Günnis Reviews

Autor: Günni (page 11 of 109)

Bill Watterson – Calvin und Hobbes: Was sabbert da unterm Bett?

Als ich den Band „Irre Viecher aus dem All“ seinerzeit in die Hände bekommen hatte, schrieb ich hier: „Von 2005 bis 2008 veröffentlichte der Hamburger Carlsen-Verlag ausgewählte Comic-Strips der „Calvin und Hobbes“-Funny-Reihe des US-Amerikaners Bill Watterson in einer achtbändigen Softcover-Albenreihe im Querformat, jeweils 130 Schwarzweiß-Seiten umfassend.“ Mittlerweile weiß ich, dass das nicht ganz korrekt war: Die Reihe ist nicht acht-, sondern elfbändig, wobei die Bände 1 bis 7 im beinahe quadratischen Albumformat erschienen, die Bände 8 bis 11 hingegen im dann jeweils 180 bzw., im Falle des letzten Bands, 170 Seiten umfassenden Querformat.

Nun nahm ich den zweiten Band der Reihe, „Was sabbert da unterm Bett?“, zur Hand, der ursprünglich im Jahre 1988 überm Teich erschien. Diese deutsche Bearbeitung stammt aus 2005 und enthält wie gewohnt die meist aus vier Panels bestehenden Strips, die ursprünglich in einer Vielzahl Tageszeitungen erschienen sind, sowie die Sonntags-Onepager. Vorangestellt wurde ein Vorwort des politischen Karikaturisten Pat Oliphant.

Die Abenteuer des behütet aufwachsenden, aufgeweckten sechsjährigen Jungen Calvin spielen sich zumeist in seiner Fantasie ab, in der auch sein Stofftiger Hobbes zum Leben erwacht und die Rolle eines Spielkameraden oder großen Bruders einnimmt. Übertreibt es Calvin mit seinen Flausen, gerät Hobbes zum Skeptiker und Kritiker Calvins. Was ich in meiner „Irre Viecher aus dem All“-Kritik schrieb, trifft auch auf „Was sabbert da unterm Bett?“ zu: Calvins kindlich-naive Sicht auf die Welt der Erwachsenen ist ebenso komisch wie herzerwärmend und frech zugleich. Zugleich erzeugt die kindliche Perspektive einige karikierende, aber nie böse oder allzu spöttische Seitenhiebe auf die Realität, wie wir sie als Erwachsene kennen. Da würde man es mitunter am liebsten Calvin gleichtun und in die Rolle eines Raumfahrers schlüpfen, der tief im All nach intelligentem Leben sucht…

Wattersons humor- und liebevolle Abbildung kindlicher und kindischer Verhaltensmuster inklusive ihrer ausufernden Fantastereien sind ein sehr sympathisches, klassisches Comicvergnügen.

16.03.2024, Bahnhof Pauli, Hamburg: STOMPER 98 + EMSCHERKURVE 77

Mein viertes Konzert dieses Jahr, davon das dritte, das ausverkauft war – aber auch das dritte, für das ich trotzdem noch ‘ne Karte bekam. Und glücklicherweise nicht nur ich, sondern auch meine Liebste, sodass wir zusammen den Reeperbahn-Club Bahnhof Pauli aufsuchen konnten, der eigentlich nicht dafür bekannt ist, Bands der Punk-/Oi!/HC-Szene zu beherbergen. Vorab: Um STOMPER gab’s in der Vergangenheit einige Kontroversen, die beigelegt zu sein scheinen. Anderenfalls würden Bands wie die BROILERS oder EMSCHERKURVE 77 wohl auch nichts mit den Göttingern machen und würde M.A.D. Tourbooking nicht die Gigs organisieren, Bandkopf Sebi nicht fürs Ox schreiben usw. An mein letztes STOMPER-Konzert kann ich mich nicht mehr erinnern, so lange ist es her – das dürfte in der ersten Hälfte der 2000er gewesen sein…? Aufgemerkt hatte ich erst wieder beim für mich überraschend klugen „Agenda der Angst“ vom 2018er-Album, und die aktuelle Platte der mittlerweile zumindest für Studioaktivitäten um Lars Frederiksen von RANCID verstärkten Band hat neben Pathos und deutlichen Frankfurter Einflüssen doch so einiges zu bieten. Dass auch Freunde das Konzert besuchen würden und ich neugierig wurde, wie so’n STOMPER-Gig heutzutage wohl aussieht und klingt, gab letztlich ziemlich spontan den Ausschlag, noch irgendwo Karten abzugreifen und mal vorbeizuschauen. Im Zweifelsfall (also wenn’s ätzend wird), verbuche ich’s unter Feldstudie.

Als wir uns in den im Stile einer U-Bahnstation eigentlich recht schick gestalteten Laden zwängten und uns an die unglücklich mit den WC-Gängern kollidierende Schlange des mit nur einer Person unterbesetzten Getränkestand anstellten, um überteuertes Bier zu erwerben (Astra und Holsten Edel 0,3 l für 3,80 EUR?! Carlsberg 0,3 l 4,- EUR?! Ernsthaft??), spielte die EMSCHERKURVE schon. Am Rande des Saals klang der Gitarrensound reichlich dünn, also mehr mittig reingedrängelt, wo’s besser wurde – vermutlich wurde auch noch mal nachgeregelt. Die Band aus dem Ruhrpott verstand sich ganz als Anheizer und zockte viele Coverversionen, darunter „Wochenendhelden“ (eingedeutschtes „Saturdays Heroes“ von THE BUSINESS), den SLIME-Klassiker „Religion“, „Alte dreckige Stadt“ (das Traditional „Dirty Old Town“) und „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“ vonne befreundeten KASSIERER, aber auch ‘nen eigenen Ohrwurm-Singalong wie „Wir haben den Punk verstanden“, jeweils mit mehrstimmigen Gesängen. Die Stimmung war gerade am bisherigen Siedepunkt angelangt, als EK77 ziemlich abrupt ihren Auftritt beendeten und trotz lautstarker Zugabe-Rufe nicht mehr wiederkamen. Nach dem Konzert sprach ich Sänger Spiller darauf an und er bestätigte, was ich mir schon gedacht hatte: Der Zeitplan war zu eng, weil im Anschluss noch irgend’ne Disco oder so was hatte stattfinden sollen. Boah ey, wie ich so was liebe…

