Günnis Reviews

Monat: Juni 2026

Gotlib – Gotlib (Band 2)

Das zweite in Raymond Martins Volksverlag erschienene Sammelband-Softcover-Album des französischen Comic-Enfant-Terribles Gotlib datiert in Original wie deutscher Lizenz aufs Jahr 1983, seine rund 100 Seiten blieben diesmal jedoch unkoloriert. In Sachen Blasphemie und Sex setzte Gotlib in seinen anarchisch-satirischen Comics jedoch noch einen drauf, ergänzt um menschliche Ausscheidungen.

Ein hervorragendes, der Fachzeitschrift „Comic Forum“ entnommenes, fünfseitiges und somit recht ausführliches Portrait Gotlibs stimmt auf den Inhalt ein, der neben kurzem Nonsens diverse absonderliche Geschichten enthält. So trifft der Bürgermeister von Huon im Wald auf allerlei sich Sex und Perversionen hingebende Märchengestalten. Ein paar Panels entpuppen sich dabei als eine Art Prequel der Erlebnisse Herrn Junghans‘ aus Band 1. In „La coulpe“ streift Gotlib persönlich durch die Gegend und macht eigenartige Erfahrungen. Ein beliebtes Motiv Gotlibs scheinen hier zweckentfremdete bzw. umplatzierte Körperteile zu sein; so hat jemand beispielsweise eine Penishand und einen Handpenis, ein anderer kackt aus dem Kopf. In einer „Was bin ich?“-Persiflage hat der Kandidat einen Fuß statt einer Hand und umgekehrt – und führt vor, wie er damit onaniert.

Ein verklemmter Zensor wird von Gott gezwungen, durch Scheiße zu schwimmen, zu onanieren, mit seiner Mutter zu vögeln und seinen Vater zu töten – provokanter ging es wirklich kaum noch. Etwas bemüht wirkt die Pointe des exzellent gezeichneten Vorgangs der Morgentoilette eines Normalbürgers, der für sich privat halt popelt und furzt, der Jugend am Ende aber mangelnde Manieren vorwirft – gleichwohl gelten diese nun einmal in erster Linie für den Umgang mit anderen. Es folgt eine sehr schwarzhumorige Parodie klassischer Melodramen, und mit der Geschichte vom Mann mit den zwei Schwänzen wird’s wieder blödsinnig pubertär. Die letzte längere Geschichte handelt von der Erfindung des Klopapiers und einer Art Abroller, inklusive Schwänzen, Kot (natürlich) und etwas Ejakulat.

Fast überall geht es diesmal also um Schwänze und Sex, was die bundesdeutsche Zensur den Band dann auch indizieren ließ. Nicht jeder Schuss ist ein Treffer, aber Gotlib feuert mit Kot und Sperma aus allen Rohren – das reinste Comic-Tourette. Die Übersetzung erlaubte sich wieder die eine oder andere Lokalisierung und leidet bedauerlicherweise unter einer Als/wie-Schwäche. Band 3 liegt mir leider nicht vor, würde mich aber ebenfalls interessieren…

Gotlib – Gotlib

Den französischen Holocaust-Überlenden und Comiczeichner Marcel Gotlieb alias Gotlib lernte ich im gerade noch präpubertären Alter kennen, als ich „Hamster Fidel und seine Wölfchen“ in der Carlsen-Pocket-Taschenbuchausgabe als preisreduziertes Mängelexemplar für 1,99 DM mitnahm und mich über den sexuell aufgeladenen Inhalt ebenso wunderte wie beömmelte. Raymond Martins Volksverlag hatte Gotlibs Werke unter anderem in seinen „U-Comix“ publiziert und lizenzierte diesen 100-seitigen, vollfarbigen Sammelband in Albumform im Jahre 1982. „Gotlib“ bildete den Auftakt einer drei Alben umfassenden Reihe. Das Comic-Enfant-Terrible Gotlib war ein humoristisch-satirischer Zeichner, der mittels Blasphemie und Sex provozierte und mit einem stark karikierenden Strich arbeitete, der die Gesetze der Anatomie regemäßig außer Kraft setzte.

