Günnis Reviews

30.06.-02.07.2022, Göteborg, Schweden: FRAGILE MOUNTAIN PUNK FESTIVAL

„Fraggles, das sind wir…“

Unser neuer Bassist Holler hat ‘ne Schweden-Connection und konnte für uns eintüten, dass wir auf dem ersten FRAGILE MOUNTAIN (Schwedisch für „Fraggle Rock“) spielen. Somit sollte unser erster Gig seit 7“-Veröffentlichung, Pandemie und Umbesetzung (Drummer Dr. Tentakel ging in Punkrockrente und übergab die Sticks an Eisenkarl, den Bass übernimmt seitdem Holler) direkt auf einem ausländischen Open Air stattfinden – zudem unser erster Auslandsgig überhaupt. Dadurch hatten wir ein Ziel vor Augen, auf das sich hinzuproben lohnte. Außerdem ging es um eine gute Sache: Die Göteburger Punkszene, organisiert als „GBG Punkpöbel“, wollte übers Festival Geld zusammenbekommen, um einen Ort für Punks und Ähnlichgesinnte finanzieren zu können. Ursprünglich waren wir für den Samstag vorgesehen, was mir gut gepasst hätte. Das änderte sich irgendwann, wir sollten Freitag spielen – was mich vor ein Problem stellte. Den ersten Arbeitstag eines Monats kann ich mir normalerweise nur freinehmen, wenn ich dessen Arbeit komplett am vorherigen Tag erledige. Den Ersten und den Tag davor freinehmen geht hingegen gar nicht. Das bedeutete: Donnerstag durchziehen und um 18:00 Uhr direkt nach der Maloche los Richtung Schweden. Unsere Spielzeit war auch immer weiter nach vorn gerückt, mittlerweile hieß es 14:40 Uhr. Der Plan war, bis nach Frederikshaven in Dänemark das Pedal durchzutreten und um 00:15 Uhr die Fähre nach Göteborg zu nehmen, um dort um 3:30 Uhr anzukommen und noch ein paar Stunden Schlaf vorm Auftritt zu kriegen.

Unsere Reisegruppe war illuster: Helldriver T-Check hatte seinen Neunsitzer gesattelt und Holler war schon ‘nen Tag früher abgereist, sodass neben uns übrigen drei Motherfuckern und meiner Liebsten noch weitere Freundinnen und Freunde des erlebnisorientierten Tourismus mitfahren konnten, darunter DK von Erroristic Subculture, der seinen Merchstand dabeihatte, und der für unseren eigentlichen Mercher Dr. Tentakel (leider gesundheitlich verhindert) eingesprungene Carlo, ebenfalls mit gut gefülltem Bauchladen. Britta und Shirin komplettierten die Entourage. Zig Paletten billiges Dosenbier warteten zudem im Kofferraum auf ihre Verköstigung (auf dem Festival herrschte Glasflaschenverbot). Ich kam als Letzter am Treffpunkt an, betrat den Wagen – und das Chaos nahm seinen Lauf.

„…tonnenweise Dosenbier…“

Aufgrund eines Missverständnisses schlug unser Fahrer den Weg zu einer falschen Fähre ein, was er sogar noch irgendwie gesagt hatte, ich als schlechtester Beifahrer der Welt aber gar nicht richtig wahrgenommen hatte. Bei mir klingelte ohnehin nichts, weil sich Holler um die ganze Planung gekümmert und somit auch unsere Fähre gebucht hatte. Ich hatte zwar die Buchung ausgedruckt dabei, hätte aber nicht ohne abzulesen sagen können, von wo genau unsere Fähre überhaupt ablegen sollte. Relativ frühzeitig fiel das zwar auf und T-Check aktualisierte den Navi – doch, fuck:  Auch wenn wir von vornherein richtig gefahren wären, hätten wir’s zeitlich höchstens gerade so, mit Ach und Krach, rechtzeitig zur Fähre schaffen können. Das war uns Experten gar nicht so bewusst gewesen. Ohne viel Federlesens fasste T-Check den kühnen Entschluss, Fähre Fähre sein zu lassen und über die Brücke auf dem Landweg nach Göteborg zu heizen. Ein Mann, ein Wort. Ich durfte nun auch so viel trinken, wie ich wollte, da der Zeitplan ohnehin über den Haufen geworfen war. Das musste ich auch, allein schon, um die Vorstellung erträglicher zu machen, entweder während der Fahrt zu pennen zu müssen oder kaum noch Schlaf vorm Gig zu finden.

