Günnis Reviews

Autor: Günni (page 2 of 115)

Tome & Janry – Spirou + Fantasio: Jugendsünden

Für die Supermarktkette Aldi Süd wiederveröffentlichte der Tandem-Verlag im Jahre 2011 die Alben Nr. 38 und 43 der frankobelgischen „Spirou + Fantasio“-Reihe als Hardcover-Ausgaben. Die Nr. 38, „Jugendsünden“, war ursprünglich im Jahre 1987 bei Dupuis erschienen und von Carlsen 1993 auch hierzulande veröffentlicht worden.

Das Inhaltsverzeichnis des rund 50-seitigen, vollfarbigen Albums ist aufgemacht wie eine Collage aus Skandalschlagzeilen der Presse, leider mit falschen Seitenzahlenangaben. Spirous Eichhörnchen Pips führt durch die Geschichten. Die erste Geschichte, die titelgebenden „Jugendsünden“, ist Spirous Origin-Story, erzählt vom betrunkenen Onkel Paul. Hier wurden nicht nur die Sprechblasen lokalisiert, sondern auch die Zeichnungen: Im Carlsen-Verlag wird gefeiert und ein Herr Carlsen ist Teil der Erzählung.

Es folgen eine auf den in der ursprünglichen Reihe fehlenden fünften „Gaston“-Band bezugnehmende Geschichte, in der Fälscher ihr Fett wegkriegen; der Silvesterabend, als Spirou verwechselt wurde, gegen seinen Willen als Page arbeiten musste und den US-Präsidenten kennenlernte; die (mir bereits bekannt gewesene) eher klassische Abenteuergeschichte um den wissenschaftlichen Grafen, das Monsterserum und die verkleideten Bankräuber; sowie eine Detektivgeschichte: Der Graf trommelt die Wissenschaftler des Kongresses zur Beendigung des Hungers in der Welt wieder zusammen, doch ein Spion der Ernährungsindustrie (schöner Seitenhieb!) soll sich unter ihnen befinden. Spirou und Fantasio sollen herausfinden, wer es ist. Die beiden gehen mit unorthodoxen Methoden vor, die für einige Unruhe sorgen. Die Forschungsergebnisse werden nach und nach von den Wissenschaftlern präsentiert, mitunter recht humorig.

Feine frankobelgische Funny-Comickost also, die bis auf den Fauxpas mit den Seitenzahlen auch in dieser zum billigen Kampfpreis abgegebenen Auflage nicht schlechter wird. Wie auch bei „Gaston“ gefallen mir nicht zuletzt die zahlreichen Verweise auf den Carlsen-Verlag, die sich durch mehrere Geschichten ziehen. Leider hat bis auf die erste Geschichte nichts mit Spirou als Kind zu tun, doch „Jugendsünden“ stellte den Startschuss fürs niedliche „Der kleine Spirou“-Spin-off dar.

Holger Henze / Gerhard Pauli – Holgi: Räum das Feld Mann!

Im Jahre 1997 erschien im Alpha-Comic-Verlag dieses Kuriosum: Ein von außen wie ein typisches Taschenbuch des Semmel-Verlachs aussehender, 104-seitiger handgeletterter Comic-Band, der nicht Brösels alias Rötger Feldmanns (daher das Wortspiel im Titel) Kultrocker Werner zum Inhalt hat, sondern Brösels Kumpel und zugleich Widersacher, den Kneipenwirt Holger „Holgi“ Henze, mit dem Brösel sich einst das legendäre Rennen Horex versus Porsche lieferte. Henze textete die hier enthaltenen Comics zusammen mit Gabriele Laurenz und Andreas von Froreich, in Zeichenform brachte sie Gerhard Pauli.

