Günnis Reviews

Monat: Februar 2023

18.02.2023, Gruenspan, Hamburg: NAPALM DEATH + DROPDEAD + SIBERIAN MEAT GRINDER + ESCUELA GRIND

Die „Campaign For Musical Destruction“-Tour führte dieses Bandquartett nach ein oder zwei pandemiebedingten Verschiebungen an diesem Samstag endlich auch nach Hamburg – und hätte normalerweise ohne mich stattgefunden. Da Kai Motherfucker aber verhindert war, bekam ich seine Karte geschenkt, die er zuvor von alten Hagener Kollegen zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Das ist zwar nicht so 100%ig meine Mucke, aber neugierig war ich dann schon geworden. NAPALM DEATH hatte ich zuletzt in den 2000ern auf dem Force Attack gesehen und erinnere mich an ‘nen schön wuchtigen Sound, an viel mehr aber auch nicht. Und bis aufs legendäre Debüt habe ich nix der Birminghamer im Archiv. Nach dem ersten Pülleken bei Kai eilte ich zum Gruenspan, denn Subkultur in einem Kommerzschuppen bedeutet meist peinlich pünktlicher Beginn statt chaotischem Laissez-faire, so auch heute: Bereits um 19:00 Uhr (!) begannen ESCUELA GRIND aus den USA, die bisher zwei Alben am Start haben. Hierzulande scheinen sie noch nicht sonderlich populär zu sein, denn andere Besucherinnen und Besucher hatten bereits mit dem Namen Probleme („Estrella Grind“, „Escuela Dings“) und/oder ignorierten sie durch späteres Erscheinen. Die Bude war aber ausverkauft, was dieses Phänomen relativierte, sodass die Band auf einen bereits gut gefüllten Saal von der großen Bühne hinabblicken konnte.

Grindcore ist ja so was wie Musik für Menschen, die eigentlich keine Musik mögen, die Darbietungen entsprechen eher sportlichen Leistungen denn musikalischer Virtuosität. Folgerichtig trat die sich durchgehend in Bewegung befindende Shouterin in Sport-Top- und -Panties auf und führte durch ein energiegeladenes Set aus mal mehr, mal weniger metallischem, aggressivem Grindcore mit deutlichen Hardcore-Einflüssen. Ein Song wurde im Powerviolence-Stil gezockt, ein anderer als Death Metal angekündigt. In einem zunehmend von Spaß-, Gore- und Porngrind dominierten Genre mit selbstbewusster Frontfrau aufzutreten, tatsächlich etwas zu sagen zu haben (beispielsweise zur in einer längeren Ansage bedachten LBGTQ+-Community) und seine Shows mit HC-Punk-Attitüde zu spielen, nötigt mir Respekt ab und finde ich großartig!

In der kurzen Umbaupause wurd’s dann richtig voll und mir wurde bewusst, was „ausverkauft“ im Gruenspan bedeutet: Ein heilloses Gedrängel. Wer sich zu Beginn eines Gigs von vor der Bühne aufmacht, um das Klo aufzusuchen und auf dem Rückweg ein Bier abzugreifen, läuft da fast schon Gefahr, erst zum letzten Song zurück zu sein. Die russischen, glücklicherweise offenbar noch nicht von Putins Propagandamaschinerie auf Kurs gebrachten SIBERIAN MEAT GRINDER, die sich Sänger Vlad mit MOSCOW DEATH BRIGADE teilen, liefen bisher weitestgehend unterhalb meines Radars, konnten mich live aber mit ihrem Thrash/Hardcore-Crossover überzeugen. Vlad trat (passend zum Karneval, haha…) mit Bärenmaske auf und stand die meiste Zeit am vorderen Bühnenrand, wo er mit Habi- und Gestus an einen Hip-Hop-Performer erinnerte, während der Lead-Gitarrist das akzentuierte Geschrubbe mit geilen Metal-Soli veredelte. Insbesondere der Metaller(innen)-Anteil im Mob dankte es ihnen mit Pogo, Mosh und Circle Pits, Getränke spritzten, leere Becher flogen durch die Gegend – und ich bekam, das Treiben ein, zwei Reihen hinterm Pit beobachtend, das wohlige Gefühl, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Das mittlerweile mit 4,20 EUR für 0,33 Liter zu Buche schlagende Jever begann, seine zusätzlich euphorisierende Wirkung zu entfalten und ich ärgerte mich ein wenig, mir SMG nicht schon früher einmal angesehen zu haben.

