Günnis Reviews

Datum: 15. August 2023

Batman Classics Sonderband 1: Das Beste aus den 60er Jahren

Eine der faszinierendsten (Super-)Helden-Comic-Reihen ist seit jeher Batman, gerade weil er über gar keine Superkräfte verfügt. Von DC im Jahre 1939 erstmals ins Rennen geschickt, durchlebte der dunkle Ritter zahlreiche Metamorphosen, Spin-Offs und Reboots. Im Jahre 1999, also zum sechzigjährigen Jubiläum, stellte der deutsche Dino-Verlag für diesen Sonderband besonders relevante oder herausragende Batman-Comics aus den 1960ern zusammen, um sie auf rund 150 Seiten angereichert mit zahlreichen Hintergrundinformationen und einem eingehefteten Bastelbogen (für je einen Batman- und Robin-Aufsteller) neu zu präsentieren und so nachgewachsenen Leserinnen- und Lesergenerationen nahezubringen. Es handelt sich um einen vollfarbigen, handgeletterten Softcover-Band im bewährten Heftchenformat, der dem 1998 verstorbenen Batman-Erfinder Bob Kane gewidmet ist.

Im Vorwort geht Adam West, der Schauspieler also, der Batman in der komödiantischen Fernsehserie von 1966 bis 1968 und im Spielfilm aus dem Jahre 1966 verkörperte, auf eben jene Serie ein und schreibt, dass die Batman-Comics jenes Jahrzehnts die Hauptinspirationsquelle für die Serie gewesen seien. In dieser war Batman alles andere als düster. Dies ist ein Hinweis darauf, dass es die damaligen Comics ebenfalls noch nicht waren bzw. dass sie zumindest eine humoristische Lesart erlaubten. Näher ins Detail geht die Infoseite „Batmans ,New Look‘“, die von der Neuausrichtung unter Redakteur Julius Schwartz im Jahre 1964 berichtet, der Batman wieder zu einem bodenständigen detektivischen Helden gemacht und den Science-Fiction-Anteil ebenso wie die Superschurken stark zurückfahren hatte. Als zwei Jahre später die TV-Serie ausgestrahlt und ein Riesenerfolg wurde, habe man sich jedoch stark an ihr orientiert. Die Serienmacher orientierten sich also an den Comics, die sich daraufhin an der TV-Serie orientierten: Ein schönes Beispiel für die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Medienformen.

Die erste Geschichte lautet „Kriminelle Komödien des Jokers!“ und stammt aus dem Juli 1964. Adam Wests genannte Inspiration wird hier verständlich, handelt es sich doch um eine komödiantische Story mit dem Joker als Antagonist, die man sich gut auch als Serienepisode hätte vorstellen können, die aber zugleich eine schöne Hommage an die Humoristen der Stummfilm-Ära darstellt. Der obszöne Reichtum des Opfers indes wird nicht problematisiert.

Auf eine Seite mit Batman- und Robin-Zeichenskizzen folgen „Die rätsellosen Raubzüge des Riddlers“ aus dem März 1966, eine großartige Geschichte um den mit seinem innere Zwang , Batman und Robin ständig Rätsel im Zusammenhang mit seinen Verbrechen stellen und damit Hinweise geben zu müssen, ringenden Schurken. Er versucht hier, sich selbst davon zu heilen. Das ist spannend und verfügt tatsächlich bereits über so etwas wie psychologischen Tiefgang – wenn auch noch arg abstrahiert, dafür nicht so albern, und wirft die Frage auf: Sind die Bekloppten, die einem im Alltag immer mal wieder über den Weg laufen, am Ende nicht vielleicht Hinweisgeber auf jemanden vom Schlage eines Riddlers?

Die Infoseite „Die Schurken der 60er, Teil 1“ proträtiert in Kurzform den Joker, den Riddler und Blockbuster, der im November 1965 eingeführt wurde und nun in „Blockbuster schlägt wieder zu!“ aus dem März 1966 zum Zuge kommt. Diese Geschichte wartet mit einer Rückblende in die Origin-Story des Blockbusters und als einen spektakulären Höhepunkt die Demaskierung Batmans vor dem Gegner auf. Es stellt sich heraus, dass der geheimnisvolle Outsider involviert ist, den man nicht bzw. nur in Form seines Schattens zu Gesicht bekommt und der der Geschichte einen düsteren Touch verleiht. Ein Infokasten nach dem letzten Panel enthält Hintergrundinformationen zu dieser 1964 eingeführten Figur, wurde aber leider nicht ins Deutsche übersetzt – weshalb auch immer.

