Günnis Reviews

Autor: Günni (page 2 of 111)

26.03.2026, Turtur, Hamburg: HARBOUR REBELS + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS

Seit geraumer Zeit veranstaltet die „Krach 45“-DIY-Konzertgruppe Konzerte im Turtur auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Das Besondere: Diese finden stets donnerstags statt. Für viele ist das der Vizefreitag, an dem man schon mal losgehen kann, für uns unser regelmäßiger Probetermin. Um dort auch mal auftreten zu können, verlegten wir quasi die Probe ins Turtur. Krach 45 beraumte ein Konzert zusammen mit unseren Proberaumkollegen, den HARBOUR REBELS, an, sodass es ein stilistisch gemischter Abend wurde (was ich ja ohnehin ganz gerne mag). Das Turtur entpuppte sich als direkt am Kanal gelegene, schlauchförmige Mischung aus Kneipe, Pizzabäckerei und Club mit Tresen, Außenterrasse und allem Pipapo – außer einer Bühne. Diese ebenerdig herzurichten, war gerade die Beschäftigung der Krachis, als ich etwas überpünktlich vor Ort aufkreuzte und die frohe Kunde vernahm, dass es frisch zubereitete Pizza als Bandverpflegung geben würde. Außerdem weihte man mich in die Besonderheiten der Gesangseinlage ein. Diese hat den Vorteil, dass die im Rechteck angeordneten, vier unter der Decke hängenden Boxen eine Art Surround-Sound erzeugen, aber den Nachteil, dass sie leicht Rückkopplungen mit dem Gesangsmikro erzeugen. Gitarren und Bass werden nicht abgenommen, Kickdrum und Snare hingegen schon. Alright.

Zu einer Herausforderung geriet der finale Soundcheck inklusive der Gesänge, da der Teufel wie so oft im Detail steckte. Den einen oder anderen rettenden Einfall und Eisenkarls Hilfe später aber stand das Setup und wir konnten uns die Wannen mit Pizza vollschlagen. (Meine „Welcome To Hell“ war derart grandios, dass ich da irgendwann noch mal als zahlender Gast vorbeikommen muss.) Freibier gab’s zudem satt und da ich am nächsten Tag – wenn auch etwas später als üblich – noch zur Lohnarbeit musste, versuchte ich mich am stets gefährlichen Spagat zwischen Spaß, geselligem, auflockerndem Trinken und, äh, Verantwortungsbewusstsein… Angesichts unserer jeweils in nur geringer Stückzahl erhältlichen Shirts war ich beim Aufbau des Merchstands heillos überfordert und packte die Dinger gar nicht erst aus. Da müssen wir mal wieder System reinbringen. Unser anderes Zeug verkaufte sich dafür nicht schlecht. So’nen kleinen Bauchladen dabei zu haben, lohnt sich dann eben doch immer mal wieder.

Ich freute mich über die erkleckliche Anzahl Besucherinnen und Besucher, die sich an einem Donnerstagabend aufgerafft hatten, darunter eine ganze Delegation vom Gaußplatz, und ein wenig später als ursprünglich geplant zockten wir dann auch endlich – insbesondere zur Beruhigung des ungeduldigen Keith 😉 – unser 15 Songs umfassendes Set. Bei „Elbdisharmonie“ entfiel mir spontan die letzte Strophe, sodass ich die dritte einfach zweimal sang – war mir bislang auch noch nicht passiert. Einen Song spielten wir falsch an, das dürfte es an Patzern aber gewesen sein. Mit Eisenkarl an den Drums kommunizierte ich mangels eines Monitors hin und wieder per Handzeichen. Gitarrist Kai trug plötzlich eine Narrenkappe (wie mir auffiel, als ich mal zur Seite blickte), die während des Sets zudem bis zum Drummer wanderte. Irgendwie darauf zu reagieren war ich gar nicht in der Lage, ich war im Tunnel. Eine kurze Verschnauf- und Trinkpause zusätzlich habe ich uns ermogelt; sechs Nummern quasi unterbrechungsfrei durchzuzocken, ist dann vielleicht doch ein bisschen viel – man wird ja nicht jünger. Vor der Bühne einige bekannte Gesichter, aber auch welche, die uns zum ersten Mal sahen. Schöne Mischung und gute Stimmung innerhalb einer durch den zahlreichen Gebrauch von Kunstnebel sowie den leicht übersteuerten Mikrosound erzeugten ‘80er-Jahre-Atmosphäre. Hatte was!

Die HARBOUR REBELS kamen quasi frisch aus dem Studio, wo sie ihr neues Album eingespielt haben, auf das man gespannt sein darf. Hier und heute gab’s natürlich in erster Linie den bekannten Stoff, was auch einen Stilwechsel bedeutete: Statt unseres wütenden HC-Punk-Gebollers Melodien satt, zum Mitsingen anregende Singalongs und dank der seit Keith‘ Einstieg wieder zwei Gitarren ordentlich Dampf aufm Kessel. Sängerin Jules melodischer Klargesang wies zunächst dieselbe leichte Verzerrung auf wie bei uns, diese wurde mit Eisenkarls Hilfe aber nach und nach herausgeregelt. Auch ihnen unterlief ein falsch angespielter Song und auf das Olaf-Scholz-Intro aus der Konserve musste verzichtet werden (ich glaube wegen eines leeren Akkus), alles andere klang für meine Ohren aber gewohnt souverän. „Die Masken sind gefallen“, „Raus aus dem Dreck“ und als Zugabe „Trunkenbold“ – Lieblingssongs: check. Der Sommerhit „Beach, Beer & Sun“ sorgte für zusätzliche Auflockerung zwischen vielen in deutscher und englischer Sprache vorgetragenen kämpferischen Songs. Die Stimmung war prächtig und einige schwangen nun auch ausgelassen das Tanzbein. Freue mich auf die neue Platte!

