Günnis Reviews

Autor: Günni (page 10 of 111)

Marc-Uwe Kling – Die Känguru-Apokryphen [Hörbuch]

Klings „Känguru-Chroniken“ sowie die beiden Fortsetzungen, „Das Känguru-Manifest“ und „Die Känguru-Offenbarung“ (aus den Jahren 2009 bis 2014) um das Leben eines nicht unsympathischen, aber eher zurückhaltenden und introvertierten Kleinkünstlers mit einem plötzlich auftauchenden kommunistischen und sich überraschend menschlich verhaltenden, nun ja, Känguru eben, sind Bestseller. Die sich jeweils aus etlichen kurzen, pointierten Episoden zusammensetzenden Bände gab ich mir in Hörbuch-Form, live aufgenommen während Lesungen Klings, der sein literarisches Kleinkünstler-Alter-Ego sowie das Känguru (mit leicht verstellter Stimme) selbst liest. Die authentischen Publikumsreaktionen unterstützten den lebendigen Eindruck. Am besten gefielen mir jene, insbesondere frühen Episoden, in denen das Känguru, wenngleich mit sämtlichen menschlichen Schwächen ausgestattet, äußerst treffende Gesellschaftsanalysen in kabarettistisch-humoriger Form vornimmt und es den Anschein hat, als sage und tue es all das, was Kling vielleicht denkt und selbst gern täte, sich aber nicht traut – bzw. schlicht lieber einer klar als solche erkennbaren Kunstfigur in den Mund legt. Spätere Episoden, in denen das Känguru immer mehr Hintergrundgeschichte bekam, sind i.d.R. zwar noch immer gehobener Humor, wurden mir aber etwas zu abstrakt und verrückt.

Mit ein paar wenigen Jährchen Abstand gönnte ich mir dann auch dieses Bonus-Material, das 2018 veröffentlicht wurde. Ich legte mir wieder das Hörbuch auf und lauschte rund 50 Episoden lang dem Alltag der beiden. Auch hier gilt: Je bissiger politischer oder je mehr den stinknormalen Alltag aufs Korn nehmend, desto besser. Die Klassiker finden sich in den anderen Bänden, aber verkehrt ist auch das hier nicht – insbesondere mit ein wenig Abstand macht es Laune, die „beiden“ wieder zu hören. Besonders hervor stechen hier die Kabbeleien und kleinen Duelle, die sie sich liefern, mitunter herrlich ins Absurde übersteigert. Nicht jeder Schuss ist ein Treffer und die frühen Bände sind definitiv zwingender, aber Zeitverschwendung sieht anders aus.

Bisher habe ich zu Hörbüchern nichts geschrieben, es angeregt durchs Deliria-Italiano-Forum nun aber doch getan. Viel vorenthalten habe ich da niemandem, denn normalerweise höre ich gar keine Bücher und hätte es in diesem Falle wohl auch nicht getan, hätte ich Teile der Reihe nicht im Tauschschrank gefunden (und Fehlendes aus der Sammlung meiner Lebensgefährtin aufstocken können). Davon unabhängig werde ich mich vielleicht so nach und nach mal dem übrigen Werk Klings annähern…

02.10.2024, Große Freiheit 36, Hamburg: CANNIBAL CORPSE + MUNICIPAL WASTE + IMMOLATION + SCHIZOPHRENIA

Dieses Vierer-Paket befindet sich auf Tour, zum Halt auf dem Hamburger Kiez bekam ich von meinen DMF-Bandkollegen eine Karte zum Geburtstag geschenkt – besten Dank, Jungs! Anderenfalls wäre ich aber auch nie auf die Idee gekommen, hinzugehen. CANNIBAL CORPSE als Headliner interessieren mich nicht zwingend und den Laden meide ich normalerweise, war seit Äonen nicht mehr da. Da der Einlass bereits für 16:30 Uhr terminiert war und es pünktlich um 17:15 Uhr losging, musste ich auf Arbeit viehisch ranklotzen und Cheffe bitten, mich ‘ne Stunde früher gehen zu lassen. Trotzdem waren die belgischen Death-Thrasher SCHIZOPHRENIA, deren „Voices“-Mini-LP es mir besonders angetan hat, die ersten Songs lang lediglich Soundtrack zum Einlass und zur Plünnenabgabe an der Garderobe.

Anschließend erst mal ‘n Bierchen (Becks vom Fass, halber Liter für satte 6 Öcken!) geholt und zu aklimatisieren versucht. Die junge Band war bestens in Form und hatte sichtlich Freude, den ausverkauften Bums eröffnen zu dürfen. Vor der Bühne wütete bereits ein veritabler Pit und am Ende gab’s noch das MORBID-ANGEL-Cover „Maze of Torment“ auf die Löffel. Geile Livecombo, würde ich mir gern noch mal in ‘nem kleinen Club geben.

Die alten US-Death-Metal-Recken IMMOLATION zockten im Anschluss auf Atmosphäre getrimmte Düsterheimer-Songs, die leider null bei mir zündeten. Bin ja ohnehin eher ein Death-Metal-Muffel und kann mit einem Sound wie dem vom Quartett dargebotenen nichts anfangen. Musste ich halt über mich ergehen lassen, denn in der Großen Freiheit 36 gibt’s keinen Stempel und nix, einmal drin kommst du nicht wieder raus (es sei denn, du bist Snake Plissken…). Stimmt natürlich nicht: Raus schon, nur eben nicht wieder rein. Miese Falle, von wegen „große Freiheit“. Dafür traf ich auf immer mehr bekannte Gesichter, subventionierte die ganze Chose durch Erwerb überteuerter Bremer Industriepilsetten und schaute dem glatzköpfigen der beiden Gitarristen bei seinen ulkigen stakkatohaften Bewegungen zu.

Viel besser kann ich auf MUNICIPAL WASTE und ihren Thrash-/Hardcore-Crossover-Sound, wenn ich auch die letzten Alben nicht mehr brauche und mein letztes WASTE-Konzert satte fünf Jahr zurücklag. Letzteres war natürlich ein Spitzenargument, heute Abend hier zu sein, und ich hatte Bock. Vor der Bühne ein großer Circle Pit, quasi unablässig am Rotieren, ab und an ging’s auch etwas rüder zu. Die Bühnengröße im Zusammenhang mit dieser Musik irritierte mich aber etwas, viel mehr jedoch die Lautstärke: Erstmals fiel mir auf, wie leise der P.A.-Sound hier war. Das muss doch aber drücken im Gesicht! Die US-Amerikaner durften im Gegenzug zu den vorausgegangenen beiden Bands Zugaben spielen, Bühnenpräsenz und Performance waren einwandfrei. An meinen ersten WASTE-Gig seinerzeit im Hafenklang kam das Ding hier aber allein schon atmosphärisch in keiner Weise ran. Das Publikum hatte der Auftritt extrem durstig gemacht, sodass man ab jetzt mitunter arschlange fürs Bier anstehen musste und es zunehmend drängelig an den Theken wurde.

