Günnis Reviews

Monat: Juni 2021

Cinema-Sonderband Nr. 7: Sex im Kino ’83 – Höhepunkte des erotischen Films

Sex? Im Kino? Nein, hier geht es natürlich nicht um Nümmerchen zwischen den Sitzreihen der Lichtspielhäuser, sondern ums ebendort Gezeigte. Nach den Sonderausgaben/-bänden „Höhepunkte des erotischen Films“ und „Kino der Lüste“ der Hamburger Filmzeitschrift Cinema folgte mit „Sex im Kino ‘83“ deren dritte Beschäftigung mit dem Erotikkino in Form einer Sonderveröffentlichung.

Der 132-seitige, großformatige Softcover-Band mit einem schönen Foto aus „Die intimen Momente der Madame Claude“ auf dem Titel weiß im ersten von zwei Vorworten, die „Kino-Vermarktung nackter Haut“ feiere „von Film zu Film ungebrochen kassenträchtige Triumphe“, und bringt den Aerobic-Trend mit Softsex in Verbindung. Das zweite, in riesigen Lettern wie für Sehschwache gedruckte Vorwort ordnet den Band innerhalb des Cinema-Kanons ein, definiert Selbstverständnis und Anspruchs dieses Werks, informiert über dessen Gliederung – und kündigt an, was wahr werden sollte: „Künftig werden wir Ihnen alljährlich in einem Sonderband die Sexfilme der Saison präsentieren.“ Da von den „erotischen Streifen und Sexfilme[n] des letzten Jahres“ die Rede ist, ist davon auszugehen, dass dieses Buch im Jahre 1984 erschien.

Aufgeteilt wurde es in die drei auf die Filminhalte Bezug nehmenden Hauptkapitel „Schickeria: Hüllenlos auf internationalem Parkett“ (17 Filme), „Provinz: Schürzenjäger auf Dirndlpirsch“ (23 Filme) und „Paradies: Jugendliche Unschuld unter Palmen“ (3 Filme) sowie dem Portraitteil „Sexsymbole unserer Zeit und lustbetonte Filmemacher“, der dem „Paradies“-Abschnitt vorangestellt wurde. Heißt das, dass 1983 43 neue Erotik- und Sexfilmproduktionen ins Kino gekommen waren? Mitnichten – wenngleich es sich noch um die Zeit der Bahnhofs- und Pornokinos handelte, sodass derartige Filme tatsächlich in rauen Mengen gezeigt werden konnten. Vielmehr liefen zahlreiche Filme bereits früher in den Kinos oder es handelt sich um Wiederaufführungen, teilweise gar von ‘70er-Jahre-Erzeugnissen. Die Angaben der Produktionsjahre sind zudem bisweilen nicht korrekt oder fehlen ganz. Klar ist demnach schnell: Nicht nur die „Höhepunkte“ wurden hier berücksichtigt, sondern offenbar schlicht alles.

Einleitend heißt es zum „Schickeria“-Kapitel, dass es sich hierbei um die hochwertigeren Erotikfilme handele. Vielmehr als knappe Inhalts- und ein paar Stabangaben erfährt man jedoch wieder hier noch in den anderen Filmkapiteln über die vorgestellten Streifen. Stattdessen dominieren großformatige Fotos aus dem jeweiligen Film, die bei Weitem schärfer sind, als es die VHS-Kassette jemals darstellen konnte, und die den eigentlich Kaufanreiz dieses Buchs ausgemacht haben dürften. Besonders angetan hatte es den Verantwortlichen anscheinend „Die intimen Momente der Madame Claude“, der es, wie bereits erwähnt, nicht nur auf den Titel schaffte, sondern dem eine sich über satte neun Seiten erstreckende Fotostrecke gewidmet wurde. Alle anderen Filme werden lediglich mit ein bis vier Seiten berücksichtigt.

Hier finden sich Werke wie „Kommt pudelnackt, das Erbe lacht“ und „Ein nackter Po im Schnee“, aber auch „Lady Chatterleys Liebhaber“, „Ganz normal verrückt“, „Obszön – Der Fall Peter Herzl“ und „Nackt unter Kannibalen“. „Laura – Eine Frau geht durch die Hölle“ wird als „Laura Gemsers neunter Gefängnisfilm“ bezeichnet, was ich, auch ohne persönlich nachgezählt zu haben, für eine Fehlinformation halte. „Feuer zwischen den Lippen“ sei als Beispiel für einen echten Porno genannt, der es zwischen all die Erotik- und Softsex-Streifen geschafft hat, ohne dass es der Redaktion von Bedeutung erschienen hätte, auf diesen Aspekt hinzuweisen.

