Günnis Reviews

Autor: Günni (page 1 of 108)

Frank Schäfer – BLAM! BLAM! BLAM! Ein Comic(ver)führer

Der Braunschweiger Frank Schäfer schreibt gern und viel über Musik und publiziert regelmäßig in diesem Metier, schiebt aber auch immer wieder Texte und Bücher zu Literatur dazwischen. Einige habe ich bereits gelesen und hier besprochen. Sein „Comic(ver)führer“ mit dem von Karsten Weyershausen ausgesprochen hübsch illustrierten Titel erschien im Jahre 2014 als rund 130-seitiges Taschenbuch im Reiffer-Verlag und widmet sich in seinen 25 Kapiteln ganz der Neunten Kunst.

Nach einem Vorwort, in dem ich mich mehr als nur ein bisschen wiedererkenne, skizziert Schäfer zunächst die Geschichte dieser besonderen Literaturform, geht auf Marvel und insbesondere deren Spiderman ein, empfiehlt einige anspruchsvoller klingende Titel, ehrt Charles M. Schulz und dessen Peanuts und huldigt Robert Crumb als erstem kommerziell erfolgreichen Underground-Zeichner. Er schreibt über Jean Giraud und vermittelt, was dessen Blueberry-Westerncomics so besonders macht, sowie über Girauds Science-Fiction-Alter-Ego Moebius, unter dem er freier und offener arbeiten konnte. Durchaus auch kritische Worte findet er zu Comics mit Musik(er)-Bezug und stellt Titel vor, die noch nicht ins Deutsche übersetzt vorlagen. Im Zuge der Auseinandersetzung mit „Zappaesk“ wird’s etwas hochtrabend und verkopft, ansonsten liest sich alles sehr angenehm und flüssig. Das Adjektiv „skrupulös“ verwendet er aber vielleicht etwas häufig und Schäfer-typisch haben sich wieder ein paar abgefahrene Fremdwörter eingeschlichen.

Mit einigen Zeichnern hat Schäfer persönlich gesprochen, beispielsweise mit Mawil und Kleist – wobei ich dieses Interview bereits aus dem Buch „Alte Autos und Rock’n’Roll. Der rasende Rezensent I“ zu kennen meine. Das darauffolgende zweite Gespräch mit Mawil jedoch war mir, wenn mich nicht alles täuscht, neu. Folgerichtig geht’s mit einem Interview mit Coming-of-age-Zeichner Arne Bellstorf weiter, den ich wohl unbedingt einmal lesen sollte. Dies gilt auch für Adrian Tomine, den mir dieses Buch näherbrachte. Mit Sascha Hommer spricht Schäfer über „Insekt“, bevor er weitere Musik-Comics vorstellt. Schäfer las Walter Moers‘ „Der Bunker“ ebenso wie „Phineas & Ferb“ und bespricht Ulli Lusts Comicadaption des Zweiter-Weltkrieg-Romans „Flughunde“. Über Tardis Kriegscomics lässt er sich ebenso aus wie über diverse auslandskorrespondistische Reportage-Comics und Howard Cruses in den 1960ern angesiedelten „Stuck Rubber Baby“ über Homosexualität und Rassismus in den USA sowie die erkämpften Veränderungen. Craig Thompsons Werk und „The Walking Dead” schließen das Büchlein ab.

Zum Thema des jeweiligen Kapitels werden Rezensionen anderer passender Werke eingeschoben, einige Schwarzweiß-Abbildungen peppen die Textsammlung auf. Dieser merkt man den Essay-Sammelbandcharakter an, als roter Faden zieht sich aber – wie üblich – Schäfers ehrliches Interesse und persönliche Begeisterung für die Gegenstände seiner Betrachtungen durch die Kapitel und Seiten. So erweitert sich auch der eigene Horizont beim Lesen, bekommt man doch einen Eindruck davon, welch breites Spektrum die Comicwelt bereithält und wie unterschiedlich die jeweiligen inhaltlichen Ansätze sein können. Der eine oder andere Comic-Tipp fällt dabei in jedem Falle ab.

Manuel Andrack – Meine Saison mit dem FC

Manuel Andrack, ehemaliger Redaktionsleiter und Sidekick der Harald-Schmidt-Show, ist bekennender Fan des 1. FC Köln. Das war ich auch einst, als ich nach der WM 1990 begann, mich auch für Vereinsfußball zu interessieren und feststellte, dass einige meiner Lieblingsspieler mit dem Domstadt-Club verbunden waren. Als ich erwachsen wurde, spielten andere Faktoren bei der Wahl des Lieblingsvereins eine Rolle – mit dem FC sympathisiere ich aber nach wie vor.