Foto: Kai

Dabei nicht bedacht hatte er allerdings, dass meine Ankündigung, beim Biergenuss ständig pinkeln zu müssen, keinesfalls übertrieben war. So hielten wir auf jedem zweiten Parkplatz, wobei jedes Mal die Dosen aus der Beifahrertür klöterten wie anno dazumal auf dem Weg zum Force Attack oder in seligen Prä-Dosenpfand-Zeiten. Trotzdem durfte ich den DJ machen und lieferte somit den Soundtrack zu dieser Tour de force. Mein Vorsatz, mich nicht schon auf der Hinfahrt zu betrinken, relativierte sich mit jeder getrunkenen Dosenplörre. Dann fiel auch noch der fünfte Gang aus, was uns langsamer zu fahren zwang. Später verabschiedete sich auch der Rückwärtsgang. Am Grenzübergang zu Schweden fragten die Beamt(inn)en, wat wir fürn Haufen seien, woraufhin unser Tross mit „a band“ antwortete. „Which band?“ entgegneten sie, worauf ich ihnen unseren Bandnamen entgegengelallt haben soll, was offenbar für einiges Amüsement sorgte. Kurz vor Ankunft auf dem auf einem Berg gelegenen Gelände (eine zugeschüttete ehemalige allwissende Müllhalde?) am Rande eines Industriegebiets pennte ich ein, kurz vor 7:00 Uhr morgens kamen wir endlich an. Mein erstes Mal in Schweden! Was würde mich erwarten? Ein Festival voller Pippi Langstrumpfs und Michels, die Kinder von Bullerbü als Festival-Crew? Äh, nein. In Empfang nahm uns einer der Ordner, der ausschließlich schlechte Nachrichten für uns hatte. Der Wind hatte das geplante Merch-Zelt zerstört und – Zusammenhang? Unklar. – wir könnten mit dem Wagen dort nicht so stehen bleiben, und sowieso und überhaupt.  Übermüdet und ein bisschen angenervt von allem winkte unser Fahrer ab, zumal wir aufgrund des fehlenden Rückwärtsgangs ohnehin nicht mehr hätten zurücksetzen können. Außerdem stand die Karre doch verdammt gut, so, wie sie stand: in der Backstage-Parkzone am Rand, direkt am Zaun. Also Holler begrüßt, geholfen, das Zelt zum Zeltplatz zu wuchten und dann Google Maps angeschmissen, um den Weg zum 1,7 Kilometer entfernten AirBnB-Zimmer zu finden, das Flo und ich als notorische Camping-Hasser gebucht hatten. Zähneputzen, pipimachen und ab in die Koje.

Menschenzoo

Foto: Kai

Nach wenigen Stündchen Schlaf schreckte mich ein Scherzanruf meiner campenden Bandkollegen auf; nach der zweiten kurzen Pennrunde weckte meine wesentlich bessere Hälfte mich mit Frühstück und nahm mir meine übliche Sorge, durch den Rausch sämtliche Songtexte von der Festplatte gelöscht zu haben. Um 14:00 Uhr sollten wir uns backstage an der Bühne einfinden. Bei brütender Sonne machten wir uns rechtzeitig auf den Weg, ließen das Eingangsprozedere inkl. Filzen und Bändchenkriegen über uns ergehen und verloren ein paar Minuten, weil es dem Gatekeeper nicht reichte, dass Flo ihre Eintrittskarte vorzeigte. Er wollte auch noch die Zahlungsbestätigung sehen, die sie daraufhin umständlich aus ihrem Smartfon heraussuchen musste. Eilig fragte ich mich dann durch, wo ich langmüsse, und traf schließlich auf den Rest. Der hatte sich vorher an der kleinen Bühne versammelt, war von dort aber zur großen geschickt worden. Na, kiek an. Für den Fall meines Nichterscheinens hatte man sich offenbar bereits ernsthafte Gedanken gemacht, wie man die Show gestalten würde…

Die Bands spielten jeweils abwechselnd auf beiden Bühnen, Überschneidungen wurden so vermieden. Seit 13:00 Uhr war der Livebetrieb schon im Gange, tags zuvor hatten schon 23 Bands gezockt. VAROITUS bauten gerade ab und machten die Bühne frei für uns, ich musste erst mal dringend Bier ranschaffen. Auf dem Gelände wurde mit Lebensmittelmarken gearbeitet, jedes Bandmitglied hatte fünf Bier/Cider- und fünf Essensmarken (die für eine Mahlzeit reichten) erhalten. Verabreicht wurde Dosenbier der Sorte „Ey‘ Bro“ mit 5,0 Umdrehungen, in Schweden „Starköl“ genannt. Ich holte für die ganze Mannschaft und bat den „Schankwirt“, die Dinger erst mal geschlossen zu lassen. Das dürfe er nicht, antwortete er, denn dann sei das wie ein Verkauf; er dürfe aber nur ausschenken. Waren wir hier auf dem Fragile Mountain oder auf dem Gipfel der Korinthenkackerei? Schweden und seine Alkoholgesetze – da kannste dir nur an‘ Kopp packen…