Das „Provinz“-Kapitel soll Erotik- und Sexkomödien vereinen, unabhängig davon, „ob der Schauplatz dieser Gaudi ein hinterwäldlerisches bayerisches Dorf, ein italienisches Modestudio oder die lustbetonte Sonneninsel Ibiza“ ist. Dieses Kapitel „Provinz“ zu betiteln und im „Schickeria“-Abschnitt durchaus auch Komödien zu behandeln, führt diese krude Aufteilung endgültig ad absurdum. Hier werden noch munterer als zuvor Hardcore-Pornos mit Softsex-Albereien durcheinandergewürfelt. Dabei kommt es auch zu Fehlern: Der Porno „Intime Spiele im Mädchenpensionat“ wird als Softsexfilm bezeichnet und man verpasst ihm einen falschen Alternativtitel, unter dem er angeblich schon einmal zu sehen gewesen sei. Fragwürdige Formulierungen wie „jugendliche Teenager“ und die offenbar kritiklose Übernahme ebenso blumiger wie mitunter problematischer Inhaltsangaben der Verleiher tragen ihr Übriges bei. Generell stellt sich die Frage, welchen Sinn es ergibt, bei HC-Pornos als einzige Information die Alibihandlung anzugeben. Kritik wird erstmals zur Erotikdoku „Liebe 80“ ausgesprochen, die man als „lustfeindlichen Antiporno“ bezeichnet, spätestens damit aber den Buchtitel „Höhepunkte“ als Lüge entlarvt. Auch von „Die Nacht der wilden Ladies“ zeigte man sich alles andere als begeistert. Da der Umkehrschluss, dass alle mit keinen kritischen Worten, sondern lediglich Inhaltsangaben versehenen Filme gute Vertreter ihrer jeweiligen Zunft seien, unzutreffend ist, wirkt dies wie ein konzeptioneller Bruch.

Wesentlich textlastiger ist der über 30 Seiten lange Portraitteil, der lesenswerte, wenn auch weitestgehend unkritische Portraits der Erotikfilmer Walerian Borowczyk, Just Jaeckin und David Hamilton sowie der „Stars“ (zum Teil eher Sternchen) unter den Darstellerinnen, namentlich Dawn Dunlap, Sibylle Rauch und Clio Goldsmith, bietet. Abschließend folgt das „Paradies“-Kapitel für drei „Die blaue Lagune“-Epigonen, dessen Vorwort die italienische Darstellerin Sabrina Siani als „würdige Nachfolgerin von Jodie Foster, Brooke Shields, Kristy McNichol oder Taum O’Neal“ bezeichnet, was eine krasse Fehleinschätzung ist. Jedoch ist sie an zwei der drei vorgestellten Filme beteiligt, deren Vorstellungen nun wieder über mehrere Seiten mit großformatigen Fotos gestreckt werden. Ihr bzw. Umberto Lenzis „Daughter of the Jungle“, hier als „Tanja – Tochter des Urwalds“ vorgestellt, hatte jedoch gar keinen deutschen Kinostart. Wie er es unter dem deutschen Titel ins Buch geschafft hat, weiß wohl nur die Cinema-Redaktion allein.

Fazit: Ein sehr mit Vorsicht zu genießender Cinema-Sonderband mit dürftigem Informationsgehalt, eher ein Industriekatalog mit unsinniger Sortierung und kontraproduktiver Vermischung von Softsex- und nicht als solchen gekennzeichneten Pornofilmen. Als hübsches Bilderbuch goutierbar, als journalistisch-kritische Reflektion des Themas Sexualität im Kinojahr 1983 hingegen vollkommen ungeeignet.

