Den französischen Holocaust-Überlenden und Comiczeichner Marcel Gotlieb alias Gotlib lernte ich im gerade noch präpubertären Alter kennen, als ich „Hamster Fidel und seine Wölfchen“ in der Carlsen-Pocket-Taschenbuchausgabe als preisreduziertes Mängelexemplar für 1,99 DM mitnahm und mich über den sexuell aufgeladenen Inhalt ebenso wunderte wie beömmelte. Raymond Martins Volksverlag hatte Gotlibs Werke unter anderem in seinen „U-Comix“ publiziert und lizenzierte diesen 100-seitigen, vollfarbigen Sammelband in Albumform im Jahre 1982. „Gotlib“ bildete den Auftakt einer drei Alben umfassenden Reihe. Das Comic-Enfant-Terrible Gotlib war ein humoristisch-satirischer Zeichner, der mittels Blasphemie und Sex provozierte und mit einem stark karikierenden Strich arbeitete, der die Gesetze der Anatomie regemäßig außer Kraft setzte.
Den in diesem Band versammelten Comics – mitunter eher dadaistische Ein- und Zweiseiter, aber auch längere Geschichten – ist ein sich über zwei Seiten erstreckendes, ausführliches Porträt Gotlibs aus der Feder Horst Schröders vorangestellt. Los geht’s mit dem Weihnachtsmann beim Geschenkeverteilen, der an den Menschen verzweifelt – sowohl an den Erwachsenen als auch den Kindern. Im Anschluss schmeißen sich, heillos übertrieben gezeichnet, Witzeerzähler einer TV-Sendung immer mehr weg, je schlechter die Witze werden. Diese wurden über die Übersetzung hinaus eingedeutscht, eine der Figuren spricht sogar mit Berliner Dialekt. Durandal ist dann eine Persiflage auf Fantasy-Abenteuer à la „Excalibur“. Gotlib versah diese mit ein paar Anachronismen (und der Verlag vergaß, einen französischen Randtext zu übersetzen), Groucho Marx taucht plötzlich auf und Sinn ergibt das alles keinen.
Hans Junghans wird seine Hilfsbereitschaft nicht gedankt; Barbaralice ist eine sexploitative und etwas arg dialoglastige Persiflage gleichsam auf Alice im Wunderkind und Barbarella inkl. Titten, Schwänzen und Ejakulationen, über die sich Lewis Caroll dann auch persönlich beschwert; und ein grüner Bruce-Lee-Verschnitt macht den dicken und chauvinistischen französischen Superhelden Superdupont nach allen Regeln der Kampfkunst fertig, wobei die Pointe mit Referenzierungen kulinarischer Befindlichkeiten arbeitet. Es folgt ein grandioser Meta-Comic, in dem der Protagonist – wohl Gotlib selbst – mit den Leserinnen und Lesern konfrontiert wird. Dann verliert der heilige Augustus bei einem Fußball-Kick zweier kleiner Engel seinen Kopf, was unter blasphemischem Slapstick einsortiert werden kann, ebenso die Verballhornung des Abendmahls Jesus‘. Ein fiktionaler expressionistischer Stummfilm Fritz Langs findet sich ebenso wie eine ungewöhnlich schöne Geschichte, in der Gotlib einen Fernsehauftritt hat, verfolgt von seiner stolzen Mutter und ihren Rentnerfreunden. Am Schluss trifft ein Bruchpilot in der Sahara auf einen kleinen Prinzen mit Sprachfehler – eine Geschichte über die Tücken misslingender Kommunikation mit eher schwacher Pointe, aber gewohntem Irrwitz.
Gotlib bewegt sich stets zwischen pubertär und provokant, macht nach jedem Gag neugierig auf den nächsten und vor niemandem Halt; hat es auf die ganze Gesellschaft abgesehen, ohne agitatorisch oder belehrend zu wirken – im Gegenteil. Er lebt sich entfesselt anarchisch in seinen Comics aus, die in dieser Lizenzausgabe um ein paar Anspielungen auf den deutschen Verleger Raymond Martin – dem man danken muss, diesen und anderen sich an eine jugendliche und erwachsene Leserschaft richtenden Stoff nach Deutschland geholt zu haben –, aber auch ein paar Rechtschreibfehler ergänzt wurden.