Zum Lockerwerden schüttete ich mir das Zeug in den Hals. Schmeckte gar nicht schlecht, verursachte aber – vermutlich katerbedingt – einen latenten, aber schwer zu ignorierenden Kotzreiz bei mir, der sich glücklicherweise ohne Eskalation nach und nach langsam legte. Beim Aufbau und Soundcheck entpuppte sich der Soundmensch als Frankfurter Bub, mit dem wir auf Deutsch sabbeln konnten. Das ging alles reibungslos vonstatten und selten hatte ich einen solch guten Monitorsound auf einer Bühne. Unsere Live-Premiere in dieser Besetzung klappte dann auch beinahe wie am Schnürchen. Ich begrüßte das Fragile-Mountain-Festival und stellte uns als Disillusioned Motherdoozers vor, woraufhin wir uns durch ein Zwölf-Song-Set wüteten und als Zugabe den eigens fürs schwedische Publikum einstudierten PROJEKT-PULVERTOASTMANN-Hit „ACAB“ brachten. Die Mittagssonne bretzelte kräftig, eine frische Brise ließ sie uns etwas weniger spüren. Gegen Set-Ende spürte ich konditionell trotzdem die mangelnde Live-Erfahrung der letzten Jahre. Kurioserweise fiel, wann immer ich auf der Bühne sprang, die Stromversorgung von Hollers Bass kurz aus, was Eisenkarl am Schlagzeug etwas irritierte. Und so schnell und vor allem ohne Luft zu holen, wie Snorre einst „ACAB“ sang, werde ich’s wohl nie hinbekommen. Dafür sang ein nur mit Badehose bekleideter Besucher in der ersten Reihe den Refrain lauthals mit. Der P.A.-Sound muss sehr wuchtig, klar und differenziert geklungen haben, denn das tat er bei allen nachfolgenden Bands und wurde vom einen oder anderen Gast als ungewöhnlich „professionell“ empfunden. Das glaube ich gern.

Jenes Publikum übrigens hatte sich lediglich in ein paar versprengten Grüppchen vor der Bühne eingefunden. Neben unserer mangelnden Popularität ist der Grund dafür, dass – absurde schwedische Alkoholauflagen, die Zweite – kein Bier vor die Bühnen mitgenommen werden darf. Um’s für die Gäste dennoch so angenehm wie möglich zu gestalten, hat die Festivalleitung den Verzehrbereich genau in der Mitte zwischen beiden Bühnen eingerichtet, wo der Großteil der Besucherinnen und Besucher sich die meiste Zeit aufhielt, trank und den Bands lauschte oder miteinander plauschte. Jener Bereich war mit Gitterzäunen abgetrennt, sodass ein Trinkerinnen- und Trinkerkäfig entstanden war, im Prinzip eine Art Menschenzoo. Wäre mir das vor unserem Auftritt bewusst gewesen, hätte ich die Ansage zu unserem gleichnamigen Song entsprechend angepasst. Bei jedem Betreten oder Verlassen des Käfigs fanden Taschenkontrollen statt, uniformierte Möchtegernbullen vom Ordnungsamt überwachten permanent die Schose und sorgten für ein Gefühl permanenter staatlicher Überwachung. Fuck you, Sweden!

Direkt nach uns spielten auf der kleinen Bühne die latino-berlinerischen DØZIX, von denen ich aber während unseres Abbaus leider nichts so recht mitbekommen habe. Auf der großen beerbten uns REBUKE, die auf diesem Härtnersound-lastigen Festival (uns hatte man wohlgemerkt als punkrockige Auflockerung zwischen all den Crusties eingeladen!) mit flott gespieltem Skatepunk überraschten. Aus Göteborg stammend, hatte man eine kurze Anreise, aber trotzdem die Hi-Hat-Becken vergessen. Eisenkalle half aus und wurde wie ich vom Käfig aus Augen- und Ohrenzeuge eines technisch versierten Gigs mit eingängigen Songs, die zugleich zum Soundtrack meiner Orientierung auf dem Gelände wurden. Aus der Not mit dem zerstörten Merchzelt war eine Tugend gemacht worden; Carlo und DK hatten einen schicken Stand in einer der Ecken des Käfigs aufbauen können, wo er zum echten Hingucker und für unsere Reisegruppe zum Ankerpunkt wurde, um den herum man sich gern versammelte. Das Geschäft lief zudem recht gut und zu beobachten, wie sich Festivalbesucher(innen) mit geilem Scheiß wie z.B. David-Hasselhoff-Buttons eindeckten, machte Spaß. Da war eigentlich ständig was los. Das Publikum war gut gemischt, neben den üblichen Crusties und Iroträgern waren erfreulich viele junge Leute zugegen (einer ließ sich von seiner Mutter eine DOOM-LP kaufen) und nie zuvor habe ich so viele sich offen als nonbinär, also sich der männlich/weiblich-Kategorisierung entziehend, zu erkennen gebende Personen auf einem Punk-Festival gesehen. Wieder andere trugen Black-Metal-Corpsepaint. Generell waren hier gefühlt mehr Black-Metal-Shirts und -Aufnäher als auf ähnlichen Veranstaltungen hierzulande zu sehen. Allgegenwärtig natürlich auch ANTI-CIMEX-Merch an den Körpern. Aber auch auffallend viele Borderlinerinnen und Borderliner waren anhand ihrer Ritznarben auszumachen…