Am Ende war nach hinten raus sogar noch genügend Zeit, eine ganze Weile zu Klassikern aus den Konserve weiterzufeiern und trotzdem noch locker die letzte Bahn zu bekommen. In unserem Falle wurde das noch ein wenig herausfordernd, da auf dem Weg zum Bus noch jemand rückwärts aß und wir erst die richtige Haltestelle finden mussten, was letztlich aber alles gelang. Es war ein Tag bei miesem Wetter und arbeitsbedingt gedämpfter Laune bei mir, doch das Konzert und das ganze Ambiente gaben mächtig Aufwind, und am Schluss schienen fast alle irgendwie glücklich. Danke an Krach 45 und das Turtur für die Einladung und den tollen Service, an die HARBOUR REBELS für den Gig, an alle, die mit uns zusammen bereits am Donnerstag das Wochenende eingeläutet haben und nicht zuletzt an Sheila für die Schnappschüsse unseres Auftritts!

21.03.2026, T-Stube, Rendsburg: VIOLENT INSTINCT + HABGIER + BOLANOW BRAWL

Ursprünglich sollte dieses Konzert in Bad Oldesloe stattfinden, denn unter Kurort machen wir’s eigentlich nicht mehr (Scherz!), doch wurde es schließlich nach Rendsburg in die gute alte (und jüngst gerettete) T-Stube verlegt – einem wichtigen selbstverwalteten Ort für Live-Aktivitäten auf dem flachen schleswig-holstein’schen Land. Eigentlich hätte das Konzert auch mit den niederländischen CITY RIOT als Headliner aufwarten sollen, die letztlich jedoch wegen einer Doppelbuchung passen mussten. Veranstalter Sven alias „Oidesloer“ hatte also gut zu schwitzen, letztlich aber alles prima hinbekommen. Auch unser spätes Aufschlagen – aus den heillos überfüllten Hamburger Straßen auf die Autobahn zu kommen, dauerte länger als der eigentliche Teil der Strecke – schien den Zeitplan nicht sonderlich durcheinandergeworfen zu haben.

Nach sieben Jahren also ein zweites Mal BOLANOW BRAWL in der T-Stube, wo uns Sven und die Crew freundlich empfingen, uns mit der Bühne und deren Technik vertraut machten, den Soundcheck mit uns durchführten und uns mit superleckerem Mampf sowie Freigetränken verwöhnten. Als nach und nach die ersten Besucherinnen und Besucher eintrudelten, wurde draußen die Feuertonne angeheizt. VIOLENT INSTINCT waren auch längst da, deren Sängerin Aga stellte mir freundlicherweise ihr Funkmikro für den Gig zur Verfügung – besten Dank! Irgendwann zwischen 20:00 Uhr und 20:30 Uhr legten wir als erste Band los, was vor allem denjenigen zugutekam, die mit einer der letzten Bahnen wieder nach Hause wollten, mein Körper aber offenbar als etwas ungewohnt empfand – ich kam erst während des Auftritts langsam auf Touren. Wir zockten die komplette LP in an die Live-Situation angepasster Reihenfolge durch, was weitestgehend pannenfrei verlief. Der Keil, der die Bassdrum vom Wandern abhalten sollte, tat dies nur höchst unzureichend und geriet – wie die ganze Bassdrum irgendwann – zu einer potenziellen Stolperfalle für mich, brachte mich aber nicht zu Fall. Ha! Ansonsten war technisch alles ok und unsere aus Leuchtreklamen bestehende Bühnendeko leuchtete, während bei uns die Lampen angingen… Dafür warfen wir die vorgesehenen (Nicht-)Pausen zwischen den Songs übern Haufen, ohne uns aber zu verzetteln. Als Zugabe gab’s wie üblich „Total Escalation“, die Leute schienen zufrieden und wir hatten nun Feierabend. Fast. Hektisch bauten wir unsere Plünnen inklusive unseres neuen Banners ab, verstauten das Zeug in den Karren…

…und tatsächlich hatten HABGIER (nach einem Ennio-Morricone-Intro) schon angefangen, als ich nach einer Kippenlänge von draußen wieder reinkam. Die Neubrandenburger HC-Punk-Band ist auf Duo-Größe geschrumpft, sprich: Gitarristin/Sängerin in Personalunion, Basser/Background-Shouter – aber kein Drummer. Dieser kam aus der Konserve. Dem angemessen rauen Sound, perfekt abgerundet von der herrlich dreckigen Stimme der Sängerin, tat dies keinen Abbruch; für die Optik wäre ein(e) Drummer(in), der/die sich Animal-mäßig so richtig schön reinlegt, aber schon geil gewesen. Das deutschsprachige Material deckte die für diese Musik üblichen, leider nie überholt scheinenden Themen ab, und irgendwann gab’s einen „Song für alle DDR-Punks und die, die’s noch werden wollen“, nämlich eine Coverversion von SCHLEIMKEIMs „Frage der Zeit“. Die Klampfe sägte amtlich, kein Song dürfte länger als 90 Sekunden gewesen sein, und gefühlt recht flott war der Gig auch schon wieder vorbei. Hat Spaß gemacht – und klasse auch, dass die Band relativ kurzfristig hatte einspringen können.