Nachdem man sich auf einer weiteren Infoseite über die Batmobile der sechziger Jahre schlaumachen konnte, geht es mit Poison Ivys Origin-Story „Die Küsse von Poison Ivy!“ aus dem Juni 1966 weiter, die ein Stück weit auch eine Hommage an die Femmes fatales des Film noir bzw. entsprechender Kriminalbelletristik ist. Die Texte und Ideen sind grandios: Man verguckt sich ineinander, Ivy gleich sowohl in Bruce Wayne als auch in Batman, erstmals zieht sich Wayne öffentlich in Batman um und sogar drei ältere Schurkinnen werden involviert, als Ivy sich derer Eitelkeit zunutze macht, um sie gegeneinander auszuspielen. Da macht sich Robin zurecht Sorgen, dass Batman ihr verfallen könnte. Sexy und ein toller Einstand!

Wir bleiben bei Frauen-Power: „Batgirl teilt das dynamische Duo!“ aus dem November 1967 hat diverse blumige Umschreibungen für Barbara Gordon alias Batgirl parat, von der „maskierten Maid“ über die „schwingentragende Schönheit“ bin zur „schönen Schurkenjägerin“ und zeigt einen geschwächten Batman, der sich mit Sumpffieber infiziert hat. Batgirl wird daher zu seiner Beschützerin, ohne dass er davon weiß, wodurch es aber zu einem für alle Beteiligten belastenden Gezerre um Robin kommt. Eine etwas arg konstruierte Geschichte, die sich aber inhaltsschwanger um Themen wie Loyalität, Eifersucht und Loslassen dreht – und um Batgirls Moped-Widget, den spektakulären Spektrographlichtpfeilstrahl! Die Story endet mit einem vielversprechenden Cliffhanger in Bezug auf Catwoman…

„Die Schurken der 60er, Teil 2“ porträtiert Poison Ivy, Scarecrow und den Pinguin, woraufhin der Zweitgenannte in „In der Hand des Schreckens!“ aus dem März 1968 seinen großen Auftritt bekommt. Die Geschichte um Scarecrows Furchterzeugungspille tendiert gen Horror, nebenbei werden Batmans und Robins Origin-Storys eingeflochten. Robin wird als „titanischer Teenager“ alliteriert und neben Scarecrow geben sich zahlreiche weitere Schurken ein Stelldichein. Das Finale fällt deftig aus, von Klamauk keine Spur. Offen bleibt nur, wie zur Hölle diese Pille funktioniert. Eventuell wurde diese Geschichte nicht ganz zu Ende gedacht…? „Überraschung! Du bist tot!“ heißt es anschließend für Batgirl („die schattenhafte Schönheit“) in dieser Geschichte aus dem Juni 1969. Es geht um Mummenschanz und Verwechslungen, um Menschen in Superheldenkostümen, die meisten davon Verbrecher…

„Eine Kugel zuviel!“ aus dem Dezember 1969 bedeutet eine Zäsur: Robin verlässt Wayne Manor, um aufs College zu gehen, woraufhin Bruce mit Diener Alfred ins Zentrum Gothams umzieht. Diese Geschichte markiert die Wiedergeburt des realistischeren Stils und die Einzug haltende Sozialkritik in die Batman-Welt. Die Wayne-Stiftung wird ins Leben gerufen und fungiert als Opferschutz- und -hilfsorganisation. „Eine Kugel zuviel!“ mit ihrem seltsam offenen Ende steht stellvertretend für das nach dem Ende der TV-Serie reaktivierte, bereits zuvor von Schwartz intendierte Konzept, Geschichten ohne Superschurken, dafür einfacheren Gangstern zu entwickeln (worüber die vorangestellte Infoseite „Die Rückkehr zum dunklen Ritter“ in Kenntnis setzt). Diese Art von Batman-Geschichten dominierte dann offenbar eine Weile die Comicreihe, bis man irgendwann in den 1970ern zur von mir favorisierten Kombination aus Realismus, sozialem Gewissen und psychopathischen Überschurken überging, bis es wiederum Mitte der 1980er zur „Crisis on Infinite Earths“ kam und das gesamte DC-Universum quasi neu geschrieben werden musste.