Im direkten Anschluss an REBUKE begab ich mich dann erstmals vor eine Bühne, um mir eine Band etwas fokussierter anzusehen. Meine Aufmerksamkeit geweckt hatten UZI, die einen erfrischenden, mitreißenden Hardcore-Punk-Sound fabrizierten. Die dauerlächelnde Sängerin schien jede Sekunde auf der Bühne mehr als alles andere zu genießen, vor der Bühne war mittlerweile ordentlich was los und der rauere Klang der kleinen Bühne passte perfekt zum Sound der jungen kolumbianischen Band, die bei Bandcamp ein wirklich geiles Album platziert hat. Nach POLIKARPA Y SUS VICIOSAS, die ich gerade auf dem Gaußfest gesehen hatte (und die am nächsten Tag auch hier spielen sollten), also die zweite sehr hörenswerte kolumbianische Combo innerhalb weniger Tage für mich. Zurück im Käfig war’s das dann aber erst mal mit den Bands, denn nun frönte ich dem, was auf Festivals meist genauso viel Spaß macht: dem Begrüßen und Kennenlernen anderer Leute, in meinem Falle in erster Linie anderer Hamburger, die indes schon seit Donnerstag hier waren und sich bereits mit dem halben Publikum angefreundet zu haben schienen. Eine Bier- oder auch mal Cider-Kanne nach der anderen gaben sich die Klinke in die Hand, bis der erste Hamburger auf den Zeltplatz verwiesen wurde, weil er angeblich zu betrunken gewesen sei – was dieser jedoch anstandslos hinnahm. Fuck you, Sweden!

Die musikalische Untermalung der Sause hielt sich in Sachen Krach versus nachvollziehbare Songstrukturen derweil grob die Waage. Die Powerviolencer TJUVKOPPLA fielen mir zumindest an ihrem Merchstand noch mit ihrer genialen Persiflage des ikonischen „Sin egen motståndare“-LP-Covers der schwedischen Band TOTALITÄR (wieso spielten die eigentlich nicht?) auf:

Überhaupt bauten viele Bands ihre Merchstände im Käfig für ein paar Stündchen auf. In Sachen Liveprogramm hellhörig wurde ich noch mal, als eine Reihe Meerjungfrauen auf die große Bühne geschwommen kam und ziemlich krachiges Zeug ablieferte, aber immerhin ein echter Hingucker war. Keine Ahnung, wer das war, aber die Fotos belegen, dass es sich um keine alkohol- oder sonnenstichinduzierte Fata Morgana handelte. Am späten Abend kam es zu einem Zwischenfall, bei dem ein lilafarbener Edding und jemand aus unserer Reisegruppe beteiligt waren und der eigentlich bereits geklärt war, als sich jemand Unbeteiligtes aufspielte und der Rauswurf unseres Freunds die Folge war. Dieser nahm’s jedoch leicht und ging einfach unerkannt wieder rein. Kurz Wogen glätten und gut war’s. Gegen Mitternacht dürfte es gewesen sein, als Flo und mich die Müdigkeit übermannte und wir uns in unser Zimmer zurückzogen. Kai und Eisenkarl hatten sich bereits am späten Nachmittag abgelegt, hatten die Nacht zuvor ja auch fast durchmachen müssen.