Zum Rauchen ging’s vor die Tür, das Bier musste dafür aus den Glasflaschen in Plastikbecher umgefüllt werden – und zwar schon deutlich vor 22:00 Uhr, obwohl die Verordnung erst ab dann gilt. Drinnen entdeckten wir dann einen wesentlich größeren Ausschankbereich am anderen Ende des Saals, wodurch es sich auch verschmerzen ließ, dass der andere, kleinere, plötzlich dichtmachte. Allerdings war irgendwann das Carlsberg alle. Man hat’s nicht leicht! Davon sangen dann auch STOMPER 98 ein Lied: „Niemand hat gesagt, dass es leicht wird“ klang so viel fetter als auf Platte und wurde wie fast jeder Song von etlichen Anwesenden lauthals mitgesungen, was für eine beeindruckende Klangkulisse sorgte. Sänger Sebi stand am vordersten Bühnenrand und dirigierte mühelos das Publikum, wobei er sich die Bühne mit fünf Bandkollegen teilte: Neben der Rhythmussektion spielt STOMPER mit zwei Gitarristen und einem Saxofonisten, der die eingängigen Melodien mal vorgibt und mal unterstützt oder auch zwischendrin soliert. Man hatte sich ‘ne offenbar zünftige Best-Of-Setlist zusammengeklöppelt, von der ich dann irgendwie doch erstaunlich viel kannte (live ein ziemlicher Hammer: „Antisocial“), ergänzt um Material vom neuen Album, auf das man selbstbewusst immer wieder den Fokus lenkte und bei dem das Publikum genauso textsicher war. Empowernde Oi!-Punk-Hymnen zum Fäusterecken zwischen pathetisch und arschtretend, die manch Klischee nicht nur streifen, sondern anscheinend gezielt bedienen (z.B. „Boots, Bier und Bomberjacken“ – inkl. von den LOKALMATADOREN entlehntem „Bababa“-Intro), damit in jedem Falle Geschmackssache sind, aber den Nerv sowohl der Pogofraktion als auch der Mitbrüllenden dahinter trafen. Im Set fanden sich ferner neue Perlen wie „Wir halten die Fahnen weiter hoch“ über zu früh von einem gegangene Freunde oder das fast schon hardcore-punkige, polit- und gesellschaftskritische „Deutschland im Chaos“, vor dem Sebi in seiner Ansage mit der Legende aufräumte, Oi!-Musik sei komplett unpolitisch, und der verfickten AfD eine unmissverständliche Absage erteilte. Ein Typ im Publikum schwenkte dazu eine „Kein Bock auf Nazis“-Fahne. Damit sollte klar sein, welche Haltung STOMPER 98 in der aktuellen Situation des gesellschaftlichen Rechtsrucks und der mit den Hufen scharrenden Faschisten einnimmt. Gegen Ende wurde das leicht umgedichtete Sesamstraßenlied „Alle haben Bier gern“ vom ersten Album entmottet, obwohl Sebi meines Wissens längst alkoholfrei lebt. Aber gibt ja auch Jever Fun und Konsorten!

Apropos Bier: Je später der Abend, desto mehr glich der Konzertsaal einem Scherbenmeer, da der Bahnhof Pauli kein Pfandsystem hatte und es kaum Möglichkeiten gab, seine leeren Pullen irgendwo abzustellen. Aber das nur am Rande. Leider endete der starke Gig, ohne dass mein Lieblingslied vom aktuellen Album, „Achtundneunzig Nächte“, gespielt worden wäre. Damit, dass dieser Kracher unbedingt in Liveset gehört, lag ich Gitarrist Tommi anschließend noch in den Ohren, bevor’s auf ein bis drölf Absacker ins St. Pauli Eck ging. War ein schönes Konzert, das aber eigentlich in eine Szene-Location wie das Monkeys gehört hätte! Vielleicht ja nächstes Mal?

08.03.2024, Hamburg, Monkeys Music Club: LOIKAEMIE + HARBOUR REBELS

Nachdem ich während der Pandemie die Plauener ‘90er-Jahre-Oi!-Punk-Veteranen LOIKAEMIE auf einem Reunion-Open-Air gesehen hatte (bereits damals zusammen mit den HARBOUR REBELS), war mir klar, dass die’s noch draufhaueben. Hinsichtlich eines neuen Albums war ich aber eher skeptisch, da ich mit der selbstbetitelten Platte aus dem Jahre 2007 nicht mehr allzu viel hatte anfangen können. Umso positiver überrascht war ich vom neuen Langdreher „Menschen“, der jetzt betourt wird. Das für Samstag, den 9. März anberaumte Konzert im Monkeys war ratzfatz ausverkauft, und ich war etwas perplex, als ich realisierte, dass es dem Zusatzgig, der auf den Freitag gelegt wurde, ähnlich erging. Per Kommentarspalte auf Facebook gelang es mir am Freitagabend aber glücklicherweise noch, kurzfristig eines der schicken Hardtickets zum Normalpreis zu ergattern.

Als einer von 350 zahlenden Gästen stellte ich mich brav an eine Einlassschlange, die man in diesem Ausmaß nun auch nicht alle Tage am Monkeys zu sehen bekommt. Als ich endlich meinen Stempel hatte, blieb aber noch Zeit für ein erstes Bierchen am Außentresen, den man für dieses Wochenende aufgebaut hatte und an dem man bereits mit subkultureller Musik beschallt wurde. Der lokale Opener HARBOUR REBELS hatte freundlicherweise gewartet, bis auch wirklich alle drin waren, um anschließend in Quartettgröße abzuliefern. Es war das erste Mal, dass ich sie seit dem Wegfall des in Punkrockrente gegangenen zweiten Gitarristen Benny zu viert sah – und muss der Band zugestehen, das ziemlich gut kompensiert zu haben. Soundlöcher o.ä. waren jedenfalls Fehlanzeige. Überhaupt war der Sound angenehm klar, sodass man Sängerin Jules deutsch- und englischsprachige Texte sehr gut verstehen konnte. Wie gewohnt sang sie sich ebenso kraftvoll wie melodisch durch die hier und da mit Offbeats abgeschmeckten Oi!-Punk-Singalongs mit Ohrwurmcharakter, und meine Favoriten „Raus aus dem Dreck“, „Die Masken sind gefallen“ und natürlich „Trunkenbold“ waren alle dabei. Sogar ‘ne Orgel kam zwischendurch zum Einsatz. Die Bude war voll und die Band wurde gebührend gefeiert. Klasse!