Auch die Erläuterungen am Ende dieser letzten Geschichte des Bands wurden leider nicht übersetzt. Bei den sporadisch auftretenden Werbeanzeigen bin ich hingegen froh darüber, dass sie jeweils im Original belassen und nicht durch Dino-verlagseigene Anzeigen ersetzt wurden. Eigenartig ist jedoch, dass man orthographisch eigentlich voll auf der Höhe ist, die letzte Seite mit den Zeichner-Kurzporträts aber offenbar am Lektorat vorbei ins Buch fand. Das ist etwas schade für einen ansonsten überaus gelungenen Sonderband, der neben viel Comic-Geschichtsunterricht auch überaus lesenswerte Geschichten aus einer längst vergangenen Dekade kompiliert, von denen es viele zuvor nie nach Deutschland geschafft haben dürften. Bemerkenswert sind auch ihre jeweiligen Establishing Shots, die i.d.R. herrlich reißerisch suggerieren, dass eigentlich alles aus sei.

Dieser Band wird sich gut in meinem Regal zwischen den Zusammenstellungen noch älterer Batman-Comics und meiner geliebten Sammlung jener genannten ‘70er- und ‘80er-Ausgaben machen.

Markus Caspers – Die 80er – Alles so schön bunt hier!

Noch vor der großen ‘80er-Jahre-Retrowelle, genauer: im Jahre 2007 veröffentlichte der Kölner Verlag Naumann & Göbel (NGV) Markus Caspers gebundenen großformatigen und kommentierten Bildband mit abwischbarer Oberfläche und auf festem, hochwertigem Papier: Rund 260 Seiten stark, mit über 400 Bildern. Böse Zungen behaupten, die ‘80er hätten auch eine abwischbare Oberfläche gehabt, verkennen dabei aber, dass unterkühlte Neo-noir-Ästhetik und synthetische Musik Ausdruck eines Zeitgeists und eines Lebensgefühls waren (und sind), das sich aus verschiedenen Faktoren zusammensetzte und entwickelte – und gern an konformistischen, konsumorientierteren Oberflächlichkeiten kratzte.

Die ‘80er reichen auch hier von 1980 bis 1989 statt von 1981 bis 1990, die ‘80er also nicht als Dekade, sondern als Zeitraum von Jahren mit einer 8 an der Zehnerstelle und somit der verbreiteten umgangssprachlichen Definition folgend. Anspruch Caspers war es – so sein Vorwort –, die Leserinnen und Leser in jene Zeit zurückzuversetzen. Unterteilt hat er seine Zeitreise in die Kapitel Politik, Konsum, Momente, Style, Jugend, Pop, Kunst, Fernsehen, Design, Mode, Sport und Film, von denen einige eine eigene Einleitung erhalten (fünf Euro ins Alliterationsschwein…). Mit der Politik zu beginnen, ist eher ungewöhnlich und zeugt von einer anderen Herangehensweise als sie beispielsweise fünf Jahre zuvor das Bravo-Sonderheft an den Tag legte. Der Blick auf die Politik ist indes sehr BRD-zentriert. Neben der Bundespolitik geht es um Nachrüstung, Atomkraftwerke und Proteste, bevor es mit Glasnost internationaler wird. Das Kapitel endet mit der Öffnung der innerdeutschen Grenze am 9. November 1989.