The Nightmare Continues

Foto: Kai

Nach einer geruhsamen Nacht, einer erquickenden Dusche und einem stärkenden Frühstück trafen wir unsere Leute beim Mittagsbierchen auf dem Zeltplatz wieder. Eigentlich fand ich es ein bisschen schade, die englischen Anarcho-Pioniere DISORDER verpasst zu haben, erfuhr dann jedoch, dass diese vor dem Kampf mit der Brexit-Bürokratie hatten kapitulieren müssen und somit ausgefallen waren. Fuck you, Boris Johnson! Das „Ey‘ Bro“-Bier war bereits am Vortag ausgegangen und durch „Pripps Blå“ ersetzt worden, das etwas beliebiger schmeckte. BLEACHDRINKER aus Stockholm prügelten einem mit derbem Powerviolence-Geschrote den Schlaf aus den Ohren, der Sänger machte in Sport-BH und Turnhose Frühsport an der Lichttraverse. Die Running Order war an diesem Tag kräftig durchgeschüttelt worden, sodass RAWHEADS aus Stockholm, die eigentlich eröffnen sollten, nun die große Bühne beehrten. Das Trio lenkte meine Aufmerksamkeit mit englischsprachigem HC-Punk/D-Beat-Geprügel, giftigem weiblichen Gesang und einem gewissen Hang zur für diese Musik ungewöhnlichen Eingängigkeit auf sich. Der Drummer goss das auffallend tighte Fundament dieser jungen Band, die mit ihrem Set aber schon wieder durch war, als ich mein Bier ausgetrunken hatte. Anschließend lauschte ich noch kurz bei FIRST IN LINE aus Linköping rein, einer älteren Hardcore-Band. Ich schoss zwar ein paar Fotos, kann mich an den Gig aber ansonsten leider nicht mehr erinnern. Gut möglich, dass es eine der Bands war, die so abartig laut waren, dass es ohne Gehörschutz kaum auszuhalten war und sich tatsächlich der eine oder andere Zuschauer relativ weit hinten positionierte und sich die Ohren zuhielt.

Mit SLÖA KNIVAR folgte tatsächlich mal ‘ne Band, die ich schon kannte – mit meiner anderen Band BOLANOW BRAWL hatten wir mit ihr 2014 mal zusammen in Kiel gespielt. Dort hatte mich die HC-Punk-Combo aus Malmö sehr beeindruckt, weshalb ich auf diesen Gig sehr gespannt war. Zunächst stach ins Auge, dass Sängerin Patricia offenbar einen Image- oder Stilwandel vollzogen hat: Betrat sie in Kiel noch höchst aufgestrapst die Bühne und sparte nicht mit artistischen und akrobatischen Einlagen, machte sie nun mit kurzen Haaren, weitem BODY-COUNT-Shirt und langer Hose einen eher burschikosen Eindruck und beschränkte sich in Sachen Sport auf wenige Moves. Eine ihrer Ansagen übersetzte mir meine des Schwedischen mächtige Freundin: Sie entschuldigte sich für irgendwelchen Ärger, der hinter den Kulissen geschehen sein muss, und begründete diesen mit ihrer mangelhaften Impulskontrolle. Unverändert aber blieb die Musik: Großartiger Hardcore-Punk mit sehr charakteristischem, rotzigem Gesang und überwiegend schwedischen Texten. Am stärksten stach der überaus eingängige Singalong „Depression“ heraus, der von den vorderen Reihen begeistert mitgesungen wurde und sich als veritabler Ohrwurm entpuppte. Zumindest die zweite Songhälfte versuchte ich per Video festzuhalten, versagte dabei aber kläglich, indem ich auf eine falsche Taste tatschte, sodass selbst diese Hälfte nun zweigeteilt ist:

Sei’s drum, SLÖA KNIVAR waren eines meiner Festival-Highlights und hätten hierzulande deutlich mehr Popularität verdient. Fanzinerinnen und Fanziner, knöpft euch diese Band mal vor! Sängerin Patricia ist darüber hinaus auch bei BEYOND PINK aktiv und war im schwedischen Big-Brother-Haus. Wenn das keine Anknüpfpunkte für spannende Interviews sind, weiß ich auch nicht…

Die nächsten Bands ließ ich weitestgehend an mir vorüberziehen und mich dazu überreden, mich an einem Festival-Fanzine-Projekt zu beteiligen, indem ich eine Seite mit meinen Gedanken zum Festival handschriftlich vollklierte. Die Stockholmer Grinder GOD MOTHER erregten immerhin mit den Bühnen- und Zaunklettereinlagen ihres Shouters für Aufsehen – bis eine schwedische Legende im Billing von 1:30 auf 18:10 Uhr wegen des NUKKE-Ausfalls vorgerückt war und an die kleine Bühne lockte: ASOCIAL hatten in den 1980ern ein paar Tapes und Siebenzöller veröffentlicht und sich irgendwann sang- und klanglos aufgelöst. Seit 2017 sind sie zurück und holen nach, was sie damals versäumten: Alben aufnehmen! Drei Stück mit derbstem D-Beat/Crust-Gemetzel in schwedischer Sprache sind seitdem erschienen. Die meisten Songs werden in rund zwei Minuten durchgepeitscht und keine Gefangenen gemacht. Live präsentierten sich die in aller Punkwürde gealterten Herren topfit und angriffslustig. Der kehlig-heiser brüllende Shouter erweiterte den auf der kleinen Bühne ohnehin schon krachigen Bandsound bewusst um Noise-Elemente, indem er Monitorbox-Rückkopplungen mit seinem Mikro erzeugte. It’s not a bug, it’s a feature. Der permanente ASOCIAL-Aggrosound knallte einem endgültig die Synapsen durch – und Kai + DK wurden erstmals beim gemeinsamen Pogo gesichtet.