Der crustige Teil des Publikums schien insbesondere DROPDEAD entgegenzufiebern, jener bereits seit 1991 existenten Grind-/Hard-/Fast-/Whatever-Core-Combo aus Rhode Island. Ich erinnere mich, da früher, als man noch ständig auf der Suche nach neuen krassen Bands war, auch mal reingehört zu haben, ohne dass sie wirklich meinem Geschmack entsprochen hätte. Auch DROPDEAD verfolgen einen gewissen inhaltlichen Anspruch und entstammen der HC-Punk- und -DIY-Szene, was sie schon mal grundsätzlich sympathisch macht. Und ich find’s klasse, dass NAPALM DEATH eine solche Band mit auf Tour durch die ja nun nicht ganz so kleinen Läden nehmen. In dieser Live-Situation resultierte das aber in einem ziemlich gleichförmigen Geschrammel auf der Suche nach Geschwindigkeitsrekorden, wozu der Sänger ins Mikro kreischte. Wann immer so etwas wie Songstruktur erkennbar wurde, fand ich’s in seiner Radikalität ganz cool, ansonsten konnte ich mit dem Stil allerdings nicht wirklich etwas anfangen. Dafür neigte der Sänger dazu, sein Mikro am extralangen Kabel bedrohlich über die Köpfe des Publikums zu schwingen, was mir als Showeinlage im Gedächtnis blieb. Hätte sich da mal das Kabel gelöst, hätte die eine oder andere Kauleiste dran glauben können. DROPDEAD auf so’ner Bühne ist halt an sich schon ein Statement, und bei dieser Art von Musik spielt, äh, die Musik ja ohnehin eher eine untergeordnete Rolle. Ich betrank mich weiter, genoss meine Kippe vor der Tür und war neugierig, wie NAPALM DEATH anno 2023 live klingen würden.

Nach dem sehr unbehauenen „Scum“-Debüt hatten sich die Grindcore-Pioniere eine ganze Weile gen Deathgrind orientiert, womit sie nach, nun ja, Death Metal eben klangen, was ich persönlich trotz des einen oder anderen „Hits“ als nicht sonderlich aufregend empfand. Das DEAD-KENNEDYS-Cover „Nazi Punx Fuck Off“ im ND-Stil ist natürlich klasse, eine richtige Liebe zur Band entwickelte sich meinerseits aber nie – eher Respekt davor, wie sie unermüdlich ihr Ding durchzieht, ohne auszuwimpen, vor Frontmann und Texter Barneys klugen Interviews in der Musikpresse und davor, bis heute Haltung zu zeigen, ohne sich für die Musikindustrie zu verbiegen. Den Sound im Gruenspan empfand ich als überraschend wenig metallisch, als wolle man eben gerade nicht mehr zu sehr nach Deathgrind klingen. Der nicht zu altern scheinende Barney zuckte permanent hyperaktiv zappelnd über die Bühne und keifte ins Mikro, ein durchaus beeindruckender Anblick. Vor der Bühne ging’s rund, hinterm Pit konnte man sich im Gedrängel hingegen kaum noch bewegen. Der schlauchartige Saal erschwert zudem den Blick auf die Bühne. Was da von derselben bzw. aus der P.A. drückte, war für meine Ohren mal zwingender, mal beliebiger, wobei zugegebenermaßen irgendwann auch meine Aufmerksamkeit nachließ. Ich war ständig entweder in Schnacks verwickelt oder mit Bierholen und Klogängen beschäftigt, wozu NAPALM DEATH den Soundtrack lärmten. Zwischenzeitlich richtete ich’s mir rechts vor der Bühne ein, wo ich zumindest bessere Sicht hatte. Ich erinnere mich ans BAD-BRAINS-Cover „Don’t Need It”, daran, dass bischn Zeug vom Debüt gespielt wurde (u.a. das Prog-Grind-Epos „You Suffer“), hatte aber mittlerweile offenbar auch etwas an den Ohren, denn ausgerechnet „Nazi Punx Fuck Off“, schlicht als „second cover song“ angekündigt, erkannte ich gar nicht. WTF?! Wurde anscheinend Zeit für mich, dass das Konzert endete, was dann auch nicht mehr lange dauerte. Der Abend fand im Semtex seinen Ausklang, wo ich mich u.a. darüber freute, dass es nicht so drängelig voll war.