Das hielt mich aber nicht ab, denn ich musste mir ja noch CANNIBAL CORPSE schönsaufen. Der einstige Bürgerschreck, seit dem Auftritt mit Jim Carrey in „Ace Ventura“ rehabili- und als legitime, letztlich harmlose Unterhaltungsform weithin akzeptiert, zählt bis auf einzelne, für meine tauben Ohren herausragenden Songs gewiss nicht zu meinen Lieblingsbands. Seit ich mich auf dem Rock-Hard-Festival aber mal vor der Bühne positionierte, um mich von der ultralauten und brutalen CORPSE-Show durchdringen zu lassen, habe ich eine gewisse Freude daran entwickelt, mich von diesem Sound in einen Trance-ähnlichen Zustand versetzen zu lassen und mich daran zu erfreuen, wie bei etwas, das für mich so viel musikalische Abwechslung birgt wie ein Modern-Talking-Album, dabei aber ungleich uneingängiger daherkommt, Musiker und Growler ganz genau wissen, wann was wo zu sitzen hat und perfekt aufeinander eingegroovt scheinen. Respekt! Auch dafür, konsequent über einen mittlerweile derart langen Zeitraum konsequent seinen Stiefel durchzuziehen. Klang ein Riff mal etwas bis deutlich thrashiger und verließ Frontmann Corpsegrinder mal kurz den Krümelmonstermodus, lief mir das alles auch gleich viel besser rein, und wenn nicht, blieb eben technisches Gehacke, dem beizuwohnen auf eigentümliche Weise Laune macht, während Corpsegrinder per Propeller-Banging für erhöhte Luftzirkulation sorgt.

Kurz vor zehn war dann tatsächlich Feierabend und ich mittlerweile so berauscht, dass ich es für eine gute Idee hielt, noch auf dem Geburtstag eines Kumpels vorbeizuschauen, dem ich im Vorfeld vorsorglich abgesagt hatte. Konsequenz: Zwei Tage Kater. Nochmals danke an meine Bandkollegen! 😀 In die Große Freiheit muss ich aber so schnell echt nicht wieder.

Bill Watterson – Calvin und Hobbes

Nach „Irre Viecher aus dem All“ und „Was sabbert da unterm Bett?“ konnte ich auf einem Flohmarkt nun auch des (selbstbetitelten) ersten Softcover-Bands der in den Nullerjahren beim Hamburger Carlsen-Verlag erschienen elfbändigen Funny-Zeitungsstrip-Reihe habhaft werden. Im US-Original ist er bereits 1987 erschienen.

Über 130 Schwarzweiß-Seiten erstrecken sich die überwiegend aus vier Panels bestehenden Strips sowie die sonntags in den Tageszeitungen veröffentlichten Onepager. In seinem zweiseitigen Vorwort hebt „Doonesbury“-Schöpfer Garry Trudeau Wattersons Realismus in Bezug auf kindliche Erlebniswelten lobend hervor und beschreibt die Funktion dieser Comics für eine ausgewachsene Leserschaft:

„Dieses Gefühl des Ausgeschlossenseins verleitet viele Erwachsene zu dem Versuch, die Unbeschwertheit der Jugend wiederzuerlangen, das Unwiederbringliche zurückzuholen. Ein paar Verzweifelte greifen zu Mitteln, die über kurz oder lang in die Betty-Ford-Klinik führen. Wir anderen, etwas Vernünftigeren, lesen ,Calvin und Hobbes‘.“

Die Fantasiesituationen des sechsjährigen Einzelkinds Calvin, in denen sein Stofftiger Hobbes lebendig und ihm Spielkamerad und Familienmitglied zugleich wird, machen einen Großteil der Strips aus; ihre Pointe ist die jeweilige Auflösung in der Realität – ein Konzept, das Watterson hier noch sehr stringent verfolgt. Jedoch: Manchmal ist’s spaßigerweise auch umgekehrt. Watterson etabliert einige Running Gags und wiederkehrende Motive sowie Figuren wie die Mitschülerin, den Schulschläger, Raumfahrer Spiff (ein Alter ego Calvins, vergleichbar mit Snoopys Weltkriegsflieger-Ambitionen), Calvins Fernsehsucht und die Beurteilungen seines Vatis, als handele es sich um bei diesem um einen gewählten Politiker. Das ist mal niedlich, öfter frech, immer charmant und meist irre komisch.

Die deutsche Bearbeitung legte Calvin auf S. 110 Paul Kuhns „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ in den Sangesmund, die Reminiszenz an den Horrorklassiker „Die Fliege“ auf S. 114 wiederum ist international verständlich. Eigenartigerweise folgt in meiner Ausgabe auf Seite 72 die Seite 85, es scheinen also 12 Seiten zu fehlen. Nach einem Herausriss sieht’s aber nicht aus. Ein Fehldruck? Oder doch eine spurenlose Entfernung?

Wie auch immer: „Calvin und Hobbes“ würde ich gern irgendwann komplettieren, weitere Bände liegen schon bereit.

17.09.2024, Kir, Hamburg: PIZZA DEATH + FATAL COLLAPSE

Thrash-Bands, die Humor beweisen und sich einen Spaß daraus machen, statt ausschließlich über Missstände oder Evilness und den Gehörten zu texten auch mal über Profanes zu salbadern, werden von Teilen der Metal-Szene seit einiger Zeit abschätzig als „Pizza-Thrash“ bezeichnet. Die Australier PIZZA DEATH kümmert das wenig, im Gegenteil: Die haben bereits zwei Konzeptalben veröffentlicht, auf denen es um „pizza, death, and death by pizza“ geht. Damit verfolgen sie jenen Thrash/Hardcore-Crossover-Ansatz, den Mitte der 1980er S.O.D. erstmals sowohl musikalisch als auch mit ihrem schwarzen Asi-Humor in die Szene trugen. Ähnlich wie beim Fun-Punk kann ich die Kritik grundsätzlich nachvollziehen, denn eigentlich sollte es genug ernste Themen geben, die prädestiniert wären, mit dieser musikalischen Härte beackert zu werden. Andererseits mag ich S.O.D. und stehe sowohl auf diesen Sound als auch auf Asi-Humor. Da bot es sich an, zwecks Meinungsbildung das Konzert eben jener Australier aufzusuchen, die sich gerade auf Europatour befinden.

