Günnis Reviews

Monat: März 2023

Mad-Taschenbuch Nr. 39: Jack Rickard / Lou Silverstone – Das Mad-Buch der seltsamen Verbrechen

Zeichner Jack Rickard und Texter Lou Silverstone debütierten mit diesem Buch innerhalb der Mad-Taschenbuch-Reihe, das 1983 im üblichen 160-Schwarzweißseiten-Format erschien, dessen Inhalte aber in die Jahre 1978 und 1980 zurückreichen. Es enthält verschiedene Parodien auf klassische Film- und Literaturstoffe, die sowohl im ein Panel pro Seite umfassenden Comicstil als auch in Form bebilderten Fließtexts dargereicht werden. Der Titel bezieht sich auf die Dominanz von Detektivparodien und umfasst somit nicht das gesamte Repertoire dieses Buchs. Auf Seitenzahlen muss man leider zum wiederholten Male verzichten. Schade, dass Rickard und Silverstone nicht in einem Vorwort kurz vorgestellt werden, wie es bei anderen Autoren und Zeichnern innerhalb dieser Reihe ja durchaus nicht unüblich war – handelte es sich bei diesen beiden doch um zwei immens wichtige und fleißige Künstler des Mad-Kernteams.

Der Auftakt ist mit einer starken Dracula-Parodie gelungen, die anschließend „Peanuts“-Persiflage hingegen enttäuscht mit einer müden Pointe. „Ein schnöder Falke – Aus dem Leben von Micky Killano“ erfreut dann wieder mit einer launigen Verballhornung typischer Noir-Detektivgeschichten und ihrer Klischees in Prosaform, wobei sich eine seitenfüllende Zeichnung und eine Textseite abwechseln, während Eastern-Freunde bei „Charlie China“ ganz stark sein müssen. Aus dem Rahmen fällt das Kapitel „Was Gesetzeshüter sagen… und was es wirklich bedeutet“, da es die Polizei durch den Kakao zieht und mit seiner unterschwelligen Autoritätskritik gefällt, mit den „Wenn einer sagt, so bedeutet das“-Gegenüberstellungen aber eigentlich nicht ins Konzept dieses Buchs passt. Dass das Abenteuer des tumben Detektivs „Sellery Queen“ auf „Ellery Queen“, das Pseudonym eines populären Krimi-Autorenduos, referenziert, musste ich ehrlich gesagt erst nachschlagen. „Die Yankee-Boys“ erscheinen in der gleichen Prosaform wie Micky Killano und sind ein toller Abgesang auf ebenso US-hurrapatriotische wie unwahrscheinliche Heldengeschichtchen, während „Schwerschock Holmes“ es in Comicform mit der Rückkehr Jack the Rippers zu tun bekommt.

Das ist alles in allem viel respektloser, mal mehr, mal weniger hintersinniger, typischer Mad-Humor, mit dem man nicht viel falsch machen kann – es sei denn vielleicht, es fehlen einem mittlerweile die populärkulturellen Bezüge (wie es mir bei „Sellery Queen“ erging). Zum Humorverständnis sind diese aber nicht zwingend erforderlich. Irgendwo hat sich mit „Judenstern“ (gemeint war: Davidstern) eine falsche Übersetzung eingeschlichen, ansonsten ist Herbert Feuersteins Adaption ins Deutsche aber gewohnt auf der Höhe. Hat Spaß gemacht und mich daran erinnert, wie oft ich als Kind zuerst die Mad-Parodie von etwas kannte und erst später das Original kennengelernt habe…

Sören Olsson / Anders Jacobsson – Berts haarsträubende Katastrophen

Lieber Stapel im Tauschschrank gefundener „Berts Katastrophen“-Bücher mit den bunten Comiccovern, der du dich als von den o.g. schwedischen Pädagogen geschriebene Jugendbücher mit Coming-of-Age-Inhalten um den pubertierenden Bert Ljung entpuppt hattest,

es war nicht immer schön mit dir, zuweilen musste ich mich etwas durch dich durchquälen. Zuletzt war es zwar besser geworden, aber das hier, der 1996 erschienene vorvorletzte Band der Berts Tagebucheinträge umfassenden Reihe, ist der letzte den ich gelesen habe und auch gelesen haben werde, denn ich zähle einfach nicht zu deiner Zielgruppe. Meine Motivation, mir die letzten Bände auch noch zuzulegen, ist zu gering, zumal Mittelschichtsbengel Bert da doch bestimmt frustrierenderweise immer noch keinen Sex gehabt haben, sondern weiterhin von einer Tagträumerei in den nächsten Schlamassel und umgekehrt schlittern wird. Die Besprechung dieses neunten Bands bin ich dir aber noch schuldig, also los:

Mit rund 180 Seiten im nach wie vor großlettrigen Seniorenzeichensatz fällt dieser Schmöker ca. 30 Seiten stärker aus als der Vorgänger, ansonsten ist aber eigentlich alles beim Alten: Sonja Härding hat diverse Bleistiftzeichnungen untergebracht, Bert schreibt Tagebuch, hier vom 14. Februar bis zum 14. April sowie „Gedichte des Tages“ und ist noch immer solo, notgeil und möchtegern-cool. Er steigt also am Valentinstag eine Woche vor seinem sechzehnten Geburtstag ein, und natürlich verläuft der Valentinstag nicht wie erhofft. Er ist nach wie vor schwer in seine Ex-Freundin Nadja verknallt, mit der er sich tatsächlich wieder näherkommt, wildes Gefummel und Petting beim ersten gemeinsamen Abend nach langer Zeit lassen ihn hoffen. Der all die Jahre gemobbte Erik scheint den Kontakt zu Bert abgebrochen zu haben – was besonders deshalb doof ist, weil man mit der gemeinsamen Band einen Auftritt ergattert hat. Mit seinem Kumpel Arne sowie dessen und dem eigenen Vater fährt Bert in den Skiurlaub, in dessen Rahmen der Besuch des „Bayrischen Abends“ für deutsche Leserinnen und Leser interessant sein dürfte, wenngleich Berts Beschreibungen wieder mit der typisch schwedischen Anti-Alk-Stimmungsmache einhergehen, die man Bert hier in die Schreibfeder gelegt hat.

Der Gig findet schließlich mit einem Ersatz-Drummer statt, der dem Rest der Band glatt die Show stiehlt. Sehr schön: Die Lautmalereien seiner Drumsoli erreichen fast Don-Martin-Niveau. Das Mobbing gegen Erik wird endlich einmal problematisiert und vonseiten Berts und Konsorten reflektiert, woraufhin man um Entschuldigung bittet und sich wieder verträgt. Ist das den Autoren selbst irgendwann aufgefallen oder hatten sich die Beschwerden aus dem Pädagogen-Kollegium gehäuft? Wie auch immer, Bert arbeitet jedenfalls an neuen Katastrophen. So beschwört er eine Ehekrise heraus, als er sein eigenes Bespannen der Nachbarin durch den Türspion auf seinen Vater schiebt und es daraufhin zu einem peinlichen Gespräch zwischen seiner Mutter und jener Nachbarin kommt. Die anschließende Aussprache ist sehr wortgewandt und originell ausgefallen, wenn Bert auf griechische Götter referenziert. Dennoch: Fremdscham galore!

Wie aus dem Nichts macht Nadja noch vorm ersten richtigen Sex mit Bert Schluss – dabei waren sie doch gerade erst wieder zusammengekommen! Bert tritt ein Praktikum in der Kinderstation des Krankenhauses an und ein Umzug nach Gotland ist im Gespräch, weil sein Vater dort einen Job antreten könnte, der mehr einbrächte. Nadja nähert sich überraschend doch wieder an Bert an, verstehe einer die Weibsbilder… Dieses Buch wäre zu diesem Zwecke ein schlechter Berater, denn die Gefühlswelt der handelnden Figuren wird nur oberflächlich erörtert. Ein Gig in der Erziehungsanstalt wird zum Erfolg, doch dort verguckt sich Bert in eine Insassin, weshalb er zwei Tage später die nun endlich willige Nadja von der Bettkante schubst – was für ein Idiot!