Im Jahre 2025 war dieser nach einem erneuten Ausrutscher, der ihn mal wieder eine Runde in Liga 2 drehen ließ, zurück ins Oberhaus aufgestiegen. Den Beginn der neuen Saison mit einem nun also wieder erstklassigen FC nahm ich zum Anlass, mir einmal Andracks Buch (nach einem über Wandern sein zweites) vorzuknöpfen, das 20 Jahre zuvor, nämlich 2005, im KiWi-Verlag erschienen war. Auch damals war der FC nach einer Zweitligasaison wieder aufgestiegen – und Andrack hatte versucht, bei so vielen Zweitligaspielen seines Teams wie möglich dabei zu sein, daheim wie auswärts. Eben davon handelt dieses von Tim Parks‘ „Eine Saison mit Verona“ inspirierte, rund 250-seitige Taschenbuch.

Über Andrack erfahren wir, dass seine Eltern ihn gar nicht zum FC, sondern zu Viktoria Köln mitgenommen hatten. Der 1. FC Köln hingegen war für ihn lange ein „Fernsehverein“ – wie für mich auch und noch immer. Mitte der 2000er war er zum „Fahrstuhlverein“ geworden, der zwischen den obersten beiden Ligen pendelte. Nun aber war Wolfgang Overath neuer Präsident und Europapokal-Huub-Stevens Trainer, womit man sich wesentlich besser als zuvor aufgestellt wähnte. Von Lukas „Poldi“ Podolski im Sturm ganz zu schweigen.

So weit zur Ausgangssituation. Andrack nimmt seine Leserschaft nun von Spiel zu Spiel mit, wobei jedes ein eigenes Kapitel bildet. Statt langweiliger Spielberichterstattung lässt er sich etwas einfallen, beschreibt beispielsweise sehr unterhaltsam das Spiel gegen Oberhausen als Drama in fünf Akten inklusive Diss gegen einen ehemaligen Kölner sowie Zeichnungen seiner Gesten. Er beschreibt das Drumherum, die Fahrten, fremde Stadien, den allgemeinen Zustand der Liga, die Entstehung neuer Fan-Gesänge, Begegnungen mit anderen (nicht nur) Fans, unternimmt historische Exkursionen, hat Anekdoten parat und ist zur Selbstironie fähig.

Einer meiner Favoriten: Der FC auswärts in Unter-fuckin‘-Haching an einem Montagabend (die Unsitte der Montagsspiele ist mittlerweile glücklicherweise passé). Gegen Auge nimmt er auf der Pressetribüne Platz und besucht auch die Jahreshauptversammlung. Das Kapitel zum Spiel gegen Eintracht Trier ist eine Ehrerbietung an seinen Vater. Zum Spiel in Duisburg kritisiert er die übertriebene Bullenpräsenz auf dem Weg zum Stadion. In der Winterpause zieht es ihn sogar zum Freundschafts- bzw. Testspiel gegen den FC Bayern. Und mitten in die Saison platzt der Skandal um den korrupten Schiedsrichter Robert Hoyzer.

Er gewährt Einblicke in Kölsche Karnevalsfangesäge, aber auch in die eine oder andere Terminschwierigkeit, die verhindert, dass er tatsächliche alle Spiele mitnehmen kann: Zum Spiel nach Dresden fliegt er zusammen mit der Mannschaft einen Tag vorher, wodurch er einige Interna erfährt, doch das Spiel wird witterungsbedingt abgesagt. Zum Nachholspiel an einem Mittwoch kann er nicht. Das nächste Spiel gegen Saarbrücken muss er sich krankheitsbedingt im TV ansehen, das Rückspiel gegen Oberhausen kann er wegen eines Auftritts mit Harald Schmidt nur im Videotext verfolgen und auch beim Rückspiel gegen ‘haching fehlt er aus dem gleichen Grund. Gegen Fürth sucht er ausnahmsweise seinen ehemaligen Stehplatz in der Südkurve wieder auf und berichtet von seinen Erfahrungen mit den Ultras. Und einmal geht er sogar wieder, wie früher als Kind, zu Viktoria, um sich vom FC zu erholen. Nach Aue fährt er einen Tag früher und gibt sich Landschaft und Kultur. Dort wird dann bereits am 31. Spieltag der Aufstieg perfekt gemacht, gegen Trier setzt es im Anschluss aber die erste Heimniederlage.