Fazit: Ist auch durch dieses Konzert nicht so ganz meine Mucke geworden, ein interessanter Abriss war’s aber allemal – und meine Prognose, dort viele großartige Menschen zu treffen, die ich zum Teil länger nicht mehr gesehen hatte, hatte sich bewahrheitet. Allein schon dafür hatte es sich gelohnt, nicht zuletzt deshalb noch mal Küsschen an Kai für die Karte!

Mad-Taschenbuch Nr. 38: Mad präsentiert Don Martins Höhenflug

Nachdem Kult-Zeichner Don Martin mit dem deutschen Mad-Taschenbuch Nr. 31 „in die Tiefe“ gegangen war, setzte er in seinem siebten Taschenbuch also zum „Höhenflug“ an – dem gewohnt selbstironischen Cover nach zu urteilen ein zum Scheitern verdammtes Unterfangen. Der US-amerikanische Copyright-Vermerk datiert diesmal eigenartigerweise bis ins Jahr 1975 zurück; in Deutschland jedenfalls kam man 1983 in den Genuss dieser 160 (leider erneut unnummerierten) Schwarzweiß-Seiten, die jeweils ein bis Panels umfassen. Textliche Unterstützung erhielt Martin wieder von Dick de Bartolo.

Dieser „Höhenflug“ umfasst 13 Geschichten unterschiedlichen Umfangs, wobei eine köstliche Persiflage auf den Horror-Klassiker „Die Fliege“ zusammen mit dem Käpt’n-Hirni-Abenteuer „Der Schlag des Gerechten“ das Herzstück des Büchleins bildet. Der Käpt’n ist Protagonist einer herrlichen Verballhornung von Kung-Fu-Klischees, während der Anthropologie-Satire „Ein Besuch bei den Gumbo-Indianern“, in der ein fiktionaler Indianerstamm als stumpfsinnige Primitivlinge dargestellt wird, aus heutiger Perspektive der etwas unangenehme Beigeschmack unbewussten Rassismus anhaftet. Nichtsdestotrotz ist auch dieser Band erneut ein Kleinod voller Martin-typischem Humor, der sich aus seinem unverkennbaren Zeichenstil, Slapstick, unvorhersehbar Absurdem und natürlich den legendären Soundwords („Zawabadorp!, „Ka-lomp“, „Spidoing“ …) zusammensetzt, während die Geschichten inhaltlich am stärksten sind, wenn sie ins Parodistische tendieren.

03.02.2023, Monkeys Music Club, Hamburg: 4 PROMILLE + TATSAXE

„Hier kommt die alte Schule!“

4 PROMILLE mal wieder in Hamburg, zudem in einem der schönsten Clubs der Stadt – und ich hatte auch noch Zeit! „Support to be announced“ hieß es im Netz, eigenartigerweise auch noch zwei Tage vorher… Just fragte man uns, ob wir den Slot nicht mit DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS ausfüllen könnten. Das wäre musikalisch zwar ‘ne eher ungewöhnliche Zusammenstellung geworden, aber, hey: Warum nicht? Kurz nachdem sich einen Tag später der Letzte von uns für den Gig freigeschaufelt hatte, war allerdings schon eine andere Combo gefunden worden: TATSAXE, eine noch junge Hamburger Band um einen Kerl namens Mark, der mir in präpandemischen Zeiten dadurch aufgefallen war, dass er mit seiner Akustikklampfe gerne mal vor Veranstaltungen im Gängeviertel herumsaß. Von der Band hatte ich vorher noch nie etwas gehört, offenbar war eine Zeitlang sogar ex-TOBSUCHT-Micha dabei. Ich war gespannt.