Bei LOIKAEMIE ging’s dann von der ersten Sekunde an richtig rund. Ich glaube, „Wenn wir alle so wären“ von der neuen Platte war die erste Nummer. Nach vorn fliegende Menschen landeten immer wieder in Basser Pauls Mikroständer, der auf die Bühne krachte. Leadgitarrist Edgar riss schon während des ersten Songs eine Saite, aber improvisierend spielte er weiter, um die gerade so schön hochgekochte Stimmung nicht abflauen zu lassen. Die altbekannten Klassiker mischte man mit den vielen Hits der aktuellen Langrille, die tatsächlich beinahe durch die Bank weg genauso gut anzukommen schienen wie die ollen Kamellen – was für die Beliebtheit des Albums spricht. „Nicht die Falschen hassen“, „Meins und nicht deins“, „Lasst uns rein“ usw. sind verdammt gute, reife und zeitgemäße Songs, die dem aktuellen Oi!-Punk zu wiedergewonnener Relevanz verhelfen. Ein wenig obskurer wurd’s mit „Uns’re Szene“ von der Split-EP mit SMEGMA, und mit am geilsten kamen die Hits vom dritten Album „III“ wie „Alles was er will“, „Rock ’n‘ Roller Johnny“, „Wir sind geil, wir sind schön…“, „Good Night White Pride“ und natürlich „Uns’re Freunde“. Letzterer wurde gegen Ende gezockt, als ich dann doch mal im Pub-Bereich eine dampfen gehen musste. Richtig feierlich wurd’s natürlich bei „Trinkfestigkeit“. Die Band hatte Sternburg-Export-Luftmatratzen aufgeblasen und warf sie nun ins Publikum, wo sie zum Crowdsurfen verwendet wurden. Ich habe nicht auf die Uhr geguckt, aber LOIKAEMIE schienen mir ziemlich lange zu zocken – und hielten dabei durchgehend die Stimmung weit oben.

Nachdem der letzte Akkord verklungen war, wollte ich mir endlich das neue Album mitnehmen, geriet dabei aber an die härteste Merchsau überhaupt: 22,- EUR fürs normale Vinyl, wovon er sich auch nicht runterhandeln ließ, und noch nicht mal mein Bier durfte ich abstellen, während ich meine letzten Kreuzer zusammenkratzte. Puh… Ich weiß, dass alles teurer geworden ist, gerade auch ein Luxusgut wie ‘ne Schallplatte, aber es hilft nix: Der Vinylpreisdeckel muss her! Bei 20 Öcken muss Schluss sein! Ampelregierung, mach dich mal nützlich! Naja, ein, zwei Absacker gönnte ich mir anschließend doch noch und sabbelte Unfug mit Freunden, bevor’s nach Hause ging. War mal wieder ‘ne richtig fette Party – danke an alle, die sie ermöglicht und dazu beigetragen haben!

02.03.2024, Lobusch, Hamburg: BOCKWURSCHTBUDE + NÖÖS + SOKO METTIGEL

Zwischen Mett und Wurscht

BOCKWURSCHTBUDE live in Hamburg, zusammen mit zwei lokalen Bands, an ‘nem Samstagabend inner Lobusch? Geil! Da lässt es sich doch prima in den Geburtstag der besseren Hälfte reinfeiern, zusammen mit unserem Berliner Besuch.

In der amtlich gefüllten Lobusch machte das Trio SOKO METTIGEL den Anfang, eine von zwei jungen Hamburger Bands an diesem Abend. Vor zwei Jahren ist das Debütalbum „Dienst nach Vorschrift“ mit deutschsprachigem Punkrock, der auch inhaltlich gen Hardcore-Punk tendiert, erschienen. Von den Inhalten kam live nun nicht so viel rüber, denn weder der Bassist noch der Gitarrist waren an ihren Mikros gut zu verstehen, obwohl es sich um gar nicht allzu kehliges oder gutturales Shouting handelte. Umso deutlicher zu vernehmen war das Schlagzeug, das selbst mir dann doch zu viel Uffta-Uffta fabrizierte. Besser gefiel mir die SOKO, wenn sie etwas den Fuß vom Gas nahm und der Drummer ‘nen normalen Beat dazu spielte. So oder so sehr rustikaler, angepisster, aber noch ausbaufähiger Punk, der auf den Studioaufnahmen besser klingt als live an diesem Abend. Das Publikum störte das aber wenig, vor der Bühne war einige Bewegung.

Noch jünger sind NÖÖS, die derzeit an jeder Steckdose spielen und auch gern kurzfristig einspringen, so auch hier für die ursprünglich eingeplanten, aber leider krankheitsbedingt verhinderten WHAT. NÖÖS sind hungrig und haben anscheinend immer Zeit und Bock, ihren Sound zwischen melodischem Hardcore- und Streetpunk mit englischen Texten unters Volk zu bringen. Trotzdem sah ich sie an diesem Abend erst zum zweiten Mal. Gegenüber dem Gig im Monkeys ist das Set um ein paar Songs gewachsen. Der Sänger macht immer noch gleichzeitig den Animateur, was manchmal etwas drüber wirkt, auf alberne Sperenzien wie eine Wall-of-death-Aufforderung verzichtete er diesmal aber dankenswerterweise. Mit kräftiger Stimme sang und shoutete er sich bei nun hörbar besserem Sound durch die Songs, darunter der kleine Hit „Baptized in Blood“, zu dem NÖÖS ein überraschend professionelles Video gedreht haben, und das LOIKAEMIE-Cover „Good Night, White Pride“. Letzteres wurde zusammen mit „Attack Attack“ (oder so, kein TROOPERS-Cover) einfach noch mal hinten drangehängt, diesmal dann auch mit allen Drumbreaks fehlerfrei durchgeholzt. Überzeugender Gig, der von den Anwesenden entsprechend goutiert wurde.