Wirklich kritische Worte zum DFB- und DFL-Fußballzirkus findet man nicht viele, zumindest erwähnt er aber auf Seite 207 den Quasi-Erwerb ganzer Vereine durch „absolutistische Vereinsherrscher“ wie Dietmar Hopp, dessen Hoffenheimer es zum damaligen Zeitpunkt bereits bis in die dritte Liga gebracht hatten. Dass ihm solche Modelle lieber sind als Werksvereine kann ich jedoch nicht unterschreiben und ist möglicherweise seiner Abneigung gegen Bayer Leverkusen geschuldet.

Jedes Spieltagskapitel schließt mit einer Übersicht über alle Ergebnisse und die jeweils aktuelle Tabelle, ein paar Schwarzweißfotos lockern den Text auf und im Anhang findet sich eine Übersicht über den Spielerkader der Saison 2004/05. Den Paraphrasierungskonjunktiv beherrscht Andrack leider nicht, ansonsten liest sich seine Schreibe aber angenehm und niedrigschwellig. Auch wer sich weder für den 1. FC Köln noch überhaupt für Fußball interessiert, findet hier aufschlussreiche Einblicke in die Psyche und Emotionen eines Fußballfans sowie in dessen Freizeitgestaltung mit ihren schönen und weniger schönen Seiten, wenngleich Andrack verglichen mit dem typischen Stehplatzkarteninhaber natürlich das eine oder andere Privileg genießt. Das Happy End für Andrack und den FC ist der beste Abschluss, den er sich für sein Buch hätte wünschen können.

20 Jahre später gelesen hat dieses Buch auch etwas Nostalgisches, allein schon wegen der anderen Mannschaften, die sich damals so in der zweiten Liga tummelten. Aber wo war eigentlich der FC St. Pauli? Tja…

09.11.2025, Metropolis-Kino, Hamburg: THE TYPHOONS

Im Rahmen des großartigen „Monster machen mobil“-Filmfestivals, das im Hamburger Metropolis satte vier Tage lang stattfand, gab es am Sonntag im Vorprogramm des vergnüglichen mexikanischen Batgirl-Rip-Off-Trash-Heulers „Draculas Tochter und Professor Satanas“ anstelle einer Trailer-Show einen Live-Auftritt der lokalen Surf-Rock’n’Roll-Legende THE TYPHOONS (aus Schulau bei Wedel bei Hamburg). Die hatte ich vor etlichen Jahren mal in der Wedeler Villa live gesehen und als überaus kompetent abgespeichert, seither aber nicht mehr das Vergnügen gehabt.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange die spielen würden oder wie das im opulenten, nicht vollständig, aber durchaus großzügig gefüllten Kinosaal klingen würde, und ließ mich einfach überraschen. Nach einer launigen Ansage und dem Versprechen an die furchtlos die erste Reihe besetzenden Gäste, einen Hörschaden davonzutragen, ließ es die mit zwei Gitarren spielende Band ordentlich krachen – und siehe bzw. höre da: Der Sound war perfekt! So kam der klassische, (bis auf Zwischenrufe des Bassers) instrumentale ‘60s-Surf-Sound mit ordentlich Reverb und Twang optimal zur Geltung und stimmte auf das pulpige Filmvergnügen ein. Nach einer Handvoll Songs suggerierte man, auch noch Zugaben spielen zu können, was dankend angenommen wurde. Ich glaube, das rasante „Barracuda“ bildete nach einer guten halben Stunde den Schlusspunkt eines klasse Auftritts in besonderem Ambiente – und das am Sonntagmittag! Verrückt.

Christian Ulmen – Für Uwe

Der umtriebige Medienschaffende Christian UImen versuchte sich mit „Für Uwe“ (wenn ich richtig informiert bin erstmals) auch als Belletristik-Autor. Im Mittelpunkt des rund 220-seiten starken, im Juli 2009 bei Rowohlt erschienenen Taschenbuchs steht Ulmens Kunstfigur Uwe Wöllner, ein zurückgebliebener Erwachsener, den er ursprünglich für die humoristische Reality-TV-Serie „Mein neuer Freund“ gespielt hatte und auch im Nachfolgeformat „ulmen.tv“ mit viel Inbrunst verkörperte. Das in 22 Kapitel plus Pro- und Epilog sowie ein Bonuskapitel und Danksagungen aufgeteilte Buch schreibt Ulmen aus Uwes Perspektive, schlüpft also einmal mehr in die Rolle.

Es handelt sich um eine Art verspätete Coming-of-age-Geschichte, denn nachdem Uwes Mutter infolge eines Unfalls unerwartet gestorben ist, zieht das „Muttersöhnchen“ 31-jährig aus dem Elternhaus in Hannover-Garbsen aus bzw. wird ausgezogen: Sein Vater möchte, dass Uwe endlich lernt, auf eigenen Beinen zu stehen, drängt ihn dazu, dessen kleine Eigentumswohnung in Berlin zu beziehen und besorgt ihm einen Job – Uwes ersten überhaupt – bei einem Bestatter.