Gegen 21:00 Uhr traf ich ein und ließ mir erst mal ein köstliches Monkeys Red zapfen, ungefähr ‘ne Viertelstunde später legten TATSAXE in Quartettgröße los: Mark spielt Gitarre und singt, Bass und Schlagzeug gibbet natürlich auch, und, sieh mal einer an: An der zweiten Klampfe der ehemalige Sänger der klasse Wedeler AC/DC-Coverband OVERDOSE! Ihren Stil bezeichnen TATSAXE als Oi!-Punk, für meine Ohren ist der Sound aber anders, irgendwie… spezieller. Mark hat ‘ne gute, raue Stimme und geht mit ihr ab und zu auch mal in die Höhen, was dann schön punkig-dreckig klingt. Man spielte Lieder über den „Irokesen-Weihnachtsmann“, die Bulettenbräter Hesburger, die Sonne Orions, den Elbstrand und sich selbst; noch mitunter etwas holprige Ansagen Marks führten durchs Set (so was wie „Nichts gegen McDonald’s oder Burger King“ sollte man vielleicht noch mal überdenken…). Die auf Spaß gebürsteten Songs wirkten inhaltlich eher infantil und erinnerten mich an grausige Nix-Gut-Records-Zeiten; aber wenn mich nicht alles täuscht, fand sich auch der ein oder andere ernstere, persönlichere Song, der ihnen meines Erachtens besser zu Gesicht stand. Vor allem musikalisch aber war’s ‘ne abgefahrene Mischung, denn während die Rhythmussektion inkl. Marks Rhythmusgeklampfe irgendwo zwischen rudimentär und rustikal und dabei nicht immer ganz harmonisch zu Werke ging, war insbesondere der ehemalige OVERDOSE-Sänger mitunter schwer hardrockig (und sehr filigran) am Solieren, und wenn der Frontmann zu Leadgitarrenklängen ansetzte, klang das für meine stumpfen Ohren ebenfalls erstaunlich versiert. (Zwischenzeitlich legte er die Klampfe aber auch mal beiseite.) Mit diesen Sound-Elementen hat man zumindest etwas Eigenes, worauf sich aufbauen ließe. Nach diesem ersten Live-Eindruck würde ich sagen, da trafen ‘90er-D-(Fun-)Punk mit Trash- und Asi-Kante auf etwas Oi!-Prolligkeit mit Hang zum Mitgrölrefrain sowie ‘ne ordentliche Hardrock-Schlagseite, wie man sie vielleicht aus dem Streetrock-Bereich kennt. Ab dem dritten Song jedenfalls wurde von einer kleinen Gruppe gepogt, wenn auch mit zwischenzeitlichen Pausen, während der Rest inklusive des Verfassers dieser Zeilen im ordentlich gefüllten Saal irgendwie fasziniert zuschaute und versuchte, sich einen Reim auf die Band zu machen – und Szenenapplaus lieferte. Ich werde die mal im Auge behalten. 😀

Dass ich die Düsseldorfer zuletzt live gesehen hatte, war doch tatsächlich schon wieder neun (!) Jahre her, seinerzeit auf dem Hafengeburtstag… Da war Bandgründer Grüner schon raus, mittlerweile haben sie auch einen anderen Drummer und Sängerin Melly hat leider auch die Segel gestrichen. Letzteres ist besonders schade, brachte sie doch mit den von ihr gesungenen Songs stets eine ganz andere Klangfarbe mit ein und hatte sie nicht zuletzt auch immer eine tolle Bühnenpräsenz. 4 PROMILLE traten ebenfalls mit zwei Gitarren an und spielten ein Headliner-Set in entsprechender Länge, wobei ungefähr die erste Hälfte lang jüngere, oft ruhigere Songs dominierten, mit denen ich nicht so vertraut bin, man anschließend aber einen Klassiker nach dem anderen raushaute. Sänger/Gitarrist Tommes (der mittlerweile immer mehr Ähnlichkeit mit Mike Ness aufweist) führte entspannt und souverän durch den Abend, die Band hatte sichtlich Bock und war äußerst spielfreudig. Vor der Bühne war von Beginn an was los und je älter die Stücke, desto ausgelassener und größer wurde der Pogomob. Zu Trinkliedern, selbstironischen Hymnen und Gassenhauern mit mal mehr, mal weniger Szenebezug gesellte sich nachdenkliches bis melancholisches Material – insgesamt eine gut zusammengestellte Mischung bei sehr gutem Sound, zu dem das Bierchen gut die Kehle herunterlief, bis auch ich mich dann und wann auf die Tanzfläche begab. Die ältesten Stücke waren „Lokalverbot“ und „Die Jungs von nebenan“, die in all den Jahren nurmehr an Charme gewonnen haben, am allermeisten los dürfte bei „Für ‘ne Handvoll Schnaps“ und – natürlich – „Ich werd‘ mich ändern“ gewesen sein, die nun wirklich alle mitsangen. Eine Pause vor den Zugaben sparte man sich („Wozu Zeit verschwenden?“), wies stattdessen lediglich darauf hin, dass diese nun folgen. Eine äußerst gelungene Working-Class-Punk’n’Beer’n’Roll-Party, in deren Zuge mir noch mal bewusst wurde, wie viele Hits 4 PROMILLE im Köcher haben, die tatsächlich für ein abendfüllendes Set auch ohne die vornehmlich englischsprachigen von Melly gesungenen Stücke reichen. Für den alten 4-PROMILLE-Spirit fehlen ihre Stimme und ihr Auftreten in jedem Falle, doch in dieser Form darf die Band von mir aus gern noch lange weitermachen. Und ich nehme mir an dieser Stelle mal vor, mich a) etwas intensiver mit den letzten Platten zu beschäftigen und b) nicht wieder so viele Jahre bis zum nächsten Wiedersehen verstreichen zu lassen…

P.S.: Danke ans Monkeys für den Gästelistenplatz!

