Pain“ eine Rückbesinnung zum Thrash mit neuem Rhythmusgitarristen/Sänger Jay Walsh. Wenige Tage vor diesem Gig erschien mit „Seven Words“ gar ein brandneues Album – doch weder von diesem noch von „Bury The Pain“ bekam man etwas zu hören, da Originalsänger und -gitarrist Chris Astley für Walsh einsprang, der lieber bei seiner Familie bleiben wollte, da seine Frau das zweite Kind erwartete. Somit gab’s lediglich Material der ersten beiden Alben zu hören, wobei diese sich in der Setlist die Waage gehalten haben dürften. Der technische Thrash mit seinen mitunter etwas komplexeren Strukturen klang vom ersten Song an großartig, die Soundprobleme gehörten endgültig der Vergangenheit an. Nach dem dritten Song ertönte Kriegssound aus der Konserve als Intro, bevor Chris mit seinem kräftigen, kehligen Organ und den an James Hetfield erinnernden Phrasierungen weiter sichtlich spielfreudig durch den Gig führte und die Zeit auf der Bühne offenbar sehr genoss. Ich nutzte das Konzert für die Stimulation meiner Nackenmuskulatur und war schwer beeindruckt von der puren Energie, die XENTRIX auf die Bühne brachten und vor allem die Songs des Debüts in weit besserem Lichte erstrahlen bzw. Sound erklingen ließen. Höhepunkte: „Balance of Power“, „Kept in the Dark“ und „No Compromise“! Ich bin aber auch aufs neue Album gespannt, in das ich noch nicht reingehört habe.

Im Prinzip war ich bereits vollends befriedigt, doch der Headliner kam ja erst noch: Die wiedervereinten Amis VIO-LENCE, deren Debüt „Eternal Nightmare“ ein echtes Kultalbum ist. Die drei Alben aus den ‘80ern und ‘90ern spielte noch Robb Flynn mit der Band ein, bevor er MACHINE HEAD gründete und damit ungleich erfolgreicher wurde. Insbesondere „Eternal Nightmare“ ist eine vom Wahnsinn geprägte Geschwindigkeitsorgie und so avancierte auch der Gig zum erwarteten hektischen Gehacke. Das Debüt dürfte nahezu komplett gespielt worden sein, ergänzt um einige Songs vom etwas zugänglicheren Zweitgeborenen „Oppressing the Masses“ und der diesjährigen Comeback-EP „Let the World Burn“. Die Fans reagierten mit fast permanenten Circle Pits, gerieten lediglich gegen Setmitte etwas außer Puste. Der mittlerweile glatzköpfige Sänger Sean Killing war ganz in seinem Element und pflegte im zugeknöpften, aufnäherbewehrten Kragenhemd (das er auf jedem Foto trägt – wie viele hat er davon?!) seine diabolische Aura. VIO-LENCE ist kontrollierter Abriss mit sich manchmal vielleicht etwas sehr ähnelnden Songs, dafür aber herrlich kompromisslosem, konsequentem Stil und viel good, friendly, violent fun. Das von Killing offenbar erwartete kollektive Durchdrehen des Publikums zum letzten Song „World in a World“ blieb jedoch aus, dafür war es dann doch schon zu erschöpft. Wer seine Riffs gern in einem Affenzahn frisch aufgeschnitten serviert bekommt und sich in eine Art Rauschzustand thrashen lassen möchte, ist bei VIO-LENCE richtig.

Mit der Rückfahrt klappte dann alles wie am Schnürchen. Es war eine verdammt gute Entscheidung, dieses Konzert zu besuchen.

Nachtrag/Korrektur: Es handelte sich anscheinend um die erste europäische Whiplash-Tour seit 1996. Seither waren sie aber für mindestens einen Festivalgig in deutschen Landen.

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