Den in diesem Band versammelten Comics – mitunter eher dadaistische Ein- und Zweiseiter, aber auch längere Geschichten – ist ein sich über zwei Seiten erstreckendes, ausführliches Porträt Gotlibs aus der Feder Horst Schröders vorangestellt. Los geht’s mit dem Weihnachtsmann beim Geschenkeverteilen, der an den Menschen verzweifelt – sowohl an den Erwachsenen als auch den Kindern. Im Anschluss schmeißen sich, heillos übertrieben gezeichnet, Witzeerzähler einer TV-Sendung immer mehr weg, je schlechter die Witze werden. Diese wurden über die Übersetzung hinaus eingedeutscht, eine der Figuren spricht sogar mit Berliner Dialekt. Durandal ist dann eine Persiflage auf Fantasy-Abenteuer à la „Excalibur“. Gotlib versah diese mit ein paar Anachronismen (und der Verlag vergaß, einen französischen Randtext zu übersetzen), Groucho Marx taucht plötzlich auf und Sinn ergibt das alles keinen.

Hans Junghans wird seine Hilfsbereitschaft nicht gedankt; Barbaralice ist eine sexploitative und etwas arg dialoglastige Persiflage gleichsam auf Alice im Wunderkind und Barbarella inkl. Titten, Schwänzen und Ejakulationen, über die sich Lewis Caroll dann auch persönlich beschwert; und ein grüner Bruce-Lee-Verschnitt macht den dicken und chauvinistischen französischen Superhelden Superdupont nach allen Regeln der Kampfkunst fertig, wobei die Pointe mit Referenzierungen kulinarischer Befindlichkeiten arbeitet. Es folgt ein grandioser Meta-Comic, in dem der Protagonist – wohl Gotlib selbst – mit den Leserinnen und Lesern konfrontiert wird. Dann verliert der heilige Augustus bei einem Fußball-Kick zweier kleiner Engel seinen Kopf, was unter blasphemischem Slapstick einsortiert werden kann, ebenso die Verballhornung des Abendmahls Jesus‘. Ein fiktionaler expressionistischer Stummfilm Fritz Langs findet sich ebenso wie eine ungewöhnlich schöne Geschichte, in der Gotlib einen Fernsehauftritt hat, verfolgt von seiner stolzen Mutter und ihren Rentnerfreunden. Am Schluss trifft ein Bruchpilot in der Sahara auf einen kleinen Prinzen mit Sprachfehler – eine Geschichte über die Tücken misslingender Kommunikation mit eher schwacher Pointe, aber gewohntem Irrwitz.

Gotlib bewegt sich stets zwischen pubertär und provokant, macht nach jedem Gag neugierig auf den nächsten und vor niemandem Halt; hat es auf die ganze Gesellschaft abgesehen, ohne agitatorisch oder belehrend zu wirken – im Gegenteil. Er lebt sich entfesselt anarchisch in seinen Comics aus, die in dieser Lizenzausgabe um ein paar Anspielungen auf den deutschen Verleger Raymond Martin – dem man danken muss, diesen und anderen sich an eine jugendliche und erwachsene Leserschaft richtenden Stoff nach Deutschland geholt zu haben –, aber auch ein paar Rechtschreibfehler ergänzt wurden.

Bernd Pfarr – Dulle: Schwer genervt

Der leider viel zu früh verstorbene Comiczeichner, Cartoonist und Maler Bernd Pfarr veröffentlichte sein erstes (mir noch unbekanntes) Comicalbum im Jahre 1984 in Form des zweiten Bands der „Erwachsenen-Comics aus deutschen Landen“ des Volksverlags. Im selben Jahr beteiligte er sich an den „Pullover-Comics“ des Kieler Semmel-Verlags, wo er seinen anthropomorphen Enterich Dulle auftreten ließ. Seinen Einstand hatte Dulle anscheinend bereits ein paar Jahre zuvor im Underground-Comic-Magazin „Hinz & Kunz“ gefeiert. Ihm widmete Semmel ein Jahr später ein ganzes Taschenbuch, nachdem Pfarr bereits im Frühjahr 1985 ebendort „Ich liebe dich!“ veröffentlichen konnte.