Viel zu lange war’s her, dass ich VIOLENT INSTINCT zuletzt livegesehen hatte; eine ganze Weile hatten sich die Hamburger(innen) live auch eher rar gemacht. Drummerin Camila, mit der ich die Band bisher nie sah, war leider aus gesundheitlichen Gründen verhindert, die Band für diesen Auftritt also auf Quartettgröße geschrumpft. Einer der beiden Denisse hat kurzerhand von der Gitarre ans Schlagzeug gewechselt, man trat also mit nur einer Klampfe auf. Dadurch ging natürlich gerade während den Leadparts etwas Druck flöten, was man aber recht gut kompensiert bekam. Nachdem ich Aga kurz in Unruhe versetzt hatte, weil ich ihr Mikro so gut im Backstage abgelegt hatte, dass ich mich selbst nicht mehr erinnern konnte, wo genau (es sich dann aber doch noch anfand), gab’s 14 Songs lang deutsch- und englischsprachigen, klischeefreien Streetpunk vom Feinsten zu hören. VIOLENT INSTINCT stiegen mit „Lass dich fallen“ in ihr Set ein und setzten anschließend den Fokus verstärkt auf die jüngeren englischen Stücke, darunter auch eine unveröffentlichte Nummer. Und mit der geforderten Zugabe „Hamburg“ setzte man sogar noch einen drauf. Die Songs leben von ihren eingängigen Melodien, den klugen Texten und Agas melodischem Klargesang sowie ihrer Ausstrahlung. Nach wie vor eine großartige Band, von der ich hoffe, dass sie bald mal wieder neues Material veröffentlicht.

Nach dem Konzert ging’s betrunken mit Christian und Veranstalter Sven noch auf ein Bierchen in eine sehr anheimelnde Rendsburger Kneipe, woraufhin wir uns aber sputen mussten, noch die letzte Bahn zu kriegen. Am Bahnhof trafen wir einen anderen Sven, der auf dem Konzert gewesen war und zusammen mit uns weitertrinkenderweise zurückfuhr, bis ich irgendwann ziemlich zerschossen am Sonntag gegen 13:30 Uhr zu Hause wieder die Augen öffnete…

 

Hatte sich also mal wieder gelohnt! Danke an Sandy fürs Fahren und für die Fotos unseres Gigs, an Sheila fürs Video, an Aga fürs Mic, an Oidesloer-Sven für die Einladung und an dessen sowie das T-Stube-Team für die Gastfreundschaft mit allem Zipp und Zapp sowie nicht zuletzt allen Besucherinnen und Besuchern!

Dietmar Wischmeyer – Dietmar Wischmeyers Logbuch. Das Schwarzbuch der Bekloppten und Bescheuerten

Dietmar Wischmeyers erstes „Logbuch“ stammt aus dem Jahre 1997 und lautete „Eine Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten“. Um eine der vielen Fortsetzungen handelt es sich bei diesem „Schwarzbuch der Bekloppten und Bescheuerten“, erschienen im Jahre 2002 im Münchner Ullstein-Verlag als rund 130 Seiten umfassendes Taschenbuch.

Satiriker Wischmeyer versammelt hier ungefähr 50 weitere seiner verächtlichen, bissigen Radiokolumnen, kulturpessimistische Polemiken aus spitzer Feder. Einschübe wie humoristisch absurde Namensfindungsversuche eines Paars fürs Kind oder eine leider nur mäßig witzig kommentierte Fotostrecke in der Buchmitte lockern die Kapitel auf. Wischmeyers Rundumschlag ist keiner Ideologie oder sonst irgendwem oder irgendetwas verpflichtet, was ihn sehr erfrischend macht. Es trifft nicht immer die Richtigen (Schlingensief?!), manches wirkt etwas weit hergeholt oder erzwungen, hier und da wäre vielleicht doch etwas Demut ratsam gewesen. Einiges ist aber auch verdammt gut beobachtet (Der Rumlatscher im Zug! Die homophoben Dauerpubertierenden!). Zudem findet sich einiges an Zeitkolorit, wodurch die Glossen mitunter aber auch etwas überholt wirken. Großartig: „Die Bibel in 15 Minuten“. Und mit dem Radiogespräch „Wohin steuert die SPD?“ wandelt Wischmeyer auf den Spuren Loriots.

„Das absolut Ekelerregende am deutschen Analcharakter ist ja sein Obrigkeitsduckmäusertum und dessen Kehrseite: das unkontrollierte Saurauslassen, sobald keiner mit der Knute daneben steht.“

Pointierte Abrechnungen mit den Schattenseiten deutscher Mentalität und Gesellschaft wie in obigem Zitat sind eine feste Säule der Tiraden Wischmeyers und zählen zu den Höhepunkten des Buchs, das mir ungeachtet ein paar weniger Silbentrennungs- und Zeichensetzungsfehler direkt Lust aufs nächste Logbuch der Bekloppten und Bescheuerten macht – das natürlich in der immer breiter werdenden Regalzeile ungelesener Bücher längst bereitsteht, denn auch ich zähle zu den Bekloppten und Bescheuerten…

Henning Schöttke – Die Abenteuer der Kannibalin Latona

Der Hamburger Comiczeichner, Illustrator und Autor Henning Schöttke debütierte im Jahre 1983 mit seiner Graphic Novel „Latona“ im Kieler Semmel-Verlach (damals noch „Verlag“). Die rund 120 unkolorierten Seiten des großen Taschenbuchs sind handgelettert und im Gegensatz zu anderen frühen Semmel-Veröffentlichungen paginiert.

