Günnis Reviews

Datum: 26. Mai 2017

Mad-Taschenbuch Nr. 7: Sergio Aragones – Wirre Welt

1975 erschien mit der Nummer 7 das zweite Mad-Taschenbuch, das sich Sergio Aragones‘ in den Heften sonst nur als winzige Randzeichnungen zu findenden Comics widmet. Verlegt wurde es im Original jedoch offenbar bereits 1970 in den USA. Unterteilt in Kapitel wie „Sergio und die Kinder“, „Sergio am Strand“, Sergio und die Psychiater“, „Sergio und die Hunde“ usw. bekommt man themenbezogene, kurze Comics, die i.d.R. komplett ohne Sprech- oder Denkblasen auskommen, sich also auf die bildliche Darstellung beschränken. Der Zeichenstil ist Aragones-typisch karikierend und der Humor irgendwo zwischen naiv-nett bzw. harmlos bis augenzwinkernd frech oder leicht satirisch angesiedelt. In der Natur der Sache liegt es, dass sich ein solch quasi textfreies Taschenbuch natürlich sehr schnell durchblättert – für Kurzweil sorgt es allemal.

21.05.2017, Gängeviertel, Hamburg: TYRANEX + PAGAN RITES + MIDNIGHT PREY + GUSTAV EISEN

Am dritten Tag meines Konzert-Marathons war’s mal wieder Zeit für Edelmetall, denn wenn Hannes in einem Anflug von Genialität und Selbstlosigkeit die schwedischen TYRANEX in die Gängeviertel-Fabrik holt, kann ich natürlich nicht verkatert in der Furzmulde abgammeln. Pünktlich um arbeitnehmerfreundliche 19:00 Uhr ging’s natürlich dann doch nicht los, kurz nach halb 8 aber eröffnete die junge lokale Band GUSTAV EISEN das dritte „Triumph of Death Ritual“ (so der Name der Veranstaltungsreihe) mit modernerem, technischem Death Metal vor einem noch recht versprengten Haufen. Applaus gab’s meinerseits für Technik und Kondition, mit der Mucke kann ich Death-Metal-Legastheniker ansonsten nicht viel anfangen. Dafür hab‘ ich mit dem Störtebeker-„Frei-Bier“ ein neues, äußerst schmackhaftes Alkfreies für mich entdecken können.

Bereits im Vorfeld für mich entdeckt hatte ich Hamburgs Underground-Speed-Metal-Sympathieträger MIDNIGHT PREY, als ich sie seinerzeit in der Bambi Galore sah. Live ist das Trio ‘ne ziemliche Bank mit seinem tief in den glorreichen ‘80ern verwurzeltem Oldschool-Speed-Geschrote mit düsterem Vibe, also ohne Falsettgesang o.ä., eher ungehobelt und roh, mit unaufdringlichen Melodien versehen und atmosphärisch. Fest zum Set gehört ein Cover des vermutlich größten MANILLA-ROAD-Hits „Necropolis“ und man beschloss den Gig mit der Abrissbirne „Street Mafia“ von der neuen „Blood Stained Streets“-Single, die ich leider mitzunehmen versäumte. Nächstes Mal!

Mit PAGAN RITES traten nun die ersten der schwedischen Gäste an. Die Band hatte ich so gar nicht auf dem Schirm, obwohl sie anscheinend bereits seit 1992 existiert. Vor dem Gig hörte ich etwas von einem kauzigen, extraordinären Sänger, der sich gerade auf Entzug befände ich Freigang genieße. Das Quartett hatte sich die Fressen wie zu Halloween angemalt und hobelte ein fieses Black-Thrash-Brett herunter, das so herrlich authentisch kaputt klang, dass man direkt dem Gehörnten dafür danken musste. Der Sänger mit seinem riesigen umgedrehten Kreuz um den Hals röchelte und spie seine blasphemischen Texte heraus, kroch auf dem Bühnenboden umher und suchte den unmittelbaren Kontakt zum mittlerweile zahlreicher versammelten Publikum. Dank des berüchtigten graumelierten Herrn, der auch diesmal in vorderster Front seinen exaltierten Tanzschritten frönte, ein Bild für die Götter (der Dunkelheit). Seine Musiker verwirrte er mit offenbar hier und da von der Setlist abweichenden Ansagen, beispielsweise als er gegen Ende „Die Priest Die“ ankündigte und anscheinend vergessen hatte, die Nummer längst gespielt zu haben. All das führte zu einem Gesamteindruck, der PAGAN RITES weit weniger aufgesetzt und gekünstelt wirken lässt als manch Subgenre-Kollegen, stattdessen sympathisches, infernalisches, unheiliges Chaos vermittelt. Geil!

