Günnis Reviews

Autor: Günni (page 2 of 109)

Jordi Bernet / Carlos Trillo / Eduardo Maicas – Betty 6

Vor ein paar Jahren schrieb ich nach der Lektüre meines ersten „Betty“-Bands, dass ich diese Reihe zwar nicht sammeln, aber mir eine weitere Ausgabe mitnehmen würde, sollte sie mir einmal antiquarisch und günstig über den Weg laufen. Mit der Nummer 6 der neunteiligen schwarzweißen Erotik-Funny-Comic-Reihe eines spanischen Zeichner-/Autoren-Trios im Softcover und ca. 24 cm hohen Zwischenformat, die zwischen 1999 und 2003 in ihrer deutschen Übersetzung im Verlag Edition Bikini erschien, geschah dies tatsächlich.

Wie gehabt dreht es sich rund 100 Seiten lang um die Prostituierte und alleinerziehende Mutter eines Sohns. Betty, so ihr Name, geht ihrem Beruf freiwillig und voller Freude nach, wie die jeweils doppelseitigen, sechs bis neun Panels in dreizeiligen Grids umfassenden und stets innerhalb des nichtexpliziten Softsex-Bereichs bleibenden Geschichten pointiert und humorvoll erzählen. In der Regel gibt Betty den Ton an, während die Männer mehr kleine Männeken sind und nicht selten der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Aber all das habe ich so oder ähnlich ja bereits zu Band 5 geschrieben.

Wiederkehrende Nebenfiguren sind Bettys Sohn sowie der arme Blinde, der stets um Geld für eine Nummer mit Betty bettelt. Eine Besonderheit ist die Geschichte auf den Seiten 36 und 37, in die die deutsche Übersetzung eine Anspielung bzw. einen Meta-Gag auf den Verlag Edition Bikini eingeschmuggelt hat und in der Betty sich ausnahmsweise einmal von der Männerwelt übertölpeln lässt. Aus der Reihe fällt auch die eigentlich sehr traurige Origin-Story ab Seite 66. Insgesamt überwiegt aber die frivole Kurzweil, die auf natürlich nicht ernstzunehmende Weise Sex- und Sexarbeitspositivität mit feministischer Ausrichtung aus wiederum männlich-lüsterner, sich dabei aber selbst karikierender Perspektive miteinander vermengt.

Mad-Taschenbuch Nr. 43: Antonio Prohias – Der sechste Band von Spion & Spion

Bereits zum sechsten Male murksen sich die beiden verfeindeten Spione mit den spitzen Nasen gegenseitig im Taschenbuchformat ab. Das US-Original erschien im Jahre 1982, diese deutsche Ausgabe, wie gewohnt 160 unkolorierte Seiten umfassend, folgte zwei Jahre später. Gewidmet sind die 13 neuen, „Fälle“ genannten Geschichtchen mit alliterationsfreudigen Titeln „den Spionen in aller Welt, damit sie sich ein Beispiel nehmen und sich immer nur GEGENSEITIG umbringen.“

Ins Inhaltsverzeichnis hat die Redaktion bereits den ersten kleinen Gag eingebaut. Anschließend lässt sich auf ein bis zwei Panels pro Seite verfolgen, wie die Methoden, sich gegenseitig den Garaus zu machen, immer komplizierter und absurder werden, woraus Prohias‘ dialoglose Zeichnungen ihren speziellen Reiz beziehen. Was der gute Antonio sich hier wieder an Plänen, Konstruktionen und Kettenreaktionen aus den Hirnwindungen presste, ist in seiner morbiden Kreativität aller Ehren wert. Besonders angetan haben es mir die „Fälle“, in die Tiere involviert sind, beispielsweise Möwen mit Muscheln oder Piranhas.

Kult.

06.12.2025, Lobusch, Hamburg: BOLANOW BRAWL + VOLKSVERRÄTER + OMA-BASHING

Im August haben wir endlich unser Album „First Shots!“ veröffentlicht. Die Konvention verlangt, dass man dann relativ zeitnah ein als Record-Release-Party deklariertes Konzert gibt, worauf wir natürlich auch Bock hatten. Erst mal war aber Urlaubssaison angesagt. Trotzdem hatten wir unsere Fühler ausgestreckt; wir dachten, dass es vielleicht passend wäre, im Monkeys oder Indra bei irgendeinem größeren Streetpunk-Act im Vorprogramm zu zocken, unseren „Release Party“-Stempel draufzupacken und uns damit ‘nen schlanken Schuh zu machen. Blöderweise war, was das betrifft, irgendwie Flaute in beiden Läden, und als dann doch mal was kam, was einigermaßen gepasst hätte, hatte man uns anscheinend nicht mehr auf dem Schirm oder es wäre aus irgendwelchen Gründen sowieso nicht gegangen. Umso schöner, dass sich dann die Gelegenheit ergab, in der Lobusch, wo ich seit zig Jahren ein- und ausgehe, aber noch nie mit BOLANOW BRAWL gespielt hatte, zu spielen. Andi, ein Freund des Hauses, hatte dort nämlich den ersten Gig seines konspirativen Cover-Projekts OMA-BASHING geplant und die Band seines Kumpels Gizmo, VOLKSVERRÄTER aus Limburg, eingeladen – eine dritte Band, die wiederum einen ganz anderen Sound spielt, kam ihm da gerade recht. Mike aus der Lobusch vermittelte den Kontakt und gänzlich unkompliziert wurde das Unterfangen besiegelt. Ein kurzer Blick in den Kalender verriet daraufhin, dass zeitgleich LOIKAEMIE, BERLINER WEISSE und OXO 86 im Docks aufspielen würden – super! 😀 Ich fühlte mich an Konzerte in der Vergangenheit erinnert, die wir zeitgleich (aber nicht zusammen!) mit Bands wie COCK SPARRER oder MOTÖRHEAD spielten. Irgendwas ist immer – so auch ein nerviger Verdauungstraktinfekt, den ich mir zugezogen hatte. Hätte das Konzert nur einen Tag früher stattgefunden, hätte ich’s absagen müssen…