Von diesem erfuhr ich sehr kurzfristig erst durch meinen Kumpel Christian, der wiederum von einem seiner Kumpel darauf aufmerksam gemacht wurde. Dies wiederum dürfte daran liegen, dass es im Kir stattfand – eigentlich ein Gothic-Laden, der nur alle Schaltjahre mal ein Metal-Konzert veranstaltet. Ehrlich gesagt hatte ich auch die Band überhaupt nicht auf dem Schirm, offenbar fand sie bisher weder im Rock Hard noch im Deaf Forever oder einem von mir gelesenen Fanzine statt. Wie auch immer, in der Konstellation Christian, sein Kumpel und meine Wenigkeit suchten wir das Kir auf, nachdem ich mir stilecht vorher beim Italiener noch ‘ne Pizza besorgt und verspeist hatte. Das Kir ist klein und dunkel, also wie gemacht für ein dummerweise unter der Woche stattfindendes Underground-Konzert. Es gibt „Bergedorfer“-Pils vom Fass (wusste gar nicht, dass Bergedorf sein eigenes Bier hat), das stark süßlich Richtung Malzbier schmeckt und mit satten 4,- EUR für 0,33 l zu Buche schlägt. Doof wie wir sind, tranken wir trotzdem Runde um Runde…

Die lokalen D.I.Y.-Thrash-Newcomer FATAL COLLAPSE, die sich Gitarrist Buddy mit den THRASHING PUMPGUNS teilen und bisher eine EP und ein Album auf dem Kerbholz haben, eröffneten den Abend – sicherlich nicht zuletzt deshalb, weil Shouter Niklas PIZZA DEATH für diesen Gig nach Hamburg geholt hatte. Bei gutem Sound zockte das Quartett seinen rauen Thrash vor noch etwas verhaltenem, aber interessiertem Publikum, der mir umso besser in die Löffel ging, je mehr die Riffs um oldschool-thrashige höhere Töne angereichert und von der Rhythmussektion aufs Gas gedrückt wurde. Niklas röhrte mit seiner tiefen, heiseren Stimme drüber und übernahm zusammen mit dem Basser die Kommunikation mit den Anwesenden. Als geforderte Zugabe gab’s ein brandneues, noch unveröffentlichtes Stück, das ziemlich geil klang. Höre ich mir auf Bandcamp noch mal in Ruhe an und versuche ich, im Auge zu behalten.

PIZZA DEATH, ebenfalls in Viererbesetzung, war dann der erwartete und erhoffte Abriss. Der Shouter in Pizza-Design-Shorts und MEGADETH-Persiflagen-Shirt, Gitarrist und Drummer kurioserweise barfuß (zumindest der sichtbare Nicht-Fußmaschinen-Fuß) und musikalisch zumeist die grobe, direkt auf die Zwölf zielende Kelle in Form kurzer, schnell auf den Punkt kommender Songs. Die bewegungsfreudigen Australier verließen gern mal die Bühne und durchpflügten das Publikum, das wiederum eine Wall of Death aus Ananas-auf-Pizza-Befürwortern auf der einen und -Gegnern auf der anderen Seite bilden sollte. Eine echte Ananas wurde anschließend wütend zerstört und fand sich fortan als Obstmatsch vor der Bühne wieder. Ein anderes Mal kam ich gerade vom Pissoir, als offenbar eine Besucherin in ein albernes Kostüm gesteckt und mit Alufolie umwickelt worden war. Die Band persifliert typische Thrash-Themen, indem sie sie in einen kulinarischen Kontext überträgt, weiß aber auch von manch an B- und Trash-Movies erinnernder „true story“ zu berichten, die in den Ansagen kolportiert und anschließend musikalisch verarbeitet wird: Von die Familie des Bassisten wegschmelzen dämonischen Pizzastücken (oder so) über in Pizzateig verarbeitete und anschließend verzehrte Menschenasche bis hin zum Deibel, den man an der Strippe hat, wenn sich bei der Pizzabestellung verwählt. Wenn mich meine Bergedorfer-verklebte Erinnerung nicht trügt, wurde letztgenannte Nummer, „13 11 666 (Satan’s Slice)“, als Zugabe gespielt. PIZZA DEATH waren das musikalische Äquivalent zu einer extrascharfen und mit dicker Käsekruste überbackenen Terrorpizza, von der man weiß, dass sie einem nicht guttun wird, der man aber nur schwer widerstehen kann, weil der ‘80er-Horrorfilmabend ohne sie nur halb so schön wäre. Deftigste Zutat: der Drummer, der manch Blastbeat ohne Weiteres locker aus dem Handgelenkt schüttelte.

Das Konzert war früh genug vorbei, um noch rechtzeitig in die Koje zu kommen. Und um auf die eingangs erwähnte Debatte zurückzukommen: Ich wurde überzeugt – Pizza Thrash rules ok!

Paolo Eleuteri Serpiere – Aphrodisia

Als ich aus einer Gebrauchtartikel-Wühlkiste eines Comichändlers dieses 1999 im Münchner Verlag Schreiber & Leser erschienene 56-seitige, vollfarbige Softcover-Album mitnahm und dann irgendwann auch las, wusste ich nicht, dass es sich um den im italienischen Original „Druuna“ betitelten zweiten Teil der berüchtigten achtteiligen „Morbus Gravis“-Reihe Serpieris um die eben Druuna heißende Protagonistin handelt, die der Zeichner ab 1985 innerhalb einer dystopischen, surrealen Science-Fiction-Welt auftreten ließ, die er mit drastischen Horror- und Erotik-Elementen mischte.

Meine Ahnungslosigkeit erklärt auch, weshalb ich während der Lektüre der Ansicht war, Serpieri habe es sich mit dem in reiner Schriftform vorangestellten (und in dieser deutschen Übersetzung leider viele Zeichensetzungsfehler aufweisenden) Prolog etwas sehr einfach gemacht – hielt ich diesen Band doch für eine in sich abgeschlossene Geschichte. Dem ist nicht so und entsprechend herausfordernd ist es auch, sich in die Handlung einzufinden. Deren Prämisse wird in einem Dialog im letzten Drittel auf den Punkt gebracht: „Du, ich und diese ganze Umgebung“, so lässt Druuna ihr dortiges Gegenüber wissen, „gehören zum Traum eines ,Geistes‘. Einst war er ein Mensch, jetzt ist er reine Energie mit unglaublichen Kräften.“

Der sich an eine erwachsene Leserschaft richtende Comic ist in einem hyperrealistischen Stil hervorragend gezeichnet, handgelettert und mit expliziten Sexszenen durchsetzt, die eine eigenwillige, gewöhnungsbedürftige, reichlich abgefahrene Angelegenheit aus der Geschichte machen – die, zumindest in diesem einzigen mir bisher bekannten Band, hinter den Schauwerten zurücksteht.