TYRANEX hatte ich 2014 durch ihr zweites Album „Unable to Tame“ kennengelernt: Schwedischer Speed-/Thrash-Metal der alten Schule, der mich leicht an alte DESTRUCTION erinnert und mit einer Gitarristin und Sängerin in Personalunion  gesegnet ist, die sich mir mit ihrer genialen Stimme die Nackenhaare aufstellen lässt. Zurzeit betouren sie ihr jüngst veröffentlichtes drittes Album „Death Roll“, das den Vorgänger konsequent weiterentwickelt. Zu Songs der ersten beiden Alben gesellte sich demnach Material wie „Bloodflow“, „Berget“, „Beyond the Throes of Evil“ und eben „Death Roll“; das neu aufgenommene Demostück „Blade of the Sacrificer“ widmete man PAGAN RITES und so kam deren Sänger zu einem weiteren Stelldichein auf der Bühne. Ohne Zugabe ging’s nicht ins Bett und anschließend wurde der Merch-Stand stark frequentiert, manch einer hat einen wahren Großeinkauf getätigt. Tatsächlich kannten viele TYRANEX bisher offenbar noch gar nicht und waren ausnahmslos positiv überrascht, begeistert vom schneidenden Sound, den fräsenden Riffs und dem hektisch schnellen, doch stets punktgenauen, nie stumpfen Spiel sowie natürlich hingerissen von den beiden Metal-Damen, die sämtliche Szene-Chauvis Lügen strafen. Stärkstes Wiedererkennungsmerkmal der Band ist natürlich die Stimme, die Knochen zerschneidet wie Edelstahl ein weichgekochtes Ei. Am liebsten hätte ich mir die Combo zum Mitnehmen einpacken lassen und als Hofkapelle installiert. Hab‘ nur leider keinen Hof…

Mit ‘nem letzten Dithmarscher überbrückte ich die Zeit bis zur allerletzten Bahn nach Hause und brachte die „Death Roll“-LP (wenn schon keine Hofkapelle) sicher in ihre neue Heimat. Und schon um 7:00 Uhr nachts blökte mich mein Radiowecker mit niveaulosem Mist voll, meinte damit aber, ich solle hurtig zur Maloche. Dann doch etwas gerädert schlug ich dort pünktlich auf, aber das war’s allemal wert. Acht Bands auf drei Konzerten an drei Tagen und keine Sekunde bereut!

P.S.: An allen drei Abenden standen Mädels (mit) auf der Bühne, was heutzutage ‘ne Selbstverständlichkeit ist. Das war früher jedoch anders, da haftete dem schnell etwas „Exotisches“ an. Eine erfreuliche Entwicklung.

20.05.2017, Menschenzoo, Hamburg: THE IDIOTS + EAT THE BITCH


Verseucht, verstrahlt und angepisst

Hamburger Konzert-Marathon, Tag 2, Tatort: derselbe wie am Vortag. Diesmal war das Wetter wesentlich gnädiger, dafür der Kiez überfüllt mit feiernden HSVern, obwohl dieser die Qualifikation zur Relegation knapp verkackt hatte. Also schnell um die Ecke in den Menschenzoo, wo EAT THE BITCH den Vorturnerposten für THE IDIOTS abgegriffen hatten – im Prinzip eine geile Kombination und wenngleich EAT THE BITCH nun in letzter Zeit ein ums andere Mal zu meinem abendlichen Unterhaltungsprogramm gehörten, kommen sie mir noch immer nicht aus den Ohren raus, im Gegenteil. Soundmann Norman haderte noch mit der defekten Endstufe und hoffte, dass seine neuerliche Improvisation den Abend überstehen würde, was ohrenscheinlich der Fall war. Das Publikum ließ, wie es öfter mal im Zoo der Fall ist, zu großen Teilen bis nach 22:00 Uhr auf sich warten; doch als EAT THE BITCH schließlich zum Angriff bliesen, war die Bude ansehnlich gefüllt.