Frank Schäfer – Der kleine Provinzberater oder Vom schönen Leben auf dem Lande

„Klein“ trifft’s hier sehr gut, denn mit 15,5 x 9,5 cm ist das hier wirklich ein Büchlein, allerdings gebunden, im Hardcover und mit Schutzumschlag sowie eingewebtem Lesezeichen – eine geradezu verschwenderische Aufmachung, die der Berliner Schwarzkopf-&-Schwarzkopf-Verlag diesem im Jahre 2012 veröffentlichten „Ratgeber“ spendierte. Auf rund 200 Seiten setzt sich der Braunschweiger Autor Frank Schäfer, vornehmlich bekannt für seine Essays und Bücher über Musik und Literatur, 50 in acht Themengebiete unterteilte Kapitel lang mit der Provinz auseinander, aus der er schließlich auch selbst stammt: Schäfer wurde im niedersächsischen Gifhorn sozialisiert. Jana Moskito ergänzte einige hübsche Schwarzweiß-Illustrationen.

In anekdotischer Form schildert Schäfer provinzielle Befindlichkeiten, sonderbare Kuriositäten, mal mehr, mal weniger skurrile Beobachtungen, persönliche Erlebnisse, häufig pointiert humorig, manchmal nachdenklich, mal liebevoll, mal angriffslustig, dann wieder selbstironisch. Manch Provinzler(in) schaute er aufs Maul und lässt das Transkribierte dann auch gern ohne weitere Zuspitzung im Raum stehen. Immer mal wieder schimmert eine Art Hassliebe zur Provinz durch, ohne die ein solches Buch vermutlich nicht möglich wäre.

Wenn er auf S. 104 Al Bundy eine verhinderte Baseball-Karriere andichtet, hätte ich ihm ein aufmerksameres Lektorat gewünscht (Football wär’s gewesen); interessante, kritische Worte zur popkulturellen Kunstfigur Tarzan entschädigen aber rasch für diesen Fauxpas. Mit Filmemacher Wenzel Storch war Schäfer im Gespräch, später geht’s plötzlich um Henry David Thoreau – über den er respektive der Suhrkamp-Verlag 2017 eine Biographie veröffentlichen sollte. Nicht erst, wenn es ohne erkennbare Bezugnahme auf S. 184 „wie ich weiter oben schon erzählt habe…“ heißt, ahnt man: Die Provinz dient hier eher als lose Klammer, manches könnte genauso gut in einer der der popkulturellen oder sich mit Literaturschaffenden auseinandersetzenden Essay-Sammlungen Schäfers stehen (und tut es vielleicht auch) oder war anderweitig bereits erstveröffentlicht worden. Nicht, dass mich das stören würde.

Das sehr persönlich geprägte Kapitel „Der älteste Sohn“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie viel Schäfer auch von tragisch-schöner Prosa versteht. Ebenso melancholisch fährt er im Abschnitt „Kind & Kegel“ mit einer weiteren Kindheitserinnerungen fort. Dennoch zieht sich mal subtiler, mal offensichtlicher Humor durch einen großen Teil des Buchs, das Abgesang und Liebeserklärung zugleich ist.

27.01.2023, Apollo, Elmshorn: S.D.I. + SCYTHE BEAST + DEHUMANISER

Die Heavy/Speed/Thrash-Metaller S.D.I. aus Osnabrück sind seit einiger Zeit wieder aktiv, nach wie vor in Triogröße, wobei die Klampfe seit der Reunion der junge Chris Friedl übernimmt. Das Comeback-Album „80s Metal Band“ hat mich zwar nicht vom Hocker gehauen, aber die Band hat ihre Hits und das irgendwie herrlich gegen den Strich gebürstete Debüt „Satans Defloration Incorporated“ aus dem Jahre 1986 genießt in Underground-Kreisen so etwas wie einen kleinen Kultstatus. Darauf, S.D.I. auch mal live zu sehen, hatte ich entsprechend Bock, zumal die Anreise nach Elmshorn von Hamburg aus kein Problem darstellt und das Apollo sich als feine Location entpuppte: ein umgebautes ehemaliges Kino in unmittelbarer Bahnhofsnähe. An der Abendkasse (15,- EUR) bekam man sogar noch ein echtes Papierticket ausgehändigt, das eingerissen wurde – oldschool!

