Günnis Reviews

Monat: November 2009

17.11.2009, Color Line Arena, Hamburg: CANCER BATS + SILVERSTEIN + BILLY TALENT

eine bravo/mtv-band wie billy talent in der hamburger ultrakommerzhalle – das musste ich mir einfach mal geben. zuviele größere bands, die ich sehr schätze und deren alben sich regelmäßig auf meinem plattenteller drehen, habe ich ich nicht live sehen können. entweder, weil sie sich bereits aufgelöst hatten, als ich sie für mich entdeckt habe, oder weil ich bisher jede gelegenheit aufgrund höherer eintrittspreise o.ä. habe verstreichen lassen. als billy talent vor sieben jahren im molotow spielten, kannte ich sie noch gar nicht und nach der tour zum zweiten album habe ich mich geärgert, nicht auf eines der konzerte gegangen zu sein. also biss ich jetzt in den sauren apfel, kaufte für ca. 35,- € ein ticket und wohnte dem hamburger konzert der tour zum dritten album in der color line arena bei. dort war ich noch nie zuvor, ging aber vom schlimmsten aus – und meine erwartungen wurden bestätigt. das publikum bestand zu einem nicht unerheblichen anteil aus bravo-kids in begleitung ihrer eltern oder großeltern und teenie-pickelfressen allenthalben. in der arena selbst dann überteuerte fressstände, wohin man blickte. das meiste davon hoffnungslos überteuerter schlangenfraß, den man den verkäufern eigentlich um die ohren hauen sollte. bierpreise wie im puff (0,5l 3,90 € + 2,- € becherpfand) und kein einziger indoor-raucherbereich bei absolutem rauchverbot.

pünktlich um 20:00 uhr begann dann die erste vorgruppe „cancer bats“ und wir nahmen auf unseren uns zugewiesenen sitzplätzen platz, irgendwo hinten rechts. mein erstes konzert, das ich auf einem sitzplatz in einer übrigens verdammt engen sitzreihe verbrachte… vor mir frauen mittleren alters, die mit bescheuerten knicklichtern rumwedelten, hinter mir teenies der emo-generation. die „cancer bats“, wie auch die anderen beiden bands aus kanda, spielten modernen, harten metal mit hardcore-anleihen und waren dem großteil des publikums zu hart. einige zeigten sich überrascht ob der gebrüllten ansagen des sängers, die meisten langweilten sich aber einfach. kein wunder, waren von den meisten positionen der sitzplätze aus die musiker lediglich als minifigürchen auszumachen, da nur die hauptband per kamera auf die videoflächen projiziert wurde. somit war das ganze vollkommen unpersönlich und nicht sonderlich aufregend. die zweite band „silverstein“ kam hingegen weitaus besser an, viele schienen die band zu kennen. der erste song hat mich positiv überrascht, klang fast wie ein guter, hymnischer horror-punk-song. danach flachte die band aber sehr ab, emo-gejaule mit eingestreutem rumgerülpse. das gerülpse gefiel mir, der rest nicht. nun hatte ich es aber überstanden – beide vorbands spielten keine zugaben und endlich sollten „billy talent“ loslegen. die band betrat die bühne, sämtliche sitzplatzinhaber erhoben und meine bei den vorbands eingeschlafene (!) freundin wurde schlagartig hellwach. eröffnet wurde mit zwei oder drei hits von den ersten beiden alben und endlich wurden die bilder auf die beiden video-monitore übertragen. kameraleute und regie machten ihre sache gut und fingen die stimmung auf der bühne ein. der sänger war agil und verlieh, wie von mir gehofft, den richtigen songs im vergleich zu den studio-versionen noch mehr aggression. der gitarrist sah fast die gesamte zeit über derbe angestrengt aus und schwitzte und tropfte wie die sau. klasse darbietung auf der bühne und der sound war auch ok (gesang manchmal etwas blechern). in die songauswahl wurden natürlich einige schwächere songs des zwiespältigen aktuellen albums aufgenommen, aber ein „turn your back“ beispielsweise entpuppte sich als absolute live-granate. mein persönlicher höhepunkt war aber „this is how it goes“, einer meiner lieblingssongs. vermisst habe ich lediglich „voices of violence“, aber ich ging ohnehin nicht davon aus, dass dieser vermutlich straighteste, punkrockigste song der band es ins set geschafft hätte. nach drei zugaben war dann schluss.