Die „Morbus Gravis“-Reihe rief sodann auch die deutschen Sittenwächter auf den Plan. Vor Schreiber & Leser veröffentlichte hierzulande der Alpha-Verlag die Alben, der sich, so steht’s in der Wikipedia, von vornherein in Selbstzensur geübt habe. Dies habe deutsche Behörden jedoch nicht daran gehindert, im Zuge der bis dahin beispiellosen Beschlagnahmeaktion im Jahre 1995 auch „Morbus Gravis“-Titel zu unterschlagen. Gut möglich daher, dass es sich auch bei dieser Schreiber-&-Leser-Auflage um eine bereits entschärfte Fassung handelt. Unzensierte Gesamtausgaben seien 2015 und 2016 ebendort erschienen.

Diese Zensurgeschichte ist ehrlich gesagt spannender, als dieses Album auf mich wirkte, das mich mit Serpieris Stil, den dynamischen Panelstrukturen und der mal trist-graustichigen, dann wieder lebendig fleischfarbenen Kolorierung in erster Linie gestalterisch zu überzeugen wusste.

Midam – Kid Paddle, Band 4: Full Metal Cracker

Mit „Kid Paddle“ brachte der belgische Comiczeichner Midam seine erste Reihe heraus. Der Hamburger Carlsen-Verlag erstveröffentlichte sie hierzulande in Form von sechs jeweils 48-seitigen, vollfarbigen Softcoveralben im Zeitraum Februar 1997 bis August 2001. Zwei Jahre später brachte sie es sogar zu einer Zeichentrickserie. Der vierte Comic-Band „Full Metal Cracker“, ein Zufallsfund in einem Freiburger Antiquariat, ist meine erste Konfrontation mit „Kid Paddle“.

Im Mittelpunkt der Funny-Reihe steht mit Kid Paddle ein Schüler im Kindesalter, der Computer- und Videospielen verfallen ist. Er hat zwei Freunde: den hornbebrillten, zu ihm aufblickenden Horsti, der leicht zu beeindrucken ist (und seltsamerweise ein bisschen wie ein Opa aussieht) sowie Bigbang, den Naturwissenschafts-Nerd mit Stoppelhaarschnitt, der permanent eine VR-Brille zu tragen scheint. Kid Paddle schikaniert gern seine Schwester, fällt seinem Vater auf die Nerven und steht mit dem Spielhallenaufseher auf Kriegsfuß.

Die sich über ein bis zwei handgeletterte Seiten mit jeweils vier Reihen flexibler Panels erstreckenden, unbetitelten Gags sind nicht unbedingt immer videospielspezifisch. Zwar karikieren sie u.a. Videospielinhalte, aber auch die Interessengebiete und Freizeitgestaltung zehn- bis 14-jähriger Rotzlöffel, worin sich auch ältere Semester wiederfinden dürften. Die letzte Geschichte endet mit einer besonders beeindruckenden seitenfüllenden Zeichnung. Der Humor ist frech, ohne allzu provokant zu sein, dabei aber sehr gelungen (also keinesfalls zu kinderspezifisch), und der aufgeräumte, aber witzige Zeichenstil überaus gelungen. Im Design der Tischlampe Kid Paddles Vaters findet sich zudem eine Charlie-Brown-Hommage.

Klasse Stoff, von dem auch die übrigen fünf Alben hermüssen!

Téhem – Malika: (1) Ausgeträumt! / (2) Nervous Breakdown

Der Franzose Thierry Maunier alias Téhem zeichnete von 1998 bis 2008 die neunbändige Comicreihe „Malika Secouss“, von der in deutscher Übersetzung leider nur zwei Softcover-Alben in den Jahren 2001 und 2002 im Hamburger Carlsen-Verlag (unter dem verkürzten Titel „Malika“) erschienen sind. Diese sind vollfarbig gestaltet und bringen es ganz klassisch auf jeweils 48 Seiten.

Die Jugend-Funnys spielen im Original innerhalb einer dunkelhäutigen Community einer Plattenbausiedlung in den französischen Banlieus, die die deutsche Bearbeitung kurioserweise in Deutschland verortet. Dort vertreibt sich die kesse, hübsche, sportliche Malika mit dem kräftigen Stiefeltritt zusammen mit dem coolen, adipösen Dooley und dem tumben Basketballer Jeff die Zeit. Sozialarbeiter und andere, die es gut mit den Heranwachsenden meinen, werden dabei häufig düpiert. Pro Seite mit flexibler dreizeiliger Panel-Struktur bekommt man im ersten Band eine (unbetitelte) Geschichte inklusive Pointe geboten.

Während ich mir zunächst noch dachte, dass der Humor zwar angenehm ist, für meinen Geschmack aber gern etwas deftiger ausfallen hätte dürfen, entwickelt er sich von Seite zu Seite tatsächlich in diese Richtung. Manch Pointe geht dabei auch auf Kosten Malikas oder ihrer Clique. Nicht jeder Gag sitzt, aber mir gefällt der Zeichenstil und am Ende ist mit dem Trio sowie den Vorstadt-Hooligans, der Bibliothekarin und dem Sozialarbeiter vertraut. Einige simpel anmutende Gags entpuppen sich als tiefgründiger, als es zunächst den Anschein hat, und setzen sich auf zwar humorige Weise, aber dennoch kritisch mit der Situation in den Banlieus zwischen Wohnghetto, Sportplatz und Supermarkt auseinander. Malika taugt trotz eigener Schwächen als Identifikationsfigur insbesondere für Teenagerinnen.

Im zweiten Band erhalten die kleinen Geschichten Titel – und Malika einen etwas zu jungen Verehrer, was zum Anlass mehrerer Gags wird. Eine Ausfahrt aufs Land mit dem Sozialarbeiter gerät gar zu einer längeren zusammenhängenden Abfolge pointierter Culture-Clash-Ereignisse. In die Falle, müde politisch korrekte Betroffenheitscomics zu zeichnen, tappt Téhem indes nie, denn er lässt sich seine Figuren wiederholt als ignorant und resistent gegenüber den gutgemeinten pädagogischen und sozialen Maßnahmen der Stadtverwaltung erweisen und sie zahlreiche Klischees bedienen. Dennoch findet er die richtige Balance zwischen mit ihnen und über sie lachen und karikiert sie auf liebevolle Weise.

Schade, dass Carlsen die Reihe nach nur zwei Alben eingestellt hat.