BOCKWURSCHTBUDE aus Frankfurt anner Oder hatte ich noch nie livegesehen, und auch wenn ich ein älteres Album im Schrank habe, rangierten die mit ihrer eher simpel gezockten Mischung aus Deutsch-, Fun- und Oi!-Punk bei mir – im Gegensatz zu einer aus Lübeck angereisten Fanclub-Clique – eher unter ferner liefen. Dies änderte sich mit dem aktuellen Langdreher „Sippenhaft“ und mit dem Einstieg des CHAOS-Z/FLIEHENDE-STÜRME-Düsterpunk-Urgesteins Andreas Löhr. Das Ding ist ‘ne Hammerscheibe mit, passend zum Zeitgeschehen, vornehmlich ernsten Inhalten geworden, intoniert mit gleich zwei versiert aufspielenden Klampfen und dargereicht von Mikro Mostrichs giftigem Gesang. Eröffnet wurde das Liveset mit dem Klassiker „5 Minuten“, meinem Favoriten unter den alten Songs. Weitere alte Hits waren der Anti-Hamburger-Schule-Song und die von den vor der Bühne Alarm machenden Fans herbeigesehnte und inbrünstig mitgesungene Schwarzfahrhymne „Blackriding Underground“. Am stärksten aber waren die zahlreichen aktuellen Songs von der „Sippenhaft“, von denen ich keinen speziell hervorheben will. Andreas zockte ‘nen fetten Bass dazu und beteiligte sich an den Backgrounds, bevor er für die letzte Zugabe Position und Instrument mit Mostrich tauschte und den CHAOS-Z-Klassiker „Duell der Letzten“ zum Besten gab. Das war dann der gänsehautverursachende Schlusspunkt eines fantastischen Gigs einer unheimlich gut gereiften Band. Knaller! Und dann hatte die Liebste auch schon Geburtstag.

P.S.: Beim Verfassen dieser Zeilen wurden zwei (vegetarische) Bockwürschte verzehrt. Mit Senf!

28.02.2024, Markthalle, Hamburg: U.D.O. + PRIMAL FEAR

Udo Dirkschneider, „der kreischende Tarnanzug“, gastierte im Rahmen der Tour zum neuen Album „Touchdown“ in der Markthalle. Ich bin ja Fan der klassischen ACCEPT-Alben mit Udo am Mikro seit seligen Kindheitstagen, hatte aber nie die Gelegenheit, die Band in dieser Konstellation live zu sehen. Ein richtiger Fan seines Soloprojekts, mit dem er es mittlerweile auf sage und schreibe 19 Studioalben bringt, war ich hingegen nie so ganz, wenngleich das Debüt ein Knaller war und sich auch auf den Folgealben manch Hit findet, der in meinen Playlists gelandet ist. Nebenbei hat der umtriebige Mann auch noch weitere Projekte laufen – da lebt jemand ganz für die Musik, und das in Vollzeit. Den Tarnanzug hat er schon lange abgelegt, seine charakteristische Reibeisenstimme hingegen nicht.

Dass auf einem Mittwochabend die Show bereits lange vorher ausverkauft sein würde, hat mich dann aber doch überrascht. Also bin ich auf gut Glück nach Feierabend einfach mal hin. Die Schlange am Einlass staute sich fast bis zur Kreuzung, jeweils flankiert von Leuten, die ebenfalls Karten suchte. Als ich vom anderen der Ende der Schlange bereits wieder auf dem Rückweg war, vernahm ich ein „Braucht noch jemand ‘ne Karte?“ aus der Menge und ich traute meinen Ohren kaum. Ich rief: „Brauchen? Oder Suchen?“„Brauchen!“, schallte es zurück, und der Verkäufer stand sofort direkt vor mir. Sein Kumpel sei leider krankgeworden, daher habe er eine Karte über. Würde er mir für ‘nen Zwanni überlassen. Bei einem ursprünglichen Preis von 40 Öcken! Da er nicht anders auf meinen Schein herausgeben konnte, wurden zwar noch 25,- daraus, ich habe mich aber natürlich trotzdem tierisch gefreut – danke noch mal!

Also auf in die volle Bude und erst mal der Vorband lauschen: PRIMAL FEAR aus BaWü, liebevoll „die Primeln“ genannt, seit Ende der 1990er am Start. Gegründet wurde die Band von Mat Sinner (SINNER) und Ralf Scheepers, der zuvor bei TYRAN‘ PACE (kenne ihn als Sänger daher ebenso wie Udo im Prinzip seit meiner Kindheit) und GAMMA RAY gesungen hatte. Es heißt, er habe GAMMA RAY verlassen, um bei JUDAS PRIEST vorzusingen, die damals nach Rob Halfords Ausstieg auf Sängersuche waren. Das eigentlich Kuriose daran ist, dass er nicht genommen wurde, denn der Mann mit der Schiffschaukelbremserstatur kommt Halfords Gesangsstil doch ziemlich nah und beherrscht auch die höchsten Kopftöne spielerisch. Wie auch immer, ‘90er-Jahre-Power-Metal ist nicht mein Ding und sonderlich intensiv beschäftigt habe ich mich mit PRIMAL FEAR bisher nicht. Aufhorchen lassen hatte mich aber das vorletzte Album „Metal Commando“ aus dem Pandemie-Jahr 2020, das eine ganze Reihe starker Songs aufweist, wie sie auch mir gefallen. Leider ist Mat Sinner von seiner schweren Erkrankung offenbar noch nicht wieder so weit genesen, dass er zu touren in der Lage wäre, sodass er live am Bass ersetzt wird. Der Sound war zunächst mies – vermutlich der im Gegensatz zum Soundcheck vollen Halle geschuldet –, wurde aber bald besser. Als Opener peitschte man den dreisten JUDAS-PRIEST-Rip-Off „Chainbreaker“ durch, der immerhin ordentlich Dampf machte. Im weiteren Verlauf war mir das dann ehrlich gesagt zu viel Teutonen-Stampf-Metal zum Mitklatschen – wozu die Band auch immer wieder animierte. Scheepers hatte ‘ne Extraportion Hall- und Echoeffekte auf seinem Gesang, lieferte aber – wie die gesamte Band – souverän ab. Von meinen persönlichen Hits des „Metal Commando“-Albums wurde leider gar nichts gespielt, und „Another Hero“ von der aktuellen Langrille mag ich trotz gelungener Gesangsmelodie nicht mitsingen, denn wenn nach einem Erlöser verlangt wird, der uns den Weg aus dem Chaos weist, schaudert’s mich. Nach ca. 75 Minuten war dann Schluss, ohne dass ich zum Fan mutiert wäre.