Mad-Taschenbuch Nr. 32: Don Edwing – Mads grimmiges Gruselkabinett

Es dauerte bis zum Jahre 1980, bis auch Mad-Zeichner Don Edwing sein eigenes Taschenbuch bekam. Dieses widmete er seinem Entdecker und Freund Nick Meglin und gewann seinen Kollegen und Namensvetter Don Martin für ein köstliches, ironisches Vorwort. Im gewohnten Umfang von rund 160 unkolorierten, diesmal leider auch unnummerierten Seiten frönt Edwing dem schwarzen Humor: Seine drei- bis fünfseitigen, i.d.R. lediglich ein Panel pro Seite umfassenden, gern mit „Neulich, bei…“, „Am Montag, auf…“ oder „Schon wieder bei…“ betitelten Cartoons im karikierenden Funny-Stil enden nicht selten tödlich. Das am häufigsten wiederkehrende, stets variierte Motiv ist die Hinrichtung eines vor einer Mauer gefesselten Delinquenten, dicht gefolgt vom schwierig zu erreichenden, an Rapunzel gemahnenden Mädchen im Turm. Dazwischen tummeln sich jedoch auch einige harmlosere Vertreter Edwing’schen Humors, bei denen die Pro- oder Antagonisten geringeren oder gar keinen physischen Schaden erleiden. Etwaige Dia- oder Monologe sind aufs Allernötigste beschränkt, nicht wenige Cartoons kommen ganz ohne Sprechblasen aus und beschränken sich auf Soundwords. Ein schöner Spaß für zwischendurch, wenngleich problemlos in 15 bis 20 Minuten und damit etwas arg schnell durchge“lesen“.

Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik – Kommunalwahlfälschung am 7. Mai 1989 in den ehemaligen DDR-Bezirken Rostock, Schwerin, Neubrandenburg

„Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, kurz: BStU, seit 2011 in Person: Roland Jahn, ist Herausgeber zahlreicher Publikationen, die sich mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der untergegangenen DDR auseinandersetzen. Einige werden gegen Entgelt vertrieben und sind im normalen Buchhandel verfügbar, andere sind gratis erhältlich, so auch zwei Bände zu den Kommunalwahlfälschungen 1989, deren Beobachtung und Aufdeckung durch unabhängige Bürgerinnen und Bürger die Keimzelle für die zahlreichen Proteste großer Teile der DDR-Bevölkerung bildete, die schließlich den Umbruch und damit die Wende einleiteten. Aus dem Rostocker Stasi-Museum habe ich mir den die Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg abdeckenden Band mitgenommen.

Es handelt sich um eine 80-seitige Dokumentensammlung im Großformat und im Softcover auf hochwertigem Glanzpapier, die um ein auf drei Seiten knapp in die Thematik einführendes Vorwort ergänzt wurde. Ein Anhang umfasst ein Abkürzungsverzeichnis, BStU-Kontaktdaten und Quellenachweise. Die Dokumente sind Scans von Originalunterlagen des Inlands-MfS, die in unterschiedlicher Weise mit den Kommunalwahlen in Verbindung stehen. Namen von Bürgerinnen und Bürgern wurden geschwärzt, Namen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht. Die Unterlagen bleiben seitens des BStU vollständig unkommentiert.

So hat man nun also die Möglichkeit, sich durch zahlreiche in Behördendeutsch verfasste MfS- Schreiben zu arbeiten, um einen unverfälschten Eindruck von den Stasi-Beobachtungen hinsichtlich der Kommunalwahlen und ihren Versuchen der Einflussnahme auf die Bevölkerung zu erhalten. Da werden im Vorfeld kritische Stimmen als „negativ-feindlich“ diskreditiert, sorgen einfache Aufkleber im Stadtgebiet mit Botschaften wie „Die Ostsee stirbt. Die Nordsee stirbt. HURRA – WIR LEBEN!“ oder dem Rosa-Luxemburg-Zitat „FREIHEIT ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ für helle Aufregung, wird argwöhnisch beobachtet, wer sich der Wahl zu verweigern gedenkt, werden aber auch die Stimmung innerhalb der Bevölkerung und die Gründe dafür durchaus korrekt beobachtet und dokumentiert.