Eigentlich hätte ich mich nun gern mit etwas BEACH BOYS o. ä. erholt, doch das Fragile Mountain kannte keine Gnade und schickte FREDAG DEN 13:E aus Göteborg ins Rennen. Neo-Crust, also Crust mit bischn (düsterer) Melodie, gab’s nun auf die Omme. Beim Shouter wächst das Haupthaar unten am Kopf statt oben, was zu einem imposanten Rauschebart führte. Auch wenn ich mich nicht wieder vor die Bühne begab, sondern im Käfig dem Biergenuss frönte, empfand ich die Performance als angenehm und atmosphärisch, vor allem auch passend zu den Wetterverhältnissen. Die Sonne verschwand immer öfter hinter dicken Wolken und der Wind blies immer eisiger, sodass es mir mit T-Shirt und Kutte langsam zu kalt wurde. Der Soundtrack dazu kam von der Bühne. Die Band hat mehrere Alben draußen; wer auf diesen Sound steht, sollte die mal anchecken. Kai trieb sein Unwesen wieder vor der Bühne und schwang die morschen Knochen. Im Mob glaubte er, DK wiederentdeckt zu haben, nahm ihn liebevoll in den Schwitzkosten und rubbelte ihm die Fingerknöchel über die Glatze – um dann festzustellen, dass er jemand ganz anderes in der Mangel hatte und dieser entsprechend irritiert dreinblickte. „Irrtum“, sprach der Hahn und stieg von der Ente. Kai hatte übrigens in all seiner Altersweisheit seine EC-Karte zu Hause gelassen. Zum Kauf von Verzehrmarken gab er mir deshalb Bargeld in Euro, damit ich ihm für den jeweiligen Betrag in schwedischen Kronen einige per Zahlung mit meiner Karte besorgte (in Schweden wird alles mit Karte gezahlt, da brauchste kein Geld im Vorfeld wechseln). Gespräch am Nachmittag des Vortags: „Wie viele Biermarken willste denn? Mit fünf kommste nich‘ weit.“ – „Denn mach ma‘ zehn.“ Gesagt, getan. Offenbar hatte er sich im direkten Anschluss pennen gelegt, denn am nächsten Tag konnte er sich daran gar nicht mehr erinnern und wunderte sich über die zehn Biermarken in seinem Besitz…

Der Saufkäfig war mittlerweile prallgefüllt, speziell für diesen hochkarätig besetzten Samstag schien noch einmal wesentlich mehr Publikum gekommen zu sein. Der Soundcheck einiger älterer Herren auf der kleinen Bühne hatte mich neugierig gemacht, also ausgetrunken und hin da, denn THE BRISTLES, weitere schwedische Punk-Pioniere von Beginn der ‘80er, bliesen zum Angriff auf die Gehörgänge. Ihr bewusst rau und ungehobelt gehaltener, schnell gespielter Punkrock mit UK-’82- und Oi!-Punk-Einflüssen sowie englischen Texten bot einen schönen Kontrast zu FREDAG DEN 13:E und zündete sofort. Entsprechend wurde die Band gefeiert. Schönes Ding, wenn mir auch anschließend gut die Ohren klingelten…

Noch während ich am nächsten Bierchen nippte, drangen überraschend ungewöhnliche Klänge an mein Ohr: Die belgischen COCAINE PISS mit garagigem Sound und überdreht klingender Sängerin, mal fast mit Pop-Appeal, dann wieder sperriger oder aggressiver, hysterischer, kaputter. Die Texte englisch, gern wie z. B. in „Fuck This Shit“ aufs Wesentliche beschränkt, die Songs kurz bis ultrakurz. Bei Wind und etwas P.A.-Hall/-Reverb hallte die durchdringende Stimme der Sängerin übers ganze Feld, sodass sich immer mehr Neugierige vor der Bühne versammelten. Lange hielt es die Sängerin nicht auf ihr, dank des extralangen Mikrokabels konnte sie Ausflüge ins Publikum (und über es hinaus) unternehmen und sich im Gras wälzen. Sehr eigenständiges und ebenso unterhaltsames Zeug.