Es sollte unser erster Hamburg-Gig mit dem zurückgekehrten Ole an der Lead-Klampfe werden, der zweite seit seinem Wiedereinstieg überhaupt. Wegen eines Fahrrad-Korsos auf der Straße traf der von unserem Proberaum aus gestartete Teil unserer Band mit ‘ner guten halben Stunde Verspätung (dafür ohne blut- oder gedärmverschmierte Speichen-, Fahrradhelm- und Funktionskleidungsreste am Kühlergrill) ein. Für ‘nen Soundcheck, den Mike mit uns durchführte, blieb trotzdem genügend Zeit. Das war ideal, weil Mike unseren Sound kennt – immerhin hatten wir bei ihm die Hälfte unserer Platte aufgenommen. Anschließend gab’s lecker Mampf in Form eines Kartoffel-Kokos-Currys. Und da wir gerne mal vor’m Gig eine lokale Kneipe aufsuchen, verschlug es uns in die Marktschänke, wo wir auf Freunde und Bekannte trafen, die dort ebenfalls vorglühten. Urkos Freundin Sheila hatte Geburtstag und wollte ‘ne Runde Kurze ausgeben. Christian sollte welche bestellen und fragte den Wirt, was er empfehlen könne. Dieser riet zum Marillen-Schnappo, der, wie ein späterer Blick auf die Karte verriet, der teuerste Sprit des Ladens war. Chapeau, Herr Wirt! „Is this the way to a Marillo“ singend, goss man sich den edlen Tropfen in den Schlund, während ich dankend verzichtete. Dafür begann ich bald darauf zu drängeln, denn ich wollte unbedingt pünktlich zur ersten Band zurück sein.

Das gelang mir per Punktlandung, Andi & Co. hatten gerade die Bühne betreten. OMA-BASHING ist natürlich nichts Geringeres als ein Coverprojekt der kuriosen FEHLGEBURT, genauer: ihrer 16-Song-EP „Abtreibung“ aus dem Jahre 1987, seinerzeit auf Stumpfpunkplatten (nomen est omen) erschienen und einer neuen Generation Ende der 1990er mit zwei Beiträgen auf der „Stumf Ist Trumpff“-Compilation von Teenage Rebel Records nähergebracht worden (wodurch auch ich auf die Band aufmerksam geworden war). Wat ‘ne geniale Idee, sich dieses Zeug noch mal vorzuknöpfen und als Liveset zum Besten zu geben! Die Band hielt sich möglichst originalgetreu an die Vorlagen, der Sound war live aber natürlich wesentlich besser als auf der alten Platte. Stilecht baute man den einen oder anderen Verspieler ein, wie es FEHLGEBURT wohl auch getan hätten. Andi sang sich durch Zwei- bis Viersekünder wie „Anarchie“ oder „Das geniale Lied gegen die Genmanipulation“ ebenso wie durch längere Stücke à la „Gummigas“ oder eben „Oma-Bashing“ und führte mit dem gebotenen Ernst in „die Probleme der einfachen Menschen aufgreifendes“ Material wie „Ich hasse Schnupfen“ ein, lieferte Hintergrundinformationen zu Stücken wie „Zimmermann“ oder „Antiberliner“ und versuchte sich in Fantasierussisch an den russischen Songs. Zwischendurch klagte er regelmäßig, wie anstrengend das alles sei – ja, verdammt, endlich sagt’s mal einer: So’n ganzes Set als Sänger durchzuziehen, ist harte Arbeit! Ohne Zugaben ließ man sie trotzdem nicht von der Bühne, also gab’s noch mal „Anarchie“, „Haare“ und „Oma-Bashing“. Der Publikumsandrang war groß, vor der Bühne tanzten sogar vom ersten Song an ein paar Kenner der Materie. Großartig! Von mir aus könnte jedes Konzert damit beginnen, dass Andi & Co. eine legendäre alte Punk-EP durchcovern.