Berts Tonfall pendelt beständig zwischen selbstironisch und überheblich, was grundsätzlich zu einem pubertieren Jungen passt. Viele seiner Handlungen und Erlebnisse werden recht witzig umschrieben, wenngleich der Schreibstil sehr hauptsatzlastig und damit nicht übermäßig attraktiv ist. Für einen Pubertierenden geht Bert jedoch erstaunlich, will sagen: unrealistisch abgeklärt mit allen Widrigkeiten um, sodass das Buch eher wenig als pädagogisch angehauchter Ratgeber oder Tröster und Bert aufgrund seiner Schusseligkeit auch kaum zum Vorbild für Gleichaltrige taugen dürfte. Deren Erkenntnisgewinn aus dieser Lektüre wird gering ausfallen, vielmehr verkommt Bert zur Lachnummer, über die man sich lustig macht.  Dafür wird hier Alkoholabstinenz vermittelt… Dass ein 16-Jähriger noch kein wirkliches Sexleben hat und das erste Mal eigenverschuldet verkackt, ist hingegen keine Seltenheit, wenngleich es mittlerweile innerhalb dieser Reihe von derart langer Hand vorbereitet und doch immer wieder aufgeschoben wird, dass einen der Verdacht beschleichen kann, diese Autoren drückten sich vor der Herausforderung, tatsächlich einmal etwas über verantwortungsbewusste Sexualität im Teenie-Alter und Beziehungen auf Augenhöhe schreiben zu müssen.

Wer wissen will, wie es bei Bert Ljung weiterging, kann sich ja die letzten beiden Bände zu Gemüte führen, ich aber bin jetzt raus.

04.03.2023, Café Treibeis, Hamburg: SHITSHOW / 04.03.2023, Monkeys Music Club, Hamburg: THE HOTKNIVES + THIS MEANS WAR

Mal wieder volles Programm in der Hansestadt: Das Monkeys feierte sein Achtjähriges, SHITSHOW zockten gratis im Treibeis, KILLBITE und APOCALIPSTIX machten die Lobusch unsicher, Postpunk im Molotow… Ich entschied mich fürs Monkeys, jedoch nicht ohne vorher dem quasi auf dem Weg liegenden Café Treibeis einen Besuch abzustatten. Dieser Laden ist eigentlich ‘ne kleine Kneipe, die aber hin und wieder auch Konzerte veranstaltet. Ich hatte als Beginn 21:00 Uhr im Hinterkopf, sodass ich nach der Sportschau keine große Eile hatte, doch als ca. fünf vor neun eintraf, spielte die Band anscheinend schon seit ‘ner Viertelstunde und ich schaffte es gerade noch so, einen Schritt in den Laden zu setzen. Es war gerammelt voll, man stand dicht an dicht und konnte sich kaum bewegen. Von der Bühne sah ich erst etwas, nachdem ich durch die Gruppendynamik langsam Stück für Stück weiter nach vorne gedrängelt worden war. Der Sound war dafür recht klar, Sängerin Julias herrlich rotziges Organ jedoch ziemlich weit nach vorne gemixt, die Gitarre dafür etwas leise – so klang’s zumindest an der Biegung des Tresens, bis zu der ich’s nun geschafft hatte. Die Band mit Leuten von SORT OF SOBER UND ORÄNGÄTTÄNG erfreut sich mit ihrem erfrischenden, flotten, hochenergetischen Oldschool-Punkrock gerade zu Recht großer Beliebtheit, drückt einem das Schmalz aus den Gehörgängen und macht einfach Laune. Der Gig dürfte um die 45 bis 50 Minuten gedauert haben, inklusive NEW-ORDER-Cover („Blue Monday“) und „Happy Birthday To You“ für ein anwesende Geburtstagkind, gespielt in unterschiedlichem Tempo, als Ska-Version und in einer Death-Metal-Fassung…