Aber ich war ja wegen U.D.O. hier! Udo konnte seine Band jüngst um seinen alten ACCEPT-Kollegen Peter Baltes, einen weiteren Helden meiner frühen Metal-Sozialisation, verstärken, und der ist unlängst in einen Jungbrunnen gefallen – der Mann altert einfach nicht. Der Rest der Band ist deutlich jünger. Udos Sohnemann Sven an der Schießbude ist ein richtig geiler Drummer geworden, der zudem permanent die Stöcke hochwirft oder zwischen den Fingern wirbelt. Die beiden Gitarristen sahen in ihren Outfits und mit ihren Frisuren zwar etwas gewöhnungsbedürftig aus, waren spielerisch aber über jeden Zweifel erhaben und wurden für ihre auch mal ausgedehnteren Soli stets nach vorn in die Bühnenmitte gelassen, während Udo sich zurückzog, um ihnen die Show zu überlassen. Die Lightshow tauchte die Bühne immer mal wieder in das kühle Blau vom Artwork des aktuellen „Touchdown“-Albums, was schon schnieke aussah. Und die Mucke? Klang, ähnlich wie bei der Vorgruppe, beim ersten Song „Isolation Man“ noch gar nicht mal so gut, wurde aber schnell nachgeregelt. Von „Touchdown“ schafften es noch drei weitere Nummern ins Set, wobei der Titelsong sich auch live als veritable Abrissbirne entpuppte. Mit „Animal House“, dem balladesken „In The Darkness“ und „They Want War” waren drei Stücke des von mir favorisierten Debüts vertreten. Insgesamt fanden 20 Songs von 14 Alben Berücksichtigung, darunter als letzte Zugabe QUEENs „We Will Rock You“, das Udo für seine Solo-Scheibe gecovert hatte, in einer Mischung aus der schnellen und der populäreren Version. Von meinen persönlichen U.D.O.-Hits fand sich insgesamt eher wenig, dafür habe ich aber zum Beispiel „Pain“ durch die Live-Darbietung für mich entdeckt. Und dass man keine ACCEPT-Songs mehr live spielen würde, hat man offenbar ernstgemeint. Geht für mich klar, über ein „Balls to the Wall“ hätte ich mich aber trotzdem nicht beschwert. Alles in allem war’s eine schöne Erfahrung, olle Udo sogar zusammen mit Peter mal live zu sehen – und das begeisterte, nicht nur Refrains, sondern auch die eine oder andere Melodie von Udo dirigiert mitsingende und altersmäßig gut durchmischte Publikum dürfte es ähnlichgesehen und -gehört haben.

Ach, und da ich bei der Sause mit vier lokalen Underground-Bands im Bambi am Wochenende zuvor gesundheitsbedingt passen musste, war das dann tatsächlich mein erstes Konzert des noch jungen Jahres…

Klassiker der Comic-Literatur: Volker Reiche – Strizz

Die F.A.Z. – liest man nicht, aber kennt man: Politisch reaktionäres Käseblatt mit jedoch einem ambitionierten Feuilleton, dessen Redakteure Patrick Bahners und Andreas Platthaus erklärte Freunde der neunten Kunst und sogar Donaldisten sind, sodass Comics, einst Alptraum des deutschen Spießers, dort einen guten Leumund genießen. Dies ging so weit, dass der F.A.Z.-Verlag in den Jahren 2005 und 2006 eine 20-bändige Reihe ausgewählter Comic-Klassiker kompilierte und mit anspruchsvollen Vorworten versehen als preisgünstige Taschenbücher veröffentlichte. Bei für mich interessanten Titeln – und das waren gar nicht so wenige – griff auch ich seinerzeit zu, verfasste aber leider noch keine Besprechungen für Blog oder Forum.

Mit Band 6 hatte man sich einen schlanken Fuß gemacht, denn für diesen griff man auf rund 260 mal unkolorierten, mal farbigen Seiten elf Themenkomplexe mit Geschichten aus den Jahren 2002 bis 2004 lang auf das Eigengewächs „Strizz“ zurück, das Volker Reiche exklusiv für die F.A.Z. zeichnete. Andreas Platthaus‘ vorangestelltes Vorwort umfasst zehn Seiten und vermittelt den Eindruck, er sei selbst der größte Fan seines Angestellten. Auf diesen „Strizz“-Band glaubte ich seinerzeit verzichten zu können, doch die Ausgabe 93 des Comicfachmagazins „Comixene“, die ich, soweit ich mich erinnere, aus einem ganz anderen Grunde erworben hatte, widmete sich in ihrer Titelgeschichte ganz dem Œuvre Volker Reiches – und machte mich neugierig, sodass ich mir antiquarisch auch diesen Band zulegte.

Reiche, eigentlich ein alter ‘68er, hatte einst den traditionellen „Mecki“-Comic in der Fernsehzeitung „Hörzu“ übernommen und lange gezeichnet, bis ein neuer Chefredakteur ihn herauswarf (typischer Springer-Arschloch-Move) und er Schwierigkeiten hatte, sich finanziell über Wasser zu halten. Also bewarb er sich mit einem Konzept für im Alleingang gezeichnete und getextete, inhaltlich tagesaktuelle (!) Comics bei der F.A.Z., wo man ihn mit Kusshand anstellte. „Strizz“, die Comicreihe um den titelgebenden lebenslustigen, aber naiven Büroangestellten aus Frankfurt am Main war geboren und erschien von 2002 bis 2010 täglich in der F.A.Z. (und seit 2015 einmal wöchentlich). Kurioserweise wurde Reiche zeitlich für „Mecki“ zurückgeholt und machte seinerzeit kurzerhand beides.

Trotz vorgegebener politischer Ausrichtung der F.A.Z. beteuert Reiche, völlig freie Hand zu haben. Tatsächlich beginnt diese Zusammenstellung arbeiternehmerfreundlich, wird jedoch rasch arbeitgeberfreundlich, dabei leider trotzdem witzig. Dies scheint in der Natur des Kapitels „Strizz und sein Chef“ zu liegen, denn Strizz versteht es, seinem Vorgesetzten Leo auf die Nerven zu fallen. Die zwischenmenschliche Komponente mit seiner Freundin Irmi wiederum ist vorbehaltlos klasse; wie so oft handelt es sich bei ihr um die wesentlich bessere Hälfte der Beziehung. Das Kind Rafael ist Strizz‘ Neffe und bereits ein großer Philosoph, zudem ein neunmalkluger, sehr belesener und doch kindlicher Junge, der an Politik und Zeitgeschehen interessiert und um keine Ausrede verlegen ist, wenn es gilt, sich vor „niederer Arbeit“ zu drücken. Die enthaltene Fortsetzungsgeschichte klärt, wer eigentlich Rafaels Eltern sind.