letztendlich habe ich den besuch des konzerts kein bisschen bereut, wenigstens einmal muss man sowas mal mitgemacht haben. die 35,- € eintritt, fairerweise inkl. freier hvv-nutzung und shuttle-service zum veranstaltungsort, fand ich jetzt auch weniger wild, so manches exzessive punk-konzert mit anschließendem kiez-besuch kam mich da teurer zu stehen. trotzdem war das natürlich alles 0% punkrock.

aber dafür kann ich jetzt ein häkchen hinter „billy-talent-konzert besuchen“ machen.

DIE SKEPTIKER – FRESSEN UND MORAL CD

(www.rozbomb.de) / (www.dieskeptiker.de)

Die Ostberliner SKEPTIKER haben nach ihrer Reunion im letzten Jahr und dem neu eingespielten Best-Of „DaDa in Berlin“ ein neues Studioalbum auf die Menschheit losgelassen… und ausgerechnet ich, der ich nun wirklich nicht zu den Fans der Combo gehöre, wurde mit der schwierigen Aufgabe betraut, etwas darüber zu schreiben. Tja, noch immer geht mir Eugens Gesang schwer auf die Eier, dieses pathetische Gejodele, das in so mancher Metal-Band oder auch in der Oper besser aufgehoben wäre. Unterlegt mit typischem Midtempo-Punk-Sound, der hier und da zwar ’ne nette Melodie aus dem Ärmel schüttelt, über weite Strecken aber auch langweilig mit angezogener Handbremse agiert. Die Texte natürlich wie üblich sozial- und gesellschaftskritisch und auch mal eher persönlicher Natur. Auch auf dieser Platte sagt mir diese Mischung leider überhaupt nicht zu und wenn ich mir dann auch noch das aufdringliche Infoblatt durchlese, in dem die Rede von „Bollwerk des deutschen Straßenpunks“, „Punk-Legende“, „Anarcho-Poet Eugen“ und „Meilensteinen des deutschen Pogo-Rock“ die Rede ist, frage ich mich ernsthaft, in welchem Paralleluniversum sich DIE SKEPTIKER eigentlich aufhalten und durch welchen Riss im Raum-/Zeit-Kontinuum diese Platte in meinem CD-Player gelandet ist. Aber langjährige Fans der Band werden auch „Fressen und Moral“ vermutlich mögen. Ich hingegen bin froh, dass ich diese Rezension jetzt hinter mir habe. Zur Aufmachung kann ich nämlich nichts weiter sagen, da mir nur eine Vorab-CD im Pappschuber vorliegt. 13 Songs (einer davon „versteckt“) in 35 Minuten, einer davon mit Violinenbegleitung von CITY-Joro und einer mit Gunnar von DRITTE WAHL im Chor. Ich kneif mir mal ’ne explizite Bewertung… Günni

KEIN HALT IN FREIMANN 2CD

(www.kein-halt-in-freimann.de)