Zu Beginn bringt Ulmen einige Zitate aus und Referenzen auf „Didi, der Doppelgänger“ unter, einem der Lieblingsfilme Uwes (sein Zweitlieblingsfilm ist „Ghostbusters“). Ulmen versucht, Sprache und Satzbau einfach zu halten, trotzdem wirkt vieles out of character. Das beginnt damit, dass Uwe niemals ein Buch schreiben würde und dass, wenn er es täte, er kein Wort wie Okularen für Augen verwenden würde und vermutlich auch keinen Genitiv. Damit es flüssig lesbar bleibt, hält sich Ulmen mit Uwes typischem Duktus zurück, beschränkt sich weitestgehend auf „goil“ und die charakteristischen „Herrn“- und „Herr“-Verwechslungen. Ein gutes Beispiel für die Vermischung von Uwe-Duktus und für Uwe arg unrealistische Schreibweise findet sich auf S. 54:

„Ich wollte Herr Weiß zu erkennen geben, dass ich von dem Antlitz der Hinterbliebenen genauso erschüttert war wie er. Und so grimassierte ich ihm meinen Ekel entgegen, als sich Herr Ringiers übelst unansehnliche Tochter umdrehte, um uns in Haus zu führen. Herrn Weiß blieb ungerührt.“

An diese Stil-Mixtur muss man sich gewöhnen, was jedoch recht schnell gelingt. Uwe bezieht seine soziale Intelligenz aus dem Privatfernsehen, u.a. Trash-Talkshows, und erwähnt interessanterweise wiederholt Collien Fernandes, mit der Ulmen kurz nach Veröffentlichung des Buchs zusammenkam. Wie mein Chef bringt Uwe Sprichwörter und Redewendungen durcheinander. Ganz beiläufig erhält man Kenntnis von diversen Fremdschammomenten, aber auch eigentlich sehr Traurigem aus Uwes bisherigem Leben.

„Den Heiratsdokumenten entnahm ich die genaue Anschrift meiner Frau.“

Als Leserin oder Leser begleitet man also einen 31-jährigen Zurückgebliebenen, der nicht weiß, dass er zurückgeblieben ist und sich selbst völlig normal findet, beim Erwachsenwerden, was für Uwe bedeutet: Er freundet sich in Berlin mit Pubertierenden aus prekären Lebensverhältnissen an und verliebt sich unsterblich in die rumänische Prostituierte Malina, die ihn in die zwischenmenschliche Sexualität einführt und irgendwann erkennt, dass sie ihn ausnutzen kann, was er jedoch nicht kapiert. Bei „ulmen.tv“ war Uwe ein geistig Behinderter, der zugleich ein empathieloser Arsch war, was Ulmen als Grundlage für so etwas wie Sozialexperimente nutzte. Dies steht hier nicht so sehr im Vordergrund, Uwes Besuch einer Prostituierten gegen Ende von „ulmen.tv“ dafür umso mehr. Denn im Finale des Buchs wird deutlich, was es für ihn bedeutete, als der, der er ist, überhaupt einmal Sex zu haben, womit ein gesellschaftliches Tabuthema angeschnitten wird, für das Ulmen aber auch keine Patentlösung präsentiert. Die Beschreibungen sind übrigens sehr explizit und würden als Film keine Jugendfreigabe erhalten. Die feine konservative Gesellschaft, der Uwes Vater angehört, bekommt ein paar Seitenhiebe zu spüren, ihre Bigotterie wird aber leider nur angerissen. Malina wiederum wird nicht als durchtrieben und böse charakterisiert, allein schon, weil sie es für Uwe nicht ist – und für Ulmen offenbar auch nicht.

Das Bonuskapitel wollte der Verlag (laut Uwe) angeblich nicht haben, konnte aber ins Buch geschmuggelt werden. Ein paar wenige kleine Rechtschreibfehler sind dem Korrektorat durchgerutscht und wenn mal ein Konjunktiv falsch ist, weiß man eben nicht so genau, ob das Uwe- oder Ulmen-Duktus ist. Ein sehr unterhaltsames, überraschend lesenswertes Buch, das in Hinblick auf seine behandelten Themen zum Mit-, Nach- und Weiterdenken einlädt.