Irmis schlicht Omi genannte Mutter hingegen ist konservativ und wirkt in ihrer hier enthaltenen Einführung wie eine Erbschleicherin, evtl. gar Mörderin mehrerer vermögender Ehemänner – inwieweit dieser Effekt von Reiche beabsichtigt war, sei einmal dahingestellt. Besondere und ganz individuelle Rollen nehmen jedoch die Vertreter der Haustierwelt ein: Tassilo ist eine tiefenentspannte Bulldogge mit Nietenhalsband, die damit wesentlich gefährlicher aussieht, als sie ist. Der Kater Herr Paul gehört Strizz‘ Chef Leo, trägt den gleichen Bart wie dieser und ist ein ausgemachter Fiesling und Kapitalist, sogar reaktionärer Hurra-Patriot – weil es unter den Menschen niemand sein durfte? Der Sinnspruch „Wie der Herr, so’s G’scherr“ liegt hier nahe – ein genialer Schachzug Reiches! Vielleicht lässt sich Gesellschaftspolitisches und Weltanschauliches im Funny-Comic einfach besser durch Tiere verkörpern und diskutieren.

Sonderlich provokant wird Reiche in seinen „Strizz“-Comics jedoch nicht, manches spielt sich innerhalb des zeitgemäßen und sympathischen Humors eher subtil ab. Die aufs politische Tagesgeschehen bezugnehmenden Comics sind jedoch in dieser Zusammenstellung auch eher rar gesät, verständlicherweise lag der Fokus auf zeitloseren Geschichten. Panel-Anordnung und Zeichenstrich sind Zeitungscomic-typisch übersichtlich und klar – und das Blättern in gewissermaßen urdeutschen Zeitungscomics, die den ganz normalen bürgerlichen Alltag humorig aufarbeiten und dabei inhaltlich immer mal wieder (beinahe – was sind schon 20 Jahre Abstand?) aktuelle Themen aufgreifen, hat sich derart anheimelnd angefühlt, dass ich mich an jene Zeiten erinnerte, in denen ich Comicseiten und -streifen aus den Zeitungen der Erwachsenen ausschnitt und mich an den bunten Bildchen und lustigen Geschichten innerhalb der ach so seriösen Bleiwüsten erfreute.

Ich glaube, „Strizz“ ist in Ordnung.

Wolfgang Sperzel – Kabelbrand im Herzschrittmacher

Wie bereits erwähnt, war ich nach Flohmarktfund und Lektüre von Funny-Comiczeichner Wolfgang Sperzels zweitem Album „Rast(h)aus“ derart angetan, dass ich mir auch sein Debüt, das im Jahre 1989 im Semmel-Verlach erschienene, rund 50-seitige Softcover-Album „Kabelbrand im Herzschrittmacher“ besorgte.

Auf schwarzweiß und farbig gestalteten, leider seitenzahlenlosen Seiten geht es auf zeichnerischem hohem Funny-Niveau schwarzhumorig bis satirisch und provokant zu, häufig ohne Text – die Bilder sind selbsterklärend. Im Gegensatz zu „Rast(h)aus“ handelt es sich um keine durchgehende Geschichte, sondern um eine von einpaneligen/-seitigen Gags bis mehrseitigen Kurzgeschichten reichende Sammlung. Das jeweilige Panelkonzept variiert, bleibt aber stets klar strukturiert, bietet dem slapstickreichen Treiben einen festen Rahmen. Abgefahrene Kettenreaktionen scheinen Sperzels Spe(r)zialität gewesen zu sein; sie treten in gleich drei Geschichten auf und nehmen damit vorweg, was zu einem Merkmal von „Rast(h)aus“ werden sollte – am Rande taucht sogar schon die Rüsselzwergsau auf.

So geht es unter anderem um den Straßenverkehr, olympische Winterspiele und Freiluft-Musikveranstaltungen, inhaltlich weniger gelungen aber auch um einen „Gewaltvideos“ glotzenden Jungen. Leider ist die mir vorliegende Erstauflage fehlerhaft, circa die Hälfte des Inhalts ist doppelt, anderes dürfte dafür fehlen. Hrmpf. In der Zweitauflage soll dieses Problem behoben worden sein. Auf der Albumrückseite adelte Sebastian Krüger übrigens den Zeichner mit einer seiner unnachahmlichen Karikaturen.

Francisco Ibáñez – Clever & Smart – Fußball-WM-Comic-Sonderband Nr. 7: Den Ball gehetzt… und weggefetzt!

Die anarchischen, agentenparodistischen Slapstick-Funnys des Spaniers Francisco Ibáñez um die TIA-Agenten Fred Clever und Jeff Smart existieren seit 1958 und erschienen hierzulande ab 1972 im Condor-Verlag als Softcover-Alben und Taschenbücher, unter anderen Namen aber sporadisch auch bei anderen Verlagen. 2018 übernahm der Carlsen-Verlag die Reihe, 2023 verstarb Ibáñez leider. Als Kind habe ich sie geliebt, im Gegensatz zu anderen Comics habe ich sie aber als Erwachsener nicht „wiederentdeckt“. Als ich sah, dass ein Sonderband zu einer meiner Lieblings-Fußballweltmeisterschaften, der WM 1986 in Mexico, existiert, musste der aber her. Das Album bringt es auf 50 computergeletterte, vollfarbige Seiten mit dynamischer Panelanordnung (also alles wie gehabt).

Das gewohnte Konzept, dass Fred und Jeff von ihrem Vorgesetzten Mister L Aufträge erhalten, die sie versemmeln und ständig in tödliche Gefahren geraten, verprügelt, in die Luft gesprengt, überfahren etc. werden, ohne dass sie dadurch dauerhafte Schäden davontragen würden, kommt natürlich auch hier voll zum Zuge, ebenso Freds Verwandlungskünste. Die Fußball-WM ist nicht die einzige Bezugnahme auf reale Ereignisse und Phänomene, weitere sind beispielsweise der britische Ausschluss aus dem Europapokal wegen gewalttätiger Vorfälle, das rassistische südafrikanische Apartheitsregime, der Irak-Iran-Krieg, der Kalte Krieg und das militärische Wettrüsten.