28.08.2024, Freilichtbühne, Prerow: HORST EVERS – So gesehen natürlich lustig (Vorpremiere)

Horst Evers, im Jahre 1967 gebürtiger Niedersachse und später Wahlberliner, war mir bisher kein Begriff. Dies änderte sich während meines Prerow-Urlaubs, denn im Rahmen des mehrwöchigen „Cartoonair“-Festivals benutzte er die Urlaubenden, um sein neues Kabarettprogramm auf der Freilichtbühne an ihnen auszuprobieren. Jenen wunderschönen Veranstaltungsort zwischen Strand und Wald kannte ich bereits, wohnte ich dort doch einst Martin Sonneborns EU-Politik-bezogenem Satireprogramm bei (über das etwas zu schreiben ich leider versäumte).

Evers ist ein alter Hase, der eine Vielzahl Bücher und Tonträger veröffentlicht hat und offenbar regelmäßig mit verschiedenen Programmen durch die Republik tingelt. Sein zahlreich erschienenes, die Freilichtbühne jedoch nicht bis zum letzten Sitzplatz füllendes Publikum wies er zu Beginn auf den spezielles Charakter einer Vorpremiere hin und ging alsbald in medias res, indem er – auf die groteske Demonstration in Hamburg vor einigen Monaten referenzierend – erläuterte, unter welchen Umständen das Kalifat tatsächlich eine Lösung sein könnte, mittels einer herrlich verwobenen Geschichte mit überraschender Pointe für das eigentlich wenig lustige Problem zu weniger Psychotherapieplätze in Deutschland sensibilisierte, die Frage aufwarf, wann zur Hölle man denn eigentlich Alkohol trinken dürfe, aus einer Konversation im Omnibus um ehemalige Liebespartnerinnen und -partner mit gleichen Namen zitierte und wissen ließ, weshalb er sich mitunter als Ex-Bundesliga-Kicker Grasnarbe-Schulz ausgebe.

Zwischen diesen und weiteren in launige, anekdotenhafte Geschichten verpackten (mitunter vermeintlich) harmlosen Alltagsbeobachtungen, in denen sich manch Gast lachend wiedererkannte, gönnte er einem ungefähr eine Viertelstunde Pause für Klogänge und zum Bierholen, die Nettospielzeit dürfte um die zwei Stunden betragen haben. Den Großteil las der nach etwas Stand-Up am belampten Tisch sitzende Evers von Zetteln ab, erwies sich mit Aussprache, Betonung, Pausen und nicht zuletzt Mimik und Gestik aber als begnadeter Vorleser. Das Anakoluth, also Sätze nicht zu Ende bringen, setzt er als wohldosiertes rhetorisches Stilmittel an, womit er hin und wieder ein wenig an Piet Klocke erinnert, und wird er übertrieben förmlich, hat er ein bisschen was von Hans Hermann Thielke.

In erster Linie aber ist der in Evershorst geborene Horst Evers er selbst bzw. seine eigene Kunstfigur, die er mit viel Selbstironie keinesfalls aus der Persiflage ausnimmt, die am stärksten ist, je näher ihre Schwanks am wirklichen Leben sind (das bekanntlich häufig absurd genug ist), und die meiner Liebsten und mir einen sehr vergnüglichen Abend bescherte.

Horst Oden – Das Horror Picture-Buch – Die besten Horrorfilme von RTLplus

Dieses ein wenig kleiner als im A4-Format gedruckte, 100-seitige Buch im Softcover aus dem Jahre 1991 mit dem seltsamen denglischen Titel ist nicht etwa ein Bilderbuch, wenngleich es innerhalb jener Fan-Buch- und Bildband-Reihe im Verlag der „edel Company“ erschien, die seinerzeit in den Musik- und Filmabteilungen großer Kaufhäuser angeboten wurde. Es erinnert an die seligen Privatfernsehzeiten, als RTLplus und Konsorten manch Genre-Film, darunter eben auch Horrorfilmen, einen zweiten Frühling bescherte. Dass ein Buch mit diesem Titel existiert, ist in Indiz dafür, welche Aufmerksamkeit die damals noch jungen Sender mit ihren Spielfilmausstrahlungen erzeugten.

Der für den bebilderten und in großzügiger Schriftgröße geletterten Textteil zuständige Autor Horst Eden beruhigt die Leserschaft im Vorwort, dass es ganz normal sei, Freude an fiktionalem Horror zu empfinden. Es folgt eine nach Jahrzehnten aufgeteilte kurze, aber jeweils auf den Punkt gebrachte und bis auf „Whales“ (statt „Whale“) meines Erachtens fehlerfreie Abhandlung über die Entwicklung des Genres. Schade, dass diese nach den 1950ern abrupt endet und Einschnitte, wie sie allen voran Roman Polanski mit „Rosemaries Baby“ verantwortete, somit ausgespart bleiben. Das matte, chlorfrei gebleichte (und gutriechende) Papier mit Schwarzweißdruck wird von einer Fotostrecke auf hochwertigem Farbpapier mit Standbildern aus diversen Horrorfilmen abgelöst, leider ohne Quellenangaben.

Kurze Kapitel geben Einblicke in verschiedene Horror-Subgenres, jedoch längst nicht alle. Oden lässt wissen, dass ihm die modernen Zombiefilme zu weitgingen und lässt sich in diesem Kontext zu einer „Man-Eater“-Diskreditierung hinreißen, obwohl es sich bei diesem gar nicht um einen Zombiefilm handelt. Die Aneinanderreihung der seines Erachtens besten Filme besteht eher aus Vorstellungen der jeweiligen Streifen, um guten Gewissens als solche zu bezeichnenden Kritiken oder gar Analysen handelt es sich dabei nicht. Zudem hat er dann doch eine äußerst knappe und willkürlich erscheinende Auswahl getroffen. Gemeinsamer Nenner scheint zu sein, dass sie alle auf RTLplus ausgestrahlt wurden. Leider fehlen dabei einige Filme, an die ich mich erinnere, sie seinerzeit erstmals auf RTLplus gesehen zu haben (z.B. „Hexensabbat“ oder Larry Cohens „It’s Alive“-Filme).

Die Tipp-, Grammatik- und Setzfehler häufen sich leider mit der Zeit, sodass das Buch einen recht unprofessionellen Eindruck hinterlässt. Es scheint mir mit Abstrichen als niedrigschwelliger Einstieg in die Welt des Horrorfilms geeignet, gerade auch für junge Menschen – zumindest zum damaligen Zeitpunkt. In seinen besten Momenten erzeugte dieser antiquarische Fund während meiner Lektüre ein wenig Fernseh- und Genre-Entdeckungsnostalgie – und Erinnerungen an die Kaufhausabteilungen mit Büchern wie diesem.

