Für sein viertes, erneut im Hardcover erschienenes Comicalbum kehrte der Berliner Guido Sieber zur Thurner „Edition Kunst der Comics“ zurück, die „Qualitätskontrolle“ als rund 50-seitigen, vollkolorierten Band veröffentlichten. Er enthalte „gemalte Erzählungen“ aus den Jahren 1991 bis 1993.

Diese sind im gewohnt verstörenden Sieber-Stil, bei dem Menschen degeneriert oder wie Monster (oder wie beides) aussehen, und auf zur vermittelten Stimmung passenden schwarzen Hintergründen gezeichnet. Die erste Geschichte ist die Titelstory: Zwei Bauarbeiter bewerten vorbeiziehende Frauen und steigern sich immer weiter in ihren Sexismus, ja sogar Rassismus hinein, bis sie Kontra bekommen. In weiteren „gemalten Erzählungen“ nimmt ein spießig aussehender Typ seine Bauchrednerpuppe mit zum Ersten Rendezvous ins Restaurant (herrlich!), werden „James Bond“-Klischees verballhornt und dadurch sichtbar gemacht (hätte so auch gut in „Mad“ gepasst), bestellt ein schmieriger Typ ostasiatische Frauen aus dem Katalog und treffen in einer TV-Talkrunde der Stumpfsinn, die Wahrheit, das Böse, die Lüge, die Eitelkeit und das Gute aufeinander.

Die Fortsetzung der Titelstory dreht den Spieß um und schaut nun Frauen aus Mail. Neben ein paar ein- und zweiseitigen Kurzgeschichten sorgt sich noch jemand ums Älterwerden und erspinnt Sieber nicht weniger als eine moderne Jesusgeschichte. Einmal mehr lässt es sich köstlich in Siebers negativ-realistischem, aber nie moralisierendem Menschenbild suhlen, denn man fühlt sich verstanden und empfindet mit dem Umblättern der letzten Seite und dem Zuschlagen des Albums eine gewissen Katharsis. Zumindest geht es mir so. Und ich kann nur hoffen, dass es Sieber beim bzw. nach dem Zeichnen ähnlich erging.