Auffallend sind die Verwendung überzeichneter rassistischer Stereotype und das Fatshaming in Bezug auf die mitreisende Sekretärin Ophelia (die dieses aber stets schlagkräftig quittiert). Zumindest ersteres wirkt mittlerweile (glücklicherweise) arg überholt und, ja, zuweilen unangenehm. Spaßiger sind die als Skins gezeichneten englischen Fußball-Rowdys. Emotionen sind bei Clever & Smart stets am Anschlag oder darüber, ständig fährt jemand aus der Haut und eskaliert es. Ibáñez‘ Humor ist überaus laut. Wiederholt wird das König-Fußball-Lied zitiert, am Ende sogar DÖF – da wäre es interessant zu wissen, was da wohl im Original stand. Die inhaltlich mehr oder weniger zu vernachlässigende Handlung strotzt bewusst nur so vor Chaos und ist sehr pointenreich, was den Clever-&-Smart-Humor nun einmal ausmacht. Und so nostalgisch der Mexico-’86-Kontext und das Blättern in einem Clever-&-Smart-Comicalbum aus den ‘80ern auch stimmen mögen – ich merke, dass selbst ich alter Kindskopf diesem Humor tatsächlich entwachsen bin.

Den Sonderband zur Fußball-WM 1990 in Italien würde ich mir trotzdem greifen, sollte er mir auf einem Flohmarkt für ‘nen schmalen Taler unterkommen…

P.S.: In der Auflistung aller Bände in der deutschen Wikipedia steht zu diesem Album (sowie zu einigen anderen) „Band ist nicht von Ibáñez.“ Bedeutet dies womöglich, es handelt sich um eine Art Lizenzarbeit seinen Stil nachahmender Zeichner/Autoren?

Chester Brown – Fuck

Die Graphic Novel „Fuck“ (im Original „I Never Liked You”) des kanadischen Comiczeichners Chester Brown erschien ursprünglich von 1991 bis 1993 als Fortsetzungsgeschichte in seiner Heftreihe „Yummy Fur“. Mir liegt die deutschsprachige Ausgabe aus dem Reprodukt-Verlag vor, die dort im Jahre 2008 als rund 200-seitiges, unkoloriertes Taschenbuch erschien.

„Fuck“ ist eine autobiographische Coming-of-age-Geschichte Browns, die sein Aufwachsen in einer kanadischen Kleinstadt zum Inhalt hat. Er ist der introvertierte Sohn einer gottesfürchtigen Mutter, die später körperlich schwer erkrankt. Sein Vater ist so gut wie nie zu sehen und sagt nie ein Wort – außer gegen Ende, bei den schrecklichen Krankenhausszenen. Über ihn erfährt man nichts. In bewusst reduziertem Stil mit karikierendem, jedoch nicht humorigem Strich und unter Gebrauch von Zeitsprüngen, Wiederaufnahmen und Parallelmontagen (denen sich aber stets gut folgen lässt) entwickelt Brown ein unvollständig bleibendes Familienporträt sowie eine Reflektion seiner selbst, insbesondere in seiner Unfähigkeit, zwischenmenschliche Beziehungen zuzulassen. So spielen – natürlich – Mädchen eine große Rolle, ihr unterschiedliches Verhalten ihm gegenüber, ebenso sein Versagen im Umgang mit ihnen.

Herauslesen lässt sich mittels einfacher psychologischer Abstraktion eine gewisse seelische Verkümmerung eines Jungen, dessen Vater nie für ihn da war und dessen Verhältnis zu seiner Mutter derart gestört ist, dass sie ihn irgendwann auch auf der Gefühlsebene nicht mehr erreichte. In einer späteren Arbeit offenbarte Brown, dass seine Mutter schizophren gewesen sein. Seine Panelaufteilung gestaltet Brown sehr flexibel; die Kapitel lässt er meist mit nur einem Panel auf einer Seite beginnen und enden, wobei diese nicht die großformatige Funktion eines Establishing Shots übernehmen, sondern lediglich rund ein Sechstel der Seite einnehmen und dort beinahe verloren wirken. Inhaltlich betreibt Brown einen äußerst intimen Seelenstriptease, bei dem er aber wortkarg und reserviert bleibt, als werde er selbst noch nicht ganz aus sich schlau – oder als sei er eine Art „Gefühlsspastiker“. Sein Umfeld skizziert er dafür umso präziser.

Ein besonderer Independent-Comic, der in der Comicszene viel Zuspruch erhielt.

22.12.2023, Indra, Hamburg: St. Pauli Punk Festival #3 mit PSYCH OUT + DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS + G31 + BULLSHIT BOY

Diese Veranstaltung stand unter keinem wirklichen guten Stern. Während die ersten beiden von Bitzcore-Juergen durchgeführten Ausgaben mit großen Namen oder einer kultigen Oldie-Punk-Fraktion auftrumpfen konnten, wirkte das Indra diesmal leicht überdimensioniert. Der Vorverkauf war schleppend und als kurzfristig auch noch ASTRA ZOMBIES und – noch kurzfristiger – RESTMENSCH absagten und auch BULLSHIT BOY von der krass grassierenden Krankheitswelle erwischt wurden, stand das Ding sogar komplett auf der Kippe. Als Hoffnungsschimmer erwies sich, dass PSYCH OUT von einem Tag auf den anderen als Ersatz gewonnen werden konnten und BULLSHIT BOY sich bereiterklärten, statt als Trio kurzerhand als Duo aufzutreten. Die Parole lautete also: Durchziehen!

Beim Ausloten, wer wann spielen soll, erinnerten wir uns an unseren Schwur, uns nicht mehr bis nach hinten durchreichen zu lassen und verteidigten damit zumindest den dritten Slot. Eine Premiere für uns war, wie alle Bands dieses Abends über Kemper-Amps zu zocken, den Gitarren- und Basssound also aus fertigen Simulations-Presets auszuwählen, statt den erprobten Klang am eigenen Verstärker einzustellen. Dieser wurde dann auch nicht wie üblich über Bühnenboxen abgenommen, wir hatten also lediglich Monitore auf der Bühne. Einer der Gründe hierfür war, dass alle Auftritte auf 24 Spuren mitgeschnitten und den Bands anschließend zur Verfügung gestellt wurden. Eigentlich sollte nur die erste Band ‘nen richtigen Soundcheck machen und die anderen lediglich ‘nen Line-Check direkt vorm jeweiligen Gig bekommen. Da die erste Band aber nur aus zwei Leuten (Gitarre/Schlagzeug) bestand, ging der Plan nicht ganz auf.