Zeitungsausschnitte zum ersten Werner-Rennen und zur geplanten Revanche bilden eine Collage, die auch eine Kritik Holgis an Brösel enthält. Der in einem sehr charmanten Funny-Stil gehaltene Comicteil wird von eben dieser Vorgeschichte eröffnet, in der Brösel und dessen Management nicht nur ihr Fett wegbekommen, sondern sogar die Freundschaft zwischen Holgi und Brösel aufgekündigt wird. Als Erzähler führt Holgis nerdiges, bärtiges „Faktotum“ Walter durch die Handlung. Holgi liest einen offenbar authentischen „Spiegel“-Verriss des neuen Werner-Comics, in dem er sterben solle. Die Geschichte endet abrupt mit einem Geistesblitz Holgis.

Es folgen weitere Cartoons, Gags und Kurzgeschichten, meist, aber nicht immer mit Holgi, oft auch mit Walter, qualitativ anzusiedeln zwischen banal und genial. Der Stil variiert, manche Cartoons sind sogar in Fotos hineingezeichnet. Wunderbar sind die kräftigen Hintergrundzeichnungen, die manchen Comic besonders erstrahlen lassen. Die Geschichte um das eingangs erwähnte Motorrennen wird fortgesetzt; Kneipengäste schalten eine Kleinanzeige, mit der sie 68 Herausforderer für einen Vorentscheid suchen. Gegen Ende träumt der rennbesessene Holgi visualisiert von einem Rennen Porsche gegen Kamel in Timbuktu. Zudem enthält das Buch zwei Seiten satirischer Werbung sowie eine echte fürs „Ventilspiel“, ein Brettspiel.

Einige Spitzen gegen Brösel sind übers Buch verteilt. Bestand damals eine tatsächliche Feindschaft oder handelte es sich eher um einen Marketing-Coup? So oder so trägt „Räum das Feld Mann“ zur Legendenbildung um Holgi bei.

P.S.: Wie so oft wären Seitenzahlen nett gewesen.

Brösel / Harten – Was soll der Quatsch?

Dieses 1994 im Kieler Achterbahn-Verlag erschienene, 68-seitige Schwarzweiß-Softcover-Album im kleinen A5-Format ist eine Art Brösel-Raritätenkiste, die man ins thematische Konzept Sucht einarbeitete und dafür mit der Zentralstelle für Suchtvorbeugung zusammenarbeite. Autor und Verlag verzichteten auf Honorar und Gewinn und führten pro Exemplar eine Mark an jene Organisation ab. Ein Benefizcomic also.

Ein einführender Fließtext versorgt die Leserschaft mit den entsprechenden Hintergrundinformationen, unter anderem jener, dass die erste Geschichte, zugleich Herzstück des Buchs, von Brösel bereits im Jahre 1981 in Kooperation mit Rolf Harten auf Grundlage eines Theaterstücks gezeichnet wurde. In dieser lernt der allseits bekannte und beliebte Werner den gleichaltrigen Kalli kennen. Kalli leidet unter seiner herrischen Mutter, die ihn sogar zum Psycho-Doc schleift, weil sie nicht versteht, dass nicht ihr Sohn, sondern sie das Problem ist. Der Doc versagt und schickt tatsächlich den Jungen in Therapie, woraufhin der Teufel ihm die Leviten liest. Werner besucht Kalli im Krankenhaus, verhindert, dass er mit Medikamenten vollgestopft wird, nimmt ihn mit, deichselt, dass er Geld von der Krankenkasse bekommt, und fährt mit ihm nach Hamburg. Die finale Aussage: Die Anderen sind die Bekloppten!

