Der magische Sommer 1990 lässt mich nicht los – und ich ihn nicht. Heribert Faßbender, Gerd Rubenbauer, Jörg Wontorra – drei große Namen meiner TV-Fußball-Sozialisation durch die EM ’88 und die WM ’90. Ersterer lächelt einen vom Cover dieses 1990 bei Falken erschienenen rund 210-seitigen broschierten Buchs an, als dessen Herausgeber er fungierte und an dem er auch selbst mitschrieb. 35 Jahre später erwarb ich es antiquarisch und nahm es mit in den Urlaub, um darin zu schmökern. Fantastische, große Fotos und hochwertiges, festes Papier laden dazu ein.
Nach einem Vorwort Faßbenders lässt man die Bundesliga-Saison 1989/’90 – die letzte rein westdeutsche – Revue passieren, und zwar beginnend mit dem Kampf um die Meisterschaft, nacheinander die darin ernsthaft involvierten Vereine abhandelnd. Ebenso verfährt man mit den UEFA-Cup-Plätzen. Jörg Wontorra widmet Otto Rehhagel zwei Seiten. Es folgen die Spiele und Tore des Monats, letztere mit Videostills – herrlich! Dann der Abstiegskampf und das auch damals verlässlich rotierende Trainerkarussell. Auf den FC Kaiserlautern – erst abstiegsgefährdet, dann DFB-Pokalsieger – wird näher eingegangen, hochinteressant dabei die Personalien Kulttrainer Kalli Feldkamp und Wolfram Wuttke. Jochen Sprentzel verfasst zwei Seiten über die Rückkehr der ollen Hertha BSC in Liga 1 und die Bedeutung des Anschlusses der DDR ans BRD-Staatsgebiet für den Berliner Profifußball. Viel faszinierender: Klaus Schwarzes zwei Seiten über den Aufstieg Wattenscheids, beschrieben anhand des Werdegangs des Chefs Klaus Steilmann. Fritz Klein kontert mit einem zweiseitigen Essay über Knete, vor allem die immer weiter steigenden TV-Lizenzkosten des Produkts Bundesliga inkl. interessantem Detail über Klinsmann. In Sachen DFB-Pokal fokussiert man die Rolle der Erstligisten, beginnend mit dem HSV-typischen Aus gegen einen unterklassigen Gegner in der ersten Runde und endend mit dem bereits oben erwähnten Überraschungssieger FCK.
Das Buch zeigt Nerven im Abschnitt über den Europokal der Landesmeister, dem Vorläufer der heutigen Champions League, mit dem FC Bayern. Bei Flemming Povlsen unterschlägt man ein „m“ und vergisst am Ende glatt zu erwähnen, gegen wen AC Mailand denn nun eigentlich im Finale gewann (Benfica Lissabon nämlich). Man fährt mit dem Pokal der Pokalsieger fort, an dem die Dortmunder Borussia teilnahm, und natürlich dem UEFA-Pokal mit Stuttgart, Köln, dem HSV und Bremen. An den jeweils genannten Zuschauerzahlen lässt sich ablesen, dass internationaler Fußball damals nicht denselben Stellenwert wie heute genoss. Selbst beim 5:1 Bremens gegen Neapel mit Maradona waren nicht alle Plätze besetzt. Ein heute undenkbarer Wahnsinn! In Hinblick auf die WM 1990 auch interessant: Im Halbfinale befanden sich zwei deutsche und zwei italienische Mannschaften. Thomas Häßler wechselte nach seinem Halbfinale gegen Juventus Turin sogar dorthin.
Dann endlich: Die WM 90! Man beginnt mit der Eröffnungsfeier vor – unglaublich, aber wahr – nicht ganz vollen Zuschauerrängen und dem Eröffnungsspiel mit dem legendären Sieg Außenseiter Kameruns über den amtierenden Weltmeister Argentinien, springt dann aber direkt zu den Spielen der „deutschen“ Gruppe D. In Bezug auf Kolumbien geht man auf die Drogenmafia- und Morddrohungsproblematik ein. Leider scheinen die Bildunterschriften unabhängig vom Fließtext gemacht worden zu sein. So wünscht man sich manchmal Bezugnahmen oder Entsprechungen im Text, beispielsweise auf S. 135 bzgl. Huigita oder zu Beginn mit Daum und Häßler.
Um die anderen Gruppen geht’s im Anschluss. Klar fallen die Runden- und Spielberichte sportjournalistisch-kritisch aus, aber spannend fand ich auch manch Unentschieden, und es gerade geil, dass England noch kickte und rushte, dass Brasilien überraschend defensiv spielte usw. So waren damals auch für mich als Neuling deutliche Unterschiede in den Spielsystemen erkennbar. All die Geschichten dieser WM werden angerissen: Das Favoritenstraucheln, Kamerun und George Milla, der englische Rekordtorhüter Peter Shilton, Deutschland versus Holland nach Losentscheid, die Vereinigten arabischen Emirate, Irland im Viertelfinale, Costa Ricas Teilnahme, der Sizilianer Toto Schillaci und der argentinische Ersatztorhüter Goycochea, der zum Elfmeterkiller avancierte und seine Mannschaft bis ins Finale führte.
Angenehm kritisch gibt man sich auf S. 165, wenn bei den Ausschreitungen im Rahmen des Spiels Englands gegen Belgien eine Mitschuld der Polizei zumindest in Erwägung gezogen wird. Harsche Kritik hagelt es aber vor allem an den Schiedsrichterleistungen. Wenn man im Bericht übers deutsch-englische Halbfinale – einem Fußballkrimi par excellence – Buchwalds Pfostentreffer erwähnt, muss eigentlich aber auch jener der Briten genannt werden. Faßbender persönlich schließt mit einem zweiseitigen Essay über Kaiser und Weltmeister-Trainer Franz Beckenbauer.
Ergebnisse und Statistiken runden das Fußball-Jahrbuch 90 ab, in dem sich ein paar wenige orthographische Fehler finden und in Verbindung mit Namen häufig der Dativ angewandt wird, wo auch der Genitiv möglich und meines Erachtens schöner gewesen wäre. Nicht mehr in diesem Buch findet sich (verständlicherweise) die erste Hälfte der Liga-Saison 1990/’91. Alles in allem ist dieses Buch eine schöne Erinnerung an ein (nicht nur für mich) besonderes Fußballjahr, das in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur bedeutete. Es hilft zudem, die Ereignisse auf Vereinsebene im Vorfeld der WM nachzuvollziehen und ist somit eine schöne Ergänzung zu den monothematischen WM-Rückblicken im Sportbuchregal.