Frank Schäfer – Kultbücher. Was man wirklich kennen sollte

Kürzlich schrieb ich über Frank Schäfers im Erftstädter Area-Verlag erschienenes Werk „Zensierte Bücher“, in dem er mit einer Ausnahme (von der ich aus dem Stegreif gar nicht wüsste, um welche es sich handeln sollte) diejenigen Bücher aussparte, die der Braunschweiger Autor musik- und literaturzentrierter Sachbücher bereits in „Kultbücher“ besprochen hatte. „Kultbücher“ war im Jahre 2000 ursprünglich bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen, in der verbesserten, stark erweiterten Neuauflage, die Gegenstand dieser Rezension ist, jedoch erst 2005, nun ebenfalls bei Area. Der 400-seitige Umfang des gebundenen Wälzers entspricht dem von „Zensierte Bücher“, vorgestellt und besprochen werden von Schäfer sage und schreibe 71 Werke.

Einleitend stellt Schäfer acht sehr richtige Thesen zum Thema auf, um anschließend in chronologischer Reihenfolge in die Vollen zu gehen: In knapper Essay-Form kanonisierend, sortiert er die Bücher in ihren jeweiligen historischen Kontext ein. Doch handelt es sich tatsächlich allesamt um Kultbücher? Nun, mit „kennen“ meint Schäfer mitnichten „lieben“ und reflektiert seinen Kanon kritisch, statt ihn oberflächlich abzufeiern (oder „abzukulten“).

So zitiert er Arno Schmidts Herausarbeitungen der Homoerotik, die Karl May – aus bestimmten Gründen? – seiner Winnetou-Figur angedeihen ließ, und übt scharfe Kritik an Rudyard Kiplings Dschungelbüchern: „Hier wird der Lesejugend die streng hierarchische, imperialistische Weltsicht des viktorianischen Großbürgertums eingebimst (…).“ (S. 24) Hochinteressant wird es bei Karl Kraus‘ „Die Fackel“, den Schäfer als frühen Kämpfer für sexuelle Selbstbestimmung, pressekritischen Sprachkritiker und wortgewaltigen Kriegsgegner während des Ersten Weltkriegs adelt. Es geht also keinesfalls darum, einer breiten Masse liebgewonnene Bücher systematisch zu besudeln und zu verreißen. Sherwood Andersons „Winesburg, Ohio“ interpretiert er relativ anspruchsvoll philosophisch, macht klar, welch Faschist und Schlächter Ernst Jünger war, und arbeitet aus Hermann Ungars „Die Verstümmelten“ die sexualpsychopathologische und homosexuelle Ebene heraus. Walter Serners „Die Tigerin“ beschreibt er als stilistisch mutige, abseitige Liebesgeschichte mit einer im Wortsinn ganz eigenen Sprache. Den russischen „Alle Fälle“-Autor Daniil Charms stellt Schäfer als Initiator der Neuen Form vor, der unter dem stalinistischen Terror zu leiden hatte und ihn nicht überlebte. Er bricht eine Lanze für die Naivität und rührende Schönheit Pus des Bären von Alan Alexander Milne und zitiert in diesem Zusammenhang Harry Rowohlt.

Ein weiteres „Kultbuch“, mit dem Schäfer abrechnet, ist John Cowper Powys‘ „Wolf Solent“ aufgrund dessen Fortschritts- und Wissenschaftsfeindlichkeit. Wilhelm Reichs Sachbuch „Die sexuelle Revolution“ nimmt er zum Anlass, zu beleuchten, wie man Sexualrevolutionär Reich während der NS-Diktatur fertigmachte, worüber dieser anscheinend den Verstand verlor und zum Esoterikspinner mutierte. Er nähert sich James Joyces „Finnegans Wake“ an, ruft anlässlich „Ich – Arturo Bandini“ John Fante als herausragenden Literat italienischer US-Immigranten, dessen Werke auch Bukowski gefielen, ins Gedächtnis, und geht dabei auch auf Fantes Sohn ein. Antoine de Saint-Exupérys Kinderbuch „Der kleine Prinz“ klassifiziert Schäfer als Geschichte über sonderbare Außenseiter und die Kraft der Freundschaft. Woodys Guthries Autobiographie „Bound for Glory“ umschreibt er als gossenpoetisches „Sittenbild der Unterschichten in den 20er und 30er Jahren“.

Die Nachkriegszeit eröffnet Schäfer mit Salingers „Der Fänger im Roggen“, einem Bildungsroman übers Erwachsenwerden und „den Antagonismus von Kunst und Leben“. Ian Flemings „James Bond“-Romane kritisiert er für ihren Schreibstil, vor allem aber für ihre reaktionären und sexistischen Inhalte – danke dafür, Frank! J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ scheint nicht sein Fall zu sein, offenbar erlag er dessen Faszination nicht. (Da ich fürchte, dass es mir ähnlich erginge, habe ich es trotz gefühlten sanften gesellschaftlichen Drucks noch immer nicht gelesen.) Zurecht wesentlich mehr anfangen kann Schäfer mit Philip K. Dicks klugen Science-Fiction-Dystopien, mit denen „die ästhetische Moderne im Science-Fiction-Genre Einzug“ gehalten habe. Seinen verfilmungskritischen Passus zu „Minority Report“ kannte ich allerdings schon aus einer seiner Essay-Sammlungen. Anhand „Jerry Cotton“ bricht er eine Lanze für Heftromane und sprach mit deren fleißigstem Verfasser Friedrichs, was mir aus „Homestories – Zehn Visiten bei Schriftstellern“ ebenfalls bereits bekannt war. Und wenn mich nicht alles täuscht, habe ich in einem seiner anderen Bücher auch schon seine Auseinandersetzung mit Nabokovs „Lolita“ gelesen. Doch Redundanz ist die Mutter der Didaktik, also sei’s drum.

Ginsbergs „Howl“ hebt Schäfer als lyrisches Manifest der Beat-Generation hervor, Kerouac charakterisiert er als naiv-träumerischen, konservativ-regressiven Beat-Autor. Er kommentiert die Werke des psychisch schwerkranken Robert Lowry, um schließlich eingehender auf sein vermeintlich antisemitisches „Lebendig begraben“ einzugehen und es von diesem Vorwurf freizusprechen. Das satirische und humoristische Potenzial von „Naked Lunch“ erkennt Schäfer, bleibt aber leider eine Antwort darauf schuldig, inwieweit Borroughs „reaktionäre Anwandlungen“ gehabt habe. Sein Essay über Ken Keseys „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist leider fast ausschließlich eine Zusammenfassung des Inhalts, zudem ohne ein Wort über die fulminante Verfilmung zu verlieren. Und kenne ich seinen Text über Anthony Burgess‘ „A Clockwork Orange“ nicht auch schon? Wie dem auch sei: Schäfer ehrt den Roman als Plädoyer für die Wahlfreiheit des Menschen und gegen Totalitarismus. Harold Brodkeys „Unschuld“ hingegen verreißt er aufgrund dessen pubertärer, dusselig verliebter Sprache – obwohl mir die Zitate sehr zusagen. Sie lesen sich wie authentisch im Affekt geschrieben. Es folgt ein Loblied auf Charles Webbs „Die Reifeprüfung“ und dessen „liberalistische Intention“. Folk-Nuschler Bob Dylans „Tarantula“ wiederum ist offenbar unlesbarer Schwachsinn, was auch Schäfer vermittelt.