Ein bisschen weit hergeholt ist der Suchtbezug beim Comic über einen misslungenen Bankeinbruchsversuch inklusive Fließtexteinleitung. Auch der nächste, in dem es um Kaufsucht geht, wird von einem Text eingeleitet, dessen es gar nicht unbedingt bedurft hätte, denn der an Werbung, Konsumtempeln, Krediten, falschen Versprechungen und künstlicher Bedarfserzeugung Kritik übende Comic spricht für sich. Der darauffolgende einführende Text kritisiert das deutsche Medikamentensystem mit seinen abertausenden Arzneimitteln. Das ist gut und informativ, denn der zugehörige Comic ist zwar witzig, gibt aber mehr nicht her. Ein kurzer Abriss informiert über das arbeitstheoretische Konzept Fullern, das Brösel anschließend in Form einer Wimmelbild-Doppelseite und acht Einzelzeichnungen karikiert. Der nächste Textteil kritisiert die Bekämpfung von Substanzabhängigkeiten mit anderen Substanzen; im Comic werden dann vor allem „Querulanten“ dem Staat gefügig gemacht. Ein Beispiel von Rachsucht beschreibt der darauffolgende Text, wirkt jedoch wie ein arg konstruierter Bezug zum nächsten Comic. Auch der vorletzte Textteil konstruiert eine Vorgeschichte zum nächsten Comic, hat aber nicht mal ansatzweise mit Sucht zu tun; im Comic geht’s dann auch nur um zu laute Musik in einer Mietwohnung. Die letzte Seite gehört der Zentralstelle, die sie für Informationen über sich nutzt.

Zwischendrin finden sich auch ein paar pointierte Ein- und Zweiseiter. Das leider auf Seitenzahlen verzichtende Büchlein liefert einige kluge Denkanstöße, manches wirkt aber etwas bemüht und leidlich passend gemacht. Grundsätzlich aber ein vor allem für Brösel-Fans interessantes Projekt, das bisher Unveröffentlichtes und weitestgehend Unbekanntes des Meisters kompiliert.

04.08.2026, Freilichtbühne, Prerow: TAN ÇAĞLAR – Der Teufel trägt Rollstuhl

Tan Çağlar, Sohn türkischer Gastarbeiter, ist ehemaliger Basketballprofi, Schauspieler (Kriminalassistent Malik Aslan im Berliner „Tatort“ und Chirurg Dr. Ilay Demir in der Krankenhaus-Serie „In aller Freundschaft“), Mannequin, seit 2017 Comedian – und er sitzt im Rollstuhl. Nach „Rollt bei mir“ und „Geht nicht? Gibt’s nicht“ ist „Der Teufel trägt Rollstuhl“ sein drittes Programm, mit dem er durch Deutschland tourt und in diesem Zuge auch einen Abstecher ins schöne Prerow auf’m Darß machte, als meine wesentlich bessere Hälfte und ich dort gerade urlaubten. Es hat mittlerweile Tradition, dass, wann immer wir da sind, wir ein Comedy- oder Satireprogramm auf der Freiluftbühne aufsuchen, einem sehr schnuckeligen Veranstaltungsort, der deutlich kleiner sein dürfte als jene, die Çağlar für gewöhnlich bespielt. Dass trotzdem ein paar Plätze freiblieben, dürfte mit einer Terminvorverlegung zusammenhängen, die anscheinend leider nicht alle mitbekommen hatten.

Wir kannten bisher keines seiner Programme und hatten ihn als Comedian auch bisher nicht wahrgenommen, ließen uns also einfach überraschen. Çağlar wusste offenbar, dass dies womöglich auch anderen so gehen würde und ein Teil des Publikums vornehmlich deshalb anwesend sein wird, weil es „In aller Freundschaft“-Fan ist. Diesen holte er nach einem Wortwitz mit seinem Namen (stellt man den Nach- vor den Vornamen, spricht er sich kurioserweise „Scharlatan“ aus) direkt ab und bewies bereits hier einen sympathischen Mix aus ungezwungener, spontaner Plauderei und Humor. Ungefähr zwei Stunden lang (nach der Hälfte gab’s eine viertelstündige Pause) verband er die – seine – Themen Fernsehen, Behinderung, Comedy und Migrationshintergrund mit zahlreichen Anekdoten aus seinem bewegten Leben, bezog auf unterschiedliche Weise immer wieder das Publikum ein und bewies ein sicheres Gespür für Pointen, die auch dann kamen, wenn man gar nicht unbedingt mit ihnen gerechnet hätte. So erweckte er den Eindruck eines persönlichen, in Teilen improvisierten Programms, innerhalb dessen er aber stets dahin zurückfand, worauf er hinauswollte.