Auf das Inhaltsverzeichnis des unkolorierten, diesmal aber mit Seitenzahlen versehenen Buchs folgt ein kurzes Vorwort Michael Gutmanns zur Figur des wortkargen, stets stoisch genervt dreinschauenden Schrottplatz- und Autoverwertungshofbetreibers Dulle in einer Welt unterschiedlicher anthropomorpher Wesen. Die mit klarem Strich kreierten, übersichtlichen Zeichnungen sind auffallend groß, die Buchseiten werden mit maximal Panels belegt.

In der ersten Geschichte lässt man (also Dulle und seine beiden Mitarbeiter Kurz und Kapuste) nach allen Regeln der Kunst einen Kunden auflaufen – eine köstliche Parodie auf Handwerksbetriebe, die es sich leisten können, schlecht mit Kundschaft umgehen oder erst gar keinen Bock auf welche haben. Wie Pfarr menschliche Verhaltensweisen hier in Comicform karikiert, ist ein großer Spaß. Hochklassig auch die Geschichte um Dulles Neffen Rötger, den er für zwei Wochen zu sich nimmt: einen ausschließlich an Schach interessierten Autisten. Die anderen, meist wesentlich kürzeren Geschichten fallen dagegen – mitunter doch arg – ab. Nichtsdestotrotz bietet „Dulle“ einen interessanten Einblick in Pfarrs frühes Schaffen und macht mich neugierig auf mehr.

Volker Reiche – Erwachsenen-Comics aus deutschen Landen (Band 1)

Nachdem ich mich kürzlich mit Volker Reiches früher Semmel-Verlach-Veröffentlichung „Willi Wiedehopf räumt auf!“ beschäftigt hatte, wurde ich erst recht neugierig auf sein Frühwerk. Seine nach „Liebe“ zweite Veröffentlichung in Albumform dürfte der erste Band der im Jahre 1984 im Volksverlag erschienenen „Erwachsenen-Comics aus deutschen Landen“ sein. Bei diesem rund 90-seitigen unkolorierten Softcover-Album scheint es sich um eine Zusammenstellung überwiegend zuvor im ebenfalls im Volksverlag veröffentlichten Underground-Comic-Magazin „Hinz & Kunz“ abgedruckter Comics Reiches handeln. Das Herzstück bildet sein „Comic-Roman“ (Graphic Novel sagte man damals noch nicht) „In Biblis ist die Hölle los!“, der als Fortsetzungsgeschichte in Hinz & Kunz erschienen war.

Statt eines Vorworts finden sich Fotos Reiches, wie er an einem Tisch voller Bierflaschen mit seiner (wiederum gezeichneten) Figur Schnurr über den Inhalt dieses Bands diskutiert – wobei sich Schnurr sehr kritisch gegenüber seinem Zeichner äußert. Diese Meta-Ebene zieht sich durch die gesamte Handlung, für die Reiche eine Vielzahl auf verschiedenen Tierarten basierender anthropomorpher Figuren einführt, von skrupellosen Industriellen bis zu radikalen AKW-Gegnern. Besonders angetan hat es mir der unpolitische Filmliebhaber, der auf alte Horrorstreifen steht und einen eigenen Godzilla-Film drehen möchte. Die über einen langen Zeitraum und ursprünglich als Anti-AKW-Comic entstandene Geschichte um die Machenschaften der Atomindustrie und Widerstand gegen dieselbe wird immer wieder unterbrochen und zwischen Reiche und seinen Figuren reflektiert. Teil der Reflektion ist, dass sich Reiche (mittlerweile übrigens selbstironisch als mit Halbglatze gezeichnete Comicfigur auftretend, während aber auch der eine Lederjacke tragende Bello Bautz optisch verdächtig an Reiche erinnert) am liebsten von der AKW-Geschichte verabschieden würde, weil zwischenzeitlich Ronald Reagan zum Präsidenten der USA gewählt worden ist und angesichts des NATO-Doppelbeschlusses eine Kriegsangst herrscht, gegen die die AKW-Problematik verblasst. Reiche hält also nicht stur am ursprünglichen Konzept fest, sondern lässt unmittelbar aktuelle politische Entwicklungen einfließen.