Weniger Seiten stehen fürs Kapitel Konsum zur Verfügung, auf denen es neben durchaus auch kritischen Worten zu Produktion & Umwelt, Essen & Trinken und dem Geschäft damit viel um den Einzug der Computer und des Digitalen in die Haushalte geht. Der bundesdeutsche Blick fällt im Kapitel „Momente“ erneut auf, wenn es um den ersten Westdeutschen im All, die Rote-Armee-Fraktion, Matze Rust, Hitlers vermeintliche Tagebücher, Rösner & Degowski und Ramstein geht. Aber auch Prinz Charles und Lady Di, Grace Kellys Tod und die Explosion der Challenger werden aufgegriffen. Im Style-Kapitel schreibt Caspers statt von der Postmoderne von Ekklektizismus [sic] sowie vom Ende des Funktionalismus zugunsten eines bunter werdenden Alltags und einer ästhetischen Radikalisierung. Damit fasst er gut zusammen, was die ‘80er-Ästhetik ausmachte – wenngleich das Jahrzehnt dazu noch genuin Eigenes recht dominant addierte (stärker als spätere Dekaden).

Über Stilmix, Styling und Design geht es schließlich zum Kapitel Jugend, in dem – einem späteren separaten Kapitel zum Trotz – der Mode-Aspekt dominiert und Jugendsubkultur leider lediglich (aber immerhin!) in Form von Punk stattfindet. Dafür schaffte es auch die DDR-Jugend auf zwei Seiten. Der Übergang zum Kapitel Pop ist folgerichtig und bemüht sich, bis hin zur Klassik möglichst viele Richtungen abzudecken, wobei die Neue Deutsche Welle den Löwenanteil abbekommt. Das (kurze) Kunstkapitel, das sich der bildenden Kunst widmet, gibt es woanders nach meinem derzeitigen Kenntnisstand nicht einmal so ähnlich. Schade nur, dass statt der Kunstwerke (aus urheberrechtlichen Gründen?) Fotos der Künstler abgedruckt sind…

Das Fernsehkapitel deckt erwartungsgemäß TV-Serien und -Shows ab, endet aber leider mit MTV und „Die Privaten kommen“ – wenngleich letztere seit 1984 sendeten und zumindest das Fernsehen der zweiten Hälfte des Jahrzehnts maßgeblich mitprägten. Obwohl das Kapitel mit einem doppelseitigen Foto aus „Alles nichts, oder?!“ eröffnet, erfährt man darüber leider nichts. Das Kapitel „Design“ knüpft auf sehr interessante Weise quasi direkt ans Style-Kapitel an, sodass mir nicht klar ist, weshalb man diese nicht zusammenfasste (zumal unter „Style“ ein Abschnitt mit „Design“ überschrieben ist). Verschiedene Stilrichtungen vom Haushaltsgegenstand bis zur Architektur werden beim Namen genannt, was über übliche ‘80er-Retrospektiven angenehm hinausgeht. Das Modekapitel hingegen liefert den einen oder anderen guten Ansatz, bietet aber leider hauptsächlich wenig repräsentative, gestellte Fotos aus extravaganten Katalogen oder von weltfremden Designern.

Im Sportartikel versucht Caspers, möglichst viele relevante Sportarten abzudecken, nimmt dabei aber wieder eine fast ausschließlich deutsche Perspektive ein und verzichtet zu meinem persönlichen Bedauern auf die Herren-Fußball-EM 1988, obwohl diese in Deutschland stattfand. Berücksichtigt werden dafür die Weltmeisterschaften 1982 (Spanien) und 1986 (Mexico) sowie viel Olympia und Tennis. Abschließend stellt das Filmkapitel nach einigen bedeutsamen deutschen Werken das Jahrzehnt prägende internationale Produktionen vor, spart aber auch extrem viel aus, allem voran die Horrorsparte. Und nicht einmal Schwarzenegger wird mit einer Silbe erwähnt.

Diese Oberflächlich- und Unvollständigkeit ist symptomatisch für das ganze Buch, das es dennoch versteht, gezielt einzelne Schlaglichter zu setzen und Ereignisse, Phänomene, Produkte oder Menschen exemplarisch herauszustellen. Caspers führt nicht aus, er skizziert. Größtes Pfund des Buchs sind seine tollen Fotos, die man noch nicht unbedingt von woanders her kennt. Zudem verfügt Caspers über einen recht elaborierten Sprachstil, jedoch auch über eine mitunter etwas eigenwillige Zeichensetzung (beispielsweise fehlt öfter das Komma hinter Einschüben). Seine im Buch hervortretende Affinität zu Style und Design erklärt sich aus seinen Tätigkeiten über die Schriftstellerei hinaus: Er ist Professor für Gestaltung und Medien und Dozent für Designtheorie.