VOLKSVERRÄTER bekamen bühnenumbaubedingt erst jetzt ihren Soundcheck, was den Ablauf etwas hinauszögerte. Ein paar Punks, die anscheinend nur für OMA-BASHING gekommen waren, gingen schon wieder und verpassten dadurch angepissten Oldschool-Pogo-HC-Punk mit giftigen deutschsprachigen Texten, die den politischen Rechtsruck zerpflücken, aber auch durchblicken lassen, dass man weiß, wie man Spaß hat. Die Band um den auch von SEKRETSTAU und FRONTEX bekannten Gitarristen Gizmo gönnt sich gleich zwei Sänger, die aber die meiste Zeit dasselbe und dazu auch recht ähnlich klingend keifen und brüllen. Da könnte man vielleicht etwas mehr draus machen. Der Bass hat einige coole Läufe im Angebot, Gizmo an der Klampfe schrubbt die Akkorde halbverzerrt dazu und haut immer mal wieder ‘ne simple Lead-Melodie raus. Ich glaube, das 2023 erschienene „Schräge Töne“-Tape wurde komplett durchgezockt; „Gib die Hülse her“ feierte unser Gitarrist Ole plötzlich pogend ab, nachdem er zuvor lediglich aufmerksam zugehört hatte. Instant-Lieblingssong! Mit „BWL“ gab’s ‘ne neue, bisher unveröffentlichte Nummer, nach ein paar weiteren eigenen Songs gefolgt von einem Cover-Block: „Bulle“ von HASS mit „Ganz Hamburg hasst die Bullerei“-Intro, „Scheiß drauf“ von RAPE (damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet!), NOTDURFTs „Arschkriecher-Einheitsfront“ usw. – sehr coole Wahl, nur war man gefühlt mittlerweile bei Song Nummer 25 und hatte sogar noch weitere im Köcher, während die Aufmerksamkeitsspanne, auch aufgrund der vorgerückten Stunde, beim einen oder anderen langsam, aber sicher erschöpft war. Dass nicht jeder Song auf Anhieb funktionierte und noch mal begonnen wurde, ist natürlich kein Beinbruch und passt zum Charme der Band, ein wenig Straffung hätte dem Set aber meines Erachtens gutgetan. Nichtsdestotrotz macht dieser authentische, rotzige, unangepasste und völlig trendresistente Sound immer Laune, insbesondere dann, wenn sich eine Art hungrige Hektik von der Bühne aufs Publikum überträgt.

Als krönender (?) Abschluss waren wir an der Reihe, nachdem wir seit unserer Ankunft wacker versucht hatten, den richtigen Pegel zu halten (gar nicht so einfach, denn als letzte zu spielen sind wir nicht gewohnt). Auf Limburger Pogo-D-Punk folgte also englischsprachiger Streetpunk aus Hamburg. Wir spielten alle Songs des „First Shots!“-Albums plus zwei Zugaben von der alten EP – und alles, was uns am vorausgegangenen Wochenende in Lübeck noch nicht so ganz geglückt war, funktionierte hier. Wir hatten eine tollen Bühnensound und entwickelten einen Spielfluss mit nur wenigen technikbedingten Zwangspausen. Ich hatte keine Texthänger und auch, wenn aus Christian hin und wieder die Marille sprach, quatschte er keine Opern. Die Lobusch brach zwar nun nicht mehr aus allen Dämmen, aber der Gig machte verdammt viel Spaß, zumal mein Körper meine angeschlagene Gesundheit per Adrenalinausstoß weitestgehend vergessen machte. Ein Typ, den ich nie zuvor gesehen hatte, kam an die Bühne und ließ wissen, dass er aus Afrika komme, ihm unsere Musik aber super gefalle. Ein Fan mehr! 😀 Er hatte sich aber auch den richtigen Auftritt ausgesucht, denn das dürfte unser bester seit dem „Relaunch“ der Band gewesen sein. Zwar war die Oi!-/Streetpunk-Szene Hamburgs nur spärlich vertreten, da sie offenbar überwiegend brav ins Docks gepilgert war, aber das war auch kaum anders zu erwarten gewesen. Paar Plünnen haben wir trotzdem verkauft – und ich bin froh, an das Thema „Release-Party“ endlich ‘nen Haken machen zu können. Gig-Anfragen sind uns natürlich immer willkommen, also ran an den Speck, so lange wir so gut eingespielt sind 😉

Riesendank an Andi und die Lobusch-Crew samt allen Helferinnen und Helfern, beide Bands, alle, die mitgefeiert haben, sowie an Sandy, Keith und Nickel für die Unmengen Schnappschüsse unseres Auftritts!

29.11.2025, VeB, Lübeck: BOLANOW BRAWL + THE UNMARKED + 1323

Die Anti Racist Skinhead Crew Lübeck hatte uns zu ‘nem Gig ins VeB eingeladen, mit THE UNMARKED aus Berlin und den Hamburger Kollegen von 1323 standen bald (THE UNMARKED) bzw. eher kurzfristig (1323) die anderen beiden Kapellen fest. Es sollte unser erstes Konzert in Lübeck seit unserem Auftritt mit THE NILZ im Jahre 2019 werden, zudem unser erster überhaupt seit Veröffentlichung unseres „First Shots!“-Albums und unser erster mit unserem zurückgekehrten Lead-Gitarristen Ole. Das VeB befindet sich auf dem „Walli“-Gelände direkt neben dem größeren Treibsand und in Bahnhofsnähe – ein gemütlicher kleiner D.I.Y.-Laden, in dem es zu fünft auf der Bühne etwas eng wird, der aber gerade für Auftritte kleinerer, keine Massen ziehenden Bands prädestiniert ist. Nebenan spielten die MONSTERS OF LIEDERMACHING, die mutmaßlich ein etwas größeres Publikum zogen…

Die Lübecker Skins versorgten uns mit einer reichhaltigen Getränkeauswahl, einer warmen Mahlzeit und für mich sogar einer „Extrawurst“ in Form eines köstlichen Risottos, nachdem ich die Frage nach etwaigen Lebensmittelunverträglichkeiten im Vorfeld recht ausführlich beantwortet und damit Aubergine, Rosenkohl und wie sie alle heißen ausgeschlossen hatte – wow, allein schon dafür besten Dank! Nachdem die Bühne aufgebaut war, wollte unsere weltbeste Fahrerin und gute Seele Sandy noch ‘nen anatolischen Imbiss aufsuchen, was wir kurzerhand mit einem Besuch des Weihnachtsmarkts verbanden. Gerüchten zufolge goss sich der eine oder andere lediglich heißen Kakao ein, was wiederum andere durch erhöhten Konsum alkoholhaltiger Heißgetränke glaubten kompensieren zu müssen und sich kaum wieder loseisen ließen, obwohl auch auf dem Walli-Gelände Glühwein ausgeschenkt wurde – herrlich bekloppt wieder.