Fuchsi – Zorro: Der Rächer der Enträchteten

Der leider bereits im Jahre 2000 verstorbene Peter „Fuchsi“ Fuchs war zunächst Karikaturist und Comiczeichner, später Schriftsteller und Maler. Er arbeitete für die Tageszeitung „taz“ und debütierte mit seiner Figur Zorro, einer modernisierten Variante der klassischen Romanfigur, in Buchform 1982 in der Satirecomic-Zusammenstellung „Friede, Freude, Eierkuchen“, einer frühen Veröffentlichung des Semmel-Verlachs. 1983 folgte ebendort sein Solo-Einstand „Zorro – Der Rächer der Enträchteten“, ein Schwarzweiß-Band humorig-satirischer Funnys in typischer Semmel-Verlach-Größe, rund 150 Seiten stark.

Das (ohne Seitenzahlen leider nicht sonderlich sinnvolle) Inhaltsverzeichnis ist im Stil der Tagesübersicht einer Fernsehzeitung gefertigt und damit bereits zum Einstieg ein origineller Hingucker. Die Inhalte und Panels sind in ihren Größen dynamisch, folgen keinem starren Raster. Das Buch ist unterteilt in verschiedene Themenbereiche bzw. Sendungen, denn Zorro sitzt die ganze Zeit vor der Glotze und sieht sich selbst in den kurzen Gags und Geschichtchen (was etwas seltsam ist). Die Schöpfungsgeschichte, in deren Zuge auch Zorro geschaffen wird, mutet auch noch etwas eigenartig an und generell ist mancher Gag besonders in der Retrospektive ziemlich flach.

Aber längst nicht jeder! Richtig gut, weil voller Realismus und Zeitkolorit ist beispielsweise eine Geschichte, die Partei für Hausbesetzungen ergreift, in der viele Punks vorkommen und in der ein Prügelbulle umzudenken beginnt. „Wie werde ich ein kollektiv?“ ist eine ganz neue Version der Bremer Stadtmusikanten inklusive Finanzierungsberatung durch Dagobert Duck, böse schwarzhumorig hingegen „Der Recher der Schutzbedürftigen“, der mit der Angst vorm Dritten Weltkrieg spielt.

Etliche Gags sind indes lediglich eine Seite kurz. Für ein paar wenige, panelreichere Geschichten wirkt das Format hingegen fast zu klein. Bis auf die Titel hat das alles nichts mit Zorro, wie man ihn kennt, zu tun, was natürlich Teil des Spaßes ist. Ab und zu fehlt ein Satzzeichen oder ist ein Wort falschgeschrieben, was den noch nicht hundertprozentig professionellen Anfängen des Verlags geschuldet sein dürfte.

„Zorro“ ist ein typischer, grundsympathischer Anarcho-Comic der Semmel-Anfangsjahre, in dem, wenngleich das eine oder andere aus heutiger Sicht etwas naiv anmuten mag, noch immer viel Wahrheit steckt.

Wolfgang Sperzel – ABS

Der Hamburger Comiczeichner und Cartoonist Wolfgang Sperzel, der insbesondere mit seinem zweiten Album „Rast(h)aus“ seinem Hass auf Autos freien Lauf ließ, hatte gewissermaßen die Seiten gewechselt und im Jahre 1993 begonnen, wöchentlich Cartoons für die Zeitschrift „Auto-Bild“ zu zeichnen. Diese erschienen 1995 zu einem rund 60-seitigen Softcover-Album zusammengefasst im Achterbahn-Verlag. Es war der vorletzte Comicband Sperzels.

Hauptsächlich handelt es sich um ganzseitige, einpanelige Cartoons, manche erzählen auch in mehreren Panels kleine Geschichten. Länger als eine Seite ist aber nichts – Cartoons statt „richtiger“ Comicgeschichten eben. Diese sind mal farbig, mal grau, mal schwarzweiß, eigenartigerweise sind manche sogar lediglich als Bleistiftskizzen enthalten.

„Auto-Bild“ hin oder her – auch hier bekommen Autofahrer in Sperzels Funny-Stil humorvoll ihr Fett weg, jedoch nicht nur: Unwirtliche Situationen, in die sie gelangen oder gezwungen werden, sind die Kehrseite der Medaille, die Sperzel ebenso aufgreift. Er war also nicht unbedingt altersmilde, aber differenzierter und etwas verständnisvoller geworden. Am schönsten ist es aber nach wie vor, wenn er den deutschen Auto-Fetisch und daraus resultierende Absurditäten aufs Korn nimmt.

Captain Berlin Supersammelband #1

Der deutsche Superheld Captain Berlin wurde von Jörg Buttgereit erdacht, der in den Jahren 1982 und 1984 zwei Kurzfilme mit ihm drehte. Es folgten Hörspiele und ein Theaterstück, bis er 2013 seiner eigentlichen Bestimmung als Comicheld zugeführt wurde. Bis heute sind 17 „Captain Berlin“-Comichefte im Weissblech-Verlag erschienen. Die ersten vier wurden 2017 in diesem erweiterten, 132-seitigen Sammelband zusammengefasst, für den die Geschichten in die chronologische Reihenfolge gebracht wurden.