Die Band begann diesmal direkt mit meinem Favoriten „Fressen & Kotzen“ und spielte vor zum Teil gänzlich neuem Publikum, das in erster Linie hauptsächlich wegen der IDIOTS da war. Angesichts der geballten Wut und Aggression, die da von der Bühne drang, wusste es bisweilen gar nicht, wie ihm geschah und zeigte sich überrascht und beeindruckt. Insbesondere Sängerin Jona wiegt das Publikum mit eigentlich unnötiger leichter Nervosität, unschuldigem Lächeln und freundlichen bis zuckersüßen Ansagen gern in Sicherheit, um ihm dann gehörig den Hintern zu versohlen, wenn sie in den Songs in Raserei und (im positiven Sinne) Hysterie verfällt und sich die Seele aus dem Leib schreit. Ich liebe ja extreme Gesänge, weshalb sie damit offene Türen bei mir einrennt, zumal immer noch ausreichend Raum für stimmliche Variationen bleibt und – ebenso entscheidend – jeder einzelne der Songs über individuellen Wiedererkennungswert verfügt. Damit ist der ETB’sche Aggro-Sound weit entfernt von monotonem Crust-Einheitsbrei o.ä. und lässt stattdessen immer mal wieder schönen HC-Groove in den rifforientierten HC-Punk einfließen. Aber ich laufe Gefahr, mich zu wiederholen bzw. fällt mir gerade nichts mehr ein, was ich nicht schon geschrieben hätte. Jona war so viel in Bewegung, Ausflüge ins Publikum inklusive, dass meine Smartphone-Knipse nicht mehr mitkam und auf dem Großteil der Fotos nur ein verschwommenes Etwas schemenhaft wahrnehmbar ist. Der Konzertfluss wurde lediglich einmal von einem Wackelkontakt irgendwo auf dem Weg vom Gesangsmikro zum Lautsprecher gestört, aber Norman war schnell zur Stelle. Gewohnt geile Adrenalinspritze mit einem herzlichen „Fuck Off!“ als Zugabe!

