Kiki hatte durchblicken lassen, dass HEADLIGHT, die Country-Cover-Kapelle meines alten Kumpels Norman, im Städtchen Buchholz in der Nordheide spielen sollte, und zwar umsonst und draußen. Nachdem ich diese im Winter erstmals live gesehen hatte und sehr angetan war, sprach eigentlich nichts gegen meine Partizipation, denn in der Theorie passte alles: Ich konnte an diesem Freitag zeitig Feierabend machen, hatte in Wintermoor etwas zu erledigen, wofür ich ohnehin über Buchholz fahren musste, und wäre auf dem Rückweg pünktlich zum Konzertbeginn um 19:30 Uhr vor Ort gewesen. Durch die Umsetzung in der Praxis machte die Bahn aber einen dicken Strich. Die Sommerferien hatten begonnen, was bedeutet, dass die S-Bahn auf der gefürchteten, weil besonders störungsanfälligen Linie S3, die das niedersächsische Stade mit dem Schleswig-Holstein’schen Pinneberg verbindet und dazwischen durch ganz Hamburg gondelt, auf einem insbesondere für Berufspendler wichtigen Teilabschnitt einmal mehr für Bauarbeiten gesperrt wurde. Den Ersatzverkehr mit Bussen tut sich keine vernunftbegabte Kreatur an, also weichen alle auf die Regionalbahn aus, um zum Verkehrsknotenpunkt Harburg zu gelangen. Ausgerechnet diese musste auch ich nehmen, um nach Buchholz zu gelangen. Meine S-Bahn zum Hauptbahnhof fiel sang- und klanglos aus, ohne dass es eine entsprechende Durchsage gegeben hätte, die elektronischen Zugzielanzeiger zeigten nur Kokolores an. Reine Glückssache alles an solchen Tagen. Dank eingeplantem Puffer kam ich trotzdem rechtzeitig am Hamburger Hbf an, wo ich vom Gleiswechsel der Regionalbahn erfuhr. Ok, kein Ding. Am Bahnsteig aber bot sich mir ein Bild des Grauens: Menschenmassen, die sich in verschiedene Richtungen schoben, teils mit Kinderwagen, mit Rollatoren oder viel Gepäck. Auch hier auf den Anzeigetafeln nur Falschinformationen (besonders schön: „Bitte nicht einsteigen!“), ein perfektes Chaos.
Bis alle eingestiegen waren, verging Minute um Minute. Pünktlich würde ich hier nicht loskommen, so viel stand fest. Doch noch hatte ich Glück und konnte sogar einen Sitzplatz ergattern. Ha! Doch der Zug setzte sich noch lange nicht in Bewegung. Zunächst musste zigmal durchgesagt werden, dass der Türbereich freigemacht werden müsse, damit diese schließen könnten. Dann eilte das Zugpersonal hastig durch die Abteile, um die Türen manuell zwangszuschließen. Irgendwann ging’s dann endlich mit massiver Verspätung los. Am ersten Zwischenstopp versagte jedoch kurzzeitig eine dieser hochsensiblen Türen ihren Dienst, was ein weiteres Eingreifen des Personals erforderlich machte und noch mehr Verspätung erzeugte. Schnurz, denn wie ich per Durchsage erfuhr: Mein Anschlusszug, der mich von Buchholz nach Wintermoor bringen sollte, hatte ungefähr eine halbe Stunde Verspätung, wodurch ich ihn in jedem Falle noch bekommen würde…
Den Buchholzer Bahnhof hatte ich noch nie so voll gesehen wie an diesem späten Nachmittag; offenbar wollten Etliche diese an jeder Milchkanne haltende Heidebimmelbahn nutzen, um mit ihrem Reisegepäck nach Hannover zu gelangen und von dort in den Urlaub zu starten. Durchsagen am Bahnhof gab es keine, von einer Anzeigetafel ganz zu schweigen. Blicke in die HVV-App verdeutlichten aber, dass die Verspätung immer höhere Ausmaße annahm. Gut, erst mal schiffen gehen. Das einzige Bahnhofsklo war „wegen Vandalismus geschlossen“, nebenan stand aber ein vollgesifftes Dixi, in dem ich meine Duftmarke addieren konnte. Als die Bahn endlich eintrudelte, dauert es noch mal ewig, bis sich alle wie die Ölsardinen hineingezwängt hatten. Das Personal half, die Fahrgäste auf die drei Waggons aufzuteilen, bis es irgendwann mit einer einstündigen Verspätung oder so losging. Für eine rund 20-minütige Strecke wohlgemerkt! Diesmal hatte ich keinen der raren Sitzplätze, aber Lieblingsmusik auf dem Ohr und