Um kurz nach 22:00 Uhr machten 1323 dann den Auftakt mit überwiegend deutschsprachigem Hardcore-Punk der alten Schule, meist schön hektisch nach vorne peitschend, aber aufgelockert von diversen Offbeat-Parts und abwechslungsreich gehalten mit dem spanischen „La pinche soledad“, dem in doppelter Geschwindigkeit runtergeholzten CANALTERROR-Cover „Staatsfeind“ und als besonderem Bonbon „Police navidad“, das auf dem weltbekannten spanischen Weihnachtslied basiert. Gitarrist Phil und Basser Ali setzten sich Nikolausmützen auf, Drummer Andi ‘nen Bullenhelm und brüllte voller Inbrunst seine Festtagswünsche ins Mikro, während ich mich sorgte, dass unser spanisches Bandmitglied Urko einen Kulturschock erleidet. Ein grandioser Spaß. Ansonsten ging’s aber subgenretypisch eher ernst zu und nahm man in den Ansagen Bezug auf aktuelle politische Ereignisse. Weiteres bisher unveröffentlichtes Material klang vielversprechend, den Hauptgesang teilten sich der gesundheitlich angeschlagene Phil und Andi, und als geforderte Zugabe gab’s die Progrockoper „Bundeswehr“ von YACØPSÆ. Ein klasse Gig, bei dem in Sachen Raumakustik besonders der Basssound positiv hervorstach und optimal durchkam. Phil verabschiedete sich anschließend, um das Bett zu hüten (Gute Besserung und danke fürs Durchziehen!), während Ali offenbar solchen Gefallen an seiner Mütze gefunden hatte, dass er sie gar nicht mehr absetzte.

THE UNMARKED sind irgendwie typisch Berlin: Die Band vereint Angehörige verschiedenster Nationalitäten, die in der ehemaligen Mauerstadt zusammenfanden, auf Englisch miteinander kommunizieren – und natürlich über die Musik! Und die hat’s in sich: Flott gezockter Streetpunk US-amerikanischer Prägung, rau, melodisch und mit fetten Chören. Es war ihr erster Gig in der aktuellen Quartettbesetzung, und der ging ohne viel Federlesens von null auf hundert. Ohne viel Gesabbel reihten sie Song an Song, darunter ein THE-GC5-Cover. Zusammen erzeugten beide Gitarren einen fetten Sound, den die Rhythmusfraktion arschtretend nach vorne blies und der von Sänger Johns kratzigem Organ durchdrungen wurde. Pures Adrenalin und ein verdammt beeindruckender Auftritt einer Band, von der man mit Sicherheit noch einiges hören wird. Gemeinsame Gigs sind bereits angedacht!

Das konnten wir natürlich nicht toppen, aber darum geht’s ja zum Glück auch nicht. Uns als letzte Band zu platzieren, kann durchaus so’ne Sache sein – irgendwo zwischen optimistisch und grob fahrlässig –, wir sind’s bisher kaum gewohnt. Zudem haben wir in Flensburg unser Banner im Suff verloren, dafür hat Christian eine programmierbare Leuchtreklame besorgt. Banner 2.0. Digitalisierung – da sind wir ganz vorne mit dabei… Wir zockten die zwölf Songs unseres Albums in an die Livesituation angepasster Reihenfolge durch, hatten aber Schwierigkeiten, einen echten Spielfluss zu entwickeln. Offenbar hatten wir den Line-Check vorschnell mit „Passt schon!“ beschieden. Das hatte zur Konsequenz, dass Christian während des Sets bemerkte, seine Gitarre auf der monitorlosen, aber bis auf den Gesang auch nicht über eine P.A. abgenommenen Bühne nicht richtig herauszuhören und ständig nachzujustieren versuchte. Bis es wirklich besser wurde, dauerte es aber einige Songs. Die Zwangspausen versuchten wir mit dem üblichen Blödsinngequatsche zu überbrücken, während Raoul an den Drums schon den nächsten Song anzählte. Wie aus einem Guss wirkte das wohl eher nicht und üblicher Kleinkram wie mal ein Texthänger kam hinzu. Die zweite Hälfte flutschte aber besser, Spielrauschgefühl kam auf und als nach Zugaben gerufen wurden, spielten wir noch zwei Stücke der alten EP. Insofern war’s ‘ne ideale Generalprobe für unsere Record-Release-Party kommenden Samstag in der Hamburger Lobusch.

Ein geiler Abend war’s so oder so! Danke an die Anti Racist Skinhead Crew Lübeck, 1323, THE UNMARKED sowie das VeB samt allen Besucherinnen und Besuchern! Und nicht zuletzt danke an Sandy für die Schnappschüsse unseres Auftritts.

Frank Schäfer – BLAM! BLAM! BLAM! Ein Comic(ver)führer

Der Braunschweiger Frank Schäfer schreibt gern und viel über Musik und publiziert regelmäßig in diesem Metier, schiebt aber auch immer wieder Texte und Bücher zu Literatur dazwischen. Einige habe ich bereits gelesen und hier besprochen. Sein „Comic(ver)führer“ mit dem von Karsten Weyershausen ausgesprochen hübsch illustrierten Titel erschien im Jahre 2014 als rund 130-seitiges Taschenbuch im Reiffer-Verlag und widmet sich in seinen 25 Kapiteln ganz der Neunten Kunst.