Als Grundlage ist „Die 80er – Alles so schön bunt hier!“ gut geeignet, um von hier aus tiefer in die jeweilige Thematik (oder auch ganz allgemein ins faszinierende Jahrzehnt) einzusteigen. Oder man begnügt sich damit, die Fotos zu betrachten, denn die Bilderwahl ist, wie erwähnt, überwiegend sehr gelungen. Im Hinterkopf sollte man dabei jedoch stets die bundesdeutsch geprägte Perspektive und den großen Mut zur Lücke dieses Werks behalten.

Gerald Fricke / Frank Schäfer – Für alles gibt’s ein erstes Mal. Das Buch der Bahnbrecher, Vordenker und Neutöner

Nach dem „Campus-Wörterbuch“ sowie den Jahrzehnts-Retrospektiven „Die Goldenen Siebziger: Ein notwendiges Wörterbuch“ und „Petting statt Pershing: Das Wörterbuch der Achtziger“ arbeiteten die Braunschweiger Autoren Gerald Fricke und Frank Schäfer erneut für ein (auf den ersten Blick vielleicht nicht gleich als solches erkennbares) humoristisch zurückblickendes Buch zusammen: Der 290-seitige Schmöker „Für alles gibt’s ein erstes Mal. Das Buch der Bahnbrecher, Vordenker und Neutöner“ ist im Jahre 1999 bei Hoffmann und Campe als Paperback erschienen.

Die fünf Hauptkapitel „Alltag“, „Technik und Entwicklung“, „Kunst und Kultur“, „Politik und Ökonomie“ und „Eros“ werden jeweils in drei Unterkapitel aufgeteilt, die wiederum die jeweiligen Abschnitte zu irgendwann einmal neugewesenen Erfindungen, Ereignissen oder Phänomenen anordnen. Jedem Hauptkapitel ist ein Vorwort vorangestellt, ein Literaturverzeichnis und tabellarische Schnellübersichten finden sich im Anhang. Natürlich handelt es sich um keine knochentrockene, seriös-lexikalische Faktenanhäufung, sondern um eine mit (vor allem geschichtlicher) Bildung und Wortgewandtheit der Autoren prahlende Sammlung voll süffisantem und sarkastischem Humor, die sich gern vergessener Kuriositäten annimmt oder diese möglicherweise gar selbst erschwindelt (‘tschuldigung, „erfindet“) und eine ironische bis satirische Perspektive einnimmt, um das jeweils Beschriebene durch den Kakao zu ziehen, überspitzt zu ehren, zu kommentieren oder auch zu dekonstruieren oder gar kurzerhand zum Anlass zu nehmen, eigentlich über etwas ganz anderes zu schreiben (und gegenwartsbezogene Kritik zu üben, beispielsweise an der SPD). Unter „Die erste Midlife-Crisis“ wird einem sogar eine Nick-Hornby-Buchkritik untergemogelt.

Das ist anfänglich mitunter gewöhnungsbedürftig und man muss sich etwas durchbeißen, um sich in diesen Stil einzufinden, macht aber Spaß, hat man sich erst einmal eingegroovt. Dass Fricke u.a. für die „Titanic“ schrieb, verwundert da wenig. Zudem lädt die Unterteilung in kurze, in sich abgeschlossene Abschnitte dazu ein, sie häppchenweise zu konsumieren, wobei sich jedoch schnell das „Einer geht noch, na gut, noch einen, wenn noch einer muss…“-Phänomen einstellt – ein bisschen wie in der Kneipe also. Ausnahmen bestätigen die Regel; so gerät „Die erste Daily-Soap“ zu einer mehrseitigen Abhandlung über Kaiser Wilhelm II. Beim ellenlangen Essay über George Washington als Kind muss die Frage „Wahn oder wahr?“ erlaubt sein. Und der Abschnitt zum Promotionsrecht für Ingenieure avanciert zu einer fünfseitigen, hochinteressanten Rückschau auf ein elitäres, schöngeistiges, wohlfeiles und weltfremdes Bildungsbürgertum – und damit ein Stück weit auch auf die Rollen, die die Autoren hier einnehmen.