mache auf stoisch alles über sich ergehen lassenden Mönch. Wenigstens war der ganze Bums an diesem heißen Sommertag klimatisiert. Man ließ sich aber weiterhin alle Zeit, hielt irgendwo, wo die Strecke tatsächlich mal mehrgleisig wurde, um den entgegenkommenden Zug vorbeizulassen, und tuckerte dann in aller Seelenruhe weiter. Irgendwann ließ ich mich in Wintermoor ausspucken, beobachtete noch, wie das Bahnpersonal aus den Fenstern ihrer Kabuffs kletterte, um von außen irgendwo irgendwie einzugreifen (Kollabierte Fahrgäste? Defekte Türen? Reifenplatten?), aber das hatte alles nichts mehr mit mir zu tun und so genoss ich die Abwesenheit jeglicher Menschen. Irgendwann wollte ich den Rückweg antreten, um mir HEADLIGHT anzusehen, ‘n kaltes Bierchen zu zischen und ‘ne Pommes zu verknusemafatzeln. Müßig zu erwähnen, dass die ursprünglich geplante Bahn zeitlich keine Option mehr war. Mit der nächsten wäre ich so oder so zu spät gekommen, auch ohne die zehnminütige Verspätung, die nun am Bahnhof angezeigt und durchgesagt wurde. Diese waren schnell um, dann allerdings wurde zu dieser Bahn lange Zeit gar nichts mehr gesagt und nur die darauffolgende Bahn angezeigt, ganz so, als sei sie verschollen oder habe schlicht aufgegeben. Nach einer halben Stunde oder was weiß ich kam sie dann doch. Kein Sitzplatz zwar, aber auch kein so fieses Gedrängel. Mit dem Konzert hatte ich allerdings schon abgeschlossen, nun lockten nur noch Bier und Pommes.
Zurück in Buchholz stellte ich erfreut fest, dass ich lediglich die Hälfte verpasst hatte, denn ich kam pünktlich zur Pause zwischen den Sets. Allerdings spielten HEADLIGHT nicht, wie ich zunächst angenommen hatte, auf einem Stadtfest oder so, sondern auf der Rampe des Sozialkaufhauses der AWO. Es gab Bier, aber keine Pommes, dafür Kekse und Blaubeeren. Und HEADLIGHT! Die spielten vor um die zwei Dutzend Menschen, von denen die einen standen und die anderen es sich auf den bereitgestellten Stühlen bequem gemacht hatten. Kiki bot mir ihren Stuhl an und so pflanzte ich mich dazu, um dem Sextett zu lauschen. Der Aufbau war diesmal insofern reduziert, als der Drummer samt seinem Kit durch einen zurückhaltendere Percussions beisteuernden Kollegen ersetzt worden war, wodurch die Performance noch etwas intimer wirkte. Auch Normans E-Gitarre blieb diesmal im Koffer, er beschränkte sich auf die akustische. So coverte man sich durch liebgewonnene und unverwüstliche Klassiker wie „Wagon Wheel“, Buddy Hollys „It’s So Easy!“, Dolly Partons „Jolene“, Del Shannons „Runaway“, Steve Goodmans „City of New Orleans” (dem „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“-Original), Tammy Wynettes „Stand By Your Man“, Johnny Cashs „Daddy Sang Bass“, CCRs „Proud Mary”, zwischendrin ein Medley inklusive Simon & Garfunkels „Mrs. Robinson“ und als Zugabe „Save the Last Dance for Me“. Der Begriff Country wurde also eher breit ausgelegt, und wie in Buxtehude brillierten Manuela und Norman als Gesangsduo, während die Songs durch die Instrumentierung inklusive eines Keyboards eine sehr individuelle Note erhielten und dadurch gewannen. Der ideale Soundtrack zum Bierchenzisch nach einem derart stressigen, aber eigentlich herrlich sonnigen Tag. Mit Pommes wär’s perfekt gewesen! Bald darauf verabschiedete ich mich von Kiki und Norman, fuhr mit einer nur noch zehn Minuten verspäteten Bahn zurück nach Hamburg, zog mir ‘ne Pommes ‘nen Döner und bereute es trotz allem kein bisschen, das WM-Viertelfinalspiel dafür versäumt zu haben. Und ins Buchholzer AWO-Kaufhaus muss ich demnächst mal in Ruhe stöbern kommen – dann hoffentlich ohne Bahnchaos from hell…
P.S.: Unter dem Banner „Musik von der Rampe“ finden dort anscheinend öfter mal solch sympathische kleine Konzerte statt, also am besten die Augen offenhalten.





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