Nach einem Vorwort, in dem ich mich mehr als nur ein bisschen wiedererkenne, skizziert Schäfer zunächst die Geschichte dieser besonderen Literaturform, geht auf Marvel und insbesondere deren Spiderman ein, empfiehlt einige anspruchsvoller klingende Titel, ehrt Charles M. Schulz und dessen Peanuts und huldigt Robert Crumb als erstem kommerziell erfolgreichen Underground-Zeichner. Er schreibt über Jean Giraud und vermittelt, was dessen Blueberry-Westerncomics so besonders macht, sowie über Girauds Science-Fiction-Alter-Ego Moebius, unter dem er freier und offener arbeiten konnte. Durchaus auch kritische Worte findet er zu Comics mit Musik(er)-Bezug und stellt Titel vor, die noch nicht ins Deutsche übersetzt vorlagen. Im Zuge der Auseinandersetzung mit „Zappaesk“ wird’s etwas hochtrabend und verkopft, ansonsten liest sich alles sehr angenehm und flüssig. Das Adjektiv „skrupulös“ verwendet er aber vielleicht etwas häufig und Schäfer-typisch haben sich wieder ein paar abgefahrene Fremdwörter eingeschlichen.

Mit einigen Zeichnern hat Schäfer persönlich gesprochen, beispielsweise mit Mawil und Kleist – wobei ich dieses Interview bereits aus dem Buch „Alte Autos und Rock’n’Roll. Der rasende Rezensent I“ zu kennen meine. Das darauffolgende zweite Gespräch mit Mawil jedoch war mir, wenn mich nicht alles täuscht, neu. Folgerichtig geht’s mit einem Interview mit Coming-of-age-Zeichner Arne Bellstorf weiter, den ich wohl unbedingt einmal lesen sollte. Dies gilt auch für Adrian Tomine, den mir dieses Buch näherbrachte. Mit Sascha Hommer spricht Schäfer über „Insekt“, bevor er weitere Musik-Comics vorstellt. Schäfer las Walter Moers‘ „Der Bunker“ ebenso wie „Phineas & Ferb“ und bespricht Ulli Lusts Comicadaption des Zweiter-Weltkrieg-Romans „Flughunde“. Über Tardis Kriegscomics lässt er sich ebenso aus wie über diverse auslandskorrespondistische Reportage-Comics und Howard Cruses in den 1960ern angesiedelten „Stuck Rubber Baby“ über Homosexualität und Rassismus in den USA sowie die erkämpften Veränderungen. Craig Thompsons Werk und „The Walking Dead” schließen das Büchlein ab.

Zum Thema des jeweiligen Kapitels werden Rezensionen anderer passender Werke eingeschoben, einige Schwarzweiß-Abbildungen peppen die Textsammlung auf. Dieser merkt man den Essay-Sammelbandcharakter an, als roter Faden zieht sich aber – wie üblich – Schäfers ehrliches Interesse und persönliche Begeisterung für die Gegenstände seiner Betrachtungen durch die Kapitel und Seiten. So erweitert sich auch der eigene Horizont beim Lesen, bekommt man doch einen Eindruck davon, welch breites Spektrum die Comicwelt bereithält und wie unterschiedlich die jeweiligen inhaltlichen Ansätze sein können. Der eine oder andere Comic-Tipp fällt dabei in jedem Falle ab.

Manuel Andrack – Meine Saison mit dem FC

Manuel Andrack, ehemaliger Redaktionsleiter und Sidekick der Harald-Schmidt-Show, ist bekennender Fan des 1. FC Köln. Das war ich auch einst, als ich nach der WM 1990 begann, mich auch für Vereinsfußball zu interessieren und feststellte, dass einige meiner Lieblingsspieler mit dem Domstadt-Club verbunden waren. Als ich erwachsen wurde, spielten andere Faktoren bei der Wahl des Lieblingsvereins eine Rolle – mit dem FC sympathisiere ich aber nach wie vor.

Im Jahre 2025 war dieser nach einem erneuten Ausrutscher, der ihn mal wieder eine Runde in Liga 2 drehen ließ, zurück ins Oberhaus aufgestiegen. Den Beginn der neuen Saison mit einem nun also wieder erstklassigen FC nahm ich zum Anlass, mir einmal Andracks Buch (nach einem über Wandern sein zweites) vorzuknöpfen, das 20 Jahre zuvor, nämlich 2005, im KiWi-Verlag erschienen war. Auch damals war der FC nach einer Zweitligasaison wieder aufgestiegen – und Andrack hatte versucht, bei so vielen Zweitligaspielen seines Teams wie möglich dabei zu sein, daheim wie auswärts. Eben davon handelt dieses von Tim Parks‘ „Eine Saison mit Verona“ inspirierte, rund 250-seitige Taschenbuch.

Über Andrack erfahren wir, dass seine Eltern ihn gar nicht zum FC, sondern zu Viktoria Köln mitgenommen hatten. Der 1. FC Köln hingegen war für ihn lange ein „Fernsehverein“ – wie für mich auch und noch immer. Mitte der 2000er war er zum „Fahrstuhlverein“ geworden, der zwischen den obersten beiden Ligen pendelte. Nun aber war Wolfgang Overath neuer Präsident und Europapokal-Huub-Stevens Trainer, womit man sich wesentlich besser als zuvor aufgestellt wähnte. Von Lukas „Poldi“ Podolski im Sturm ganz zu schweigen.