Auf ein Vorwort Buttgereits folgt eine Origin Story, in die der versuchte Tyrannenmord durch Stauffenberg eingearbeitet wurde. Hitler spricht in seinem Dialekt und teils in Frakturschrift, Hakenkreuze wurden abgeändert. Die zweite Geschichte knüpft unmittelbar an, mopst ihr Motiv aber aus „Frankenstein“ und enthält eine Anspielung auf den japanischen Science-Fiction-Film „U 2000 – Tauchfahrt des Schreckens“. Captain Berlin wird nach Hiroshima entführt und muss gegen mechanische Ninjas kämpfen. Durch den Abwurf der Atombombe erlangt der Captain neue Superkräfte, womit nicht nur der Zweite Weltkrieg endet, sondern auch der Origin-Zyklus. Großartiger Stoff! Schade nur, dass Hitler nicht mehr im Dialekt spracht.

Im weiteren Verlauf verschlägt es Captain Berlin in die geteilte deutsche Stadt des Jahres 1968 zu Zeiten der Studentenproteste. Ähnlich wie Superman hat er sich eine Geheimidentität als Journalist zugelegt. Er wird Zeuge eines Attentatsversuchs auf Rudi Dutschke durch einen Altnazi. Parallel gründet Aleister Crowley in einer ägyptischen Pyramide eine Sekte, die sich erst einmal einer Orgie hingibt. Crowley hat das Necronomicon gefunden und mit dessen Hilfe Unsterblichkeit erlangt. Doch Hitlers ehemalige Top-Wissenschaftlerin Ilse von Blitzen ist auch hinter dem Buch her, um den Führer, den sie einkonserviert hat, wieder zum Leben zu erwecken. Mag sein, dass ich leicht zu begeistern bin, aber das ist eine der geilsten Storys, die ich jemals gelesen habe – Top-Schund deluxe, der leider mit Verweis auf eine DVD endet.

„Captain Berlin und der unglaubliche Elefantenmensch“ spielt dann beinahe in der Gegenwart, nämlich im Jahre 2009. Gleich zu Beginn erschießt von Blitzen Michael Jackson. Aus der DNA des Elefantenmenschen und dem Serum, das Captain Berlin seine Kräfte verlieh, erschafft sie einen Superschurken, den sie auf Vernichtung des Captains programmiert hat. Auch diese Geschichte nimmt Bezug auf reale Geschehnisse, einmal sogar in Form eines Abdrucks eines originalen Zeitungsartikels. Es folgt ein Infospecial Buttgereits zum wahren Elefantenmenschen mit Fotos sowie Hintergründen zum Comic, womit auch der Bildungsauftrag erfüllt wäre. Eine Fukushimaploitation-Geschichte gerät zur Hommage an den Kaiju-Regisseur Fukuda und selbst zu einer Art Kaiju, für die auch Captain Berlin radioaktiv mutieren muss und der Ostberliner Leuchtturm eine nicht unentscheidende Rolle spielt. Auch Bezüge auf die vorausgegangenen Storys finden sich hier, gefolgt von etwas ganz anderem: einem Labyrinthspiel als Bonus wie in Kindermagazinen. Ein die Historie Captain Berlins abreißendes Special sowie eines zum Titelbild der Ausgabe #4 runden den Sammelband ab, der somit vielleicht auch dann eine schöne Ergänzung darstellt, wenn man die Originalhefte bereits besitzt.

Die Zeichnungen der Geschichten stammen von Rainer F. Engel, Fufu Frauenwahl, The Lep, Levin Kurio, Roman Turowski und Martin Trafford, wobei sich insbesondere Traffords Stil recht deutlich von dem der anderen unterscheidet. Die Texte schrieben Buttgereit, Kurio und Trafford. „Captain Berlin“ ist exzellente postmoderne, alte US-Superhelden-Comics persiflierende Comixploitation und im Prinzip ein riesiger Fanservice – es macht Laune, all die nerdigen Referenzen zu erkennen. Mögen zudem die Jüngeren hierüber auf den guten alten Schund gestoßen zu werden!

Marita und Peter Bursch, Kim Schmidt – Peter Burschs Gitarrencomic: Gib mal’n A

Ein Kuriosum meiner Comicsammlung: Peter Bursch, Musiker und mit seinen zahlreichen Lehrbüchern „Gitarrenlehrer der Nation“, veröffentlichte zusammen mit seiner Frau Marita und dem Zeichner Kim Schmidt im Jahre 1996 dieses rund 50-seitige, vollfarbige Softcover-Comicalbum im Kieler Achterbahn-Verlag.