Egal, die für diesen Abend zum Duo geschrumpften BULLSHIT BOY machten vor mittlerweile dann doch gar nicht so rar erschienenem Publikum den Anfang und mussten auf ihre Bassistin verzichten. Sängerin/Gitarristin Sabine und Drummer Carsten begannen mit ‘ner coolen Instrumental-Surfnummer, dem das punk’n’rollige „The World is on Fire“ folgte. Mit ‘nem Song über (keine) Mandelhörnchen auf Helgoland kann ich persönlich nun weniger anfangen, mit dem BLONDIE-Cover „One Way or Another“ dafür schon mehr, ebenso mit dem schön aggressiven „The Pressure is on“ von der noch zu veröffentlichenden Single. Der größte Hit war vermutlich „Pretty Boy“ und am Schluss gab’s mit „Bodies“ von den SEX PISTOLS ‘ne weitere Coverversion. Der Mix aus deutsch- und englischsprachigen Punkrocks-Songs machte Laune, war ein guter Opener – wenn auch die Abwesenheit des Basses sich in einem zeitweise etwas dünnen Sound bemerkbar machte. Aber wat willste machen?

G31 um Sängerin Mitra und „Mind The Gap“-Fanziner Captain haben bereits ihr zweites Album „Die Insel der versunkenen Arschlöcher“ veröffentlicht, flogen bisher aber weitestgehend unter meinem Radar. Gesehen hatte ich sie bisher nur einmal kurz bei der Jede-Band-spielt-nur-Fünf-Minuten-Sause im Störtebeker und das ist schon wieder verdammt lange her. Damals konnten sie mich nicht überzeugen, was sich heute Abend ändern sollte. Mittlerweile hat sich die Band um Peter von u.a. ANTIKÖRPER, LEISTUNGSGRUPPE MAULICH und zahlreichen weiteren HH-Punkbands verstärkt und zockt mit zwei Klampfen schöne Pogoriffs und eingängige Licks, die die Rhythmussektion gut nach vorne peitscht. Mitra legt mit ihrem kräftigen Organ melodischen Gesang zwischen klar und rotzig darauf, der durchdachte, deutschsprachige Texte mit durchaus klischeefreien, originellen Ansätzen formuliert, bewegt sich dazu zum Tanz auffordernd bis lasziv und kokettiert mit ihrem selbstbewussten weiblichen Charme. G31 brachten gut Stimmung in die Bude und haben mich sehr positiv überrascht, wenn auch Monitorprobleme der Band zu schaffen machten und der Bass bis zum Schluss leider viel zu leise war.

Nun galt es, meine nicht mehr ganz nüchternen Bandkollegen zusammenzutrommeln, den Umbau möglichst rasch hinter uns zu bringen und Mischer Andy möglichst noch ‘nen Soundcheck unterzujubeln. Das klappte so semi, denn während des Gigs in ungewohntem Bühnenaufbau (s.o.) stellte sich bald heraus, dass ich anscheinend der Einzige war, der mit seinem Monitorsound wirklich gut klarkam. Die Konsequenz waren über den Gig verteilte verpatzte Einsätze und Asynchronitäten, die uns sicherlich weit mehr auffielen als denjenigen, die vor der Bühne für Bewegung sorgten; immerhin waren wir angetrunken genug, uns davon nicht verunsichern zu lassen. Während „Wænde“ bei seiner Premiere auf dem Gaußplatz noch gut flutschte, verkackten wir ihn diesmal doch ziemlich. Nachdem wir ihn direkt nach dem Einstieg abbrechen mussten, höre ich mich auf der Aufnahme sagen: „So, das war das Intro. Jetzt kommt der eigentliche Song. Kurze Trinkpause. Prost.“ Einfach das Beste daraus machen! Bei „Elbdisharmonie“ schleuderte ich versehentlich mein Mikro von der Bühne, „Spaltaxt“ klang etwas arg schräg usw… Besser liefen da „Blutgrätsche“, den wir bei G31-Peter kürzlich für einen geplanten HH-Punk-Sampler im Studio aufgenommen haben und bei dem er uns auf der Bühne gesanglich unterstützte, sowie die ebenfalls recht neue Nummer „Phoenix aus der Flasche“. Die im unmittelbaren Anschluss – und damit als Abschluss – geplante Livepremiere eines brandneuen Songs sparten wir uns daher besser und räumten die Bühne für PSYCH OUT. Auch wenn die Leute offenbar ihren Spaß hatten, als Fazit für uns nehmen wir mit: Kemper-Amps einmal und nie wieder, und wenn wir schon keine Bühnensound-Boxen haben, müssen wir uns die Zeit für ‘nen ordentlichen Monitor-Soundcheck nehmen.

Völlig wumpe war all dies PSYCH OUT um HH-Punk-Urgestein Holli, Stoffel von YACØPSÆ (und seit einiger Zeit auch RAZORS) sowie den rauschebärtigen Shouter Lars, die knapp 20 Songs in gefühlt genauso vielen Minuten durchschrubbten, bei denen es Lars eher selten auf der Bühne hielt. Auch diese Band kannte ich eigenartigerweise bisher lediglich vom Fünf-Minuten-Gig im Störtebeker anno schießmichtot. Ultrapräzise ballernder Fast- und Oldestschool-US-Hardcore erfreute Kenner(innen) und Genießer(innen) der groben Kelle, die fortgeschrittene Stunde hingegen schien den/die eine(n) oder andere(n) Besucher(in) vertrieben zu haben; die Reihen hatten sich jedenfalls leider gelichtet. Songs wie „Take This Shit And Burn It Down“, „Fuck Your Scene”, „Humanity/Bullshit” oder das HASS-Cover „Ihr Helden” waren für mich der perfekte Abschluss des Abends, der noch bei ein, zwei Bierchen im Backstage-Bereich ausklang.

Danke an alle, die den Abend unter (in erster Linie krankheitsbedingt) widrigen Umständen doch noch zu ’ner geilen Party gemacht haben sowie an Dr. Martin für die Fotos unseres Gigs! Und ‘n Extraküsschen aufs Nüsschen an unseren Ex-Drummer Dr. Tentakel, der unser Merch betreute!

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