In meiner „Tonis großes Spiel“-Besprechung kündigte ich an, zu Geier und Robi später mehr zu schreiben. Später ist jetzt. Vor allem auf Robi möchte ich etwas näher eingehen: Während meiner präpubertären Wrestlingbegeisterungsphase, die zumindest damals, Anfang der 1990er, so viele Jungen durchlebten, sah ich mit Begeisterung das WWF-Programm „Ring frei“ auf Tele 5. Knapp verpasst hatte ich die eine Weile, von 1989 bis 1991, gesendete RTL-plus-Konkurrenz „Catch Up“, die sich der NWA bzw. WCW widmete. Im Gegensatz zur „Ring frei“-Moderation orientierte man sich bei „Catch Up“ stärker an den US-Vorbildern, bei denen es wohl üblich war, dass nicht nur im Ring ein Babyface (also ein Rechtschaffender) und ein Heel (ein Schurke) gegeneinander antraten, sondern auch die Doppelmoderation entsprechend aufgeteilt war. „Catch Up“ wurde moderiert vom um Seriosität bemühten US-Amerikaner Joe Williams (eigentlich Ben Brumfield und tatsächlich seriöser Journalist) und einer Gestalt in irrer Montur und mit angeklebtem Schnäuzer namens Horst Brack, der sich grundsätzlich verächtlich über die Babyfaces äußerte und die Heels und ihre Regelübertritte lobpreiste, aber auch gern seinen Kollegen, seine Gäste oder gleich das TV-Publikum beleidigte – und hin und wieder sogar selbst in den Ring stieg. Das war derart überzeichnet, dass klar war, dass es sich um eine Rolle handelte, zugleich aber – auch oder vielmehr gerade in seiner oft improvisiert wirkenden Unperfektion – Ausdruck der seligen alten Anarcho-Privatfernsehen-Tage. Als Erwachsener konnte ich einen großen Teil der „Catch Up“-Sendungen dank einer findigen Wrestling-Online-Community nachholen.

In diesem Zuge erfuhr ich, dass Horst Brack eigentlich Rochus Hahn heißt und unter dem Pseudonym Robi sehr aktiv im deutschen Comic-Underground war und ist: Er war an der Heftreihe „Menschenblut“ als Mitbegründer beteiligt und gründete im Jahre 1999 den bis heute aktiven Verlag Schwarzer Turm, für dessen Veröffentlichungen er mitunter persönlich als Autor verantwortlich zeichnet. Zudem ist er als Drehbuchautor für Film und Fernsehen tätig („Der Formel Eins Film“, „Das Wunder von Bern“) und Autor von Romanen. Ein umtriebiger, kreativer Kopf also – der von 2000 bis 2005 bei Schwarzer Turm die von ihm geschriebene und von Geier gezeichnete Heftreihe „Horst“ (!) veröffentlichte, die 2010 und 2011 vom renommierten, so gar nicht undergroundigen Panini-Verlag in Form vierer Softcover-Paperbacks im Heftformat wiederveröffentlicht wurde – neu koloriert und inhaltlich erweitert.

Die 100-seitige erste Ausgabe „Mittendrin!“, um die es hier gehen soll, ist vollfarbig koloriert und mit einem an Handlettering erinnernden Font auf hochwertigem Papier getextet. Er enthält Onepager, hautsächlich aber längere Geschichtchen um den Hasen Horst Bruckner (!), der mit Nilpferd Lutz eine Wohngemeinschaft bildet. Diese ist einer zwar anthropomorphen Welt verschiedenster Tiere, eigentlich aber in der menschlichen Realität angesiedelt. Der Einstieg gelingt grandios und behandelt die Leiden eines Drehbuchautors, wie Hahn alias Robi eben auch einer ist. Der Chef von „Satl7“ erinnert sicher nicht von ungefähr an RTL-Bonze Thoma. Köstlich auch: Auf Bobeles Werbung hin will Horst auch ins Internet, um auf Pornoseiten zu surfen. Das war der Spirit der frühen 2000er! Zeitkolorit findet sich auch, wenn auf die Arte-Ausstrahlung von Romeros „Day of the Dead“ oder andere reale Filme Bezug genommen wird.

Hauptsächlich geht’s aber darum, dass der Rammler rammeln will, aber nur selten zum Stich kommt und sich immer wieder eingestehen muss, eigentlich eine mitleiderregende Figur zu sein. „Horst“ behandelt sexuelle Themen, über die man sonst eher nicht spricht, beispielsweise Bordellbesuche. Die Pointen sind oft gar nicht unbedingt der Knaller, im Fokus stehen eher die äußerst charmant und liebevoll erzählten Geschichten. Bemerkenswert auch ein Rückblick in Horsts Pubertätstage: Er sieht sich onanierend einen Porno im Bahnhofskino an und wird von einem Erwachsenen belästigt, woraufhin er es mit der Angst seines Lebens zu tun bekommt. Auf 84 Seiten Comics folgt ein Anhang, der von Horst kommentierte Gemälde, ein Interview mit Geier, laut dem die Geschichten biographisch seien (oha…), einen Rotlicht-Ratgeber, eine Vorschau auf Band 2 und eine köstliche „Keinohrhase“-Filmplakat-Parodie umfasst.

Geiers anthropomorpher Funny-Zeichenstil ist prächtig und der Humor, durch den zuweilen Ernst schimmert, sympathisch und oft aus dem Leben gegriffen, die behandelten Themen sind in ihrer Offenheit provokant. Sexszenen gibt, Pornöses hingegen nicht. Rechtschreibfehler sind mir nur ganz wenige begegnet. Eine überraschend gelungene deutsche Comicreihe und ein Sammelausgaben-Auftakt, der direkt Lust auf die nächste Ausgabe macht. Ich bleibe dran, demnächst mehr dazu.