Mit viel Selbstironie und Freude am humorvollen Vermitteln eigentlich ernster Inhalte wie Barrieren bzw. vermeintliche Barrierefreiheit und den Umgang mit Rollstuhlfahrerinnen und -fahrern im Alltag nahm er genau diese aufs Korn, ohne sie (und somit sich) der Lächerlichkeit preiszugeben. Stattdessen schuf er Verständnis ohne jede Verbissenheit, sondern mit viel Offenheit, Esprit und Komik. Mit einer Dame aus dem Publikum tanzte er sogar nach der Pause auf der Bühne, die er zu einer Spezialversion von Madonnas „Like a Prayer“ und mit Pyros in beiden Händen betrat – nachdem er während der ersten Hälfte so getan hatte, als kenne er das Lied gar nicht… Von langer Hand vorbereite Gags wie dieser gingen damit einher, den Abend locker auf sich zukommen zu lassen und sich auf sein Publikum einzustellen. Zumindest wirkte es so, denn Tan Çağlar ist auf der Comedy-Bühne natürlich längst ein Profi. Das hat mir nicht zuletzt aufgrund der vielen positiven Energie ausgesprochen gut gefallen und war eine gelungene Überraschung, bei der ich tatsächlich viel zu lachen hatte.

Holger Aue / Jens Förster – Hasso Hübner im Schatten des Superkaspers

Eine weitere edel als vollfarbiges, knapp 60-seitiges Hardcover-Album im Kieler Achterbahn-Verlag veröffentlichte „Eintagsfliege“ ist Privatdetektiv Hasso Hübner, geschrieben, handgelettert und gezeichnet von Holger Aue und Jens Förster, erschienen im Jahre 1992.

In dieser Persiflage im Funny-Stil und zuweilen recht kleinpaneliger, dynamischer Struktur bekommt es der abgehalfterte Privatdetektiv Hasso Hübner mit dem Superkasper, der die ganze Welt verkaspern will, der aus Fröschen bestehenden Froschbande, einer entführten Prinzessin und Top-Schlossknacker Mr. Minnit zu tun. Der Humor erinnert mich an die Zucker/Abrahams/Zucker-Filme; es gibt abgefahrene Fortbewegungsmittel und feindosierten Meta-Humor, mit Schweißsocken wird geschweißt – weißte Bescheid! Aue und Förster gelingt es, diesen Blödsinn 54 Seiten lang interessant und amüsant zu halten – Chapeau!

Brösel / Krischan – Knorre + Blaschke

„Werner“-Erfinder Brösel tat sich mit Krischan, zudem mit Harald Juch als Co-Zeichner und dem für die Kolorierung zuständigen Wojtek für diese anscheinend kurzlebige Funny-Reihe zusammen, die im Jahre 1992 zu einem rund 60-seitigen Hardcover-Album im Kieler Achterbahn-Verlag zusammengefasst wurde.

Das Album enthält knallbunte, in meist sehr großen Panels gezeichnete kurze bis etwas längere, slapsticklastige Gags um zwei Nachbarinnen in den „besten Jahren“ mit manchmal etwas sehr vorhersehbaren Pointen. Dafür ist der Humor aus dem Leben gegriffen und nimmt nicht nur das Hausfrauendasein, sondern generell den Alltag amüsant aufs Korn. Die beiden Polizisten aus den „Werner“-Comics sind auch dabei, die Geschichten spielen also im deren Universum. Und einmal geht es sogar richtig zur Sache, nämlich wenn Neonazis von ausländischen Bauarbeitern regelrecht zersplattert werden.