Ein Mehrparteienaltbau dient hier als Mikrokosmos verschiedenster Bewohnerinnen und Bewohner, die sich mit Peter Burschs Musikschule konfrontiert sehen, die dort ebenfalls residiert und drei grundverschiedenen Schülerinnen und Schülern das Gitarrenspiel beizubringen versucht. Schmidt zeichnete karikierend im typischen Funny-Stil, der hier mit besonders viel Slapstick-Humor und vielen spaßigen zeichnerischen Details versehen wurde. Und so ganz nebenbei werden die wichtigsten Grundgriffe vermittelt, mit denen sich dann bereits „Marmor, Stein und Eisen bricht“ (respektive VORKRIEGSJUGENDs „Die Bombe“) schrammeln lässt. Ein schönes, kurzweiliges Vergnügen.

Günter Ohnemus – Zähneputzen in Helsinki

Der gebürtige Passauer Günter Ohnemus ist Schriftsteller und Übersetzer englischer Literatur ins Deutsche. Im Jahre 1982 veröffentlichte er seine erste Prosa „Zähneputzen in Helsinki“ im MaroVerlag, von der mir ein Exemplar der dritte Auflage der Neuausgabe vorliegt. Frank Schäfer hatte irgendetwas darüber in „Rumba mit den Rumsäufern“ geschrieben, das mich dazu getrieben hatte, es auf meine Liste zu setzen (und schließlich auch mal zu lesen).

Ohnemus erzählt in diesem rund 180-seitigen Taschenbuch um die 35 kleine, meist nur wenige Seiten, manchmal gar nur wenige Zeilen umfassende (autobiographische?) Beobachtungen, Anekdoten und Geschichten (oder „Stories“, wie es der Verlag auf den Titel druckte), die scheinbar banal beginnen, aber im Stile einer Art nüchterner Melancholie häufig nachdenklich, traurig oder verstörend (z.B. bei der Beschreibung US-amerikanischer Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg) enden. Er schreibt über „(…) Leute, die nicht so ganz mit den Sachen zurechtkommen, die ihnen zugestoßen sind, und die nicht viel mehr miteinander verbindet, als daß sie eine Zeitlang in ihrem Leben nicht wissen, was sie jetzt noch sollen.“ (aus: Katerwohnung) Selten trifft aber auch nichts davon zu; jenes lässt ihn dann schon mal wie einen etwas wirren Sonderling erscheinen.

Ein ganzes Kapitel ist dem Kino seiner Kindheit gewidmet – dort war er verdammt oft. Zuweilen widerspricht er sich: Erst will er während des Todes seines Großvaters Tipp-Kick gespielt haben, dann im Kino gewesen sein – oder aber es geht um zwei verschiedene Großväter. Auch etwas schrägen, schwarzen Humor über die Absurdität des Lebens beherrscht Ohnemus. Aus den in diesem Rahmen ungewöhnlich langen, in etliche Kurzkapitel unterteilten Beschreibungen seines Großvaters erfährt man, dass er – Günter (respektive das literarische Ich) – seine Mutter extrem früh verloren hat. Familienerinnerungen nehmen generell einen großen Raum ein und manche Geschichte enthält eine Anspielung auf eine vorausgegangene. Die Kürze der Kapitel lädt ein, stets schnell noch das nächste und wiederum dessen nächstes zu lesen, und ehe man sich versieht, ist man von Ohnemus‘ Stil eingelullt – und das Buch auch schon durch. Gelangweilt habe ich mich demnach nicht, nur hin und wieder gewundert.

Das Korrektorat hat ein paar wenige Grammatikfehler übersehen (ein statt einen u.ä.), mehr zu mosern habe ich nicht.

Herbert Ewe – Hiddensee

Die deutsche Ostseeinsel Hiddensee war für mich schon lange ein kleiner Sehnsuchtsort. Da traf es sich gut, im Fundus meiner Großmutter auf dieses Buch zu stoßen, das ich auf meiner im Frühjahr endlich angetretenen Reise in den Hiddenseer Kurzurlaub zu lesen begann und gemütlich in der Pensionskoje liegend beendete – schräg gegenüber übrigens ein Buchhandel, der historische Hiddensee-Bücher führt und unter anderem eben dieses im Schaufenster ausliegen hatte.