Latona ist eine sog. Wilde, eine im fernen Dschungel lebende Häuptlingstochter, die dort mit einem weißen Diamantensucher zusammenlebte. Nach dessen Tod reist sie in die Zivilisation, um dessen letzten Willen zu erfüllen und Diamanten an eine Vera Morales zu übergeben. Dabei lernt sie Max, einen jungen weißen Städter, kennen, der ihr erst hilft, sich zurechtzufinden, sich dann in sie verliebt und schließlich zurück in ihren Dschungel begleitet. Doch Latona, die ihren Max nur Utumba nennt, ist Kannibalin…

Schöttke trumpft mit schönen detaillierten Zeichnungen auf, eingebettet in eine sehr aufgeräumte Panelstruktur. Die Panels in flexibler Größe sehen auf dem großzügigen Seitenhintergrund zwar echt schnieke aus, manchem hätte ein etwas größerer Abdruck aber gutgetan. Ein paar wenige Rechtschreibfehler („hälst“ statt „hältst“) haben sich eingeschlichen, halten sich aber in sehr überschaubaren Grenzen. Die Geschichte unterhält zunächst mit Culture Clash und arbeitet mit Begriffen aus der fiktionalen Sprache Latonas. Max verknallt sich in die Kriegerin, während sie sich ihn schon als Braten vorstellt und wiederum missversteht, dass er sie „vernaschen“ will. Nach erledigter Diamantenübergabe bei Vera Morales und Sex mit Max will sie zurück in den Urwald, doch Max überredet sie, ihn mitzunehmen – ohne Visum, Schutzimpfung oder Reiseapotheke, wie er schließlich bemerkt. Was er nicht ahnt: Zurück in Latonas Dorf soll er gegessen werden.

Sie weiht ihn während der Reise ein, wie sie und ihr Volk in Einklang mit der Natur leben. Sie jagen Tiere, die sie grillen und verspeisen, kämpfen mit einem Krokodil… Max versucht, sie zu beeindrucken, bringt sich und sie damit aber öfter mal in Gefahr. Zwei Männer der vermeintlichen Vera Morales sind hinter ihnen her, weil sie mehr Diamanten und den Goldschmuck will. Einer von ihnen landet überm Feuer und wird verspeist, wobei Max Glauben gemacht wird, es handle sich um ein Sumpfschwein. Erst bei Ankunft kapiert Max, dass seine Angebetete eine Kannibalin ist.

„Die Abenteuer der Kannibalin Latona“ wird vom Culture-Clash-Spaß zum Abenteuer im Dschungel, inklusive gezeichneter Sexszenen. Eine quasi-feministische Geschichte, weil eine Ehrerbietung an starke, kräftige, selbstbewusste Frauen, zugleich durch die männliche Perspektive fetischiert. Und es geht um Cockringe. Das Ende ist ein offenes  inklusive Ankündigung einer Fortsetzung, die aber offenbar leider nie erschien. Als Bonus finden sich die Entstehung eines Bilds in acht Phasen sowie ein Kurzporträt des Schöttkes.

Neue Pullover Comics

Hierbei handelt es sich um eine weitere Kompilation des Kieler Semmel-Verlachs. Mittlerweile schrieb man das Orwell-Jahr 1984 und der Verlag trat inzwischen mit seiner kultgewordenen „Verlach“-Schreibweise auf dem Buchumschlag auf. Der Band vereint auf den gewohnten rund 150 unkolorierten, handgeletterten (und leider unpaginierten) Seiten im großen Taschenbuch Comic-Beiträge der Künstler Brösel, Volker Reiche, Bernd Pfarr, Fritsche, Drühl und Michael Gutmann.

Pullover also – auf dieses Thema für eine Comiczusammenstellung muss man erst mal kommen. „Der Pilz“ ist wilder Slapstick Brösels um das zusammenlebende Paar aus Wolf Wolfgang und Bär Dietlof, beide anthropomorph, und Wolfgangs neuen Pullover, auf dem ihn die Abbildung eines Pilzes nervt. Größere Panels und einfachere Zeichnungen finden sich bei Bernd Pfarr, dessen anthropomorphe, sich als Maurer verdingende Ente Dulle einen Pullover braucht – was zu einer etwas arg harmlosen Verwechslungsgeschichte gerät. Der Erwin-Ärmel-Onepager erinnert mich an den hessischen Badesalzhumor. Völlig genial: Brösels quasi dialoglose, zumindest schriftfreie Geschichte über mediale Beeinflussung durch das Fernsehen, die surreal wird. Drühl dröselt in hochwertigem Zeichenstil die Geschichte der Pullover auf – als handle es sich bei ihnen um parasitäre Lebewesen, die irgendwann eine unheilige Allianz mit den Menschen eingingen. Per grobschlächtigerem Zeichenstil schickt Fritsche seinen Käptn Pulver auf die Jagd nach dem wollenen Vlies. Die Geschichte entpuppt sich jedoch als Traum dieses versoffenen alten Seefahrers, in dem er sogar vom weißen Hai gefressen wird, der ihn prompt wieder auswürgt.

Auf einen Wortspiel-Quickie Brösels folgt noch einmal Dulle, der jemanden beauftragt, das Grab seiner Mutter während seiner Abwesenheit zu pflegen und den Grabstein mit einem Pullover zu polieren – naja… Gutmann ist mit einem satirischen Modejournal über Männer in Pullovern vertreten und zeichnete ferner ein etwas müde pointiertes Gespräch auf der Straße. Brösel und Reiche arbeiteten für den Frankfurter Heinz zusammen, der mit seinem Kumpel Ossi an die Nordsee schüsselt und eine Wattwanderung mit ihm unternimmt. Heinz findet dort einen alten Pullover und man picknickt; Ossi besorgt Flens und man lässt es sich gutgehen. Die Dialoge finden ausschließlich im Dialekt statt, aus der Mundart ergibt sich der eigentliche Witz dieser Geschichte.