Eine sympathische Kooperation Brösels und Krischans, die ich mir als Ergänzung der „Werner“-/Semmel/-Achterbahn-Sammlung gern dazustelle, wenngleich der Witz der Klassiker Brösels nicht erreicht wird.

U-Comix präsentiert #75: Maëster – Gummi-Klicker

Der französische Comiczeichner, -autor und Karikaturist Jean-Marie Ballester alias Maëster war von Franquin, Uderzo und Gotlib inspiriert, als er selbst zu zeichnen begann. alpha-comic veröffentlichte als Nr. 75 der „U-Comix präsentiert“-Softcover-Albenreihe im Jahre 1993 diesen unkolorierten, handgeletterten, rund 50-seitigen Band mit zwölf Kurzgeschichten, die, wenn ich das Impressum richtig deute, im französischen Original bereits im Jahre 1986 in Gotlibs und Alexis‘ Comic-Magazin „Fluide Glacial“ erschienen waren.

Da passt Maëster auch bestens hin, denn zum einen ist er mit seinem karikierenden Funny-Stil zeichnerisch voll auf der Höhe, zum anderen ist sein Humor oft satirisch und zuweilen tiefschwarz – insbesondere in „Supergnom der Rächer“, jener Geschichte um einen Kindermörder, die das Album eröffnet und abrupt endet. „Ein besonderer Tag im Leben von Schnee Siebenzwerg“ veralbert Schneewittchen und Belästigungen durch Umfragen gleichermaßen, „Der Riesenslip“ persifliert in Person von Privatdetektiv Joe Champion Hard-boiled-Detektivgeschichten und McDonald’s, zudem ein bisschen Disney. „Die Nacht der lebenden Toten“ ist ein kurzer Zombiespaß, in „Die Alte“ kommen die Grauen Panther zum Zuge, für „Ein klebriger Fall“ muss Joe Champion erneut ran.

„Das Geheimnis des Lebens“ findet Baron Frankenstein heraus, „All you need is love“ ist eine Anti-Bullen-Geschichte und „Eine Männergeschichte“ involviert erneut Joe Champion, dabei Homophobie aufs Korn nehmend. „Dreckputtel“ entpuppt sich als Werbesatire mit einigen Gags, die man vielleicht nur versteht, wenn man die damals zeitgenössische, eventuell gar spezifisch französische Werbung kennt, und die schließlich Meister Proper als Dschinn aus der Putzflasche lässt. „Die Zeugen“ verulkt die Zeugen-Jehovas-Sekte und „Der Todesbiss“ schließt das Album mit einer völligen Gaga-Handlung um eine bissige Krawatte.

Maëster zeichnet innerhalb einer dynamischen, aber sehr aufgeräumten Panelstruktur und sich dann und wann eigene Cameos, die ihm ob ihrer Selbstironie gegönnt seien. Je pointierter er in seinen Geschichten zu Werke geht, desto besser sind sie. Schön zu sehen, wie der Staffelstab von den Älteren an die nächste Generation weitergereicht wurde. Auf der Rückseite des Einbands befindet sich übrigens eine köstliche Cicciolina-Karikatur.

Das schräge Buch!

Ein Hingucker im Bücherregal ist diese im Jahre 1992 im Kieler Semmel-Verlach erschienene Comic- und Cartoons-Zusammenstellung allein schon dadurch, dass das Taschenbuch nicht wie üblich rechteckig, sondern trapezförmig ist, illustriert zudem mit einem betrunkenen Kapitän auf dem Einband. „Eine Weltneuheit auf dem Buchmarkt“, wie das Vorwort verrät.