So weit zur Ausgangssituation. Andrack nimmt seine Leserschaft nun von Spiel zu Spiel mit, wobei jedes ein eigenes Kapitel bildet. Statt langweiliger Spielberichterstattung lässt er sich etwas einfallen, beschreibt beispielsweise sehr unterhaltsam das Spiel gegen Oberhausen als Drama in fünf Akten inklusive Diss gegen einen ehemaligen Kölner sowie Zeichnungen seiner Gesten. Er beschreibt das Drumherum, die Fahrten, fremde Stadien, den allgemeinen Zustand der Liga, die Entstehung neuer Fan-Gesänge, Begegnungen mit anderen (nicht nur) Fans, unternimmt historische Exkursionen, hat Anekdoten parat und ist zur Selbstironie fähig.

Einer meiner Favoriten: Der FC auswärts in Unter-fuckin‘-Haching an einem Montagabend (die Unsitte der Montagsspiele ist mittlerweile glücklicherweise passé). Gegen Auge nimmt er auf der Pressetribüne Platz und besucht auch die Jahreshauptversammlung. Das Kapitel zum Spiel gegen Eintracht Trier ist eine Ehrerbietung an seinen Vater. Zum Spiel in Duisburg kritisiert er die übertriebene Bullenpräsenz auf dem Weg zum Stadion. In der Winterpause zieht es ihn sogar zum Freundschafts- bzw. Testspiel gegen den FC Bayern. Und mitten in die Saison platzt der Skandal um den korrupten Schiedsrichter Robert Hoyzer.

Er gewährt Einblicke in Kölsche Karnevalsfangesäge, aber auch in die eine oder andere Terminschwierigkeit, die verhindert, dass er tatsächliche alle Spiele mitnehmen kann: Zum Spiel nach Dresden fliegt er zusammen mit der Mannschaft einen Tag vorher, wodurch er einige Interna erfährt, doch das Spiel wird witterungsbedingt abgesagt. Zum Nachholspiel an einem Mittwoch kann er nicht. Das nächste Spiel gegen Saarbrücken muss er sich krankheitsbedingt im TV ansehen, das Rückspiel gegen Oberhausen kann er wegen eines Auftritts mit Harald Schmidt nur im Videotext verfolgen und auch beim Rückspiel gegen ‘haching fehlt er aus dem gleichen Grund. Gegen Fürth sucht er ausnahmsweise seinen ehemaligen Stehplatz in der Südkurve wieder auf und berichtet von seinen Erfahrungen mit den Ultras. Und einmal geht er sogar wieder, wie früher als Kind, zu Viktoria, um sich vom FC zu erholen. Nach Aue fährt er einen Tag früher und gibt sich Landschaft und Kultur. Dort wird dann bereits am 31. Spieltag der Aufstieg perfekt gemacht, gegen Trier setzt es im Anschluss aber die erste Heimniederlage.

Wirklich kritische Worte zum DFB- und DFL-Fußballzirkus findet man nicht viele, zumindest erwähnt er aber auf Seite 207 den Quasi-Erwerb ganzer Vereine durch „absolutistische Vereinsherrscher“ wie Dietmar Hopp, dessen Hoffenheimer es zum damaligen Zeitpunkt bereits bis in die dritte Liga gebracht hatten. Dass ihm solche Modelle lieber sind als Werksvereine kann ich jedoch nicht unterschreiben und ist möglicherweise seiner Abneigung gegen Bayer Leverkusen geschuldet.

Jedes Spieltagskapitel schließt mit einer Übersicht über alle Ergebnisse und die jeweils aktuelle Tabelle, ein paar Schwarzweißfotos lockern den Text auf und im Anhang findet sich eine Übersicht über den Spielerkader der Saison 2004/05. Den Paraphrasierungskonjunktiv beherrscht Andrack leider nicht, ansonsten liest sich seine Schreibe aber angenehm und niedrigschwellig. Auch wer sich weder für den 1. FC Köln noch überhaupt für Fußball interessiert, findet hier aufschlussreiche Einblicke in die Psyche und Emotionen eines Fußballfans sowie in dessen Freizeitgestaltung mit ihren schönen und weniger schönen Seiten, wenngleich Andrack verglichen mit dem typischen Stehplatzkarteninhaber natürlich das eine oder andere Privileg genießt. Das Happy End für Andrack und den FC ist der beste Abschluss, den er sich für sein Buch hätte wünschen können.

20 Jahre später gelesen hat dieses Buch auch etwas Nostalgisches, allein schon wegen der anderen Mannschaften, die sich damals so in der zweiten Liga tummelten. Aber wo war eigentlich der FC St. Pauli? Tja…