Sein Text über Richard Brautigans „Forellenfischen in Amerika“ verhandelt jenes Buch als mit der Hippiezeit korrespondierende, abermalige Sinnsuche in den mythologisierten USA in Form schräger Prosa, von der Schäfer begeistert ist, bei der ich jedoch abwinke. Hubert Fichtes „Die Palette“ skizziert er als „lapidares, teilnahmsloses, wenn nicht indolentes Stenogramm“, für dessen Stil er Verständnis äußert, ihn aber trotzdem bedauert. Der gute alte Charles Bukowski gefällt ihm, und so verteidigt er ihn gegen elitäre Behauptungen, er sei ach so antiliterarisch. Aus der Beat-Anthologie „Acid“ zitiert Schäfer die unfreiwillig komisch anmutenden Thesen Staffords und kommentiert sie sarkastisch. Günther Amendts „Sex Front“ sei ein freches, gelungenes Aufklärungsbuch – und auch, wenn man längst alles weiß, könnte es offenbar Freude bereiten, es einmal zu lesen.

Schäfers Essay zu Arno Schmidts „Zettels Traum“ weist die Struktur eines Dramas auf, das ein universitäres Gespräch abbildet, in dem Schäfer in die Rolle des Germanistik-Dozenten schlüpft, weit ausholt und Schmidt ästhetischen Nonkonformismus attestiert, bevor er zu dessen Opus magnum „Zettels Traum“ kommt. Das dürfte eher nichts für mich sein, denn schon das Lesen dieses Essays voller verquaster Verklausulierungen ist unnötig anstrengend – zumal es sich seitens Schmidt offenbar um einen Versuch handelte, E.A. Poe die Ehre abzuschneiden. Immerhin äußert Schäfer Kritik an Schmidts altersreaktionären Ressentiments.

In Hunter S. Thompsons „Angst und Schrecken in Las Vegas“ erkennt er eine ambivalente Aussage, schreibt daher von einer humorvollen Drogen-Apotheose und -Kritik zugleich sowie vom Abgesang auf die Hippies. Peellaerts und Cohns „Rock Dreams“ sei gar eine Illustration des Untergangs des Rock’n’Rolls und Jörg Schröders „Siegfried“ eine bewusst trashige, anarchische, aber auch eitle Abrechnung mit dem damaligen Literaturbetrieb. Helmut Salzinger sei ein seine Hoffnung in die „Yippies“ setzender Musikkritiker und -diskutant, der auf mich aber wie ein nerviger Hippie-Laberkopp wirkt. So oder so wurde er hoffnungslos von der Zeit niedergewalzt. Jerofejews „Die Reise nach Petuschki“ ist laut Schäfer ein russischer Suffroman voller russischem Weltschmerz, über den er gern noch mehr wissen würde – wie er abschließend durchblicken lässt. Ein Kuriosum unter den „Kultbüchern“ ist Heino Jaegers „Alkoholprobleme in Dänemark“-Schallplatte (!), offenbar ein herausragend komisches Spiel mit der Sprache.

„Gedichte/Lieder“ Wolf Wondratscheks seien überraschende Gedichtbände, Verena Stefans „Häutungen“ ein anscheinend gar nicht mal so gutes erstes literarisches Werk der Frauenbewegung in den 1970ern und Raymond Federman mit „Take it or leave it“ einer der zurecht bekanntesten Vertreter der literarischen Postmoderne gewesen. Auf S. 277 war Schäfer schon beim Feierabendbier, das hoffentlich kein „Giftpils“ war. Nichtsdestotrotz arbeitet er aus Bernward Vespers „Die Reise“, eine Art stellvertretender RAF-Terroristen-Biographie, sehr schön die Ambivalenz nicht nur dieser Figur heraus. Eckhard Henscheids „Geht in Ordnung – sowieso – – genau – – -“ sei für Schäfer ein empathisches humanistisches Denkmal für dämliche Kneipen-Dampfplauderer, auch wenn sich die Zitate eher sozialchauvinistisch herablassend für mich lesen. Uli Beckers „Gelegenheitsgedichte im besten Sinne“ aus „Meine Fresse!“ betrachtet Schäfer als Porträt des desillusionierenden Teils der 1970er und Brinkmanns „katastrophistische“ Text-Bild-Collage „Rom, Blicke“ als „rücksichtsloses und nachgerade dokumentarisches Stenogramm“. „Fuck off, Amerika“ aus der Feder Eduard Limonows attestiert Schäfer, ein „emotionaler Blitzableiter, zugleich aber auch ein aufrichtiges, sich selbst nie schonendes, die eigene Hybris, Ehrpusseligkeit und Larmoyanz nie beschönigendes Protokoll einer Selbstbehauptung“ zu sein, geizt dabei aber nicht mit Kritik am Autor.

Douglas Adams‘ Science-Fiction-Komödie „Per Anhalter durch die Galaxis“ sieht Schäfer ungewohnt kritisch, Jörg Fausers „Der Schneemann“ ordnet er als etwas undurchsichtigen Schelmenkrimi und Stenogramm des Dekadenwechsels zu den 1980ern ein und Rainald Goetz‘ „Irre“ als Infragestellung der Psychiatrie, aber auch Abgesang auf salonrevolutionäre Träumereien vom künstlerischen und revolutionären Potential Irrer – mit einem schwachen dritten Teil. Jim Dodges „Fup“ sei eine Art Erwachsenenmärchen, Gibsons „Neuromancer“ darf als Cyberpunk-Pionier nicht fehlen und Bret Easton Ellis‘ „Unter Null“ ist offenbar ein „American Psycho“-Vorläufer in Sachen Abrechnung mit den Yuppies. Philippe Djians „Betty Blue. 37,2° am Morgen“ mag Schäfer sehr, unterstellt aber beinahe Voyeuristisches beim Lesen. Wolfgang Welt mit seiner „Peggy Sue“ scheint mir ein ungefickter Journalist zu sein, der seinen persönlichen Frust in Musikkritiken auf andere projiziert, woraus eine Art unsympathischer Verliererprosa wird, was Schäfer in seinem wohlwollenden Essay zumindest anklingen lässt. Bei dieser Gelegenheit: Was soll eigentlich immer dieses Abarbeiten an Heinz Rudolf Kunze? Er schenkte uns immerhin die Evergreens „Dein ist mein ganzes Herz“ und „Finden sie Mabel“ – und was danach so alles aus Deutschland die Charts erklomm, war doch wohl zu großen Teilen wesentlich schlimmer. M.A. Numminens „Der Kneipenmann“ ist laut Schäfer so etwas wie ein ehrerbietendes Soziogramm finnischer Unterschichtstrinker – und damit der Gegenpol zu Henscheid?