„Das schräge Buch!“ verzichtet auf Seitenzahlen und enthält unkolorierte einpanelige Cartoons und Ultrakurzgeschichten verschiedener Künstler, aber auch längere – und die sind gut: Mali & Werner (nicht die Comicfigur) zeichnen sich selbst und warum sie keine Geschichte abliefern konnten (Meta-Ebene und Selbstironie), „Zorro“-Zeichner Fuchsi beschäftigt sich satirisch mit den verschiedenen Einkommen in Deutschland, Nemeth (statt Brösel!) zeigt, weshalb die Comicfigur Werner nur noch zwei Zähne hat, und hantiert gekonnt mit dem schleswig-holsteinischen Dialekt. Darüber hinaus findet sich hier aber leider auch sehr viel laues Zeug, einer hat sogar schlicht ein Foto eingesandt…

Sebby’s Pauly zügig dabei!

Im Kieler Semmel-Verlach erschien im Jahre 1987 dieses 68-seitige, unkolorierte querformatige Taschenbuch des deutschen Cartoonisten Andreas Brandt alias Sebby. Es enthält pro Seite lediglich ein Panel bzw., da rahmenlos, vielmehr eine Zeichnung, die entsprechend riesig ausfällt. Die Gags um den opportunistischen, narzisstischen, einmal gar rassistischen Herrn Pauly erstrecken sich über maximal zwei Seiten (somit zwei Zeichnungen) und fallen eher müde aus. Das ist zwar mit kräftigem, klarem Strich gut gezeichnete, für Semmel aber enttäuschend beliebige Cartoon-Kost, für die man auf Seitenzahlen verzichtete und in die sich ein paar Rechtschreibfehler eingeschlichen haben.

Brandt scheint sich seither aber sehr gemausert zu haben und ein gefragter, erfolgreicher Cartoonist geworden zu sein. Mit diesem Büchlein dürfte er noch am Anfang seiner Karriere gestanden haben.

Guido Sieber – Qualitätskontrolle

Für sein viertes, erneut im Hardcover erschienenes Comicalbum kehrte der Berliner Guido Sieber zur Thurner „Edition Kunst der Comics“ zurück, die „Qualitätskontrolle“ als rund 50-seitigen, vollkolorierten Band veröffentlichten. Er enthalte „gemalte Erzählungen“ aus den Jahren 1991 bis 1993.

Diese sind im gewohnt verstörenden Sieber-Stil, bei dem Menschen degeneriert oder wie Monster (oder wie beides) aussehen, und auf zur vermittelten Stimmung passenden schwarzen Hintergründen gezeichnet. Die erste Geschichte ist die Titelstory: Zwei Bauarbeiter bewerten vorbeiziehende Frauen und steigern sich immer weiter in ihren Sexismus, ja sogar Rassismus hinein, bis sie Kontra bekommen. In weiteren „gemalten Erzählungen“ nimmt ein spießig aussehender Typ seine Bauchrednerpuppe mit zum Ersten Rendezvous ins Restaurant (herrlich!), werden „James Bond“-Klischees verballhornt und dadurch sichtbar gemacht (hätte so auch gut in „Mad“ gepasst), bestellt ein schmieriger Typ ostasiatische Frauen aus dem Katalog und treffen in einer TV-Talkrunde der Stumpfsinn, die Wahrheit, das Böse, die Lüge, die Eitelkeit und das Gute aufeinander.

Die Fortsetzung der Titelstory dreht den Spieß um und schaut nun Frauen aus Mail. Neben ein paar ein- und zweiseitigen Kurzgeschichten sorgt sich noch jemand ums Älterwerden und erspinnt Sieber nicht weniger als eine moderne Jesusgeschichte. Einmal mehr lässt es sich köstlich in Siebers negativ-realistischem, aber nie moralisierendem Menschenbild suhlen, denn man fühlt sich verstanden und empfindet mit dem Umblättern der letzten Seite und dem Zuschlagen des Albums eine gewissen Katharsis. Zumindest geht es mir so. Und ich kann nur hoffen, dass es Sieber beim bzw. nach dem Zeichnen ähnlich erging.

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