Ziemlich pünktlich um 20:00 Uhr eröffneten DEHUMANISER den Abend, ein junges Hamburger Quartett, das bisher ein Album in Eigenregie veröffentlicht hat. Der große Saal ist mit einer guten Anlage ausgestattet, die ordentlich Wumms hat. Zwar hätte locker die vierfache Anzahl an Besucherinnen und Besuchern reingepasst, was der guten Stimmung indes keinen Abbruch hat. DEHUMANISER zockten einen Sound, den ich irgendwo zwischen NWOBHM und Thrash verorten würde. Den Gesang teilten sich der Rhythmusgitarrist und der Bassist, die ersten Nummern liefen gut rein. Im weiteren Verlauf klang man zunehmend schaumgebremst, haute als vorletzten Song aber einen waschechten Thrasher mit Schmackes raus, gefolgt von einem schön dreckigen, an MOTÖRHEAD erinnernden Stück, womit man das Publikum wieder erreichte und sich seinen verdienten Applaus abholte.

Die ursprünglich anscheinend als reines Studioprojekt gestarteten Niedersachen SCYTHE BEAST haben bereits zwei Alben draußen und spielten in Quintettgröße mit zwei Klampfen und neuem, auch bei CIRCUIT BREACH und FRANTIC DISRUPTION aktiven Sänger/Growler Gregor. Den Sound würde ich als Melodic Death älterer Schule bezeichnen (also eher mal ‘ne Thrash-Schlagseite denn IN-FLAMES-artiger Mallcore), und der konnte sich hören lassen. Stimmige Songs unter anderem über Panzer und Aluhut-Schwurbler und ein gut aufgelegter, gern mit dem Publikum kommunizierender Sänger sorgten (nach einigen Animationsversuchen) für Bewegung vor der Bühne und ließen die Bierchen munden. Hat mir gefallen und würde ich mir auch wieder angucken (sofern man sie im Billing nicht mit x gleichförmigen, monotonen Death-Metal-Bands kombiniert).

Nach einer erneut recht kurzen Umbaupause eröffneten S.D.I. ihr Set mit „80s Metal Band“, um im weiteren Verlauf insgesamt 20 Songs zu spielen, bei denen, wenn mich nicht alles täuscht, der Fokus auf den ersten beiden Alben lag. Insbesondere die flotteren Stücke stießen auf viel Gegenliebe, wobei ich mich aber auch sehr über das getragene „You’re Wrong“ gefreut habe. „Panic in Wehrmacht“ habe ihnen seinerzeit einigen Ärger eingehandelt, ließ Frontmann Reinhard Kruse wissen, der kurioserweise jede seiner Ansagen mit „So, meine lieben Freunde…“ begann.  Das Akustik-Intro „Coming Again“ zu ihrem vielleicht größten Hit, dem antifaschistischen Ohrwurm „Sign of the Wicked“, intonierte Kruse stilecht auf einer Akustikklampfe. Zwischen den Songs wurde immer mal wieder der alte Schlachtruf reanimiert, sprich: Kruse brüllte „S.D.I.!“ von der Bühne, was zig Kehlen mit „Megamosh!“ beantworteten – bis dieser Song dann tatsächlich irgendwann auch gespielt wurde. Während des ersten Set-Drittels flog spaßigerweise ein Papierfliege durchs Publikum, auch mal auf die Bühne, und immer wieder zurück, bis er irgendwann vermutlich zu zertrampelt war. Die Stimmung war ausgelassen, die Band fit, der Sound gut – das war ‘ne sehr runde Sache, bei der ich ‘ne Menge Spaß hatte: Ein unprätentiöses Metal-Konzert vor Kennerpublikum, das ‘ne ordentliche Schneise in die Bar gesoffen hat. Vor gar nicht allzu langer Zeit hätte ich nie gedacht, S.D.I. überhaupt mal live zu Gesicht zu bekommen, was dieses Konzert besonders reizvoll für mich gemacht hatte. Schade nur, dass mit „The Deal“ eines meiner Lieblingsstücke nicht gespielt wurde. Aber man kann halt nicht alles haben.

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