Die dienstältesten Dortmunder THE IDIOTS hab‘ ich früher verdammt gern gehört, zunächst natürlich die Uralt-Klassiker zwischen Oi!- und D-Punk, später auch die metallastigeren Crossover-Alben. Live gesehen hatte ich sie aber nie, schlicht weil es sie nicht mehr gab. Dies änderte sich vor ein paar Jahren, als ein neues Album veröffentlicht und ‘ne Best Of mit neu aufgenommenen Klassikern eingespielt wurde. Gepasst hatte es bei mir live nur leider nie, sodass der heutige Abend tatsächlich zur Premiere wurde. Martin wusste im Vorfeld schon zu berichten, welch angenehm umgänglicher Typ Sir Hannes sei, neben Bassist Volker einziger Verbliebener der ‘89er-Besetzung und aufgrund seiner über die IDIOTS hinausgehenden musikalischen und Szene-Aktivitäten (wie seinem legendären Plattenladen) noch immer bzw. wieder gern gesehener Interview-Partner in den hiesigen Metal-Postillen. Nun war ich natürlich in erster Linie gespannt darauf, was der in Würde gealterte Adlige auf der Bühne noch so drauf hat. Um es vorwegzunehmen: alles! Mit Lederjacke, NVA-Deckel und keinem Gramm Fett am drahtigen Körper betrat er die Bühne und eröffnete mit „Der Idiot“ ein Oldschool-Punk-Inferno, das sich gewaschen hatte (anfänglich noch begleitet von fiesen Rückkopplungen, denen Norman jedoch bald den Garaus machte). Fürs peitschende „Nuclear War“ inkl. Verweisen auf Trump, Erdoğan und Putin während der Ansage griff er zur Gasmaske, beim genialen, den Wahnsinn der Fleischindustrie und des Konsums ihrer Erzeugnisse aufgreifenden „Fleischwolf“ vom Comeback-Album behängte er sich mit Fleisch und Wurst, die er während des Songs im Publikum verteilte, und bei „Schweine im Weltall“ war’s Zeit für die Schweinsmaske. Lederjacke und T-Shirt landeten in der Ecke und oben ohne, was irgendwann die gesamte Band war, wurden mein Lieblingssong, das geniale-stumpfe, infernalische „Der Säufer“ sowie „Tage ohne Alkohol“ angestimmt und dazu ‘ne Palette Hansa-Dosenpils ins Publikum geworfen. Von nun an spritzten regelmäßig Bierfontänen durch die Luft und besudelten Laden, Publikum und Band, die das stoisch über sich ergehen ließ und lediglich zum Handtuch griff, um die Saiten abzuwischen. Welch göttliches, „idiotisches“ Chaos zwischen Genie und Wahnsinn! Direkt vor der Bühne stolperten betrunkene Punks ungelenk durch den Pogo-Mob, von denen einer auf die Bühne fiel und sich dort offenbar schlafen legen wollte. Hannes himself latschte davon ungerührt immer wieder durch die Reihen, sang mit dem Publikum, füllte beim „Now I Wanna Be Your Dog“-Cover Bier in einen Napf und bot ihn zum Schlürfen an, „Selbstmord“ wurde ebenso durchgepeitscht wie die Fußball-Hymne „Der S04 und der BVB“, bei „Samstagnacht“ brüllte ich ebenso fast jedes Wort mit wie bei „Bayrischer Wald“ und eigentlich allen anderen, das „Mädchen mit den roten Haaren“ wurde heute zur Blauhaarigen oder zur Blondine, wenn Hannes Blickkontakt mit den entsprechenden Mädels aufnahm, „Verseucht“ ist live noch garstiger als auf LP, „Heavy Metal Psycho Punk“ bringt das subkulturübergreifende Selbstverständnis der Band auf den Punkt und zum großen Finale holte man im Zugabenteil mit dem Hektiker „EDEKA“ (was, wie wir alle wissen, Akronym von „Ein deutscher Esel kauft alles“ ist) aus, bei dem ich endgültig jede Vernunft an den Bühnenrand schmiss. „Sonderangebot! Sonderangebot! Sonderangebot bei Edeka-ha-ha!“ Nur der abschließende „Pechvogel bei den Frauen“ klang in der Originalversion irgendwie besser als in dieser neu arrangierten Fassung. Wie wär’s stattdessen mit der alten Litanei vom „Dynamo Doppelkorn“ gewesen? Der längst aus allen Poren triefende Hannes tanzte mit der als Nonne verkleideten Merchandiserin  und hinterließ ein ausgepowertes, glückliches, nach Bier, Schweiß und Qualm müffelndes Publikum. Topfit, der Mann, da gibbet mal nix! Danke an alle für dieses kreuzgeniale, geil-chaotische, dreckige und euphorisierende Konzert nach bester Oldschool-Manier, wie ich es liebe und anscheinend – Punk sei Dank – ebenfalls nie zu alt für werde. Heißer Anwärter aufs Club-Konzert des Jahres!

Und die Party war, trotz langsam eintretender Müdigkeitserscheinungen, noch nicht vorbei, denn der gute Pablo kredenzte einen ’77-Klassiker nach dem anderen vom DJ-Pult aus und erhöhte (mir zuliebe?) die CLASH-Frequenz irgendwann beträchtlich, sodass sich mit manch geschmackssicherem Mitstreiter weiterfeiern ließ. Auch nicht schlecht: Ein Typ aus Barcelona war zu Gast, eigentlich auf der Durchreise zum COCK-SPARRER-Gig in Berlin, aber so angenehm überrascht, dass er sich ebenfalls einen nach dem anderen reingoss. Ob er’s noch zu SPARRER geschafft hat, wäre interessant zu erfahren. U.A. mit ihm verging noch die eine oder andere Stunde, bis mich der beste aller möglichen Timos abholte – natürlich nicht, ohne noch ‘nen Absacker zu verhaften. Oder zwei…

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