Konkret geht es um dieses rund 220-seitige, mittelgroße gebundene Buch mit Schutzumschlag, das im Jahre 1983, noch zu DDR-Zeiten also, im Rostocker Verlag Hinstorff veröffentlicht wurde. Herbert Ewe schreibt einführend über Hiddensee in der Lyrik und bildenden Kunst, über Berühmtheiten, die dort verweilten, und reißt die frühe Geschichte und Geologie des Eilands inklusive Erosion und Sedimentation ab. Denn: „Hiddensee bietet ein besonders anschauliches Bild der Wirkungen des Meeres, so elementar und einfach, so vollständig übersehbar in Ursache und Wirkung und allen Einzelheiten wie an wenigen Stellen der Erde.“ – So laut Ewe der Geologe Otto Jaekel einst über Hiddensee.

Mangelnder Küstenschutz und diverse Naturkatastrophen haben der Insel zugesetzt, die dadurch zwischenzeitlich – im 19. Jahrhundert – gar in zwei Teile zerriss. In diesem Kontext übt Ewe viel Kritik an preußischer Bürokratie. Als man endlich den Sinn des Küstenschutzes erkannte und ihn praktizierte, kam es dennoch zu Sturmfluten und ähnlichen Naturgewalten, von Ewe belegt anhand zahlreicher Originalzitate. Seine Katastrophenberichterstattung reicht bis ins 20. Jahrhundert hinein und endet versöhnlich mit aktuellen, verbesserten Küstenschutzmaßnahmen.

Es folgt ein Kapitel über die Naturschutzgebiete der Insel und die massive Aufforstung ab dem 19. Jahrhundert, Fauna und Flora werden detailliert beschrieben. Der starke Sympathien für Umwelt- und Naturschutz hegende Autor erlaubt sich einen Abstecher in die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Geschichte des Umweltschutzes. In diesem Zusammenhang kommt erstmals auch die DDR zur Sprache: „Bestrebungen um eine saubere Umwelt, wie wir sie uns auch auf Hiddensee wünschen, wurden und werden durch das 1970 von der Volkskammer der DDR verabschiedete Landeskulturgesetz wesentlich gefördert.“

Weitere Themengebiete sind Archäologie, Frühgeschichtliches, Wikinger und Dänen auf Hiddensee, frühe christliche Bauten wie Klöster und Kirchen, Tonabbau zwecks Keramikproduktion in Stralsund, Käufe und Verkäufe der ganzen Insel durch „hohe Herren“, endlich das Ende der Junkerzeit, Schulbauten, Leuchttürme etc. und schließlich die damals jüngsten Entwicklungen: LPG-Gründung und laut Autor massiver Aufbau und Fortschritt durch den Sozialismus. Bis hierhin war das Buch frei von jeglicher DDR-Propaganda. Und auch trotz Sozialismus-Loblied: Wer glaubt, es handle sich um ein auf sozialistisch-industrielle Verwertungslogik hin ausgerichtetes Buch, irrt, denn weiter davon entfernt könnte es kaum sein. Auf den nächsten Seiten widmet Ewe sich der Fährinsel und der Fährmannstätigkeit ebenso wie den Dörfern im Süden der Insel und beschreibt in diesem Zusammenhang noch einmal, was genau Leibeigenschaft in der Vergangenheit für die Menschen bedeutete. Dies führt ihn zur lange von Ausbeutung der Fischer bestimmten Fischereigeschichte Hiddensees, die er dem Genossenschaftsmodell der DDR gegenüberstellt.

Mit dem Schriftsteller Gerhart Hauptmann widmet Ewe sich dem wohl prominentesten (Sommer-)Bewohner der Insel, der hier auch begraben liegt und dessen Haus zu einem Museum umgestaltet wurde. Weitere von Ewe aufgeführte Einrichtungen sind die Biologische Station der Universität Greifswald, die Vogelwarte etc. Erst nun, fast schon gegen Ende, geht Ewe auf den Tourismus ein. Zu DDR-Zeiten brachte der FDGB alle auf die Insel, Häuser und Siedlungen für VEBs wurden gebaut. Ewe ergänzt seine Ausführungen um einen kurzen historischen Abriss inklusive durchklingender Pro-FKK-Haltung und schließt mit den Worten Hauptmanns.

Das Buch enthält mehrere umfangreiche Schwarzweiß-Bildstrecken auf Glanzpapier, erinnert mit seinem Duktus alter Schule an ältere Fernsehdokus und vermutlich auch ältere Sachbücher, liest sich damit sympathisch-anheimelnd, betont durchs Heranziehen zahlreicher historischer Quellen aber auch seine Sachlichkeit und seinen Informationsgehalt.

Ein schönes Buch über ein schönes Fleckchen Erde.

Copyright © 2025 Günnis Reviews

Theme von Anders Norén↑ ↑