Schmunzeln lässt sich über einen freudsch anmutenden Rechtschreibfehler wie „Quallenschutz“ (statt Quellenschutz) und besonders entlarvend wird es, wenn man haarklein dokumentiert, wie einem Wahlbeobachter verwehrt wurde, der Auszählung direkt beizuwohnen, und dass „Einwände einzelner SED-Mitglieder, daß die veröffentlichten Zahlen in der heutigen Zeit ganz einfach stimmen müssen, weil selbst geringste Abweichungen von westlichen Massenmedien ausgeschlachtet werden würden, […] nicht von der Mehrheit des Kollektiv akzeptiert“ worden seien – und auf der nächsten Seite zu lesen ist: „Das Wahlergebnis vom 7. Mai 1989 steht in keiner Übereinstimmung mit dem allgemeinen, insbesondere dem kommunalpolitischen Stimmungsbild!“ Jener Bericht zur Kommunalwahl in Neubrandenburg fährt fort mit einer schriftlich festgehaltenen Dokumentation des Unwissens offenbar einflussreicher Parteikreise über diese Vorgänge, was einen Eindruck von Desinformation und Realitätsverlust einer überalterten Führungsriege vermittelt. Ohnehin ist dieser Bericht ein Quell klarer Worte, guter, sinnvoller Beobachtungen und Einschätzungen, die durchaus konstruktiv verwertbar gewesen wären – woran aber offenbar zum damaligen Zeitpunkt kein Interesse bestand. Er zeigt eine andere Seite des Inlands-MfS.

Letztlich flog dem MfS und der SED der ganze Mist folgerichtig um die Ohren – eigentlich völlig unnötigerweise, denn meines Wissens war das tatsächliche Wahlergebnis immer noch positiv genug, um die Vormachtstellung der SED zu erhalten, wäre aber auch Anlass für einen konstruktiv Dialog und politische Veränderungen innerhalb des Systems gewesen. Die Ignoranz dessen sollte sich sehr bald bitter rächen. Das ungeschönte, DDR-weite Wahlergebnis ist leider kaum jemandem bekannt und wird auch hier nicht genannt. Ich meine mich zu erinnern, es einmal von Egon Krenz im Rahmen eines Interviews vernommen zu haben.

Jegliche erläuternden Kommentierungen oder Einordnungen bleibt diese Dokumentensammlung schuldig, mit dem Wust an Behördenschreiben bleibt man weitestgehend allein. Das ist erst einmal in Ordnung, denn vieles spricht für sich. Etwas unpassend für ein ja ebenfalls von einer Behörde herausgegebenes, hochpolitisches Druckerzeugnis erscheint mir jedoch der umgangssprachliche Duktus im Vorwort, wenn von „Stasi“ und „Mauerfall“ statt vom Ministerium für Staatssicherheit und Maueröffnung die Rede ist. Ersteres ist synonym verwendbar, letzterem kann zumindest ein politisch-historischer Beigeschmack unterstellt werden: „Mauerfall“ ist als Metapher sicherlich geeignet, in Wirklichkeit aber wurden Berliner Mauer und die Grenze zwischen NATO und Warschauer Pakt – zweifelsohne auf massiven Druck hin – unter Leitung Egon Krenz‘ geöffnet. Schwerer wiegen jedoch das Fehlen sämtlicher Statistiken zu den dokumentierten Stasi-Maßnahmen (Inwieweit sind die beschriebenen Maßnahmen exemplarisch oder individuell? Welcher Bevölkerungsanteil war von welchen Maßnahmen direkt betroffen?) und die völlige Intransparenz dahingehend, anhand welcher Kriterien die Dokumente für diese Sammlung ausgewählt wurden. Die die zahlreichen in den Dokumenten verwendeten Abkürzungen aufschlüsselnde Liste im Anhang ist zwar löblich, aber leider unvollständig.

Als Grundlage für wissenschaftlich-analytische Arbeiten ist dieser Band daher leider nur bedingt geeignet. Und weshalb man ausgerechnet an der Bedruckung des Buchrückens sparte, sodass spätestens, wenn man mehrere solcher BStU-Dokumentensammlungen im Regal stehen hat, der Überblick verloren geht, erschließt sich mir in keiner Weise. Nichtsdestotrotz habe ich mir zwei weitere Bände mitgenommen, dazu später mehr…

Frank Schäfer – Rumba mit den Rumsäufern. Noten zur Literatur

Was ich beim Erwerb für eine weitere Rezensionssammlung hielt – weil, analog zum Vorgänger „Alte Autos und Rock’n’Roll“, mit „Der rasende Rezensent 2“ untertitelt –, entpuppte sich vielmehr als ganz dem Literaturbetrieb gewidmetes Potpourri aus 25 Essays über bzw. Interviews mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern sowie einem Musiker, Verleger(innen) und einem Dialogbuchautor/ Synchronregisseur/-sprecher, bisweilen in Form von Homestories: Die Rede ist von „Rumba mit den Rumsäufern“, jener im Jahre 2011 im Oktober-Verlag erschienene Sammlung zuvor mitunter gekürzt in „Zeit online“, „Rolling Stone“ und Konsorten erschienener Texte des Braunschweiger Literaturexperten, Autors und Musikjournalisten Frank Schäfer, dargereicht als rund 230 Seiten umfassendes Taschenbuch.