09.11.2025, Metropolis-Kino, Hamburg: THE TYPHOONS

Im Rahmen des großartigen „Monster machen mobil“-Filmfestivals, das im Hamburger Metropolis satte vier Tage lang stattfand, gab es am Sonntag im Vorprogramm des vergnüglichen mexikanischen Batgirl-Rip-Off-Trash-Heulers „Draculas Tochter und Professor Satanas“ anstelle einer Trailer-Show einen Live-Auftritt der lokalen Surf-Rock’n’Roll-Legende THE TYPHOONS (aus Schulau bei Wedel bei Hamburg). Die hatte ich vor etlichen Jahren mal in der Wedeler Villa live gesehen und als überaus kompetent abgespeichert, seither aber nicht mehr das Vergnügen gehabt.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange die spielen würden oder wie das im opulenten, nicht vollständig, aber durchaus großzügig gefüllten Kinosaal klingen würde, und ließ mich einfach überraschen. Nach einer launigen Ansage und dem Versprechen an die furchtlos die erste Reihe besetzenden Gäste, einen Hörschaden davonzutragen, ließ es die mit zwei Gitarren spielende Band ordentlich krachen – und siehe bzw. höre da: Der Sound war perfekt! So kam der klassische, (bis auf Zwischenrufe des Bassers) instrumentale ‘60s-Surf-Sound mit ordentlich Reverb und Twang optimal zur Geltung und stimmte auf das pulpige Filmvergnügen ein. Nach einer Handvoll Songs suggerierte man, auch noch Zugaben spielen zu können, was dankend angenommen wurde. Ich glaube, das rasante „Barracuda“ bildete nach einer guten halben Stunde den Schlusspunkt eines klasse Auftritts in besonderem Ambiente – und das am Sonntagmittag! Verrückt.

Christian Ulmen – Für Uwe

Der umtriebige Medienschaffende Christian UImen versuchte sich mit „Für Uwe“ (wenn ich richtig informiert bin erstmals) auch als Belletristik-Autor. Im Mittelpunkt des rund 220-seiten starken, im Juli 2009 bei Rowohlt erschienenen Taschenbuchs steht Ulmens Kunstfigur Uwe Wöllner, ein zurückgebliebener Erwachsener, den er ursprünglich für die humoristische Reality-TV-Serie „Mein neuer Freund“ gespielt hatte und auch im Nachfolgeformat „ulmen.tv“ mit viel Inbrunst verkörperte. Das in 22 Kapitel plus Pro- und Epilog sowie ein Bonuskapitel und Danksagungen aufgeteilte Buch schreibt Ulmen aus Uwes Perspektive, schlüpft also einmal mehr in die Rolle.

Es handelt sich um eine Art verspätete Coming-of-age-Geschichte, denn nachdem Uwes Mutter infolge eines Unfalls unerwartet gestorben ist, zieht das „Muttersöhnchen“ 31-jährig aus dem Elternhaus in Hannover-Garbsen aus bzw. wird ausgezogen: Sein Vater möchte, dass Uwe endlich lernt, auf eigenen Beinen zu stehen, drängt ihn dazu, dessen kleine Eigentumswohnung in Berlin zu beziehen und besorgt ihm einen Job – Uwes ersten überhaupt – bei einem Bestatter.

Zu Beginn bringt Ulmen einige Zitate aus und Referenzen auf „Didi, der Doppelgänger“ unter, einem der Lieblingsfilme Uwes (sein Zweitlieblingsfilm ist „Ghostbusters“). Ulmen versucht, Sprache und Satzbau einfach zu halten, trotzdem wirkt vieles out of character. Das beginnt damit, dass Uwe niemals ein Buch schreiben würde und dass, wenn er es täte, er kein Wort wie Okularen für Augen verwenden würde und vermutlich auch keinen Genitiv. Damit es flüssig lesbar bleibt, hält sich Ulmen mit Uwes typischem Duktus zurück, beschränkt sich weitestgehend auf „goil“ und die charakteristischen „Herrn“- und „Herr“-Verwechslungen. Ein gutes Beispiel für die Vermischung von Uwe-Duktus und für Uwe arg unrealistische Schreibweise findet sich auf S. 54:

„Ich wollte Herr Weiß zu erkennen geben, dass ich von dem Antlitz der Hinterbliebenen genauso erschüttert war wie er. Und so grimassierte ich ihm meinen Ekel entgegen, als sich Herr Ringiers übelst unansehnliche Tochter umdrehte, um uns in Haus zu führen. Herrn Weiß blieb ungerührt.“

An diese Stil-Mixtur muss man sich gewöhnen, was jedoch recht schnell gelingt. Uwe bezieht seine soziale Intelligenz aus dem Privatfernsehen, u.a. Trash-Talkshows, und erwähnt interessanterweise wiederholt Collien Fernandes, mit der Ulmen kurz nach Veröffentlichung des Buchs zusammenkam. Wie mein Chef bringt Uwe Sprichwörter und Redewendungen durcheinander. Ganz beiläufig erhält man Kenntnis von diversen Fremdschammomenten, aber auch eigentlich sehr Traurigem aus Uwes bisherigem Leben.

„Den Heiratsdokumenten entnahm ich die genaue Anschrift meiner Frau.“

Als Leserin oder Leser begleitet man also einen 31-jährigen Zurückgebliebenen, der nicht weiß, dass er zurückgeblieben ist und sich selbst völlig normal findet, beim Erwachsenwerden, was für Uwe bedeutet: Er freundet sich in Berlin mit Pubertierenden aus prekären Lebensverhältnissen an und verliebt sich unsterblich in die rumänische Prostituierte Malina, die ihn in die zwischenmenschliche Sexualität einführt und irgendwann erkennt, dass sie ihn ausnutzen kann, was er jedoch nicht kapiert. Bei „ulmen.tv“ war Uwe ein geistig Behinderter, der zugleich ein empathieloser Arsch war, was Ulmen als Grundlage für so etwas wie Sozialexperimente nutzte. Dies steht hier nicht so sehr im Vordergrund, Uwes Besuch einer Prostituierten gegen Ende von „ulmen.tv“ dafür umso mehr. Denn im Finale des Buchs wird deutlich, was es für ihn bedeutete, als der, der er ist, überhaupt einmal Sex zu haben, womit ein gesellschaftliches Tabuthema angeschnitten wird, für das Ulmen aber auch keine Patentlösung präsentiert. Die Beschreibungen sind übrigens sehr explizit und würden als Film keine Jugendfreigabe erhalten. Die feine konservative Gesellschaft, der Uwes Vater angehört, bekommt ein paar Seitenhiebe zu spüren, ihre Bigotterie wird aber leider nur angerissen. Malina wiederum wird nicht als durchtrieben und böse charakterisiert, allein schon, weil sie es für Uwe nicht ist – und für Ulmen offenbar auch nicht.