Diese Nummer hätten SHITSHOW an diesem Abend auch gut im Monkeys bringen können, denn auch wenn vom ursprünglichen Inhaber-Trio „nur“ noch Sam übrig ist, feierte einer der schönsten Clubs Hamburgs erhobenen Hauptes sein bereits achtjähriges Bestehen! Schon vorm Eingang entdeckte ich die ersten bekannten Gesichter und es wurde munter drauflosgequatscht. Da mit den Belgiern THIS MEANS WAR! die erste Band aber bereits spielte, ließ ich schnell meinen frischgebügelten Zwanziger an der Abendkasse, holte mir ‘ne Pilsette und guckte, was einem da geboten wird: Streetpunk mit melodischem Klargesang nämlich. (Die 80 Liter Freibier waren dafür schon weg, aber irgendwas is‘ immer.) Die seit 2016 existente Band hat bisher ‘ne Single, eine 10“ und ein Album draußen und ist hörbar von den harmoniebedachteren Bands des Genres beeinflusst. Von einer dieser – COCK SPARRER – coverte man dann auch „Suicide Girls“, inklusive kurzen Mitsingspielchen mit dem Publikum. Gute Idee, mal ‘nen jüngeren SPARRER-Song zu covern, anstelle der altgedienten Überklassiker. Der Platz vor der Bühne war ordentlich gefüllt, es wurde sich hier und da warmgetanzt, im Vergleich zu meinem Besuch im Treibeis, der gegen sämtliche Tierhaltungsbedingungen verstoßen hätte, fühlte sich das hier aber angenehmerweise nach unendlichen Weiten an. Zwischendurch versuchten THIS MEANS WAR!, Sam auf die Bühne zu lotsen, um ihm ‘ne Riesenpulle Bier aus ihrer Heimat als Geschenk zu überreichen, doch der war nicht auffindbar, sodass das später – ich glaube, ungefähr im Zugabeteil – nachgeholt wurde. Lief alles schon mal ganz gut rein – so auch das Bier im Pub-Bereich, wo der Umtrunk mit weiteren Freunden und Bekannten, die ich zum Teil schon länger nicht mehr gesehen hatte, fortgesetzt wurde.

Einer von ihnen, der gute Jan, räumte dann bei der Verlosung auch gleich gut ab. Lose waren keine mehr zu bekommen, alle waren verkauft worden und die Erlöse werden für einen guten Zweck gespendet. Jan jedenfalls, der in jüngster Vergangenheit einige Schicksalsschläge einstecken musste, durfte sich über das goldene Ticket freuen, das ihm ein Jahr lang freien Eintritt zu allen Veranstaltungen im Monkeys gewährt! Da hat’s wirklich mal den Richtigen erwischt – herzlichen Glückwunsch!

THE HOTKNIVES hatte ich tatsächlich schon ewig nicht mehr gesehen. Ich erinnere mich immer noch gern an einen fantastischen Auftritt auf dem Wutzrock-Gratis-Open-Air, das dürfte Anfang der 2000er gewesen sein…? Wenngleich ich mit modernem Ska nicht allzu viel anfangen kann, konnten die HOTKNIVES mit Songs wie „Driving Me Mad“, „Harsh Reality“ oder „Holsten Boys“ schon immer bei mir punkten. Der Third Wave Ska der Briten klingt glücklicherweise so gar nicht nach Zirkus- und Blasmusik, sondern verfügt über diese feine melancholische Note und ein gutes Gespür für unaufdringliche, aber unwiderstehliche Melodien. Die Band tritt auch gar nicht erst in Fußballmannschaftsgröße an, sondern beschränkt sich neben der Rhythmussektion, Gitarre und Bass auf einen eher dezenten Bläser und einen Orgelspieler. Die Stimmung war ausgelassen, es wurde getanzt und die Hüften geschwungen. Sänger/Basser Marc verriet immer wieder durch ein Grinsen im Gesicht, dass ihm die Sause genauso viel Spaß machte. Die großen Hits dürften alle gespielt worden sein, meine Favoriten jedenfalls erkannte ich weitestgehend wieder. Eine würdige Combo für diese Geburtstagsfeier, die sich anschließend im Pub-Bereich bei erlesenen Getränken, Hits von DJ Bert und hochgeistiger Konversation (oder so) noch lange hinzog – und in deren Zuge Sam noch mindestens eine Runde Kurze springen ließ. Schön war’s mal wieder – danke an Sam und das Monkeys-Team für diesen Abend und auf die nächsten acht Jahre!

Jetzt im Nachhinein sehe ich übrigens, dass ich vor Urzeiten die THIS-MEANS-WAR!-10“ auf meine Einkaufsliste gesetzt hatte, was dann aber total in Vergessenheit geraten war. Hrmpf. Wenigstens weiß ich jetzt, weshalb mir der Name irgendwie bekannt vorkam…

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