Nachdem „In Biblis ist die Hölle los!“ wenig stringent, dafür umso dynamischer zu einem Ende gebracht wurde, fordert Schnurr seine Bettgeschichte ein, die in Form des fünfseitigen Sex-Funnys „Liebe auf den ersten Blick“ folgt. Weitere Kurzgeschichten und Comicstrips um die Schnurr-Brüder machen Lust auf mehr (ein Höhepunkt: das Wimmelbild der Weihnachtsfeier), doch anschließend droht Reiche ihnen mit dem Radiergummi und kotzt sich auf einer ganzen Seite über kitschige Reaktionen linker Kreise auf die Wahl Mitterands zum französischen Präsidenten aus. Interessanterweise sitzt er im Zwiegespräch mit den Schnurrs mit einer Ausgabe der FAZ auf einem Sofa, die bekanntlich später sein langjähriger Arbeitgeber werden sollte. Ein kurioser Zufall oder bereits ein Wink mit dem Zaunpfahl?

Auch in den „Zu Gast bei H&K“-Comic hat Reiche sich selbst gezeichnet, darüber hinaus seine Zeichnerkollegen, die gemeinsam ihre Kunst im Zuge einer Arbeitssitzung kontrovers diskutieren – einmal mehr wird also fröhlich auf der Meta-Ebene getänzelt. Der Einseiter „Fuchsjagd“ verrät, dass Reiche & Co. D.O.N.A.L.D.-Mitglieder und somit Anhänger des Donaldismus sind, eine weitere Seite nimmt Psychoanalytiker aufs Korn. Im Bereich „Lebenshilfe“ ätzt Reiche gegen zum Klischee gewordene Kopfbedeckungen und ihre Träger, wobei manch Politnick sein Fett abbekommt, ein weiterer Beitrag verballhornt den Hype um Adidas-Treter. Noch aus dem Jahre 1979 stammen die Comics, die Reiche für die „Pardon“ gezeichnet hatte und entsprechend schlüpfrig ausfallen, während „Die alten Freunde in der Stadt…“ Öko-Hippes veralbert. Für ein paar vierpanelige Strips hat er anscheinend neue Figuren ausprobiert oder aber bewusst als leichte Fingerübungen erdacht und wieder fallengelassen. Ganz am Schluss darf ein Betrunkener einen aufgekitschten Hippie-Citroën vollreihern.

„Comics für Erwachsene“ sind’s einerseits, weil recht freizügig mit Sexualität umgegangen wird, vor allem aber aufgrund der zahlreichen Bezugnahmen auf Politik und Gesellschaft, die eine zu junge Leserschaft größtenteils wohl gar nicht verstanden hätte. Obschon Reiche offenbar dem alten Anarcho-Klüngel entstammt, lässt er immer wieder durchblicken, wie wenig er von Hippies und hyperpolitischer Klientel hält. Anhand dieses Bands lässt sich möglicherweise neben seinem immer feiner und sicherer werdenden Zeichenstil auch Reiches persönliche Entwicklung nachvollziehen, die ihn schließlich zum Comiczeicher für „Hörzu“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ machte. Seine Passion sowohl für eigenentwickelte anthropomorphe Figuren als auch bissigen Humor wird mehr als deutlich und es ist ein bisschen schade, dass in dieser Hinsicht später anscheinend nicht mehr so viel kommen sollte.

Sowohl für an der Entwicklung moderner deutscher Underground-Comics interessierte Comic-Archäologinnen und -Archäologen als auch generell für Liebhaberinnen und Liebhaber von Zeitkolorit im Comic ist dieses Album eine echte Fundgrube. Mal sehen, ob ich auch Reicherts Debütalbum „Liebe“ noch irgendwo herbekomme…

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