Diese äußern sich u.a. in der seinerzeit bei Schäfer noch so beliebten Verwendung möglichst unverständlicher Fremdwörter wie „pantagruelisch“ (deftig), „petillierenden“ (S. 173, scheint man sich selbst ausgedacht haben – oder mir ist ein Wortspiel entgangen) oder „Gravamina“ (LK Geschichte: Beschwerden gegen die katholische Kirche anno dazumal). Damit übertreibt man es glücklicherweise nicht, stellt sich in dieser Hinsicht dagegen sogar selbst mal ein Beinchen: Es heißt „Pommes rot-weiß“, nicht „Schranke rot-weiß“ (das wäre redundant), der „Flotte Teens und heiße Jeans“-Regisseur heißt Tarantini, nicht „Tarantino“ (mit Verlaub, aber das ist jemand anderer), Nando Ciceros Film mit Edwige Fenech ist „Die Bumsköpfe“ betitelt, nicht „Die heiße Lehrerin“ (so nannten ihn Fricke, Schäfer & Co. vielleicht damals auf dem Schulhof), aus Regisseur Giuliano Carnimeo wird „Carmineo“ gemacht und aus Marino Girolami „Mariano“. Einige Abzüge in der B-Note also für den Abschnitt über die Commedia sexy all’italiana, über den ich mich als delirierender Italophiler dennoch gefreut habe. Eines noch: Der Vorspann der „Sendung mit der Maus“ ist zweisprachig, nicht der Abspann.

Etliche Texte dieses Buchs sind kreative Hochleistungen voll im Saft stehender junger Autoren, deren diebische Freude am Schreiben deutlich hervortritt. Wo man sich stark von andere hat inspirieren lassen bzw. zitiert hat, sind entsprechende Literaturverweise den Texten angefügt. Darunter findet sich manch kuriose Quelle oder auch mal jemand aus dem eigenen Bekanntenkreis Frickes und Schäfers (Gerhard Henschel auf S. 121). Schade, dass man beim Cornflakes-Artikel die Chance versäumte, herauszustellen, welch derangierter Typ John Harvey Kellogg eigentlich war und welche Ansichten er vertrat (knapp zusammengefasst: Cornflakes sollten ohne Zucker serviert werden und scheiße schmecken, um die Menschen vom Masturbieren abzuhalten). Das wäre eigentlich prädestiniert für eine satirische Verarbeitung gewesen. Nicht alle Texte in „Für alles gibt’s ein erstes Mal“ sind Volltreffer, aber die Trefferquote ist recht hoch und wer Freude an originellem Infotainment, auch mal herausfordernderer Satire und spitzzüngigem Humor mit Herz und Blick für Kuriositäten hat, dürfte mit diesem Buch seine Freude haben – auch wenn der Fabulierdrang Frickes und Schäfers in Zeiten von Propagandakriegen, Faktenchecks, Aufmerksamkeitsökonomie und in Sekundenbruchteilen erfassbarer Memes wenig zeitgemäß wirkt. Oder auch deshalb gerade doch.

Die 80er – Das WILDE Jahrzehnt! Ein BRAVO-Special

Bevor die Renaissance der Popkultur des 1980er-Dezenniums in den 2010er-Jahren erfolgreich vollzogen wurde, gab es in der ersten Hälfe der 2000er bereits Unternehmungen in diese Richtung. Spielzeughersteller Mattel legte die „Masters of the Universe“-Actionfiguren wieder auf und gab sogar eine neue Zeichentrickserie in Auftrag, Modern Talking waren bedauerlicherweise bereits seit 1998 (bis 2003) wieder aktiv, Iron Maiden brachten mit ihrer Reunion den klassischen Heavy Metal der ‘80er international weit über den Underground hinaus zurück aufs Tapet, Nena feierte mit Neuaufnahmen alter Hits ihr 20-jähriges Jubiläum, No Doubt beherrschten mit ihrer Talk-Talk-Coverversion „It’s My Life“ die Charts – und der Kölner Privatsender RTL, selbst eine Geburt der ‘80er, ließ von Günther Jauch, einem Unterhaltungssendungsmoderator, der in den 1980ern seine Popularität erlangte, die mehrteilige „80er Show“ produzieren. Diese wirkte etwas bemüht, als gelte es, ein Revival zu erzwingen, und war schlicht ungefähr zehn Jahre zu früh dran.