Die nächsten Bands bekam ich nicht so recht mit; Flo und ich beschlossen kurzerhand, kurz zurück zur Bude zu gehen, damit ich auf der Keramik thronen und wir uns etwas Wärmeres überziehen konnten, um DISCHARGE später ohne Zähneklappern genießen zu können. Als wir zurückkamen, war Holler zur Gelbweste geworden und begrüßte uns am zweiten Einlass. Er hatte eine Schicht innerhalb der Fragile-Mountain-Crew übernommen, weil der langsam das Personal ausging. Und er hatte Hiobsbotschaften für uns parat: In der kurzen Zeit, in der wir weg waren, hatten sich die Ereignisse überschlagen. Jemand aus unserer Reisegruppe hatte im Brausebrand begonnen, die Ordnungsamt-Leute zu necken, welche wiederum keinerlei Spaß verstanden und ihn gleich hinauswarfen. Er kam zurück und sorgte damit offenbar für helle Aufregung, denn nun hatte es die unheilige Dreifaltigkeit aus Ordnungsamt, dem Fragile-Mountain-Crew-Typen, der uns Freitagmorgen in Empfang genommen hatte (und schon die ganze Zeit ein kritisches Auge auf uns zu werfen schien), und den nun erstmals auftauchenden Bullen (!) auf ihn abgesehen – und nicht nur auf ihn, denn plötzlich wurde jemand anderer unserer Gruppe in den Bullenwagen gezerrt. Er erkannte jedoch den Ernst der Lage, blieb ruhig und durfte schließlich wieder gehen. Eine Verwechslung, wie sich später herausstellen sollte. Beide „Delinquenten“ blieben anschließend am bzw. im Zelt, doch zuvor hatte es manch böses Wort zwischen Teilen unserer Gruppe und dem Crew-Mitglied gegeben. Die Folge: Köln-Kalk-, Quatsch, Fragile-Mountain-Verbot und ein wohl endgültig zerschnittenes Tuch zwischen uns und diesem einen Crew-Mitglied. Das wäre sicherlich vermeidbar gewesen, andererseits wird hier offenbar für alles, was in Hamburg eher noch weggelächelt oder deeskaliert würde, gleich ein Fass aufgemacht. Flo und ich hatten das alles jedenfalls verpasst und hörten nun den BRÜNNER TODESMARSCH aus dem tschechischen Brünn dreckig und böse von der kleinen Bühne crustlärmen. Die ebenfalls aus Tschechien stammenden INTERPUNKCE dürften ebendort im direkten Anschluss – erstmals wechselte man sich nicht mit der großen Bühne ab – den Geschwindigkeitsrekord des Festivals aufgestellt haben. „Really fast and crazy hardcore/punk/crust“, hieß es auf der Fragile-Mountain-Website und traf es auf den Punkt.

Nun also der Festival-Headliner, die legendären DISCHARGE, jene Briten, die den D-Beat und damit ein ganzes Subgenre erschufen bzw. zahlreiche Epigonen auf den Plan riefen – und die ich – unfassbar! – bisher kein einziges Mal live gesehen hatte. Die Urväter punkiger Soundtracks zum Untergang. Seit 2014 ist BROKEN-BONES-Sänger JJ auch der DISCHARGE-Sänger, die Band erhält seither wieder überwiegend positive Kritiken, sowohl für aktuelles Material als auch für ihre Liveshows. Der Grund dafür wurde hier deutlich: Eine bestens eingespielte, topfitte Band mit drahtigem, hungrigem Sänger, der sich ideal einfügt. JJ führte mehr als souverän durch ein Best-of-Set, der Sound war zudem perfekt (gar zu perfekt, wie der eine oder andere bekrittelte) und die Stimmung im Publikum gut, wenngleich sich bei manchem – Blog-Chronisten nicht ausgenommen… – ein paar Ermüdungserscheinungen einzustellen schienen. Bei manch Clubgig mit nur einer oder zwei Vorbands geht’s sicherlich noch mal ganz anders zu. Gitarrist Tezz nannte „Ain’t No Feeble Bastard“ einen seiner Favoriten, „Never Again“ wurde aus etlichen heiseren Kehlen mitgesungen und für den letzten Song (Welcher war das? Ich weiß es nicht mehr.) bat man einen befreundeten Gastsänger auf die Bühne. Ich weiß nicht genau, wie lange DISCHARGE spielten, aber von mir aus hätte es gern noch ‘ne halbe Stunde länger sein dürfen. Zugabe-Rufe verhallten leider ungehört – vielleicht, weil diese auf Schwedisch waren… Besagter Gastsänger flog später, wie wir am nächsten Morgen von Holler erfuhren, übrigens auch noch raus. Unsere Freunde schienen also in bester Gesellschaft zu sein 😀