Nach einem zweiseitigen Vorwort plaudert Schäfer mit Burroughs- und Bukowski-Übersetzer Carl Weissner, lässt er zusammen mit Hans Herbst dessen Reisen Revue passieren, kitzelt er umfangreiche Antworten aus „Katholikenschreck“ Wenzel Storch heraus und lässt er Ralf Rothmann wunderbar verschiedene Schreibertypen beschreiben. Musiker PeterLicht, den „Mann, den niemand kennt“, bringt er den Leserinnen und Lesern näher, führt mit Günter Amendt ein kritisches Gespräch über LSD und amüsiert mit einer genauen Beschreibung der Wohnverhältnisse Ulrich Holbeins. Sein Interview mit Silvia Bovenschen macht neugierig, er besucht Nachwuchsautor Finn-Ole Heinrich auf der Leipziger Buchmesse und führt eine sehr erhellende Konversation mit Benno Käsmayr, dem Chef des Maro-Verlags, der einst Bukowski nach Deutschland brachte und auch schon Schäfer veröffentlichte, über die Entwicklung des Verlags von Beginn an.

Margitt Lehbert liefert einen Eindruck von der Arbeit ihres Lyrik-Nischenverlags Edition Rugerup (inzwischen dann doch auch bei Amazon und Wikipedia gelistet), Peter Kurzeck darf Kritik an der „Gruppe 47“ üben und der 1994 verstorbene Charles Bukowski stand – man lese und staune – Schäfer 2008 noch Rede und Antwort. Schäfer lässt sich von Detlef Kuhlbrodt zeigen, wie man das Leben liest, knöpft sich, wie schon das Goethe-Institut, den Rapper und Slam-Poeten Bas Böttcher vor und weiß, dass es sich auch bei Synchronarbeit für den Film um Literatur handelt, sodass Kult-Synchronautor Rainer Brandt über seine Karriere schwatzen und mit modernem Blockbuster-Kino hadern darf, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Franz Dobler wiederum scheint so einige Parallelen zu Schäfer aufzuweisen.

Schäfers Essays werden zu kleinen Porträts, die Antworten seiner Gesprächspartner(innen) liefern interessante Einblicke in Schreib- und kreative Schaffensprozesse, aber auch in ganz unterschiedliche Biografien, Herangehensweisen und nicht zuletzt Spleens. Manch einer gibt sogar Auskunft über verkaufte Auflagen, was sich als recht aufschlussreich erweist: Heinz Strunks „Fleisch ist mein Gemüse“ sei seinerzeit in die fünfte Auflage gegangen, bisher seien bereits an die 50.000 Exemplare abgesetzt worden. Für Finn-Ole Heinrich bedeutete die siebte Auflage hingegen rund 3.500 verkaufte Exemplare, was sein kleiner Verlag als Erfolg feiert. Wie hoch eine einzelne Auflage jeweils war, lässt sich da leicht ausrechnen.

Von leichten Schwächen im Korrektorat abgesehen, kann ich an „Rumba mit den Rumsäufern“ nichts Falsches finden, im Gegenteil: ein inspirierendes Kleinod, das auch mir als Roman- und Lyrikmuffel (Ausnahmen wie Bukowski oder Strunk bestätigen die Regel) bestens gemundet hat und dafür verantwortlich ist, dass Titel wie Silvia Bovenschens „Schlimmer machen, schlimmer lachen“ oder Günther Ohnemus’ „Zähneputzen in Helsinki“ mein Interesse geweckt haben. Ich würde mir (und ihm) wünschen, jemand würde Schäfer einmal mit einem ähnlichen Interesse interviewen und skizzieren, wie er es hier mit seinem jeweiligen Gegenüber tat. Offenbar hat er bereits 2008 mit „Homestories – Zehn Visiten bei Schriftstellern“ einen thematisch ähnlichen Band veröffentlicht. Diesen habe ich mir nun ebenfalls zugelegt, dazu später mehr.

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