Das Bonuskapitel wollte der Verlag (laut Uwe) angeblich nicht haben, konnte aber ins Buch geschmuggelt werden. Ein paar wenige kleine Rechtschreibfehler sind dem Korrektorat durchgerutscht und wenn mal ein Konjunktiv falsch ist, weiß man eben nicht so genau, ob das Uwe- oder Ulmen-Duktus ist. Ein sehr unterhaltsames, überraschend lesenswertes Buch, das in Hinblick auf seine behandelten Themen zum Mit-, Nach- und Weiterdenken einlädt.

Fuchsi – Zorro: Der Rächer der Enträchteten

Der leider bereits im Jahre 2000 verstorbene Peter „Fuchsi“ Fuchs war zunächst Karikaturist und Comiczeichner, später Schriftsteller und Maler. Er arbeitete für die Tageszeitung „taz“ und debütierte mit seiner Figur Zorro, einer modernisierten Variante der klassischen Romanfigur, in Buchform 1982 in der Satirecomic-Zusammenstellung „Friede, Freude, Eierkuchen“, einer frühen Veröffentlichung des Semmel-Verlachs. 1983 folgte ebendort sein Solo-Einstand „Zorro – Der Rächer der Enträchteten“, ein Schwarzweiß-Band humorig-satirischer Funnys in typischer Semmel-Verlach-Größe, rund 150 Seiten stark.

Das (ohne Seitenzahlen leider nicht sonderlich sinnvolle) Inhaltsverzeichnis ist im Stil der Tagesübersicht einer Fernsehzeitung gefertigt und damit bereits zum Einstieg ein origineller Hingucker. Die Inhalte und Panels sind in ihren Größen dynamisch, folgen keinem starren Raster. Das Buch ist unterteilt in verschiedene Themenbereiche bzw. Sendungen, denn Zorro sitzt die ganze Zeit vor der Glotze und sieht sich selbst in den kurzen Gags und Geschichtchen (was etwas seltsam ist). Die Schöpfungsgeschichte, in deren Zuge auch Zorro geschaffen wird, mutet auch noch etwas eigenartig an und generell ist mancher Gag besonders in der Retrospektive ziemlich flach.

Aber längst nicht jeder! Richtig gut, weil voller Realismus und Zeitkolorit ist beispielsweise eine Geschichte, die Partei für Hausbesetzungen ergreift, in der viele Punks vorkommen und in der ein Prügelbulle umzudenken beginnt. „Wie werde ich ein kollektiv?“ ist eine ganz neue Version der Bremer Stadtmusikanten inklusive Finanzierungsberatung durch Dagobert Duck, böse schwarzhumorig hingegen „Der Recher der Schutzbedürftigen“, der mit der Angst vorm Dritten Weltkrieg spielt.

Etliche Gags sind indes lediglich eine Seite kurz. Für ein paar wenige, panelreichere Geschichten wirkt das Format hingegen fast zu klein. Bis auf die Titel hat das alles nichts mit Zorro, wie man ihn kennt, zu tun, was natürlich Teil des Spaßes ist. Ab und zu fehlt ein Satzzeichen oder ist ein Wort falschgeschrieben, was den noch nicht hundertprozentig professionellen Anfängen des Verlags geschuldet sein dürfte.

„Zorro“ ist ein typischer, grundsympathischer Anarcho-Comic der Semmel-Anfangsjahre, in dem, wenngleich das eine oder andere aus heutiger Sicht etwas naiv anmuten mag, noch immer viel Wahrheit steckt.

Wolfgang Sperzel – ABS

Der Hamburger Comiczeichner und Cartoonist Wolfgang Sperzel, der insbesondere mit seinem zweiten Album „Rast(h)aus“ seinem Hass auf Autos freien Lauf ließ, hatte gewissermaßen die Seiten gewechselt und im Jahre 1993 begonnen, wöchentlich Cartoons für die Zeitschrift „Auto-Bild“ zu zeichnen. Diese erschienen 1995 zu einem rund 60-seitigen Softcover-Album zusammengefasst im Achterbahn-Verlag. Es war der vorletzte Comicband Sperzels.

Hauptsächlich handelt es sich um ganzseitige, einpanelige Cartoons, manche erzählen auch in mehreren Panels kleine Geschichten. Länger als eine Seite ist aber nichts – Cartoons statt „richtiger“ Comicgeschichten eben. Diese sind mal farbig, mal grau, mal schwarzweiß, eigenartigerweise sind manche sogar lediglich als Bleistiftskizzen enthalten.

„Auto-Bild“ hin oder her – auch hier bekommen Autofahrer in Sperzels Funny-Stil humorvoll ihr Fett weg, jedoch nicht nur: Unwirtliche Situationen, in die sie gelangen oder gezwungen werden, sind die Kehrseite der Medaille, die Sperzel ebenso aufgreift. Er war also nicht unbedingt altersmilde, aber differenzierter und etwas verständnisvoller geworden. Am schönsten ist es aber nach wie vor, wenn er den deutschen Auto-Fetisch und daraus resultierende Absurditäten aufs Korn nimmt.

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