Und als Fan befunde ich: Sollte man allein schon aufgrund der Beiträge Brösels im Comicregal stehen haben.

Rolf Boyke – Die gesemmelten Abenteuer von Hanni und Kutte

Aus dem Jahre 1984 stimmt diese weitere Veröffentlichung des seinerzeit noch immer jungen Kieler Semmel-Verlachs (damals noch „Verlag“). Sie umfasst wie gewohnt rund 150 unkolorierte, handgeletterte (und leider erneut unnummerierte) Seiten im verlagstypischen großen Taschenbuch – und passt mit ihrer inhaltlichen Ausrichtung einmal mehr zum Verlagsprogramm wie das Bierchen zum Fußball: Perfekt.

Auf den ein- bis fünfpaneligen, standardmäßig vier Panels im, wann immer nötig, flexiblen Grid umfassenden Seiten finden sich humorige bis satirische Geschichtchen und Geschichten im Funny-Stil um das Paar Hanni und Kutte aus der Anarchoszene, das in einem besetzten Haus lebt und sich gegen das Abrissunterfangen wehrt. Die erste längere Geschichte dreht sich um Beziehungskisten sowie gebetene und ungebetene Gäste – und überzeugt mit köstlichem Humor. In der nächsten längeren Erzählung wollen die beiden spontan in den Urlaub fahren, woraus leider nur Camping auf dem Lande inklusive zahlreicher Widrigkeiten sowie Begegnungen mit einer Neo-Hitlerjugend und dem Militär wird. Grandios und vermutlich aktueller denn je. Und der dritte längere Schwank aus dem Leben unserer Titelhelden wird als Liebedrama angekündigt und nimmt Esoterikgeschwurbel aufs Korn. Hanni lässt sich wahrsagen, sie werde einen tollen Typen kennenlernen. Daraus resultiert eine furiose Geschichte über Suff und Eifersucht.

Am Schluss ist das besetzte Haus dann leider abgerissen worden, bis dahin aber präsentierte sich die ja oft bei Semmel vertretene (ich nenne sie mal) linksalternative Szene erfrischend selbstironisch. Onepager und Kurzgeschichten fungieren als Intermezzi dieses wiederentdeckungswürdigen, hintergründigen Spaßes.

Zeichner und Autor Boyke hatte zuvor für „Hinz & Kunz“ gezeichnet und sein Semmel-Stelldichein durch seine Mitarbeit an „Friede · Freude · Eierkuchen“ gegeben. Ich freue mich schon auf seine weiteren Arbeiten für den Kieler Kultverlag.

Christine Coring – Das Levikon

Dieses im Jahre 2021 im Münchner Kunstmann-Verlag erschienene, rund 210-seitige Taschenbuch ist eine Mischung aus einer Sammlung mehr oder weniger kurioser und für Nichtmuttersprachler nicht gleich verständlicher Wörter und Redewendungen – teils vornehmlich regional auftretend oder als veraltet bzw. jugendsprachlich geltend – und einem Vokabelheft zum Selbstausfüllen.

Es möchte zum einen Freude am Umgang mit Sprache vermitteln, indem es für im Grunde kuriose Wortschöpfungen und den Metapherreichtum des Deutschen sensibilisiert, und zum anderen ganz konkrete Hilfestellung denjenigen bieten, die häufig nur Bahnhof verstehen. Zudem ruft es dazu auf, es eigenhändig zu erweitern, wenn man selbst etwas aufschnappt. Das ist ein lobenswerter Ansatz, den das Buch mit seinem bunten Layout unterstreicht. Besonders gelungen ist die humorige grafische Gestaltung vieler Wörter, die ihre Bedeutung dadurch visualisieren.

Wer es jedoch nicht selbst vollschreiben und nur kurzweilig unterhalten werden möchte, wird schnell feststellen, dass er eben etliche fast leere Seiten gekauft hat. Hier und da runzelte ich dann auch etwas mit der Stirn: Jemanden zu zeigen, was eine Harke ist, bedeutet nicht, schlicht jemandem zu zeigen, wie man etwas richtig macht, sondern eine absolute Demonstration eigener Überlegenheit. Manche Begriffe habe ich noch nie gehört, Wörter wie „wehleidig“, „Dings“, „Kerzendocht“, „apathisch“, „Gräte“ oder „Weiche“ sollte man wiederum nun wirklich niemandem erklären müssen. Mancher Abschnitt ist auch enttäuschend knapp geraten: „Zinnober“ und „Bahö“ sind enthalten, „Bohei“ fehlt. „Astrein“ ja, das besonders schöne pseudoitalienische „picobello“ nein. Sich blümerant zu fühlen bedeutet nicht unbedingt Unwohlsein, und „verschlimmbessern“ bezieht sich nicht ausschließlich auf die Optik von etwas.

Ein besonderes Augenmerk wurde auf regionale Begriffe gerichtet. Schön, dass auch die deutschsprachigen Nachbarn aus Österreich und der Schweiz zum Zuge kommen. Alles in allem ist das unsortierte und ohne Inhaltsverzeichnis oder Index auskommende Buch aber ein ziemliches Durcheinander. Gelernt habe ich dennoch etwas, z.B. dass das perverse Wort „Fleischpflanzerl“ gar nicht Österreichisch, sondern Bayrisch ist.