Denn: Die Versuche, die Populärkultur der ‘80er wieder aufzugreifen, waren damals noch eher zaghaft und halbherzig – oder gar nicht zwingend intendiert. Modern Talking, seit jeher ein extrem artifizielles Retortenprodukt, peppte die alten Charthits mit Rap-Elementen und einem moderneren Soundgewand auf, um eben nicht mehr nach den ‘80ern zu klingen. No Doubts „It’s My Life“ wurde zu einer (gelungenen!) Alternative-Rock-Nummer, die musikalisch gerade nicht den Synthie-Pop des Originals aufgriff. Und im Gegensatz zur Neuauflage aus den 2010ern sahen He-Man, Skeletor & Co. überhaupt nicht mehr nach dem Originalen aus den 1980ern aus, sondern verfügten über ein komplett neues Design, bis hin zu einem neuen Logo der Actionfigurenreihe (was heute undenkbar wäre). So richtig retro war hier kaum etwas.

Beim Heinrich-Brauer-Verlag und bei RTL sah man in einer die ‘80er zum Aufhänger nehmenden Print-Kooperation offenbar dennoch Potenzial, gegenseitig voneinander zu profitieren, und brachte im Jahre 2002 diese 68-seitige Publikation für lumpige 2,50 EUR an die Kioske des Landes, die in erster Linie für die vom unseriösen Nachmittags-Trash-Talker Oliver Geissen moderierte „80er Show“ die Werbetrommel rührte. Und diese sieht aus, wie eine Bravo eben so aussieht: Viele Bilder, wenig Text. Von der Titelseite lacht einem Nena entgegen, das Vorwort stammt von Oliver Geissen. Auf je einer Doppelseite pro Jahrgang lässt man die Zeit von 1980 bis 1989 Revue passieren, wobei der Schwerpunkt auf der Musik liegt. „Now and then“ stellt Fotos Prominenter von damals und heute (also 2002) gegenüber, die erfolgreichsten Kinofilme werden auf sechs Seiten kurz angerissen, vier Seiten widmen sich dem (zielgruppenrelevanten) deutschen Fernsehen der ‘80er. Weitere sechs Seiten, „Lifestyle der 80er“ überschrieben, werden zum Sammelsurium für alles, was nicht in die anderen Rubriken passte, und „Der Humor der 80er“ zu einer müden Witzesammlung, immerhin angereichert mit ganz wenigen Informationen zu relevanten Comics und Cartoons. Ein Quiz, zwei Seiten zur DDR-Popkultur und Tipps für eine zünftige ‘80er-Party, in der Werbung für RTL- und Bravo-‘80er-Hit-Kompilationena auf CD gemacht wird, beschließen das Heftchen.

Der Tonfall der spärlichen Texte ist betont flapsig und „jugendlich“, dabei inhaltlich oberflächlich und nicht immer ganz akkurat. Ein großformatiges „Kultposter“ in der Heftmitte ist auf einer Seite mit einer vergrößerten Bravo-Titelseite aus den ‘80ern mit Adam Ant als Covermodell bedruckt, auf der anderen Seite mit den unvermeidlichen Modern Talking in schlimmen Outfits. Die gefühlte Omnipräsenz Dieter Bohlens ist dabei sicher kein Zufall, begann er doch im Erscheinungsjahr dieses Hefts als „Deutschland sucht den Superstar“-Juror eine steile TV-Karriere bei RTL.

Zu einem ganz groben, schnellen Überblick über die ‘80er aus bundesdeutscher Mainstream-Perspektive taugt dieses Sonderheft sicherlich, seine Oberflächlichkeit, einhergehend mit mal mehr, meist weniger versteckter Werbung fürs RTL-Geissen-Bohlen-Konglomerat erweist sich aber als ebenso störend wie seine aufgesetzt wirkende Coolness. Nichtsdestotrotz erzielen vollständige, gut erhaltene Exemplare mit Poster auf dem Sammlermarkt mittlerweile zumindest ein Vielfaches des ursprüngliches Verkaufspreises.

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