Ein Punkrock-Hörpiel?! Was es nicht alles gibt, heutzutage… „Kein Halt in Freimann“ spielt im München der Gegenwart und dreht sich um den Protagonisten Fränk, der seine Jugend längst hinter sich hat, sich aber nach wie vor der Subkultur verbunden fühlt und dementsprechend vorhat, ein Konzert der Punkband GUMBABIES aufzusuchen, während der Hörer seine Biografie und seine heutige Einstellung zur Szene kennenlernt. Im Prinzip also genau das Richtige für uns alte Säcke hier, haha. Zwar wirken die Stimmen zunächst noch etwas aufgesetzt und dadurch gewöhnungsbedürftig, aber man ist schnell drin in der Geschichte um Fränk, der einen kritischen Blick zurück auf die Szene wirft und nicht nur positive Erinnerungen mit ihr verknüpft, mittlerweile aber sehr vernunftorientiert unterwegs ist und mit stumpfen „Assel-Punks“ so gar nichts anfangen kann. Das mag besonders Jüngeren oder Hardlinern vielleicht ziemlich spießig und bieder erscheinen, mir aber kommt vieles aus eigenen Erfahrungen heraus sehr bekannt vor, was letztendlich die Identifikation mit Fränk ermöglicht. Dieser befindet sich wie gesagt auf dem Weg zu einem Konzert, auf dem es zu einem Konflikt mit einem böse abgerutschten Ex-Kumpel kommt, der später in öffentlichen Verkehrsmitteln fortgeführt wird. Insbesondere der kritische Blick zurück dürfte so manchem Hörer etwas älteren Semesters aus der Seele sprechen, für junge Chaos-Punks ist „Kein Halt in Freimann“ auch mit seinem, naja, „Showdown“ (?) aber bestimmt zu unspektakulär. Nicht zuletzt die liebevolle Machart mit vielen eingespielten Songs trug aber letztendlich dazu bei, dass mich persönlich das Hörspiel gut unterhalten hat und ich mich über eine Fortsetzung nicht beklagen würde… Schade nur, dass eine ganz besondere Spezies Punk so gar nicht berücksichtigt wurde: Was ist denn mit Leuten wie mir, die nüchtern ähnlich vernunftbetont sind wie Fränk, besoffen aber trotzdem in die U-Bahn-Mülleimer pinkeln? CD 1 enthält das 63-minütige Hörspiel, CD 2 den kompletten Soundtrack mit vielen eher unbekannten Bands wie TAXGAS, GUMBABIES, BRAINBUCKS, POCK etc. und umfasst 13 Songs in 44 Minuten. Im stilvoll aufgemachten Booklet werden alle Interpreten kurz vorgestellt und sind alle Texte abgedruckt. Günni

GLEICHLAUFSCHWANKUNG – KOTZ IN SCHRANK DVD

(www.saalepower-records.de) / (www.gleichlaufschwankung.de)

Wie es scheint, haut heutzutage jede Punkband, die was auf sich hält, eine DVD raus. Klar, dass die stetig am Puls der Zeit agierenden ostdeutschen Trash-Könige von GLEICHLAUFSCHWANLUNG sich diesem Trend nicht verschließen und das Medium voll ausreizen, um mittels modernster Videotechnologie ihre intellektuellen Gassenhauer und hintergründigen Schenkelklopfer visuell zu untermalen und endlich auch in die Heavy Rotation bei MTVIVA zu gelangen. So kam es, dass man gleich 18 formidable Videoclips zu Hits wie „Devotchka nimm Pflasterstein“, „Punks Understand No Fun“, „Sex in Portugal“ oder „Atomeisbrecher“ produzierte, deren hollywoodartige und Regisseure wie Francis Ford Coppola oder John Landis in den Schatten stellenden Rohentwürfe aufwändig nachbearbeitet und retuschiert wurden, um den GLEICHLAUFSCHWANKUNG-typischen, charmanten Amateurgeist zu versprühen und das perfekte Äquivalent zum schrägen Trash-Punk der Combo zu bieten. Als Nebendarsteller rekrutierte man die schönsten Frisuren, die Torgau momentan zu bieten hat sowie die China-Skins von MISANDAO und arbeitete viel mit dem auf zahlreichen Reisen Toralfs und Tanja Trashs gedrehten Material aus Asien und sogar dem weit entfernten Bayern. Und als ob das nicht schon reichen würde, bekommt der Zuschauer auch die höchst romantische Punker-Hochzeit der beiden präsentiert. Meine Highlight sind aber „Vokuhila“ („Vorne kurz und hinten lang – ich bin der Vokuhila-Punk!“), die Anti-Oettinger-Hymne „Scheiß Bier!“ und der Todesstoß eines jeden Vegetariers, „Essen für den Weltfrieden“ („Mir woll’n keene Rassisten sinn, drum schieben wir uns alles rinn!“) inkl. Kotzgarantie. Wer alle 18 Attacken auf den guten Geschmack überstanden hat und zu cool fürs Fremdschämen ist, kann sich dann noch 21 Live-Videos lang die ausgeklügelte Bühnen-Performance der Gruppe ansehen, aufgenommen an verschiedenen Orten zwischen 2007 und 2009. Die ganz Hartgesottenen erwartet dann sogar noch eine Diashow, für die hatte ich aber keine Zeit mehr. Fazit: Gehört ins Heimkino-Regal gleich neben Michael Jacksons Greatest Video Hits! 1. Günni

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