Kay Czucha – Fliegende Piranhas

„Fliegende Piranhas“ aus dem Jahre 1983 ist eine weitere Veröffentlichung des seinerzeit noch jungen Kieler Semmel-Verlachs (damals noch „Verlag“). Mit seinem Umfang von rund 150 unkolorierten, handgeletterten (und leider unnummerierten) Seiten im verlagstypischen großen Taschenbuch reiht es sich nahtlos ins damalige Verlagsprogramm ein.

Cartoonist Kay Czucha versammelt hier Cartoons und Kurzcomics im gröberen Karikaturstil – vom sich verschwenderisch über zwei Seiten erstreckenden riesigen Einzelbild bis zur sechspaneligen Seite. Manche querformatige Zeichnung hätte sich im ebensolchen Format gedruckt besser gemacht als im Hochformat. Viel satirische Politik- und Systemkritik sowie Verballhornung einer reaktionären Exekutive und eines bigotten Klerus, beseelt vom damaligen Zeitgeist innerhalb der progressiven Linken und Anarchos, hinterlassen einen positiven Eindruck. Demgegenüber stehen viele alberne bis lahme Gags, die es eben auch in dieses Buch schafften, das man zudem sehr schnell durchgeblättert hat.

Frank Schäfer – Metal Antholögy: Ansichten und Meinungen eines Schwermetallsüchtigen

Nach „111 Gründe, Heavy Metal zu lieben“ aus dem Jahre 2010 und „Talking Metal“ (2011) komplettierte der Braunschweiger Autor, Journalist und Ex-Metal-Gitarrist Frank Schäfer im Jahre 2013 mit „Metal Antholögy – Ansichten und Meinungen eines Schwermetallsüchtigen“ seine Metal-Buch-Trilogie für den Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf. Allen drei Werken ist gemein, dass Lemmy Kilmister den Schutzumschlag ziert. Nachdem „Talking Metal“ ausschließlich aus Interviews mit Szene-Protagonistinnen und -Protagonisten bestand, mischt Schäfer hier wieder Platten-, Festival- und Musikbuch-Rezensionen mit Coming-of-age-Anekdoten und Vergangenheitsbewältigung, in die er Songempfehlungen situativ einflicht, Band-/Musiker-Kurzbiographien, jüngeren persönlichen Geschichten, Beobachtungen usw. miteinander – rund 260 zwischen zwei feste Buchdeckel gebundene Seiten und 81 Kapitel lang sehr abwechslungsreich und pointiert, aber nur witzig, wenn intendiert.

Wie oft bei Schäfer dreht es sich dabei nicht ausschließlich um das, was man sich heutzutage unter Metal vorstellt, der Mann hat auch ein Faible für Musik der 1970er und noch frühere. So finden sich auch hier immer wieder Ehrerbietungen an THIN LIZZY, eine seiner Lieblingsbands. Manches hat nur sehr am Rande überhaupt mit Musik zu tun, beispielsweise wenn er ausgehend von einem Zahnarztbesuch auf Italo-Film-Erlebnisse zu sprechen kommt. Einer meiner Höhepunkte ist sein Bericht von VICIOUS RUMORS live in Gifhorn. Aus der Vorstellung seiner 59 favorisierten Livealben habe ich mir das eine oder andere zum Reinhören notiert, VENOMs „Eine kleine Nachtmusik“ darf man hier aber nicht erwarten – BLIND GUARDIANs famose „Tokyo Tales“ leider auch nicht, was mich etwas überrascht hat.

Schäfer testet ein Rock-Gesellschaftsbrettspiel und spricht sich witzigerweise im nächsten Kapitel gegen ebensolche aus. Musiker Jari Antti kommt zu Interview-Ehren. Im schön geschriebenen Abriss über die Eidgenössen KROKUS hätte er auf den AC/DC-Vergleich hin vielleicht noch schreiben können, dass sie nach ihrer zwischenzeitlichen Versoftung in den 1980ern wieder metallischer wurden, vgl. das Album „Heart Attack“. Ein weiterer Höhepunkt ist sein Erlebnisbericht vom Besuch einer Plattenbörse. Er beschreibt sein erstes Mal – bzw. das Drumherum – und huldigt Tony Jasper sowie dessen Heavy-Metal-Show im Radioprogramm der ‘80er, den er ebenfalls interviewt. Nicht so zwingend finde ich die mehrseitige schlichte Auflistung von Songs, die „Metal“ im Titel tragen.

Ansonsten stellt er die eine oder andere Band jüngere Band vor und beschreibt das Gitarrenspiel diverser Gitarristen mit einigen musiktheoretischen Fachbegriffen, geht also über das übliche in Musikzeitschriften gebotene Niveau hinaus. Ein weiteres Steckenpferd ist das Schreiben über andere, die über Musik geschrieben haben – diesmal über Lester Bangs, was einen weiteren Höhepunkt des Buchs darstellt und mit dem er gemein hat, als Musikkritiker weit mehr als reine Gebrauchsliteratur zu erzeugen. Folgerichtig wird Schäfer auch auf Lesungen eingeladen, die er hier rekapituliert. Eine fand sogar auf einer dieser unsäglichen Wacken-Kreuzfahrten statt. All dies und mehr wird von einem diesmal verhältnismäßig hohen (Schwarzweiß-)Bildanteil aufgelockert, der unter anderem Fotos und Scans historischer Eintrittskarten zeigt. Bei manchen Kapiteln handelt es sich sogar um reine Fotostrecken, deren Material sich jedoch nicht durchweg für farblose Abbildung oder die Verkleinerung auf Briefmarkengröße eignet; zudem habe ich einen Doppler entdeckt.