Joachim Lottmanns „Mai, Juni, Juli“ definiert Schäfer als ersten deutschen Poproman, ein „fulminante[s] Stück Prosa“, das „nicht nur treffsichere[s] Szene- und Zeitdokument, sondern auch postmodernes Patchwork, ein Roman aus angefangenen Romanen“ sei. In Andreas Mands „Grovers Erfindung“ erkennt er nicht weniger als die Wiederauferstehung vergessener sensorischer, emotionaler, transzendentaler Potenziale der Kindheit, einen ebenso witzigen wie soziologisch interessanten und inhaltlich wie sprachlich überaus präzisen Roman über die Kindheit in den 1960ern. Mit „Generation X“ setze sich Douglas Coupland unklug zwischen die Stühle und biete „für einen Essay (…) einfach zu wenig Analyse – und für einen Roman zu viel.“ Irvine Welshs „Trainspotting“ lasse sich als verstörende und provokante „Apologie des Drogenkonsums“ zusammenfassen und Tobias Wolff Kriegserinnerungen „In der Armee des Pharaos“ als aus einer Dummheit heraus geborenes „deutlich Grausamkeit und Sinnlosigkeit [des US-Angriffskriegs auf Vietnam] spiegeln[des]“ Buch – weshalb dieses erst so spät, nämlich 1994, erschien, erfährt man leider nicht.

Kinners, wir ham’s gleich! Die letzte Rutsche: Nick Hornbys „High Fidelity“ beschreibt Schäfer als listenreiche, kluge Pop- und Erwachsenwerdungs-Prosa, deren auch von ihm erwähnte Erzählerlarmoyanz mir jedoch derart das Vergnügen trübte, dass eine Identifikation schwer- und mir die Verfilmung daher tatsächlich besser gefiel. McNeils und McCains US-Urpunk-Oral-History „Please Kill Me” empfinde Schäfer als spannend und souverän geführt, Stuckrad-Barres „Solocalbum“ hingegen als „Zeugma-lastigen, sprachlich ansonsten uninteressanten und inhaltlich abgeschmackt-polemischen, schaumschlägerischen Poproman über einen Teil der 1990er und das Herzeleid des Erzählers – touché! Aus ungefähr diesen Gründen, die sich mit meinen Befürchtungen decken, habe ich‘s bisher nicht gelesen, obwohl es eigentlich meine Kragenweite sein sollte. Große Lyrik mit „schier überbordende[m] Storytelling sei Fredy Neptunes „Am Fleischwolf“, Poesie auf bewusst „niederer Stilebene“ Forrest Gumps und Co. über die Grausamkeit des Menschen und die für mich unvorstellbare Möglichkeit, ihm zu verzeihen. Mit J.T. Leroys „Sarah“ stellt Schäfer zudem einen „so unbeschwert“ erzählten Roman „als ginge es um Burgenbauen im Sandkasten“ über pädophile und schwule Elendsprostitution vor, der offenbar autobiographisch und -therapeutisch, in „kindlich-glättende[m], harmonisierende[m] Erzählgestus“ verfasst ist. Frank Schulz‘ „Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien“ sei ein „ebenbürtige[r], nein, bessere[r] Nachfolger“ des „besten deutschen Trinkerroman[s] aller Zeiten“ – schade, dass er über diesen nicht auch geschrieben hat –, ein Roman über ein dem Wahnsinn verfallenden Schriftsteller, der zu lange gezwungen ist, Zeit und Talent für Anzeigenblättchen zu verschwenden.  Und noch interessanter liest sich Schäfers Abhandlung über Matias Faldbakkens seine eigene Rezeptionsgeschichte vorwegnehmenden, schwerst beleidigenden Anarcho- und Pornoroman „The Cocka Hola Company“, den ich unbedingt werde lesen müssen.

Zugegeben, mitunter spoilert Schäfer nicht zu knapp. Andererseits ist „Kultbücher“ zumindest für mich auch ein Buch, das man liest, um einen nicht unbeträchtlichen Anteil der besprochenen Bücher nicht lesen zu müssen. So manch eines macht Schäfer einem aber schmackhaft und gibt sich dabei durchaus angriffslustig und streitbar, scheut sich nicht, manch heilige Kuh zu schlachten und zitiert gern aus Kritiken, um diesen zu widersprechen. Das liest sich nicht zuletzt wegen seiner Fabulierkunst ebenso informativ wie unterhaltsam, wenn er es nicht gerade wie für ihn typisch mit den seltsamen Wörtern übertreibt: Panegyrikos (antike Prunkrede), spinozistisch (de Spinozas Lehren ablehnend/abwertend), defätistisch (resignativ), Suada (Redeschwall, Beredsamkeit) und Vademekum (Leitfaden) habe bestimmt nicht nur ich vorher nie gehört und „Fürnehmkeit“ (S. 385) muss er sich selbst ausgedacht haben, Google liefert exakt 0 (null) Treffer.

Zum Inhalt: Natürlich kann Schäfer nicht über jedes Buch schreiben, das von einer kleineren oder größeren Leserschaft zum Kultobjekt erklärt wird. Aus seiner spitzen Feder hätte ich beispielsweise aber gern auch über Christian Kracht gelesen. Dass Lovecraft komplett ausgespart wurde, irritiert mich noch mehr, und meine leise Hoffnung, dass Schäfer Stephen Kings „Es“ berücksichtigt haben könnte, wurde nicht erfüllt – obwohl durchaus Parallelen zwischen Schäfers sporadischem belletristischen Schaffen und Kings Coming-of-age-Epos erkennbar sind. Davon unabhängig überwiegt bei Weitem der positive Eindruck, den die „Kultbücher“-Lektüre hinterlassen hat, denn dümmer macht sie ganz bestimmt nicht. Und Respekt dafür, all diese Bücher wirklich gelesen zu haben…

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