Don’t Pay The Ferryman

Foto: Kai

Die paar weiteren Bands, die noch folgte, u. a. LOWEST CREATURE, auf die ich eigentlich Bock gehabt hätte, sparten wir uns und begaben uns stehend k.o. und vom ungemütlichen Wetter geschafft nach einem letzten Absackerbierchen in die Koje, um am nächsten Morgen pünktlich wie die Maurer um 9:00 Uhr mit gepackten Taschen am Zeltplatz einzutreffen. Als auch der Letzte aus seinem Schlafsack gekrochen gekommen war, wurde abgebaut und gehofft, dass das Auto noch anspringen würde. Das tat es, also rein mit dem ganzen Plunder inklusive uns und zeitig genug Richtung Fähre aufgebrochen, die wir diesmal – obwohl wir, wie uns die Dame am Check-in mitteilte, für die Größe des Vehikels eigentlich die falschen Tickets gebucht hatten – auch bekamen. Dort fläzten wir uns chillig in den Restaurantbereich, aßen, tranken, die ersten griffen schon wieder zum Bier, andere holten noch etwas Schlaf nach. Die über dreistündige Überfahrt verlief zwischenfallfrei und anschließend brachte uns Helldriver T-Check alle, fiesen Wolkenbrüchen und Aquaplaning zum Trotz, sicher von Frederikshaven zurück nach Hamburg. Manch einer verging sich dabei am noch immer in rauen Mengen vorhandenen Dosenbier und obwohl ich gar nicht mittrank, wurde ich für jede Pinkelpause verantwortlich gemacht: „Halt mal an, Günni muss pissen!“ wurde zum Running Gag…

Das war also das erste größere Abenteuer dieses Sommers. Eine sehr gewöhnungsbedürfte Veranstaltung, aufgrund der Gesetzeslage aber anscheinend in Schweden so üblich. Das barg Konfliktpotential. Hatte man sich erst einmal damit abgefunden und sich auf das Konzept mit dem Käfig zwischen beiden Bühnen eingegroovt, konnte man eine Menge interessanter Bands in unheimlich geballter Form erleben und nicht zuletzt einen guten Überblick über die aktuelle schwedische Härtnerpunk-Subszene erlangen. Sich mehr als die Hälfte halbwegs konzentriert reinzuziehen, dürfte aber kaum jemand geschafft und jegliche Aufmerksamkeitsspanne überstrapaziert haben. Wasserklosets gab’s keine, dafür war das seitanbasierte Essen ok und die Getränkepreise mit knapp 3,- EUR für 0,33 l Bier oder Cider moderater, als ich es von Schweden erwartet hatte. Auf einer liebevoll gestalteten, zweisprachigen Webpräsenz wurden sämtliche Bands vorgestellt und verlinkt, was sich insbesondere im Nachhinein bei der Festivalreflektion als angenehmer Service erwies.

Foto: Christoph

An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön an den GBG Punkpöbel für die Einladung sowie an alle, die uns unterstützt haben, allen voran Helldriver T-Check mit seiner schier unfassbaren Ausdauer und Geduld auf der Hinfahrt, an Carlo und DK für die Merch-Offensive, an Flo für die Fotos unseres Gigs sowie alle Mitglieder unserer Reisegruppe für die überwiegend geile Zeit! Respekt an die GBG-Punks, dieses Festival allen Widrigkeiten zum Trotz gestemmt zu haben! Die Regel bestätigenden Ausnahmen sind weiter oben beschrieben. Ins Knie ficken sollen sich hingegen die schwedischen Alkoholgesetze und Festivalauflagen bzw. diejenigen, die sie zu verantworten haben. Was für ein idiotischer Kasperkram, insbesondere angesichts des Umstands, dass die Regierung die Bevölkerung in Sachen Covid-19-Schutz weitestgehend auf sich allein gestellt ließ. Während man dabei an die Eigenverantwortung mündiger Bürgerinnen und Bürger appellierte, spricht man sie ihnen in Bezug auf Alkohol ab. Das passt alles nicht so recht zusammen…

Kategorien: Konzertberichte

Matthias Sesselmann – Revolution im Herzen. Ein Ex-68er begegnet dem echten Revolutionär » « 21.06.2022, Bambi galore, Hamburg: EXCITER + VULTURE + BÜTCHER

1 Kommentar

  1. Lustiger Artikel,danke fürs Verlinken!

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