Weitere kritische Anmerkungen: Tony Iommi hat Lymphdrüsen-, nicht Blutkrebs, und HELLOWEEN spielten anfänglich Speed Metal, nicht Thrash Metal – das würde ich schon gern unterscheiden. Das eine oder andere Kapitel kommt mir auch wie üblich aus vorausgegangenen Büchern Schäfers verdächtig bekannt vor. Davon unabhängig habe ich die Lektüre aufgrund Schäfers persönlich geprägten und kreativen Schreibstils, seines sympathischen Humors und gerade auch seiner steten Sicht über etwaige Tellerränder hinaus einmal mehr genossen.

31.01.2026, Kulturforum am Hafen, Buxtehude: HEADLIGHT

Mein erstes Country-Konzert

Norman war zusammen mit Timo (R.I.P.) das kreative Zentrum der Streetpunk’n’Roll-Band SMALL TOWN RIOT, aber auch schon immer Vollblutmusiker, der an allen möglichen Stilen handgemachter Musik nicht nur Freude findet, sondern diese auch spielt. Eine ganze Weile war er als Mitglied der APPELTOWN WASHBOARD WORMS sogar jüngster Skiffle-Musiker Deutschlands. Als irgendwann gefühlt alle nach Hamburg zogen, hielt Norman als echtes Dorfkind die Stellung und trat lieber überall im Nirgendwo live auf, ob mit einem seiner Bandprojekte oder als Alleinunterhalter, statt sich stumpf auf dem Kiez zu besaufen. Mit den APPELTOWNs hatte ich ihn früher dann und wann live gesehen, mit der spektakulären Oldschool-Rock’n’Roll-Cover-Combo SPECTATORS leider nur einmal (das aber tatsächlich auf dem Kiez). Seit langem wirkt er auch als Gitarrist und Sänger bei der Country-Cover-Band HEADLIGHT mit, die Ende Januar zwei Gigs in Niedersachsen unweit von Hamburg spielte. Als ich bei Facebook zufällig Wind davon bekam, dachte ich mir kurz, dass es vielleicht nett sein könnte, da mal vorbeizuschauen. Früher hatte Timo das zumindest hin und wieder getan, was ich immer klasse fand. Hätte ich eigentlich auch mal mitkommen können. Tja…

Naja, jedenfalls dachte sich Kiki, die HEADLIGHT bereits live gesehen hatte, ähnliches, und so klügelte sie den Plan aus, noch ein paar Freundinnen und Freunde zusammenzutrommeln, ohne Norman davon zu erzählen. Von allen, die Interesse bekundet hatten, blieben neben Kiki und mir letztlich George, Leiti alias Holger und Eike übrig, außerdem hatte ich den wieder in Buxtehude lebenden Rolf akquiriert. Bei lausig kaltem Winterwetter und nach einer weiteren verkackten Partie des FCSP (während der bereits meine ersten Biere flossen) traten wir per Bahn den Weg in die sympathische Kleinstadt an der Este an und trudelten kurz vor knapp am Kulturforum ein. Jene Location ist eine wichtige, ehrenamtlich betriebene Buxtehuder Institution, um ein kulturelles Programm das ganze Jahr über abseits von Jugendzentrum, Altstadtfest oder Irish Pub anzubieten. Die Mischung aus „Kiki +1“ auf der Gästeliste, QR-Codes auf den Kauftickets ohne vorhandenem QR-Code-Leser und seitens der Veranstalter ausgedruckten Namenslisten der Kartenbesteller, die in unserem Falle aber nicht immer identisch mit den Karteninhabern waren, sorgte für leichte Konfusionen beim Einlass. Und die Bude war quasi ausverkauft, im bestuhlten Saal hatten längst alle platzgenommen. Außer uns. Damit wir zusammensitzen konnten, blieb nur noch die erste Reihe direkt an der Bühne. Also getreu dem alten Hardcore-Motto „Always first row!“ hingefläzt und am Bierchen genippt. Noch schnell eine zu dampfen blieb keine Zeit mehr, pünktlichst um 20:00 Uhr betrat das Sextett die Bühne.

Nun hatte ich also den Schlamassel: Ich saß angetrunken zwischen weiteren angetrunkenen und mitunter etwas aufgedrehten Mitgliedern unserer Delegation, mein Nikotinspiegel sank in bedenkliche Tiefen, hinter und neben uns ein Publikum, das konzentriert der Darbietung der Band lauschen wollte und dessen Altersdurchschnitt selbst wir noch deutlich messbar drückten, und fragte mich, was ich eigentlich mit Country-Musik am nicht vorhandenen Cowboy-Hut habe? Eike protzte stolz mit seiner eigens mitgebrachten Stirnleuchte („Guckt mal, ein Headlight!“), womit er sofort im Mittelpunkt stand. Die Band zeigte sich begeistert und konterte mit einer LED-Lichterkette. Norman erkannte uns nach und nach, als er durch die Noten- und Mikroständer hindurchblicke, lachte und freute sich. Was aber hatte ich denn nun also mit Country am Hut? Klar habe ich die JOHNNY-CASH-Standards in der Sammlung (und sogar ein bisschen mehr), und JOHN LEYTON, CHIP HANNA und MR. BLUE finden sich hier ebenfalls, dann wird’s aber auch schon eng. Und Ahnung habe von Country nun wirklich null.

Doch HEADLIGHT sorgten dafür, dass das völlig egal war, um den Abend genießen zu können. Als Norman zu spielen begann, wurde mir wieder bewusst, welch großartiger Musiker er ist. Er könnte wahrscheinlich auch ‘90er-Eurodance- und Schlumpftechno-Scheußlichkeiten nachspielen und dabei das Telefonbuch singen, es würde geil werden. Zusammen mit Manuela teilte er sich den Hauptgesang, mal jeweils solo, mal abwechselnd, mal gleichzeitig, und nicht nur diese beiden Stimmen harmonierten perfekt miteinander. Die Backgrounds waren bestens auf die Stücke abgestimmt. Die klassische Rock-Instrumentierung mit zwei Gitarren, Schlagzeug und Bass ergänzte Klaus am Keyboard, der die Nummern dezent begleitete. Die Rhythmusfraktion aus Volker am Tieftöner und Matthias am Schlagzeug war supertight. Zunächst offerierte man ein paar eher getragene Nummern, bis Norman die akustische gegen die E-Gitarre tauschte und die flotteren Stücke ausgepackt wurden (im weiteren Verlauf wurde die Klampfe immer mal wieder gewechselt). Das machte tierisch Laune; die in Sachen Country vorbelasteten Kiki und Eike waren in ihrem Element und kannten jeden Song, während ich vieles zum ersten Mal hörte. Aber bei Weitem nicht alles! Einiges erkannte ich beispielsweise aus dem Radio wieder und hätte ich gar nicht zwingend im Country-Bereich verortet, bei mancher Nummer dürfte es sich auch um eine genrefremde, durch den Countrywolf gedrehte gehandelt haben. Überhaupt wiesen die meisten Songs eine angenehm starke eigene Note auf. Ein Lied über Alkohol widmete man der ersten Reihe, warum auch immer!? Manuela erwies sich nicht nur als Spitzensängerin mit ebenso viel Kraft und Ausdruck wie Seele, sondern auch als Entertainerin, ferner gar als Country-Dozentin, die immer wieder ins Publikum fragte, ob es Fragen zum Stück gebe. Sie plauderte aus dem Nähkästchen, u.a. über die Schriftgröße der Setlists, und forderte das Publikum dazu auf, sich untereinander bekannt zu machen. „Blue Moon of Kentucky“, unheimlich stark von Norman gesungen, war mein persönlicher zwischenzeitlicher Höhepunkt. Nach der Hälfte des Sets gab’s eine Pause.

Geil, endlich eine schmauchen. Vorher galt es aber noch, die von Manuela prophezeite Theken-Polonaise zu überstehen, womit nichts anderes als die mordslange Schlange am Tresen gemeint war. Doch das Kulturforum-Ausschankteam war auf zack. Zeit zum Durchzählen: Einer von uns hatte die Biege gemacht, sogar schon nach zehn Minuten. Er war von seinen Körperfunktionen übermannt worden. Ok, kommt vor. Der Rest war am Start und holte Runde um Runde. Als es weiterging, sang Eike lautstark „Wagon Wheel“ mit, woraufhin die Band ihm für die Dauer des Songs ein Mikro überließ. Wäre die Bude nicht bestuhlt gewesen, wäre wohl spätestens jetzt ausgelassen getanzt worden. So aber blieb es dabei, mit dem Fuß zu wippen, unruhig auf dem Sitz hin und her zu rutschen und sich seiner Hyperaktivität darin zu ergeben, ständig Teile des Bühnenaufbaus zu befummeln (wie es zumindest einer von uns tat, was etwas kurios anzusehen war). Zugegebenermaßen erreichte unsere erste Reihe auch der eine oder andere Ordnungsruf, vor allem, wenn zwischen den Songs zu laut miteinander gequatscht wurde. Harndrang und Bierdurst trugen ihr Übriges dazu bei, Unruhe zu verursachen und unangenehm aufzufallen, aber wat willste machen? Diese zweite Hälfte des Sets jedenfalls hatte es so richtig in sich, ein Hit (und „Das kennste doch…“-Moment meinerseits) jagte den nächsten, Norman und Finn-Ole gniedelten voller Spielfreude Soli und Leads, „Valerie“ (einst bekannt gemacht von AMY WINEHOUSE) machte auch in dieser Interpretation eine tolle Figur, und erst mit der zweiten Zugabe („Aber nur, wenn ihr alle dann auch geht!“), dem unvermeidlichen „Country Roads“, endete der Abend.  Das war ‘ne Eins-A-Performance auf spielerisch höchstem Niveau von einer Band, die zudem echte Leidenschaft in die Musik legt und diese auch ihrem Publikum zu vermitteln versteht.

Als Eindruck nehme ich vor allem mit, welch breites Spektrum Country-Musik doch ist, vor allem, wenn man es mit den Genregrenzen etwas lockerer nimmt – zudem wie bereichernd es sein kann, auch in Sachen Livemusik ab und zu mal über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Schön natürlich auch, dass Norman begeistert war, uns Kapeiken mal wiederzusehen. Zu einer echten Herausforderung wurde es dann noch, auf dem Weg zum Bahnhof noch ein paar Pilsetten für die Fahrt aufzutreiben, aber selbst das hat irgendwie noch geklappt. Danke allen, die den Arsch hochbekommen haben, an Kiki fürs Organisieren unserer kleinen Ausfahrt sowie an HEADLIGHT und das Kulturforum für den fantastischen Abend! Buxtehude – immer einen Ausflug wert!

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